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Montag, 29. Juni 2020

Tartini: Sonatas for Solo Violin (Dynamic)

Mit dieser 3-CD-Box komplettiert Črtomir Šiškovič seine Einspielung der Sonaten von Giuseppe Tartini (1692 bis 1770) für Solo-Violine. Dabei orientiert er sich an einem Manuskript mit einunddreißig undatierten Kompositionen, das sich heute im Archiv der Veneranda Arca del Santo in Padua befindet. 
Sie sind vermutlich zwischen 1745 und 1750 entstanden; etliche davon sind in verschiedenen Abschriften überliefert. Šiškovič hat diese Varianten sorgsam studiert und jeweils diejenige ausgewählt, die er als die beste ansieht. 
Auch diese Einspielung des Tartini-Spezialisten erfreut, weil sie jede Menge musikalische Überraschungen bietet – und weil Šiškovič phantastisch musiziert. Bei Tartini gibt es keine endlosen Sequenzen, mit vorhersehbarem Finale, keine vordergründige Virtuosität und keine Wendungen, die sich beständig wiederholen. Jedes Stück ist anders, und es gibt viel zu entdecken. Gewiss, drei CD sind mehr als zweieinhalb Stunden Geige pur. Doch ich habe jede einzelne Minute genossen.

Montag, 16. Juli 2018

French Sonatas for Harpsichord and Violin (Audax)

Mit dieser Aufnahme laden Philippe Grisvard und Johannes Pramsohler ein, sie auf einer Reise in die Musikgeschichte zu begleiten. Sie führt nach Frankreich, wo im Jahre 1740 der Geiger Jean-Joseph Cassanéa de Mondonville (1711 bis 1772), königlicher Konzertmeister, eine Innovation vorstellte, die nicht nur Musiker überraschte: In seinen Pièces de clavecin en sonates avec accompagnement de violon op. 4 macht er das Cembalo vom Continuo-Instrument zum Solisten; es erklingt nicht mehr als Begleiter, sondern als Partner der Violine. 
Zum ersten Male hatte Johann Sebastian Bach dieses Modell gewählt; schon vor 1725 entstanden die Sei Suonate à Cembalo certato è Violino Solo – dass diese Sonaten in Abschriften bis nach Frankreich gelangt sind, erscheint allerdings nicht sehr wahrscheinlich. 
Vermutlich lag es einfach nahe, diese Möglichkeit des Musizierens auszuprobieren; sie ist der Triosonate verwandt, wobei die Violine und die rechte Hand der Cembalostimme konzertieren, während die linke Hand dazu den Bass spielt. Jean-Joseph Cassanéa de Mondonville scheint ohnehin recht experimentierfreudig gewesen zu sein, denn er setzt ganz auf italienische Vorbilder, was in Frankreich lange verpönt war. Aber letztendlich begeisterten die Konzerte von Corelli und Vivaldi auch das Pariser Publikum. 
Mit seinem kühnen Wurf beeindruckte der Violinvirtuose die Zuhörer ebenso wie seine Kollegen. Pramsohler und Grisvard zeigen mit ihrer Einspielung, wie Zeitgenossen sich von dem neuen Modell inspirieren ließen und wie sie es weiterentwickelt haben. Auf ihrer Doppel-CD präsentieren sie zahlreiche Werke, die in Vergessenheit geraten waren, und daher oftmals in Weltersteinspielungen erklingen. 
Zu hören ist anspruchsvolle Musik von Claude Balbastre (1724 bis 1799), Charles-François Clément (um 1720 bis 1782), Michel Corette (1707 bis 1795), Jacques Duphly (1715 bis 1789), Louis-Gabriel Guillemain (1705 bis 1770) und Luc Marchand (1709 bis 1799). Sie alle finden ihre eigenen Wege, Violine und Cembalo attraktiv miteinander zu kombinieren. 
Philippe Grisvard und Johannes Pramsohler zünden ein prächtiges Klangfeuerwerk, das mit einer Vielzahl unterschiedlicher Farben und Effekte begeistert. Sowohl der Cembalist als auch der Geiger sind Virtuosen, und sie musizieren mit Leidenschaft und bestens aufeinander abgestimmt. 

Montag, 23. April 2018

Emotions (MDG)

Emotions, Gefühle, nannten Alexandra Troussova und Kirill Troussov ihre jüngste CD. Die Geschwister, die sich dem Klavier und der Geige verschrieben haben, offenbaren mit dieser Entscheidung erneut eine Vorliebe für intelligent gestaltete Konzeptalben. Denn schon ihr Debüt bei Dabringhaus und Grimm, mit dem Titel Memories, überraschte mit höchst sachkundiger Musikauswahl – und mit exzellenter musikalischer Qualität. 
Das gilt ohne Einschränkungen auch für Emotions. Auf dieser CD haben die beiden Musiker um die Violinsonate von César Franck und die Sonate für Violine und Klavier in G-Dur von Maurice Ravel noch drei kleinere Werke gruppiert, die aber keineswegs unbedeutend sind. Schon die beiden Stücke zu Beginn, Mélancolie und Andantino quietoso op. 6, machen deut- lich, dass der Organist Franck in seiner Kammermusik nicht nur techni- sche Brillanz, sondern in erster Linie auch die Gabe fordert, wunderbare Melodien ansprechend in Szene zu setzen. 
Die beiden Musiker bescheren dem Zuhörer so manchen Gänsehaut-Moment. Selbst bei größter dramatischer Intensität gelingt es den Troussovs, transparent und klar strukturiert zu spielen. Die Geschwister musizieren schon seit ihrer Kindheit gemeinsam. Sie haben dabei einen Grad an Vertrautheit erreicht, der ihnen unglaubliche agogische Freiheiten ermöglicht – für die Interpretation romantischer Musik ist das ein großes Plus. 
Man höre nur den zweiten Satz von Ravels Sonate, mit dem Titel Blues. Er klingt tatsächlich wie improvisiert. Und die populäre Tzigane wird bei diesem Duo von rasantem Virtuosenfutter zu allerbester, ausdrucks- starker Kammermusik. Vom ersten bis zum letzten Ton überzeugt diese Einspielung mit unerhörtem Farbenreichtum. Da kann man nur staunen – und die hervorragende Aufnahme macht auch das Timbre von Troussovs Brodsky-Stradivari, auf der seinerzeit Tschaikowskis Violinkonzert erstmals gespielt worden ist, und den Klang des legendären Steinway-Konzertflügels „Manfred Bürki“ erlebbar. Rundum erstklassig, unbedingt zu empfehlen! 

