„Wenn ein angehender Clavier- spieler alle Schwierigkeiten überwunden hätte, die in Händels, Scarlattis, Schoberts, Eckharts und C.P.E. Bachs Clavierstücken anzutreffen sind“, so schrieb der englische Musikliebhaber Charles Burney in seinem Reisetagebuch 1773, „und, wie Alexander“ – gemeint ist hier Alexander der Große, jener makedonische König, der ein Reich eroberte, das bis nach Indien reichte – „bedauerte, daß er weiter nichts zu überwinden hätte, dem würde ich Müthels Kompositions vorschlagen, als ein Mittel, seine Geduld und Beharrlichkeit zu üben. Seine Arbeiten sind so voller neuer Gedanken, so voller Geschmack, Anmuth und Kunstfertig- keit, daß ich mich nicht scheuen würde, sie unter die grössesten Produkte unserer Zeit zu rechnen. So ausserordentlich das Genie und die Kunst dieses Tonkünstlers sind, so ist er doch in Deutschland nicht sehr bekannt.“
Johann Gottfried Müthel (1728 bis 1788) war der Sohn eines Organisten, und er kam in der Kleinstadt Mölln zur Welt. Seine musikalische Laufbahn begann er beim Vater, der ihn anschließend zur weiteren Ausbildung nach Lübeck zum Marienorganisten Johann Paul Kuntzen gab. Nach dessen Tode 1747 wurde Müthel Kammermusiker und Organist am Hof von Mecklenburg-Schwerin. Sein Dienstherr, Herzog Christian Ludwig II., schätzte den jungen Musiker sehr, und finanzierte ihm bald einen einjährigen Studienurlaub.
So reiste Müthel im Frühjahr 1750 nach Leipzig zu Johann Sebastian Bach, wo er dem erblindeten Meister auch als Notenkopist zur Hand ging, und in dessen Haushalt lebte – allerdings starb Bach drei Monate nach Ankunft dieses seines letzten Schülers. Müthel blieb dann einige Zeit bei Bachs Schwiegersohn Johann Christoph Altnikol in Naumburg. Mit Abschriften zahlreicher Werke Bachs wohl versehen, reiste der junge Musiker nach Dresden weiter, wo er Johann Adolph Hasse begegnete, und den modernen italienischen Stil kennenlernte. Aufenthalte bei Carl Philipp Emanuel Bach in Potsdam und bei Georg Philipp Telemann in Hamburg folgten, bevor Müthel schließlich – die Jahresfrist war längst weit über- schritten – zu seinem Dienstherrn zurückkehrte.
Doch schon 1753 nahm der Musiker seine Abschied, und folgte einer Einladung seines Bruders nach Riga. Dort leitete er zunächst die Kapelle des Geheimrates Otto Hermann von Vietinghoff, der auch ein bedeutender Kunstmäzen war. 1767 erhielt Müthel schließlich die Stelle des Organisten der Petri-Kirche, wo er dann bis an sein Lebensende verblieb.
Leider sind von ihm nur wenige Orgelmusiken erhalten. Auf dieser CD präsentiert Léon Berben nahezu vollständig das zwar schmale, aber beeindruckende Werk. Die Aufnahme zeigt, dass Müthel ohne Zweifel zu den wichtigsten Komponisten jener Zeit zwischen Barock und Klassik gehört, die von der Musikgeschichtsschreibung gern als „Sturm und Drang“ beschrieben wird.
Das Instrument, an dem Müthel einst in Riga musizierte, ist nicht erhal- ten. Allerdings wird eine Rekonstruktion der dreimanualigen Orgel, die von Gottfried Kloosen 1734 fertiggestellt wurde, durch die Dresdner Firma Wegscheider derzeit vorbereitet.
Für diese Einspielung hat Léon Berben die Orgel der Lukaskirche im thüringischen Mühlberg ausgewählt. Es handelt sich dabei um ein zweimanualiges Instrument mit Pedal, das 1729 von dem Erfurter Orgelbauer Frantz Volckland errichtet und 1823 durch Ernst Friedrich Hesse sowie 1934 durch die Firma Walcker rigoros umgebaut. In den Jahren 1995-97 wurde das Instrument durch den Orgelbau Waltershausen restauriert, wobei weitgehend der Zustand von 1823 wiederhergestellt worden ist. Zu Müthels Musik passt der Klang dieser Orgel, und Berben spielt obendrein exzellent. Kurz und gut: Unbedingte Empfehlung – die Wiederentdeckung dieses Orgelmeisters lohnt sich.
