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Montag, 14. Februar 2022

Rossini: Eduardo e Cristina (Naxos)


 Als Gioacchino Rossini (1792 bis 1868) weiland seine Oper Eduardo e Cristina vorstellte, war das Publikum schier aus dem Häuschen vor Begeisterung. Die venezianische Gazetta schrieb nach der Uraufführung 1819: „Es war ein Triumph wie kein anderer in der Geschichte unserer Musikbühnen.“ 

Im Mittelpunkt der Handlung steht Cristina, die Tochter von Carlo, König von Schweden. Sie soll eines Tages den schottischen Prinzen Giacomo heiraten. Dummerweise aber hat sich Cristina bereits insgeheim mit einem gewissen Eduardo zusammengetan, General der schwedischen Armee, und das Paar hat obendrein bereits ein Kind. Der Anblick des kleinen Gustavo treibt Vater Carlo, Tenor, in den Zorn und in die Spitzentöne. Die Geschichte hätte schlecht ausgehen können, wenn Eduardo nicht letztendlich von seinen Männern aus dem Kerker befreit worden wäre und einen Überraschungsangriff der Russen hätte abwehren können. 

Entstanden ist diese Oper seinerzeit für das Debüt der Tochter von Giuseppe Cortesi, Impresario eines venezianischen Theaters und ein Freund Rossinis; und vom ersten Federstrich bis zur Premiere 1819 in Venedig verging nicht einmal ein Monat. In einer solchen Situation griffen Komponisten seinerzeit gern auf Bewährtes zurück. So hat Rossini in diesem Falle schöne Melodien aus mindestens vier anderen Opern wiederverwendet, die durchweg kein Erfolg waren und deshalb nach der Premiere rasch wieder von der Bühne verschwunden sind. Dieses Verfahren bezeichnet man als Pasticchio

Das Publikum damals zollte Eduardo e Cristina sehr viel Beifall; die Oper war ein großer Erfolg, und sie erlebte über 20 Jahre hinweg mehr als hundert Aufführungen von St. Petersburg bis nach New York. Die nächste Generation freilich rümpfte die Nase. Musiker galten nun als Genies, und nur das Original war wertvoll. 

Das hatte Auswirkungen, die bis heute andauern. Denn dies ist die einzige Aufnahme des Werkes, und sie entstand 2017 als Mitschnitt der einzigen neuzeitlichen Inszenierung der Oper mit dem Ensemble des Festivals „Rossini in Wildbad“ und Gianluigi Gelmetti am Dirigentenpult. Zu hören sind Silvia Dalla Benetta, Sopran, als Cristina, Laura Polverelli, Mezzosopran, in der Partie des Eduardo (ursprünglich geschrieben für Countertenor), in der Rolle des Carlo brillant Kenneth Tarver, Tenor, als sein Freund Atlei Xiang Xu, ebenfalls Tenor, und als Giacomo der Bassist Baurzhan Anderzhanov, dazu der Camerata Bach Choir Poznán und die Virtuosi Brunensis. Bravi!


Samstag, 27. Juni 2020

Hommage à Rossini (Sony)

Schon als Kind, als sie noch an der Hand der Mutter in die Münchner Staatsoper ging, hörte Raphaela Gromes gern Musik von Gioachino Rossini. Und weil sie diese Werke so liebt, widmete die Cellistin dem Komponisten ihr zweites Album: „Für all das, was er mir geschenkt hat, wollte ich ihm Dankeschön sagen“, berichtet die Musikerin im Beiheft. 
Leider fand sich von Rossini selbst nur eine einzige Originalkomposition für Violoncello und Klavier, Une larme aus den Péchés de vieillesse, gewidmet dem Cello-Virtuosen Graf Matvei Wielhorski, der das Stück gemeinsam mit dem Komponisten auch uraufgeführt hat. 
Im „Cello Compagnion“, einem Werk, das auf mehr als 700 Seiten die gesamte Literatur für das Instrument zusammenfasst, stieß Raphaela Gromes auf eine Komposition von Jacques Offenbach, die sie unbedingt mit in ihr Programm aufnehmen wollte: Hommage à Rossini nannte sich das Stück – doch wo waren die Noten? Im Druck erschienen jedenfalls waren sie nicht; und auch im Kölner Stadtarchiv waren sie nicht aufzufinden. Dort lag zwar ein Großteil des Nachlasses von Jacques Offenbach, aber beim Einsturz 2009 waren die Originale verloren gegangen. 
Normalerweise wäre die Suche an dieser Stelle beendet gewesen. Raphaela Gromes jedoch recherchierte weiter. Über einen französischen Musikwissenschaftler erhielt sie den Kontakt zu Offenbachs Nachfahren, die ebenfalls noch Dokumente aufbewahrten. Und so ließ sich aus dem Material, was sich in Paris, in Köln und in Stockholm fand, glücklicherweise am Ende die Partitur rekonstruieren. Dass dies ein Gewinn ist, steht außer Frage; das derart gerettete Werk erweist sich als eine Bereicherung für das Repertoire. Kein Wunder – schließlich war Offenbach ja selbst ein Violoncello-Virtuose. 
Komplettiert wird das Programm zudem durch die Variationen über ein Thema von Rossini von Bohuslav Martinů, Außerdem gibt es natürlich auch Musik von Gioachino Rossini, herrliche Melodien, für das Violoncello bearbeitet von Julian Riem, der Raphaela Gromes bei dieser Einspielung auch als sensibler Klavierpartner zur Seite gestanden hat. Bei den Stücken mit Orchester musiziert das WDR Funkhausorchester unter Leitung von Enrico Delamboye. 
Raphaela Gromes begeistert mit ihrem nuancenreichen Cellospiel. Sie musiziert auf einem kostbaren Instrument von Jean-Baptiste Vuillaume, und sie entlockt ihm einen so faszinierenden Klang, dass man die Sängerstimme überhaupt nicht vermisst. Die Solistin kombiniert intensiven Ausdruck mit hinreißender Brillanz. Ein phantastisches Album, unbedingt anhören!  