Mittwoch, 14. März 2018

Jacquet de La Guerre: Violin Sonatas (Pan Classics)

Italienisches Temperament und französische Eleganz vereinen die Violinsonaten von Élisabeth-Claude Jacquet de La Guerre (1665 bis 1729). Die Musikerin war die Tochter eines Organisten; sie spielte bereits als Fünfjährige vor dem Sonnenkönig Ludwig XIV., und wurde von diesem sowie von seiner Mätresse Madame de Montespan finanziell unterstützt und in ihrem Schaffen gefördert. 
1684 heiratete Élisabeth Jacquet den Organisten Marin de La Guerre. Sie galt als beste Cembalistin, Organistin und Komponistin ihrer Zeit, „la première musicienne du monde“, wie Zeitgenossen begeistert schrieben; der Mercure galant nannte sie „la merveille de nostre Siecle“
Die spanische Barockgeigerin Lina Tur Bonet hat die Violinsonaten der französischen Musikerin erkundet – und zeigt sich begeistert: „Deseo así rendir tributo a esta nueva Jacquet de La Guerre que reaparece con madurez, reflexión y sabiduría, regalándonos a los violinistas una de las más exquisitas y aún poco conocidas páginas que nuestro repertorio, ya de por sí tan extenso y magnífico, posee.“ Gemeinsam mit dem Gambisten Patxi Montero und mit dem Cembalisten Kenneth Weiss stellt die Geigerin auf dieser CD die sechs Sonaten vor, die Jacquet de La Guerre 1707 veröffentlicht hat – und die mitunter erstaunlich modern wirken. 
Das liegt ganz sicher mit daran, dass sich die Komponistin um Konventio- nen wenig geschert hat. So sind diese Sonaten reich an originellen harmo- nischen Wendungen, kühner Chromatik und eigenwilligen Melodien. Faszinierend! 

Sonntag, 3. September 2017

Mozart - Beethoven - Brahms: Violinsonaten (Eloquence)

Diese frühe Aufnahme mit Sir Georg Solti präsentiert ihn nicht als Dirigenten, sondern als Pianisten – gemeinsam mit dem Geiger Georg Kulenkampff. 
Im Februar 1947 spielten die beiden Musiker die G-Dur-Sonate op. 78 von Johannes Brahms ein, im Juni 1947 folgte Ludwig van Beethovens Kreutzer-Sonate. Im Juli 1948 folgten dann die Sonate für Klavier und Violine KV 454 von Wolfgang Amadeus Mozart, und die beiden Brahms-Violinsonaten op. 100 und 108. 
Leider endete die Zusammenarbeit damit, denn Kulenkampff starb noch im selben Jahr, mit gerade einmal 50 Jahren. Die alten Aufnahmen, sorgfältig remastert, sind nun bei Eloquence auf einer Doppel-CD wieder erschienen. Sie anzuhören, das lohnt sich durchaus. Denn zum einen kann man dabei einen hervorragenden Geiger erleben. 
Zum anderen begeistert Solti als ausgesprochen versierter Klavierpartner. Er begleitet diskret, aber nie defensiv. Der Pianist ist stets präsent, doch er musiziert auch in solistischen Passagen oder bei quasi orchestralem Klaviersatz elegant, in nobler Zurückhaltung. Sehr beeindruckend! 

Mittwoch, 31. Mai 2017

Telemann: 6 Violin Sonatas (Brilliant Classics)

