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Mittwoch, 8. September 2021

Leclair: Trio Sonatas Op. 4 (Audax)

 

Auf dieser CD wagt sich das Ensemble Diderot an ein Spitzenwerk der französischen Kammermusik des 18. Jahrhunderts: Johannes Pramsohler und Roldán Bernabé, Violine, Gulrim Choï, Violoncello, und Philippe Grisvard, Cembalo, spielen die Triosonaten op. 4 von Jean-Marie Leclair (1697 bis 1764). 

Hört man sich die ersten Aufnahmen des Ensembles an, und vergleicht sie mit dieser, so wird deutlich, welch enorme Entwicklung die Musiker genommen haben. 

Die Beschäftigung mit der Geschichte der Triosonate, und mit wichtigen Kompositionen dieses Genres, trägt hier nun wunderbare Früchte. Das Ensemble Diderot gestaltet Leclairs Sonaten als perfekte Mixtur aus italienischen und französischen Stilelementen – mitunter vermeint man fast, Corelli zu hören; doch dann sind da diese Verzierungen, zu hundert Prozent französisch, und diese alles überstrahlende Eleganz. Hinreißend! 


Montag, 2. August 2021

Fasch: Works for Keyboard (Audax)

 


Mit diesem Album wendet sich der Cembalist Philippe Grisvard dem Werk eines Kollegen zu: Carl Friedrich Christian Fasch (1736 bis 1800) ist selbst Musikhistorikern heute nur noch deshalb ein Begriff, weil er 1791 die „Singe-Academie zu Berlin“ gegründet hat. Nach seinem Tode übernahm sein Freund und Schüler Carl Friedrich Zelter die Leitung dieser ältesten heute noch existierenden gemischten Chorvereinigung. 

Carl Fasch war jedoch nicht nur ein versierter Chorleiter, sondern in erster Linie auch ein bedeutender Musiker und Komponist. Das Licht der Welt erblickte er in Zerbst, wo er bei seinem Vater, dem Bach-Schüler und Hofkapellmeister Johann Friedrich Fasch, ersten Musikunterricht erhielt. Als 14jähriger ging Carl Fasch dann nach Neustrelitz, um beim dortigen Konzertmeister Johann Christian Hertel seine Fertigkeiten im Violinspiel zu erweitern. Ein Jahr später wurde Fasch bereits Mitglied der Herzoglichen Hofkapelle. 

1756 wechselte er auf Empfehlung Franz Bendas an den preußischen Hof. Fasch wurde, ebenso wie Carl Philipp Emanuel Bach, Hofcembalist von Friedrich II. Zu seinen Aufgaben gehörte es, den flötespielenden König zu begleiten; allerdings hatte diese Glanzzeit bald ein Ende, denn das Ausbrechen des Siebenjährigen Krieges ließ die Musik verstummen. 

Unterbeschäftigt blieb Fasch auch nach dem Ende der Feldzüge. Obwohl der Monarch in seinen letzten Lebensjahren die Musik weitgehend aufgegeben hatte, verweigerte er Fasch die Entlassung. Nach dem Tode Friedrichs des Großen beließ dann sein Nachfolger Wilhelm II. Carl Fasch in Amt und Würden. Da hatte der Musiker allerdings bereits begonnen, sich mit Chormusik zu beschäftigen. 

Leider hat Fasch damals die meisten seiner Werke ins Feuer befördert. Dies trug natürlich dazu bei, dass sein Schaffen in Vergessenheit geriet. Philippe Grisvard ist nun angetreten, um dem verkannten Musiker Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Dazu hat er in Archiven nach Kompositionen des Meisters gesucht, und auch etliche Werke gefunden, die er nun auf dieser CD in Weltersteinspielungen vorstellt. 

Die Sonaten, Variationen und Charakterstücke, die Grisvard aufspüren konnte, zeigen uns Fasch als einen originellen Kopf, der aktuelle Strömungen zwar aufgreift, aber sie in eine eigene musikalische Welt integriert. Zu erwähnen ist außerdem, dass Grisvard Faschs Musik stilsicher auf einem Hammerklavier aus dem Jahre 1790 interpretiert, das dem Augsburger Instrumentenbauer Johann André Stein zugeschrieben wird. Das klangschöne Fortepiano befindet sich in der Sammlung Neumeyer-Junghanns-Tracey im Schloss Bad Krozingen. 


