Nach Leipzig führt uns das CD-Debüt des britischen Ensembles Solomon’s Knot. Es erklingen Werke von Johann Schelle (1648–1701), Johann Kuhnau (1660–1722) und Johann Sebastian Bach (1685–1750). „We spent a lot of time thinking about our approach for this recording“, berichtet Jonathan Sells, der künstlerische Direktor. „Since our singers sing everything by heart and perform without a conductor, our mode of performance and audience experience is very ,live', and that very special and close connection with our audience has become a key part of what we do.“
Allerdings habe das Publikum den Wunsch geäußert, Solomon's Knot auch zu Hause hören zu wollen. Und so habe man sich entschlossen, den Live-Mitschnitt eines Konzertes, mit nur wenigen Nachaufnahmen, zu veröffentlichen.
Das Repertoire, das das Ensemble dafür ausgewählt hat, ist anspruchsvoll. Für den ersten Adventssonntag schrieb Johann Schelle einst die Kantate Machet die Tore weit – und kombinierte dabei den großen Auftritt, einschließlich Pauken und Trompeten, mit individuellen Solo-Versen.
Zeitzeugen schildern, dass „wegen des süßen Honigs von Schelles Musik die Zuhörer stets in die Kirchen flogen wie die Bienen zur Blüte“. Ich bin aber von dieser Interpretation der Kantate des Thomaskantors nicht so begeistert. Zum einen denke ich, dass Stimmen mit einem ausgeprägten Opernvibrato nicht besonders gut zu „Alter“ Musik passen. Und zum anderen ist das bloße Absingen eines solchen Werkes durch ein Profi-Ensemble live sicherlich ein Erlebnis; aber für eine Aufnahme reicht das nicht ganz.
Ein interessantes Konzept hingegen ist die Kombination aus dem Magnificat von Johann Kuhnau – das umfangreichste überlieferte Vokalwerk des Komponisten – mit Bachs Magnificat BWV 243a. Diese Version steht in Es-Dur; sie ist älter als die bekannte BWV 243, und wohl auch etwas anders instrumentiert. Bach schrieb diese Musik für sein erstes Weihnachtsfest in Leipzig 1723. Zwischen einigen Sätzen erklingen zudem Strophen von Weihnachtsliedern, vertont für Chor oder Solisten, mit Bezug zur Weihnachtsgeschichte. Es wird vermutet, dass Bach Kuhnaus Magnificat gekannt hat, und dass er durch dieses Werk selbst inspiriert wurde.
Hier wird nun auch der Zuhörer munter. Denn diese beiden Magnificat-Kompositionen werden von Solomon's Knot mit Schwung und Engagement vorgetragen. Nun denn, es werde Weihnachten!
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Donnerstag, 12. Dezember 2019
Mittwoch, 26. Dezember 2018
Porpora: Christmas Oratorio (Sony)
Es muss nicht immer das Weihnachtsoratorium von Bach sein. Auf dieser CD präsentiert Sony eine Alternative aus Italien, so ganz anders als das gewohnte Weihnachts- programm: Il Verbo in carne von Nicola Antonio Porpora (1686 bis 1768) wurde 1747 oder 1748 in Neapel uraufgeführt und wohl erst kürzlich vom Kammerorchester Basel wiederentdeckt. Auf dieser CD erklingt eine Art Kurzzusammen- fassung dieses Werkes, das eigentlich mehr als zwei Stunden dauert.
Es erzählt die Weihnachtsgeschichte mit Hilfe von allegorischen Figuren: Anstelle von Hirten und Engeln treten in diesem Oratorium Giustizia, Pace und Verità auf, gesungen von Rober- ta Invernizzi, Terry Wey und Martin Vanberg. So diskutieren im ersten Teil des Oratoriums Frieden und Gerechtigkeit über die menschliche Gesellschaft, die doch recht schlecht funktioniert – trotz aller Bibelworte, die eigentlich anderes vorhersagen.
Mit Blick auf die Krippe beschließen die beiden dann, hinabzusteigen, und die Verhältnisse zu verbessern. Im zweiten Teil erfahren sie von der Wahrheit, wie das neugeborene Kind aufgenommen wird. Nach einer wunderbaren Arie, in der der Friede beschreibt, wie das Kind weint, beschließen Gerechtigkeit und Frieden, sich zu küssen, und gemeinsam mit der Wahrheit dafür einzutreten, dass das, was das Kind den Menschen verheißt, Wirklichkeit wird.
Verpackt ist diese Handlung in sehr viel schöne Musik; nicht umsonst war Porpora einer der besten Gesangslehrer jener Zeit – und ein gefragter Opernkomponist. So ist Il Verbo in carne ausgesprochen kunstvoll gestaltet, und noch immer hörenswert. Dem Kammerorchester Basel unter der Leitung von Riccardo Minasi gelingt hier wirklich eine Wiederent- deckung; allerdings wäre es schön, wenn man dieses Meisterwerk der neapolitanischen Schule bald auch komplett anhören könnte.
Es erzählt die Weihnachtsgeschichte mit Hilfe von allegorischen Figuren: Anstelle von Hirten und Engeln treten in diesem Oratorium Giustizia, Pace und Verità auf, gesungen von Rober- ta Invernizzi, Terry Wey und Martin Vanberg. So diskutieren im ersten Teil des Oratoriums Frieden und Gerechtigkeit über die menschliche Gesellschaft, die doch recht schlecht funktioniert – trotz aller Bibelworte, die eigentlich anderes vorhersagen.