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Montag, 19. November 2018
Samstag, 22. September 2018
Duruflé: Complete Organ Works (Aeolus)
Das Orgelwerk von Maurice Duruflé (1902 bis 1986) ist nicht sehr umfangreich, aber musikhistorisch betrachtet von hohem Gewicht. Der Musiker, der bei Charles Tournemire, Jean Gallon und Paul Dukas studiert hatte, wurde im Jahre 1930 Titular- organist der Kirche Saint-Etienne-du-Mont in Paris.
Er unterrichtetet auch selbst, und prüfte seine eigenen Kompositionen immer wieder mit derart kritischem Blick, dass letztendlich kaum etwas übrig geblieben ist. Erstaunlicherweise konnten in jüngster Vergangenheit noch Stücke Duruflés aufgespürt werden. So wurde 1991 die Miniatur Chant donné veröffentlicht, die der Organist seinem Professor für Harmonielehre gewidmet hatte. Und 2002 erschien Méditation, ein drei Seiten umfassendes Werk aus dem Jahre 1964.
Auf dieser CD spielt Stéphane Mottoul Duruflés Kompositionen. Der junge belgische Organist, Jahrgang 1990, hat in Namur, Paris, Reims und Stutt- gart studiert. Dabei konzentierte sich zunehmend auf die Orgelimprovi- sation. Inzwischen hat er auch verschiedene Wettbewerbe gewonnen. Von älteren Einspielungen, die als Referenz gehandelt werden, lässt er sich nicht übermäßig beeindrucken und findet in der Auseinandersetzung mit Duruflés Musik seinen eigenen Weg.
Mottoul musiziert an dem 2016 von der Manufacture d'Orgues Thomas neu gebauten Instrument der St. Laurentius Kirche im luxemburgischen Diekirch. Diese Orgel, in die auch das verbliebene Pfeifenmaterial des Vorgängerinstruments von 1870 aus dem Hause Dalstein & Haerpfer integriert wurde, beruht auf deutschen und französischen Vorbildern, die hier in schönster Harmonie vereint wurden. Es ist ein modernes Instru- ment, nicht nur mit einem betont zeitgenössischen Prospekt, sondern auch mit einem facettenreichen, symphonischen Klang, den Mottoul mit seiner Interpretation wunderbar zur Geltung bringt. Gefällt mir!
Er unterrichtetet auch selbst, und prüfte seine eigenen Kompositionen immer wieder mit derart kritischem Blick, dass letztendlich kaum etwas übrig geblieben ist. Erstaunlicherweise konnten in jüngster Vergangenheit noch Stücke Duruflés aufgespürt werden. So wurde 1991 die Miniatur Chant donné veröffentlicht, die der Organist seinem Professor für Harmonielehre gewidmet hatte. Und 2002 erschien Méditation, ein drei Seiten umfassendes Werk aus dem Jahre 1964.
Auf dieser CD spielt Stéphane Mottoul Duruflés Kompositionen. Der junge belgische Organist, Jahrgang 1990, hat in Namur, Paris, Reims und Stutt- gart studiert. Dabei konzentierte sich zunehmend auf die Orgelimprovi- sation. Inzwischen hat er auch verschiedene Wettbewerbe gewonnen. Von älteren Einspielungen, die als Referenz gehandelt werden, lässt er sich nicht übermäßig beeindrucken und findet in der Auseinandersetzung mit Duruflés Musik seinen eigenen Weg.
Mottoul musiziert an dem 2016 von der Manufacture d'Orgues Thomas neu gebauten Instrument der St. Laurentius Kirche im luxemburgischen Diekirch. Diese Orgel, in die auch das verbliebene Pfeifenmaterial des Vorgängerinstruments von 1870 aus dem Hause Dalstein & Haerpfer integriert wurde, beruht auf deutschen und französischen Vorbildern, die hier in schönster Harmonie vereint wurden. Es ist ein modernes Instru- ment, nicht nur mit einem betont zeitgenössischen Prospekt, sondern auch mit einem facettenreichen, symphonischen Klang, den Mottoul mit seiner Interpretation wunderbar zur Geltung bringt. Gefällt mir!
Mittwoch, 3. Januar 2018
Franck: Offertoires & Pièces posthumes (Aeolus)
Noch einmal Orgelmusik von César Franck – diesmal allerdings eingespielt an einer großen französischen romantischen Orgel: Elke Völker widmet sich auf dieser CD ausgewählten Frühwerken des belgischen Wahl-Franzosen. Es handelt sich dabei um weniger bekannte Stücke, die aber belegen, wie aus einem exzellenten Pianisten innerhalb von zwei Jahrzehnten ein versierter Organist wurde, der die Entwicklung der Orgelmusik entscheidend mit beeinflusste.