Sonntag, 3. Januar 2021

The Berlin Album (Audax)

 


Nach Dresden, London und Paris wendet sich das Ensemble Diderot nunmehr mit Berlin einer weiteren Musikmetropole des Spätbarock zu. Erkenntnis nach einem Blick auf die Titelliste: Preußen hat auch ohne den Flöte spielenden König, seinen Cembalisten und seinen Flötenlehrer erstaunlich viel zu bieten. 

Nein, es geht diesmal wirklich nicht um Potsdam; es geht eher um die Anfänge eines genuin bürgerlichen Musiklebens – und in diesem Zusammenhang haben die Violinisten Johannes Pramsohler und Roldán Bernabé, die Cellistin Gulrim Choï und Philippe Grisvard an Cembalo und Fortepiano eine Fülle interessanter Werke entdeckt. Mit Ausnahme einer Triosonate von Johann Philipp Kirnberger (1721 bis 1783) erklingen alle Stücke auf diesem Album in Weltersteinspielungen. 

Musiziert wird mit Eleganz und Temperament. Das Ensemble Diderot lädt uns zum Hörvergnügen ein – wie die Musiker um Johann Gottlieb Janitsch (1708 bis 1763) das Publikum einst in Berlin, bei den ersten öffentlich zugänglichen Konzerten. 


Sonntag, 5. April 2020

The Paris Album (Audax)

Ebenso spannend ist auch das Paris Album, mit dem sich die Musiker der Triosonate in Frankreich vor 1700 zuwenden. Johannes Pramsoler und das Ensemble Diderot haben dafür Kompositionen ausgewählt, die nach dem Tod von Jean Baptiste Lully entstanden sind. Neben bekannten Werken, wie dem Tombeau de Monsieur de Lully von Jean-Féry Rebel (1666 bis 1747), bietet auch diese CD wieder zahlreiche Welt- ersteinspielungen. 
Das Album feiert die die neu gewonnene Freiheit jener Zeit, als die Komponisten begannen, den traditionellen französischen Stil mit Innovationen aus Italien zu verbinden. Das Violoncello spielte dabei übrigens noch keine Rolle; Johannes Pramsohler und Roldán Bernabé musizieren auf dieser CD gemeinsam mit Eric Tinkerhess, Viola da gamba, und mit Philippe Grisvard, Cembalo. 
Nicht nur Lullys pompöser Stil, auch die Monarchie als solche war seinerzeit in die Jahre gekommen. Doch während sich in der Oper das Repräsentative noch längere Zeit behaupten konnte, zeigte sich die Kammermusik deutlich flexibler: „Tous les compositeurs de Paris avoient en ce temps-là la fureur de composer des Sonates à la manière Italienne“, vermeldete Sébastian de Brossard, ein Musiker aus Strasbourg, der nach Lullys Tod eine ganz enorme Musikaliensammlung zusammentrug. Er ist auf dieser CD mit zwei Triosonaten vertreten, ebenso André Campra, außerdem erklingt Musik von Louis-Nicolas Clérambault, Elisabeth Jacquet de la Guerre und François Couperin, Nachfolger Lullys im Amte des Hofkomponisten. Johannes Pramsohler und seine Mitstreiter machen mit ihrem Spiel hörbar, wie italienische Einflüsse und französische Eleganz in einer „réunion des gôuts“, so Couperin, ein neues europäisches Klangideal geprägt haben – das übrigens bis nach Sachsen ausstrahlte: Couperins La Convalescente fand sich im Notenbestand des Dresdner Konzertmeisters Johann Georg Pisendel. 

Samstag, 4. April 2020

The London Album (Audax)

Johannes Pramsohler und seine Kollegen vom Ensemble Diderot – Roldán Bernabé, Barockvioline, Gulrim Choi, Violoncello und Philippe Grisvard, Cembalo – setzen mit dieser CD ihre Entdeckungsreise auf den Spuren der barocken Triosonate quer durch Europa fort. Gestartet waren sie mit dem Dresden Album – und nun, fünf Jahre später, präsentieren die Musiker, was sie in England und in Frankreich entdeckt haben. 
The London Album enthält Triosonaten aus der Zeit vor 1680. Zur Zeit Henry Purcells schätzten englische Komponisten das neue italienische Genre. Doch auch wenn beispielsweise Robert King (um 1660 bis 1726) eine Sonetta after the Italion way schrieb, die hier in Weltersteinspielung erklingt, bleibt der charakteristische britische Sound doch erstaunlich deutlich erhalten. Die drei Triosonaten von Henry Purcell beispielsweise würde man niemals einem Komponisten vom Festland zuordnen. Und auch Kollegen, die von dort nach England kamen, übernahmen erfolgreich dieses musikalische Idiom, wie Werke von Johann Gottfried Keller und Gerhard Diessener zeigen. Beide waren Cembalisten, und kamen aus Deutschland nach London. 
Die Musiker haben für diese CD nicht nur beeindruckende Musikbeispiele aus alten Manuskriptbänden zutage gefördert. Sie haben sich auch mit Lehrwerken der damaligen Zeit auseinandergesetzt, um diese attraktiven Werke obendrein zeitgemäß vortragen zu können. Hochinteressant! 

