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Donnerstag, 22. August 2019

Festive Masses for Lambach Abbey (Accent)

Die Benediktinerabtei Lambach, im Herzen von Oberösterreich, hat nicht nur eine prächtige Kirche mit kulturhistorisch wertvollen Fresken. Sie hat auch ein höchst interessantes Archiv, mit einer reichen Notenkollektion. Dort wurde Gunar Letzbor, mit seinem Ensemble Ars Antiqua Austria immer wieder auf der Suche nach bislang unentdeckten Werken, im Zuge seiner Auseinandersetzung mit dem Schaffen P. Romanus Weichleins noch auf zwei weitere Komponisten aufmerksam: Benjamin Ludwig Ramhaufski (um 1631 bis 1694) und Joseph Balthasar Hochreither (1669 bis 1731). Sie lebten und musizierten ebenfalls im Kloster Lambach. 
Hochreiter entstammte wohl einer Musikerdynastie. Seine Vorfahren sollen als Sänger am Salzburger Dom gewirkt haben. Der Junge war Chorsänger am Salzburger Kapellhaus, das zu dieser Zeit von keinem geringeren als Heinrich Ignaz Franz von Biber geleitet wurde. Er besuchte das Gymnasium und studierte an der Universität Salzburg, wo er 1688 das Magister-Examen ablegte. 
Im Stift Lambach wirkte er als Organist und Chorpräfekt; allerdings war er mit den Bedingungen dort nicht wirklich zufrieden, so dass er sich schließlich eine neue Anstellung suchte: 1721 wurde er Domstiftsorganist in Salzburg. Im Kloster Lambach sind viele seiner Werke überliefert; für diese Einspielung wurde die Missa ad multos annos ausgewählt, die Hochreither 1705 zur Weihe des Abtes Maximilian Pagel geschrieben hat. 
Benjamin Ludwig Ramhaufski war Hochreithers Amtsvorgänger im Stift Lambach. Der Organist und Komponist stammte aus Prag. Er begann seine Ausbildung als Kapellknabe beim Fürsten Martenitz in Passau, und kam 1648 in das Kloster, wo ihn Abt Placidus Hieber 1653 als Organisten beschäftigte. Das ist durchaus spannend, denn die Stiftsorgel wurde 1653 bis 1657 von dem Straubinger Christoph Egedacher erbaut. Es könnte also gut möglich sein, dass Ramhaufski die Konzeption dafür mit entwickelt hat. 
Auch sonst muss er einen exzellenten Ruf genossen haben, denn die Benediktineruniversität Salzburg gab mehrfach Musiktheaterstücke bei ihm in Auftrag. Leider sind keine dieser Kompositionen mehr aufzufinden. Entdeckt wurde aber eine Missa á 23 aus dem Jahre 1670 im Stift Kremsmünster, dem dortigen Abt gewidmet. 
Die beiden Werke sind musikalisch gehaltvoll. „Wie war es möglich, dass in Stiften zur Zeit schrecklicher Kriege und Seuchen mitten im Oberösterreicher Bauernland solche komplexen und anspruchsvollen Partituren zum Klingen gebracht werden konnten?“, staunt Gunar Letzbor. Mit seinem Ensemble Ars Antiqua Austria, den Vokalsolisten Radu Marian, Sopran, Markus Forster, Alt, Thomas Künne und Bernd Fröhlich, Tenor, sowie Gerd Kenda und Ullrich Staber, Bass, und St. Florianer Sängerknaben zeigt er, welche Klangpracht damals zu festlichen Anlässen aufgeboten wurde. 
Die beiden heute nahezu unbekannten Barockkomponisten begeistern mit einer Vielzahl von Klangeffekten. So sorgt in der Missa ad multos annos ein Trompetenchor für den strahlenden Glanz der göttlichen Herrlichkeit; ihm antworten fünfstimmig die Sängerstimmen, wobei die stark besetzten Soprane den Trompeten an Strahlkraft kaum nachstehen. Es ist immer wieder erstaunlich, wie souverän die St. Florianer Sängerknaben agieren, und es ist eine große Leistung des Chorleiters Franz Farnberger, der immer wieder exzellente Stimmen ausbildet. Gemeinsam mit den erwachsenen Kollegen und den brillanten Musikern um Letzbor gestalten die Jungs auf dieser CD ein überwältigendes barockes Klangspektakel. Sehr beeindruckend! 