Zugleich stellt die Organistin ein Instrument vor, das auf Aufnahmen eher selten zu hören ist: Die Orgel der neogotischen Basilika Notre-Dame in Bonsecours, nördlich von Rouen, wurde 1857 durch Aristide-Cavaillé-Coll errichtet. Der Orgelbauer ergänzte das Instrument 1879 durch ein selbstständiges Pedal mit vier Registern. In späteren Jahren erfolgten weitere Veränderungen, die der Orgel einen deutlich sinfonischeren Charakter gaben und das Instrument erneut erweiterten. Seit 1997 steht die Orgel unter Denkmalschutz; 1999/2000 wurde sie restauriert, und ist heute wieder in dem Zustand, den Cavaillé-Coll in den Jahren 1888/89 hergestellt hatte, mit 29 Registern auf drei Manualen - von denen eines ein Koppelmanual ist - und Pedal. Allerdings wurde dabei der erweiterte Tonumfang aus dem 20. Jahrhundert beibehalten. Ein grandioses Instrument, und eine großartige Einspielung! Elke Völker musiziert sehr hörenswert, und auch technisch ist die Aufnahme exzellent.
Zugleich stellt die Organistin ein Instrument vor, das auf Aufnahmen eher selten zu hören ist: Die Orgel der neogotischen Basilika Notre-Dame in Bonsecours, nördlich von Rouen, wurde 1857 durch Aristide-Cavaillé-Coll errichtet. Der Orgelbauer ergänzte das Instrument 1879 durch ein selbstständiges Pedal mit vier Registern. In späteren Jahren erfolgten weitere Veränderungen, die der Orgel einen deutlich sinfonischeren Charakter gaben und das Instrument erneut erweiterten. Seit 1997 steht die Orgel unter Denkmalschutz; 1999/2000 wurde sie restauriert, und ist heute wieder in dem Zustand, den Cavaillé-Coll in den Jahren 1888/89 hergestellt hatte, mit 29 Registern auf drei Manualen - von denen eines ein Koppelmanual ist - und Pedal. Allerdings wurde dabei der erweiterte Tonumfang aus dem 20. Jahrhundert beibehalten. Ein grandioses Instrument, und eine großartige Einspielung! Elke Völker musiziert sehr hörenswert, und auch technisch ist die Aufnahme exzellent.
Sonntag, 19. Juli 2015
Concerti - Flanders Recorder Quartet & friends (Aeolus)
„Muziek is eten, drinken, religie, zuurstof, leven“, meint das Flanders Recorder Quartet im Beiheft zu dieser CD. Bart Spanhove, Joris Van Goethem, Paul Van Loey und Tom Beets musizieren seit mehr als 25 Jahren miteinander. Zum Jubiläum haben die vier Blockflötisten ein Programm mit Concerti zusammen- gestellt, und es mit dieser Aufnahme auch jenen Hörern zugänglich gemacht, die nicht die Gelegenheit hatten, das Ensemble live zu erleben.
Weil originale barocke Konzerte für vier Blockflöten und Orchester enorm selten sind, haben die Musiker ein wenig getrickst. So hat Joris Van Goethem ein Konzert für vier Violinen und Orchester von Antonio Vivaldi, das wiederum Johann Sebastian Bach für vier Cembali und Orchester (BWV 1065) bearbeitet hat, für vier Blockflöten arrangiert. Dabei hat er sich an beiden Vorbildern orientiert, was eine reizvolle Mischung ergibt. Und weil das so schön ist, erklingt anschließend auch noch Vivaldis Concerto con Quattro Violini obligato op. 3 Nr. 1 RV 549 – selbstredend ebenfalls in einer Flöten-Version.
Das Concerto a 8 von Johann David Heinichen wurde tatsächlich für vier Blockflöten geschrieben – das Flanders Recorder Quartet hat allerdings eine Bearbeitung für drei Solisten erstellt, um sogenannte Unisoni in den Mittelstimmen zu vermeiden, Abschnitte, wo mehrere Blockflöten dieselbe Stimme spielen. Heinichen war zwar experimentierfreudig, aber auf diesen Effekt verzichten auch die Zuhörer dankend. Bezaubernd klingt Three parts upon a ground von Henry Purcell, wenn es von Blockflöten derart brillant gespielt wird.