Mit Blick auf die Krippe beschließen die beiden dann, hinabzusteigen, und die Verhältnisse zu verbessern. Im zweiten Teil erfahren sie von der Wahrheit, wie das neugeborene Kind aufgenommen wird. Nach einer wunderbaren Arie, in der der Friede beschreibt, wie das Kind weint, beschließen Gerechtigkeit und Frieden, sich zu küssen, und gemeinsam mit der Wahrheit dafür einzutreten, dass das, was das Kind den Menschen verheißt, Wirklichkeit wird.
Verpackt ist diese Handlung in sehr viel schöne Musik; nicht umsonst war Porpora einer der besten Gesangslehrer jener Zeit – und ein gefragter Opernkomponist. So ist Il Verbo in carne ausgesprochen kunstvoll gestaltet, und noch immer hörenswert. Dem Kammerorchester Basel unter der Leitung von Riccardo Minasi gelingt hier wirklich eine Wiederent- deckung; allerdings wäre es schön, wenn man dieses Meisterwerk der neapolitanischen Schule bald auch komplett anhören könnte.
Dienstag, 11. Dezember 2018
"Das neugeborne Kindelein" (Accent)
Barocken Festtagsglanz verbreitet diese CD mit Werken von drei bekannten Komponisten: Dieterich Buxtehude, Johann Sebastian Bach und Georg Philipp Telemann schufen jeweils eine große Anzahl von Kantaten – und für das Weihnachts- fest offenbar besonders exquisite.
Im Mittelpunkt dieser Aufnahme steht Bachs Choralkantate Ich freue mich in dir BWV 133. Sie wird von dem Ensemble La Petite Bande um Sigiswald Kuijken in durchweg solistischer Besetzung präsentiert: Es singen Anna Gschwend, Sopran, Lucia Napoli, Alt, Søren Richter, Tenor und Christian Wagner, Bass.
Gefasst ist dieses musikalische Juwel, quasi als kleine Schwester der viel gespielten Kantaten des Weihnachtsoratoriums, in zwei Kompositionen Telemanns. Für Frankfurt/Main entstanden ist wohl um 1720 die Missa sopra Ein Kindelein so löbelich, sehr strikt polyphon gestaltet im stile antico. Die Kantate O Jesu Christ, dein Kripplein ist mein Paradies hingegen, aus dem Jahre 1748, schrieb Telemann ganz modern; hier zeigt sich der Komponist flott und sehr fröhlich, fast wie in einer italienischen Oper der damaligen Zeit.
Den Rahmen bilden zwei Werke Buxtehudes: Die Kantate Das neugeborne Kindelein BuxWV 13 beeindruckt durch Innigkeit, und die Choralkantate In dulci jubilo BuxWV 52 gibt dann mit ihrer freudig-erregten letzten Strophe auch den Instrumentalisten noch einmal Gelegenheit, so recht in Weihnachtsjubel auszubrechen. Himmlisch!
Im Mittelpunkt dieser Aufnahme steht Bachs Choralkantate Ich freue mich in dir BWV 133. Sie wird von dem Ensemble La Petite Bande um Sigiswald Kuijken in durchweg solistischer Besetzung präsentiert: Es singen Anna Gschwend, Sopran, Lucia Napoli, Alt, Søren Richter, Tenor und Christian Wagner, Bass.
Gefasst ist dieses musikalische Juwel, quasi als kleine Schwester der viel gespielten Kantaten des Weihnachtsoratoriums, in zwei Kompositionen Telemanns. Für Frankfurt/Main entstanden ist wohl um 1720 die Missa sopra Ein Kindelein so löbelich, sehr strikt polyphon gestaltet im stile antico. Die Kantate O Jesu Christ, dein Kripplein ist mein Paradies hingegen, aus dem Jahre 1748, schrieb Telemann ganz modern; hier zeigt sich der Komponist flott und sehr fröhlich, fast wie in einer italienischen Oper der damaligen Zeit.
Den Rahmen bilden zwei Werke Buxtehudes: Die Kantate Das neugeborne Kindelein BuxWV 13 beeindruckt durch Innigkeit, und die Choralkantate In dulci jubilo BuxWV 52 gibt dann mit ihrer freudig-erregten letzten Strophe auch den Instrumentalisten noch einmal Gelegenheit, so recht in Weihnachtsjubel auszubrechen. Himmlisch!
Mittwoch, 21. Dezember 2016
Jauchze du Tochter Zion. Homilius - Stölzel - Rolle: Christmas Cantatas (cpo)
Musikwissenschaftler waren einst der Meinung, in der Zeit nach Bach sei es zu einem Verfall der Kirchenmusik gekommen. Michael Alexander Willens macht mit dieser CD deutlich, dass es sich bei diesem Diktum um ein Vorurteil handelt. Fünf Kantaten sind hier in Ersteinspielung zu hören – und jede von ihnen überzeugt. Ausgewählt wurden Werke der Bach-Zeitgenossen Christoph Förster (1693 bis 1745) und Gottfried Heinrich Stölzel (1690 bis 1749) sowie Kanta- ten der nachfolgenden Generation, sie stammen von Gottfried August Homilius (1714 bis 1785) und Johann Heinrich Rolle (1716 bis 1785). Entstanden sind sie für den Gebrauch im evangelischen Gottesdienst; auch ihre Struktur ist jeweils ähnlich: Auf einen üppigen Eingangschor folgen abwechselnd Rezitative und Arien, und zum Schluss erklingt eine Choral- strophe.
Überaus prächtig beginnt die CD mit Kreuzkantor Homilius' Erhöhet die Tore der Welt, besetzt sogar mit drei Trompeten nebst Pauken – eine beeindruckende Huldigung an den kommenden Herrscher der Erden, die mit einer deutschen Nachdichtung des Te Deum endet. Die Kantate Künd- lich groß ist das gottselige Geheimnis von dem Gothaer Hofkapellmeister Gottfried Heinrich Stölzel hingegen ist für den dritten Weihnachtstag bestimmt und daher kunstvoll mit kammermusikalischen Mitteln gestaltet, sie weicht auch in ihrer Struktur vom oben beschriebenen Schema ab: Auf Rezitative wird verzichtet, dafür erklingt zwischen den beiden Arien, die das Geheimnis und seine Auswirkungen beschreiben, eine zusätzliche Choralstrophe.
