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Sonntag, 5. Juli 2020

Versailles - Alexandre Tharaud (Erato)

„Ces compositeurs baroques ont posé les bases de la musique française: impossible d’interpréter Saint-Saëns, Debussy ou Ravel en les dissociant de Couperin et Rameau”, meint Alexandre Tharaud. Er schätzt die Werke jener Väter der französischen Musik sehr, und er spielt sie auch gern – ungeachtet aller Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben, dass diese Werke zumeist für das Cembalo komponiert worden sind, mit vollkommen anderen technischen und auch klanglichen Möglichkeiten. 
Auf dieser CD lädt er uns ein, Musik zu erleben, die einst im Schloss Versailles erklungen ist. Das Programm reicht von Jean-Baptiste Lully, der dem Hof des Sonnenkönigs zu klanglicher Pracht verhalf, über Meister wie Jean-Henry d'Anglebert, Jean-Philippe Rameau, François Couperin oder Jacques Duphly bis hin zu Claude Balbastre, der erst nach der französischen Revolution starb. Und es stellt musikalische Formen vor, die damals sehr beliebt waren – von diversen Tänzen über die Variation bis hin zum Rondo. Tharaud zeigt, neben all dem musikalischen Prunk, der die Könige umglänzte, auch frühe Beispiele für Programmmusik – Le Rappel des oiseaux beispielsweise von Rameau, La Marche des Scythes von Joseph-Nicolas-Pancrace Royer oder aber Les Ombres errantes von Couperin machen die jeweilige Szene geradezu plastisch deutlich. 
Musiziert wird am modernen Konzertflügel, dessen klangliche Möglichkeiten der Pianist auch voll nutzt. Diese CD ist kein Versuch, historische Klangbilder zu rekonstruieren: Alexandre Tharaud spielt die barocke Musik aus der Perspektive der Moderne. So, wie er das macht, ist das aber interessant – wirklich sehr hörenswert. 


Montag, 16. Juli 2018

French Sonatas for Harpsichord and Violin (Audax)

Mit dieser Aufnahme laden Philippe Grisvard und Johannes Pramsohler ein, sie auf einer Reise in die Musikgeschichte zu begleiten. Sie führt nach Frankreich, wo im Jahre 1740 der Geiger Jean-Joseph Cassanéa de Mondonville (1711 bis 1772), königlicher Konzertmeister, eine Innovation vorstellte, die nicht nur Musiker überraschte: In seinen Pièces de clavecin en sonates avec accompagnement de violon op. 4 macht er das Cembalo vom Continuo-Instrument zum Solisten; es erklingt nicht mehr als Begleiter, sondern als Partner der Violine. 
Zum ersten Male hatte Johann Sebastian Bach dieses Modell gewählt; schon vor 1725 entstanden die Sei Suonate à Cembalo certato è Violino Solo – dass diese Sonaten in Abschriften bis nach Frankreich gelangt sind, erscheint allerdings nicht sehr wahrscheinlich. 
Vermutlich lag es einfach nahe, diese Möglichkeit des Musizierens auszuprobieren; sie ist der Triosonate verwandt, wobei die Violine und die rechte Hand der Cembalostimme konzertieren, während die linke Hand dazu den Bass spielt. Jean-Joseph Cassanéa de Mondonville scheint ohnehin recht experimentierfreudig gewesen zu sein, denn er setzt ganz auf italienische Vorbilder, was in Frankreich lange verpönt war. Aber letztendlich begeisterten die Konzerte von Corelli und Vivaldi auch das Pariser Publikum. 
Mit seinem kühnen Wurf beeindruckte der Violinvirtuose die Zuhörer ebenso wie seine Kollegen. Pramsohler und Grisvard zeigen mit ihrer Einspielung, wie Zeitgenossen sich von dem neuen Modell inspirieren ließen und wie sie es weiterentwickelt haben. Auf ihrer Doppel-CD präsentieren sie zahlreiche Werke, die in Vergessenheit geraten waren, und daher oftmals in Weltersteinspielungen erklingen. 
Zu hören ist anspruchsvolle Musik von Claude Balbastre (1724 bis 1799), Charles-François Clément (um 1720 bis 1782), Michel Corette (1707 bis 1795), Jacques Duphly (1715 bis 1789), Louis-Gabriel Guillemain (1705 bis 1770) und Luc Marchand (1709 bis 1799). Sie alle finden ihre eigenen Wege, Violine und Cembalo attraktiv miteinander zu kombinieren. 
Philippe Grisvard und Johannes Pramsohler zünden ein prächtiges Klangfeuerwerk, das mit einer Vielzahl unterschiedlicher Farben und Effekte begeistert. Sowohl der Cembalist als auch der Geiger sind Virtuosen, und sie musizieren mit Leidenschaft und bestens aufeinander abgestimmt. 