Freitag, 7. Februar 2020

Il Carnevale di Venezia (Tudor)

Am Pariser Konservatorium waren bei seiner Gründung 1795 zwölf Klarinettenlehrer beschäftigt, die mehr als hundert Schüler unterrichteten. Die Absolventen waren gefragt. Denn das Instrument, für das sich nicht nur Mozart begeisterte, konnte sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, vom Mannheimer Vorbild ausgehend, rasch in ganz Europa etablieren. So waren zeitweise mehr als 50.000 Kla- rinettisten allein in der Militärmusik beschäftigt. In vielen Orchestern musizierten exzellente Solisten, für die zahlreiche Kompositionen entstanden. 
Aus der Vielzahl dieser Konzertstücke, Variationen und Arrangements hat Hans Stadlmair gemeinsam mit dem Klarinettenvirtuosen Eduard Brunner (1939 bis 2017) eine attraktive Auswahl zusammengestellt, und 1988 mit dem Münchner Kammerorchester eingespielt. Zu hören sind Werke von Domenico Cimarosa, Gaetano Donizetti, Saverio Mercadante und Gioacchino Rossini – und ebenso temperamentvolle Variationen über ein venezianisches Volkslied, das hierzulande mit dem Text „Mein Hut, der hat drei Ecken“ populär ist. Sie stammen allerdings nicht von einem italienischen Komponisten, sondern von Hans Stadlmair. 
Eduard Brunner musiziert souverän; er war ein versierter Interpret, und technisch wie musikalisch jeder Herausforderung gewachsen. Mit Stadlmair und dem Münchner Kammerorchester verband ihn eine langjährige künstlerische Partnerschaft. 

Donnerstag, 20. Juni 2019

Rossini: Péchés de Vieillesse (MDG)

Halb Europa feierte die Musik Richard Wagners – und Gioacchino Rossini scherte sich überhaupt nicht darum. Der Komponist hatte sich schon nach der Uraufführung seiner Oper Guillaume Tell im Jahre 1829 in das Privatleben zurückgezogen. Da war er gerade einmal 37 Jahre alt, hatte bereits 39 Opern komponiert, und damit triumphale Erfolge erlebt. Das Publikum bedauerte dies durch- aus: „Die Schwäne singen am Ende ihres Lebens“, so schrieb Heinrich Heine 1836, „Rossini aber hat in der Mitte zu singen aufgehört.“ 
Die neuen Entwicklungen am Musiktheater interessierten den Kompo- nisten offenbar wenig; er hatte genug mit seiner angegriffenen Gesundheit zu kämpfen, und schrieb nie wieder eine Oper. In seinen letzten Lebensjahren, nach seiner Genesung, schuf er kaum noch Musik für die Öffentlichkeit. Doch er komponierte eine Vielzahl kleiner Stücke zum rein privaten Gebrauch, die er Péchés de vieillesse nannte, Sünden des Alters. 
Ab 1855 wohnte Rossini gemeinsam mit seiner zweiten Ehefrau Olympe Pélissier in Paris – und das Paar führte einen gefragten Salon. Tout-Paris traf sich dort zum musikalischen Samedi Soir, und bei dieser Gelegenheit erklangen auch die „Alterssünden“. Und davon gibt es nicht gerade wenige: Es sind immerhin 13 Notenbände mit Vokal-, Chor- und Kammermusik sowie über einhundert Klavierstücken, die der „pianiste de 4ème classe (sans rivauxs)“, so Rossini über Rossini, zu Papier brachte und auch den „Pianisten der vierten Klasse“ widmete. 
Stefan Irmer hat sich diesem Repertoire zugewandt und die Klaviermusik aus den Péchés de vieillesse im Verlaufe mehrerer Jahre komplett auf acht CD eingespielt. Der Pianist präsentiert die „Morceaux Semicomique“ ebenso sorgsam wie hintergründig, mit Sinn für Ironie und Doppel- bödigkeiten sowie mit viel Humor und Elan. 
Das Label Dabringhaus und Grimm hat nun sämtliche Aufnahmen dieser nur scheinbar leichtgewichtigen Werke in einer liebevoll gestalteten Box noch einmal zusammengefasst.  Der Zuhörer erhält damit die Chance, einen gewichtigen Teil des Schaffens Rossinis kennenzulernen. Man erlebt den Komponisten als einen witzigen, engagierten, scharfsinnigen und auch hochpolitischen Kommentator jener Zeit. Grandios! 