Christoph Förster, zunächst Kammermusiker und Konzertmeister in Merseburg, nach dem Tode seines Dienstherrn dann ab 1743 Vize-Kapellmeister ohne feste Besoldung in Rudolstadt, setzt für seine Kantate Ehre sei Gott in der Höhe ganz auf festlichen Glanz. Pauken und Trompe- ten erklingen in den Chören, und in der zentralen Arie wetteifert der Sopran in Koloraturen mit einer konzertierenden Traversflöte.
Gleich mit zwei Kantaten vertreten ist Johann Heinrich Rolle, Musikdirek- tor in Magdeburg. Wer sich für Details der Biographien aller vier Musiker interessiert, der kann sie hier im Blog an anderer Stelle finden – am ein- fachsten übrigens durch Klicken auf den jeweiligen Namen unten bei den Labels. Einmal mehr fragt man sich beim Anhören dieser stimmungsvollen Musik, wie es sein kann, dass Rolle und sein Schaffen derart in Vergessen- heit geraten konnten. In seiner Weihnachtskantate Siehe, Finsternis bedecket das Erdreich stellt er eindrucksvoll – auch klanglich – die dunk- len Mächte der Hölle und das strahlende Licht der Gnade Gottes einander gegenüber. In Jauchze, du Tochter Zion hingegen steht der Weihnachts- jubel im Mittelpunkt. Mit dem exzellenten Vokalisten-Doppelquartett, ergänzt durch den Tenor Georg Poplutz, und den ebenfalls exquisiten Instrumentalisten der Kölner Akademie hat Willens einmal mehr die Raritätenkollektion des Labels cpo um eine wertvolle Einspielung berei- chert. Grandios!
Überaus prächtig beginnt die CD mit Kreuzkantor Homilius' Erhöhet die Tore der Welt, besetzt sogar mit drei Trompeten nebst Pauken – eine beeindruckende Huldigung an den kommenden Herrscher der Erden, die mit einer deutschen Nachdichtung des Te Deum endet. Die Kantate Künd- lich groß ist das gottselige Geheimnis von dem Gothaer Hofkapellmeister Gottfried Heinrich Stölzel hingegen ist für den dritten Weihnachtstag bestimmt und daher kunstvoll mit kammermusikalischen Mitteln gestaltet, sie weicht auch in ihrer Struktur vom oben beschriebenen Schema ab: Auf Rezitative wird verzichtet, dafür erklingt zwischen den beiden Arien, die das Geheimnis und seine Auswirkungen beschreiben, eine zusätzliche Choralstrophe.
Christoph Förster, zunächst Kammermusiker und Konzertmeister in Merseburg, nach dem Tode seines Dienstherrn dann ab 1743 Vize-Kapellmeister ohne feste Besoldung in Rudolstadt, setzt für seine Kantate Ehre sei Gott in der Höhe ganz auf festlichen Glanz. Pauken und Trompe- ten erklingen in den Chören, und in der zentralen Arie wetteifert der Sopran in Koloraturen mit einer konzertierenden Traversflöte.
Gleich mit zwei Kantaten vertreten ist Johann Heinrich Rolle, Musikdirek- tor in Magdeburg. Wer sich für Details der Biographien aller vier Musiker interessiert, der kann sie hier im Blog an anderer Stelle finden – am ein- fachsten übrigens durch Klicken auf den jeweiligen Namen unten bei den Labels. Einmal mehr fragt man sich beim Anhören dieser stimmungsvollen Musik, wie es sein kann, dass Rolle und sein Schaffen derart in Vergessen- heit geraten konnten. In seiner Weihnachtskantate Siehe, Finsternis bedecket das Erdreich stellt er eindrucksvoll – auch klanglich – die dunk- len Mächte der Hölle und das strahlende Licht der Gnade Gottes einander gegenüber. In Jauchze, du Tochter Zion hingegen steht der Weihnachts- jubel im Mittelpunkt. Mit dem exzellenten Vokalisten-Doppelquartett, ergänzt durch den Tenor Georg Poplutz, und den ebenfalls exquisiten Instrumentalisten der Kölner Akademie hat Willens einmal mehr die Raritätenkollektion des Labels cpo um eine wertvolle Einspielung berei- chert. Grandios!
Montag, 14. Dezember 2015
Bach: Magnificat (Linn)
An eine Rekonstruktion der ersten Vesper, die in der Verantwortung des neuen Thomaskantors Johann Sebastian Bach am 25. Dezember 1723 in der Leipziger Nikolaikirche gefeiert wurde, hat sich das Dunedin Consort unter John Butt gewagt. Die meisten Stücke, die nach Ansicht von Musikwissenschaftlern zu diesem Anlass erklungen sind, lässt das En- semble nun auf dieser CD erklingen. Das Orgelvorspiel Vom Himmel kam BWV 607 und die liturgischen Gesänge um Kollekte und Segen kann sich, wer das möchte, ergänzend von der Webseite des Labels herunterladen.
Im Zentrum der Vesper steht das Magnificat BWV 243a, mit allen vier weihnachtlichen Einlagesätzen und der Fuga sopra il Magnificat BWV 733 als Orgelvorspiel. Und da es sich um einen gut lutheranischen Gottesdienst handelt, erklingt auch vor der Predigt ein umfangreiches Musikstück – in diesem Falle die Weihnachtskantate Christen, ätzet diesen Tag BWV 63. Auch der Gemeindegesang nebst dem jeweiligen Orgelvorspiel wurde in die Aufnahme mit eingebunden. Das Dundedin Consort lässt gänzlich die Musik sprechen; eine Predigt beispielsweise gibt es nicht. Und schon der Beginn ist mit dem achtstimmigen Hodie Christus natus est von Giovanni Gabrieli ebenso feierlich wie prachtvoll.
