St. Florian aber blieb Bruckner verbunden; in der Gruft der Stiftskirche wurde er auch begraben, und Bruckner-Verehrer aus aller Welt pilgern bis heute nach St. Florian. Die Werke allerdings, die Bruckner während seiner Zeit in St. Florian schuf, werden bis heute wenig beachtet – einige sind wohl noch nicht einmal ediert. Das ändert sich erst jetzt; so hat Benjamin-Gunnar Cohrs die Notenedition für dieses CD-Projekt erstellt. Der Rias Kammerchor präsentiert Bruckners Missa Solemnis in Weltersteinspielung, unter Leitung von Łukasz Borowicz gemeinsam mit der Akademie für Alte Musik und Johanna Winkel, Sophie Harmsen, Sebastian Kohlhepp und Ludwig Mittelhammer als vorzüglichem Solistenquartett. Die historische Aufführungspraxis schließt in diesem Falle auch die ergänzenden Propriumsvertonungen von Robert Führer, Joseph Eybler und Johann Baptist Gänsbacher mit ein, die von Cohrs in aufwendigen Archivrecherchen ausfindig gemacht und ebenfalls mit ediert wurden. So gibt diese CD in einzigartiger Weise Auskunft über die Klangwelt, in der sich Bruckner einst in St. Florian bewegte. Sehr spannend!
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Dienstag, 18. Februar 2020
Bruckner: Missa Solemnis (Accentus)
Dem Augustinerstift St. Florian war Anton Bruckner (1824 bis 1896) sehr verbunden. Nach dem Tode seines Vaters, der Dorfschullehrer war und erst 46 Jahre alt, wurde er dort 1837 Sängerknabe. Drei Jahre später verließ er das Stift und absolvierte eine Lehrerausbildung; 1845 kehrte er dann als Schulgehilfe an der Pfarrschule, Gehilfe des Stiftsorganisten sowie als Musiklehrer der Sängerknaben nach St. Florian zurück. Die Missa Solemnis komponierte Bruckner 1854 zum Amtsantritt des neuen Prälaten Friedrich Mayr. Doch Bruckner blieb, wie schon seit 1850, provisorischer Stiftsorganist. 1855 starb der Organist des Linzer Domes; Bruckner bewarb sich, und wurde dessen Nachfolger.
St. Florian aber blieb Bruckner verbunden; in der Gruft der Stiftskirche wurde er auch begraben, und Bruckner-Verehrer aus aller Welt pilgern bis heute nach St. Florian. Die Werke allerdings, die Bruckner während seiner Zeit in St. Florian schuf, werden bis heute wenig beachtet – einige sind wohl noch nicht einmal ediert. Das ändert sich erst jetzt; so hat Benjamin-Gunnar Cohrs die Notenedition für dieses CD-Projekt erstellt. Der Rias Kammerchor präsentiert Bruckners Missa Solemnis in Weltersteinspielung, unter Leitung von Łukasz Borowicz gemeinsam mit der Akademie für Alte Musik und Johanna Winkel, Sophie Harmsen, Sebastian Kohlhepp und Ludwig Mittelhammer als vorzüglichem Solistenquartett. Die historische Aufführungspraxis schließt in diesem Falle auch die ergänzenden Propriumsvertonungen von Robert Führer, Joseph Eybler und Johann Baptist Gänsbacher mit ein, die von Cohrs in aufwendigen Archivrecherchen ausfindig gemacht und ebenfalls mit ediert wurden. So gibt diese CD in einzigartiger Weise Auskunft über die Klangwelt, in der sich Bruckner einst in St. Florian bewegte. Sehr spannend!
St. Florian aber blieb Bruckner verbunden; in der Gruft der Stiftskirche wurde er auch begraben, und Bruckner-Verehrer aus aller Welt pilgern bis heute nach St. Florian. Die Werke allerdings, die Bruckner während seiner Zeit in St. Florian schuf, werden bis heute wenig beachtet – einige sind wohl noch nicht einmal ediert. Das ändert sich erst jetzt; so hat Benjamin-Gunnar Cohrs die Notenedition für dieses CD-Projekt erstellt. Der Rias Kammerchor präsentiert Bruckners Missa Solemnis in Weltersteinspielung, unter Leitung von Łukasz Borowicz gemeinsam mit der Akademie für Alte Musik und Johanna Winkel, Sophie Harmsen, Sebastian Kohlhepp und Ludwig Mittelhammer als vorzüglichem Solistenquartett. Die historische Aufführungspraxis schließt in diesem Falle auch die ergänzenden Propriumsvertonungen von Robert Führer, Joseph Eybler und Johann Baptist Gänsbacher mit ein, die von Cohrs in aufwendigen Archivrecherchen ausfindig gemacht und ebenfalls mit ediert wurden. So gibt diese CD in einzigartiger Weise Auskunft über die Klangwelt, in der sich Bruckner einst in St. Florian bewegte. Sehr spannend!
