Sein neues Album hat Countertenor Max Emanuel Cencic komplett dem Schaffen von Nicola Antonio Porpora (1686 bis 1768) gewidmet. Der Musiker, dessen 250. Todestag 2018 ansteht, gehörte zu den ganz großen Stars seiner Zeit. Er kam in Neapel zur Welt, wo er von 1696 bis 1706 seine Ausbildung an einem Konser- vatorium absolvierte. Danach wirkte er als Kapellmeister beim Prinzen Philipp von Hessen-Darmstadt, dem Kommandanten der kaiserlichen Truppen in Neapel. 1708 stellte Porpora seine erste Oper Agrippina vor – viele weitere sollten folgen. Nur Leonardo Vinci, Antonio Scarlatti und Johann Adolph Hasse waren seinerzeit in Italien als Opernkompo- nisten ähnlich populär wie Porpora, der mit dem Textdichter Metastasio ein echtes „Dreamteam“ bildete.
Und auch die Sänger strömten in Scharen herbei. 1715 hatte Porpora begonnen, am Conservatorio Sant'Onofrio Gesangsschüler zu unterrichten. Dabei war er unglaublich erfolgreich; schon bald galt er als bester Gesangslehrer Europas. Zu seinen Schülern gehörten Kastraten wie Farinelli und Caffarelli.
Ab 1725 lehrte er in Venedig. 1733 ging Porpora nach London, wo er die Opera of the Nobility leitete, das Konkurrenzunternehmen zu Händels legendärer Operntruppe. Nach vier Spielzeiten waren beide pleite, und so musste sich Porpora neue Gönner suchen. Er versuchte sein Glück in Wien, wo er aber keine Anstellung erhielt, so dass er nach Italien zurückkehrte.
1745 reiste er dann im Gefolge des venezianischen Botschafters nach Dresden. Dort wurde er 1748 Gesangslehrer der Prinzessin Maria Antonia Walpurgis von Bayern, der kunstsinnigen Ehefrau des sächsischen Kurprinzen Friedrich Christian, und Hofkapellmeister. Allerdings wurde er damit zum Rivalen Hasses – der sich letztendlich behaupten konnte.
Porpora ging 1752 in Pension und zurück nach Wien, wo er Gesangsunterricht gab. Er wohnte im Michaelerhaus, wo auch Metastasio eine Wohnung hatte – und wo der junge Joseph Haydn lebte, der von Porpora lernte, indem er dessen Schüler auf dem Klavier begleitete. Ab 1759 allerdings blieben die Zahlungen des sächsischen Hofes aus, eine Folge des Siebenjährigen Krieges.
1760 erhielt Porpora die Stelle eines maestro di capella am Conservatorio di Santa Maria di Loreto in Neapel. Er versuchte sich auch noch einmal als Opernkomponist, aber die Zeit der opera seria war wohl vorbei. 1761 gab er alle seine Anstellungen auf; über den Rest seiner Tage, die der einstmals gefeierte Gesangslehrer unter vergleichsweise armseligen Bedingungen verbracht haben dürfte, schweigen die Archive.
Die Arien, die Porpora geschrieben hat, waren für die besten Sänger jener Zeit bestimmt. Wie es damals Brauch war, hat der Komponist sie so auf den Solisten zugeschnitten, dass sie seine Stärken und Vorzüge betonten, und Schwächen kaschierten. Die Sänger konnten damit ihre Virtuosität effektvoll unter Beweis stellen.
Wer diese Werke heute singen will, der hat es schwer. Zum einen sind sie für eine andere Stimme maßgeschneidert. Zum anderen unterscheidet sich die Ausbildung eines Sängers heute deutlich von jener, die es vor 300 Jahren bei Gesangslehrern wie Porpora gab. Schier endlose Koloraturen, die in rasantem Tempo, aber trotzdem mit der Präzision eines Uhrwerkes gesungen werden müssen, und raffinierte, improvisierte Auszierungen stehen heute eher nicht mehr im Mittelpunkt des Studiums.
