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Sonntag, 31. Oktober 2021

"Denn Silbermann wird aus dem Werck erkennt" (Rondeau)


 Aus dem sächsischen Kleinbobritzsch stammte Gottfried Silbermann (1683 bis 1753). Das Orgelbauerhandwerk erlernte er im Elsass bei seinem Bruder Andreas. Doch weil er diesem nicht Konkurrenz machen wollte, kehrte er schließlich als Meister nach Sachsen zurück. In Frauenstein, wo er aufgewachsen war, baute er 1711 die erste Orgel in der Heimat - „weil Frauenstein mein Vaterland, Gott zu Ehren und der Kirche zu Liebe“, so schrieb Silbermann, und dies, ohne ein Honorar dafür einzufordern. 

Wenn das zutrifft, so war es dennoch eine kluge Investition. Denn das Instrument gefiel. Der junge Orgelbauer richtete seine Werkstatt im sächsischen Freiberg ein. Die große Orgel im dortigen Dom St. Marien wurde sein zweites Projekt. Und viele weitere Aufträge folgten; etwa 50 Orgeln errichtete der Meister mit seinen Gesellen. In Sachsen sind 31 davon erhalten geblieben. 

Schon eine Weihegedicht für die Crostauer Orgel verweist darauf, wie einzigartig diese Instrumente sind: „Silbermann wird aus dem Werck erkennt“, meinte damals der Dichter. Denn die Orgeln, die er gebaut hat, haben einen unverwechselbaren Klang; Gottfried Silbermann zählt ohne Zweifel zu den bedeutendsten Orgelbauern überhaupt. 

Auf dieser CD präsentiert Lucas Pohle, Kantor an der Kirche in Crostau, „sein“ Hausinstrument, dessen Restaurierung durch die Hermann Eule Orgelbau GmbH 2016 er initiiert und begleitet hat. Zu hören sind Präludium und Fuge G-Dur BWV 541 von Johann Sebastian Bach, zwei der Schübler-Choräle (BWV 645 und 647) sowie die Sonate e-Moll BWV 528 – was dem Organisten Gelegenheit gibt, die Stärken des Instrumentes und die allermeisten Register ins beste Licht zu rücken. 

Drei Choralbearbeitungen sowie die Fantasie in f-Moll für Oboe und Orgel des Bach-Schülers Johann Ludwig Krebs machen deutlich, wie exzellent der Klang beider Instrumente harmoniert. Hier musiziert Pohle gemeinsam mit der Dresdner Oboistin Luise Haugk. Einen Glanzpunkt zum Schluss setzt die Solo-Kantate Geist und Seele wird verwirret BWV 35 – eine der wenigen Kantaten Bachs mit obligater Orgelstimme. Als Partner dafür hat Pohle die Altistin Britta Schwarz sowie das renommierte Dresdner Barockorchester gewählt. Ein schönes Programm, und ein gelungenes Orgelporträt. 

Samstag, 3. Juli 2021

Buxtehude: Early Organ Works (MDG)

 

Harald Vogel, Professor an der Hochschule für Künste Bremen, ist mit der norddeutschen Orgelmusik und auch mit der Orgellandschaft vertraut wie kaum ein anderer. Er hat zahlreiche Aufnahmen eingespielt, Orgelwerke wichtiger Komponisten ediert, als Orgelsachverständiger Kirchgemeinden bei der Erhaltung und Restaurierung ihrer Instrumente unterstützt, Neubauprojekte begleitet, und vieles mehr. Die Liste seiner Schüler ist lang und 2018 ehrte die Hansestadt Lübeck Harald Vogel mit dem Buxtehude-Preis – eine Auszeichnung mit Symbolkraft, denn in jenem Jahr jährt sich der Dienstantritt Dieterich Buxtehudes an der Lübecker Marienkirche zum 350. Male. 

In der Tat hat sich Harald Vogel wie kein zweiter um das historische Orgelspiel und ganz speziell um das Werk Buxtehudes verdient gemacht. So hat er für MDG auf 17 historischen Orgeln eine Gesamtaufnahme der Kompositionen des großen norddeutschen Organisten eingespielt. 

Die frühesten Überlieferungen der Orgelwerke Buxtehudes finden sich im Codex E. B., entstanden 1688 in Dresden. Diese Handschrift enthält sowohl Werke aus der italienisch-süddeutschen als auch der norddeutschen Orgeltradition. MDG fasste, passend zur Preisverleihung, seinerzeit sämtliche Buxtehude-Werke aus dem Codex auf einer CD zusammen. Dabei erklingt, als Rarität, die Ersteinspielung einer Sonate mit obligater Gambe, entstanden als Musik zur Kommunion. Sie wird von dem renommierten Gambisten Thomas Fritzsch gemeinsam mit Vogel gespielt. 

Das eigentlich spannende aber an dieser Neuedition ist die Vielfalt der Orgeln: Nacheinander erklingen Instrumente, die Buxtehude selbst gespielt hat, wie die Orgeln in Torrlösa, Helsingör, Hamburg-St. Jacobi und Lübeck-St. Jacobi, sowie weitere Orgeln, die Buxtehude möglicherweise besucht hat, im Dom zu Roskilde sowie in Pilsum, Norden-St. Ludgeri und die rekonstruierte Orgel im Herrenhaus Damp. Zu erleben sind die unterschiedlichsten Stimmungen und Register. Damit vermittelt die CD einen Eindruck von der farbenreichen Klangwelt, in der sich Buxtehude einst bewegte. Hochinteressant! 


Sonntag, 27. Dezember 2020

Die Späth-Orgel in St. Oswald Regensburg (Tyxart)


 Am 27. Dezember 1750, „mit Musiken von Trp. Und Pauken“, wurde die Orgel der Regensburger Oswaldkirche eingeweiht. Erbaut wurde dieses Instrument von dem ortsansässigen Frantz Jacob Späth (1714 bis 1786). Berühmtheit erlangte der experimentierfreudige Meister allerdings als Erfinder des Tangentenflügels. 

Die Orgel in der Oswaldkirche hat Frantz Jacob Späth gemeinsam mit Johann Andreas Stein errichtet. Dieser hatte das Handwerk bei Johann Andreas Silbermann in Straßburg erlernt, und nach seiner Tätigkeit bei Späth ließ er sich schließlich in Augsburg als Orgel- und Klavierbauer nieder. In seiner Bewerbung dort führte er an, er habe „in Regensburg in der großen schönen Orgel von St. Oswald das ganze Pfeiffwercke, als das Wesen einer Orgel, von meiner eigenen Handt verfertiget und intonieret.“ 

Glücklicherweise blieb das Instrument über Jahrhunderte unverändert; eine Erweiterung durch Paul Ott aus dem Jahre 1954 wurde in den Jahren 1986 bis 1991 durch die Bonner Orgelbaufirma Klais im Zuge einer umfassenden Restaurierung wieder rückgängig gemacht. So präsentiert sich die Späth-Orgel heute wieder im exzellenten und ursprünglichen Zustand. 