Sehr attraktiv auch ist die Variante, die sich das Flanders Recorder Quartet für das vierte Brandenburgische Konzert in G-Dur BWV 1049 überlegt hat. Dieses gibt es nämlich auch als Cembalokonzert in F-Dur BWV 1057, und ohne konzertierende Violine kommen die Blockflöten besonders hübsch zur Geltung – dem Cembalo geben sie sehr nett ein Echo. Und wenn Flötisten einmal bei Bach sind, dann laden auch die Orgelchoräle zu Entdeckungen ein.
Das Programm endet mit Motion, geschaffen von dem belgischen Kompo- nisten Piet Swerts 2003 als Auftragswerk eigens für die vier Blockflötisten. „Als uitvoerders is het een feest Motion op een concert te kunnen vertol- ken“, schreibt Bart Spanhove im Beiheft, „zelfs na vijftig uitvoeringen ontdekken we nog nieuwe zaken. Her doet ons als blokfluitisten deugd dat Piet Swerts dit schreef alsof hij het beste strijkkwartet voor ogen had.“
Weil originale barocke Konzerte für vier Blockflöten und Orchester enorm selten sind, haben die Musiker ein wenig getrickst. So hat Joris Van Goethem ein Konzert für vier Violinen und Orchester von Antonio Vivaldi, das wiederum Johann Sebastian Bach für vier Cembali und Orchester (BWV 1065) bearbeitet hat, für vier Blockflöten arrangiert. Dabei hat er sich an beiden Vorbildern orientiert, was eine reizvolle Mischung ergibt. Und weil das so schön ist, erklingt anschließend auch noch Vivaldis Concerto con Quattro Violini obligato op. 3 Nr. 1 RV 549 – selbstredend ebenfalls in einer Flöten-Version.
Das Concerto a 8 von Johann David Heinichen wurde tatsächlich für vier Blockflöten geschrieben – das Flanders Recorder Quartet hat allerdings eine Bearbeitung für drei Solisten erstellt, um sogenannte Unisoni in den Mittelstimmen zu vermeiden, Abschnitte, wo mehrere Blockflöten dieselbe Stimme spielen. Heinichen war zwar experimentierfreudig, aber auf diesen Effekt verzichten auch die Zuhörer dankend. Bezaubernd klingt Three parts upon a ground von Henry Purcell, wenn es von Blockflöten derart brillant gespielt wird.
Sehr attraktiv auch ist die Variante, die sich das Flanders Recorder Quartet für das vierte Brandenburgische Konzert in G-Dur BWV 1049 überlegt hat. Dieses gibt es nämlich auch als Cembalokonzert in F-Dur BWV 1057, und ohne konzertierende Violine kommen die Blockflöten besonders hübsch zur Geltung – dem Cembalo geben sie sehr nett ein Echo. Und wenn Flötisten einmal bei Bach sind, dann laden auch die Orgelchoräle zu Entdeckungen ein.
Das Programm endet mit Motion, geschaffen von dem belgischen Kompo- nisten Piet Swerts 2003 als Auftragswerk eigens für die vier Blockflötisten. „Als uitvoerders is het een feest Motion op een concert te kunnen vertol- ken“, schreibt Bart Spanhove im Beiheft, „zelfs na vijftig uitvoeringen ontdekken we nog nieuwe zaken. Her doet ons als blokfluitisten deugd dat Piet Swerts dit schreef alsof hij het beste strijkkwartet voor ogen had.“
Mittwoch, 27. März 2013
Boccherini: Stabat mater (Aeolus)
Luigi Boccherini (1743 bis 1805) war ein Meister der kleinen Form. Er gehört ebenso wie Joseph Haydn zu den Vätern des Streich- quartettes - und er hat 1766 in Rom gemeinsam mit Pietro Nardini, Filippo Manfredi und Giuseppe Cambini in einem der ersten derartigen Ensembles musiziert.
Als compositore e virtuoso di camera des spanischen Infanten Don Luis schuf Boccherini eine große Anzahl von Streichquartetten - und noch mehr Streichquintette für zwei Violinen, Viola und zwei Violoncelli. Die Stimme des ersten Cellos, das oftmals solistische Aufgaben übernimmt, dürfte Boccheri- ni wohl für sich selbst geschrieben haben.