Max Emanuel Cencic hat, begleitet von der Armonia Atenea unter George Petrou, das Abenteuer dennoch gewagt, und ein komplettes Album mit Arien Porporas veröffentlicht, sieben davon sind in Weltersteinspielung zu hören. Die Oper Germanico in Germania hatte er zuvor bereits aus der Mottenkiste der Musikgeschichte – wohin Irrtum und Beckmesserei den gesamten Kastratengesang einst entsorgt wissen wollten – zurück an die frische Luft geholt.
Nun also folgen vierzehn handverlesene Arien, wobei sich in seinem Programm eher besinnliche Stücke ebenso finden wie höchst virtuose. Insider werden schnell feststellen, dass Cencic sein Recital mit exakt derselben Arie beginnt, die Franco Fagioli 2014 bei seinem Porpora-Album an den Anfang gesetzt hatte. (Und bei diesem musikalischen Kräftemessen hat der Kollege eindeutig das Nachsehen.)
„Wie können wir die großen Kastraten nachahmen? Das lässt sich kaum festlegen, aber diese Stimmen waren die Seele von Porporas Musik“, wird Cencic im Beiheft zitiert. „Ich habe die Arien für diese Aufnahme fast instinktiv nach meinem Gefühl für das Richtige ausgewählt. Man kann einen Komponisten dieser Qualität nicht in einem Album erfassen, und jedes Stück ist ein Juwel für sich. Auch wenn die Technik überall herausgestellt wird – Sprünge, schnelle Skalen, Triller, lange Phrasen – scheint doch Porporas besondere und äußerst fesselnde melodische Begabung überall durch.“
Zum Teil sind die Koloraturen und Verzierungen aberwitzig anspruchsvoll; mir persönlich gefällt Cencics Gesang allerdings am besten, wo er große Bögen gestalten kann, mit betörender Süße oder ergreifendem Lamento. Der Farbenreichtum dieser Produktion ist ohnehin hinreißend – auch das Viril-Metallische, umtost von Pauken und Trompeten, hat darin seinen Platz. Das Athener Barockorchester ist immer präsent, und geleitet den Sänger sicher auch durch die schwierigsten Passagen.
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Dienstag, 24. Juli 2018
Donnerstag, 19. Januar 2017
Franco Fagioli - Rossini (Deutsche Grammophon)
Kuriose Zustände: Zur Zeit des Barock sangen Männer Frauenrollen, weil der Papst im Kirchenstaat grundsätz- lich keine Damen auf der Bühne duldete. Nachdem aber die letzten Kastraten von der Bühne ab- und in den Ruhestand getreten waren, über- nahmen Sängerinnen ihre Partien – Verliebte, Helden und Könige wurden die Domäne von Mezzosopranistin- nen und Altistinnen, bis dann im
19. Jahrhundert der Tenor diese Rollen bekam. Doch das ist schon wieder eine andere Geschichte.
Gioachino Rossini (1792 bis 1868) jedenfalls schätzte die „Reinheit und wunderbare Beweglichkeit“ der hohen Männerstimmen sehr. Er komponierte noch zwei Partien für Giambattista Velluti, den letzten berühmten Opern-Kastraten – doch bei den meisten seiner Opern entwarf er wichtige männliche Figuren von vornherein als Hosenrolle, also für eine Sängerin.
Diese CD nun kehrt das subtile Spiel erneut um: Franco Fagioli, der erste Countertenor, den die Deutsche Grammophon exklusiv unter Vertrag genommen hat, präsentiert auf seinem Solo-Debütalbum eine Auswahl solcher Arien. Begleitet wird der Sänger von der Armonia Atenea unter George Petrou.