Dienstag, 3. Dezember 2019
Schubert: Elysium (Genuin)
Nun ist sie komplett, die Gesamteinspielung aller Werke für Männerchor von Franz Schubert durch die Camerata Musica Limburg. Was für ein Projekt! Seit 2015 folgte CD auf CD, und jedesmal wieder erfreuten die Chorsänger mit ihrem makellosen, strahlenden, perfekt homogenen Chorklang. Da ist deutlich zu spüren, dass die Mitwirkenden schon viele Jahre in bester Harmonie zusammen singen, und zugleich vom Kinderalter an eine solide Ausbildung erfahren haben.
Das Vokalensemble, geleitet von Jan Schumacher, ist aus den Limburger Domsingknaben hervorgegangen. Mittlerweile bestehen die Camerata Musica Limburg seit gut 20 Jahren. Sie musizieren nach wie vor auf allerhöchstem Niveau, und konnten zudem offenbar auch die freundschaftliche Verbindung aus der gemeinsamen Zeit im Knabenchor aufrecht erhalten. Man spürt es jedenfalls, dass sie sich schon sehr lange kennen und ausgezeichnet verstehen.
Und es ist wunderbar, dass diese Herren auch nach dem Stimmbruch weiter Lust auf Chorgesang hatten. Denn es gibt heute nicht mehr sehr viele Ensembles, die sich an alle Lieder Schuberts wagen können. So verwundert es auch nicht, dass die Camerata Musica Limburg mittlerweile mehrfach zur Schubertiade in Schwarzenberg und Hohenems eingeladen worden sind. Schließlich sind gerade die Chöre, die Schubert oftmals für seine Freunde geschrieben hat, ein zentraler Bestandteil seines Werkes. Und so freut man sich über die umfassende Einspielung, die nun mit dem sechsten und letzten Teil bis in die Gegenwart weist.
„Perspectives on Schubert“ setzt Lieder der Romantiker in spannungsvolle Beziehung zu Werken, die zeitgenössische Komponisten eigens für dieses CD-Projekt geschaffen haben. Diese Produktion vereint Bearbeitungen ebenso wie Stücke, die Schuberts Chorsätze reflektieren. Das reicht von den Arrangements Friedrich Silchers und Johannes Brahms' über Franz Abt und Peter Cornelius bis hin zu Ersteinspielungen, etwa von Mårten Jansson, Alwin Schronen, Nicola Campogrande, Thomas Thurnher oder Christopher Tarnow. Beauftragt wurden dafür Komponisten, die dem Ensemble persönlich bekannt waren. Entstanden ist auf diesem Wege eine hochinteressante CD, die die Reihe würdig komplettiert. Bravi!
Das Vokalensemble, geleitet von Jan Schumacher, ist aus den Limburger Domsingknaben hervorgegangen. Mittlerweile bestehen die Camerata Musica Limburg seit gut 20 Jahren. Sie musizieren nach wie vor auf allerhöchstem Niveau, und konnten zudem offenbar auch die freundschaftliche Verbindung aus der gemeinsamen Zeit im Knabenchor aufrecht erhalten. Man spürt es jedenfalls, dass sie sich schon sehr lange kennen und ausgezeichnet verstehen.
Und es ist wunderbar, dass diese Herren auch nach dem Stimmbruch weiter Lust auf Chorgesang hatten. Denn es gibt heute nicht mehr sehr viele Ensembles, die sich an alle Lieder Schuberts wagen können. So verwundert es auch nicht, dass die Camerata Musica Limburg mittlerweile mehrfach zur Schubertiade in Schwarzenberg und Hohenems eingeladen worden sind. Schließlich sind gerade die Chöre, die Schubert oftmals für seine Freunde geschrieben hat, ein zentraler Bestandteil seines Werkes. Und so freut man sich über die umfassende Einspielung, die nun mit dem sechsten und letzten Teil bis in die Gegenwart weist.