Einen festlichen Gottesdienst derart mit Musik zu gestalten, das würde heutzutage wohl selbst große Gemeinden vor Probleme stellen. Diese CD ermöglicht es nun jedermann, die fromme Andacht und den musikalischen Glanz aus Bachs Tagen ins eigene Wohnzimmer zu holen. Man muss die zupackende Art, in der John Butt mit seinem Dunedin Consort die alten Werke angeht, nicht unbedingt für der Weisheit letzten Schluss halten. Aber das Magnificat habe ich, trotz der Mini-Besetzung mit fünf Solisten und fünf Ripienisten, selten so hinreißend gehört.
Im Zentrum der Vesper steht das Magnificat BWV 243a, mit allen vier weihnachtlichen Einlagesätzen und der Fuga sopra il Magnificat BWV 733 als Orgelvorspiel. Und da es sich um einen gut lutheranischen Gottesdienst handelt, erklingt auch vor der Predigt ein umfangreiches Musikstück – in diesem Falle die Weihnachtskantate Christen, ätzet diesen Tag BWV 63. Auch der Gemeindegesang nebst dem jeweiligen Orgelvorspiel wurde in die Aufnahme mit eingebunden. Das Dundedin Consort lässt gänzlich die Musik sprechen; eine Predigt beispielsweise gibt es nicht. Und schon der Beginn ist mit dem achtstimmigen Hodie Christus natus est von Giovanni Gabrieli ebenso feierlich wie prachtvoll.
Einen festlichen Gottesdienst derart mit Musik zu gestalten, das würde heutzutage wohl selbst große Gemeinden vor Probleme stellen. Diese CD ermöglicht es nun jedermann, die fromme Andacht und den musikalischen Glanz aus Bachs Tagen ins eigene Wohnzimmer zu holen. Man muss die zupackende Art, in der John Butt mit seinem Dunedin Consort die alten Werke angeht, nicht unbedingt für der Weisheit letzten Schluss halten. Aber das Magnificat habe ich, trotz der Mini-Besetzung mit fünf Solisten und fünf Ripienisten, selten so hinreißend gehört.
Montag, 22. Dezember 2014
Deutsche geistliche Barockmusik: Weihnachten (Ricercar)
Weihnachtliche Barockmusik aus Deutschland enthält diese Box. Auf sieben (!) CD bündelt Ricercar eine Serie von Aufnahmen aus den Jahren 1982 bis 2010, die seinerzeit viel Beachtung gefunden hat. Denn es handelt sich oftmals um Welterst- einspielungen, und die Raritäten werden von renommierten Solisten und Ensembles vorgetragen. Zu hören sind beispielsweise Agnès Mellon, Elisabeth Scholl und Amaryllis Dieltjens, Sopran, Henri Ledroit, Countertenor, Lothar Blum und Hans-Jörg Mammel, Tenor, Stefan Geyer, Bariton, Max van Egmond, Bass und Bernard Foccroulle an der Orgel sowie das Ricercar Consort, der Choeur de Chambre de Namur und Les Agrémens, das Ensemble La Fenice, die Capella Sancti Michaelis und die Mannheimer Hofkapelle mit dem Vokalensemble Ex Tempore.
Es erklingen zum einen Werke aus Mitteldeutschland; dort wirkten „die drei großen S“ - Schütz, Schein und Scheidt – und ihre Schüler sowie Johann Sebastian Bach, der wiederum auch durch die norddeutsche Kirchenmusik stark beeinflusst worden ist. Sie ist hier ebenfalls vertreten durch Protagonisten wie Franz Tunder, Nicolaus Bruhns, Dieterich Buxtehude oder Matthias Weckmann.
Die reichhaltigen Aufnahmen aus dem Bestand von Ricercar werden ergänzt durch eine Einspielung von Heinrich Schütz' Historia der Geburt Jesu Christi SWV 435, die bei dem Label K 617 erschienen ist. Hervorzu- heben sind zudem die Weihnachtskantaten des Darmstädter Hofkapell- meisters Christoph Graupner. Sein Werk, das neben dem seiner namhaften Zeitgenossen durchaus bestehen kann, befindet sich leider noch immer weitestgehend im Archivschlaf. Desto mehr freut man sich über jede Kantate, die wieder erklingt – und über jede Notenedition, die vorliegt.
Es erklingen zum einen Werke aus Mitteldeutschland; dort wirkten „die drei großen S“ - Schütz, Schein und Scheidt – und ihre Schüler sowie Johann Sebastian Bach, der wiederum auch durch die norddeutsche Kirchenmusik stark beeinflusst worden ist. Sie ist hier ebenfalls vertreten durch Protagonisten wie Franz Tunder, Nicolaus Bruhns, Dieterich Buxtehude oder Matthias Weckmann.
Die reichhaltigen Aufnahmen aus dem Bestand von Ricercar werden ergänzt durch eine Einspielung von Heinrich Schütz' Historia der Geburt Jesu Christi SWV 435, die bei dem Label K 617 erschienen ist. Hervorzu- heben sind zudem die Weihnachtskantaten des Darmstädter Hofkapell- meisters Christoph Graupner. Sein Werk, das neben dem seiner namhaften Zeitgenossen durchaus bestehen kann, befindet sich leider noch immer weitestgehend im Archivschlaf. Desto mehr freut man sich über jede Kantate, die wieder erklingt – und über jede Notenedition, die vorliegt.
