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Mittwoch, 21. Dezember 2016

Bach: Christmas Oratorio (Linn)

Der Eingangschor des Weihnachts- oratoriums von Johann Sebastian Bach, mit Pauken und Trompeten, wird typischerweise von einem großen Chor gesungen. Kantoreien landauf, landab üben lange daran, vor allem auch an den Koloraturen. „Jauchzet, frohlocket?“ – naja, letztendlich ist der Zuhörer oftmals froh, wenn die Massen ohne größere Verluste an musikalischer Substanz über die gesangstechnischen Klippen gelangt sind, die Bach da aufgetürmt hat. 
John Butt hat Bachs originale Noten sorgsam studiert, und dann beschlossen, das Weihnachtsoratorium mit seinem Dunedin Consort gänzlich anders aufzuführen: Auf dieser CD wird alles von Solisten gesungen. „First, I have assumed a corpus of eight ,expert' singers who shared out the unusually protracted task of singing six cantatas over the short period between Christmas and Epiphany“, erläutert Butt im Beiheft. „Therefore, ohne group of four sings three oft the parts (Parts 1, 3 and 6) and the other group remainder (Parts 2, 4 and 5). For the three parts with trumpets (Parts 1, 3 and 6) I have added ripie- nists to the choruses and chorales (sometimes differentiating between tutti and solo when the texture seems to call for it, just as Bach seems to have done when he provided ripieno parts).
Ebenso differenziert gestaltet Butt auch die Tempi; so geht er in den Ein- gangschor längst nicht so rasant wie viele seiner Kollegen – was aber den Sängern erlaubt, Bachs Verzierungen wirklich auszusingen. Das Solisten- quartett ist in den Chören, auch in denen ohne Ripienisten, sehr präsent und gut über das Orchester hinweg zu hören, das von John Butt vom Cembalo aus geleitet wird. Die schlanke Besetzung hat hier große Vorzüge – so transparent jedenfalls habe ich die Chöre noch nie gehört. Die Auf- nahme zeichnet sich generell aus durch ein heiter-beschwingtes Musizie- ren, das aber nie plump und oberflächlich wird. Sehr gut ausbalanciert, wohldurchdacht, und insgesamt sehr hörenswert! 

Montag, 14. Dezember 2015

Bach: Magnificat (Linn)

An eine Rekonstruktion der ersten Vesper, die in der Verantwortung des neuen Thomaskantors Johann Sebastian Bach am 25. Dezember 1723 in der Leipziger Nikolaikirche gefeiert wurde, hat sich das Dunedin Consort unter John Butt gewagt. Die meisten Stücke, die nach Ansicht von Musikwissenschaftlern zu diesem Anlass erklungen sind, lässt das En- semble nun auf dieser CD erklingen. Das Orgelvorspiel Vom Himmel kam BWV 607 und die liturgischen Gesänge um Kollekte und Segen kann sich, wer das möchte, ergänzend von der Webseite des Labels herunterladen. 
Im Zentrum der Vesper steht das Magnificat BWV 243a, mit allen vier weihnachtlichen Einlagesätzen und der Fuga sopra il Magnificat BWV 733 als Orgelvorspiel. Und da es sich um einen gut lutheranischen Gottesdienst handelt, erklingt auch vor der Predigt ein umfangreiches Musikstück – in diesem Falle die Weihnachtskantate Christen, ätzet diesen Tag BWV 63. Auch der Gemeindegesang nebst dem jeweiligen Orgelvorspiel wurde in die Aufnahme mit eingebunden. Das Dundedin Consort lässt gänzlich die Musik sprechen; eine Predigt beispielsweise gibt es nicht. Und schon der Beginn ist mit dem achtstimmigen Hodie Christus natus est von Giovanni Gabrieli ebenso feierlich wie prachtvoll. 
Einen festlichen Gottesdienst derart mit Musik zu gestalten, das würde heutzutage wohl selbst große Gemeinden vor Probleme stellen. Diese CD ermöglicht es nun jedermann, die fromme Andacht und den musikalischen Glanz aus Bachs Tagen ins eigene Wohnzimmer zu holen. Man muss die zupackende Art, in der John Butt mit seinem Dunedin Consort die alten Werke angeht, nicht unbedingt für der Weisheit letzten Schluss halten. Aber das Magnificat habe ich, trotz der Mini-Besetzung mit fünf Solisten und fünf Ripienisten, selten so hinreißend gehört. 

