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Samstag, 31. März 2018

Bach: Johannes-Passion (Naxos)

„Klänge, die atmen“, lautet das Motto des Bachchores Mainz. Das Ensemble, das seit 32 Jahren von Ralf Otto geleitet wird, hat nun erstmals die Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach eingespielt. Die Aufnahme, an der auch das Bachorchester Mainz mitgewirkt hat, ist geprägt durch Ottos bewährten Leitsatz: „Historisch informiert, aber zeitgemäß interpretiert“. 
So ist diese Interpretation gleicher- maßen dramatisch wie berührend, pulsierend und lebendig, klanglich transparent, aber dabei beseelt und ausgewogen. Derart mitreißend hat man Bachs Werk lange nicht gehört. Otto verzichtet auf übertriebene Schroffheit und auf Manierismen, die man bei „Alte“-Musik-Ensembles leider mittlerweile häufig wahrnimmt (und oftmals als nervig empfindet). Im Mittelpunkt steht hier klar Bachs Musik, die konsequent darauf befragt wird, was sie uns heute zu sagen hat. 
Auch das Solistenensemble überzeugt. Georg Poplutz gestaltet den Part des Evangelisten gekonnt und mit großer Klarheit. Yorck Felix Speer ist als Jesus zu hören. Die Arien singen Julia Kleiter, Gerhild Romberger, Daniel Sans und Matthias Winckhler. 
Eine Besonderheit der vorliegenden Aufnahme ist die Ergänzung der Partiturversion des Jahres 1749, die als Bachs finale Fassung gilt, um die zusätzlichen Sätze der abweichenden Partiturversion von 1725. Sie wurden der Einspielung angehängt. So kann vergleichen, wer das möchte. Und noch eine erfreulíche Nachricht zum Schluss: In den kommenden Monaten will der Bachchor Mainz noch Bachs Weihnachtsoratorium, die Matthäus-Passion und die h-Moll-Messe einspielen. Da zu erwarten ist, dass diese Aufnahmen von ähnlich hoher Qualität sind wie die der Johannes-Passion, darf man darauf schon heute sehr gespannt sein.

Dienstag, 13. März 2018

Bach: Johannespassion (Berlin Classics)

Bachs Johannespassion erklang am Karfreitag 2017 in der Dresdner Frauenkirche. Der Live-Mitschnitt ist nun bei Berlin Classics erschienen. Frauenkirchenkantor Matthias Grünert stand bei diesem Konzert neben dem Kammerchor der Frauenkirche und dem Ensemble Frauenkirche Dresden ein exzellentes Solistenensemble zur Verfügung. 
Dabei fällt besonders Tilman Lichdi auf, der mit seinem leichten, beweglichen, angenehm timbrierten Tenor sowohl als Evangelist als auch in den Arien überzeugt. Zu hören sind zudem Camilla Nylund, Sopran, Nicole Pieper, Alt, Andreas Scheibner, Bass, und Falko Hönisch als Vox Christi
Grünert lässt flott und leichtfüßig musizieren; seine Lesart vermeidet das Pathos (wenn es nicht gerade um die Choräle geht), und bleibt insgesamt sehr an der klangschönen Oberfläche. Auch fehlt es dem kleinen Chor mitunter an Schwung, Biss und Prägnanz. So ist diese Aufnahme wirklich nett, aber letzten Endes nicht besonders ergreifend. Schade. 

Montag, 24. April 2017

Bach: St John Passion (The Choir of King's College)

Auch der King’s College Choir aus Cambridge und die Academy of Ancient Music haben unter Leitung von Stephen Cleobury eine Aufnahme von Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion veröffentlicht. Ausgewählt wurde dafür die erste Fassung aus dem Jahre 1724. 
Den Herren Choristern zu lauschen, das ist nicht durchweg ein Vergnügen; Koloraturen insbesondere sind ihre Stärke nicht. Diese Schwäche aber gleicht die Einspielung durch die vorzüglichen Musiker und durch ein exzellentes Solistenensemble wieder aus. Die Sängerinnen und Sänger, wie Sophie Bevan, Sopran, Iestyn Davies, Altus, Ed Lyon, Tenor-Arien oder Roderick Williams, Bass-Arien und Pilatus machen diesen Live-Mitschnitt aus dem King's College interesssant. Als Christus ist Neal Davies zu hören, und wie James Gilchrist die Partie des Evangelisten gestaltet, das ist wirklich großartig. Er hat maßgeblichen Anteil daran, dass sich die Johannes-Passion aus Cambridge letztendlich als ein faszinierendes Hörerlebnis erweist. 