Mittwoch, 10. Dezember 2014
Agricola: Die Hirten bei der Krippe (cpo)
Wenn die Weihnachtszeit naht, prä- sentiert das Label cpo stets Wieder- entdeckungen, die sich als Alterna- tiven zu Bachs Weihnachtsoratorium empfehlen. In diesem Jahr sind es Uns ist ein Kind geboren, Die Hirten bei der Krippe und Kündlich groß ist das gottselige Geheimnis, drei große Kantaten des Bach-Schülers Johann Friedrich Agricola (1720 bis 1774).
Agricola war der Sohn eines Gerichts- direktors aus Dobritschen im Für- stentum Altenburg. Der Knabe erhielt nicht nur Privatunterricht in den üblichen Schulfächern, sondern auch eine solide musikalische Ausbildung auf Clavier und Orgel. Während seines Studiums an der Leipziger Universität komplettierte er diese durch Unterricht bei Johann Sebastian Bach. Er musizierte unter der Leitung des Thomaskantors im Collegium musicum und gelegentlich wohl auch in der Kirche.
Im Herbst 1741 ging Agricola nach Berlin. 1751 wurde er zum Hof- komponisten ernannt, und nach Grauns Tod 1759 leitete er die Hofkapelle – ohne freilich jemals den Titel des Hofkapellmeisters zu erhalten. Ab 1755 wandte sich Agricola verstärkt der Kirchenmusik zu. Seine Werke erklangen in der Kirche St. Petri, sowie bei der Königinmutter und bei Prinzessin Anna Amalia. Im Druck ist allerdings kaum etwas davon erschienen. Erfreulicherweise sind dank der Wiedergewinnung des Noten-Archivs der Sing-Akademie zu Berlin im Jahr 2001 etliche seiner Werke nun wieder greifbar. Denn er ist im Archivbestand als Komponist, Vorbe- sitzer und Schreiber zahlreicher Quellen auszumachen.
Agricola hatte 1742 eine der Opernsängerinnen des Königs geheiratet. Für seine Frau, Benedetta Emilia Molteni, schuf er eine Vielzahl wohlklingen- der Sopranpartien – auch davon legt diese CD Zeugnis ab. Sie ist musik- historisch durchaus interessant, obwohl man bald feststellen wird, dass die Kantaten Agricolas keineswegs der ganz großen Kunst zuzurechnen sind. Solides Handwerk aber sind sie allemal. Und in dieser gelungenen Aufnahme mit den Solisten Berit Solset, Myriam Arbouz, Nicholas Mulroy und Matthias Vieweg sowie der Kölner Akademie unter Michael Alexander Willens hört man sie wirklich gern.
Agricola war der Sohn eines Gerichts- direktors aus Dobritschen im Für- stentum Altenburg. Der Knabe erhielt nicht nur Privatunterricht in den üblichen Schulfächern, sondern auch eine solide musikalische Ausbildung auf Clavier und Orgel. Während seines Studiums an der Leipziger Universität komplettierte er diese durch Unterricht bei Johann Sebastian Bach. Er musizierte unter der Leitung des Thomaskantors im Collegium musicum und gelegentlich wohl auch in der Kirche.
Im Herbst 1741 ging Agricola nach Berlin. 1751 wurde er zum Hof- komponisten ernannt, und nach Grauns Tod 1759 leitete er die Hofkapelle – ohne freilich jemals den Titel des Hofkapellmeisters zu erhalten. Ab 1755 wandte sich Agricola verstärkt der Kirchenmusik zu. Seine Werke erklangen in der Kirche St. Petri, sowie bei der Königinmutter und bei Prinzessin Anna Amalia. Im Druck ist allerdings kaum etwas davon erschienen. Erfreulicherweise sind dank der Wiedergewinnung des Noten-Archivs der Sing-Akademie zu Berlin im Jahr 2001 etliche seiner Werke nun wieder greifbar. Denn er ist im Archivbestand als Komponist, Vorbe- sitzer und Schreiber zahlreicher Quellen auszumachen.
Agricola hatte 1742 eine der Opernsängerinnen des Königs geheiratet. Für seine Frau, Benedetta Emilia Molteni, schuf er eine Vielzahl wohlklingen- der Sopranpartien – auch davon legt diese CD Zeugnis ab. Sie ist musik- historisch durchaus interessant, obwohl man bald feststellen wird, dass die Kantaten Agricolas keineswegs der ganz großen Kunst zuzurechnen sind. Solides Handwerk aber sind sie allemal. Und in dieser gelungenen Aufnahme mit den Solisten Berit Solset, Myriam Arbouz, Nicholas Mulroy und Matthias Vieweg sowie der Kölner Akademie unter Michael Alexander Willens hört man sie wirklich gern.
Dienstag, 17. Dezember 2013
Bach: Advent and Christmas Cantatas; Karl Richter (Deutsche Grammophon)
Endlich sind sie wieder erhältlich – die Bach-Kantaten, mit denen Karl Richter einst großes Aufsehen erregt hat, legt die Deutsche Grammophon nun in Form einer Box mit 26 CD dem Musikfreund unter den Tannenbaum. Die limitierte Edition umfasst den gesamten Kantatenzyklus, den Richter mit dem von ihm gegründeten Münchener Bach-Chor und -Orchester zwischen 1968 und 1976 für die Archiv-Produktion aufgenommen hat.
Eine weitere Box mit vier CD umfasst 14 Kantaten, die Bach für die Zeit vom ersten Adventssonntag bis zum Fest Mariä Reinigung geschaffen hat – und man staunt, wie glutvoll und vital diese Aufnahmen aus den 60er und 70er Jahren noch immer wirken. Exzellente Solisten, handverlesene Instrumentalisten und ein inspiriert singender Chor machen jede einzelne Kantate zu einem Hörvergnügen.
