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Sonntag, 27. Dezember 2020

Wilhelm Friedemann Bach: Duets for Two Flutes (Naxos)

 


Wilhelm Friedemann Bach (1710 bis 1784), der älteste Sohn Johann Sebastian Bachs, gilt der Nachwelt ebenso als Tastenvirtuose denn als schwieriger Charakter. Dass er auch Flötenduette komponiert hat, erstaunt. Und wann diese sechs Duette entstanden sind, das kann nur vermutet werden. Quantz jedenfalls, Hausvirtuose und Flötenlehrer Friedrichs des Großen, hat Auszüge aus einigen dieser Stücke für seine Solfeggi verwendet. 

Bachs Duette für zwei Flöten erweisen sich als höchst anspruchsvoll. Die beiden Stimmen sind eng verflochten, sie imitieren einander, wetteifern in den Figurationen und singen gefühlvoll gemeinsam in den langsamen Sätzen. Patrick Gallois und Kazunori Seo präsentieren Bachs Kompositionen auf dieser CD mit Ebenmaß und Eleganz. 


Sonntag, 13. September 2020

Fantasies & Illusions - Bach's Sons And The Fortepiano (K&K)

Einen Hammerflügel-Hurrikan entfesselt Slobodan Jovanović auf diesem Album aus dem Hause K&K, bei dem es sich ausnahmsweise einmal nicht um einen Konzertmitschnitt handelt. Der Pianist, der sich auf historische Tasteninstrumente spezialisiert hat, musiziert auf einem Fortepiano aus der Werkstatt von Susanne Merzdorf, angefertigt nach einem Vorbild von Anton Walter aus dem Jahre 1782. 
In diese Einspielung startet er mit der Sonata Nr. 4 in A-Dur Wq 55,4 von Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788). Sie stammt aus der ersten Sammlung „Für Kenner und Liebhaber“, und führt direkt hinein in ein Jahrhundert, in dem sich Komponisten oftmals mit Dienstverhältnissen arrangierten, und in dem Musik häufig in erster Linie eine Gebrauchsfunktion hatte. 
So wirkte Carl Philipp Emanuel Bach viele Jahre als Cembalist Friedrichs des Großen. Wie wenig ihn allerdings mit den musikalischen Ideen seines flötenspielenden Dienstherren verbindet, das zeigt auch das zweite Werk, das Jovanović auf dieser CD erklingen lässt. Die Fantasie in fis-Moll Wq 67 „C.P.E. Bachs Empfindungen“ ist ein ebenso unerhörtes wie ungestümes Stück, einzigartig, ebenso wild wie ausdrucksvoll. 
Ein ganz ähnliches Temperament offenbart sein jüngerer Bruder Wilhelm Friedemann Bach – aber seine Fantasie in a-Moll, die Jovanović für diese Einspielung ausgewählt hat, bleibt vergleichsweise zahm. Die zwölf Polonaisen hingegen sind alles andere als harmlose Salonstücke; kein Wunder, dass Zelter sie seinerzeit „mühsam“ fand. Bei den Polonaisen in e-Moll und f-Moll demonstriert Bach, dass er Empfindsamkeit durchaus kann. Doch interessanter sind die Polonaisen Es-Dur und F-Dur – sie weisen weit voraus in die Romantik. Wilhelm Friedemann Bach überrascht immer wieder neu. Dieser Musiker, der es in keiner Anstellung lange aushielt, muss ein unglaublich versierter Pianist gewesen sein – und ein musikalischer Visionär. Seine Harmonik nimmt mitunter bereits das 19. Jahrhundert vorweg. Faszinierend. 
Eingebettet in seine Werke, spielt Slobodan Jovanović ein eigenes Stück. Iluzija, Illusion, ist auf dem Konzertflügel entstanden. Es profitiert aber erheblich vom farbenreichen, differenzierten Klang des Hammerflügels; Jovanović bringt es auf dieser CD in einen spannungsreichen Dialog mit den Kompositionen der beiden Bach-Söhne. 