Fagiolis voluminöser, warmer und beweglicher Mezzosopran passt zu Rossinis Werken ganz ausgezeichnet. Zu hören sind Ausschnitte aus Demetrio e Polibio, Matilde di Shabran, Adelaide di Borgogna, Tancredi, Semiramide und Eduardo e Cristina. Besonders reizvoll sind dabei jene Stücke, in denen der Komponist der Singstimme ein Solo-Instrument quasi als Dialogpartner zugeordnet hat. Hier brillieren, gemeinsam mit dem Sänger, Costas Siskos, Horn, Sergiu Nastasa, Violine, und Dimitris Vamvas, Englischhorn. Auch der Chor der Armonia Atenea erhält Gelegenheit, zu glänzen.
19. Jahrhundert der Tenor diese Rollen bekam. Doch das ist schon wieder eine andere Geschichte.
Gioachino Rossini (1792 bis 1868) jedenfalls schätzte die „Reinheit und wunderbare Beweglichkeit“ der hohen Männerstimmen sehr. Er komponierte noch zwei Partien für Giambattista Velluti, den letzten berühmten Opern-Kastraten – doch bei den meisten seiner Opern entwarf er wichtige männliche Figuren von vornherein als Hosenrolle, also für eine Sängerin.
Diese CD nun kehrt das subtile Spiel erneut um: Franco Fagioli, der erste Countertenor, den die Deutsche Grammophon exklusiv unter Vertrag genommen hat, präsentiert auf seinem Solo-Debütalbum eine Auswahl solcher Arien. Begleitet wird der Sänger von der Armonia Atenea unter George Petrou.
Fagiolis voluminöser, warmer und beweglicher Mezzosopran passt zu Rossinis Werken ganz ausgezeichnet. Zu hören sind Ausschnitte aus Demetrio e Polibio, Matilde di Shabran, Adelaide di Borgogna, Tancredi, Semiramide und Eduardo e Cristina. Besonders reizvoll sind dabei jene Stücke, in denen der Komponist der Singstimme ein Solo-Instrument quasi als Dialogpartner zugeordnet hat. Hier brillieren, gemeinsam mit dem Sänger, Costas Siskos, Horn, Sergiu Nastasa, Violine, und Dimitris Vamvas, Englischhorn. Auch der Chor der Armonia Atenea erhält Gelegenheit, zu glänzen.
Montag, 1. September 2014
Rokoko - Hasse Opera Arias (Decca)
Johann Adolf Hasse (1699 bs 1783) sei „the most natural, elegant and judicious composer of vocal music“, lobte einst Charles Burney, weitgereist und wohl der führende Musikschriftsteller seiner Generation. „Equally a friend of poetry and the voice, he discovers as much judgment as genius, in expressing words, as well as in accompanying those sweet and tender melodies, which he gives to the singer“, schwärmte Burney. „Always regarding the voice as the first object of attention in an theatre, he never suffocates it, by the learned jargon of a multiplicity of instruments and subjects; but is as careful of preserving its importance as a painter, of throwing the strongest light upon the capital figure of his piece.“
Zu Lebzeiten war Hasse ein Star, er wirkte in Italien sowie an den Höfen in Dresden und in Wien. Umso erstaunlicher ist es, dass der Komponist und seine Werke keine hundert Jahre später vergessen waren. In den letzten Jahren erst wird seine Musik schrittweise wiedentdeckt. Dazu trägt nun auch Countertenor Max Emanuel Cencic mit seiner CD Rokoko bei. Das Ensemble Armonia Atenea unter George Petrou begleitet den Sänger nicht nur bei virtuosen Arien, die Spezialisten für „Alte“ Musik haben zudem auch ein Mandolinenkonzert Hasses eingespielt.
Zu Lebzeiten war Hasse ein Star, er wirkte in Italien sowie an den Höfen in Dresden und in Wien. Umso erstaunlicher ist es, dass der Komponist und seine Werke keine hundert Jahre später vergessen waren. In den letzten Jahren erst wird seine Musik schrittweise wiedentdeckt. Dazu trägt nun auch Countertenor Max Emanuel Cencic mit seiner CD Rokoko bei. Das Ensemble Armonia Atenea unter George Petrou begleitet den Sänger nicht nur bei virtuosen Arien, die Spezialisten für „Alte“ Musik haben zudem auch ein Mandolinenkonzert Hasses eingespielt.