Mittwoch, 12. April 2017

Bach: Johannes-Passion (MDG)

Rainer Johannes Homburg hat mit „seinen“ Stuttgarter Hymnus-Chor- knaben die Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach eingespielt. Dabei entschied sich der erfahrene Kirchenmusiker für die vierte und letzte Version, aus dem Jahre 1749. In dieser verwarf Bach etliche Glättungen und kehrte „zur 25 Jahre alten Urfassung zurück“, so Hom- burg: „Nur die Instrumentation ist nun reicher, insbesondere die Continuo-Gruppe erweitert bis zum Kontrafagott. Diese Fassung ist hier aufgenommen.“ 
Neben namhaften Solisten – besonders beeindrucken hier Veronika Winter mit ihrem schlanken, klangschönen Sopran und Andreas Post, Tenor, der sowohl die Arien als auch die Partie des Evangelisten klug gestaltet – wirkte an der Aufnahme, die im Mai 2016 aufgezeichnet worden ist, auch die Handel's Company mit. Dieses Instrumentalensemble hat Homburg 1999 mit gegründet, um „Alte“ Musik stilecht aufführen zu können. Es musiziert auf historisch jeweils passenden Instrumenten und  orientiert sich an der jeweiligen Aufführungspraxis – verzichtet aber auf den klanglichen Purismus, den „Originalklang“-Ensembles mitunter gern pflegen. 
Im Vordergrund steht hier der Ausdruck von Affekten. „Historische Instrumente? So selbstverständliche Voraussetzung interpretatorischen Denkens, dass sie allein schon lange keine Antwort mehr sind“, meint Homburg in seinem Geleitwort zu dieser CD: „Was man mit ihnen macht, entscheidet.“ Bei dieser Aufnahme stellt er die Expressivität von Bachs Musik in den Mittelpunkt der Interpretation, und die jungen Chorsänger folgen ihm dabei mit Begeisterung und Können. Selbst schwierigste Koloraturen singen die Hymnus-Chorknaben erfreulich sicher und blitzsauber. So bleiben musikalische Strukturen auch in den großen Chören stets klar erkennbar. Und die Instrumentalisten sorgen dafür, dass auch Bachs klangliche Finessen gebührend zur Geltung kommen. Eine derart farbenreiche Continuo-Gruppe beispielsweise dürfte selbst den Thomas- kantor entzückt haben. Faszinierend! 

Samstag, 16. April 2016

Bach: Johannes-Passion (BR Klassik)

Die Johannes-Passion schrieb Johann Sebastian Bach in Leipzig für die Karwoche 1724, unmittelbar nach seiner Anstellung als Thomaskantor. Er hat das Werk, uraufgeführt seinerzeit in der Nikolaikirche, immer wieder überarbeitet und abgeändert. Hier ist die sogenannte Fassung letzter Hand zu hören, die Bach 1739 begonnen, aber letztendlich wohl niemals selbst in dieser Form aufgeführt hat. Die Einspielung wird ergänzt durch eine ebenso ergiebige wie aufwendig produzierte Werkeinführung von Markus Vanhoefer. 
Die Passion beginnt und endet mit großen Chören – Herr, unser Herr- scher und Ruht wohl, ihr heiligen Gebeine. In diesen Rahmen gefasst, erklingt die Passionserzählung, immer wieder unterbrochen durch reflektierende Choräle sowie durch Arien, die biblischen Texte eindringlich kommentieren. Neben Julian Prégardien, der die Partie des Evangelisten gekonnt vorträgt, hat der Chor des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Peter Dijkstra daher den umfangreichsten Part. Und der Chor singt hinreißend – beweglich wie ein Kammerchor, blitzsauber und stets durchhörbar, gestalterisch souverän und gänzlich ohne Manierismen. Sehr beeindruckend! Dieser Live-Mitschnitt einer konzertanten Aufführung am 7. März 2015 im Herkulessaal der Münchner Residenz ist ohne Zweifel mit Abstand die beste Einspielung der Johannes-Passion seit langem. Dazu tragen auch das renommierte Originalklang-Ensemble Concerto Köln und eine umfangreiche Riege junger Vokalsolisten mit bei. 