Roman Emilius, Stadt- und Dekanatskantor in Regensburg, stellt auf dieser CD das Instrument vor, das durch einzigartige Klangfarben begeistert. In bester süddeutscher Tradition, wirkt diese Orgel ausgesprochen charaktervoll und ausdrucksstark. Und mit seinem geschickt zusammengestellten Programm bringt Roman Emilius die Vorzüge des Instrumentes hervorragend zur Geltung. Für Kenner und Liebhaber bietet seine Werkauswahl zudem auch einige spezielle Höhepunkte. Humor und Orgel – eine Kombination, die ich nur empfehlen kann. 


Montag, 26. Oktober 2020

Apparatus Musico-Organisticus (Musikmuseum)


 Zwei ebenso klangschöne wie charaktervolle Orgeln aus dem Tirol hat Peter Waldner für diese Einspielung ausgewählt. Die historische Orgel der Pfarrkirche St. Blasius in Taufers (Münstertal) wurde von Johann Caspar Humpel 1709 errichtet, und 1807 durch Andreas Mauracher ergänzt. Weitere Umbauten erfolgten 1844 durch Alois Schönach sowie im Jahre 1952 durch Carl Schäfer. 2001 wurde das Instrument durch die Orgelbauwerkstatt Martin Vier restauriert und dabei in jenen guten Zustand gebracht, der auf dieser CD nun zu erleben ist. 

Die Orgel der reformierten Kirche San Flurin in Ramosch (Graubünden) wurde um 1680 von Carlo Prati angefertigt, wohl der bedeutendste Orgelbauer jener Zeit in der Region. Davon blieb aber nur das Pfeifenwerk erhalten, das Andreas Mauracher um 1800 in ein neu errichtetes Instrument übernahm. 1908 passte Jakob Metzler diese Orgel dem veränderten musikalischen Geschmack an. Die Restaurierung 1987 durch Arno Caluori berücksichtigte all diese Besonderheiten, und stellte im Wesentlichen den Zustand um 1800 wieder her. Sogar eine Balganlage mit zwei großen Keilbälgen wurde rekonstruiert. 

Wie sehr nicht nur die Tiroler Orgellandschaft, sondern auch die Musik, die in der Region beheimatet ist, durch die benachbarten Regionen mit geprägt wurde, das demonstriert Peter Waldner mit einer Auswahl barocker Orgelwerke aus Tiroler Quellen. So befindet sich in der Bibliothek des Klosters Marienberg oberhalb von Burgeis das einzige in Tirol erhaltene Exemplar von Georg Muffats Apparatus musico-organisticus

In Marienberg fanden sich auch fünf kunstvolle Fugen aus der Anmuthigen Clavier-Übung des Zittauer Komponisten Johann Krieger. Komplettiert wird das Programm durch eine Passacaglia seines Bruders Johann Philipp Krieger, sowie durch eine Canzona von Ingenuin Molitor aus dem Brixner Orgelbuch und ein anonymes Ricercare aus dem Stamser Orgelbuch

Mit dieser Musikauswahl gibt Peter Waldner nicht nur einen Einblick in das Repertoire, das zur Zeit der Entstehung beider Instrumente in der Region üblich war. Er stellt auch die beiden Orgeln mit ihren Klangmöglichkeiten aufs Beste vor. Rundum gelungen!


Samstag, 25. April 2020

Wagner: Siegfried-Idyll (Oehms Classics)

Die Musik von Richard Wagner (1813 bis 1883) hat es dem Organisten und Dirigenten Hansjörg Albrecht offensichtlich angetan. Nach einem Ring ohne Worte, mit der Staatskapelle Weimar, einem Ring, transkribiert für Orgel und einer CD mit Orgelversionen von Ouvertüren und Vorspielen zu Wagners Opern veröffentlicht er nun noch eine weitere CD mit Orgeltranskriptionen. Sie stammen diesmal von Edwin Henry Lemare und dem jungen Komponisten Axel Langmann. 
Wagners farbenreiche Orchesterklänge laden regelrecht dazu ein, sie auf der Orgel zu musizieren. All die Leitmotive, Klangeffekte und dazu die enorme dynamische Bandbreite lassen sich damit auf das Beste zelebrieren. 
Hansjörg Albrecht hat für diese Aufnahme mit der Orgel der Pfarrkirche Herz-Jesu München, erbaut 2003 von Gerald Woehl, ein grandioses Instrument ausgewählt.  Zu hören sind, neben dem Titelstück die Ouvertüren und Vorspiele zu Wagners Opern Die Feen, Lohengrin, Das Liebesverbot und Rienzi, von Albrecht zusammengefasst zu einer Fantasie-Sinfonie. Und als Bonus erklingt das populäre Lied an den Abendstern aus Tannhäuser. Es ist faszinierend, wie „orgel-affin“ Wagners Kompositionen sind; wer es nicht besser weiß, der wird an keiner Stelle auf die Idee kommen, dass es sich um Bearbeitungen handelt. Hansjörg Albrecht zieht buchstäblich alle Register, und kreiert einen großartigen Wagner-Sound. Unbedingt anhören, es lohnt sich! 

