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Dienstag, 30. April 2019

Buxtehude: Membra Jesu Nostri (Resonus)

Und noch ein Nachtrag zum Osterfest: Der Kantatenzyklus Membra Jesu nostri patientis sanctissima von Dieterich Buxtehude (1637 bis 1707) ist eine musikalische Meditation über den Anblick des gekreuzigten Heilandes, von den Füßen über die Hände bis zum Gesicht. Die sieben Kantaten beruhen auf einer mittelalterlichen Andachtsdichtung, die Buxtehude allerdings nur auszugsweise verwendet und mit Bibelversen kombiniert. 
Das Werk wurde in jüngster Vergangenheit des öfteren eingespielt. Für diese Aufnahme hat sich das Ensemble Orpheus Britannicus unter Leitung von Andrew Arthur mit dem Gambenconsort Newe Vialles und dem Chapel Choir of Trinity Hall, Cambridge, zusammengefunden. Als Solisten sind Eloise Irving, Charlotte Ives, Daniel Collins, Nicholas Mulroy und Reuben Thomas zu hören. Ausgesprochen klangschön und auch sonst sehr gelungen! 

Mittwoch, 21. Dezember 2016

Bach: Christmas Oratorio (Linn)

Der Eingangschor des Weihnachts- oratoriums von Johann Sebastian Bach, mit Pauken und Trompeten, wird typischerweise von einem großen Chor gesungen. Kantoreien landauf, landab üben lange daran, vor allem auch an den Koloraturen. „Jauchzet, frohlocket?“ – naja, letztendlich ist der Zuhörer oftmals froh, wenn die Massen ohne größere Verluste an musikalischer Substanz über die gesangstechnischen Klippen gelangt sind, die Bach da aufgetürmt hat. 
John Butt hat Bachs originale Noten sorgsam studiert, und dann beschlossen, das Weihnachtsoratorium mit seinem Dunedin Consort gänzlich anders aufzuführen: Auf dieser CD wird alles von Solisten gesungen. „First, I have assumed a corpus of eight ,expert' singers who shared out the unusually protracted task of singing six cantatas over the short period between Christmas and Epiphany“, erläutert Butt im Beiheft. „Therefore, ohne group of four sings three oft the parts (Parts 1, 3 and 6) and the other group remainder (Parts 2, 4 and 5). For the three parts with trumpets (Parts 1, 3 and 6) I have added ripie- nists to the choruses and chorales (sometimes differentiating between tutti and solo when the texture seems to call for it, just as Bach seems to have done when he provided ripieno parts).
Ebenso differenziert gestaltet Butt auch die Tempi; so geht er in den Ein- gangschor längst nicht so rasant wie viele seiner Kollegen – was aber den Sängern erlaubt, Bachs Verzierungen wirklich auszusingen. Das Solisten- quartett ist in den Chören, auch in denen ohne Ripienisten, sehr präsent und gut über das Orchester hinweg zu hören, das von John Butt vom Cembalo aus geleitet wird. Die schlanke Besetzung hat hier große Vorzüge – so transparent jedenfalls habe ich die Chöre noch nie gehört. Die Auf- nahme zeichnet sich generell aus durch ein heiter-beschwingtes Musizie- ren, das aber nie plump und oberflächlich wird. Sehr gut ausbalanciert, wohldurchdacht, und insgesamt sehr hörenswert! 

Montag, 14. Dezember 2015

Bach: Magnificat (Linn)