Donnerstag, 20. Juni 2013

Telemann: Johannes-Passion

Er habe „allemal die Kirchen-Mu- sic am meisten werth geschätzet“, schrieb Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) in seiner Auto- biographie 1718, und „am meisten in andern Autoribus ihretwegen geforschet“. Das gilt nicht zuletzt für seine Passionsmusiken. Sie waren von dem Komponisten, der seit 1721 das Amt des Cantor Johannei und Director musices in Hamburg innehatte, alljährlich neu zu schreiben, und erklangen dann reihum in den wichtigsten Kirchen der Hansestadt. Es war zudem üblich, dass dafür im Wechsel die Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes als Text- grundlage genutzt wurden.
46 oratorische Passionen hat Telemann in seinen Hamburger Jahren komponiert; davon sind 22 überliefert. Der Kammerchor der Biede- ritzer Kantorei eröffnet den Biederitzer Musiksommer traditionell mit einem dieser Werke. Was lag also näher, als diesen Klangkörper, der im Jerichower Land vor den Toren Magdeburgs 1989 von Kantor Michael Scholl gegründet wurde, einzuladen, auch zu den Telemann-Festtagen zu singen.
In einem Konzert 2010 im Kloster Unser Lieben Frauen zu Magde- burg hat das Ensemble Telemanns Johannes-Passion aus dem Jahre 1733 vorgestellt. Sie zeugt vom Einfallsreichtum des Komponisten, der in die Passionserzählung in diesem Falle auch Texte aus dem Alten Testament eingebunden hat.
Der Kammerchor der Biederitzer Kantorei musizierte unter Leitung von Michael Scholl gemeinsam mit der Cammermusik Potsdam sowie Grit Wagner, Cornelia Diebschlag, Ulrike Mayer, Michael Zabanoff, Matthias Vieweg, Thomas Fröb und Florian Götz. Der sehr hörens- werte Mitschnitt dieses Konzertes ist nun bei dem Label Amati erschienen. Man kann es kaum glauben, aber dies ist erneut eine Ersteinspielung – und das Werk Telemanns verheißt, nicht zuletzt aufgrund seines puren Umfangs, sicher auch für die Zukunft so manche Entdeckung.

Freitag, 24. Mai 2013

Bach: John Passion; Dunedin Consort (Linn)

Das Dunedin Consort, geleitet von John Butt, ist doch immer wieder für eine Überraschung gut. In diesem Jahr hat das Ensemble bei Linn eine Einspielung der Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach vorgelegt – so, wie sie möglicherweise 1724 am Karfreitag in Leipzig erklungen sein könnte. 
Neben Werken von Bach selbst sind auch Stücke von Dieterich Buxtehude, Johann Hermann Schein, Jacob Händl Gallus und Johann Crüger zu hören. Selbst die gesprochenen Texte sind - im Internet - zu finden, rekonstruiert wurde der Ablauf mit Hilfe einer Predigtsammlung sowie anhand eines originalen Leipziger Chorbu- ches der Bach-Zeit.
Puristen werden die Nase rümpfen. Denn Butt lässt es richtig krachen. Motette und Gemeindechoräle singt der University of Glasgow Chapel Choir unter James Grossmith. Er wurde für die Unisono-Gesänge zusätzlich noch um zahlreiche Mitsingende aufgestockt. Auch wenn das eigentliche Ensemble schlank besetzt wurde – ein Quartett an Concertisten, das gelegentlich noch durch ein weiteres Quartett an Ripienisten verstärkt wird, sowie durch zwei zusätzliche Solisten für einige der Soliloquenten – ist von dem klaren, durchhörbaren Klang, den man von Aufführungen „Alter“ Musik heutzutage erwartet, wenig zu spüren.
Karfreitag? Hier gibt es statt stiller Andacht ein üppiges Orgelvor- spiel, und statt Fürbitte – Oper. Schon der Eingangschor erschreckt mit sattem Sound statt kluger Stimmführung. Ganz ehrlich: Mein Fall ist diese Brachialversion nicht.


  

Sonntag, 24. April 2011

Schütz: Matthäus-Passion (Dacapo)

"I wanted to record the narrative works of Schütz because I am in- terested in singing stories", erläu- tert Paul Hillier. Gleich sechs der Schützschen Hauptwerke erzählen Geschichten, so der Sänger, und zwar mit einem Erzähler und ver- schiedenen handelnden Personen. Innerhalb von vier Jahren hat Hillier sie alle mit dem Ensemble Ars Nova Copenhagen eingespielt - im vergangenen Jahr erschien eine CD mit Die Sieben Worte SWV 478 und der Johannes-Passion SWV 481; in diesem Jahr folgte eine weite- re mit der Matthäus-Passion SWV 479. 
Hillier entschied sich, für jede der drei Schütz-Passionen einen ande- ren Tenor als Evangelisten auftreten zu lassen, aber immer denselben Bassisten - Jacob Bloch Jespersen - als Christus. Wie nicht anders zu erwarten - immerhin hat Hillier jahrelange Erfahrung in diesem Me- tier, unter anderem als Gründer und Leiter des Hilliard Ensembles und des Theatre of Voices sowie als Direktor des Early Music Institute an der Indiana University - wird hier jede Phrase bis ins Letzte durch- dacht interpretiert, sitzt jeder Ton, und man versteht zudem jedes Wort. In der Qualität vergleichbar sind lediglich die legendären Auf- nahmen der Kruzianer. Bravi! 