Mittwoch, 25. April 2018

Weichlein: Messen (Accent)

Wieder einmal präsentiert Gunar Letzbor Werke eines wenig bekann- ten österreichischen Komponisten: P. Romanus Weichlein (1652 bis 1706) war Benediktiner und gehörte dem Stift Lambach an. Er entstammte einer Linzer Musikerdynastie. Andreas Franz Weichlein, so sein Taufname, erhielt ersten Unterricht im Geigenspiel sowie am Clavier wahrscheinlich von seinem Vater, einem Organisten, sowie dem Lam- bacher Stiftsorganisten Benjamin Ludwig Ramhaufski. 1671 trat er als Novize in das Kloster ein. Er studierte Theologie und Philosophie in Salzburg, wo er möglicherweise auch Musikunterricht bei Heinrich Ignaz Franz Biber nahm. 
Nach seiner Priesterweihe 1678 war er als Gemeindepfarrer eingesetzt. 1687 wurde er Kaplan und Musikpräfekt im Salzburger Benediktinerin- nenstift Nonnberg; auf Bitten der Äbtissin wurde er 1691 in die neu gegründete Expositur Säben im Südtirol entsandt, wo er bis Januar 1705 tätig war. Dann kehrte er in sein Heimatkloster zurück. Doch schon nach einigen Wochen schickte man ihn wieder in den Pfarrdienst – nach Kleinfrauenhaid im Burgenland. Dort starb er 1706. 
Viel mehr ist über den Lebensweg von Pater Weichlein nicht bekannt. Letzbor wurde bei Recherchen auf den Komponisten aufmerksam, der nicht nur Kirchenmusik, sondern auch Werke für die Violine geschrieben hat. Für diese Einspielung allerdings stand der Geiger am Dirigentenpult; mit seinem Ensemble Ars Antiqua Austria und den St. Florianer Sängerknaben stellt er auf dieser Doppel-CD vor allem Messen von Romanus Weichlein vor. 
Letzbor will damit nicht nur auf ein Repertoire hinweisen, das seit dem Tode des Komponisten kaum noch aufgeführt worden sein dürfte. Er forscht zudem beständig nach, um herauszufinden, wie diese Musik einstmals geklungen haben könnte. Seine wichtigste Erkenntnis, die auch diese Aufnahme entscheidend geprägt hat: „Es verwundert mich seit langer Zeit, dass gerade berühmte Musiker aus der Alten Musik-Szene auf die Stimmen von Chorknaben bei der Aufführung kirchenmusika- lischer Werke vor Beethoven verzichten“, notierte der Musiker im Beiheft. 
Noch im 19. Jahrhundert habe es in Österreich erhebliche Widerstände gegen den Einsatz von Sängerinnen in der Kirchenmusik gegeben. Und auch wenn es verlockend erscheint – aber selbst größere Gruppen von Chorsängern lassen sich nicht einsetzen, wenn man den ursprünglichen Klang rekonstruieren möchte. 
Denn selbst an bedeutenden Kirchen standen nur kleine Besetzungen zur Verfügung: „Am Passauer Dom sangen beispielsweise lange Zeit nicht mehr als vier Knabensoprane Figuralmusik und noch weniger Knaben- altisten“, hat Letzbor festgestellt. „In kleineren Kirchenmusiken waren zwei bis drei Knaben eingestellt. In der vorliegenden Aufnahme haben wir die Sängerbesetzung also nochmals reduziert. Manche Knaben sangen nur bei Fortestellen im Tutti.“ 
Die St. Florianer Sängerknaben freilich bewältigen ihre Partien mühelos – der Chor beeindruckt seit Jahren, und selbst die jüngsten Mitwirkenden sind bereits hervorragend ausgebildet. Immer wieder fällt auf, wie viele schöne und gut geschulte Solostimmen aus dem Ensemble, das von Franz Farnberger geleitet wird, jederzeit hervortreten können. Ergänzt werden die jungen Sänger bei dieser Aufnahme durch Männerstimmen aus dem Kepler Konsort Linz bzw. dem Wiener Vokalensemble Nova. 
Bei der Missa Rectorum Cordium, sechsstimmig sowie mit Pauken, Trompeten und Posaunen, hat sich Letzbor allerdings nicht allein auf die Knabenstimmen verlassen. Auf CD 1 sind bei den Solopartien neben dem St. Florianer Sängerknaben Martin Wild der Sopranist Radu Marian und Alto Markus Forster zu hören. Insgesamt ist festzustellen, dass diese Auf- nahme Weichleins Werke gekonnt und in all ihrer Klangpracht vorstellt. Rundum erfreulich! 