Barockviolinist Valerio Losito und Cembalist Federico Del Sordo widmen sich auf dieser CD den überraschend selten aufgenommenen Violin- sonaten TWV 41. Dass Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) als seine Opera prima einst Violinsonaten veröffentlichte, ist kein Zufall. Der Komponist spielte dieses Instrument selbst; in Eisenach war er als Konzertmeister angestellt.
Die Six Sonates à violon seul accompagné par le clavessin, erschienen 1715 in Frankfurt, widmete Telemann Johann Ernst IV. von Sachsen-Weimar. Der Herzog war musikalisch sehr begabt; er starb 1715, nicht einmal 20 Jahre alt, an einem Krebsleiden.
Obwohl Telemann die französische Musik sowohl in Sorau als auch in Eisenach ausgiebig studieren konnte, täuschen in diesem Falle Titel und Widmung: Diese Sonaten folgen in weiten Teilen eher dem italienischen Vorbild. Weniger Lully oder Charpentier, als vielmehr Corelli, Tartini und Vivaldi haben diese Werke geprägt. Dabei geht Telemann aber letztendlich eigene Wege: „For Telemann's six sonatas are the fruit of absolute genius, not only as regards harmony and melody, but above all on account of the composer's deep knowledge of violin technique and potential“, schreibt Valerio Losito. „Together these pieces constituted a magnificent anthology of evrey genre and kind of music ever attributed to the violin. Even for us today, study and performance of these sonatas has opened up new horizons. Telemann has the ability to urge musicians to delve deeper into their imaginations and musical perceptions.“
Der Geiger schwärmt von der Wunderkammer, die sich in diesen Stücken auftut. Mit Schwung und hinreißender Spielfreude haben Valerio Losito und Federico Del Sordo Telemanns vielfältige musikalische Ideen erkundet – selbstverständlich auf historisch-authentischem Instrumentarium. 

Sonntag, 28. August 2016

Music in Dresden in the times of Augustus II the Strong (Dux)

Zur Zeit Augusts des Starken war Dresden eine Kunstmetropole von europäischem Rang. In der Musik profitierte der Hof von Anregungen aus Italien und Frankreich sowie aus Böhmen, der Heimat etlicher Musi- ker, und natürlich aus der reichen deutschen Tradition. 
Während August der Starke in seiner Jugend mehrfach zu Gast am französischen Hof war, verbrachte sein Sohn Friedrich August II. mehr Zeit in Italien als in Fontainebleau. In seinem Gefolge reisten auch Musiker, unter anderem Johann Georg Pisendel, der spätere Konzertmeister der sächsischen Hofkapelle. Er nutzte seinen Aufenthalt in Venedig, Rom und Neapel nicht zuletzt, um bedeutende Musiker kennenzulernen und eine Vielzahl von Werken zu kopieren. 
Seine Sammlung, die etwa 1800 Werke umfasste, befindet sich heute im Bestand „Schranck No: II.“ der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek in Dresden. Aus dieser Kollektion haben Martyna Pastuszka, Violine, Krzysztof Firlus, Viola da gamba, und Marcin Świątkiewicz, Cembalo, einige kostbare Raritäten ausgewählt und bei dem polnischen Label Dux eingespielt. Dabei handelt es sich durchweg um Violinsonaten, und zwar von Antonio Vivaldi, Johann David Heinichen, Felippo Benna, Francesco Maria Veracini und, möglicherweise, denn wirklich sicher ist diese Zuschreibung nicht, von Johann Friedrich Schreyfogel. Viel mehr als der Name ist über diesen Komponisten nicht bekannt. Martyna Pastuszka vermutet, dass er ein Geiger war. Aber diese Musik hat in der Tat Qualität, und auch wenn es sicherlich viel Arbeit macht, sich mit den nur skizzenhaft überlieferten Sonaten auseinander- zusetzen – es hat sich gelohnt. Man darf gespannt darauf sein, welche Schätze aus Schranck No: II. in Zukunft zu hören sein werden; sehr vieles ist bislang noch gar nicht ediert. 

Donnerstag, 11. August 2016

Vivaldi: Complete Concertos & Sonatas Opp. 1-12 (Brilliant Classics)

Zwölf seiner Werke hat Antonio Vivaldi (1678 bis 1741) zu Lebzeiten drucken lassen – Konzerte, Sonaten und Triosonaten für Violine, Oboe und Flöte. Es sind berühmte Sammlungen darunter: Il Cimento dell'Armonia e dell'Inventione mit den bekannten Vier Jahreszeiten, L'Estro Armonico, La Stravaganza und La Cetra. Diese Notenausgaben waren sehr gefragt und weit verbreitet; sie bewirkten, dass Vivaldis Musik in ganz Europa große Beachtung fand. 
Federico Guglielmo hat mit seinem Ensemble L'Arte dell'Arco zwischen 2010 und 2014 diese Werke Vivaldis komplett neu eingespielt. An diesem Projekt beteiligt waren zudem der Cellist Francesco Galligioni, der Oboist Pier Luigi Fabretti und der Flötist Mario Folena. Musiziert wird historisch-informiert, aber ohne Manieris- men; zwar sind die Tempi zumeist flott und die Artikulation ist energisch und pointiert, doch es wird nicht übertrieben, und am olympischen Wettstreit mit dem Ziel schneller-krasser-individueller beteiligt sich Guglielmo erfreulicherweise nicht. Den Musikern war es vielmehr wichtig, einen homogenen Klangeindruck zu erzielen. 
Das Ergebnis ist eine grundsolide, zeitlos gültige Interpretation, die dennoch nicht langweilig wird. Als Notenmaterial nutzten die Musiker ausschließlich die neuesten kritischen Ausgaben des Istituto Italiano Antonio Vivaldi der Fondazione Giorgio Cini in Venedig; einige Varianten sind hier daher in Ersteinspielung zu hören. Im Beiheft finden sich ausführliche Erläuterungen von Federico Guglielmo zu den einzelnen Werken. Die Box mit immerhin 20 (!) CD enthält als Bonus sechs Cello-Sonaten Vivaldis, die 1740 ohne Opuszahl in Paris veröffentlicht worden sind. 