Richter war bei drei großen Kantoren in die Lehre gegangen – bei Karl Straube und Günther Ramin in Leipzig sowie bei Rudolf Mauersberger in Dresden. Das prägte seine Musizierauffassung: Richter ging es nicht um Inszenierung, sondern ausschließlich um Inhalte. Das Ensemble überzeugt daher durch eine Intensität des Ausdrucks, wie sie später kaum noch erreicht worden ist. Diese Bach-Einspielungen sind noch immer ein Erlebnis; sie werden wohl für alle Zeiten zu den Referenz- aufnahmen zählen. Grandios!
Eine weitere Box mit vier CD umfasst 14 Kantaten, die Bach für die Zeit vom ersten Adventssonntag bis zum Fest Mariä Reinigung geschaffen hat – und man staunt, wie glutvoll und vital diese Aufnahmen aus den 60er und 70er Jahren noch immer wirken. Exzellente Solisten, handverlesene Instrumentalisten und ein inspiriert singender Chor machen jede einzelne Kantate zu einem Hörvergnügen.
Richter war bei drei großen Kantoren in die Lehre gegangen – bei Karl Straube und Günther Ramin in Leipzig sowie bei Rudolf Mauersberger in Dresden. Das prägte seine Musizierauffassung: Richter ging es nicht um Inszenierung, sondern ausschließlich um Inhalte. Das Ensemble überzeugt daher durch eine Intensität des Ausdrucks, wie sie später kaum noch erreicht worden ist. Diese Bach-Einspielungen sind noch immer ein Erlebnis; sie werden wohl für alle Zeiten zu den Referenz- aufnahmen zählen. Grandios!
Sonntag, 4. Dezember 2011
Gebel: Christmas Cantatas Vol. 2 (cpo)
Über den Lebensweg des Rudol- städter Hofkapellmeisters Georg Gebel d.J. (1709 bis 1753) wurde in diesem Blog bereits im vergan- genen Jahr ausführlich berichtet, als hier die erste Veröffentlichung seiner Kantaten zur Weihnachts- zeit vorgestellt wurde. Nun sind bei cpo zwei weitere Kantaten erschienen, die Ludger Rémy mit seinem Ensemble Les Amis de Philippe und den Solisten Veronika Winter, Britta Schwarz, Gesine Ad- ler, Andreas Post und Matthias Vieweg eingespielt hat. Sie sind wahrscheinlich zu Neujahr sowie am ersten Sonntag nach Epiphanias 1748 erstmals in Rudolstadt erklun- gen.
Es sind "klassische" zweiteilige Kantaten, jeweils vor der Predigt und nach der Predigt aufzuführen, mit prächtigen Chören, Rezitativen und Arien, und überaus beredter, stimmungsvoller Musik. Sie werden durch die Musiker und Sänger um Rémy höchst ansprechend präsen- tiert.
Es ist schade, dass die Wiederentdeckung derart qualitätvoller Kom- positionen, die jahrhundertelang im Archiv verborgen lagen, nur mit Hilfe von Sponsoren möglich ist. Es ist aber sehr erfreulich, dass speziell in Thüringen das musikalische Erbe der zahlreichen kleinen Höfe, die sich in dieser Region früher befunden haben, noch immer mit großem Engagement gepflegt wird. Bravi!
Es sind "klassische" zweiteilige Kantaten, jeweils vor der Predigt und nach der Predigt aufzuführen, mit prächtigen Chören, Rezitativen und Arien, und überaus beredter, stimmungsvoller Musik. Sie werden durch die Musiker und Sänger um Rémy höchst ansprechend präsen- tiert.
Es ist schade, dass die Wiederentdeckung derart qualitätvoller Kom- positionen, die jahrhundertelang im Archiv verborgen lagen, nur mit Hilfe von Sponsoren möglich ist. Es ist aber sehr erfreulich, dass speziell in Thüringen das musikalische Erbe der zahlreichen kleinen Höfe, die sich in dieser Region früher befunden haben, noch immer mit großem Engagement gepflegt wird. Bravi!
Sonntag, 27. November 2011
Telemann: Kantaten (Querstand)
Als Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) 1721 seine Tätigkeit als Cantor Johannei und Director Musices der Stadt Hamburg auf- nahm, eilte ihm bereits ein Ruf als herausragender Komponist von Kirchenkantaten voraus. Seine ersten Motetten hatte er schon als Schulbub geschrieben. Die Legen- de berichtet, er habe sich an der Universität Leipzig tatsächlich mit ganzer Kraft der der Juristerei widmen wollen. Doch dann habe sein musikbegeisterter Zimmergenosse eine Komposition Telemanns in dessen Reisegepäck gefunden, und dafür gesorgt, dass das Werk umgehend am Sonntag in der Thomaskirche erklang. Daraufhin sei der junge Telemann durch den Bürgermeister beauftragt worden, künftig zwei Kantaten im Monat zu liefern.