Donnerstag, 15. März 2018

Leonard Bernstein - Marin Alsop: The Complete Naxos Recordings (Naxos)

Naxos ehrt Leonard Bernstein (1918 bis 1990). Das Label hat sich für den hundertsten Geburtstag des Komponisten und Dirigenten ein ganz besonderes Geschenk einfallen lassen: Es fasst die Bernstein-Einspielungen von Marin Alsop in einem Schuber zusammen. 
Die Dirigentin, Jahrgang 1956, ist Bernstein ganz besonders verbunden. Diese enge Beziehung begann bereits in ihrer Kindheit, berichtet Alsop: „Seeing him conduct when I was only nine years old at a New York Philharmonic Young People's Concert convinced me that conducting was the only thing in the world that I want to do. That alone would have been enough of a gift; but then at the age of 31, he took me under his wing and imparted to me the heart and soul of the craft.“ 
Bernstein trug dazu bei, dass sich Marin Alsop als Dirigentin etablieren konnte. Das war seinerzeit ein Tabubruch. Man kann es sich heute kaum noch vorstellen, aber das Dirigentenpult war eine Männerbastion. Marin Alsop war die erste Frau überhaupt, die zur Chefdirigentin eines Klangkörpers von Weltrang berufen wurde. Sie war auch die erste Frau, die die Last Night of the Proms dirigierte. 
Zur Musik ihres Mentors Leonard Bernstein hat Marin Alsop eine beson- ders enge Beziehung. So hat sie mit dem Baltimore Symphony Orchestra sämtliche Sinfonien des Komponisten eingespielt. Die Aufnahmen sind in dieser fabelhaften Box ebenso zu finden, wie Bernsteins ziemlich unkonventionelle Messen. Zu hören sind, neben bekannten Hits wie dem Mambo aus West Side Story oder der Ouverture zu Candide, auch etliche Raritäten, teilweise sogar in Weltersteinspielungen. Als Zugabe enthält die Box die preisgekrönte DVD-Dokumentation „Leonard Bernstein – Larger than Life“ von Georg Wübbolt. 

Mittwoch, 13. März 2013

Rogier: Music from the Missae Sex (Linn)

Philippe Rogier (1561 bis 1596) war ein franko-flämischer Kom- ponist. Er begann seine Ausbildung wahrscheinlich an der Kathedrale von Arras, und kam 1575 in einer Gruppe von Sopranisten nach Madrid, um am spanischen Königshof zu singen. 1588 wurde er durch König Philipp II. zum maestro di capilla ernannt. 
Der 1649 in Lissabon erstellte Katalog der königlichen Musik- bibliothek verzeichnete 243 Werke Rogiers; die meisten davon gingen allerdings bei einem Palastbrand sowie beim großen Erdbeben 1755 verloren. Heute sind noch 18 Motetten, sieben Messen sowie einige wenige andere Werke überliefert. 
Die Sänger des Ensembles Magnificat sind bereits seit einiger Zeit dabei, das Werk Philippe Rogiers zu erkunden. So sind bei Linn Records mittlerweile Aufnahmen der Missa Ego sum qui sum sowie der Missa Domine Dominus noster erschienen. Die vorliegende dritte CD enthält nun die Missa Inclita stirps Jesse sowie die Missa Philippus Secundus Rex Hispaniae, beide in Weltersteinspielung. Sie werden ergänzt durch eine Motette von Jacobus Clemens "non Papa", die das musikalische Material der ersten der beiden Parodiemessen vorstellt, sowie durch Orgelmusik von Antonio de Cabezón. 
Die Aufnahme zeigt, mit welcher Klangpracht der spanische Hof den Gottesdienst feierte. Mit dem Ensemble Magnificat, das durch seinen Gründer Philip Cave dirigiert wird, musizieren His Majestys Sagbutts and Cornetts zur Seite - allein dies genügt als Hinweis auf die Qualität der CD. Den Orgelpart spielt Alastair Ross, die Harfe Joy Smith, und den Dulcian Keith McGowan. 