Freitag, 22. April 2011

Telemann: Johannes-Passion (Amati)

Die Biederitzer Kantorei, ansässig in einer idyllischen Gegend vor den Toren Magdeburgs, wurde 1989 von Kantor Michael Scholl gegründet. Der Kammerchor dieses Ensembles beschäftigt sich mit zeitgenössischen Klängen - und mit barocker Kirchenmusik. So entstand auch dieser Konzertmit- schnitt, aufgezeichnet 2008 im Kloster Unser Lieben Frauen in Magdeburg. 
Werke Telemanns singt der Kammerchor regelmäßig; so wird der Biederitzer Musiksommer, den Kantor Scholl seit 1990 organisiert und der zunehmend auch auswärtige Gäste ins Jerichower Land lockt, stets mit einer Telemann-Passion eröffnet. Die Auswahl ist erstaun- lich groß: 22 der 46 oratorischen Passionen, die Telemann in seinen Hamburger Jahren komponierte, sind überliefert. 
Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) wurde in Magdeburg gebo- ren und ging dort auch einige Jahre zur Schule. Zum Jura-Studium ging er nach Leipzig, doch schon bald komponierte er zusätzlich Kantaten für die Thomaskirche, gründete das Studentenorchester Collegium musicum, das später durch Bach weitergeführt wurde, und engagierte sich im städtischen Opernhaus. 1705 zog Telemann als Hofkapellmeister nach Sorau, Niederlausitz. Als die schwedische Armee nahte, wechselte er nach Eisenach, wo er immerhin sechs Jahre wirkte - bis er 1712 eine Stelle in Frankfurt/Main annahm. Die Thüringer Höfe aber warben heftig weiter um den Musiker, was dieser nutzte, um eine Gehaltserhöhung durchzusetzen. 
1721 erhielt er das Angebot, als Cantor Johannei und Director musi- ces nach Hamburg zu gehen. Das akzeptierte er, musste dann aber feststellen, dass die Bedingungen für seine Tätigkeit in der Hansestadt wenig befriedigend waren. So bewarb er sich schon ein Jahr später um die vakante Stelle als Thomaskantor in Leipzig, war damit erfolg- reich - und schickte dem Rat die Kündigung. Die Hamburger aber wollten Telemann halten; also erhöhten sie sein Gehalt, und er sagte den Leipzigern ab. 
Telemann blieb bis an sein Lebensende in der Hansestadt. Sein Werk- verzeichnis umfasst 3600 (!) Werke aller damals gebräuchlichen Genres; etwa die Hälfte davon sind Kirchenkantaten. Für die Passionen war in Hamburg vorgeschrieben, dass sie im Wechsel den Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes zu folgen hatten. Die hier in Ersteinspielung vorliegende Johannespassion schrieb Telemann 1749; sie wirkt eher sanft und erbaulich und hat selbst dort, wo die Chöre das Geschrei des Volkes wiedergeben, eher wenig dramatische Passagen.
Mit dem sehr solide studierten Kammerchor der Biederitzer Kantorei musizieren unter Leitung von Michael Scholl das Telemann-Consort Magdeburg sowie Britta Schwarz, Michael Zabanoff, Sören von Billerbeck, Thomas Fröb und Tobias Wollner. Die Aufnahme ist nicht perfekt, aber akzeptabel - und für die beharrliche Auseinandersetzung mit Telemanns oft verkanntem Werk muss man den Magdeburgern wirklich dankbar sein. 

Samstag, 16. April 2011

Bach: Johannes-Passion; Schreier (Newton)