Dienstag, 20. November 2018

Bach Family: Complete Organ Music (Brilliant Classics)

Die Musikerfamilie Bach, ansässig im Thüringischen und im benachbarten Franken, war weit verzweigt, und reich an Talenten. Wie reich, das zeigt diese Box, die auf sagenhaften 24 (!) CD in einzigartiger Weise kompakt einen Überblick gibt über Orgelwerke, die Mitglieder der Familie Bach komponiert haben. 
Allein auf 15 CD widmet sich Stefano Molardi dem Schaffen von Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750). Er musiziert dabei an der Trost-Orgel der Stadtkirche Waltershausen, der Silbermann-Orgel der Katholischen Hofkirche Dresden, der Hildebrandt-Orgel der Jacobikirche Sangerhausen und der Thielemann-Orgel der Dreifaltigkeitskirche in Gräfenhain. 
An der Volckland-Orgel der Cruciskirche Erfurt hat der renommierte italienische Organist auf drei CD zudem die Orgelmusiken eingespielt, die von Johann Christoph (1642 bis 1703) und Johann Michael Bach (1648 bis 1694) überliefert sind. Die beiden Brüder sind Söhne von Heinrich Bach (1615 bis 1692), Stammvater der sogenannten Arnstädter Linie, der wiede- rum ein Bruder von Christoph Bach (1613 bis 1661) war, dem Großvater Johann Sebastian Bachs. Johann Michael war zudem der Vater von Maria Barbara Bach, der ersten Frau des genialen Musikers. 
Orgelmusik von Heinrich Bach ist ebenfalls überliefert; Molardi spielt diese an einer modernen italienischen Orgel, die die Firma Dell'Orte e Lanzini 2003 in der Pfarrkirche S Tomaso Di Gesso in Zola Predosa errichtet hat. Die beiden CD enthalten außerdem Musik von Johann Bernhard Bach I (1676 bis 1749) und seinem Sohn Johann Ernst Bach II (1722 bis 1777), Verwandtschaft aus der Erfurter Linie. Johann Friedrich Bach (1682 bis 1730) wiederum, Bachs Amtsnachfolger in Mühlhausen, war ein Sohn von Johann Christoph Bach. Johann Lorenz Bach (1695 bis 1773), ein Urenkel von Christoph Bach, gehört zur großen Schar der Schüler Johann Sebastians. Von ihm sind einzig Präludium und Fuge in D überliefert. In diesem Teil der Edition sind zudem alle Bach-Werke enthalten, deren Zuschreibung unsicher ist. 
Die Orgelwerke der Bach-Söhne sind in dieser Box ebenfalls zu hören. Dem Schaffen Carl Philipp Emanuel Bachs (1714 bis 1788) widmet sich Luca Scandali, ebenfalls an einer Orgel von Dell'Orte e Lanzini aus dem Jahre 2007, die sich in der Kirche Santa Maria Assunta von Vigliano Biellese befindet. Den wenigen Werken von Wilhelm Friedemann Bach (1710 bis 1784), die nicht verloren sind, hat Filippo Turri an einer Truhenorgel in der Abtei Santa Maria delle Carceri sowie an der Zanin-Orgel der Kirche Sant'Antonio Abate in Padua eingespielt. 

Dienstag, 30. Januar 2018

Wilhelm Friedemann Bach: Complete Organ Music / Complete Harpsichord Music (Brilliant Classics)