Dienstag, 17. März 2020

Höchsterwünschtes Freundenfest (Querstand)

„Störmthal liegt 2 ½ Stunden südöstlich von Leipzig, besitzt 6 Pferdner- und 22 Hintersäßergüter, ferner 29 herrschaftliche Häuser und rund 400 Seelen. Das Rittergut ist eines der schönsten in der Gegend.“ So lautet eine Ortsbeschreibung vom Ende des 18. Jahrhunderts. 
Doch ein Detail, das Störmthal einen Platz in der Musikgeschichte sichern sollte, hat der Chronist nicht erwähnt: 1722 wurde in Störmthal beschlossen, die alte, baufällig gewordene Dorfkirche auf den neuesten Stand zu bringen und zu sie dabei erweitern. Das schloss auch die Orgel mit ein. Der Schlossherr und Kirchenpatron, Kammerherr Statz Hilmar von Fullen, hielt Ausschau nach einem besonders guten Orgelbauer – und er konnte schließlich Zacharias Hildebrandt unter Vertrag nehmen. Dieser hatte nach seiner Lehr-, Gesellen- und Meisterzeit bei Gottfried Silbermann gerade eine eigene Firma gegründet, und für die Störmthaler Kirche baute er binnen Jahresfrist eine Orgel mit 14 Registern auf einem Manual und Pedal. 
Auch zur Qualitätsprüfung war dem Rittergutsbesitzer das Beste gerade gut genug. Und so berichten uns Dokumente aus dem Pfarrarchiv, das Instrument sei „am 2. Novembris 1723, von dem berühmten Fürstlich Anhaltischen-Cöthenischen Capellmeister und Directore Music: auch Cantore zu Leipzig, Herrn Johann Sebastian Bachen, übernommen, examiniret, und probiret, auch vor tüchtig und beständig erkannt, und gerühmet“ worden. 
Bach wirkte seit Mai 1723 als Thomaskantor in Leipzig. Und er beließ es nicht bei der Orgelprüfung, er ließ „bei öffentlichem Gottesdienste und Einweyhung besagter Orgel“ als Zeichen besonderer Wertschätzung zusätzlich noch seine Kantate Höchsterwünschtes Freudenfest BWV 194 erklingen. 
Die Orgelbank, auf der Bach damals gesessen hat, steht heute noch in der Störmthaler Kirche. Auch das Instrument wurde in späteren Jahrhunderten vergleichsweise wenig verändert. Und nach einer Restaurierung 2008 erklingt die Orgel nun wieder in dem Zustand, in dem sie der Thomaskantor 1723 „vor tüchtig“ befunden hat. Insbesondere auch die originale Stimmtonhöhe bei 462 Hz, also im hohen Chorton, und die historische Stimmung wurden wiederhergestellt. 
Diese CD, mit dem Mitschnitt eines Konzertes vom Leipziger Bachfest am 16. Juni 2018, zeigt, warum dies einerseits ein unglaublicher Gewinn ist – und andererseits eine enorme Herausforderung für Organisten. Annette Herr hat dafür ein Programm zusammengestellt, das die Stärken der Hildebrandt-Orgel trefflich aufzeigt. Einen Schwerpunkt bilden natürlich die Orgelwerke Bachs und seiner Zeitgenossen. Doch auch Mozarts Adagio für Glasharmonika klingt auf dem Instrument ganz wunderbar. Das Programm zeigt insbesondere die tonartlichen Möglichkeiten und Grenzen. Und auch der Eingangschor aus der bewussten Kantate erklingt, vorgetragen von einem Solistenquartett und dem Pauliner Barockensemble unter Leitung von David Timm. 
Besonders interessant sind die Anmerkungen zur modifiziert mitteltönigen Stimmungsart und die Hörbeispiele dazu. Hier wird ohrenfällig, was authentisches Musizieren an einem solchen Instrument bedeutet, mit welcher Sorgfalt man die Werke dazu auswählen muss. Und man staunt, wie selbstverständlich Organisten zu Bachs Zeiten offenbar auch komplexe Stücke transponieren konnten. Denn das Instrument gab seinerzeit die Tonart vor, das wird ganz klar, wenn man die Bonustracks angehört hat. Sagenhaft! 

Donnerstag, 27. Februar 2020

Guillou: Organ Works Vol. 1 (MDG)

Kann man Bilder einer Ausstellung von Modest Mussorgsky eigentlich auch auf einer Orgel spielen? Warum nicht – schließlich bieten große Instrumente mit einer großen Anzahl höchst unterschiedlicher Register mindestens so viele Klangfarben wie ein Orchester. Auf dieser CD spielt Zuzana Ferjenčíková eine Orgeltranskription von Jean Guillou (1930 bis 2019), die weit mehr ist als eine bloße Übertragung von Mussorgskys Klavierzyklus auf die Orgel. Selbst über die populäre Orchesterfassung  von Maurice Ravel geht diese Version noch hinaus; Guillou beschränkt sich nicht auf eine einfache Transposition, er komponiert noch ein wenig mit, und schafft so tatsächlich ein Orgelwerk, das die Möglichkeiten des Instrumentes dann auch vollendet nutzt. 
Jean Victor Arthur Guillou stammt aus Angers. Dort übernahm er schon als Teenager Organistendienste; von 1945 bis 1954 studierte er dann am Conservatoire in Paris. Zu seinen Lehrern gehörten unter anderem Maurice Duruflé, Marcel Dupré und Olivier Messiaen. Anschließend unterrichtete Guillou in Lissabon, doch diese Stelle gab er 1958 auf und zog zur Behandlung einer Lungenerkrankung nach Berlin um. In diesen Jahren komponierte er, lernte die deutschen Orgeln kennen und spielte auch seine ersten Aufnahmen ein. 
1963 wurde er als Nachfolger von André Marchal Titularorganist an Saint-Eustache in Paris. Die Orgel, die sich heute dort befindet, wurde in den 80er Jahren nach seinen Vorstellungen durch die niederländische Firma Van den Heuvel erbaut. Guillou hat aber immer auch als Konzertorganist musiziert, Studierende unterrichtet, außerdem Konzepte für etliche Orgeln entwickelt und natürlich eigene Werke komponiert. Er war ein Orgelvirtuose von Format, und ein begnadeter Improvisator. 
Und er kannte keinen Ruhestand. Seinen Dienst an Saint-Eustache versah er bis zur Karwoche 2015. Am 18. April 2018 schenkte er sich ein Konzert in der Hamburger Elbphilharmonie quasi zum Geburtstag; zum letzten Male musizierte er öffentlich in München im Oktober 2018. Jean Guillou starb am 26. Januar 2019 in Paris. 
Diese Aufnahme, eingespielt im Mai 2018 an der klangmächtigen Stahlhut/Jann Orgel von St. Martin, Dudelange/Luxemburg, hat er noch selbst mit betreut. Zuzana Ferjenčíková ist seine Schülerin; sie hat das Gesamtwerk des großen französischen Organisten ihm zu Ehren bereits 2013 in Saint-Eustache in einer Konzertreihe interpretiert. 
Für die erste CD der neuen Gesamteinspielung hat sie neben den Bildern einer Ausstellung noch drei weitere Werke von Jean Guillou ausgewählt: Zu Beginn erklingt die Fantaisie op.1 aus dem Jahre 1954, vom Komponisten seinem Lehrer Marcel Dupré gewidmet. Säya, ou L´Oiseau bleu op. 50 entstand aus einer Improvisation, die Guillou 1992 bei einem Konzert in Korea spielte. Hymnus op. 72 komplettiert das Programm. 
Neben der enormen musikalischen Qualität ist an dieser Stelle unbedingt auch die fabelhafte technische Qualität dieser Aufnahme zu erwähnen. Einmal mehr ist es dem audiophilen Label Dabringhaus und Grimm gelungen, Orgelmusik so aufzuzeichnen, dass man einen ausgezeichneten Klang- und Raumeindruck erhält. Chapeau! 