Samstag, 2. Juli 2016

Tartini's Violin (Dynamic)

Auf Tartinis Violine musiziert Črtomir Šiškovič, begleitet von Luca Ferrini an Cembalo und Orgel. Das ist keine geringe Ehre: Giuseppe Tartini (1692 bis 1770) gehört zu den großen Violinvirtuosen; mehr noch als seine Werke prägte aber sein Wirken als Musikpädagoge Generationen von Instrumentalisten. 1728 gründete er in Padua seine Geigenschule. Dort unterrichtete er Studenten aus ganz Europa – was Tartini den Beinamen „il maestro delle nazioni“ eintrug. 
Über die Biographie des Musikers wurde in diesem Blog bereits an anderer Stelle berichtet. Er stammt aus Piran, im äußersten Südwesten Sloweniens; sein Geburtshaus ist heute ein Kulturzentrum. Dort gibt es auch einen Tartini-Raum mit Gegenständen, die an den Musiker erinnern. Zu sehen sind unter anderem ein Porträt, Linienzieher und Totenmaske des Musikers, diverse Handschriften und Dokumente – und vor allem Tartinis Geige. 
Črtomir Šiškovič, geboren ganz in der Nähe im italienischen Triest, hat bei Dynamic bereits Sonaten Tartinis für Violine solo sowie eine CD mit Werken der Schüler des maestros veröffentlicht. Auf Tartinis Geige spielt er vier bekannte Sonaten seines berühmten Kollegen: Die Sonate in g-Moll op. 1 Nr. 10 „Didone abbandonata“, die Teufelstrillersonate, die Sonate in A-Dur „Pastorale“ und die Sonate in B-Dur „Staggion bella“. Šiškovič und Ferrini musizieren exzellent, und auch der Klang von Tartinis Geige beeindruckt. Das ist nicht selbstverständlich, denn Instrumente, die nur in der Vitrine (oder aber im Tresor) liegen, lassen sich teilweise überhaupt nicht mehr spielen. Tartinis Instrument ist glücklicherweise spielbar, und es klingt verblüffend hell und strahlend. Die Tiefe hingegen ist nicht ganz so ausdrucksstark, wie man sich das heute wünschen würde. 
Man staunt ein wenig, denn im Beiheft zu dieser CD findet man zwar Texte über Tartinis Schaffen sowie über die beiden Musiker – über diese Geige aber findet sich dort keine Zeile. Das hat seinen Grund: Man weiß über diese Geige auch fast nichts; abgesehen davon, dass sie einst Tartinis Instrument war. Experten vermuten, dass sie von dem Geigenbauer Nicola Amati angefertigt worden ist; ein Zettel im Inneren jedenfalls soll besagen, dass sie aus Bologna kommt. 

Mittwoch, 25. Mai 2016

Childhood Impressions (Ars Produktion)

Childhood Impressions, Erinne- rungen an die Kindheit, lautet das Motto einer neuen CD mit Werken von George Enescu (1881 bis 1955), die jüngst bei dem Label Ars Produktion erschienen ist. Enescu gehört zu den vielseitigsten Musi- kerpersönlichkeiten des 20. Jahr- hunderts – er war nicht nur der bedeutendste Komponist Rumäniens, er war auch ein Geigen-Wunderkind, ein geschätzter Pianist, ein gefragter Dirigent, sowie Lehrer unter anderem von Ivris Gitlis, Arthur Grumiaux und Yehudi Menuhin. 
Bereits als Vierjähriger spielte Enescu Geige. Von 1888 bis 1894 studierte er Violine am Wiener Konservatorium, anschließend bis 1899 Komposition in Paris bei André Gedalge, Jules Massenet und Gabriel Fauré. Er legte schon in jungen Jahren die ersten eigenen Stücke vor; dazu gehören die Violinsonaten Nr. 1 in D-Dur op. 2 und Nr. 2 in f-Moll op. 6, die auf dieser CD zu hören sind. Komplettiert wird das Programm durch ein Alterswerk: Mit der Suite in D-Dur op. 28 Impressions d’enfance komponierte Enescu ein Echo der Atmosphäre seiner Kindertage. 
Eingespielt wurden diese drei bedeutenden Werke von den Gewinnern des renommierten George Enescu International Competition 2014, Stefan Tarara und Lora-Evelin Vakova-Tarara. Der junge Geiger, Schüler und Assistent von Zakhar Bron, war von 2010 bis 2015 erster Konzertmeister bei den Mannheimer Philharmonikern; seit 2012 ist er erster Konzert- meister und Solist des Hulencourt Soloists Chamber Orchestra. Er hat bereits zahlreiche bedeutende Wettbewerbe gewonnen, und ist sowohl ein gefragter Solist wie auch ein gern gesehener Kammermusikpartner. 
Ähnliches wäre auch über Lora-Evelin Vakova-Tarara zu sagen. Die Pianistin, die aus Bulgarien stammt, hat erst 2013 ihr Studium bei Eckart Heiligers an der Zürcher Hochschule der Künste abgeschlossen. Auf der 2015 veröffentlichten Debüt-CD The Sound of the 20s hatte das Duo bereits Enescus dritte Sonate op. 25 interpretiert. Damit haben die beiden jungen Musiker nunmehr die kammermusikalischen Werke Enescus für Violine und Klavier komplett vorgestellt. 