Johann Sebastians ältester Sohn Wilhelm Friedemann Bach (1710 bis 1784) galt zu Lebzeiten als seinem Vater ebenbürtiger Orgelvirtuose: „Deutschland hat an ihm seinen ersten Orgelspieler und die musikalische Welt überhaupt einen Mann verloren, dessen Verlust unersetzlich ist“, klagte beispiels- weise ein Nachruf im „Magazin der Musik“. 
Mit seinem Anspruch und seiner Persönlichkeit freilich war Wilhelm Friedemann Bach kein unkomplizier- tes Dasein beschieden; über seinen Lebensweg wurde in diesem Blog schon mehrfach berichtet. Leider sind dadurch auch nur sehr wenige seiner Kompositionen im Druck erschienen. Wer sich also mit dem Gesamtwerk auseinandersetzen möchte, der muss sich mit Handschriften beschäftigen. 
Es ist bemerkenswert, dass immer wieder neue Funde gelingen, die das Bild komplettieren. So hat Filippo Turri Wilhelm Friedemann Bachs vollständiges Orgelwerk für Brilliant Classics in Padua an einer kleinen Truhenorgel von Luigi Patella aus dem Jahre 1998 und der Zanin-Orgel der Kirche Sant'Antonio Abate aus dem Jahre 2007 eingespielt. Zu hören sind auf den beiden CD 18 Fugen und sieben Choralvorspiele
Claudio Astronio, der vor einiger Zeit bereits die Cembalokonzerte des Komponisten eingespielt hat, erkundete für Brilliant Classics nun sämtliche Musikstücke für Tasteninstrumente solo – und dabei stellte er auch vier weitere Choralvorspiele vor, die als Handschrift in der Litauischen Nationalbibliothek in Vilnius aufgespürt und transkribiert wurden. Dort fanden sich außerdem eine Ouvertüre, ein Menuett mit 13 Variationen, und etliche weitere kleinere Stücke, die auf CD 6 dieser Box sämtlich in Weltersteinspielung zu hören sind. 
Einige Werke erklingen in beiden Editionen. Wie viele Komponisten seiner Zeit schrieb Wilhelm Friedemann Bach seine Werke für „Clavier“ – was vom Clavichord über Cembalo und Orgel bis hin zum Fortepiano eine ganze Reihe von Tasteninstrumenten einschloss. Es bedarf daher detektivischen Spürsinns, herauszufinden, für welches Instrument ein konkretes Werk entstanden sein könnte. 
Astronio zeigt sich überzeugt, der „Hallesche Bach“ habe in erster Linie für das Cembalo komponiert. Und an diesem lassen sich natürlich auch die dreistimmigen Fugen spielen; warum Astronio allerdings die Fugen F31, F32 und F33 aufgenommen, die Fuge F34 hingegen ausgelassen hat, erschließt sich mir nicht. 
In jedem Falle bietet diese Box mit insgesamt sechs CD den wohl derzeit umfassendsten Überblick über das Schaffen Wilhelm Friedemann Bachs für Tasteninstrumente solo. Enthalten sind neben den Fugen die Fantasien F14 bis F23, Sonaten, die zwölf Polonaisen F12, Polonaise und Trio F 13, das Concerto in G für Cembalo solo F40, und die Suite in g-Moll F24. 

Sonntag, 26. November 2017

Piano Works by J. W. Hässler (Oehms Classics)