Dienstag, 18. Juni 2019

Rossini: Ricciardo e Zoraide (Naxos)

Seit mehr als 25 Jahren gibt es in Bad Wildbad ein Musikfestival, das enorme Mengen an Musikfreunden in das beschauliche Schwarzwald-Städtchen lockt: „Rossini in Wildbad“ ist ein Ereignis – und diese CD macht deutlich, warum eine derart kleine Stadt zu einem Pilgerort für alle Opernfans werden kann. 
Im Jahre 2013 stand Ricciardo e Zoraide auf dem Programm, eine Oper von Gioachino Rossini (1792 bis 1868), die 1818 am Teatro San Carlo in Neapel uraufgeführt worden ist, und vom Publikum damals gefeiert wurde. Warum sie heute eher unbekannt ist, das gehört zu den Rätseln der Musikgeschichte. Denn diese Oper, die auf dem Epos Ricciardetto von Niccolò Forteguerri (1674 bis 1735) beruht, hat eigentlich alles, was das Genre so attraktiv macht – große Gefühle, großes Drama, und auch großartige Musik. Das zeigt sich schon bei der Ouvertüre, mit der José Miguel Pérez-Sierra mit den Virtuosi Brunensis wahre Klang-Panoramen entstehen lässt. 
Die Handlung der Oper ist eine Rittergeschichte, mit einer gehörigen Portion Turbulenzen, Liebe und Verrat – und natürlich einem guten Ende. Doch vorher gibt es jede Menge Rossini vom Allerfeinsten, serviert von einem sehr soliden Sängerensemble sowie dem Chor Camerata Bach aus dem polnischen Poznań. Ricciardo e Zoraide erweist sich als eine der originellsten Opern Rossinis; und vielleicht findet sie ja tatsächlich den Weg zurück in das Repertoire. Es würde sich lohnen. 

Montag, 10. Juli 2017

Rossini: 6 Sonate a quattro / Bottesini: Gran Duo Concertante (Eloquence)

„Sei Sonate orrende“, so schrieb Gioacchino Rossini Jahre später auf das Manuskript, „da me composte alla Villeggiatura (..) del mio amico mecenate Agostino Triossi alla età la più Infantile non avenda presa nep- pure una Leziona di Accompagna- mento: il Tutto Composto e Copiato in trè giorni ed eseguito cagnesca- mente dal Triossi Contrabasso, Morini (..) Primo Violino, il fratello di questo il Violoncello, ed il Secondo Violino da me stesso, che ero per dir vero il meno Cane.“ 
Die sechs „schrecklichen Sonaten“ freilich, deren Entstehung der Komponist derart launig schildert, sind so übel nicht. Was Rossini seinerzeit, im Sommer 1804, innerhalb von drei Tagen zu Papier brachte, das klingt überhaupt nicht nach dem Werk eines Zwölfjährigen. 
Die Sonate a quattro sind beschwingte Musikstücke, die gelegentlich bereits jenen berühmten Rossini-Humor aufblitzen lassen; doch die Heiterkeit ist immer eine elegische, es ist Fröhlichkeit in Moll. Bei Eloquence ist nun eine berühmte Aufnahme dieser Musik wieder zugänglich – eingespielt 1978 in der Schweiz von Salvatore Accardo gemeinsam mit Sylvie Gazeau, ebenfalls Violine, Alain Meunier, Violoncello, und Franco Petracchi, Kontrabass. Diese Referenzaufnahme wird im originalen Zwei-LP-Set für dreistellige Beträge gehandelt – und sie ist in der Tat exquisit. 
Komplettiert wird das Programm auf Doppel-CD durch das Duett für Violoncello und Kontrabass, sowie Un mot à Paganini, gespielt von Salvatore Accardo und Bruno Canino. Der Pianist ist auch Partner von Franco Petracchi bei Une larme in einer Bearbeitung für Kontrabass und Klavier. Als Zugabe erklingt das virtuose Gran Duo Concertante von Giovanni Bottesini, mit Luciano Vicari, Violine, Lucio Buccarella, Kontrabass, und dem Orchester I Musici. 

Freitag, 12. Mai 2017

Geistliche Meisterwerke (Hänssler Classic)

Geistliche Musik in herausragenden Editionen prägt seit der Gründung mit das Profil von Hänssler Classic. Aus der langjährigen Zusammenarbeit mit renommierten Interpreten sind etliche herausragende Projekte ent- standen. Erinnert sei nur an legen- däre Serien wie die Gesamteinspie- lung der Kantaten und Passionen von Johann Sebastian Bach mit der Gächinger Kantorei und dem Bach-Collegium Stuttgart unter Helmuth Rilling. 
Das Label hat nun aus seinen umfangreichen Beständen eine Kollektion zusammmengestellt, die auf immerhin 50 (!) CD Geistliche Meisterwerke vorstellt. Neben bekannten Werken, von Bachs Weihnachts- oratorium bis hin zu Brahms' Ein deutsches Requiem und von Beethovens Missa Solemnis bis hin zu Haydns Oratorium Die Schöpfung, enthält diese Box auch Raritäten. So bekommt der Einsteiger in die Welt der geistlichen Musik eine Sammlung, in der er faktisch alle wichtigen Werke findet – von Heinrich Schütz' Weihnachtsoratorium bis hin zum Requiem von Gabriel Fauré. Doch selbst für Experten hält diese Box so manche Entdeckung bereit: Wer kennt schon Das Liebesmahl der Apostel von Richard Wagner, das Requiem Opus ultimum von Johann Michael Haydn, oder die Große Messe von Johann Ritter von Herbeck? 
Exzellente Sänger, namhafte Orchester, hervorragende Chöre und berühm- te Dirigenten haben an diese Produktionen mitgewirkt; die Liste ist aber zu lang, um sie an dieser Stelle komplett wiederzugeben. Und es wäre nicht gerecht, einzelne Beteiligte herauszuheben. Denn hörenswert ist wirklich alles, was in dieser Box steckt. Viele der Aufnahmen wurden mit Preisen ausgezeichnet. Der Fokus dieser umfangreichen Edition liegt auf den großen Werken der geistlichen Musik vom Barock bis zur Spätromantik, versammelt sind überwiegend Werke aus dem deutschsprachigen Raum. 