Sonntag, 3. November 2019

Sonatas for two violins (Audax)

Zwei Geigen sind fast schon ein Orchester – den Bass jedenfalls vermisst man nicht bei den virtuosen Musikstücken, die Johannes Pramsohler und Roldán Bernabé auf dieser CD vorstellen. Das Programm führt uns in das 18. Jahrhundert, nach Frankreich, und das meinte damals: Paris. Wer es als Musiker zu etwas bringen wollte, den zog es in die Hauptstadt – und hervorragende Geiger scheint es damals etliche gegeben zu haben. 
Pramsohler und Bernabé haben aus einem umfangreichen Bestand an Kompositionen à deux violons sans basse eine spektakuläre Auswahl zusammengestellt. Sie spielen Musik von Louis-Gabriel Guillemain (1705 bis 1770), Jean-Pierre Guignon (1702 bis 1774), Jean-Marie Leclair (1697 bis 1764) und Étienne Mangean (um 1710 bis vermutlich 1756), die sehr zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist. 
Diese Stücke bezaubern durch Eleganz und Charme, sie bieten den beiden Solisten aber auch hinreichend Gelegenheit, ihre Virtuosität unter Beweis zu stellen. Denn technisch sind diese Kompositionen höchst anspruchsvoll, die Herausforderungen sind enorm. Und zwar für jeden der beiden Duo-Partner. „Die Rollenverteilung ist in den meisten Werken dieselbe“, schreibt Pramsohler: „Beide Geiger sind gleichberechtigt. Jeder ,darf' mal Melodie und jeder ,muss' mal Bass machen. Oft – vor allem beim französischen Meister des Kontrapunkts Leclair – sind die Stimmen auf so intelligente Weise ineinander verflochten, dass man als Zuhörer Mühe hat, die beiden Spieler auseinanderzuhalten.“ 
Das Ergebnis aber ist hinreißend: „Man glaubt es kaum, wieviel Klang ohne ein Bassinstrument entstehen kann“, stellt Johannes Pramsohler fest – und der Zuhörer wird zudem staunend feststellen, wie abwechslungs- reich man auf zwei Geigen musizieren kann. C'est très magnifique – bravi!

Sonntag, 19. Mai 2019

Bach & Weiss (Audax)