1776 heiratete Don Luis unter seinem Stand, was dazu führte, dass er den Hof verlassen musste. Er ließ sich in Las Arenas de San Pedro, einem Städtchen nordwestlich von Madrid, nieder. Dort entstanden viele bedeutende Werke Boccherinis, darunter auch das Stabat mater, dessen Urfassung 1781 sich auf eine Minimalbesetzung mit Sopran und Streichquintett beschränkte. Dieses Werk, das durch seine kammermusikalische Innigkeit berührt, war offenbar für Don Luis bestimmt, für die ganz private Andacht des Infanten. Als Boccherini das Werk später für den Druck überarbeitete, hat er das Ensemble deutlich vergrößert. Die Sopranistin Amaryllis Dieltiens hat das Stabat mater nun bei Aeolus in der Urfassung gemeinsam mit ihrem Ensemble Capriola Di Gioia eingespielt. Dabei kommt statt eines zweiten Cellos ein Kontrabass zum Einsatz; die Continuo-Orgel sorgt für ein sakrales Klangbild.
Eine Sonate für Cembalo e violino obbligato, die sowohl dem Cembalo als auch der Violine reichlich Gelegenheit zur brillanten solistischen Präsentation gibt, trennt das geistliche Werk von zwei absoluten Raritäten: 1791 schuf Boccherini die Arie Accademiche, zwölf virtuose Konzertarien. Zwei davon hat Dieltiens für diese CD ausgewählt. Ihre glockenreine, federleichte Sopranstimme passt zu diesen Werken ausgezeichnet. Ein perfekter Abschluss für eine sehr gelungene CD, die vom ersten bis zum letzten Ton begeistert.
Als compositore e virtuoso di camera des spanischen Infanten Don Luis schuf Boccherini eine große Anzahl von Streichquartetten - und noch mehr Streichquintette für zwei Violinen, Viola und zwei Violoncelli. Die Stimme des ersten Cellos, das oftmals solistische Aufgaben übernimmt, dürfte Boccheri- ni wohl für sich selbst geschrieben haben.
1776 heiratete Don Luis unter seinem Stand, was dazu führte, dass er den Hof verlassen musste. Er ließ sich in Las Arenas de San Pedro, einem Städtchen nordwestlich von Madrid, nieder. Dort entstanden viele bedeutende Werke Boccherinis, darunter auch das Stabat mater, dessen Urfassung 1781 sich auf eine Minimalbesetzung mit Sopran und Streichquintett beschränkte. Dieses Werk, das durch seine kammermusikalische Innigkeit berührt, war offenbar für Don Luis bestimmt, für die ganz private Andacht des Infanten. Als Boccherini das Werk später für den Druck überarbeitete, hat er das Ensemble deutlich vergrößert. Die Sopranistin Amaryllis Dieltiens hat das Stabat mater nun bei Aeolus in der Urfassung gemeinsam mit ihrem Ensemble Capriola Di Gioia eingespielt. Dabei kommt statt eines zweiten Cellos ein Kontrabass zum Einsatz; die Continuo-Orgel sorgt für ein sakrales Klangbild.
Eine Sonate für Cembalo e violino obbligato, die sowohl dem Cembalo als auch der Violine reichlich Gelegenheit zur brillanten solistischen Präsentation gibt, trennt das geistliche Werk von zwei absoluten Raritäten: 1791 schuf Boccherini die Arie Accademiche, zwölf virtuose Konzertarien. Zwei davon hat Dieltiens für diese CD ausgewählt. Ihre glockenreine, federleichte Sopranstimme passt zu diesen Werken ausgezeichnet. Ein perfekter Abschluss für eine sehr gelungene CD, die vom ersten bis zum letzten Ton begeistert.
Samstag, 23. Februar 2013
Benda: Six Sonatas (Aeolus)
Jirí Antonín Benda (1722 bis 1795), bekannter als Georg Anton Benda, wirkte als Hofkapellmeister des Herzogs Friedrich III. in Gotha. Er stammte aus einer böhmischen Musikerdynastie; seine Brüder Franz und Johann musizierten in der Hofkapelle Friedrichs von Preußen. Der Kronprinz veranlasste schließlich die Übersiedlung der ganzen Familie nach Potsdam. Dort vollendete Georg Anton seine Ausbildung, und erhielt 1742 ebenfalls eine erste Anstellung in der preußischen Hofkapelle. 1750 ging er dann nach Gotha, wo er nicht nur musizierte und das Orchester leitete, sondern auch komponierte - und der Herzog förderte ihn dabei. So schickte er Benda 1765 auf eine Bildungsreise nach Italien.
Dort hat der Komponist eine Menge Anregungen erfahren. Insbeson- dere das Theatralische faszinierte Benda, so dass er schließlich für die Seylersche Theatergesellschaft mit den berühmten Schauspielern Ekhof und Iffland, die 1774 nach Gotha kam, Bühnenwerke mit Musik schrieb - das Melodram, eine gänzlich neue Gattung, war geboren.