In Hamburg war Telemann dann verpflichtet, zwei Kantaten wöchent- lich und dazu jährlich eine Passion zu komponieren. Er widmete sich dieser Aufgabe mit Fleiß - und publizierte bereits 1725/26 einen ersten Kantatenjahrgang. Dieses Werk hatte den Titel Harmonischer Gottes-Dienst / oder geistliche Cantaten zum allgemeinen Gebrauche / welche/ zu Beförderung so wol der Privat- Haus- als öffentlichen Kirchen-Andacht / auf die gewöhnlichen Sonn- und Fest-täglichen Episteln durchs ganze Jahr gerichtet sind, und aus einer Singe-Stimme bestehen / die entweder von einer Violine, oder Hautbois, oder Flute traverse, oder Flute a bec, nebst dem General-Basse begleitet wird; Auf eine leichte und bequeme Art also verfasset / daß nicht allein die, so zur Aufführung der Kirchen-Music gesetzet sind / und vor allen diejenigen / so sich nur weniger Gehülfen darbey zu bedienen haben / solche nützlich gebrauchen können / sondern auch denen zur geistlichen ergetzlichkeit / die ihre Haus-Andacht musica- lisch zu halten pflegen / wie nicht weniger allen / die sich im Singen / oder im Spielen auf gedachten Instrumenten üben / zur Erlangung mehrerer Fähigkeit (...). Um den Kunden, die die Kantaten direkt bei Telemann erwerben konnten, das Musizieren zu erleichtern, hat der Komponist seinen Werken zudem ein umfangreiches Vorwort mit Hinweisen zur Aufführungspraxis beigefügt.
Mit dem Harmonischen Gottesdienst traf Telemann wohl ein Bedürf- nis seiner Zeitgenossen; die 72 Kantaten fanden offenbar regen Ab- satz, denn selbst heute sind noch zahlreiche Exemplare davon aufzu- finden. Das Ensemble La Gioconda - Margot Oitzinger, Gesang, Lucia Froihofer, Violine, Barbara Julia Reiter, Violoncello, und Anne Marie Dragosits, Cembalo und Claviorganum, für diese Einspielung zudem verstärkt durch Maria Mittermayr-Pitzl , Traversflöte - hat sechs dieser Kantaten ausgewählt, die für den Zeitraum zwischen dem ersten Advent und dem Dreikönigstag vorgesehen sind, und diese für das Altenburger Label Querstand eingespielt.
Telemanns Werke, so stellt sich bald heraus, sind aber weder "unkom- pliziert", noch musikalische Meterware. "Überraschend bei diesen Kantaten ist, dass sowohl Musik als auch Text ganz und gar nicht in unser traditionell besinnliches Bild von Advent und Weihnachten passen", merkt Sängerin Margot Oitzinger an. "Die Texte sind aufrüt- telnd und humorvoll, die Musik ist dementsprechend temperament- voll und lebendig." Und die exzellenten jungen österreichischen Musikerinnen haben hörbar ihr Vergnügen daran. Der Zuhörer auch, der sich hier auf eine CD freuen kann, die so ganz anders klingt als die üblichen Standardaufnahmen für die Vorweihnachtszeit. Kaufhaus- kompatibel ist diese hier nicht - und das ist auch gut so!
In Hamburg war Telemann dann verpflichtet, zwei Kantaten wöchent- lich und dazu jährlich eine Passion zu komponieren. Er widmete sich dieser Aufgabe mit Fleiß - und publizierte bereits 1725/26 einen ersten Kantatenjahrgang. Dieses Werk hatte den Titel Harmonischer Gottes-Dienst / oder geistliche Cantaten zum allgemeinen Gebrauche / welche/ zu Beförderung so wol der Privat- Haus- als öffentlichen Kirchen-Andacht / auf die gewöhnlichen Sonn- und Fest-täglichen Episteln durchs ganze Jahr gerichtet sind, und aus einer Singe-Stimme bestehen / die entweder von einer Violine, oder Hautbois, oder Flute traverse, oder Flute a bec, nebst dem General-Basse begleitet wird; Auf eine leichte und bequeme Art also verfasset / daß nicht allein die, so zur Aufführung der Kirchen-Music gesetzet sind / und vor allen diejenigen / so sich nur weniger Gehülfen darbey zu bedienen haben / solche nützlich gebrauchen können / sondern auch denen zur geistlichen ergetzlichkeit / die ihre Haus-Andacht musica- lisch zu halten pflegen / wie nicht weniger allen / die sich im Singen / oder im Spielen auf gedachten Instrumenten üben / zur Erlangung mehrerer Fähigkeit (...). Um den Kunden, die die Kantaten direkt bei Telemann erwerben konnten, das Musizieren zu erleichtern, hat der Komponist seinen Werken zudem ein umfangreiches Vorwort mit Hinweisen zur Aufführungspraxis beigefügt.
Mit dem Harmonischen Gottesdienst traf Telemann wohl ein Bedürf- nis seiner Zeitgenossen; die 72 Kantaten fanden offenbar regen Ab- satz, denn selbst heute sind noch zahlreiche Exemplare davon aufzu- finden. Das Ensemble La Gioconda - Margot Oitzinger, Gesang, Lucia Froihofer, Violine, Barbara Julia Reiter, Violoncello, und Anne Marie Dragosits, Cembalo und Claviorganum, für diese Einspielung zudem verstärkt durch Maria Mittermayr-Pitzl , Traversflöte - hat sechs dieser Kantaten ausgewählt, die für den Zeitraum zwischen dem ersten Advent und dem Dreikönigstag vorgesehen sind, und diese für das Altenburger Label Querstand eingespielt.
Telemanns Werke, so stellt sich bald heraus, sind aber weder "unkom- pliziert", noch musikalische Meterware. "Überraschend bei diesen Kantaten ist, dass sowohl Musik als auch Text ganz und gar nicht in unser traditionell besinnliches Bild von Advent und Weihnachten passen", merkt Sängerin Margot Oitzinger an. "Die Texte sind aufrüt- telnd und humorvoll, die Musik ist dementsprechend temperament- voll und lebendig." Und die exzellenten jungen österreichischen Musikerinnen haben hörbar ihr Vergnügen daran. Der Zuhörer auch, der sich hier auf eine CD freuen kann, die so ganz anders klingt als die üblichen Standardaufnahmen für die Vorweihnachtszeit. Kaufhaus- kompatibel ist diese hier nicht - und das ist auch gut so!