Donnerstag, 11. Februar 2016

Vivaldi senza Basso (Baltic Baroque)

Gleich zwei Editionen von Vivaldi-Violinsonaten des estnischen Labels Baltic Baroque liegen vor mir auf dem Schreibtisch. Das Ensemble Baltic Baroque, geleitet von Grigori Malit- zov, musiziert historisch möglichst korrekt und auf zeitgenössischen Instrumenten. 
VI Sonate, Quatro à Violino solo e Basso e dua a due Violini e Basso Continuo di Antonio Vivaldi, Opera Quinta O vero Parte Seconda del Opera Seconda – so lautete der Titel der Kollektion, die auf der einen CD erschienen ist. Die Violinsonaten op. 5 mit dem kuriosen Titel wurden 1716 in Amsterdam veröffentlicht. Sie gehören nicht zu den bekannten Werken Vivaldis, was verwundert, denn diese Musik hat durchaus ihre Qualitäten. Maria Krestinskaya, Evgeny Sviridov, Anfisa Kalinina, Barockvioline, Sofia Maltizova, Barockcello sowie Reinut Tepp und Imbi Tarum, Cembalo, ist somit die erste Einspie- lung auf historischen Instrumenten gelungen.
Die zweite CD fasst vier Sonaten a 2 Violini anco senza Basso se piace  – „für zwei Violinen ohne Bass, wenn es beliebt“ – zusammen. Die Noten sind schnell aufzufinden, wenn man sie unter den Triosonaten sucht – was daran liegt, dass sie auch exakt so notiert worden sind, mit zwei Melodiestimmen plus Basslinie. Doch diese Zuordnung wird den virtuosen Duetten nicht wirklich gerecht; sie ähneln nicht nur mit ihrer Satzfolge schnell-langsam-schnell eher Vivaldis Doppelkonzerten. Auch erweist sich die Bassstimme nicht als ein selbständiger Part; sie verdoppelt statt dessen weitgehend die tiefsten Bereiche der beiden Violinstimmen. 
Vermutet wird, dass diese Musikstücke entweder als Auftragskompositio- nen oder aber als Vortragsstücke entstanden sind, die Vivaldi auf seiner Europa-Tournee in den Jahren 1729/30 gemeinsam mit seinem Vater spielen wollte, wenn kein Bass-Instrument verfügbar war. Diese Aufnahme präsentiert zwei der Sonaten mit Cembalo-Begleitung, und zwei ohne. Es musizieren Maria Krestinskaya und Evgeny Sviridov, Barockvioline, sowie Imbi Tarum, Cembalo. Die Aufnahme ist allerdings sehr direkt und trocken; den Effekt von Pferdehaar auf Geigensaiten möchte man vielleicht doch nicht ganz so aus der Nähe hören. 

Montag, 12. Oktober 2015

Somis: Opus IV (Calliope)

Giovanni Battista Somis (1686 bis 1763) war, ähnlich wie der junge Mozart, ein Wunderkind. Er wurde durch seinen Vater unterrichtet, und bereits im zarten Alter von zehn Jahren ebenfalls Mitglied in der Hofkapelle des Herzogs von Savoyen in seiner Heimatstadt Turin. Von 1703 bis 1706 hielt sich Somis in Rom auf, wo er bei Arcangelo Corelli unter anderem seine Bogentechnik sowie seine Fertigkeiten in der Kunst der Verzierung vervollkommnete. 
Somis scheint dort sehr viel gelernt zu haben, denn nach seiner Rückkehr machte er rasant Karriere. Konzertreisen führten ihn unter anderem nach Novara, Sizilien und Paris, wo er 1733 in den Concerts spirituel auftrat. Dennoch blieb Somis bis an sein Lebensende Mitglied der Turiner Hofkapelle. Er komponierte auch, wobei wohl die meisten seiner Werke verschollen sind. 
Die weitaus größte Bedeutung allerdings hatte Somis als Lehrer. So gehört zu seinen Schülern Jean-Marie Leclair, der die Spielweise seines Lehrers in die französische Violintradition integrierte. Auch Louis-Gabriel Guille- main, Jean-Pierre Guignon, Somis' Neffe Carlo Chiabrano oder Gaetano Pugnani, der wiederum später Viotti unterrichtete, finden sich auf der beeindruckenden Liste der Schüler des Geigers. 
Somis' Musik ist heute wenig bekannt. Desto erfreulicher ist es, dass Marco Pedrona mit seinem Ensemble Guidantus – hier in der Besetzung Claudia Poz, Violoncello, Silvio Rosi, Theorbe und Barockgitarre und Piero Barba- reschi, Cembalo – nun eine Auswahl aus den Sonate da Camera op. 4 eingespielt hat. Es sind hübsche Werke, unverkennbar in der Nachfolge Vivaldis und Corellis. Und es ist die bisher beste Einspielung des enga- gierten Musikers. Leider gibt es bei der Qualität der Aufnahme Reserven; so kommt das exzellent besetzte Continuo leider nicht ganz so zur Geltung, wie dies wünschenswert wäre. 