Donnerstag, 19. Januar 2017

Rossini: Complete Ouvertures (Naxos)

Da wir gerade bei Gioachino Rossini waren – eine vollständige Einspie- lung seiner Ouvertüren ist bei Naxos erschienen. Nur noch einige wenige dieser Werke erinnern daran, dass die Oper neapolitanischer Prägung einst durch eine Sinfonia eröffnet wurde – dreiteilig, und mit einem möglichst prägnanten Kopfsatz, der das Publi- kum überraschen und dazu veranlas- sen sollte, die Gespräche einzustellen und sich auf die Musik zu konzentrie- ren. 
Rossinis Ouvertüren gehen darüber deutlich hinaus: Sie sind wie ein Fenster, das schon einmal den Blick freigibt auf die Handlung der jewei- ligen Oper, bevor sich dann der Vorhang hebt. Sie sind witzig, sie sind dramatisch, und sie sind unverwechselbar – jede einzelne Ouvertüre ist ein Meisterwerk. Und auf vier (CD) sind sie hier alle versammelt, von La gazza ladra bis zu Bianca e Falliero und von La Cenerentola bis zu Il barbiere di Siviglia, eingespielt vom Prague Sinfonia Orchestra unter Christian Benda. Das Orchester, eigentlich das Prague Chamber Orchestra in erweiterter Besetzung, musiziert präzise und ausgesprochen dynamisch. Und Benda arbeitet den jeweiligen Charakter der Ouvertüre klar heraus, was Rossinis musikalische Einfälle bestens zur Geltung bringt. Sehr gelungen! 

Franco Fagioli - Rossini (Deutsche Grammophon)

Kuriose Zustände: Zur Zeit des Barock sangen Männer Frauenrollen, weil der Papst im Kirchenstaat grundsätz- lich keine Damen auf der Bühne duldete. Nachdem aber die letzten Kastraten von der Bühne ab- und in den Ruhestand getreten waren, über- nahmen Sängerinnen ihre Partien – Verliebte, Helden und Könige wurden die Domäne von Mezzosopranistin- nen und Altistinnen, bis dann im
19. Jahrhundert der Tenor diese Rollen bekam. Doch das ist schon wieder eine andere Geschichte. 

Gioachino Rossini (1792 bis 1868) jedenfalls schätzte die „Reinheit und wunderbare Beweglichkeit“ der hohen Männerstimmen sehr. Er komponierte noch zwei Partien für Giambattista Velluti, den letzten berühmten Opern-Kastraten – doch bei den meisten seiner Opern entwarf er wichtige männliche Figuren von vornherein als Hosenrolle, also für eine Sängerin. 
Diese CD nun kehrt das subtile Spiel erneut um: Franco Fagioli, der erste Countertenor, den die Deutsche Grammophon exklusiv unter Vertrag genommen hat, präsentiert auf seinem Solo-Debütalbum eine Auswahl solcher Arien. Begleitet wird der Sänger von der Armonia Atenea unter George Petrou. 
Fagiolis voluminöser, warmer und beweglicher Mezzosopran passt zu Rossinis Werken ganz ausgezeichnet. Zu hören sind Ausschnitte aus Demetrio e Polibio, Matilde di Shabran, Adelaide di Borgogna, Tancredi, Semiramide und Eduardo e Cristina. Besonders reizvoll sind dabei jene Stücke, in denen der Komponist der Singstimme ein Solo-Instrument quasi als Dialogpartner zugeordnet hat. Hier brillieren, gemeinsam mit dem Sänger, Costas Siskos, Horn, Sergiu Nastasa, Violine, und Dimitris Vamvas, Englischhorn. Auch der Chor der Armonia Atenea erhält Gelegenheit, zu glänzen. 

Montag, 4. Juli 2016

Jean-Nicolas Savary - The Stradivari of the Bassoon (Pan Classics)

Der Pariser Instrumentenbauer Jean-Nicolas Savary le jeune (1786 bis 1853) hat die Entwicklung des Fagot- tes entscheidend mit beeinflusst. Zeitgenossen galt er als „the Stradi- vari of the bassoon“, so Charles Russel Day 1891; seine Instrumente waren nicht nur in Frankreich, sondern auch in England sehr begehrt und wurden von den besten Musikern seiner Zeit gespielt. Es verwundert daher nicht, dass andere Werkstätten sich an diesen Fagotten mehr oder minder deutlich orientierten. 
Mehr als 60 Fagotte des Instrumentenbauers sind bis zum heutigen Tage erhalten geblieben; einige davon sind auch noch spielbar. In einem For- schungsprojekt an der Hochschule der Künste Bern haben Musikwissen- schaftler Sebastian Werr und Fagottist Lyndon Watts diese Instrumente untersucht und festgestellt, dass eine Entwicklung vom Fagott des späten 18. Jahrhunderts hin zum typischen französischen Basson, mit seinem markanten Klang, zu verzeichnen ist. Verändert habe sich auch die Mechanik; sie wurde von acht auf 17 Klappen erweitert. 
Savary le jeunes Originalinstrumente sind noch heute gesucht – nach- gebaut wurden sie aber bislang nicht. Das wollten die Forschenden ändern, mit dem Ziel, romantische Fagotte für den heutigen Spielbetrieb verfügbar zu machen. Sie fanden ein Savary-Fagott, das sich als Vorbild eignete. Der Schweizer Fagottbauer Walter Bassetto aus Frauenfeld fertigte dann ein Instrument an. Es wird wohl nicht das letzte gewesen sein; die Hochschule jedenfalls will zukünftig jungen Musikern die Auseinander- setzung mit französischer und italienischer Musik jener Zeit in historisch informierter Aufführungspraxis als Vertiefungsrichtung anbieten. 
Auf dieser CD präsentiert Lyndon Watts den Savary-Nachbau; gemeinsam mit Edoardo Torbianelli, Hammerklavier, und Marion Treupel-Franck, Flöte, spielt er Werke von Giuseppe Tamplini (1817 bis 1888), Ludwig van Beethoven (1770 bis 1827), Anton Reicha (1770 bis 1838) und Gioachino Rossini (1792 bis 1868).  