Sylvius Leopold Weiss (1687 bis 1750) war königlicher Kammerlautenist am Hofe August des Starken in Dresden. Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) war Thomaskantor in Leipzig. Die beiden Musiker kannten und schätzten sich; gut dokumentiert ist beispielsweise Weiss' Besuch 1739 bei seinem Kollegen in Leipzig. Begegnet sind sich beide aber möglicherweise schon viel früher: 1719 musizierte Weiss am Köthener Hof, wo Bach bis 1723 als Hofkapellmeister wirkte. 
Weiss war zudem mit Bachs Sohn Wilhelm Friedemann Bach befreundet, der 1733 Organist der Dresdner Sophienkirche wurde, und er unterstützte auch die Bewerbung Carl Philipp Emanuel Bachs als Cembalist am preußischen Hof. Insofern ist es eine ausgezeichnete Idee des Geigers Johannes Pramsohler und des Lautenisten Jadran Duncumb, Werke beider Musiker auf einer CD zu vereinen. 
Im Zentrum dieser Einspielung steht die Suite in A-Dur BWV 1025, die der Musikwissenschaft so manches Rätsel zu lösen gibt. Sie ist in zwei Handschriften überliefert; eine davon hat Bach begonnen, doch dann setzt eine andere Schreiberhand fort. Und am Ende der ersten Seite mit dem Beginn der Cembalo-Stimme ist dann auf einmal der Violinpart notiert; außerdem finden sich wohl Spuren von einem Streichbass, was auf eine Triosonate hindeuten könnte. Eine komplette Version hingegen bietet eine Abschrift, die Carl Philipp Emanuel Bach 1749 angefertigt hat. Der Cembalo-Part dort ist identisch mit einer Suonata in einem Dresdner Notenband, der ansonsten ausschließlich Kompositionen von Weiss enthält. 
„Spielt man jedoch die Lautensonate aus dem Dresdner Manuskript alleine, bleibt sie ein schwer verständliches Werk“, schreiben die beiden Musiker im Geleitwort zu dieser CD. „Es trägt die Markenzeichen von Weiss – mit den idiomatischen Tricks, die er benutzt und seine typischen harmonischen Sequenzen, die ganz anders als jene Bachs klingen. Wenn man sich Sätze wie Courante, Menuet und Sarabande ansieht, überrascht es aber, wie wenig sie von Weiss' üblichem Sinn für Humor und Virtuosität zeigen.“ 
Möglicherweise haben Bach und Weiss diese Suite gemeinsam geschaffen. Wir werden es aufgrund der Quellenlage sicherlich nicht mehr herausfinden, aber wir können uns an diesem Werk erfreuen – zumal dann, wenn es so versiert vorgetragen wird wie von diesen beiden exzellenten Musikern. Pramsohler und Duncumb präsentieren zudem jeweils noch ein weiteres Stück der beiden Komponisten: Von Sylvius Leopold Weiss erklingt die Suite in a-Moll für Laute, und von Bach die Partita II in d-Moll BWV 1004. 
Wer noch mehr Lautenmusik vom Dresdner Hof hören möchte, dem sei an dieser Stelle noch eine weitere CD empfohlen – Jadran Duncumb stellt, ebenfalls bei Audax, Werke von Weiss und von Johann Adolf Hasse (1699 bis 1783) vor. Brillante Lautenmusik, sehr gut gespielt. 

Montag, 4. März 2019

Violin Concertos from Darmstadt (Audax)

Virtuose Violinkonzerte, die von und für Johann Jakob Kress (um 1685 bis 1728) geschrieben wurden, präsen- tiert Johannes Pramsohler. Der Geiger, der aus Walderbach in der Oberpfalz stammte, erhielt seine Ausbildung in Oettingen und wurde 1712 Kammermusiker am Darm- städter Hof. 
Seinem Dienstherrn, Landgraf Ernst Ludwig, war es 1709 bereits gelungen, Christoph Graupner als Hofkapellmeister zu engagieren. Er begeisterte sich insbesondere für die Oper, und wollte in seiner Residenz musikalisch ebenso glänzen, wie er das aus Hamburg kannte. Allerdings setzten die Finanzen der Begeisterung enge Grenzen; mehrfach blieb der Landgraf auch seinen Musikern die Bezahlung schuldig, so dass Kress schließlich um seine Entlassung bat. 
Die aber verweigerte ihm sein Dienstherr, und ernannte ihn statt dessen zum Konzertmeister, verbunden mit einer Gehaltserhöhung. Kress blieb in Darmstadt bis an sein Lebensende; ähnlich wie Graupner übrigens, der eigentlich 1722 Thomaskantor werden sollte, aber ebenfalls nicht gehen durfte. Auch wenn wir dieses Verfahren nicht unbedingt fair finden – es zeigt aber, dass Ernst Ludwig die Musiker für unverzichtbar ansah, und sie unbedingt behalten wollte. 
Hört man diese Einspielung, dann wird auch klar, warum: Kress war ganz offenbar ein ausgezeichneter Geiger, und stand wohl auch mit etlichen Kollegen im Austausch. So wurde Georg Philipp Telemann, seinerzeit unweit von Darmstadt in Frankfurt/Main tätig, nicht nur Taufpate für Kress' Sohn. Er scheint auch für Kress komponiert zu haben, wie das Konzert nahelegt, das Pramsohler auf dieser CD vorstellt. 
Johann Friedrich Fasch wiederum reiste 1714 nach Darmstadt, wo er länger als drei Monate durch Christoph Graupner und Vizekapellmeister Gottfried Grünewald unterrichtet wurde. Er blieb der Kapelle verbunden, und schickte immer wieder Kompositionen. In der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt fand sich ein anspruchsvolles Violinkonzert, das Kress ganz sicher gespielt hat. Prächtig erscheint auch die Ouvertüre von Vizekapellmeister Johann Samuel Endler. Er war selbst Geiger, wurde nach Kress' Tod zunächst Konzertmeister, und später Graupners Nachfolger. 
Die beiden Konzerte, die Kress selbst komponiert hat, wirken in diesem Umfeld vergleichsweise unspektakulär. Pramsohler musiziert bei diesem Projekt gemeinsam mit den Darmstädter Barocksolisten; mit Ausnahme des Telemann-Konzertes handelt es sich durchweg um Weltersteinspie- lungen. Die Aufnahme ist daher interessant. Sie enttäuscht aber durch einen Mangel an gestalterischer Raffinesse. Hier zeigt sich, dass es mitunter eben doch klug sein kann, einen Kapellmeister einzubeziehen. 