Mittwoch, 10. Oktober 2012

Isaac: Ich muss dich lassen (Ricercar)

Über Kindheit und Jugend von Heinrich Isaac wissen wir nur, dass er sie in Flandern verbracht hat. Selbst sein Geburtsjahr ist uns unbekannt. Die erste Spur, die er hinterlassen hat, stammt aus dem Jahre 1484. Sie belegt eine Zahlung an "Haynrichen ysaac Componist", geleistet in Innsbruck am Hofe Sigismunds von Österreich. 
Wenig später scheint der Musiker in Florenz eingetroffen zu sein, wo er als Sänger am Dom wirkte. Als der Chor 1493 auf Betreiben Savonarolas aufgelöst wurde, nahm Piero de'Medici den Komponisten in seine Dienste. 
Doch als die Medici 1494 aus Florenz vertrieben wurden, verlor Isaac seinen Mäzen. Er wandte sich nach Pisa, wo der König und spätere Kaiser Maximilian I. auf ihn aufmerksam wurde. 1497 ernannte er Isaac zu seinem Hofkomponisten. Damit war er übrigens der erste Musiker, von dem belegt ist, dass er ausschließlich zum Komponieren engagiert wurde. Maximilian versprach sich davon faszinierende, einzigartige Klänge, um Glanz und Ruhm des Wiener Hofes zu mehren. Offenbar war er mit dem Schaffen Isaacs zufrieden, denn der Kaiser behielt den Komponisten bis ans Ende seiner Tage im Dienst.
Und obendrein kehrten die Medici wieder nach Florenz zurück, wo Isaac noch immer einen Großteil seiner Zeit verbrachte, so er nicht den Kaiser auf Reisen begleiten musste; Giovanni de'Medici wurde 1513 als Leo X. Papst. Ihr früherer Hauskomponist gratulierte mit einer Motette. Die Medici verstanden - und setzten Isaac eine Pension aus.
Im Herbst 1516 erkrankte der Musiker; am 26. März 1517 starb er. Wie groß seine Bedeutung war, das lässt sich daran ermessen, dass trotz der langen Zeitspanne bis zum heutigen Tage eine Vielzahl seiner Werke überliefert ist. Das deutet darauf hin, dass sie sehr oft abgeschrieben wurden. Und auch Isaacs Schüler, allen voran Ludwig Senfl, pflegten sein Werk mit einer Hingabe, die uns verrät, wie sehr sie ihren Lehrer verehrt haben müssen. 
Die vorliegende CD gibt uns Einblick in das Schaffen des Komponisten. Dirk Snellings hat seine Werke und auch einige seiner Zeitgenossen den Lebensstationen Flandern - Florenz - Wien, Innsbruck, Augsburg zugeordnet. Unter seiner Leitung musizieren die Capilla Flamenca und das Bläserensemble Oltremontano. Die Sänger und Instrumenta- listen erfreuen mit Sachverstand und brillantem Vortrag. So lassen sie die enorme Klangpracht, mit der sich große und kleine Herrscher seinerzeit umgeben haben, erahnen. Grandios! 

Dienstag, 6. Dezember 2011

Schubert: Late Masses; Sawallisch (Newton)

Wolfgang Sawallisch gilt als musi- kalischer Bürokrat. Wer diese Aufnahmen aus dem Jahre 1971 angehört hat, der wird allerdings diesen Ruf nicht bestätigen. Newton Classics legt hier die Messen Nr. 5 in As-Dur D678 und Nr. 6 in Es-Dur D950 von Franz Schubert wieder vor, die seinerzeit für Universal Music aufgenommen worden sind. Das lohnt sich durchaus, denn die 40 Jahre alte Einspielung hat noch immer ihre Reize. 
Das mag nicht zuletzt an dem erstklassigen Ensemble liegen - Solisten wie die Sopranistin Helen Donath, Ingeborg Springer, Mezzosopran, Peter Schreier bzw. Hans-Joachim Rotzsch, Tenor und Theo Adam, Bass hört man immer wieder gern. Auch der Rundfunkchor Leipzig und die Staatskapelle Dresden sowie Christoph Albrecht an der Orgel sind immer wieder hörenswert. Sawallisch zeigt an Schuberts Messen weniger die mystischen Bezüge auf als vielmehr das Ringen des Kom- ponisten um Form und Ausdruck, was ja zu vielen ungewöhnlichen musikalischen Lösungen geführt hat. Das macht Schuberts späte Messen zu Solitären, aber auch immer wieder zu einer Herausforde- rung für alle Beteiligten. Diese Aufnahmen aus den 70er Jahren werden dem erstaunlich gut gerecht. 