Dienstag, 17. Mai 2016

French Harpsichord Music (Brilliant Classics)

Eine umfangreiche CD-Box mit französischer Cembalomusik des
17. und 18. Jahrhunderts hat jüngst Brilliant Classics vorgelegt. 29 CD laden dazu ein, die Entstehung eines eigenständigen französischen Stils nachzuvollziehen. Diese Entwicklung ist untrennbar verbunden mit dem französischen Hof und seiner höfischen Ästhetik. 

Musikunterricht gehörte damals unbedingt zur Ausbildung junger Aristokraten: Der Adel ließ nicht nur musizieren; er tanzte und musizierte auch selbst. Die Musik wurde wie kaum eine andere Kunst zum Medium der französischen Herrscher, denn sie bot ideale Möglichkeiten zur Selbstinszenierung. Begonnen hat damit wohl Ludwig XIII.; Jacques Champion de Chambonnières (um 1600 bis 1672), der als Vater der französischen Cembalomusik gilt, gehörte als Cembalist der Chambre du roi und als Tänzer dem innersten Zirkel des Regenten an. Seine Kompositionen gehören zu den frühesten Werken in der Kollektion French Harpsichord Music
Vollendet wurde diese Entwicklung durch Ludwig IV., den Sonnenkönig. Künste und Wissenschaften betrachtete er als wesentliche Instrumente seiner Herrschaft. Deshalb förderte er sie mit Nachdruck. Und er festigte seine Macht nicht zuletzt durch grandiose höfische Feste, die ihn zum Vorbild für den gesamten europäischen Adel werden ließen. Die Musik jener Zeit vereint Pracht und Anmut, verspielte Eleganz und tänzerische Leichtigkeit. 
Die Box enthält das Gesamtwerk für Cembalo von Jean-Henri d’Anglebert (1629 bis 1691), dazu Kompositionen von Gaspard Le Roux (um 1660 bis 1707), Louis-Nicolas Clérambault (1676 bis 1749) und Louis Marchand (1669 bis 1732), die kompletten Pièces de clavecin von François Couperin (1668 bis 1733), einen Querschnitt aus den Werken von Antoine Forqueray (1672 bis 1745) und Jean-Baptiste Forqueray (1699 bis 1782), Vater und Sohn, das Gesamtwerk für Cembalo von Jean-Philippe Rameau (1683 bis 1764) und Joseph-Nicolas-Pancrace Royer (um 1705 bis 1755) sowie die Livres de pièces de clavecin von Jacques Duphly (1715 bis 1789). 
Damit umspannt die Box gut 120 Jahre französische Cembalomusik. Sie erscheint wie das Echo des Absolutismus in Frankreich; ihre Blütezeit endet mit dem Sturm auf die Bastille und der Revolution. An der Schwelle dieses Zeitalters wäre noch Claude Balbastre (1724 bis 1799) zu verorten; er wirkte zunächst als Organist und Cembalist bei Hofe, musste dann aber sehen, wie er weiterhin sein Brot verdiente. Und so wirkte er als Organist an Notre-Dame, von den Revolutionären zum Tempel der Wahrheit erklärt, und komponierte Fantasien über die neuen Hymnen und Variationen über die Marseillaise. Von ihm sind meines Wissens ebenfalls zwei Bände mit Cembalomusik überliefert; sie sind in dieser Box allerdings nicht enthalten. Vermissen könnte man eventuell noch die Werke von Louis Couperin (um 1621 bis 1661), dem Onkel von François Couperin. 
Ansonsten erscheint die Sammlung ziemlich vollständig. Das ist kein Zufall; Brilliant Classics hat in den letzten Jahren eine ganze Reihe bedeutender Neuaufnahmen französischer Cembalomusik vorgelegt. Die Einzelveröffentlichungen, darunter zahlreiche Weltersteinspielungen, wurden nun noch einmal in dieser Kollektion zusammengefasst. Das lohnt sich. Denn die zwischen 2005 und 2015 entstandenen Aufnahmen wurden von einigen der derzeit besten Cembalisten wie Pieter-Jan Belder, Fran- cesco Cera und Michael Borgstede eingespielt. Zu hören sind außerdem exzellente Nachwuchsmusiker wie Yago Mahúgo und Franz Silvestri – und natürlich auch die derzeit klangschönsten Nachbauten historischer Instru- mente.