Freitag, 9. Oktober 2015

Telemann: Violin Sonatas (Deutsche Harmonia Mundi)

Werke von Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) hat das hochkarätig besetzte Ensemble Arsenale Sonoro für seine Debüt-CD bei DHM aus- gewählt. Boris Begelman, Violine, Ludovico Minasi, Violoncello, und Alexandra Koreneva, Cembalo, haben sich dabei auf Musik konzentriert, die für Violine geschrieben wurde: „Diese Beschränkung ermöglichte Tele- mann, die charakteristischen Eigen- arten dieses Instruments in den Vordergrund zu rücken und versetzt den Interpreten in die Lage, alle Möglichkeiten der Interpretation, Improvisation und Verzierung voll auszuschöpfen“, begründet Begelman im Beiheft die vorliegende Auswahl. Die CD enthält vier Welterst- einspielungen, was bei der enormen Vielzahl Telemannscher Werke nicht überrascht. 
Der Geiger hat die Aufführungspraxis jener Zeit, dokumentiert in den Schriften der Musiktheoretiker, aber auch in Werken wie Telemanns 12 methodischen Sonaten für Violine und Basso continuo, sorgsam studiert. In seinen Interpretationen beweist Begelman zugleich viel Geschmack und Fingerspitzengefühl. Das macht diese Aufnahme sehr angenehm und sorgt beim Zuhörer für gute Laune – die perfekte Musik für weniger perfekte Tage, wie sie das Coverbild mit Humor andeutet. 

Samstag, 25. Juli 2015

Beethoven: Die Violinsonaten Vol. 3 (Gramola)

Thomas Albertus Irnberger und Michael Korstick spielen derzeit gemeinsam bei dem Label Gramola sämtliche Violinsonaten von Ludwig van Beethoven ein. Das ist ein außerordentlich vielversprechendes Projekt. Denn Korstick hat bei Oehms Classics bereits die Klaviersonaten des Komponisten veröffentlicht, und dabei als ausgesprochen aufmerk- samer, kritischer und zudem tempera- mentvoller Interpret begeistert. Er kennt „seinen“ Beethoven bestens, und hat einen ausgesprochen wachen Sinn für Details. Irnberger ist ebenfalls eine Musikerpersönlichkeit mit eigener Sicht auf derartige Traditionswerke. Ich habe den zweiten und den dritten Teil der Edition angehört – und bin davon sehr angetan.
Die beiden Solisten haben sich offenbar sehr intensiv mit den Werken auseinandergesetzt. Die Einspielung zeigt, wie ähnlich Irnberger und Korstick diese Musik verstehen. Da haben sich offenbar Geistesverwandte gefunden. Sie musizieren mit Energie und Spielfreude, höchst präzise und aufeinander bestens abgestimmt. Hier werden Strukturen hörbar, und man stellt erfreut fest, dass Beethoven – Klassik hin, Klassik her – Haydn im Grunde wesentlich näher steht als den Romantikern. Dennoch ist dies, bei aller Genauigkeit und Werktreue, keine historisierende Aufnahme. Irnberger und Korstick zeigen uns einen höchst gegenwärtigen, kein bisschen museal angestaubten Beethoven. Grandios! Unbedingt anhören.

Dienstag, 12. Mai 2015

Bach & Entourage (Audax)

Auf Johann Sebastian Bach und sein musikalisches Umfeld konzentriert sich die zweite CD, die Johannes Pramsohler und Cembalist Philippe Grisvard gemeinsam bei Audax veröffentlicht haben. Die beiden Musiker interessierte Bachs Einfluss auf die Violinmusik insbesondere auch der nachfolgenden Musiker- generation. „Mit Graun, Pisendel, Krebs, aber auch mit den Brüdern Benda und Bachs Söhnen Carl Phi- lipp Emanuel und Johann Christian hatte Deutschland eine Reihe von Violinkomponisten hors pair vorzu- weisen“, schreibt Pramsohler im Beiheft. „Das ausgeprägte Epochen- bewusstsein zwischen Sachsen und Preußen und die protestantisch-strenge Ausbildung von Musikern als exzellente Handwerker brachte eine äußerst starke Geigergeneration hervor, die sich – beinahe ausnahmslos – um Johann Sebastian Bach scharte, während (..) Veracini mit gebroche- nem Stolz und Bein aus Dresden abzog.“ 
Damit zitiert der Geiger eine Anekdote, der zufolge der Italiener mit dem Hofkapellmeister Johann David Heinichen und dem Kastraten Senesino derart aneinander geraten sein soll, dass er vor Wut aus einem Fenster sprang – im zweiten Stock, was dazu führte, dass er sich Bein und Hüfte brach. Nun, ähnlich verärgert dürfte der Hörer auf diese CD wohl kaum reagieren. Denn schon die beiden ersten Stücke, die Violinsonate BWV 1024 – bei der vermutet wird, dass sie eventuell auch Pisendel geschrieben haben könnte – sowie die Violinsonate BWV Anh. II 153, die den Tonfall des großen mitteldeutschen Meisters fast noch besser trifft, verlangen eine äußerst solide Geigentechnik. 
Pramsohler musiziert auf dieser CD wesentlich geschmeidiger und eleganter als bei seinem Erstling, was das Wesen dieser Musik auch besser trifft. Das zeigt sich hervorragend auch bei der Sonate für Solovioline von Johann Georg Pisendel (1687 bis 1755), die der Geiger gekonnt vorstellt. Eine Herausforderung ist dieses Stück in jedem Falle; Pisendel, lang- jähriger Konzertmeister der sächsischen Hofkapelle, war ein exzellenter Musiker. Für diese CD ausgewählt haben Pramsohler und Grisvard zudem jeweils eine Sonate von Johann Gottlieb Graun und Johann Ludwig Krebs, beide erklingen in Weltersteinspielung. An den Schluß gesetzt haben die beiden Musizierpartner die älteste überlieferte kammermusikalische Komposition Bachs, die Fuge in g-Moll BWV 1026, „deren Entstehungs- geschichte und Zugehörigkeit bislang ungeklärt bleiben“, so Pramsohler. Der alleinstehende Satz sei „raffiniert und virtuos angelegt: von erstaunlicher Länge, mit ausholenden Doppelgriff-Passagen und Figurenwerk in der sechsten Lage, konnte so ein Werk nur von einem absoluten Könner auf der Geige ausgeführt werden.“ 

