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Samstag, 10. Juli 2021

Bach: Eternity / Praise (Deutsche Harmonia Mundi)

 


Nach den Lutherkantaten, denen sich Christoph Spering mit seinen Ensembles Chorus Musicus Köln und Das Neue Orchester zum Reformationsjahr 2017 zugewandt hatte, sind mittlerweile bei der Deutschen Harmonia Mundi die beiden nächsten Doppel-CD mit Kompositionen Johann Sebastian Bachs aus dem Choralkantaten-Jahrgang 1724/25 erschienen. 

Eternity enthält O Ewigkeit, du Donnerwort BWV 20, Wer nur den lieben Gott lässt walten BWV 93, Ach Gott, wie manches Herzeleid BWV 3, Meine Seele erhebt den Herrn BWV 10, Du Friedefürst, Herr Jesu Christ BWV 116 und Meinen Jesum lass ich nicht BWV124. Das neuere Album mit dem Titel Praise fasst auf ebenfalls zwei CD die Kantaten Lobe den Herren, den mächtigen König BWV 137, Wachet auf, ruft uns die Stimme BWV 140, Ach wie flüchtig, ach wie nichtig BWV 26, Jesu, nun sei gepreiset BWV 41, Mache dich, mein Geist bereit BWV 115, und Christus, der ist mein Leben BWV 95 zusammen. 

Bach-Einspielungen gibt es viele. Diese hier kann mit exzellenten Solisten begeistern. Zu hören sind Dorothee Mields, Sopran, Olivia Vermeulen, Alt, Georg Poplutz und Benedikt Kristjánsson, Tenor, sowie Daniel Ochoa und Tobias Berndt, Bass. Textausdeutung ist allerdings nicht die Stärke dieser Aufnahme; Spering verzichtet darauf, die rhetorischen Qualitäten der Musik herauszuarbeiten. Ich hatte mir mehr erhofft; schade! 


Donnerstag, 1. Dezember 2016

Bach: Luther-Kantaten (Deutsche Harmonia Mundi)