Donnerstag, 23. Juni 2016

Incantations (Genuin)

Eine hinreißende CD hat jüngst das Ensemble Quintessenz veröffentlicht. Das Leipziger Flötenquintett besteht nunmehr seit 20 Jahren – und aus diesem Anlass beschenkt es sein Publikum mit einem magischen Al- bum: Incantations, Beschwörungen, haben die Musiker auf das Cover geschrieben. 
Dieser Titel ist treffend gewählt. Denn der Hörer darf sich auf allerlei Zauberhaftes gefasst machen – so sind beispielsweise die Tänze, von Gioachino Rossinis Tarantella La Danza über Claude Debussys La danse de Puck bis hin zu Camille Saint-Saens' Danse macabre, nicht ohne Hintersinn ausgesucht. Ungarisches Temperament zeigt das Quintett bei Franz Dopplers stimmungsvoller Fantaisie Pastorale Hongroise. Die CD enthält zudem zwei Ersteinspielungen von Werken, die speziell für Quintessenz entstanden sind – Medusa von Anže Rozman und Spells von Ian Clarke. 
Arrangiert hat die Stücke ansonsten Gudrun Hinze. Wie es ihr gelingt, den Klang eines ganzen Orchesters mit nur fünf Flöten zu imitieren, das grenzt mitunter an Magie. Insbesondere ihre Bearbeitung von Felix Mendelssohn Bartholdys Ein Sommernachtstraum ist absolut bezaubernd; die Flöten-Variante begeistert mit Klangfarben und Fluidum. Mit gefällt sie beinahe besser als das Original. Und in den 19 Variationen aus Marin Marais' Les Folies d'Espagne gelingt es Gudrun Hintze sogar, Gambe, Harfe und spanische Rhythmusinstrumente mit dem Flötenensemble anklingen zu lassen. Grandios! 

Montag, 18. April 2016

Rossini - Haydn: Cello Duets (MDG)

Vor einem knappen Vierteljahr- hundert haben David Geringas und Emil Klein Celloduette von Gioacchino Rossini und Joseph Haydn eingespielt. Die beiden Ausnahmecellisten – Geringas ist ein Rostropowitsch-Schüler, Klein wiederum war Geringas' Schüler – zelebrieren sowohl die virtuosen Eskapaden Rossinis als auch die eleganten Duette Haydns mit Sinn für Theatralik, mit Finesse und mit enormer Spielfreude. Besten Dank an das Label Dabringhaus und Grimm, das diese erstklassige Aufnahme nunmehr wieder zugänglich gemacht hat. Grandios! 

Sonntag, 6. April 2014

Rossini: Chamber music with strings and winds (Gallo)

Eine Auswahl an Kammermusik aus der Feder von Gioachino Rossini versammelt diese CD des Schweizer Labels Gallo. Es sind Werke für die verschiedensten Besetzungen. So erklingt beispiels- weise ein Septett für zwei Flöten, Klarinetten und Streichquartett in Weltersteinspielung, aber auch ein Klavierstück mit dem sprechenden Titel Ouf! Les Petits Pois, diverse Arien für zwei Klarinetten oder Ausschnitte aus La Donna del Lago in einem Arrangement für zwei Flöten sind zu hören. Auf zeitgenössischen Instrumenten musi- ziert das Italian Classical Consort. 

mon petit caprice - Rossini piano works (Es-Dur)

In seinen letzten Lebensjahren schrieb Gioachino Rossini (1792 bis 1868) nach langer Schaffens- pause vorwiegend Salonmusik für das Klavier. Das es sich dabei keineswegs um Trivialitäten handelt, wird man beim Anhören dieser CD erkennen. Die Faszina- tion durch Rossinis Alterssünden ereilte den italienischen Pianisten Marco Marzocchi, nachdem er bereits gemeinsam mit Anna Bo- nitatibus eine CD mit Liedern und Arietten des Komponisten einge- spielt hatte. Zum Dank schenkte die Mezzosopranistin ihrem Klavier- begleiter ein umfangreiches Paket Noten – es waren die Péchés de vieillesse. Dieses Sammelsurium ließ Marzocchi nicht wieder los: „Cominciai a sfogliare quelle pagine dapprima con curiosità, poi con crescente stupore, man mano che prendevo consapevolezza del loro artistico. Ero affasionato della musica: un ,colpo di fulmine' che si tramutò ben presto in un'autentia passione“, beschreibt er im Beiheft zu dieser CD seine Begegnung. 
Nun hat er eine Auswahl dieser charmanten Miniaturen bei dem Label Es-Dur eingespielt. Dabei werden die Qualität und der Witz dieser Werke deutlich, die zwar sehr unterhaltsam, aber durchaus nicht seicht und schlicht sind. Hörbar wird zudem das Vergnügen, das sie dem Interpreten bereiten. Wenn freilich Rossini schreibt: „Ich widme diese Alterssünden den Pianisten der vierten Klasse, zu denen dazu- zugehören ich die Ehre habe!“, dann ist das glatt untertrieben. 