Die Inspiration zu diesem Aufnahme- projekt gab eine fehlerhafte Noten- edition: Im Jahre 2007 hatte Anthony Spiri eine CD mit drei Fugen, drei Fantasien und drei Sonaten von Wilhelm Friedemann Bach (1710 bis 1784) eingespielt. Allerdings wurde später festgestellt, dass drei dieser Werke gar nicht von diesem Komponisten, sondern von Johann Wilhelm Häßler (1747 bis 1822) stammten. 
Dieser Musiker war der Sohn eines Erfurter Strumpfwirkers; die musikalische Ausbildung erhielt er von seinem Onkel Johann Christian Kittel, einem Schüler Bachs. Und so kam es, dass er stilistisch dem Kreis der Bach-Söhne zugerechnet wird – was, nebenbei bemerkt, aber auch für die hohe Qualität seiner Kompositionen spricht. 
Häßler war als Pianist sehr erfolgreich. In London musizierte er mit Joseph Haydn, und in St. Petersburg wurde er dann durch Zarin Katharina die Große zum Hofkapellmeister ernannt. Im Jahre 1794 ließ sich der Musiker in Moskau nieder, wo er nicht zuletzt auch als Musikpädagoge wirkte. „Er ist sozusagen der Begründer der ,russischen Klavierschule'“, sagt Spiri, „denn Häßler hat die Tradition der Bach-Söhne, die im Westen unmittelbar auf Schumann und Mendelssohn nachgewirkt hat, im östlichen Europa hoffähig gemacht.“ Sein Schaffen wurde im Westen Europas allerdings nicht in demselben Maße gewürdigt. 
Anthony Spiri hat bereits mehrfach Werke der Bach-Söhne auf CD veröffentlicht. Die beiden vorliegenden Aufnahmen zeigen einmal mehr, dass Musik aus jener Zeit zwischen Bachs Tod und seiner Wiederent- deckung durch die Romantiker unsere Neugier durchaus verdient hat – und dass man diese Werke auch auf dem modernen Konzertflügel wunderbar vortragen kann. Spiri wählte für die erste CD erneut drei Fugen, drei Fantasien und drei Sonaten des ältesten Bach-Sohnes Wilhelm Friedemann aus verschiedenen Schaffensperioden. Auf der zweiten ist dann Häßler vertreten, mit der Grande Gigue d-Moll op. 31, drei Sonaten, einer Fantasie c-Moll sowie der Sonata Fantasie C-Dur op. 4.

Mittwoch, 20. April 2016

Bach: Ein feste Burg ist unser Gott (Deutsche Harmonia Mundi)

Die Spuren einer ganz erstaunlichen Manipulation präsentiert Christoph Spering mit seinen Ensembles Das Neue Orchester und Chorus Musicus Köln auf dieser CD. Ein feste Burg ist unser Gott von Johann Sebastian Bach beruht auf dem berühmten Choral von Martin Luther, und gehört zu den bekanntesten Kantaten des einstigen Leipziger Thomaskantors. 
Auf dieser CD erklingen zum ersten Mal alle bekannten Versionen der Kantate
Ihre Geschichte beginnt in Weimar, wo Bach vermutlich im Jahre 1715 eine Kantate über Ein feste Burg ist unser Gott komponierte – Alles, was von Gott geboren BWV 80a; ihre Musik ist nicht überliefert. In Leipzig arbeitete Bach dann dieses Werk um zu einer Choralkantate BWV 80b, von der ein vierstimmiger Eingangschoral komplett sowie ein weiterer Satz als Fragment erhalten geblieben sind. In späteren Jahren entstand daraus die Kantate Ein feste Burg ist unser Gott BWV 80. 
Wilhelm Friedemann Bach, der älteste Bach-Sohn, hat dann zwei mar- kante Sätze zu lateinischen Hymnen umgestaltet – Manebit verbum Domini und Gaudete, omnes populi. Dazu hat er der Musik seines Vaters den neuen Text unterlegt, und einen dreistimmigen Trompetenchor mit Pauken hinzugefügt. 
In der Notenedition Sämtliche Werke Johann Sebastian Bachs, 1850 zum hundertsten Todestag des Komponisten gestartet, ist die Kantate im Jahre 1870 erschienen. Die Herausgeber machten daraus, ganz im Zeitgeist, ein festlich-heroisches Opus – indem sie die Version des Bach-Sohnes ver- wendeten, die sie wiederum mit dem Text der originalen Bach-Kantate versahen. Seitdem wird Ein feste Burg ist unser Gott mit Pauken und Trompeten aufgeführt, zur Erhebung des Kirchenvolkes und zum patheti- schen Preis des deutschen Protestantismus. 
Spering gestaltet mit dieser Einspielung zugleich eine kritische Bestands- aufnahme der gegenwärtigen Aufführungspraxis. „Interpretiert wird, was gefällt, um es pauschal zu sagen: weit, schnell. Laut und gefühlig“, fasst es der Dirigent im Beiheft zusammen. „Man könnte es weiter zuspitzen: Die Wucht der Massenchöre ist schon längst durch schnelle oder individuelle Tempi ersetzt worden.“ 
Spering wiederum lässt die Version aus dem 19. Jahrhundert bewusst subjektiv musizieren, in erster Linie auf Effekte zielend. Bachs Original hingegen erklingt puristisch, so der Dirigent, „mehr auf Affekte und das Wort beziehungsweise auf den Satzsinn hin angelegt.“ Dazu setzt sich Spering sogar über die Neue Bach-Ausgabe hinweg; er verzichtet bei der Choralstrophe Und wenn die Welt voll Teufel wär auf die Oboen und auf den Chor, und lässt sie nur durch die die Solisten singen. Um die Unter- schiede deutlich herauszuarbeiten, setzt er zudem in den beiden Versionen jeweils andere Solisten ein. Ein musikalisches Erkundungsprojekt mit durchaus überraschenden Resultaten – man traue keiner Notenedition! Für diese Erkenntnis muss man dem Label Deutsche Harmonia Mundi sowie dem Deutschlandfunk, der diese Koproduktion mit ermöglicht hat, sehr dankbar sein.