Freitag, 24. Mai 2013

Bach: John Passion; Dunedin Consort (Linn)

Das Dunedin Consort, geleitet von John Butt, ist doch immer wieder für eine Überraschung gut. In diesem Jahr hat das Ensemble bei Linn eine Einspielung der Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach vorgelegt – so, wie sie möglicherweise 1724 am Karfreitag in Leipzig erklungen sein könnte. 
Neben Werken von Bach selbst sind auch Stücke von Dieterich Buxtehude, Johann Hermann Schein, Jacob Händl Gallus und Johann Crüger zu hören. Selbst die gesprochenen Texte sind - im Internet - zu finden, rekonstruiert wurde der Ablauf mit Hilfe einer Predigtsammlung sowie anhand eines originalen Leipziger Chorbu- ches der Bach-Zeit.
Puristen werden die Nase rümpfen. Denn Butt lässt es richtig krachen. Motette und Gemeindechoräle singt der University of Glasgow Chapel Choir unter James Grossmith. Er wurde für die Unisono-Gesänge zusätzlich noch um zahlreiche Mitsingende aufgestockt. Auch wenn das eigentliche Ensemble schlank besetzt wurde – ein Quartett an Concertisten, das gelegentlich noch durch ein weiteres Quartett an Ripienisten verstärkt wird, sowie durch zwei zusätzliche Solisten für einige der Soliloquenten – ist von dem klaren, durchhörbaren Klang, den man von Aufführungen „Alter“ Musik heutzutage erwartet, wenig zu spüren.
Karfreitag? Hier gibt es statt stiller Andacht ein üppiges Orgelvor- spiel, und statt Fürbitte – Oper. Schon der Eingangschor erschreckt mit sattem Sound statt kluger Stimmführung. Ganz ehrlich: Mein Fall ist diese Brachialversion nicht.


  

Freitag, 8. Juni 2012

Handel: Esther (Linn)

Das Oratorium Esther gilt als das erste englische Werk dieser Gattung. Für die vorliegende Einspielung ist die Fassung rekonstruiert worden, die wohl 1720 in Cannons aufgeführt worden ist, wo Georg Friedrich Händel zwei Jahre lang als composer-in-residence bei Henry James Brydges, Duke of Chandos, lebte und wirkte.
Auch darüber, wer der Autor des Textes war, gibt es mehr Vermu- tungen als Erkenntnisse. Fakt ist aber, dass er auf einer Übersetzung der gleichnamigen Tragödie von Jean Racine durch Thomas Brereton basiert. Händel jedenfalls hatte als Oratorienkomponist bereits Erfahrung, denn in Italien hatte er zwei Oratorien geschrieben; sie dienten als Ersatz für Opern, die in Rom nicht aufgeführt werden durften.
Die Oratorien, die Händel in England schuf, unterscheiden sich von diesen Werken in erster Linie durch eine Vielzahl ausdrucksstarker Chöre. Seine späteren Werke wirken einerseits noch opernhafter - und andererseits haben sie von den deutschen Passionen gelernt, dass nicht allein die biblische Handlung, sondern vor allem auch die An- dacht des Publikums im Mittelpunkt stehen sollte.
Diese Aufnahme mit dem Dunedin Consort unter John Butt basiert auf der Forschung von John H. Roberts, der  2010 im Händel Jahrbuch Erkenntnisse publizierte, die er durch die Auswertung der heute noch auffindbaren Quellen gewonnen hat. Dazu gehören Händels Manu- skript, diverse Abschriften und andere Aufzeichnungen aus der Entstehungszeit des Oratoriums sowie etliche zeitgenössische Werke, die Roberts zum Vergleich herangezogen hat. Dadurch gelingt ihm sogar überzeugend die Datierung. Auch zur Struktur und zur Bese- tzung konnte er viele interessante Details beitragen.
Das macht die Einspielung spannend. Lediglich bei den Sängern - die Liste der Mitwirkenden in Cannons 1720 weist unter anderem vier Chorknaben aus, aber keine Soprane - erschien eine originalgetreue Besetzung nicht unbedingt erstrebenswert. Butt lässt die Esther durch Susan Hamilton singen, und den jüdischen Jungen durch Electra Lochhead. Den Priester der Israeliten singt der Countertenor Robin Blaze, den König Ahasver James Gilchrist, den Haman Matthew Brook und seinen Gegenspieler Mordecai Nicholas Mulroy. Als Israelisten sind auch Ashley Turnell und Thomas Hobbs zu hören - und auch die Ripienisten sind exzellent. Es lohnt sich also, diese Aufnahme anzuhören, zumal diese Version auch sonst einige Überraschungen bereithält.