Sonntag, 8. Dezember 2019

Weihnacht mit Johann Sebastian Bach (MDG)

„Weihnacht mit Johann Sebastian Bach“ lautet das Motto dieser CD, die Gerhard Löffler für MDG eingespielt hat. Die Aufnahme bereitet gleich dreifach Freude. Da wäre zum ersten Bachs erlesene Musik, die der Organist exquisit vorträgt. Zum zweiten bringt Gerhard Löffler eine wirklich grandiose Orgel zum Klingen: Die Arp-Schnitger-Orgel in der Hamburger Hauptkirche St. Jacobi ist das größte Instrument des berühmten norddeutschen Orgelbauers, dessen Todestag sich 2019 zum 300. Male jährt. Und zum dritten ist es dem audiophilen Label Dabringhaus und Grimm einmal mehr gelungen, die Akustik der Jacobikirche prachtvoll dreidimensional auf Super Audio CD einzufangen. So wird auch Tontechnik zur Kunst, die höchste Ansprüche erfüllt. Bravo, bravo, bravo! 

Montag, 25. November 2019

Bach: Berühmte Orgelwerke (Oehms Classics)

Mit dieser CD widmet sich Organist Joseph Kelemen einmal mehr der Orgelmusik Johann Sebastian Bachs. An der Treutmann-Orgel der Klosterkirche Grauhof hat er vor allem Werke des Komponisten in Moll-Tonarten eingespielt. 
Im Vergleich zum Gesamtwerk sind das nicht viele – und Kelemen zeigt, wie Bach in diesen Kompositionen „aus melancholischen Tiefen immer wieder vollendete Eleganz (um nicht zu sagen: überraschenden Glanz)“ entwickelt, schreibt der Organist im Beiheft, „so dass die erwartete Moll-Tendenz bei vielen Bach-Werken eigentlich zur Nebensache wird.“ 
Und so ist der Kontrast zu den beigefügten Werken in Dur eigentlich auch gar nicht groß. Man freut sich über ein klug zusammengestelltes Programm, überlegt vorgetragen auf einem historischen Instrument, das mit seinem Klang und seinen Eigenheiten ebenfalls zum Hörvergnügen beiträgt.

Montag, 26. August 2019

Cameron Carpenter (Sony)

Cameron Carpenter ist ohne Zweifel ein Virtuose. Mit seinem Instrument, der International Touring Organ (ITO), von ihm selbst entworfen und von Marshall & Ogletree 2013 speziell für ihn angefertigt, reist der Amerika- ner durch die Lande. „It's not un- usual for an organist to be attached to one organ for many years“, meint der Musiker, „but usually that means an attachment to place.“ Carpenter hingegen nimmt sein Instrument mit; er spielt es oft auch in Konzertsälen, in denen sich bedeutende „klassische“ Orgeln befinden. 
Die digitale ITO ist ein Klangmonster, mit einer gigantischen Menge an Registern, Koppeln und Spielhilfen sowie fünf Manualen und einem nach jeder Seite gegenüber dem 32er Standard noch um fünf Töne erweiterten Pedal. Bei der Disposition orientierte sich Carpenter an den großen amerikanischen Konzertinstrumenten aus der Zeit zwischen 1895 und 1950. So bietet das fünfte Manual, Bombarde, wuchtige Register, wie sie in amerikanischen Theaterorgeln einst verwendet worden sind. Ein Dutzend sanfterer Stimmen aus dieser Traditionslinie wurde dem ersten Manual, Accompaniment, zugeordnet. Besondere Klangfarben ermöglicht ebenfalls ein spezielles Orchestral Pedal, ergänzend zum Main Pedal. Der Spieltisch erinnert ein bisschen ans Steuerpult von Raumschiff Enterprise. Und natürlich ist damit auch eine entsprechende Phalanx an Lautsprechern verbunden. 
Dieses Instrument also steht im Mittelpunkt des vorliegenden Albums, das Cameron Carpenter zum Abschluss seiner Zeit als Artist in Residence am Konzerthaus Berlin eingespielt hat. Es ist seine erste Einspielung mit Orchester, nämlich mit dem Konzerthausorchester Berlin unter der Leitung von Christoph Eschenbach, und auch zum ersten Mal ein Live-Mitschnitt. 
Ausgewählt hat Carpenter dafür die Rhapsodie über ein Thema von Paganini von Sergej Rachmaninoff und das Konzert für Orgel, Streicher und Pauke in g-moll, FP 93 von Francis Poulenc. Als Zugabe erklingt außerdem das Finale aus Louis Viernes Orgelsymphonie Nr.1 in d-Moll op. 14. Rachmaninoffs Paganini-Rhapsodie, eigentlich entstanden für Klavier und Orchester, hat Carpenter selbst für die Orgel arrangiert: „I love and want to play this work“, meint der Musiker. Der Orchesterpart blieb unverändert, aber seine Stimme wurde eine „recomposition for organ – guided by the original“, so Carpenter: „I don't see that a defense is required, since the moment you walk onstage to perform standard repertoire in a way which differs in instrumentation from the original, you've obviously declared yourself willing to question the composer's intentions. Of course, this can also be a way of honoring a great work. All transcriptions require this in some way.“ 
Ermöglicht wird ein derartiges Projekt durch die Konzerthaus-Akustik sowie die Präzision, mit der sich die elektronische Orgel spielen lässt. Rachmaninoffs virtuose Musik verlangt klangliche Transparenz und Klarheit in der Artikulation, wie dies mit einer Pfeifenorgel und im Nachhall eines Kirchenraums so kaum machbar wäre. Carpenter beherrscht sein Instrument absolut souverän. Er gestaltet irrwitzige Klangfassaden, und er wagt sich auch in die Schattenwelt feinster Nuancen. Dieser Musiker strebt nach hochvirtuoser Perfektion. Das macht den Rachmaninoff zu meinem persönlichen Favoriten auf dieser CD. Mit Carpenters Interpretation der französischen Musik allerdings kann ich mich weniger anfreunden. Das ist mir alles zu viel Flinke-Finger-Geglitzer und zu wenig wenig inhaltliche Substanz; erfreut hört man allerdings, wie souverän das Orchester dies alles begleitet. 