„Perspectives on Schubert“ setzt Lieder der Romantiker in spannungsvolle Beziehung zu Werken, die zeitgenössische Komponisten eigens für dieses CD-Projekt geschaffen haben. Diese Produktion vereint Bearbeitungen ebenso wie Stücke, die Schuberts Chorsätze reflektieren. Das reicht von den Arrangements Friedrich Silchers und Johannes Brahms' über Franz Abt und Peter Cornelius bis hin zu Ersteinspielungen, etwa von Mårten Jansson, Alwin Schronen, Nicola Campogrande, Thomas Thurnher oder Christopher Tarnow. Beauftragt wurden dafür Komponisten, die dem Ensemble persönlich bekannt waren. Entstanden ist auf diesem Wege eine hochinteressante CD, die die Reihe würdig komplettiert. Bravi!
Donnerstag, 1. Dezember 2016
Bach: Luther-Kantaten (Deutsche Harmonia Mundi)
Das Luther-Jahr hat soeben begon- nen – und schon sind die ersten CD auf dem Markt, die den Reformator und sein Erbe feiern. Ein sehr gelungenes Projekt präsentiert nun das Label Deutsche Harmonia Mundi: Christoph Spering hat das Reformationsjubiläum zum Anlass genommen, die dreizehn „Luther-Kantaten“ von Johann Sebastian Bach neu einzuspielen.
Das ist wahrlich eine würdige Form des Gedenkens: „Ich wünsche gewiß von Herzen, daß Jedermann die göttliche und vortreffliche Gabe, die Musik, sich einloben und angepriesen sein ließe. Wiewohl ich werde von der Menge und Größe ihrer guten Eigenschaften gleichsam überschüttet, daß ich weder Anfang, noch Ende, noch ein Maß meiner Rede finden kann; und bei der großen Menge des Lobes muß ich doch ein nüchterner und armseliger Lobredner derselben sein“, verkündete einst der Reforma- tor. Martin Luther, der im Jahre 1517 seine berühmten Thesen in Wittenberg an die Kirchentüre genagelt haben soll, mit den bekannten Folgen, hat nicht nur die Bibel übersetzt, viele theologische Streitschriften verfasst und unzählige Briefe in alle Himmelsrichtungen geschickt.
Luther wollte eine singende Kirche – und er hat daher Lieder für das Kirchenvolk geschrieben. Mitunter hat er einfach bekannten Melodien einen neuen Text gedichtet, der den Glauben, wie Luther ihn verstanden haben wollte, auf den Punkt bringt. Manchmal hat er aber auch ein komplettes Lied geschrieben; wie das bekannte Vom Himmel hoch da komm ich her. So sind mehr als 30 deutsche Kirchenlieder entstanden, die in Gesangbüchern abgedruckt und verbreitet wurden; etliche davon werden noch heute im Gottesdienst gesungen. Dazu trugen auch die Kirchenmusi- ker um „Urkantor“ Johann Walter sowie der nachfolgenden Generationen bei. Die Kantoren der evangelischen Kirche schätzten Luthers Lieder hoch und hielten sie über die Jahrhunderte in Chor- und Orgelsätzen, Bearbei- tungen und in Neuvertonungen präsent.
In dieser Tradition stand auch die Familie Bach. Mit Luthers Chorälen, wie Nun komm, der Heiden Heiland, Ein feste Burg ist unser Gott oder Mit Fried und Freud ich fahr dahin ist Johann Sebastian Bach in Thüringen aufgewachsen. Sie gehörten ebenso selbstverständlich zu den Grundlagen seines musikalischen Schaffens wie etwa die Regeln des Kontrapunktes.
Spering hat aus den mehr als 200 überlieferten Bach-Kantaten jene herausgesucht, die sich durch einen besonders engen Bezug zu Luthers Kirchenliedern auszeichnen. Einige davon hat Bach bereits in Mühlhausen und in Weimar komponiert; die meisten aber entstammen dem sogenann- ten Choralkantaten-Jahrgang, den Bach 1724/25 in seinem zweiten Leipziger Amtsjahr geschaffen hat. Mit einer Besetzung aus überwiegend jungen Vokalsolisten sowie seinen beiden Ensembles Chorus Musicus Köln und Das Neue Orchester hat Spering Bachs Kantaten erkundet.