Auch in seinen Clavierwerken - Sechs Sonaten aus dem Jahr 1757 erklingen auf dieser CD - ist das Bestreben Bendas, Musik und thea- tralische Gestik miteinander zu verknüpfen, bereits zu erkennen. Sie erinnern an Werke Carl Philipp Emanuel Bachs - und entwickeln eine musikalische Sprache, die die traditionellen rhetorischen Figuren des Barock durch eigene Erfindungen ersetzt. So gibt Benda dem soge- nannten Empfindsamen Stil seiner Zeit ganz eigene Akzente. Langweilig jedenfalls sind die Sonaten nicht, die Bernhard Klapproth hier in großartiger Weise eingespielt hat.
Wer diese Aufnahme gehört hat, der dürfte zudem nachfühlen können, warum das Clavichord mit seinem wandelbaren Klang das bevorzugte Instrument jener Tage war, in denen eine ästhetische Debatte geführt wurde, deren Ziel die Ablösung des als "schwülstig" empfundenen, stark reglementierten Barock durch "Natürlichkeit" war. Hier erklingt ein Instrument des Dresdner Klavierbauers Joseph Gottfried Horn (1739 bis 1797). Wo er dieses Handwerk erlernt hat, das ist unklar - doch dieses Clavichord aus dem Jahre 1788, das sich heute in der Sammlung Beurmann befindet, ist ein hervorragendes Instrument mit einem wundervollen, silbrigen Ton.
Dort hat der Komponist eine Menge Anregungen erfahren. Insbeson- dere das Theatralische faszinierte Benda, so dass er schließlich für die Seylersche Theatergesellschaft mit den berühmten Schauspielern Ekhof und Iffland, die 1774 nach Gotha kam, Bühnenwerke mit Musik schrieb - das Melodram, eine gänzlich neue Gattung, war geboren.
Auch in seinen Clavierwerken - Sechs Sonaten aus dem Jahr 1757 erklingen auf dieser CD - ist das Bestreben Bendas, Musik und thea- tralische Gestik miteinander zu verknüpfen, bereits zu erkennen. Sie erinnern an Werke Carl Philipp Emanuel Bachs - und entwickeln eine musikalische Sprache, die die traditionellen rhetorischen Figuren des Barock durch eigene Erfindungen ersetzt. So gibt Benda dem soge- nannten Empfindsamen Stil seiner Zeit ganz eigene Akzente. Langweilig jedenfalls sind die Sonaten nicht, die Bernhard Klapproth hier in großartiger Weise eingespielt hat.
Wer diese Aufnahme gehört hat, der dürfte zudem nachfühlen können, warum das Clavichord mit seinem wandelbaren Klang das bevorzugte Instrument jener Tage war, in denen eine ästhetische Debatte geführt wurde, deren Ziel die Ablösung des als "schwülstig" empfundenen, stark reglementierten Barock durch "Natürlichkeit" war. Hier erklingt ein Instrument des Dresdner Klavierbauers Joseph Gottfried Horn (1739 bis 1797). Wo er dieses Handwerk erlernt hat, das ist unklar - doch dieses Clavichord aus dem Jahre 1788, das sich heute in der Sammlung Beurmann befindet, ist ein hervorragendes Instrument mit einem wundervollen, silbrigen Ton.
Mittwoch, 21. November 2012
Awakening Princesses (Aeolus)
Auf dieser CD erklingen Blockflöten aus der Bate Collection of Musical Instruments der Universität Ox- ford. Es sind kostbare Instrumen- te, und es ist keineswegs alltäglich, dass solche Sammlerstücke ge- spielt werden dürfen. Für die Idee, ihren besonderen Klang auf CD zu dokumentieren, ist Andrew Lamb, dem Kurator der Sammlung, zu danken.
Zwar sind Nachbauten historischer Instrumente heute allgegenwärtig. Doch standen den Instrumentenbauern vergangener Jahrhunderte natürlich nicht die Fertigungsmittel zur Verfügung, die ihre Kollegen heutzutage verwenden. Obendrein hat sich die Stimmtonhöhe im Verlaufe der Zeit erheblich verändert. Passt man den Stimmton aber heutigen Konventionen an, verändert sich notwendigerweise auch die Flöte. All das hat Auswirkungen auf den Klang.