Freitag, 3. Mai 2019

Scarlatti: Responsories for Holy Week - Holy Saturday (Deutsche Harmonia Mundi)

„Forse Sua Altezza Reale si degnerà di accettare l'offerta di questo debole parto della mia corta abilità nel porre in Musica li Mottetti Sacri, allo stile sodo del Palestrina (..) Se piacerà, li Responsi potranno trovar sostegno nel basso per l'Organo, quantunque le voci in solitudine mi sembrino talvolta più convenienti al dramma del Redentore, che fu senza sostegno, solo e rinnegato.“ So soll sich Alessandro Scarlatti in einem Brief geäußert haben, den er zusammen mit den Noten der Responsorien an den Großherzog der Toskana gesandt haben soll. Für Cosimo III. de' Medici hatte Scarlatti damals bereits mehrfach Opern geschrieben; 1702 war er auch selbst in Florenz, um dort eine Aufführung zu leiten. Und wenn obige Erinnerung, die der Kapellmeister von Santa Maria del Fiore zu Papier gebracht hat, zutrifft, dann könnten die Responsorien erstmals 1708 in Florenz erklungen sein. 
Es sind Werke von großer Ausdruckskraft, als Zyklus durchkomponiert, ungemein emotional. Zu Recht gilt Alessandro Scarlatti (1660 bis 1725) als „Erneuerer der Barockmusik“. Er führte die dreisätzige Sinfonia mit der Abfolge schnell – langsam – schnell ein, die er regelmäßig an den Anfang seiner Opern setzte. Alle anderen italienischen Opernkomponisten übernahmen dies schon sehr bald. Außerdem schrieb Scarlatti Sonate a quattro, und schuf damit quasi den Vorgänger des modernen Streichquartettes. 
Für diese CD wurden die Responsorien für den Karsamstag durch vier Motetten und vier Orgelstücke des Komponisten ergänzt. La Stagione Armonica unter Leitung von Sergio Balestracci gestaltet dieses Programm gemeinsam mit dem Organisten Carlo Steno Rossi. „Emotional packende Musik zu Ostern – mustergültig interpretiert“, wirbt  das Label; ein Urteil, das ich voll bestätigen kann. 

Montag, 7. Januar 2019

Iveta Apkalna - Light & Dark (Berlin Classics)

Mit dieser CD präsentiert Iveta Apkalna, Titularorganistin der Elbphilharmonie in Hamburg, ihr Instrument. Es wurde von Johannes Klais Orgelbau errichtet, und ist ohne Zweifel eine Orgel der Superlative. 
Acht Jahre haben die Bonner Orgelbauer daran gearbeitet. Als die Planung des Instrumentes begann, war der Konzertsaal noch eine Vision. Heute ist er ein Ereignis – und die Orgel befindet sich mittendrin. Das Instrument reicht über fünf Publikumsränge, und ist den Besuchern des Konzertsaales tatsächlich zum Greifen nah, weshalb die Prospektpfeifen durch eine Spezialbeschichtung geschützt sind. 
Die Orgel verfügt über 69 Register mit 4.765 Pfeifen, verteilt auf vier Manuale plus Fernwerk und Pedal. Und weil es eine Hamburger Orgel ist, gibt es zudem Schiffshorn und Glocke. Der Organist kann entweder über einen festen Spieltisch, mit mechanischer Traktur, oder vom mobilen Spieltisch aus musizieren. Gestiftet hat dieses Instrument der Unter- nehmer Peter Möhrle. 
„Light And Dark“ nannte Iveta Apkalna das Solo-Orgelprogramm, das als Welterstaufnahme aus dem Großen Saal der Elbphilharmonie bei Berlin Classics veröffentlicht wurde. Das Label würdigt dieses Ereignis mit einer schön gestalteten Deluxe-Edition, inklusive 48-seitigem Booklet und Poster der Orgel im hochwertigen Schuber. Wer freilich Bach, Buxtehude oder Widor erwartet hatte, der wird enttäuscht: Um die Klangmöglich- keiten der neuen Klais-Orgel zu demonstrieren, entschied sich die Organistin durchweg für Musik aus dem 20. Jahrhundert und der Gegen- wart. 
„Das Kernstück des Albums – das Stück Hell und Dunkel von Sofia Gubaidulina – ist programmatisch für die Grundstimmung dieses durch Gegensätze geprägten Repertoires“, erläutert Apkalna in ihrem Geleitwort im Beiheft: „Licht und Dunkelheit. Schwarz und Weiß. Kraft und Zärtlich- keit. Geistliches und Weltliches...“ Mit Aivars Kalējs und Lūcija Garūta sind zwei Komponisten aus der lettischen Heimat der Organistin vertreten. Werke von Leoš Janáček, György Ligeti, Dmitri Schostakowitsch und Thierry Escaich komplettieren das anspruchsvolle Programm. Es wird polarisieren – und auch wenn es sehr facettenreich und sehr reizvoll ist, wird es nicht jeder mögen. 

Dienstag, 18. Dezember 2018

Krebs: Complete Organ Music (Brilliant Classics)

Johann Ludwig Krebs (1713 bis 1780) war ein Schüler von Johann Sebastian Bach, der den begabten jungen Mann sehr schätzte. Der Lebensweg des Organisten ist in diesem Blog an anderer Stelle ausführlich nachzulesen. 
Für die Moden seiner Zeit hatte Krebs nicht viel übrig. Obwohl selbst Bachs Söhne ihre Werke am sogenannten empfindsamen Stil ausrichteten, orientierte er sich zeitlebens am Kontrapunkt und an norddeutschen Traditionen. Wie beeindruckend Krebs' Werke sind, das zeigt ihre Gesamtaufnahme, die Manuel Tomadin nun bei Brilliant Classics auf insgesamt sieben CD veröffentlicht hat. 
Der italienische Organist nutzte dafür nicht die Trost-Orgel in der Altenburger Schlosskirche, die Krebs ab 1755 gespielt hat. Tomadin entschied sich für die Arp-Schnitger-Orgel Noordbroek, die F.C. Schnitger- und H.H. Freytag-Orgel der Petruskerk in Zuidbroek und die Gottfried-Silbermann-Orgel der Petrikirche im sächsischen Freiberg. Außerdem erklingt ein Instrument, das der italienische Orgelbauer Giovanni Pradella 2007 im Valle di Colorina errichtet hat, wobei er historische Handwerks- techniken nutzte. Diese Orgel wählte Tomadin für die Clavier-Übung