An eine Rekonstruktion der ersten Vesper, die in der Verantwortung des neuen Thomaskantors Johann Sebastian Bach am 25. Dezember 1723 in der Leipziger Nikolaikirche gefeiert wurde, hat sich das Dunedin Consort unter John Butt gewagt. Die meisten Stücke, die nach Ansicht von Musikwissenschaftlern zu diesem Anlass erklungen sind, lässt das En- semble nun auf dieser CD erklingen. Das Orgelvorspiel Vom Himmel kam BWV 607 und die liturgischen Gesänge um Kollekte und Segen kann sich, wer das möchte, ergänzend von der Webseite des Labels herunterladen. 
Im Zentrum der Vesper steht das Magnificat BWV 243a, mit allen vier weihnachtlichen Einlagesätzen und der Fuga sopra il Magnificat BWV 733 als Orgelvorspiel. Und da es sich um einen gut lutheranischen Gottesdienst handelt, erklingt auch vor der Predigt ein umfangreiches Musikstück – in diesem Falle die Weihnachtskantate Christen, ätzet diesen Tag BWV 63. Auch der Gemeindegesang nebst dem jeweiligen Orgelvorspiel wurde in die Aufnahme mit eingebunden. Das Dundedin Consort lässt gänzlich die Musik sprechen; eine Predigt beispielsweise gibt es nicht. Und schon der Beginn ist mit dem achtstimmigen Hodie Christus natus est von Giovanni Gabrieli ebenso feierlich wie prachtvoll. 
Einen festlichen Gottesdienst derart mit Musik zu gestalten, das würde heutzutage wohl selbst große Gemeinden vor Probleme stellen. Diese CD ermöglicht es nun jedermann, die fromme Andacht und den musikalischen Glanz aus Bachs Tagen ins eigene Wohnzimmer zu holen. Man muss die zupackende Art, in der John Butt mit seinem Dunedin Consort die alten Werke angeht, nicht unbedingt für der Weisheit letzten Schluss halten. Aber das Magnificat habe ich, trotz der Mini-Besetzung mit fünf Solisten und fünf Ripienisten, selten so hinreißend gehört. 

Mittwoch, 10. Dezember 2014

Agricola: Die Hirten bei der Krippe (cpo)

Wenn die Weihnachtszeit naht, prä- sentiert das Label cpo stets Wieder- entdeckungen, die sich als Alterna- tiven zu Bachs Weihnachtsoratorium empfehlen. In diesem Jahr sind es Uns ist ein Kind geboren, Die Hirten bei der Krippe und Kündlich groß ist das gottselige Geheimnis, drei große Kantaten des Bach-Schülers Johann Friedrich Agricola (1720 bis 1774). 
Agricola war der Sohn eines Gerichts- direktors aus Dobritschen im Für- stentum Altenburg. Der Knabe erhielt nicht nur Privatunterricht in den üblichen Schulfächern, sondern auch eine solide musikalische Ausbildung auf Clavier und Orgel. Während seines Studiums an der Leipziger Universität komplettierte er diese durch Unterricht bei Johann Sebastian Bach. Er musizierte unter der Leitung des Thomaskantors im Collegium musicum und gelegentlich wohl auch in der Kirche. 
Im Herbst 1741 ging Agricola nach Berlin. 1751 wurde er zum Hof- komponisten ernannt, und nach Grauns Tod 1759 leitete er die Hofkapelle – ohne freilich jemals den Titel des Hofkapellmeisters zu erhalten.  Ab 1755 wandte sich Agricola verstärkt der Kirchenmusik zu. Seine Werke erklangen in der Kirche St. Petri, sowie bei der Königinmutter und bei Prinzessin Anna Amalia. Im Druck ist allerdings kaum etwas davon erschienen. Erfreulicherweise sind dank der Wiedergewinnung des Noten-Archivs der Sing-Akademie zu Berlin im Jahr 2001 etliche seiner Werke nun wieder greifbar. Denn er ist im Archivbestand als Komponist, Vorbe- sitzer und Schreiber zahlreicher Quellen auszumachen. 
Agricola hatte 1742 eine der Opernsängerinnen des Königs geheiratet. Für seine Frau, Benedetta Emilia Molteni, schuf er eine Vielzahl wohlklingen- der Sopranpartien – auch davon legt diese CD Zeugnis ab. Sie ist musik- historisch durchaus interessant, obwohl man bald feststellen wird, dass die Kantaten Agricolas keineswegs der ganz großen Kunst zuzurechnen sind. Solides Handwerk aber sind sie allemal. Und in dieser gelungenen Aufnahme mit den Solisten Berit Solset, Myriam Arbouz, Nicholas Mulroy und Matthias Vieweg sowie der Kölner Akademie unter Michael Alexander Willens hört man sie wirklich gern. 