Donnerstag, 31. Mai 2012
Mayr: La Lodoiska (Oehms Classics)
Johann Simon Mayr (1763 bis 1845) gilt als Vater der italieni- schen Oper. Diesen Beinamen gab ihm kein geringerer als sein Freund Rossini - und dennoch fielen der Komponist ebenso wie die gut
60 Opern, die er geschaffen hatte, nach seinem Tode sehr schnell dem Vergessen anheim. Zu Lebzei- ten freilich wurde Mayr in ganz Europa gefeiert.
Zu seinen großen Erfolgen gehörte La Lodoiska. Diese Oper erzählt die Geschichte einer tapferen Polin, die in einer Burg an der polnisch-tatarischen Grenze gefangengehal- ten und vom Burgherrn bedrängt wird. Doch sie liebt nun einmal Lovinski, und da hat Palatin Boleslao schlechte Karten. Dieses Werk nach einem Libretto von Francesco Gonella, das natürlich mit der Befreiung des jungen Paares aus den Ketten des Tyrannen endet, wurde 1796 in Venedig erstmals aufgeführt. 1799 erklang die Oper, die später übrigens die Lieblingsoper Napoleons wurde, in einer überarbeiteten Fassung erstmals in Mailand, und Mayr wurde dort gefeiert.
Es ist erfreulich, dass das Notenmaterial nun bei Ricordi wieder er- hältlich ist; vielleicht nimmt sich ein Opernhaus des Stückes an. Musikalisch zumindest ist das Werk ergiebig, wie diese Aufzeichnung einer konzertanten Aufführung aus dem Jahre 2010 im Theater Ingol- stadt beweist. Dort erklang La Lodoiska erstmal wieder, aufgeführt von einem sehr ordentlichen Solistenensemble, dem Männerchor des Prager Philharmonischen Chores und dem Münchner Rundfunk- orchester, geleitet von George Petrou vom Hammerflügel aus.
60 Opern, die er geschaffen hatte, nach seinem Tode sehr schnell dem Vergessen anheim. Zu Lebzei- ten freilich wurde Mayr in ganz Europa gefeiert.
Zu seinen großen Erfolgen gehörte La Lodoiska. Diese Oper erzählt die Geschichte einer tapferen Polin, die in einer Burg an der polnisch-tatarischen Grenze gefangengehal- ten und vom Burgherrn bedrängt wird. Doch sie liebt nun einmal Lovinski, und da hat Palatin Boleslao schlechte Karten. Dieses Werk nach einem Libretto von Francesco Gonella, das natürlich mit der Befreiung des jungen Paares aus den Ketten des Tyrannen endet, wurde 1796 in Venedig erstmals aufgeführt. 1799 erklang die Oper, die später übrigens die Lieblingsoper Napoleons wurde, in einer überarbeiteten Fassung erstmals in Mailand, und Mayr wurde dort gefeiert.
Es ist erfreulich, dass das Notenmaterial nun bei Ricordi wieder er- hältlich ist; vielleicht nimmt sich ein Opernhaus des Stückes an. Musikalisch zumindest ist das Werk ergiebig, wie diese Aufzeichnung einer konzertanten Aufführung aus dem Jahre 2010 im Theater Ingol- stadt beweist. Dort erklang La Lodoiska erstmal wieder, aufgeführt von einem sehr ordentlichen Solistenensemble, dem Männerchor des Prager Philharmonischen Chores und dem Münchner Rundfunk- orchester, geleitet von George Petrou vom Hammerflügel aus.