Als Peter Schreier 1988 mit der Staatskapelle Dresden und dem Leipziger Rundfunkchor diese seine erste Interpretation der Johannes- passion einspielte, erregte er damit enormes Aufsehen. Zwar entschied er sich für moderne Instrumente und große Besetzung. Dennoch ach- tete Schreier sehr genau auf den Notentext - und pfiff auf die Tradi- tionen, sowohl die romantischen als auch die historisierenden.
Das Ergebnis ist dramatisch, ein- drücklich, mitunter auch schroff und kantig. Schon im Eingangschor inszeniert Schreier nicht nur die Streicher als Symbol für das ewig fließende Wasser; gegen den Chor, der den Herrn als Herrscher besingt, setzt er die Dissonanzen der Holzbläser, die andeuten, dass es mitunter durchaus Schmerzen bereitet, diesem Gott zu dienen. 
Nicht einmal die Choräle spenden Trost - Schreier lässt Bachs Musik und die Passionsgeschichte unbarmherzig voranschreiten. Zugleich aber ist diese Einspielung eine ausgesprochen sängerische. Schreier selbst dirigiert, und singt die Partie des Evangelisten sowie die Tenor-Arien. Dieser Spagat in Gestus und Technik gelingt dem Sänger übrigens erstaunlich gut. Doch auch sonst ist das Ensemble mit Robert Holl als Christus, Roberta Alexander, Marjana Lipovsek und Olaf Bär, Arien, Andrea Ihle als Magd, Ekkehard Wagner als Knecht, Egbert Junghanns als Petrus und Andreas Scheibner als Pilatus sehr solide besetzt. Eine Aufnahme, die Musikgeschichte mit geschrieben hat - und es ist sehr schön, dass sie bei Newton Classics jetzt wieder verfügbar ist. 

Donnerstag, 31. März 2011

Bach: Johannes-Passion; Forster (EMI Classics)

Eine Aufnahme aus dem Jahre 1962 - historisch korrektes Musi- zieren ist da nicht zu erwarten. Karl Forster nähert sich Bachs Werk vielmehr mit dem spät- romantischen Blick, und sehr viel Sinn für Dramatik. Dass diese Einspielung trotzdem auch heute noch begeistert, das liegt in erster Linie an dem grandiosen Solisten- ensemble. Zu hören sind Fritz Wunderlich als (hervorragender) Evangelist, Dietrich Fischer-Dieskau als Jesus, sowie Elisabeth Grümmer, Sopran, und Christa Ludwig, Alt, die ihre Arien mit anrührender Innigkeit und beeindruckender Intensität gestalten, Josef Traxel, der mit seinem messerscharf geführten Tenor nicht ganz das Niveau der anderen Sänger erreicht, und Karl Christian Kohn, Bass. Es singt der Chor der St. Hedwigs-Kathedrale Berlin - der damals weltweit einen ausgezeichneten Ruf hatte -, und es spielen die Berliner Symphoniker. EMI Classics legt diese historische Einspielung nun als Bestandteil der Electrola Collection wieder vor - sehr ordentlich re- mastert, Kompliment! Freunde schöner Stimmen dürfen sich freuen. 

Montag, 20. Dezember 2010

Bach: Great Choral Works; Münchinger (Newton)

Der Stuttgarter Kantor und Kapellmeister Karl Münchinger (1915 bis 1990) gründete 1945, nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft, das Stutt- garter Kammerorchester. Mit schlanker Besetzung, klanglicher Homogenität, ausgeglichener Dynamik, reduzierten Tempi und handwerklicher Perfektion beein- druckte dieses Ensemble das Publikum, und erwarb sich so innerhalb weniger Jahre weltweit einen ausgezeichneten Ruf.
Münchinger versammelte um sich auch eine ganze Riege erstklassiger Sänger - diese CD mit den großen Chorwerken Bachs gibt davon in herausragender Art und Weise Zeugnis. So singen beispielsweise die Matthäus-Passion Peter Pears als Evangelist, Hermann Prey als Christus, Elly Ameling, Marga Höffgen, Fritz Wunderlich, Tom Krause, Manfred Ackermann und Allan Ahrans. Bei der h-Moll-Messe sind Elly Ameling, Yvonne Minton, Helen Watts, Werner Krenn und Tom Krause zu hören. Und das Weihnachtsoratorium, aufgezeichnet 1966 in der Kirche von Schloss Ludwigsburg bei Stuttgart, singen ebenfalls Peter Pears, Elly Ameling, Helen Watts und Tom Krause. Natürlich enthält die immerhin neun CD starke Box auch das Magnificat BWV 10 und die Johannes-Passion
Die Aufnahmen sind ein Dokument der Suche nach neuen musika- lischen Wegen zwischen Postromantik und der historischen Auf- führungspraxis. Sie wirken insbesondere in der Wahl der Tempi und in manchen Details der Interpretation mitunter museal, sind teilweise aber auch sehr ausdrucksstark und faszinierend - und man darf nicht vergessen, dass sie mittlerweile gut 40 Jahre alt sind. Dennoch beeindrucken diese historischen Einspielungen durch ihre hohe Qualität; wer sich für Musikgeschichte interessiert, der sollte sie unbedingt in seine Sammlung aufnehmen.