Freitag, 24. Mai 2013

Bach: John Passion; Dunedin Consort (Linn)

Das Dunedin Consort, geleitet von John Butt, ist doch immer wieder für eine Überraschung gut. In diesem Jahr hat das Ensemble bei Linn eine Einspielung der Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach vorgelegt – so, wie sie möglicherweise 1724 am Karfreitag in Leipzig erklungen sein könnte. 
Neben Werken von Bach selbst sind auch Stücke von Dieterich Buxtehude, Johann Hermann Schein, Jacob Händl Gallus und Johann Crüger zu hören. Selbst die gesprochenen Texte sind - im Internet - zu finden, rekonstruiert wurde der Ablauf mit Hilfe einer Predigtsammlung sowie anhand eines originalen Leipziger Chorbu- ches der Bach-Zeit.
Puristen werden die Nase rümpfen. Denn Butt lässt es richtig krachen. Motette und Gemeindechoräle singt der University of Glasgow Chapel Choir unter James Grossmith. Er wurde für die Unisono-Gesänge zusätzlich noch um zahlreiche Mitsingende aufgestockt. Auch wenn das eigentliche Ensemble schlank besetzt wurde – ein Quartett an Concertisten, das gelegentlich noch durch ein weiteres Quartett an Ripienisten verstärkt wird, sowie durch zwei zusätzliche Solisten für einige der Soliloquenten – ist von dem klaren, durchhörbaren Klang, den man von Aufführungen „Alter“ Musik heutzutage erwartet, wenig zu spüren.
Karfreitag? Hier gibt es statt stiller Andacht ein üppiges Orgelvor- spiel, und statt Fürbitte – Oper. Schon der Eingangschor erschreckt mit sattem Sound statt kluger Stimmführung. Ganz ehrlich: Mein Fall ist diese Brachialversion nicht.


  

Sonntag, 31. März 2013

de Lassus: St. Matthew Passion / Ave verum corpus (Somm)

Orlando di Lasso (1532 bis 1594) lernte bis zu seinem 13. Lebensjahr als Chorknabe an einer Kirche in Mons in den Niederlanden. 
1544 trat er in die Dienste des Vizekönigs von Sizilien. Damit erhielt er Gelegenheit, Italien kennenzulernen. Als er in den Stimmbruch kam, und seine Anstellung bei den Gonzaga in Palermo endete, hatte er sich mit Kompositionen bereits einen Namen gemacht. So konnte der junge Musiker nach Neapel wechseln, wo er nicht nur das gesellschaftliche Leben, sondern auch die Ideale des Humanismus schätzen lernte.
1551 ging Orlando di Lasso nach Rom, wo er als Kapellmeister am Lateran wirkte. Als er 1554  die Nachricht erhielt, dass seine Eltern ernstlich erkrankt sind, kündigte er und kehrte nach Mons zurück. Nach Reisen durch England und Frankreich ließ sich der Musiker schließlich in Antwerpen nieder, wo er Musikunterricht erteilte und komponierte. Seine Werke ließ er in Antwerpen und Venedig drucken. 
So wurde Albrecht V. von Bayern auf Orlando di Lasso aufmerksam - und konnte ihn schließlich 1557 für seinen Hof in München gewinnen. 1563 wurde Orlando dort Hofkapellmeister, 1570 erhob ihn der Kaiser in den Adelsstand. Wie sein Zeitgenosse Palestrina wurde auch Orlando di Lasso verehrt, als princeps musicorum gerühmt und umworben; er war seinerzeit der am besten bezahlte Komponist Europas. 
Orlando di Lasso schrieb gut 2000 Werke. Darunter sind zahlreiche Lieder und Liedsätze in italienischer, deutscher, niederländischer und französischer Sprache, zudem Motetten, vier Passionen, mehr als 60 Messen und viele andere Werke für die Kirchenmusik. 
Das Ex Cathedra Consort hat aus diesem umfangreichen Gesamtwerk für diese CD die Passio secundum Matthaeum ausgewählt. 1575 ver- öffentlicht, gehörte sie zu den besonders populären Werken des Hof- kapellmeisters. Noch 150 Jahre nach ihrer Komposition wurde sie aufgeführt. Diese Matthäuspassion verweist uns auf eine Tradition, die im gregorianischen Gesang ihre Wurzeln hat, und später mit den Passionen von Johann Sebastian Bach einen ihrer Höhepunkte erlebte. Bei di Lasso finden wir beides - die überlieferte Singweise in den Partien des Evangelisten und Jesu Christi, und polyphone Gesänge bei allen anderen Figuren. Selbst Turba-Chöre sind hier bereits zu hören; gesungen wird allerdings strikt und ausschließlich jener Text, der sich in der Bibel findet. 
Ex Cathedra ergänzt die Passion zusätzlich um Motetten von Orlando di Lasso - allen voran das grandiose sechsstimmige Ave verum corpus. Das Ensemble, das durch Jeffrey Skidmore geleitet wird, singt beeindruckend - sauber, harmonisch, ausdrucksstark und stets in stimmiger Phrasierung. Diese CD ist daher wirklich zu empfehlen. 