Samstag, 14. Mai 2011
Händel: Alessandro Severo / Manzaro: Don Crepuscolo (MDG)
Manche Werke namhafter Kompo- nisten der Barockzeit werden von den Nachgeborenen nur mit Nase- rümpfen zur Kenntnis genommen. Geprägt durch den Genie-Kult der Romantik, durch die Vorstellung des Komponierens als eines weihe- vollen Dienstes an der geheiligten Kunst, fällt es uns schwer, zu ak- zeptieren, dass es in der Barockzeit durchaus üblich war, aus alten Werken neue zu machen. Dieses Verfahren nannte man pasticcio - nach dem Vorbild eines Kuchens, der aus Kuchenresten erzeugt wurde.
Bach beispielweise hatte überhaupt kein Problem mit dieser Art des künstlerischen Recyclings, und auch Händel hat dieses Verfahren genutzt. Er schuf gleich drei Werke, indem er eigene Musik mit einem neuen Libretto versah und dem neuen Funktionszusammenhang an- passte: Oreste (1734), Alessandro Severo (1738) und Giove in Argo (1739). Man kann darüber rätseln, ob es den Komponisten grämte, gelungenes Material aus wenig erfolgreichen Opern in der Schublade verschwinden zu sehen, oder ob er schlicht unter Zeitdruck stand.
Für Alessandro Severo jedenfalls, nach einem Libretto des Metasta- sio-Vorgängers Apostolo Zeno, verwendete Händel 19 Arien, En- sembles und Sinfonien aus Arminio, Giustino und Berenice - Opern der letzten Saison, die der Musikunternehmer in der Tat nie wieder aufführte. Die verbleibenden zehn Arien und ein Duett stellte er aus anderen, älteren Werken zusammen. Hier und da kleine Änderungen, damit Musik, Text und Handlung harmonieren (mitunter wohl auch, damit die Arien und die Fähigkeiten der Sänger zueinander passen), neue Rezitative und eine neue Ouvertüre - fertig.
Die Handlung ist ebenso dramatisch wie albern: Julia, die Mutter des Herrschers Alexander, hat diesen mit Salustia verehelicht. Doch wider erwarten ist die Ehe überaus glücklich. Das macht Julia eifer- süchtig; sie überlistet ihren Sohn und lässt sich von ihm ein Doku- ment unterschreiben, das seine Trennung von der geliebten Ehefrau mitteilt. Salustia wiederum, von Julia zur Dienerin degradiert, bittet ihren Vater Marziano um Hilfe. Dieser will Julia vergiften. Doch Salustia vereitelt diesen Plan. Als Marziano und seine Gefolgsmänner kommen, um Julia zu ermorden, rettet Salustia ihre Schwiegermutter erneut. Diese bereut ihre Intrige, und die Oper endet mit allgemeiner Versöhnung und einem Lobpreis der Liebe.
Alessandro Severo wurde zu Händels Lebzeiten nur einmal aufge- führt, und geriet in Vergessenheit, bis die Oper dann wiederentdeckt und 1997 beim Londoner Händel-Festival erstmals wieder vorgestellt wurde. George Petrou, der für Dabringhaus und Grimm bereits etliche Aufnahmen von Händel-Opern dirigiert hat, stellt bei dieser Erstein- spielung zugleich erstmals auf CD die Armonia Atenea vor, ein Projekt der Athens Camerata, das er seit 2009 leitet. Es singen Kristina Hammarström, Giulia, Mary-Ellen Nesi, Alessandro, Marita Solberg, Salustia, Irina Karaianni, Albina, Gemma Bertagnolli, Claudio und Petros Magoulas, Marziano. Und als Zugabe gibt's Don Crepuscolo, Azione comica d'un atto solo von Niccolò Manzaro - eigentlich Nikolaos Halikiopoulos Mantzaros (1795 bis 1872), der aus Korfu stammt, aber auch in Italien sehr angesehen war. Sein Einakter, der sich über den Antikenwahn seiner Zeitgenossen lustig macht, erweist sich als eine Tour de Force für den Solisten, der die gesamte Show als Einzelkämpfer bestreitet. Bassbariton Christophoros Stamboglis hat an dem Kabinettstückchen hörbar Vergnügen. Musiziert wird generell frisch, theatralisch und stilistisch kompetent. Bravi!