Das Luther-Jahr hat soeben begon- nen – und schon sind die ersten CD auf dem Markt, die den Reformator und sein Erbe feiern. Ein sehr gelungenes Projekt präsentiert nun das Label Deutsche Harmonia Mundi: Christoph Spering hat das Reformationsjubiläum zum Anlass genommen, die dreizehn „Luther-Kantaten“ von Johann Sebastian Bach neu einzuspielen. 
Das ist wahrlich eine würdige Form des Gedenkens: „Ich wünsche gewiß von Herzen, daß Jedermann die göttliche und vortreffliche Gabe, die Musik, sich einloben und angepriesen sein ließe. Wiewohl ich werde von der Menge und Größe ihrer guten Eigenschaften gleichsam überschüttet, daß ich weder Anfang, noch Ende, noch ein Maß meiner Rede finden kann; und bei der großen Menge des Lobes muß ich doch ein nüchterner und armseliger Lobredner derselben sein“, verkündete einst der Reforma- tor. Martin Luther, der im Jahre 1517 seine berühmten Thesen in Wittenberg an die Kirchentüre genagelt haben soll, mit den bekannten Folgen, hat nicht nur die Bibel übersetzt, viele theologische Streitschriften verfasst und unzählige Briefe in alle Himmelsrichtungen geschickt. 
Luther wollte eine singende Kirche – und er hat daher Lieder für das Kirchenvolk geschrieben. Mitunter hat er einfach bekannten Melodien einen neuen Text gedichtet, der den Glauben, wie Luther ihn verstanden haben wollte, auf den Punkt bringt. Manchmal hat er aber auch ein komplettes Lied geschrieben; wie das bekannte Vom Himmel hoch da komm ich her. So sind mehr als 30 deutsche Kirchenlieder entstanden, die in Gesangbüchern abgedruckt und verbreitet wurden; etliche davon werden noch heute im Gottesdienst gesungen. Dazu trugen auch die Kirchenmusi- ker um „Urkantor“ Johann Walter sowie der nachfolgenden Generationen bei. Die Kantoren der evangelischen Kirche schätzten Luthers Lieder hoch und hielten sie über die Jahrhunderte in Chor- und Orgelsätzen, Bearbei- tungen und in Neuvertonungen präsent. 
In dieser Tradition stand auch die Familie Bach. Mit Luthers Chorälen, wie Nun komm, der Heiden Heiland, Ein feste Burg ist unser Gott oder Mit Fried und Freud ich fahr dahin ist Johann Sebastian Bach in Thüringen aufgewachsen. Sie gehörten ebenso selbstverständlich zu den Grundlagen seines musikalischen Schaffens wie etwa die Regeln des Kontrapunktes. 
Spering hat aus den mehr als 200 überlieferten Bach-Kantaten jene herausgesucht, die sich durch einen besonders engen Bezug zu Luthers Kirchenliedern auszeichnen. Einige davon hat Bach bereits in Mühlhausen und in Weimar komponiert; die meisten aber entstammen dem sogenann- ten Choralkantaten-Jahrgang, den Bach 1724/25 in seinem zweiten Leipziger Amtsjahr geschaffen hat. Mit einer Besetzung aus überwiegend jungen Vokalsolisten sowie seinen beiden Ensembles Chorus Musicus Köln und Das Neue Orchester hat Spering Bachs Kantaten erkundet. 
Dafür hat er die Quellen sorgsam studiert, und dann für jedes einzelne Werk eine individuelle Interpretation erarbeitet. Im Beiheft wird kurz und nachvollziehbar erläutert, aus welchen Gründen Spering jeweils seine Entscheidungen getroffen hat. Oberster Grundsatz war, den Verstand zu gebrauchen – und Dogmen zu meiden. So besetzt Spering in den beiden früheren Kantaten Christ lag in Todes Banden (BWV 4; 1707) und Nun komm, der Heiden Heiland (BWV 61; 1714) sämtliche Stimmen solistisch. Ansonsten orientiert sich die Besetzung in Chor und Orchester bei den Leipziger Kantaten an den Vorschlägen, die Bach in seiner Denkschrift „Kurtzer, iedoch höchstnöthiger Entwurff einer wohlbestallten Kirchen Music“ von 1730 äußerte. Darin wünschte er sich für die Figuralmusik neben den Concertisten noch acht Ripienisten, also zusätzliche Sänger, die in den Chören die Solisten unterstützen. 
Die Choräle sieht Christoph Spering als wesentliche Stücke, die die Gemeinde in die Kantaten mit einbeziehen. Das Publikum soll über den Text nachdenken – und deshalb wählt der Dirigent bewusst gemächliche Tempi, und lang ausgehaltene Fermaten als Ruhepunkte. Auch bei den Secco-Rezitativen setzt Spering ganz eigene Akzente; sie werden in einigen Kantaten nicht mit kurz angestoßenem und verklingendem Basston begleitet, sondern mit einem bleibenden, solide im Raum stehenden Generalbass-Fundament untersetzt – und zwar mit einem satten 16-Fuß-Fundament. Das klingt zunächst etwas altmodisch, aber es hat seine Reize, und ist durchaus eine Überlegung wert. 
Auch die Orgel rückt Christoph Spering wesentlich stärker in den Mittel- punkt, als man das üblicherweise gewohnt ist: „Johann Sebastian Bach war nicht nur von seiner Ausbildung, sondern auch von seinem Selbst- verständnis her in erster Linie Organist“, begründet der Dirigent seine Entscheidung im Beiheft. Dazu passt eine kleine Truhenorgel, wie sie in der historischen Aufführungspraxis derzeit üblich ist, in der Tat schlecht. Und so darf bei dieser Einspielung die Orgel deutlich hervortreten. Sie bleibt trotzdem Continuo – aber ein markantes, interessantes. Das verwendete Instrument, über das man leider nichts erfährt, entspreche in seinen Dimensionen ungefähr dem Brustwerk des Leipziger Exemplars zu Bachs Zeiten, so Spering. Die Orgel wird mitunter durch ein Cembalo ergänzt; allerdings geschieht dies ebenfalls nicht durchgängig, sondern wohlüberlegt in ausgewählten Kantaten, was den Klang sehr reizvoll auffächert. 
Die Vier-CD-Box hält also musikalisch so manche Überraschung bereit. Ein würdiger Auftakt zum Luther-Jahr – und ein spannender Beitrag zur Weiterentwicklung einer historischen Aufführungspraxis, die leider derzeit gelegentlich aus dem Blick verliert, dass Regeln kein Selbstzweck sind. Wenn aber ein Konzept zur reinen Lehre erstarrt, dann kann Provokation nur voranbringen. 