Sonntag, 26. Juli 2015

La Dresda galante (Klanglogo)

Zwei sächsische Herrscher haben die Residenzstadt Dresden geprägt bis zum heutigen Tage: Friedrich August I. (1670 bis 1733), bekannt als August der Starke, orientierte sich am französischen Vorbild. Sein Sohn Friedrich August II. (1696 bis 1763) liebte die Kunst und Musik Italiens, die er auf seiner Kavalierstour kennengelernt hatte. Auf dieser Reise in den Jahren 1615/16 begleiteten ihn Dresdner Hofmusiker, und so lautete das Motto seiner Regierungszeit auch in der Hofkapelle „Venedig statt Versailles“. 
Musik aus jenem sagenhaften Augusteischen Zeitalter hat das Zürcher Barockorchester für diese CD zusammengetragen. Werke von Antonio Vivaldi, Johann Adolf Hasse, Wilhelm Friedemann Bach, Giovanni Alberto Ristori und Johann David Heinichen erklingen, wobei die Instrumentalisten von der Sopranistin Miriam Feuersinger unterstützt werden. Mit ihrer klaren Stimme kann die Sängerin herrliche weite Bögen gestalten; Koloraturen liegen ihr weniger. Die zwölf „Alte“-Musik-Spezialisten um Konzertmeisterin Renate Steinmann und den Cembalisten Jermaine Sprosse musizieren gekonnt und farbenreich. 

Montag, 9. Juni 2014

Wilhelm Friedemann Bach: Sinfonias (Brilliant Classics)

Wilhelm Friedemann Bach (1710 bis 1784), der älteste der Bach-Söhne, galt als schwierig und wohl auch ein wenig verlottert. Nach dem Tode des Musikers, der zu den ersten „echten“ Freiberuflern seines Standes gehörte, hielt sich das Interesse an seinem Schaffen sehr in Grenzen. Die meisten seiner Werke sind nie im Druck erschie- nen. Und nun sind etliche davon nicht mehr auffindbar. So wurden die Manuskripte von fünf Sinfonien Wilhelm Friedemann Bachs in der Berliner Staatsbibliothek aufbewahrt. In den Wirren des Zweiten Weltkriegs sind sie verschwunden. 
In mühsamer Arbeit ist es dennoch gelungen, einige dieser Werke zu rekonstruieren. Hartmut Haenchen hat insgesamt sechs Sinfonien und eine Suite mit dem Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach eingespielt. Sie zeigen Wilhelm Friedemann Bach als einen Kompo- nisten, den man als Vorboten der Romantik betrachten kann – der aber auch dazu neigt, Phrasen wieder und wieder zu repetieren; mitunter wirkt das wie eine Orchester-Etüde. Die CD, die aus den 90er Jahren stammt, ist nun bei Brilliant Classics wieder verfügbar. 