Will man herausfinden, wie Blockflöten zu Purcells Zeiten geklungen haben, ist man auf Originale aus jenen Tagen angewiesen. Leider sind Flöten empfindlich; wenn man sie spielt, werden sie durch die Atem- luft mit Feuchtigkeit und Wärme konfrontiert. Wer aber für eine Sammlung wertvoller Musikinstrumente verantwortlich ist, der will sie erhalten - und so liegen historische Blockflöten, wenn sie einmal im Museum angekommen sind, üblicherweise nur noch stumm in der Vitrine.
Die Instrumente der Bate Collection durfte Flötenvirtuose Peter Holtslag für diese Aufnahmen aus dem musealen Schlummer holen. Das hatte seine Tücken, schreibt der Musiker im Begleitheft zu dieser CD: "Wie bei allen schlafenden Märchenprinzessinnen, die etwas taugen, war das Aufwecken dieser Schönheiten alles andere als einfach. Nachdem sie so lange in ihren Kästen in Oxford ge- schlummert hatten, waren sie zerbrechlich, empfindlich und launisch." Sechs Blockflöten aus diesem Schatz wählte er für die Aufnahmen aus.
Einige der Instrumente, berichtet Holtslag, klangen immer besser, je länger sie gespielt wurden. Das gilt insbesondere für die Blockflöten von Peter Bressan (1663 bis 1731). Er war wohl in erster Linie Oboist, doch er gilt als der Stradivarius der Barockblockflöte. Von den Oboen, die er angefertigt hat, blieb keine erhalten; aber 57 Block- und drei Traversflöten sind überliefert. Holtslag stellt auf der CD eine einzigartige Quartflöte des Meisters vor, sowie eine Altblockflöte und eine wundervolle Bassblockflöte, die nicht nur traumhaft aussieht, sondern auch phantastisch klingt.
Den Stempel Urquhart tragen nur noch zwei Altblockflöten weltweit. Über ihren Erbauer ist nichts bekannt; aber die Flöten sind ausge- sprochen kunstfertig aus gebeiztem Buchbaum mit Elfenbeinringen angefertigt worden. Das Instrument, das Holtslag in der Oxforder Sammlung vorfand, klingt einzigartig - aber es ist sehr fragil und heute nur noch für wenige Minuten spielbar.
Ähnliches gilt auch für eine Altblockflöte des Niederländers Robert Wijne (1698-1774). Dieses Instrument hat einen faszinierenden Klang - aber es hat sich derart verzogen, dass Holtslag die Sonate von Johann Christian Schickardt vermutlich über mehrere Tage verteilt eingespielt hat: "Die Stimmung ist äußerst problematisch und ver- schlechtert sich nach nur wenigen Minuten des Spielens", berichtet der Flötist.
Thomas Stanesby junior (1692 bis 1754) ist auf der CD mit einer Tenorflöte vertreten. Auch sie erwies sich als Prinzessin - mit einem Riss im Kopfstück. "Normalerweise ist dieser Riss nur kosmetischer Natur, er bleibt geschlossen, und das Instrument spielt einwandfrei", meint Holtslag. "Wie aber nicht anders zu erwarten, entschloss sich der Riss allerdings, einen Tag vor unserer Aufnahme aufzugehen, was das Instrument fast unmöglich zu spielen machte. Wir schafften gerade ein kurzes (...) Stück, wobei wir unglücklicherweise gezwungen waren, das tiefe Register des Instruments zu meiden, welches normalerweise besonders schön klingt." Wie die Geschichte weitergeht, kann sich der Hörer denken: "Zwei Tage nach Beenden der Aufnahmen kehrte die Stanesby - was sonst - zurück zu ihrem vorherigen Zustand."
Es wird also nicht verwundern, dass die Blockflöten von Peter Bressan den weitaus größten Anteil an dieser Klangprobe haben. Holtslag hat für jedes Instrument passende Werke ausgewählt, und sich zudem exzellente Mitstreiter gesucht. So wird der Flötist von Elizabeth Kenny, Erzlaute und Theorbe, Rainer Zipperling, Gambe und Barock-Violoncello sowie Carsten Lohff am Cembalo begleitet. Bressan betrachtet Musik zudem als Fortsetzung der Rhetorik mit musikali- schen Mitteln, und nicht als sportliche Übung. Das Ergebnis ist eine außerordentlich spannende, klangschöne CD, die Freunde der Barockmusik begeistern wird.
Zwar sind Nachbauten historischer Instrumente heute allgegenwärtig. Doch standen den Instrumentenbauern vergangener Jahrhunderte natürlich nicht die Fertigungsmittel zur Verfügung, die ihre Kollegen heutzutage verwenden. Obendrein hat sich die Stimmtonhöhe im Verlaufe der Zeit erheblich verändert. Passt man den Stimmton aber heutigen Konventionen an, verändert sich notwendigerweise auch die Flöte. All das hat Auswirkungen auf den Klang.