Mittwoch, 20. April 2016

Bach: Ein feste Burg ist unser Gott (Deutsche Harmonia Mundi)

Die Spuren einer ganz erstaunlichen Manipulation präsentiert Christoph Spering mit seinen Ensembles Das Neue Orchester und Chorus Musicus Köln auf dieser CD. Ein feste Burg ist unser Gott von Johann Sebastian Bach beruht auf dem berühmten Choral von Martin Luther, und gehört zu den bekanntesten Kantaten des einstigen Leipziger Thomaskantors. 
Auf dieser CD erklingen zum ersten Mal alle bekannten Versionen der Kantate
Ihre Geschichte beginnt in Weimar, wo Bach vermutlich im Jahre 1715 eine Kantate über Ein feste Burg ist unser Gott komponierte – Alles, was von Gott geboren BWV 80a; ihre Musik ist nicht überliefert. In Leipzig arbeitete Bach dann dieses Werk um zu einer Choralkantate BWV 80b, von der ein vierstimmiger Eingangschoral komplett sowie ein weiterer Satz als Fragment erhalten geblieben sind. In späteren Jahren entstand daraus die Kantate Ein feste Burg ist unser Gott BWV 80. 
Wilhelm Friedemann Bach, der älteste Bach-Sohn, hat dann zwei mar- kante Sätze zu lateinischen Hymnen umgestaltet – Manebit verbum Domini und Gaudete, omnes populi. Dazu hat er der Musik seines Vaters den neuen Text unterlegt, und einen dreistimmigen Trompetenchor mit Pauken hinzugefügt. 
In der Notenedition Sämtliche Werke Johann Sebastian Bachs, 1850 zum hundertsten Todestag des Komponisten gestartet, ist die Kantate im Jahre 1870 erschienen. Die Herausgeber machten daraus, ganz im Zeitgeist, ein festlich-heroisches Opus – indem sie die Version des Bach-Sohnes ver- wendeten, die sie wiederum mit dem Text der originalen Bach-Kantate versahen. Seitdem wird Ein feste Burg ist unser Gott mit Pauken und Trompeten aufgeführt, zur Erhebung des Kirchenvolkes und zum patheti- schen Preis des deutschen Protestantismus. 
Spering gestaltet mit dieser Einspielung zugleich eine kritische Bestands- aufnahme der gegenwärtigen Aufführungspraxis. „Interpretiert wird, was gefällt, um es pauschal zu sagen: weit, schnell. Laut und gefühlig“, fasst es der Dirigent im Beiheft zusammen. „Man könnte es weiter zuspitzen: Die Wucht der Massenchöre ist schon längst durch schnelle oder individuelle Tempi ersetzt worden.“ 
Spering wiederum lässt die Version aus dem 19. Jahrhundert bewusst subjektiv musizieren, in erster Linie auf Effekte zielend. Bachs Original hingegen erklingt puristisch, so der Dirigent, „mehr auf Affekte und das Wort beziehungsweise auf den Satzsinn hin angelegt.“ Dazu setzt sich Spering sogar über die Neue Bach-Ausgabe hinweg; er verzichtet bei der Choralstrophe Und wenn die Welt voll Teufel wär auf die Oboen und auf den Chor, und lässt sie nur durch die die Solisten singen. Um die Unter- schiede deutlich herauszuarbeiten, setzt er zudem in den beiden Versionen jeweils andere Solisten ein. Ein musikalisches Erkundungsprojekt mit durchaus überraschenden Resultaten – man traue keiner Notenedition! Für diese Erkenntnis muss man dem Label Deutsche Harmonia Mundi sowie dem Deutschlandfunk, der diese Koproduktion mit ermöglicht hat, sehr dankbar sein.

Donnerstag, 11. Februar 2016

C.P.E. Bach: Die Israeliten in der Wüste (Deutsche Harmonia Mundi)