Freitag, 8. Juni 2012

Handel: Esther (Linn)

Das Oratorium Esther gilt als das erste englische Werk dieser Gattung. Für die vorliegende Einspielung ist die Fassung rekonstruiert worden, die wohl 1720 in Cannons aufgeführt worden ist, wo Georg Friedrich Händel zwei Jahre lang als composer-in-residence bei Henry James Brydges, Duke of Chandos, lebte und wirkte.
Auch darüber, wer der Autor des Textes war, gibt es mehr Vermu- tungen als Erkenntnisse. Fakt ist aber, dass er auf einer Übersetzung der gleichnamigen Tragödie von Jean Racine durch Thomas Brereton basiert. Händel jedenfalls hatte als Oratorienkomponist bereits Erfahrung, denn in Italien hatte er zwei Oratorien geschrieben; sie dienten als Ersatz für Opern, die in Rom nicht aufgeführt werden durften.
Die Oratorien, die Händel in England schuf, unterscheiden sich von diesen Werken in erster Linie durch eine Vielzahl ausdrucksstarker Chöre. Seine späteren Werke wirken einerseits noch opernhafter - und andererseits haben sie von den deutschen Passionen gelernt, dass nicht allein die biblische Handlung, sondern vor allem auch die An- dacht des Publikums im Mittelpunkt stehen sollte.
Diese Aufnahme mit dem Dunedin Consort unter John Butt basiert auf der Forschung von John H. Roberts, der  2010 im Händel Jahrbuch Erkenntnisse publizierte, die er durch die Auswertung der heute noch auffindbaren Quellen gewonnen hat. Dazu gehören Händels Manu- skript, diverse Abschriften und andere Aufzeichnungen aus der Entstehungszeit des Oratoriums sowie etliche zeitgenössische Werke, die Roberts zum Vergleich herangezogen hat. Dadurch gelingt ihm sogar überzeugend die Datierung. Auch zur Struktur und zur Bese- tzung konnte er viele interessante Details beitragen.
Das macht die Einspielung spannend. Lediglich bei den Sängern - die Liste der Mitwirkenden in Cannons 1720 weist unter anderem vier Chorknaben aus, aber keine Soprane - erschien eine originalgetreue Besetzung nicht unbedingt erstrebenswert. Butt lässt die Esther durch Susan Hamilton singen, und den jüdischen Jungen durch Electra Lochhead. Den Priester der Israeliten singt der Countertenor Robin Blaze, den König Ahasver James Gilchrist, den Haman Matthew Brook und seinen Gegenspieler Mordecai Nicholas Mulroy. Als Israelisten sind auch Ashley Turnell und Thomas Hobbs zu hören - und auch die Ripienisten sind exzellent. Es lohnt sich also, diese Aufnahme anzuhören, zumal diese Version auch sonst einige Überraschungen bereithält.