Dienstag, 4. Dezember 2018

German Cantatas (Audax)

Die alten deutschen Kantaten sind derzeit offenbar groß in Mode. Nun hat auch Johannes Pramsohler mit seinem Ensemble Diderot eine Auswahl dieser beeindruckenden Werke eingespielt, wobei der Geiger natürlich vor allem auch Kantaten mit virtuoser Solovioline herausgesucht hat. 
Und mit der Tenorkantate Ich will in aller Not auf meinen Jesum schauen von Daniel Eberlin (1647 bis nach 1692) enthält diese CD sogar eine Weltersteinspielung – was erstaunt, denn dieses Opus bietet, urteilte Hans Joachim Moser, Herausgeber der Neuedition in der Reihe Das Erbe deutscher Musik, das anspruchsvollste Violinsolo jener Zeit überhaupt. Eberlin wirkte einige Jahre als Kapell- meister in Eisenach und in Kassel. 
In Eisenach musizierten seinerzeit auch der Geiger Johann Ambrosius Bach, der Vater von Johann Sebastian, sowie Johann Pachelbel (1653 bis 1706), auf dieser CD vertreten mit den Kantaten Christ ist erstanden und Ach Herr, wie ist meiner Feinde soviel. Johann Ambrosius' Schwager Johann Christoph Bach (1642 bis 1703) war Organist in Eisenach, und spielte zudem als Cembalist in der Hofkapelle. Von ihm sind einige Kompositionen überliefert; auf dieser CD erklingen Wie bist du denn, o Gott, in Zorn auf mich entbrannt und Ach dass ich Wassers gnug hätte, zwei effektvolle Lamenti. 
Komplettiert wird diese Kollektion protestantischer Kantaten durch das höchst anspruchsvolle Concerto Mein Hertz ist bereit von Nicolaus Bruhns (1665 bis 1697). Er stammte aus einer schleswig-holsteinischen Musiker- dynastie, war ein Schüler Buxtehudes und wirkte in Husum; leider starb er sehr jung. Bruhns muss ein exzellenter Organist ebenso wie ein heraus- ragender Geiger gewesen sein. Und der Bassist, für den er komponierte, war ebenfalls ein erstklassiger Sänger; wer Bruhns' Werke singen will, dem jedenfalls wird einiges abverlangt. 
Nahuel Di Pierro singt mit einem wohlklingenden, samtigen und vor allem auch tiefen Bass. Zu hören sind außerdem die kanadische Mezzosoprani- stin Andrea Hill, der spanische Tenor Jorge Navarro Purves und der britische Bariton Christopher Purves. Bei dieser Einspielung zeigt sich allerdings wieder einmal, dass die alten Musikstücke mit ihrem rhetorischen Gestus durch Nicht-Muttersprachler nur schwer vorzutragen sind. Eindringlichkeit und starken Ausdruck, wie sie für diese klingenden Predigten notwendig sind, vermisst man bei dieser CD ein wenig. Aber dafür kann sich der Hörer auch bei den beiden Kantaten von Heinrich Ignaz Franz Biber (1644 bis 1704), der für die süddeutsch-katholische Kirchenmusik dieser Zeit steht, am hinreißend schönen Geigenspiel von Johannes Pramsohler erfreuen. 

Montag, 16. Juli 2018

French Sonatas for Harpsichord and Violin (Audax)