Montag, 5. August 2013

Wilhelm Friedemann Bach: Keyboard Works 4 (Naxos)

Wilhelm Friedemann Bach (1710 bis 1784) war der älteste Sohn Johann Sebastian Bachs. Er kam in Weimar zur Welt, und wurde durch seinen Vater mit Sorgfalt in der Musik unterwiesen. Zeugnis davon gibt unter anderem das berühmte Clavierbüchlein vor Wilhelm Friedemann Bach, das auch kon- trapunktische Arbeiten enthält, die der Zehnjährige gemeinsam mit seinem Vater entwickelt hat. 
Wilhelm Friedemann Bach hat in Leipzig studiert, und trat 1733 seine erste Stelle als Organist der Sophienkirche in Dresden an. 1746 wechselte er an die Liebfrauenkirche nach Halle/Saale. Er galt als der beste Organist weithin, und auch wenn er seine besten Werke wohl niemals aufgezeichnet hat, lässt diese CD erahnen, welches Format dieser Musiker gehabt haben muss. 
Julia Brown setzt hier mit den Sonaten in C-, F- und D-Dur sowie der Sonate für zwei Cembali ihre Gesamteinspielung der Musik fort, die der Komponist für Tasteninstrumente geschrieben hat. Das ist ein anspruchsvolles Projekt, denn zum einen wurden nur zwei seiner Sonaten gedruckt, die anderen sind lediglich in Abschriften über- liefert. Zum anderen steckt seine Musik voll Überraschungen – und ist niemals langweilig, was aber auch gewisse Herausforderungen für die Interpreten mit sich bringt. 
Julia Brown, in der Sonate für zwei Cembali gemeinsam mit Barbara Baird, gelingt es bestens, diese Werke, die alles andere sind als „ga- lant“ und gefällig, vorzustellen. Man erahnt, warum Musikhistoriker die Claviersonaten Wilhelm Friedemann Bachs als die bedeutendsten derartigen Werke vor Beethoven ansehen. Denn sie vereinen das „alte“ Handwerk, die virtuose Beherrschung von Polyphonie und Kontrapunkt, was hier mitunter geradezu spielerisch demonstriert wird, und teilweise moderne Formen. Ein Hörvergnügen ist dies allemal – und in dieser Einspielung sehr zu empfehlen. 

Freitag, 9. November 2012

Wilhelm Friedemann Bach: Complete Organ Works (cpo)