Sonntag, 6. Oktober 2013

Opera! - Sharon Kam (Berlin Classics)

„Ich liebe die Oper! Ich gehe ebenso gern in die Oper wie ins Konzert, und ich bewundere diese besondere Art des Musizierens quasi aus der Entfernung“, berich- tet Sharon Kam im Beiheft zu dieser CD. „Andererseits ist die Oper mir aber auch sehr nah, denn mein Mann Gregor ist Operndiri- gent, und gemeinsam hören und studieren wir so ziemlich alles, was bei uns beiden jeweils an- liegt.“ 
Nun hat die Klarinettistin dieser Leidenschaft nachgegeben – und bereichert zugleich das Konzertrepertoire für dieses Instrument um einige attraktive Stücke. Denn für diese CD hat Sharon Kam nicht einfach Arien eingespielt, bei denen die Klarinette den Part der Gesangsstimme übernimmt. Die Arrangeure Andreas N. Tarkmann und Jonathan Seers erstellten für die Musikerin vielmehr Bearbei- tungen, die an die Opernparaphrasen der Romantiker erinnern. „Wichtig war uns dabei immer eine durchdachte Dramaturgie, die neben Bravourstücken auch die großen Gefühle berücksichtigt, die zur Oper gehören“, erläutert Sharon Kam. 
So ist sie in der glücklichen Lage, die teilweise gar nicht so bekannten Melodien in Bearbeitungen vorzustellen, die den Möglichkeiten von Klarinette und Kammerorchester raffiniert angepasst wurden. Dabei wirkt die Solistin mit dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn unter der Leitung seines Chefdirigenten Ruben Gazarian zusammen. Das erweist sich als eine gelungene Kombination, die es der Klarinettistin ermöglicht, ihren Operntraum auszuleben. Kam musiziert temperamentvoll und bringt die Facetten der ausgewählten Musikstücke gekonnt zum Funkeln. Diese CD präsentiert Melodien von Gioachino Rossini, Giuseppe Verdi, Giacomo Puccini, Amilcare Ponchielli und Ermanno Wolf-Ferrari als brillante Konzertstücke für Klarinette – diese Metamorphose ist grandios gut gelungen, und hinreißend musiziert wird obendrein. Unbedingt anhören!  

Mittwoch, 19. Juni 2013

Rossini: Péchés de vieillesse (Naxos)

Nach seiner Einspielung des Gradus ad Parnassum von Muzio Clementi hat sich der italienische Pianist Alessandro Marangoni jetzt bei Naxos einem weiteren bedeu- tenden Zyklus zugewandt, der ebenso selten im Konzert zu hören ist. Gioachino Rossini (1792 bis 1868) schrieb auch nach seinem Rückzug aus dem Operngeschäft weiter Musikstücke. Zusammen- gefasst wurden sie unter dem Titel Péchés de vieillesse, „Sünden des Alters“. Diese Sammlung seiner späten Werke umfasst immerhin 14 Bände; sie enthält Kammermusik ebenso wie diverse Werke für Gesang, und etliche Klavierstücke.
Auf der vorliegenden CD hat Marangoni den Band zwölf daraus ein- gespielt, vom Komponisten überschrieben Quelques riens pour album. Es sind 24 Stücke, und schon diese Zahl lässt erahnen, dass es sich keinesfalls um Nichtigkeiten handelt. Allerdings hat Rossini, an- ders als Bach und Chopin, die er sehr verehrte, keinen geschlossenen Zyklus aufgebaut.
Das heißt allerdings nicht, dass es sich bei den „riens“ um pianistische Hausmannskost handelt. Rossini tafelt auf, mit einer großen Portion Humor und der gewohnten Raffinesse auch bei Zwischengängen. Dabei stellen etliche seiner Werke auch gehobene technische Anfor- derungen; mitunter hat man gar den Eindruck, dass der maestro die Absicht hatte, das Virtuosentum seiner Zeit zu parodieren.
Marangoni präsentiert diese musikalischen Späße mit Witz und mit Können. Dabei nimmt er Rossini ernst; er überzeichnet nicht und überrascht mitunter mit Klängen, die an Chopin erinnern. Sehr hö- renswert! Auf die Fortsetzung darf man gespannt sein.