Mit dieser Aufnahme laden Philippe Grisvard und Johannes Pramsohler ein, sie auf einer Reise in die Musikgeschichte zu begleiten. Sie führt nach Frankreich, wo im Jahre 1740 der Geiger Jean-Joseph Cassanéa de Mondonville (1711 bis 1772), königlicher Konzertmeister, eine Innovation vorstellte, die nicht nur Musiker überraschte: In seinen Pièces de clavecin en sonates avec accompagnement de violon op. 4 macht er das Cembalo vom Continuo-Instrument zum Solisten; es erklingt nicht mehr als Begleiter, sondern als Partner der Violine. 
Zum ersten Male hatte Johann Sebastian Bach dieses Modell gewählt; schon vor 1725 entstanden die Sei Suonate à Cembalo certato è Violino Solo – dass diese Sonaten in Abschriften bis nach Frankreich gelangt sind, erscheint allerdings nicht sehr wahrscheinlich. 
Vermutlich lag es einfach nahe, diese Möglichkeit des Musizierens auszuprobieren; sie ist der Triosonate verwandt, wobei die Violine und die rechte Hand der Cembalostimme konzertieren, während die linke Hand dazu den Bass spielt. Jean-Joseph Cassanéa de Mondonville scheint ohnehin recht experimentierfreudig gewesen zu sein, denn er setzt ganz auf italienische Vorbilder, was in Frankreich lange verpönt war. Aber letztendlich begeisterten die Konzerte von Corelli und Vivaldi auch das Pariser Publikum. 
Mit seinem kühnen Wurf beeindruckte der Violinvirtuose die Zuhörer ebenso wie seine Kollegen. Pramsohler und Grisvard zeigen mit ihrer Einspielung, wie Zeitgenossen sich von dem neuen Modell inspirieren ließen und wie sie es weiterentwickelt haben. Auf ihrer Doppel-CD präsentieren sie zahlreiche Werke, die in Vergessenheit geraten waren, und daher oftmals in Weltersteinspielungen erklingen. 
Zu hören ist anspruchsvolle Musik von Claude Balbastre (1724 bis 1799), Charles-François Clément (um 1720 bis 1782), Michel Corette (1707 bis 1795), Jacques Duphly (1715 bis 1789), Louis-Gabriel Guillemain (1705 bis 1770) und Luc Marchand (1709 bis 1799). Sie alle finden ihre eigenen Wege, Violine und Cembalo attraktiv miteinander zu kombinieren. 
Philippe Grisvard und Johannes Pramsohler zünden ein prächtiges Klangfeuerwerk, das mit einer Vielzahl unterschiedlicher Farben und Effekte begeistert. Sowohl der Cembalist als auch der Geiger sind Virtuosen, und sie musizieren mit Leidenschaft und bestens aufeinander abgestimmt. 

Samstag, 13. Januar 2018

Handel: Works for Keyboard (Audax)

In vielen Anekdoten wird beschrie- ben, wie Georg Friedrich Händel (1685 bis 1759) das Publikum durch sein Spiel an Tasteninstrumenten begeisterte. So soll Domenico Scarlatti, als er den Musikerkollegen beim Karneval in Venedig, verborgen hinter einer Maske, auf einem Cembalo spielen hörte, ausgerufen haben, dies sei entweder der Sachse oder der Teufel. 
Für sein erstes Soloalbum hat Philippe Grisvard das Cembalo-Werk Händels erkundet. Auf der CD zeigt er, dass dieses Œuvre erstaunlich viele Facetten hat. Dazu kombiniert er Händels Kompositionen mit Musikstücken wichtiger Wegbegleiter: Friedrich Wilhelm Zachow (1663 bis 1712), Organist der Marienkirche in Halle/Saale, war Händels Lehrer. Und die Werke Johann Kriegers (1651 bis 1735) hat Händel in seiner Jugend ebenso sorgfältig studiert wie etwa die Musik von Pachelbel oder Strungk. Grisvard zeigt durch die geschickte Kombination von Musik- stücken, wie dieses Umfeld das Schaffen Händels geprägt hat. 
Johann Mattheson (1681 bis 1764) war dann in Hamburg ein Weggefährte und Rivale des Komponisten. Und William Babell (1690 bis 1723) hat 1717 in seinen Suits of the most celebrated lessons collected and fitted to the harpsichord or the spinnet Ausschnitte aus Opern unter anderem von Händel in einer Art und Weise veröffentlicht, die vermuten lässt, dass diese Sammlung auch Einblick in die Verzierungs- und Improvisations- praxis des Meisters gewährt. 
Außerdem nutzt Philippe Grisvard die beiden Kollektionen, die John Ward als Raubkopien gedruckt hat, sowie Händels eigene Veröffentlichungen, die eine finale Fassung der illegal verbreiteten Werke anbieten. Inspiriert zeigt sich der Cembalist zudem von einer Fassung der acht Suiten und der sechs Fugen Händels, die der Wiener Organist Gottlieb Muffat 1736 ediert hat, „mises dans une autre applicature pour la facilité de la main“
Doch diese Angabe trügt, wie Grisvard einräumt, „car s'il vrai que Muffat e tenté de rendre la lecture des pièces plus aisée et de contrebalancer certains défauts de clarté dûs sans doute à la hâte dans laquelle Handel avait préparé son édition, la profusion d'agréments qu'il ajoute au texte original redouble le niveau de difficulté des pièces, et remet sérieusement en cause le type de tempo que l'on imaginerait ordinairement aujourd'hui pour certains de ces mouvements. Vette interprétation des huit grandes suites est une autre source majeure sur la pratique de l'ornementation: Muffat a choisi de noter à la française les ornements là oû Handel les avait laissés à la discrétion de l'exécutant.“ Grisvard betont, dass diese Lesart vermutlich dem sehr nahe kommt, was Händel selber spielte. 
Dennoch entschied er sich bei dieser Auswahl gegen Muffats Version: „J'ose espérer qu'un jour, un claveciniste plus téméraire que moi consacrera un disque entier à ce cycle de Muffat, trop longtemps resté dans l'ombre...“ Grisvard musiziert zupackend, frisch und munter; mitunter wünscht man sich ein wenig mehr Eleganz. Aber insgesamt ist dieses Album mit seinen vielen Querverweisen sehr interessant und ausgesprochen abwechslungsreich. 