Montag, 25. April 2011

Schubert: Mass No. 5, Magnificat (Naxos)

Franz Schubert (1797 bis 1828) hatte zeitlebens eine enge Bezie- hung zur Kirchenmusik. Mit acht Jahren sang er bereits als Chor- knabe an der Pfarrkirche von Lichtental bei Wien; 1808 verhalf ihm eine Empfehlung von Antonio Salieri zu einer Stelle im Chor der Hofkapelle, verbunden mit der Aufnahme ins Akademische Gym- nasium und einem Platz im Stadt- konvikt. 
Seine erste Messe F-Dur D. 105 komponierte Schubert 1814; sie wurde zur Einhundertjahrfeier der Lichtentaler Pfarrkirche urauf- geführt. Das letzte seiner zahlreichen geistlichen Werke schuf Schubert 1828 wenige Wochen vor seinem Tode. 
Das Immortal Bach Ensemble, hervorgegangen aus dem Gewandhaus-Kammerchor Leipzig, spielt Schuberts Messen derzeit für das Label Naxos ein - gemeinsam mit dem Leipziger Kammerorchester und unter Leitung von Morten Schuldt-Jensen, von 1999 bis 1006 Chor- direktor am Leipziger Gewandhaus, seitdem Professor für Chor- und Orchesterdirigieren an der Hochschule für Musik Freiburg/Br. 
An diesem Projekt wirken etliche Solisten mit, so die exzellente Sopranistin Trine Wilsberg Lund, die Altistin Bettina Ranch und der südkoreanische Tenor Min Woo Lim. Das Immortal Bach Ensemble ist hier in großer Besetzung zu erleben; in dem Chor, der mittlerweile in Bonn ansässig ist, singen Profis in wechselnden Formationen - in diesem Falle so kopfstark, dass man kaum noch von einem Kammer- chor sprechen mag. Schuberts Werken widmen sie sich mit einem Schwung, der darüber hinweghilft, dass sowohl die Werke wie auch einige der Solisten gelegentlich schwächeln. Wer Schuberts Neigung zu harmonischen Streifzügen liebt, der wird diese Aufnahme dennoch mögen. 

Freitag, 15. April 2011

The Complete Haydn Masses (Naxos)

Haydn wurde schon am Hofe Ester- házy "Papa Haydn" genannt. Dieser Spitzname war zunächst eher eine Art Ehrentitel; auch die Wiener riefen Haydn so heraus, um ihn zu feiern. Doch dann wurde der Kom- ponist Gegenstand der Musikge- schichtsschreibung. Musikhistori- ker würdigten ihn als Vater des Streichquartettes, Vater der Sinfo- nie und als Vater der klassischen Sonate - und allmählich bekam der einstige Ehrentitel einen eher ne- gativen Beiklang. 
Denn im Laufe der Jahrhunderte änderten sich Rollenmuster: Ein Vater, das war einmal eine strenge Figur, die strikt auf der Einhaltung von Regeln beharrte. Als dann die Regeln niemanden mehr interes- sierten, wurde zwangsläufig auch der Vater zur Witzfigur - ein Kon- zept aus der Vergangenheit, verstaubt und überflüssig. 
Haydn hätte darüber vermutlich den Kopf geschüttelt, und sich wieder seiner Musik zugewandt - freundlich, aufmerksam und fleißig. Der Komponist war ein frommer Katholik; es ist überliefert, dass er gerne zum Rosenkranz griff, wenn seine Arbeit stockte. Seine erste Messe schrieb er bereits als Chorbube am Wiener Stephansdom. Seine Brötchengeber legten später mehr Wert auf weltliche Klänge, also lieferte er vorwiegend Instrumentalwerke und Opern. Als die Familie Esterházy in den 1790er Jahren alljährlich eine Messe bestellte, schuf er Werke, die beim Kirchenvolk allerdings einige Entrüstung hervor- riefen - sie waren den Leuten zu fröhlich, zu lebhaft und zu wenig erbaulich. 
Der berühmte New Yorker Trinity Choir hat nun gemeinsam mit dem Rebel Baroque Orchestra unter J. Owen Burdick und Jane Glover für Naxos erstmals die zwölf vollständig erhaltenen Messen plus Stabat Mater eingespielt. Die Aufnahmen sind in den Jahren 2001 bis 2008 entstanden; es ist nachzuvollziehen, dass sich ein Ensemble über einen derart langen Zeitraum entwickelt und verändert. Insofern ist auch die musikalische Qualität der einzelnen Aufnahmen unterschied- lich. Insgesamt ist aber festzustellen, dass die Interpretationen flott, spannungsreich und energisch klingen. So munter und staubfrei ist Haydn selten zu hören.