Dafür hat er die Quellen sorgsam studiert, und dann für jedes einzelne Werk eine individuelle Interpretation erarbeitet. Im Beiheft wird kurz und nachvollziehbar erläutert, aus welchen Gründen Spering jeweils seine Entscheidungen getroffen hat. Oberster Grundsatz war, den Verstand zu gebrauchen – und Dogmen zu meiden. So besetzt Spering in den beiden früheren Kantaten Christ lag in Todes Banden (BWV 4; 1707) und Nun komm, der Heiden Heiland (BWV 61; 1714) sämtliche Stimmen solistisch. Ansonsten orientiert sich die Besetzung in Chor und Orchester bei den Leipziger Kantaten an den Vorschlägen, die Bach in seiner Denkschrift „Kurtzer, iedoch höchstnöthiger Entwurff einer wohlbestallten Kirchen Music“ von 1730 äußerte. Darin wünschte er sich für die Figuralmusik neben den Concertisten noch acht Ripienisten, also zusätzliche Sänger, die in den Chören die Solisten unterstützen.
Die Choräle sieht Christoph Spering als wesentliche Stücke, die die Gemeinde in die Kantaten mit einbeziehen. Das Publikum soll über den Text nachdenken – und deshalb wählt der Dirigent bewusst gemächliche Tempi, und lang ausgehaltene Fermaten als Ruhepunkte. Auch bei den Secco-Rezitativen setzt Spering ganz eigene Akzente; sie werden in einigen Kantaten nicht mit kurz angestoßenem und verklingendem Basston begleitet, sondern mit einem bleibenden, solide im Raum stehenden Generalbass-Fundament untersetzt – und zwar mit einem satten 16-Fuß-Fundament. Das klingt zunächst etwas altmodisch, aber es hat seine Reize, und ist durchaus eine Überlegung wert.
Auch die Orgel rückt Christoph Spering wesentlich stärker in den Mittel- punkt, als man das üblicherweise gewohnt ist: „Johann Sebastian Bach war nicht nur von seiner Ausbildung, sondern auch von seinem Selbst- verständnis her in erster Linie Organist“, begründet der Dirigent seine Entscheidung im Beiheft. Dazu passt eine kleine Truhenorgel, wie sie in der historischen Aufführungspraxis derzeit üblich ist, in der Tat schlecht. Und so darf bei dieser Einspielung die Orgel deutlich hervortreten. Sie bleibt trotzdem Continuo – aber ein markantes, interessantes. Das verwendete Instrument, über das man leider nichts erfährt, entspreche in seinen Dimensionen ungefähr dem Brustwerk des Leipziger Exemplars zu Bachs Zeiten, so Spering. Die Orgel wird mitunter durch ein Cembalo ergänzt; allerdings geschieht dies ebenfalls nicht durchgängig, sondern wohlüberlegt in ausgewählten Kantaten, was den Klang sehr reizvoll auffächert.
Die Vier-CD-Box hält also musikalisch so manche Überraschung bereit. Ein würdiger Auftakt zum Luther-Jahr – und ein spannender Beitrag zur Weiterentwicklung einer historischen Aufführungspraxis, die leider derzeit gelegentlich aus dem Blick verliert, dass Regeln kein Selbstzweck sind. Wenn aber ein Konzept zur reinen Lehre erstarrt, dann kann Provokation nur voranbringen.
Das ist wahrlich eine würdige Form des Gedenkens: „Ich wünsche gewiß von Herzen, daß Jedermann die göttliche und vortreffliche Gabe, die Musik, sich einloben und angepriesen sein ließe. Wiewohl ich werde von der Menge und Größe ihrer guten Eigenschaften gleichsam überschüttet, daß ich weder Anfang, noch Ende, noch ein Maß meiner Rede finden kann; und bei der großen Menge des Lobes muß ich doch ein nüchterner und armseliger Lobredner derselben sein“, verkündete einst der Reforma- tor. Martin Luther, der im Jahre 1517 seine berühmten Thesen in Wittenberg an die Kirchentüre genagelt haben soll, mit den bekannten Folgen, hat nicht nur die Bibel übersetzt, viele theologische Streitschriften verfasst und unzählige Briefe in alle Himmelsrichtungen geschickt.
Luther wollte eine singende Kirche – und er hat daher Lieder für das Kirchenvolk geschrieben. Mitunter hat er einfach bekannten Melodien einen neuen Text gedichtet, der den Glauben, wie Luther ihn verstanden haben wollte, auf den Punkt bringt. Manchmal hat er aber auch ein komplettes Lied geschrieben; wie das bekannte Vom Himmel hoch da komm ich her. So sind mehr als 30 deutsche Kirchenlieder entstanden, die in Gesangbüchern abgedruckt und verbreitet wurden; etliche davon werden noch heute im Gottesdienst gesungen. Dazu trugen auch die Kirchenmusi- ker um „Urkantor“ Johann Walter sowie der nachfolgenden Generationen bei. Die Kantoren der evangelischen Kirche schätzten Luthers Lieder hoch und hielten sie über die Jahrhunderte in Chor- und Orgelsätzen, Bearbei- tungen und in Neuvertonungen präsent.