Einer der Höhepunkte des Bachfestes Leipzig 2014 war die Aufführung des Oratoriums Die Israeliten in der Wüste von Carl Philip Emanuel Bach (1714 bis 1788) mit den Ensembles Chorus Musicus Köln und Das Neue Orchester unter der Leitung von Christoph Spering. 
Ein Mitschnitt dieses Konzertes liegt nun auf CD vor – und er macht noch einmal deutlich, was für ein Ereignis diese Aufführung in der Nikolaikirche warDie Kölner würdigten damit den 300. Geburtstag des berühmtesten der Bach-Söhne. Carl Philipp Emanuel Bach wirkte zunächst als Cembalist am Hofe Friedrichs des Großen; 1768 wurde er dann als Nachfolger seines Taufpaten Georg Philipp Telemann städtischer Musikdirektor und Kantor am Johanneum in Hamburg. Die Israeliten in der Wüste entstand 1768/69 als Auftragskomposition zur Einweihung der neu errichteten Lazarus-Kirche in Hamburg. Das Werk zeigt zunächst das in der Wüste herumirrende, murrende Volk Israel – durstig, entmutigt und auf Moses nicht besonders gut zu sprechen. Doch Moses erbarmt sich, und fleht in einer grandiosen Arie zu Gott, der auch prompt das ersehnte Wasser aus einem Felsen am Berg Horeb fließen lässt. Das ist der Wendepunkt des Oratoriums. Nach dem Wunder Gottes folgt aber nicht schlicht ein finaler Dankeschor, sondern eine komplette zweite Hälfte voll Reflektion und Lobpreis. Und letztendlich stimmt in Form einer Choralstrophe auch die Christenheit mit ein. Moses selbst hat zuvor auf den kommenden Erlöser verwiesen. Getragen wird die Handlung zudem von ausdrucksstarken Chören, nebst zwei Solistinnen, die quasi aus der Volksmasse hervortreten, und einem Tenor, im ersten Teil Aaron, im zweiten schlicht „Eine Stimme“, der wie ein Moderator bemüht ist, das Geschehen zu lenken. 
Bach merkte an, dass sein Oratorium „nicht just bey einer Art von Feyerlichkeit, sondern zu allen Zeiten, in und außer der Kirche“ gespielt werden könne. Auch Händel hatte seine Werke weniger für den kirchlichen Gebrauch als vielmehr für den Konzertsaal geschrieben – ein Trend, der geistliche Musik in völlig neue Räume und Wirkungszusammenhänge bringen sollte. 
Spering allerdings belässt Bachs Opus im kirchlichen Raum. Mit seinem exzellenten Chor und dem Neuen Orchester, ebenfalls bestens besetzt mit Experten aus dem Bereich der historischen Aufführungspraxis, interpretiert er das Oratorium unter Verwendung der neuesten textkritischen Partitur- ausgabe. Er hat einen ausgesprochen wachen Sinn für musikalische Strukturen – und er schaut zugleich genauestens auf Details. So gibt die Neuausgabe Einblick in die Musizierpraxis jener Jahre, insbesondere auf die Auszierung von Da-capo-Arien: „Denn in die Neuausgabe ist zum Beispiel auch das überlieferte Stimmheft der 2. Sopranistin eingegangen, in das Carl Philipp Emanuel Bach selbst diese Verzierungen eingetragen hatte“, erläutert Christoph Spering im Beiheft zu dieser CD. Nach diesem Vorbild hat Spering gemeinsam mit dem Solistenensemble – Anja Petersen, Sarah Maria Sun, Daniel Johannsen und Johannes Weisser – auch für die anderen Partien die entsprechende Ornamentierung erarbeitet. Gesungen wird sehr präzise, und man staunt, wieviel Wirkung das bringt. 
„Bei meiner Interpretation habe ich mich übrigens bewusst nicht auf die Verhältnisse der Hamburger Kirchenmusik zur Carl Philipp Emanuel Bachs Zeit bezogen, sondern eine mittelgroße Besetzung gewählt, mit der man alle Ausdrucksmöglichkeiten des Werkes farbiger zeichnen kann“, schreibt der Dirigent. All das macht diese Aufnahme abwechslungsreich. Spering gelingt es, Empfindsamkeit nicht gefühlig werden zu lassen; Kon- templation und Spannung sind ja bekanntlich kein Gegensatz. Unbedingt anhören! 

Mittwoch, 9. Juli 2014

Bach: Solokantaten für Bass (Oehms Classics)

„Bach die Ehre zu geben, ist mein vorrangiges Ziel“, schreibt Diri- gent Christoph Spering im Beiheft zu dieser CD. „So richte ich meine Arbeit an diesen Kantaten darauf aus, möglichst intensiv den kom- positorischen und interpretato- rischen Absichten Bachs nachzu- spüren.“ Das reicht ganz allgemein von der Besetzung bis zum klein- sten Detail im Zusammenwirken von Sängern und Musikern. 
Das Ergebnis verblüfft: Die CD erweist sich als eine der wenigen wirklich rundum überzeugenden Aufnahmen von Bach-Kantaten. Wenn Labelchef Dieter Oehms dazu erklärt hat, die Kantate Ich will den Kreuzstab gerne tragen habe er in seinem ganzen Leben noch nie so eindringlich gehört, wie in der Interpretation von Thomas E. Bauer, dann kann ich dies nur bestäti- gen. Der Bariton verzichtet vollkommen auf Pathos, und singt über einem jeweils durchlaufenden Grundtempo wundervolle Barock-Arien und intelligent gestaltete Rezitative. Spering führt Das Neue Orchester und den Chorus Musicus Köln wohlüberlegt und sehr ausgewogen, präzise und natürlich historisch informiert. So steht Bachs Musik im Vordergrund, und sie beginnt, überaus eindrucksvoll zu sprechen. Das ist große Kunst – vielen Dank für diese Sternstunde!