Freitag, 3. Mai 2013

Duo - Trio - Quartett (Avi-Music)

Eigentlich müsste diese CD "Trio - Duo - Quartett" heißen. Bei diesen Aufnahmen handelt es sich um Mitschnitte von einem ungewöhn- lichen Festival an einem ebenso außergewöhnlichen Ort: "Spannun- gen: Musik im Kraftwerk Heim- bach" findet seit 1998 alljährlich im Juni in einem Wasserkraftwerk statt.
Dabei handelt es sich um ein architektonisch wie technisch überaus beeindruckendes Gebäude, 1904 im Jugendstil errichtet - eine Kathedrale des Fortschrittes in der Eifel, idyllisch gelegen am Ufer eines Stausees. Dort wird zwischen den großen Turbinen die Bühne aufgebaut, auf der dann die Musiker agieren. Und wer diese Mitschnitte aus dem Jahre 2011 angehört hat, der wird bestätigen, dass auch das Motto für diese "Bürgerinitiative für Kammermusik" treffend gewählt ist. 
Zu hören sind Veronika Eberle, Violine, Marie-Elisabeth Hecker, Violoncello, und Martin Helmchen, Klavier, mit einer ebenso kraft- wie geistvollen Interpretation des Klaviertrios B-Dur von Joseph Haydn. Insbesondere Helmchen bezaubert mit seinem eleganten Klavierpart. 
Tanja Tetzlaff und Alois Posch spielen ein Duo für Violoncello und Kontrabass von Gioachino Rossini. Der Komponist hatte es einst für den Kontrabass-Virtuosen Domenico Dragonetti (1763 bis 1841) und dessen Partner, den Cellisten Robert Lindley, geschaffen. So vereint das Werk hohe Ansprüche an die Virtuosität der beiden Solisten und unerwartet dramatische Passagen - ein Salonstück ist das jedenfalls nicht. 
Antje Weithaas und Christian Tetzlaff, Violine, Rachel Roberts, Viola, und Tanja Tetzlaff, Violoncello, sind abschließend mit einer berük- kend intensiven Einspielung von Franz Schubers Streichquartett Der Tod und das Mädchen zu erleben. Diese Mitschnitte zeugen durchweg vom exzellenten musikalischen Niveau des Festivals - und wer die Chance dazu hat, der sollte die Konzerte dort unbedingt besuchen. Es lohnt sich! 

Donnerstag, 14. März 2013

Il Convegno (Telos Music)

Il Convegno - Die Zusammenkunft oder aber auch Das Stelldichein - heißt ein berühmtes Werk, das der italienische Komponist Amilcare Ponchielli 1868 geschrieben hat, als er noch das Orchester der Stadt Cremona leitete. Deshalb entstand dieses Stück, das bis heute als das Paradestück für Klarinettenduo schlechthin gilt, für die Bläser- solisten und die sogenannte Banda, die typisch italienische Blaskapelle.
Wenn der WDR eigens für die beiden Klarinettisten Andy Miles und Dirk Schultheiß eine Orchesterfassung erstellen lässt, dann hat dies seinen Grund: "Sie sind Mitglieder des WDR Rundfunkorchesters Köln, sprechen und musizieren nach fünfzehn gemeinsamen Dienst- jahren immer noch miteinander, trinken hin und wieder miteinander ein Glas Wein im privaten Rahmen UND musizieren freiwillig und gerne zusammen", so beschreibt ihn Dirk Schultheiß im Begleitheft zu dieser CD.
Ähnlich sonnige Laune verbreitet die Silberscheibe - auch wenn leider nicht durchweg die beiden Virtuosen zu hören sind. "Da die beiden Musiker der Meinung sind, dass Musik für zwei Klarinetten in einer Dauer von sechzig bis siebzig Minuten schwer erträglich ist, haben sie zu den Klarinettenkompositionen korrespondierende Orchesterwerke ausgesucht - alles Aufnahmen mit dem WDR Rundfunkorchester Köln", so Schultheiß.
So ergibt sich eine Zusammenstellung von Aufnahmen, die aus den Jahren 1999 bis 2009 stammen. Zu hören sind zwei Konzertstücke für Klarinette, Bassethorn und Orchester von Felix Mendelssohn Bartholdy, unterbrochen durch das Nocturne aus dem Sommer- nachtstraum. Die Konzertstücke erinnern an die enge Freundschaft zwischen dem Komponisten und zwei Musikern - Heinrich Baermann (1784 bis 1847) und sein Sohn Carl, der wohl auch mit dem Kochlöffel virtuos umzugehen wusste. Denn auf das Titelblatt des einen Stückes schrieb Mendelssohn Bartholdy die launige Widmung "Die Schlacht von Prag. Ein großes Duett für Dampfnudel und Rahmstrudel".
Von Wolfgang Amadeus Mozart erklingen die Ouvertüre zur Oper Titus sowie der zauberhafte Quintettsatz A-Dur KV Anhang 90 für Klarinette, Bassethorn und Streichtrio - leider hat Mozart dieses Werk nicht vollendet, so dass wir uns heute mit dem Fragment bescheiden müssen.
Ob das charmante Konzertstück für zwei Klarinetten und Orchester, der darauf folgt, wirklich von Giaccomo Rossini stammt, das ist nicht unumstritten. Für den Hörer, der daran sein Vergnügen hat, ist dies aber unerheblich. Und Hörvergnügen bereitet diese CD unbestreit- bar. Die beiden Solisten musizieren gekonnt, mit phantastischem Ton und mit hohem Engagement. Ihre Leidenschaft für das Instrument ist zu spüren - und zugleich nimmt man erfreut wahr, dass Miles und Schultheiß offenbar die Gemeinschaft, das Zusammenspiel,  wichtiger nehmen als ihre Virtuosenpersönlichkeit. So ergänzten sie auch hier das durch Klarinetten dominierte Werk um Rossinis Ouvertüre zur Oper Die diebische Elster. Danach folgt Ponchiellis Il Convegno - was für ein Feuerwerk an Musikalität und Musizierlust!