Mittwoch, 7. Januar 2015

Per Monsieur Pisendel 2 (Avie Records)

Mit dieser CD schließt der Barock- geiger Adrian Chandler einen Kreis: Mit der CD Per Monsieur Pisendel hatte er vor mehr als zehn Jahren sein Debüt gegeben. 
Johann Georg Pisendel (1687 bis 1755), langjähriger Konzertmeister am Dresdner Hof, war ein Ausnah- memusiker gleich in mehrfacher Hinsicht. Zum einen muss er bereits als Kind unglaublich gut Geige gespielt haben. Während seiner Jahre als Kapellknabe am Ansbacher Hof unterrichtete ihn Giuseppe Torelli – dieser berühmte Virtuose wird wohl kaum Anfänger persönlich unterwiesen haben. 
Auf dem Wege nach Leipzig, wo Pisendel Jura studierte, traf er in Weimar auf Johann Sebastian Bach, den er nachhaltig beeindruckte. 1712 nahm Pisendel eine Stelle als stellvertretender Konzertmeister der Dresdner Hofkapelle an. Im Gefolge des Kurprinzen besuchte er Paris, Berlin und Venedig. Dort wurde er ein Schüler Antonio Vivaldis; dieser widmete Pisendel immerhin fünf Sonaten und sechs Konzerte. Auch zu anderen Musikern pflegte Pisendel enge Beziehungen. Das brachte dem sächsischen Hof erhebliche Notenbestände ein, die im legendären „Schranck No:II“ glücklicherweise zumeist bis heute erhalten geblieben sind. 
Pisendel muss aber auch ein vortrefflicher Musikpädagoge gewesen sein. Er hat nicht nur etliche Schüler zu hoher Meisterschaft geführt; Pisendel brachte als Konzertmeister gemeinsam mit Kapellmeister Hasse die Hofkapelle auf jenen hohen Stand, der sie zu einer europäischen Legende werden ließ. 
Wenn ein Geiger heute Werke einspielt, die für Pisendel entstanden sind, oder die dieser gar selbst komponiert hat, dann tritt er also in große Fußstapfen. Chandler hat im Bereich der Barockmusik sehr viel Erfahrung und große Erfolge vorzuweisen. So wurde er mit seinen Aufnahmen mehrfach für den Gramophone nominiert. Er spielt in der Tat exzellent, und hat in Gareth Deats, Violoncello, Thomas Dunford, Theorbe und Robert Howarth, Orgel und Cembalo, versierte Begleiter im Continuo. Musiziert wird mit Lust und mit Temperament, aber auch mit Präzision und mit beeindruckender Technik. Mehr davon! 

Donnerstag, 1. Januar 2015

Il Violino Boemo (Supraphon)

Aus Böhmen kamen im 18. Jahr- hundert zahlreiche talentierte Komponisten und Musiker, berühmte Hornisten beispielsweise, aber auch nicht wenige exzellente Geiger. Diese CD sucht nach den Spuren, die diese Virtuosen in Prag hinterlassen ha- ben. Dabei fanden sich glücklicher- weise einige Werke von Frantisek Benda (1709 bis 1786), der mehrfach unter abenteuerlichen Umständen den Dienstherrn wechselte, am kur- sächsischen Hof musizierte, und schließlich als Geiger in der Hof- kapelle Friedrichs des Großen zu hohen Ehren kam. Benda war berühmt für sein adagio – für seine Melodien und für seine Ausdrucksstärke. 
In Dresden wirkte auch Frantisek Jiránek ((1698 bis 1778). Er stand zunächst im Dienst des Grafen Wenzel Morzins, der den Musiker so schätzte, dass er ihn für zwei Jahre zur Ausbildung nach Venedig schickte. Nach dem Tode des Grafen wurde das Orchester aufgelöst; Jiránek musizierte dann als bestbezahltes Mitglied in der Privatkapelle des Grafen Brühl in Dresden. In Sachsen blieb er bis an sein Lebensende. 
Josef Antonín Gurecký (1709 bis 1769) war, wie auch sein älterer Bruder Václav Matyás, bei dem Olmützer Bischof und Kardinal Wolfgang Hannibal von Schrattenbach beschäftigt. Er scheint sich einige Zeit in Dresden aufgehalten und um eine Anstellung bei Hofe bemüht zu haben. Als er damit keinen Erfolg hatte, kehrte er nach Mähren zurück, und trat erneut in die Dienste des Olmützer Bischofs; dieser hieß mittlerweile Jakob Ernst von Liechtenstein-Kastelkorn. 1743 wurde Gurecký Kapellmeister am Olmützer Dom. Von ihm stammt die technisch wohl ambitionierteste Violinsonate auf dieser CD. Sie erinnert mit ihren vier Sätzen an die traditionelle sonata da chiesa, ist aber im galanten Stil verfasst und verlangt vom Violinsolisten nicht nur Fingerfertigkeit. Lenka Torgersen, Barockvioline, Václav Luks, Cembalo und Libor Masek, Violoncello, stellen all diese Entdeckungen souverän vor. 