Montag, 7. August 2017

Ristori: Cantatas for Soprano, Oboe Concerto (Audax)

Compositeur de la musique italienne, Kammerorganist, Opernlieferant und geheimer Korrespondent, Kirchen- komponist und schließlich Vize- kapellmeister – Giovanni Alberto Ristori (1692/93 bis 1753) fand am Dresdner Hof seine Lebensstellung. Der Musiker war in Venedig bereits für seine Oper Orlando gefeiert worden, als er 1715 mit der italieni- schen Schauspieltruppe seines Vaters nach Sachsen ging. 
Auch in Dresden war er als Komponist mit seinen Opern hochwillkommen. Besonders wichtig aber wurde er für den Hof als Musiklehrer der sächsischen Prinzessinnen. Nachdem Maria Amalia 1738, gerade einmal 13 Jahre alt, mit Karl, dem König von Neapel und beider Sizilien, verheiratet wurde, wurde auch Ristori nach Italien gesandt. Er glänzte dort mit seinen Opern, erteilte gelegentlich Unterricht – und berichtete dem Dresdner Hof, wie seine Schülerin ihre neue Rolle als Königin und Ehefrau bewältigte. 
Als Ristori 1740 nach Dresden zurückgerufen wurde, brachte er aus Neapel auch die neueste Musik mit. Sie erklang nun im Gottesdienst an der katholischen Hofkirche. Sein üppiges Gehalt und die Ernennung zum Vizekapellmeister unter Johann Adolf Hasse im Jahre 1750 konnte Ristori aber nicht mehr lange genießen. 
Nach dem Tode des Musikers erwarb der Hof seine Notenmanuskripte. Im Druck erschienen ist kein einziges seiner Stücke; neue Komponisten schrieben für den Hof neue Werke, und bald war Ristori vergessen. Um die Jahrhundertwende würdigten einige Musikhistoriker sein Wirken, doch viele der Archivalien, die ihnen noch zur Verfügung standen, gingen im Zweiten Weltkrieg verloren. 
Das Ensemble Diderot hat sich dennoch auf die Spurensuche eingelassen – und aus den verbliebenen Dresdner Notenbeständen drei Solo-Kantaten und ein brillantes Oboenkonzert herausgesucht. Die Libretti der Kantaten schrieb Maria Antonia, eine Tochter Kaiser Karls VII., die 1747 den sächsischen Kurprinzen Friedrich Christian geheiratet hatte. Diese junge Dame aber war nicht nur in der Dichtkunst höchst versiert; sie scheint auch eine exzellente Sängerin, Lautenistin und Cembalistin gewesen zu sein. 
Ihre Kantaten sind Monologe berühmter Heldinnen: Lavinia muss ihrem Geliebten erklären, warum sie gleich einen anderen heiraten wird. Dido, von Aeneas verlassen, geht in den Tod. Und Nice beklagt sich bitter den wankelmütigen Amor – und über die Trennung von ihrem Tirsis. Ristori hat die Leidenschaft dieser Frauen in entsprechend dramatische Musik umgesetzt. Es ist belegt, dass die Kurprinzessin selbst diese Kantaten gesungen hat – in dieser Aufnahme übernimmt die argentinische Sopranistin María Savastano den durchaus anspruchsvollen Part. Die mehrfach preisgekrönte Sängerin wird begleitet vom Ensemble Diderot unter Leitung seines Konzertmeisters Johannes Pramsohler. 
Komplettiert wird diese CD durch die Weltersteinspielung eines Oboenkonzertes, das Ristori für den Oboenvirtuosen Antonio Besozzi geschrieben hat. Dieses grazile Solo, voll Anmut und Charme, spielt Jon Olaberria; und sobald eine Notenedition verfügbar ist, werden dieses hinreißende Konzert wohl auch andere Ensembles nachspielen. 