Sonntag, 3. März 2013

Rossini: L'occasione fa il ladro (Naxos)

"Gelegenheit macht Diebe", so ist wohl der Titel dieser Oper zu übersetzen. Sie gehört zu einer Reihe von Opern, die Gioachino Rossini (1792 bis 1868) für das Teatro San Moisè in Venedig geschrieben hat. "Sie können sich rühmen, einen Jungen aufgezogen zu haben, der in wenigen Jahren der Glanz Italiens sein wird", rühmte Impresario Antonio Cera in einem Brief an Rossinis Mutter das Talent des jungen Komponi- sten - und bestellte gleich drei weitere Werke bei ihm. Dieser Vertrag erleichterte Rossini den Start, aber letzten Endes wurde es für ihn sehr schwierig, ihn auch zu erfüllen, weil er unterdessen Aufträge aus Ferrara, Mailand und Bologna erhalten hatte. L'occasione fa il ladro komponierte er schließlich notgedrungen in elf Tagen.
Gelungen ist das Werk trotzdem; die Musik ist temperamentvoll, mitreißend und witzig. Die Handlung beginnt mit einem heftigen Gewitter. In einem kleinen Hotel warten Reisende darauf, dass das Unwetter zu Ende geht. Insbesondere Graf Alberto hat es eilig, denn er will in Neapel seine Verlobte Berenice heiraten, die er aber noch nie zu Gesicht bekommen hat. Als er dann aufbricht, um seine Reise fortzusetzen, verwechselt sein Diener die Koffer. Don Parmenione ist zunächst nicht erfreut darüber, dass ihm das Gepäck abhanden gekommen ist - doch dann lässt er sich von seinem Diener Martino überreden, einen Blick in den Koffer des Grafen zu werfen.
In dem Koffer finden sie das Portrait einer schönen Frau, und sie vermuten, dass es sich um das Bildnis der zukünftigen Gräfin handelt. Nun zieht es auch Don Parmenione nach Neapel. Er will sich dort als Graf Alberto auszugeben, und rasch selbst die Dame ehelichen, bevor ihm jemand auf die Schliche kommt. Im Hause der Marchesa Berenice wird der Bräutigam schon ungeduldig erwartet. Doch die Braut ist gar nicht zufrieden damit, dass sie einen Unbekannten heiraten soll. Und wird beschlossen, dass sie für das erste Treffen mit ihrer Zofe und Vertrauten Ernestina Kleider und Rolle wechseln wird.
Der Leser wird es schon ahnen: Das Pärchen, das nun aufeinander trifft, verliebt sich Hals über Kopf ineinander. Das gibt Anlass zu allerlei Durcheinander, zumal nun auch noch der echte Bräutigam eintrifft. Heftige Szenen, irrwitziges Chaos, grandiose Ensembles - das ist Rossini vom Feinsten. Und auch die Sänger haben daran hörbar Vergnügen. Das liegt nicht zuletzt mit am Dirigenten Antonino Fogliani, der trotz all der Verwicklungen hier und da sogar Freiraum für Zwischentöne findet, und mit der sehr ordentlich musizierenden Württembergischen Philharmonie Reutlingen die Sänger zuverlässig durch das rasante Stück geleitet. Wer eine Aufnahme sucht, die durch Witz und durch Spielfreude überzeugt, der wird an diesem Live-Mitschnitt vom XVII. Rossini in Wildbad Festival aus dem Jahre 2005 Vergnügen haben.  

Freitag, 1. Februar 2013

Rossini: La gazzetta (Naxos)

Ein reicher Kaufmann aus Neapel schafft es nicht, seine Tochter unter die Haube zu bringen. Er reist nach Paris - und er setzt eine Annonce in die Zeitung, Bewerber mögen sich doch bitte melden. Dass Verwirrung da nicht aus- bleibt, versteht sich von selbst. 
Das Libretto, das ursprünglich den Namen Il matrimonio per concor- so trug, ist wie geschaffen für Gioachino Rossini (1792 bis 1868), den Großmeister des musikali- schen Trubels. Umso erstaunlicher erscheint es, dass der maestro zunächst Bedenken hatte: "Der neapo- litanische Dialekt, den ich nicht besonders gut verstehe, bildet den Dialog und die Entwicklung dieser Handlung, wird mir der Himmel beistehen?", grübelte der Komponist in einem Brief aus dem Jahre 1816 an seine Mutter. Doch die Premiere wurde ein Erfolg. Und man wundert sich, dass man diese komische Oper noch nie auf der Bühne erlebt hat. Denn sie hat alles, was ein solches Werk ausmacht: Große Gefühle, großes Durcheinander und großartige Musik. Einige Abschnitte freilich kommen dem Opernfreund bekannt vor - und das ist kein Irrtum, sondern Methode. Denn Rossini übernahm gern Passagen aus seinen eigenen Werken, passte sie an und entwickelte die musikalische Substanz zugleich weiter. 
Diese Tatsache ermöglichte in diesem Falle die Rekonstruktion eini- ger Szenen, die zwar im Textbuch überliefert sind, zu denen aber die Musik verloren gegangen war. Die gefundene Lösung überzeugt, und das internationale Ensemble, das die Oper 2007 auf dem XIX. Rossini in Wildbad-Festival vorgestellt hat, hat an dem Verwirrspiel hörbar Vergnügen. Die Namen der zahlreichen Mitwirkenden aufzulisten, darauf sei an dieser Stelle verzichtet. Auch wenn die Sänger und Musiker nicht zu den bekannten Stars gehören - sie machen ihre Sache sehr ordentlich, und diese Aufnahme wird hier deshalb auch empfohlen.