In dieser Tradition stand auch die Familie Bach. Mit Luthers Chorälen, wie Nun komm, der Heiden Heiland, Ein feste Burg ist unser Gott oder Mit Fried und Freud ich fahr dahin ist Johann Sebastian Bach in Thüringen aufgewachsen. Sie gehörten ebenso selbstverständlich zu den Grundlagen seines musikalischen Schaffens wie etwa die Regeln des Kontrapunktes.
Spering hat aus den mehr als 200 überlieferten Bach-Kantaten jene herausgesucht, die sich durch einen besonders engen Bezug zu Luthers Kirchenliedern auszeichnen. Einige davon hat Bach bereits in Mühlhausen und in Weimar komponiert; die meisten aber entstammen dem sogenann- ten Choralkantaten-Jahrgang, den Bach 1724/25 in seinem zweiten Leipziger Amtsjahr geschaffen hat. Mit einer Besetzung aus überwiegend jungen Vokalsolisten sowie seinen beiden Ensembles Chorus Musicus Köln und Das Neue Orchester hat Spering Bachs Kantaten erkundet.
Dafür hat er die Quellen sorgsam studiert, und dann für jedes einzelne Werk eine individuelle Interpretation erarbeitet. Im Beiheft wird kurz und nachvollziehbar erläutert, aus welchen Gründen Spering jeweils seine Entscheidungen getroffen hat. Oberster Grundsatz war, den Verstand zu gebrauchen – und Dogmen zu meiden. So besetzt Spering in den beiden früheren Kantaten Christ lag in Todes Banden (BWV 4; 1707) und Nun komm, der Heiden Heiland (BWV 61; 1714) sämtliche Stimmen solistisch. Ansonsten orientiert sich die Besetzung in Chor und Orchester bei den Leipziger Kantaten an den Vorschlägen, die Bach in seiner Denkschrift „Kurtzer, iedoch höchstnöthiger Entwurff einer wohlbestallten Kirchen Music“ von 1730 äußerte. Darin wünschte er sich für die Figuralmusik neben den Concertisten noch acht Ripienisten, also zusätzliche Sänger, die in den Chören die Solisten unterstützen.
Die Choräle sieht Christoph Spering als wesentliche Stücke, die die Gemeinde in die Kantaten mit einbeziehen. Das Publikum soll über den Text nachdenken – und deshalb wählt der Dirigent bewusst gemächliche Tempi, und lang ausgehaltene Fermaten als Ruhepunkte. Auch bei den Secco-Rezitativen setzt Spering ganz eigene Akzente; sie werden in einigen Kantaten nicht mit kurz angestoßenem und verklingendem Basston begleitet, sondern mit einem bleibenden, solide im Raum stehenden Generalbass-Fundament untersetzt – und zwar mit einem satten 16-Fuß-Fundament. Das klingt zunächst etwas altmodisch, aber es hat seine Reize, und ist durchaus eine Überlegung wert.
Auch die Orgel rückt Christoph Spering wesentlich stärker in den Mittel- punkt, als man das üblicherweise gewohnt ist: „Johann Sebastian Bach war nicht nur von seiner Ausbildung, sondern auch von seinem Selbst- verständnis her in erster Linie Organist“, begründet der Dirigent seine Entscheidung im Beiheft. Dazu passt eine kleine Truhenorgel, wie sie in der historischen Aufführungspraxis derzeit üblich ist, in der Tat schlecht. Und so darf bei dieser Einspielung die Orgel deutlich hervortreten. Sie bleibt trotzdem Continuo – aber ein markantes, interessantes. Das verwendete Instrument, über das man leider nichts erfährt, entspreche in seinen Dimensionen ungefähr dem Brustwerk des Leipziger Exemplars zu Bachs Zeiten, so Spering. Die Orgel wird mitunter durch ein Cembalo ergänzt; allerdings geschieht dies ebenfalls nicht durchgängig, sondern wohlüberlegt in ausgewählten Kantaten, was den Klang sehr reizvoll auffächert.
Die Vier-CD-Box hält also musikalisch so manche Überraschung bereit. Ein würdiger Auftakt zum Luther-Jahr – und ein spannender Beitrag zur Weiterentwicklung einer historischen Aufführungspraxis, die leider derzeit gelegentlich aus dem Blick verliert, dass Regeln kein Selbstzweck sind. Wenn aber ein Konzept zur reinen Lehre erstarrt, dann kann Provokation nur voranbringen.
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