Samstag, 15. Dezember 2018

Barber: Organ Works (MDG)

„I was meant to be a composer, and will be I'm sure. I'll ask you one more thing. – Don't ask me to try to forget this unpleasant thing and go play football“, das schrieb Samuel Barber (1910 bis 1981) an seine Mutter, als er neun Jahre alt war. Und wie so viele Komponisten, begann auch Barber seine Laufbahn an der Orgel. 
Seine Neigung für dieses Instrument blieb bestehen; obgleich Orgelmusik nur einen kleinen Anteil an seinem Schaffen hat, erscheinen diese Stücke dennoch besonders interessant, weil sie über einen langen Zeitraum entstanden sind. Auf dieser CD spielt Rudolf Innig Barbers Orgelstücke in chronologischer Reihenfolge, und so kann man daran die Entwicklung des Komponisten quasi von den Kinderschuhen an verfolgen. Dabei enthält diese CD sogar einige frühe Werke, die in der aktuellen Notenedition fehlen; sie sind hier in Ersteinspielung zu hören. 
In seinem ersten Orgelstück To Longwood Gardens hatte der 15jährige Samuel Barber einst einen Spaziergang durch einen botanischen Garten in Klänge gesetzt. Es war sein Dank an das Industriellenpaar DuPont für die vielen Konzerte, die Barber dort besuchen durfte. 
Die nächsten Werke schrieb Barber im Rahmen seines Studiums am Curtis Institute of Music. So spiegeln die drei Choralvorspiele oder Präludium und Fuge h-Moll die Auseinandersetzung des jungen Musikers mit dem Schaffen Johann Sebastian Bachs – allerdings auf höchst originelle Weise; eine Imitation des großen Vorbildes ist das nicht. 
Auch sonst geht Barber ganz eigene Wege. So wählte er für sein letztes Orgelwerk, ein Choralvorspiel zu dem auch in Amerika überaus populären Lied Stille Nacht, heilige Nacht, einen 7/8-Takt, nebst einer recht eigenwilligen Harmonik. Insgesamt erweist sich die Orgelmusik des Komponisten als unglaublich raffiniert und abwechslungsreich. Und mit der Schuke-Orgel der Detmolder Heilig-Kreuz-Kirche hat Rudolf Innig auch ein Instrument für diese Einspielung gewählt, das exzellent zu Barbers Musik passt. Und bei dem Label Dabringhaus und Grimm kann man sich obendrein auf die herausragende technische Qualität der Aufnahme verlassen. Unbedingt anhören, es lohnt sich! 

Dienstag, 20. November 2018

Bach Family: Complete Organ Music (Brilliant Classics)

Die Musikerfamilie Bach, ansässig im Thüringischen und im benachbarten Franken, war weit verzweigt, und reich an Talenten. Wie reich, das zeigt diese Box, die auf sagenhaften 24 (!) CD in einzigartiger Weise kompakt einen Überblick gibt über Orgelwerke, die Mitglieder der Familie Bach komponiert haben. 
Allein auf 15 CD widmet sich Stefano Molardi dem Schaffen von Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750). Er musiziert dabei an der Trost-Orgel der Stadtkirche Waltershausen, der Silbermann-Orgel der Katholischen Hofkirche Dresden, der Hildebrandt-Orgel der Jacobikirche Sangerhausen und der Thielemann-Orgel der Dreifaltigkeitskirche in Gräfenhain. 
An der Volckland-Orgel der Cruciskirche Erfurt hat der renommierte italienische Organist auf drei CD zudem die Orgelmusiken eingespielt, die von Johann Christoph (1642 bis 1703) und Johann Michael Bach (1648 bis 1694) überliefert sind. Die beiden Brüder sind Söhne von Heinrich Bach (1615 bis 1692), Stammvater der sogenannten Arnstädter Linie, der wiede- rum ein Bruder von Christoph Bach (1613 bis 1661) war, dem Großvater Johann Sebastian Bachs. Johann Michael war zudem der Vater von Maria Barbara Bach, der ersten Frau des genialen Musikers. 
Orgelmusik von Heinrich Bach ist ebenfalls überliefert; Molardi spielt diese an einer modernen italienischen Orgel, die die Firma Dell'Orte e Lanzini 2003 in der Pfarrkirche S Tomaso Di Gesso in Zola Predosa errichtet hat. Die beiden CD enthalten außerdem Musik von Johann Bernhard Bach I (1676 bis 1749) und seinem Sohn Johann Ernst Bach II (1722 bis 1777), Verwandtschaft aus der Erfurter Linie. Johann Friedrich Bach (1682 bis 1730) wiederum, Bachs Amtsnachfolger in Mühlhausen, war ein Sohn von Johann Christoph Bach. Johann Lorenz Bach (1695 bis 1773), ein Urenkel von Christoph Bach, gehört zur großen Schar der Schüler Johann Sebastians. Von ihm sind einzig Präludium und Fuge in D überliefert. In diesem Teil der Edition sind zudem alle Bach-Werke enthalten, deren Zuschreibung unsicher ist. 
Die Orgelwerke der Bach-Söhne sind in dieser Box ebenfalls zu hören. Dem Schaffen Carl Philipp Emanuel Bachs (1714 bis 1788) widmet sich Luca Scandali, ebenfalls an einer Orgel von Dell'Orte e Lanzini aus dem Jahre 2007, die sich in der Kirche Santa Maria Assunta von Vigliano Biellese befindet. Den wenigen Werken von Wilhelm Friedemann Bach (1710 bis 1784), die nicht verloren sind, hat Filippo Turri an einer Truhenorgel in der Abtei Santa Maria delle Carceri sowie an der Zanin-Orgel der Kirche Sant'Antonio Abate in Padua eingespielt. 