"Unstreitig der größte Organist der Welt", begeisterte sich einst Christian Friedrich Daniel Schu- bart, der sein Spiel gehört hatte. "Er ist ein Sohn des weltberühmten Sebastian Bach und hat seinen Vater im Orgelspiel erreicht, wo nicht übertroffen. Er besitzt ein sehr feuriges Genie, eine schöpfe- rische Einbildungskraft, Origina- lität und Neuheit der Gedanken, eine stürmende Geschwindigkeit und die magische Kraft, alle Herzen mit seinem Orgelspiel zu bezaubern. Der Natur der Orgel hat er sich ganz bemächtiget; sein Registerverständnis hat ihm noch niemand nachgemacht. (...) Schade, dass seine Orgelkompositionen kostbarer und seltener als Gold sind! Doch es ist ein Trost für die Kunst, daß dieser erste Meister seine Orgelstücke selbst sammelt und versprochen hat, sie nach seinem Tode herauszugeben." 
Wilhelm Friedemann Bach (1710 bis 1784) war der älteste Sohn Johann Sebastian Bachs. Er studierte in Leipzig Jura, Philosophie und Mathematik, und wurde 1733 Organist an der Sophienkirche in Dres- den. 1746 ging er nach Halle/Saale, wo er 18 Jahre lang als Organist und Musikdirektor an der Marktkirche wirkte. 1763 wurde er als Nachfolger von Christoph Graupner zum Hessisch-Darmstädtischen Hofkapellmeister ernannt. Die Stelle trat er nicht an, den Titel durfte er aber trotzdem führen. 1764 gab er sein Amt auf. Denn durch die verheerenden Auswirkungen des Siebenjährigen Krieges hatten sich die Arbeitsbedingungen in der Saalestadt derart verschlechtert, dass Wilhelm Friedemann Bach es vorzog, als Virtuose auf Konzertreisen zu gehen - möglicherweise in der Hoffnung, in einer der europäischen Musikmetropolen eine Anstellung zu erhalten. 1774 ließ er sich schließlich in Berlin nieder. Doch eine Stelle fand er nicht mehr. 
Seine Werke galten lange als verschollen. So ist von seinem Orgelwerk kaum noch etwas aufzufinden. Experten gehen heute davon aus, dass Wilhelm Friedemann Bach nicht nur ein Virtuose des Orgelspiels, sondern in erster Linie auch ein Meister in der Improvisation gewe- sen sein muss. 
Friedhelm Flamme hat für cpo alle überlieferten Stücke an der Hille- brand-Orgel der Münsterkirche St. Alexandri zu Einbeck eingespielt. Dabei handelt es sich um ein neues Instrument, das 2008 von der Orgelwerkstatt Martin Hillebrand aus Altwarmbüchen fertiggestellt wurde. Ein Teil der Register verblieb in der Disposition des 19. Jahr- hunderts, die Register des Plenums in Hauptwerk und Pedal hingegen folgten dem Vorbild eines älteren Instruments aus dem 18. Jahrhun- dert. Flamme demonstriert, dass sich die Hillebrand-Orgel ideal für Bachs Musik eignet. Er präsentiert die Werke des Organistenkollegen - in erster Linie Fugen und Choralvorspiele - so ansprechend, dass der Zuhörer geneigt ist, Schubarts Urteil zu bestätigen. Surround-Sound macht dies auch klanglich zu einem Erlebnis. Auf die Fortsetzung von Flammes CD-Reihe, in der er Orgeln und Orgelmusik aus Nord- deutschland vorstellt, darf man jedenfalls gespannt sein. 

Montag, 15. Oktober 2012

Bach and sons - Clavichord and flute (Evil Penguin Records)

Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein war das Clavichord das Instrument der Wahl für das häusliche Musizie- ren. Die Saiten werden mit Tasten angeschlagen. Das Instrument funktioniert jedoch nach einen völlig anderen Prinzip als bei- spielsweise das Cembalo. Denn der Druck auf die Taste bewegt über einen simplen Hebel die sogenann- te Tangente aufwärts, ein Messing- blättchen, das an die Saite anschlägt und sie damit einerseits zum Klingen bringt. Andererseits unterteilt die Tangente die Saite aber auch in einen schwingenden und einen stummem Teil, der durch einen Filzstreifen am Klingen gehin- dert wird. Wird die Taste losgelassen, dann wird die gesamte Saite gedämpft, und der Ton verstummt. 
Diese Art des direkten Spiels gibt Könnern reichlich Gelegenheit, den Ton zu formen und zu beeinflussen. So lässt sich durch periodisch wechselnden Druck der Finger auf die Tasten eine Art Vibrato erzeugen, die sogenannte Bebung. Der sanfte, wandlungsfähige Ton machte das Clavichord zum Lieblingsinstrument der Empfindsamkeit. Doch dann wurde es rasch vom Klavier verdrängt, das virtuosere Läufe ermöglicht, einen größeren Tonumfang hat - und wesentlich lauter ist. 
Der Klang des Clavichords erscheint unseren Ohren flüsterleise. Das wird man beim Anhören der vorliegenden CD feststellen, auf der Benjamin-Joseph Steens entweder gemeinsam mit dem Flötisten Jacques-Antoine Bresch Werke der Bach-Familie vorstellt, die für Traversflöte und obligates "Clavier" geschrieben wurden - was in diesem Falle das Clavichord meint - oder aber das Tasteninstrument im Solo präsentiert. Diese CD ist zugleich eine Schule des Hörens. Denn wer die Differenzierungsmöglichkeiten des Clavichords wahr- nehmen möchte, der muss in der Tat die Ohren spitzen. Doch das lohnt sich. 