Will man herausfinden, wie Blockflöten zu Purcells Zeiten geklungen haben, ist man auf Originale aus jenen Tagen angewiesen. Leider sind Flöten empfindlich; wenn man sie spielt, werden sie durch die Atem- luft mit Feuchtigkeit und Wärme konfrontiert. Wer aber für eine Sammlung wertvoller Musikinstrumente verantwortlich ist, der will sie erhalten - und so liegen historische Blockflöten, wenn sie einmal im Museum angekommen sind, üblicherweise nur noch stumm in der Vitrine.
Die Instrumente der Bate Collection durfte Flötenvirtuose Peter Holtslag für diese Aufnahmen aus dem musealen Schlummer holen. Das hatte seine Tücken, schreibt der Musiker im Begleitheft zu dieser CD: "Wie bei allen schlafenden Märchenprinzessinnen, die etwas taugen, war das Aufwecken dieser Schönheiten alles andere als einfach. Nachdem sie so lange in ihren Kästen in Oxford ge- schlummert hatten, waren sie zerbrechlich, empfindlich und launisch." Sechs Blockflöten aus diesem Schatz wählte er für die Aufnahmen aus.
Einige der Instrumente, berichtet Holtslag, klangen immer besser, je länger sie gespielt wurden. Das gilt insbesondere für die Blockflöten von Peter Bressan (1663 bis 1731). Er war wohl in erster Linie Oboist, doch er gilt als der Stradivarius der Barockblockflöte. Von den Oboen, die er angefertigt hat, blieb keine erhalten; aber 57 Block- und drei Traversflöten sind überliefert. Holtslag stellt auf der CD eine einzigartige Quartflöte des Meisters vor, sowie eine Altblockflöte und eine wundervolle Bassblockflöte, die nicht nur traumhaft aussieht, sondern auch phantastisch klingt.
Den Stempel Urquhart tragen nur noch zwei Altblockflöten weltweit. Über ihren Erbauer ist nichts bekannt; aber die Flöten sind ausge- sprochen kunstfertig aus gebeiztem Buchbaum mit Elfenbeinringen angefertigt worden. Das Instrument, das Holtslag in der Oxforder Sammlung vorfand, klingt einzigartig - aber es ist sehr fragil und heute nur noch für wenige Minuten spielbar.
Ähnliches gilt auch für eine Altblockflöte des Niederländers Robert Wijne (1698-1774). Dieses Instrument hat einen faszinierenden Klang - aber es hat sich derart verzogen, dass Holtslag die Sonate von Johann Christian Schickardt vermutlich über mehrere Tage verteilt eingespielt hat: "Die Stimmung ist äußerst problematisch und ver- schlechtert sich nach nur wenigen Minuten des Spielens", berichtet der Flötist.
Thomas Stanesby junior (1692 bis 1754) ist auf der CD mit einer Tenorflöte vertreten. Auch sie erwies sich als Prinzessin - mit einem Riss im Kopfstück. "Normalerweise ist dieser Riss nur kosmetischer Natur, er bleibt geschlossen, und das Instrument spielt einwandfrei", meint Holtslag. "Wie aber nicht anders zu erwarten, entschloss sich der Riss allerdings, einen Tag vor unserer Aufnahme aufzugehen, was das Instrument fast unmöglich zu spielen machte. Wir schafften gerade ein kurzes (...) Stück, wobei wir unglücklicherweise gezwungen waren, das tiefe Register des Instruments zu meiden, welches normalerweise besonders schön klingt." Wie die Geschichte weitergeht, kann sich der Hörer denken: "Zwei Tage nach Beenden der Aufnahmen kehrte die Stanesby - was sonst - zurück zu ihrem vorherigen Zustand."
Es wird also nicht verwundern, dass die Blockflöten von Peter Bressan den weitaus größten Anteil an dieser Klangprobe haben. Holtslag hat für jedes Instrument passende Werke ausgewählt, und sich zudem exzellente Mitstreiter gesucht. So wird der Flötist von Elizabeth Kenny, Erzlaute und Theorbe, Rainer Zipperling, Gambe und Barock-Violoncello sowie Carsten Lohff am Cembalo begleitet. Bressan betrachtet Musik zudem als Fortsetzung der Rhetorik mit musikali- schen Mitteln, und nicht als sportliche Übung. Das Ergebnis ist eine außerordentlich spannende, klangschöne CD, die Freunde der Barockmusik begeistern wird.
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