Montag, 19. November 2018

Müthel: Complete Fantasies - Choral Preludes (Aeolus)

„Wenn ein angehender Clavier- spieler alle Schwierigkeiten überwunden hätte, die in Händels, Scarlattis, Schoberts, Eckharts und C.P.E. Bachs Clavierstücken anzutreffen sind“, so schrieb der englische Musikliebhaber Charles Burney in seinem Reisetagebuch 1773, „und, wie Alexander“ – gemeint ist hier Alexander der Große, jener makedonische König, der ein Reich eroberte, das bis nach Indien reichte – „bedauerte, daß er weiter nichts zu überwinden hätte, dem würde ich Müthels Kompositions vorschlagen, als ein Mittel, seine Geduld und Beharrlichkeit zu üben. Seine Arbeiten sind so voller neuer Gedanken, so voller Geschmack, Anmuth und Kunstfertig- keit, daß ich mich nicht scheuen würde, sie unter die grössesten Produkte unserer Zeit zu rechnen. So ausserordentlich das Genie und die Kunst dieses Tonkünstlers sind, so ist er doch in Deutschland nicht sehr bekannt.“ 
Johann Gottfried Müthel (1728 bis 1788) war der Sohn eines Organisten, und er kam in der Kleinstadt Mölln zur Welt. Seine musikalische Laufbahn begann er beim Vater, der ihn anschließend zur weiteren Ausbildung nach Lübeck zum Marienorganisten Johann Paul Kuntzen gab. Nach dessen Tode 1747 wurde Müthel Kammermusiker und Organist am Hof von Mecklenburg-Schwerin. Sein Dienstherr, Herzog Christian Ludwig II., schätzte den jungen Musiker sehr, und finanzierte ihm bald einen einjährigen Studienurlaub. 
So reiste Müthel im Frühjahr 1750 nach Leipzig zu Johann Sebastian Bach, wo er dem erblindeten Meister auch als Notenkopist zur Hand ging, und in dessen Haushalt lebte – allerdings starb Bach drei Monate nach Ankunft dieses seines letzten Schülers. Müthel blieb dann einige Zeit bei Bachs Schwiegersohn Johann Christoph Altnikol in Naumburg. Mit Abschriften zahlreicher Werke Bachs wohl versehen, reiste der junge Musiker nach Dresden weiter, wo er Johann Adolph Hasse begegnete, und den modernen italienischen Stil kennenlernte. Aufenthalte bei Carl Philipp Emanuel Bach in Potsdam und bei Georg Philipp Telemann in Hamburg folgten, bevor Müthel schließlich – die Jahresfrist war längst weit über- schritten – zu seinem Dienstherrn zurückkehrte. 
Doch schon 1753 nahm der Musiker seine Abschied, und folgte einer Einladung seines Bruders nach Riga. Dort leitete er zunächst die Kapelle des Geheimrates Otto Hermann von Vietinghoff, der auch ein bedeutender Kunstmäzen war. 1767 erhielt Müthel schließlich die Stelle des Organisten der Petri-Kirche, wo er dann bis an sein Lebensende verblieb. 
Leider sind von ihm nur wenige Orgelmusiken erhalten. Auf dieser CD präsentiert Léon Berben nahezu vollständig das zwar schmale, aber beeindruckende Werk. Die Aufnahme zeigt, dass Müthel ohne Zweifel zu den wichtigsten Komponisten jener Zeit zwischen Barock und Klassik gehört, die von der Musikgeschichtsschreibung gern als „Sturm und Drang“ beschrieben wird. 
Das Instrument, an dem Müthel einst in Riga musizierte, ist nicht erhal- ten. Allerdings wird eine Rekonstruktion der dreimanualigen Orgel, die von Gottfried Kloosen 1734 fertiggestellt wurde, durch die Dresdner Firma Wegscheider derzeit vorbereitet. 
Für diese Einspielung hat Léon Berben die Orgel der Lukaskirche im thüringischen Mühlberg ausgewählt. Es handelt sich dabei um ein zweimanualiges Instrument mit Pedal, das 1729 von dem Erfurter Orgelbauer Frantz Volckland errichtet und 1823 durch Ernst Friedrich Hesse sowie 1934 durch die Firma Walcker rigoros umgebaut. In den Jahren 1995-97 wurde das Instrument durch den Orgelbau Waltershausen restauriert, wobei weitgehend der Zustand von 1823 wiederhergestellt worden ist. Zu Müthels Musik passt der Klang dieser Orgel, und Berben spielt obendrein exzellent. Kurz und gut: Unbedingte Empfehlung – die Wiederentdeckung dieses Orgelmeisters lohnt sich. 

Montag, 29. Oktober 2018

Süddeutsche Orgelmusik der Spätromantik (Tyxart)

Spätromantische Orgelmusik von Komponisten der sogenannten Münchner Schule präsentiert Gerhard Weinberger auf dieser CD. Zu hören sind Kompositionen von Gottfried Rüdinger, Joseph Haas, Anton Beer-Walbrunn, Joseph Schmid, Joseph Renner, Arthur Piechler und Gustav Geierhaas. Mit dieser Aufnahme möchte Weinberger zum einen an diese Musiker erinnern, die um die Jahrhundertwende sowie in der ersten Hälfte des 20. Jahr- hunderts das Musikleben in Süddeutschland maßgeblich mit prägten, und heute weitgehend vergessen sind. So erklingen auch ihre Werke hier zumeist in Weltersteinspielungen. 
Zum anderen stellt der Kirchenmusiker eine ausgesprochen klangschöne Orgel vor, die die Firma Orgelbau Goll AG aus Luzern für die Pfarrkirche St. Martin in München-Moosach erbaut hat. Das Instrument, 2015 ge- weiht, verfügt über 40 Register auf drei Manualen und Pedal. Es eignet sich für dieses Repertoire wirklich hervorragend. 

Samstag, 22. September 2018

Duruflé: Complete Organ Works (Aeolus)

Das Orgelwerk von Maurice Duruflé (1902 bis 1986) ist nicht sehr umfangreich, aber musikhistorisch betrachtet von hohem Gewicht. Der Musiker, der bei Charles Tournemire, Jean Gallon und Paul Dukas studiert hatte, wurde im Jahre 1930 Titular- organist der Kirche Saint-Etienne-du-Mont in Paris. 
Er unterrichtetet auch selbst, und prüfte seine eigenen Kompositionen immer wieder mit derart kritischem Blick, dass letztendlich kaum etwas übrig geblieben ist. Erstaunlicherweise konnten in jüngster Vergangenheit noch Stücke Duruflés aufgespürt werden. So wurde 1991 die Miniatur Chant donné veröffentlicht, die der Organist seinem Professor für Harmonielehre gewidmet hatte. Und 2002 erschien Méditation, ein drei Seiten umfassendes Werk aus dem Jahre 1964. 
Auf dieser CD spielt Stéphane Mottoul Duruflés Kompositionen. Der junge belgische Organist, Jahrgang 1990, hat in Namur, Paris, Reims und Stutt- gart studiert. Dabei konzentierte sich zunehmend auf die Orgelimprovi- sation. Inzwischen hat er auch verschiedene Wettbewerbe gewonnen. Von älteren Einspielungen, die als Referenz gehandelt werden, lässt er sich nicht übermäßig beeindrucken und findet in der Auseinandersetzung mit Duruflés Musik seinen eigenen Weg. 
Mottoul musiziert an dem 2016 von der Manufacture d'Orgues Thomas neu gebauten Instrument der St. Laurentius Kirche im luxemburgischen Diekirch. Diese Orgel, in die auch das verbliebene Pfeifenmaterial des Vorgängerinstruments von 1870 aus dem Hause Dalstein & Haerpfer integriert wurde, beruht auf deutschen und französischen Vorbildern, die hier in schönster Harmonie vereint wurden. Es ist ein modernes Instru- ment, nicht nur mit einem betont zeitgenössischen Prospekt, sondern auch mit einem facettenreichen, symphonischen Klang, den Mottoul mit seiner Interpretation wunderbar zur Geltung bringt. Gefällt mir! 