Bach beispielweise hatte überhaupt kein Problem mit dieser Art des künstlerischen Recyclings, und auch Händel hat dieses Verfahren genutzt. Er schuf gleich drei Werke, indem er eigene Musik mit einem neuen Libretto versah und dem neuen Funktionszusammenhang an- passte: Oreste (1734), Alessandro Severo (1738) und Giove in Argo (1739). Man kann darüber rätseln, ob es den Komponisten grämte, gelungenes Material aus wenig erfolgreichen Opern in der Schublade verschwinden zu sehen, oder ob er schlicht unter Zeitdruck stand.
Für Alessandro Severo jedenfalls, nach einem Libretto des Metasta- sio-Vorgängers Apostolo Zeno, verwendete Händel 19 Arien, En- sembles und Sinfonien aus Arminio, Giustino und Berenice - Opern der letzten Saison, die der Musikunternehmer in der Tat nie wieder aufführte. Die verbleibenden zehn Arien und ein Duett stellte er aus anderen, älteren Werken zusammen. Hier und da kleine Änderungen, damit Musik, Text und Handlung harmonieren (mitunter wohl auch, damit die Arien und die Fähigkeiten der Sänger zueinander passen), neue Rezitative und eine neue Ouvertüre - fertig.
Die Handlung ist ebenso dramatisch wie albern: Julia, die Mutter des Herrschers Alexander, hat diesen mit Salustia verehelicht. Doch wider erwarten ist die Ehe überaus glücklich. Das macht Julia eifer- süchtig; sie überlistet ihren Sohn und lässt sich von ihm ein Doku- ment unterschreiben, das seine Trennung von der geliebten Ehefrau mitteilt. Salustia wiederum, von Julia zur Dienerin degradiert, bittet ihren Vater Marziano um Hilfe. Dieser will Julia vergiften. Doch Salustia vereitelt diesen Plan. Als Marziano und seine Gefolgsmänner kommen, um Julia zu ermorden, rettet Salustia ihre Schwiegermutter erneut. Diese bereut ihre Intrige, und die Oper endet mit allgemeiner Versöhnung und einem Lobpreis der Liebe.
Alessandro Severo wurde zu Händels Lebzeiten nur einmal aufge- führt, und geriet in Vergessenheit, bis die Oper dann wiederentdeckt und 1997 beim Londoner Händel-Festival erstmals wieder vorgestellt wurde. George Petrou, der für Dabringhaus und Grimm bereits etliche Aufnahmen von Händel-Opern dirigiert hat, stellt bei dieser Erstein- spielung zugleich erstmals auf CD die Armonia Atenea vor, ein Projekt der Athens Camerata, das er seit 2009 leitet. Es singen Kristina Hammarström, Giulia, Mary-Ellen Nesi, Alessandro, Marita Solberg, Salustia, Irina Karaianni, Albina, Gemma Bertagnolli, Claudio und Petros Magoulas, Marziano. Und als Zugabe gibt's Don Crepuscolo, Azione comica d'un atto solo von Niccolò Manzaro - eigentlich Nikolaos Halikiopoulos Mantzaros (1795 bis 1872), der aus Korfu stammt, aber auch in Italien sehr angesehen war. Sein Einakter, der sich über den Antikenwahn seiner Zeitgenossen lustig macht, erweist sich als eine Tour de Force für den Solisten, der die gesamte Show als Einzelkämpfer bestreitet. Bassbariton Christophoros Stamboglis hat an dem Kabinettstückchen hörbar Vergnügen. Musiziert wird generell frisch, theatralisch und stilistisch kompetent. Bravi!
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