Donnerstag, 31. Juli 2014

Kuhlau: Violin Sonatas Vol. 1 (Dacapo)

Friedrich Kuhlau (1786 bis 1832) gehört zu den bedeutenden däni- schen Komponisten des frühen
19. Jahrhunderts. Über seine Bio- graphie wurde hier im Blog bereits berichtet. Erinnert sei an dieser Stelle nur daran, dass Kuhlau eigentlich ein Deutscher war. Er stammte aus Uelzen, und setzte seine Ausbildung dann in Hamburg fort. 1810 floh er nach Kopenha- gen, um der Zwangsrekrutierung durch Napoleons Truppen zu entrinnen. 1813 wurde er däni- scher Staatsbürger – und königlicher Hofmusiker. 

Kuhlau hat das Musikleben des sogenannten des Goldenen Zeitalters Dänemarks nachhaltig mit geprägt. Eigentlich galt er als „Beethoven der Flöte“, doch er hat auch bezaubernde Violinsonaten geschrieben, wie diese CD beweist. Christina Åstrand, Violine, musiziert gemein- sam mit ihrem Mann Per Salo am Klavier. Und man wundert sich, warum diese Werke im Konzertbetrieb eigentlich keine Rolle spielen. Denn sie sind durchaus spannend; stilistisch stehen sie der Klassik wohl näher als der Romantik, auch wenn sie als die ersten dänischen Sonaten im romantischen Stil bewertet werden. Auf die Fortsetzung dieser Einspielung darf man sich freuen. 

Dienstag, 24. Juni 2014

Devil's Trill (Passacaille)

Rasante Läufe, schier unglaubliche Figurationen, Doppel- und Tripel- griffe – im Zeitalter der reisenden Virtuosen ließen sich Geiger immer neue Höchstschwierigkeiten ein- fallen, um Publikum anzulocken und zu beeindrucken. 
Dass die Geschichte der virtuosen Violinmusik aber schon lange vor Paganini, Viotti und Vieuxtemps begonnen hat, das beweist die vorliegende CD. Enrico Onofri präsentiert in seiner Einspielung mit dem Imaginarium Ensemble Kompositionen, die die künstleri- schen Ahnen des „Teufelsgeigers“ geschaffen haben. Die drei Italiener spielen auf historischen Instrumenten, wobei das Cembalo der moderne Nachbau eines italienischen Vorbilds aus dem 17. Jahr- hundert ist. Sie zeigen mit sehr viel Spielfreude, dass es dem barocken Geiger in erster Linie um den Ausdruck von Affekten gegangen ist. Diesem Ziel ordnete sich alles virtuose Rankenwerk unter; ein expressives messa di voce, kunstvolle Triller und ein perfekt geformter Klang waren den Musikern ebenso wichtig wie schwierige Doppelgriffe oder schnelle Passagen. In Briefen und mit Werken für ihre Schüler gaben sie ausführliche Anleitungen, wie all das gespielt werden sollte. Wie es sich anhörte, das demonstriert Onofri am Beispiel von zwei Sonate Accademiche aus der Feder von Francesco Maria Veracini (1690 bis 1778). Es erklingen zudem eine Sonate von Giovanni Mossi (1680 bis 1742) und eine Invention von Francesco Antonio Bonporti (1672 bis 1749). Und natürlich darf auch die berühmte Teufelstriller-Sonate von Giuseppe Tartini (1692 bis 1770) nicht fehlen.  

Montag, 17. Februar 2014

Telemann: Violin Sonatas Frankfurt 1715 (MDG)

Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) überrascht immer wieder – schier unerschöpflich erscheint das Reservoir der Melodien, die der Komponist erschaffen hat. Und wenn man meint, man müsste doch so langsam seine Werke kennen, dann wird sich irgendwo erneut ein klingendes Wunderland auftun. „Während meine langjährigen Beschäftigung mit Telemanns Violinwerken bin ich immer wieder zu den Frankfurter Sona- ten zurückgekehrt“, berichtet Stephan Schardt. „Es wunderte mich, daß die Geiger diese geistrei- chen Sonaten weitgehend unbeachtet gelassen haben. Dabei sind sie Telemanns erstes gedrucktes Werk und die einzige Sammlung, die sie sich nicht mit den Flötisten teilen.“ Schardt hat die Frankfurter Sona- ten gemeinsam mit Elisabeth Wand, Violoncello, und Sonja Kemnit- zer, Cembalo, vielfach komplett in Konzerten vorgestellt. „Dabei hat sich die Qualität und Vielseitigkeit der Stücke erneut bestätigt, so daß wir uns zu dieser Ersteinspielung entschlossen haben.“ 
Das lohnt sich, ohne Zweifel. Wenn Bach der Anfang und das Ende aller Musik ist, dann steht Telemann für die breite Mitte. Seine Musik ist elegant und melodiös, sie bereitet dem Hörer ebenso Vergnügen wie den Musizierenden - besonders dann, wenn sie so gekonnt und inspiriert vorgetragen wird wie auf dieser CD. Unterschätzen sollte man die Stücke freilich nicht, das schreibt auch Schardt in dem sehr informativen Beiheft zu dieser CD: „Viele Geiger halten Telemanns Violinmusik für leicht, weil er exzessive Virtuosität ablehnte. Bei näherem Studium erweist sich das als großer Irrtum.“