Freitag, 27. Juli 2018

Rheinberger: Organ Music (Brilliant Classics)

Orgelmusik von Joseph Gabriel Rheinberger (1839 bis 1901) präsentiert der italienische Organist Carlo Guandalino auf dieser Doppel-CD. Geboren wurde Rheinberger in Liechtenstein. Schon als Sieben- jähriger soll er in Vaduz Organisten- dienste übernommen haben; mit zwölf Jahren ging er nach München, wo er am Konservatorium studierte. Er wurde Organist, bald auch Hoforganist, und begann, selbst zu unterrichten; 1867 wurde er zum Professor für Orgel und Komposition an der Königlich bayerischen Musikschule berufen, einem Vorläufer der heutigen Musikhochschule. 
Er schuf eine große Anzahl an Werken, von Opern über Lieder, auch für Chöre, bis hin zu Sinfonien, Solokonzerten und Kammermusik. Bekannt ist Joseph Rheinberger heute insbesondere für seine Orgelmusik; er gilt für dieses Instrument als der wichtigste Komponist seiner Zeit. 
Aus dem ebenso umfang- wie facettenreichen Werk hat Guandalino vier Kompositionen ausgesucht, die exemplarisch die Vielfalt von Rheinbergers Schaffen zeigen: Die Orgelsonate Nr. 4 op. 98 mit ihrem Rückgriff auf den mittelalterlichen tonus peregrinus, die Zehn Trios op. 49, die Passacaglia in e-Moll aus der Orgelsonate Nr. 8 op. 132 und die 12 Charakterstücke op. 156. Sie zeigen den Komponisten als einen Musiker, der sich von Moden wenig beeindrucken ließ. 
Für seine Einspielung hat Carlo Guandalino eine moderne Orgel von Alessio Lucato ausgewählt, die sich in der Pfarrkirche in San Michele delle Badesse befindet, unweit von Padua. Dieses Instrument verfügt über insgesamt 30 Register auf zwei Manualen und Pedal, und Lucato selbst schreibt, sie sei „ispirato alla musica sinfonica per organo“. Insofern eignet sie sich gut für Rheinbergers farbenreiche Musik. 

Dienstag, 26. Juni 2018

The Bach Circle (Brilliant Classics)

Auch diese CD ist dem Umfeld von Johann Sebastian Bach gewidmet: Der italienische Organist Emanuele Cardi spielt Werke von Johann Christian Kittel, Johann Ludwig Krebs, Johann Caspar Vogler, Johann Gottfried Walther, Carl Philipp Emanuel Bach und natürlich auch vom Meister höchstselbst. 
Dass Bach nach seinem Tode vergessen wurde, bis zu dem Zeitpunkt, da ihn die Romantiker wiederentdeckten, erscheint mir eine Legende. Denn als Lehrer hat er die musikalische Landschaft mindestens so nachhaltig verändert, wie mit seinen Kompositionen. Seine Spuren finden sich über Generationen, auch wenn seine Schüler und Enkelschüler natürlich neue Entwicklungen in der Musik aufgegriffen haben. 
Johann Christian Kittel (1732 bis 1809) wirkte in seiner Heimatstadt Erfurt als Organist. Er unterrichtete zahlreiche Schüler, und vermittelte auch mit seiner dreibändigen Orgelschule Der angehende Organist die hohe Kunst des Orgelspiels, wie er sie bei Bach gelernt hatte. Allerdings beeindruckten ihn Haydn und Mozart sehr, was man deutlich hören kann. 
Johann Ludwig Krebs (1713 bis 1780) war neun Jahre lang Schüler, Notenkopist und wohl auch ein Freund Bachs. Er war ein Orgelvirtuose von hohem Rang, und erhielt 1756 eine Anstellung als Hoforganist in Altenburg. 
Johann Caspar Vogler (1696 bis 1763) lernte gleich zweimal bei Bach – einmal in seiner Vaterstadt Arnstadt, und dann später noch einmal in Weimar. Er wurde zunächst Organist im thüringischen Stadtilm, und dann Hoforganist in Weimar. 1735 bewarb er sich erfolgreich in Hannover. Doch der Herzog ließ ihn nicht gehen, so dass er letztendlich nicht Organist der Marktkirche wurde, sondern Bürgermeister in Weimar. 
Johann Gottfried Walther (1684 bis 1748) war ein entfernter Verwandter Bachs. Er stammte aus Erfurt, und war in Weimar als Organist und als Musiklehrer des hochtalentierten Prinzen Ernst August tätig. Mit Johann Sebastian Bach war er befreundet. 
Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788) war der berühmteste der Bach-Söhne. Ab 1735 musizierte er als Cembalist in der Hofkapelle Friedrichs II. von Preußen, und 1768 wurde er schließlich der Nachfolger seines verstorbenen Paten Georg Philipp Telemann als Musikdirektor und Kantor am Gymnasium Johanneum in Hamburg. Er war ein Musiker, der in ganz Europa wahrgenommen und verehrt wurde. 
Cardi hat mit viel Geschick eine Werksauswahl zusammengestellt, die Querverbindungen aufzeigt, aber auch Individualität herausarbeitet. Für seine Einspielung wählte der Organist ein zweimanualiges Instrument, das sich in der Kirche San Martino im italienischen Cimego befindet. Es wurde 2014 von Giorgio Carli nach dem Vorbild der Silbermannorgeln im sächsischen Großhartmannsdorf sowie im benachbarten Helbigsdorf errichtet. Dabei orientierte sich der Orgelbauer sehr stark an den beiden Originalen. Einzig das Register Trompete 8' im Hauptwerk hat er wohl ergänzt. Und als Stimmton wählte er 440 statt der historischen 465 Hertz.