Montag, 7. Mai 2012

Preussens Hofmusik (Berlin Classics)

Musiker der Staatskapelle Berlin pflegen das sozusagen hauseigene musikalische Erbe. Dazu haben sie das Ensemble Preußens Hofmusik gegründet, das auf modernen Instrumenten Musik interpretiert, wie sie zur Zeit Friedrichs des Großen erklungen ist. 
Das Ensemble formiert sich um Konzertmeister Stephan Mai, einen ausgewiesenen Experten für histo- risch informierte Musizierweise, und eines der Gründungsmitglie- der der Akademie für Alte Musik. Auf dieser CD spielen die Musiker Ouvertüre und Allegro d-Moll von Johann Gottlieb Graun, ganz so, wie einst in Friedrichs Tagen ein Abend am Berliner Opernhaus eröffnet worden sein mag. Wilhelm Friedemann Bach widmete Adagio und Fuge d-Moll Friedrich II., und natürlich erklingt auch der Ricercar à 6 aus dem Musikalischen Opfer von Johann Sebastian Bach, dem wohl bedeutendsten Werk, das für den König komponiert worden ist. Die Orchestersinfonie Es-Dur von Carl Philipp Emanuel Bach hingegen erinnert uns an Joseph Haydn, der den Bach-Sohn sehr verehrte, und auf dieser CD mit seiner Sinfonie Nr. 3 G-Dur vertreten ist. Musiziert wird solide, die CD ist durchaus hörenswert. 

Samstag, 3. März 2012

Die Orgel der Prinzessin Anna Amalia von Preußen (Crystal Classics)

Anna Amalia von Preußen (1723 bis 1787) war die jüngste Schwester Friedrichs des Großen. Sie heiratete nie; der König machte sie 1756 zur Äbtissin des Stifts Quedlinburg. Ebenso wie ihr Bruder interessierte sie sich für Musik; Amélie, wie sie eigentlich genannt wurde, begann jedoch erst nach dem Tode ihres Vaters, des Soldatenkönigs, das Clavierspiel zu erlernen. Später nahm sie auch Unterricht im Fach Komposition, und spielte Flöte, Geige, Laute und Orgel. Ihr Kapellmeister und Musiklehrer war Johann Philipp Kirn- berger. 
Eigens für die Prinzessin wurde durch Johann Peter Migendt und Ernst Julius Marx im Berliner Stadtschloss 1755 eine Orgel errichtet. Bei ihrem Umzug ins Palais Unter den Linden ließ Anna Amalia dieses Instrument umsetzen, und 1776 erwarb sie bei dem Orgelbauer ein weiteres Instrument für ihr Sommerquartier, das Venezobresche Palais. Letzteres ist verloren; doch die "Amalien-Orgel" kam nach dem Tode der Prinzessin in die Schlosskirche nach Wendisch-Buch bei Berlin. 1936 wurde sie dort ausgebaut, weil sie in eine andere Kirche gebracht werden sollte. Dazu kam es dann nicht mehr, sie blieb ein- gelagert - glücklicherweise, denn sonst wäre sie wie die Gotteshäuser durch Bomben zerstört worden. 
Nach dem Krieg fand die Amalien-Orgel in Berlin-Karlshorst ihren Platz. Dort war Roland Münch Organist, und er hat in den 80er Jahren auch die vorliegende CD eingespielt. Für dieses Orgelporträt hat der Kirchenmusikdirektor Werke von Carl Philipp Emanuel und Wilhelm Friedemann Bach, Kirnberger sowie drei weniger bekannten Berliner Organisten ausgewählt. Daran zeigt er exemplarisch die Klangmöglichkeiten des Instrumentes auf.