Samstag, 18. Dezember 2010
Georg Gebel d.J.: Christmas Cantatas Vol. 1 (cpo)
Georg Gebel d.J., geboren 1709, wurde von seinem Vater, dem Breslauer Organisten Georg Gebel d.Ä., schon in frühestem Alter im Spiel von Tasteninstrumenten und im Komponieren unterwiesen. Der Knabe hatte Talent - und wurde ähnlich wie Mozart als Wunderkind vorgeführt. Gebel senior legte allerdings auch größten Wert auf eine solide schulische Ausbildung seines Sohnes, und schickte ihn anstatt auf Konzertreisen ans Gymnasium.
Nach einer ersten Anstellung als Kapellmeister in Oels wurde Gebel 1735 für die Privatkapelle des sächsischen Premierministers Heinrich Graf von Brühl engagiert. Dort wirkte er bis 1746 als Komponist und Cembalist. Dann ging er nach Rudolstadt, wo er zunächst Konzert- meister und 1750 schließlich Kapellmeister wurde. Bei Hofe war seine Arbeit geachtet und derart gefragt, dass der fleißige Gebel sich buch- stäblich zu Tode komponierte. Er starb 1753, trotz Kur und aller Fürsorge der Herrschaft, infolge eines Burn-out-Syndroms, wie man heute sagen würde - noch keine 44 Jahre alt.
Neben zwei nahezu komplett erhaltenen Kirchenkantaten-Jahrgängen von 1747/48 und 1750/51 und zwei Passionsmusiken soll Gebel zwölf Opern, mehr als hundert Sinfonien und Partiten sowie Cembalo- konzerte komponiert haben. Überliefert sind 144 Kirchenkantaten, ein Weihnachts- und ein Neujahrsoratorium sowie die Johannes-Passion; sie befinden sich im Musikalienbestand Hofkapelle Rudol- stadt des Thüringischen Staatsarchivs Rudolstadt auf Schloss Heidecksburg.
Die Wiederentdeckung dieses Werkes begann 2004 mit der Einspie- lung der Oratorien, die als Sensation gefeiert wurden. Ludger Rémy stellt nun mit seinem Ensemble Les Amis de Philippe zwei Kantaten Gebels vor. Es sind "große", zweiteilige Werke, geschrieben für den Gottesdienst am zweiten Weihnachtsfeiertag und am Sonntag nach Weihnachten 1747. Von Weihnachtsstimmung ist darin allerdings keine Spur - die Kantaten nehmen Bezug auf den gesteinigten Märtyrer Stephanus, dessen Gedenktag der 26. Dezember ist, und auf Galater 3, verkündend in musikalisch kühner Weise die Befreiung vom Gesetz Mose durch Christus. Man hört und staunt, und wundert sich, dass solch eine Handschrift in Vergessenheit geraten konnte.
Es singen Veronika Winter, Sopran, Britta Schwarz, Alt, Andreas Post, Tenor und Matthias Vieweg, Bass, verstärkt in den Chören durch Cantus Wettinianus Dresden - Anna Moritz, Sopran, Inga Phillipp, Alt, Jörg Mall, Tenor und Falk Joost, Bass. Musiziert wird historisch fundiert sowie mit großem Engagement. Das Ergebnis ist sensationell - eine Entdeckung, der hoffentlich weitere folgen werden.
Sonntag, 12. Dezember 2010
Graupner: Frohlocke, werte Christenheit (cpo)
In Darmstadt war es in der Ad- ventszeit 1727 "nebelig und kalt", schrieb Hofkapellmeister Christoph Graupner (1683 bis 1760) seinerzeit in einem Brief. Vize-Hofkapellmeister Gottfried Grünewald war seit längerem erkrankt. Das war ein Problem, denn Grünewald war zugleich der einzige Vokal-Bassist der Hof- kapelle.
So musste Graupner nicht nur sämtliche Werke für die Feiertage alleine liefern und die Auffüh- rungen leiten. Er musste sich außerdem etwas einfallen lassen, um das Fehlen des Sängers zu kompensieren: Wie bringt man einen Chor zum Klingen, ohne Bass? Am zweiten Feiertag aber feierte obendrein sein Dienstherr, Landgraf Ernst Ludwig, Geburtstag, so dass die Kirchen- kantate an diesem Tage besonders prächtig auszufallen hatte.
Graupner löste das Problem, indem er Weihnachtskantaten kompo- nierte, die mit der in der Tat sehr ungewöhnlichen Besetzung Sopran - Alt - Tenor auskommen - und trotzdem so gut klingen, dass man längere Zeit fasziniert lauscht, bevor man bemerkt, dass diesem Ensemble eigentlich die tiefste Stimme fehlt. Eines dieser kuriosen Werke, die Kantate Von Gott will ich nicht lassen, erklingt auf dieser CD - wobei allerdings im Choral dann doch ein Bassist mitsingt; wer damals diese Partie übernommen hat, das wird wohl ein Geheimnis bleiben.
Die vier anderen Weihnachtskantaten Graupners, die für diese CD ausgewählt wurden, sind durchweg nach 1740 entstanden. Sie zeigen den Darmstädter Hofkapellmeister als überaus versierten Musiker, der auf Pauken und Trompeten verzichten kann - und mit Eleganz und Virtuosität überzeugt.
Das gilt auch für die Musiker, die auf dieser CD zu hören sind: Veronika Winter, Sopran, Franz Vitzthum, Alt, Jan Kobow, Tenor und Markus Flaig, Bass ergeben ein überaus stimmiges Ensemble, das gemeinsam mit dem etablierten Barockorchester Das Kleine Konzert unter Hermann Max durch engagiertes Musizieren und präzise Klangrede begeistert. Bravi!
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