Mittwoch, 16. November 2016

Mondonville: Trio Sonatas Op. 2 (Audax)

Das Ensemble Diderot widmet seine jüngste CD den Triosonaten op. 2 von Jean-Joseph Cassanéa de Mondon- ville (1711 bis 1772). Er stammte aus Narbonne, und kam 1733 nach Paris, wo er als Violinvirtuose und Kompo- nist wirkte. 1734 musizierte er erstmals bei den Concerts spirituels; von 1755 bis 1762 stand er dieser Institution dann als directeur vor. 
1739 wurde Mondonville königlicher Konzertmeister und Kammerviolinist, 1744 in Nachfolge von André Campra Intendant der königlichen Hofkapelle. Er komponierte zahlreiche Konzer- te, Sonaten, Opern und Grands Motets; leider ist nur ein Teil seiner Werke überliefert. Dennoch sind in diesem Werk Entdeckungen möglich: Das Ensemble Diderot, mit seiner Leidenschaft für die Triosonate, hat nun die Triosonaten op. 2, im Druck erschienen 1734, in Ersteinspielung vorgelegt. „Mondonville hat hier ein höchst erfolgreiches Nebeneinander an franzö- sischen und italienischen Elementen geschaffen“, erläutert Johannes Pramsohler, Geiger und Gründer des Ensembles: „Flirrende Sechzehntel-Ketten, nach vor drängende Allegros, und eine Bassführung, die nicht nur einfachen harmonischen Halt gibt, sondern das Cello als ebenbürtigen Partner im kontrapunktischen Geflecht agieren lässt, sind dabei die italienischen Elemente. Das Französische findet sich in der Klarheit, die über den Stand der Dinge herrscht, und darin, dass anstelle abgründig-langsamer dritter Sätze gleichsam als Erfrischung charmante Airs im 6/8-Takt gereicht werden.“ 
Johannes Pramsohler erkundet gemeinsam mit Roldán Bernabé, ebenfalls Violine, Kristen Huebner, Traversflöte, Gulrim Choi, Barock-Violoncello und Philippe Grisvard, Cembalo, die eleganten Musikstücke, die sich durchaus als eine Bereicherung des Repertoires erweisen. Sehr hörens- wert! 

Mittwoch, 11. Mai 2016

Meister: Il giardino del piacere (Audax)

„Johann Friedrich Meister ist ein Original-Genie“, stellt Reinhard Goebel fest. Dass der Musiker, der sich im Repertoire und in der europäischen Musikgeschichte auskennt wie kaum jemand, den Komponisten und sein Werk im Beiheft zu dieser CD wohlwollend würdigt, wird nicht verblüffen: Goebels letztes Projekt mit seinem legendären Ensemble Musica Antiqua Köln galt der Musik Meisters. 
Nun vervollständigt das Ensemble Diderot diese Einspielung, die seiner- zeit nur sechs der zwölf 1695 in Hamburg unter dem Titel Il giardino del piacere publizierten Triosonaten umfasste, und stellt bei dem Label Audax die fehlenden sechs Stücke vor. Das lohnt sich, denn dieser Lustgarten bietet durchaus spektakuläre Musik. Meisters Sonaten in Suitenform verknüpfen auf höchst originelle Art norddeutsche und französische Traditionen. Und Johannes Pramsohler musiziert gemeinsam mit Roldán Bernabé, ebenfalls Violine, Gulrim Choi, Violoncello und Philippe Grisvard am Cembalo phänomenal – diese Weltersteinspielung ist ein Ereignis! 

Samstag, 5. März 2016

Marais: Suites for Oboe (Audax)

Der Musiker- und Instrumenten- bauerfamilie Hottetterre verdanken wir die Erfindung der Oboe. Jean de Hottetterre entwickelte aus der Schalmei ein Instrument mit einem lieblichen, edlen, strahlenden Ton – und Jean-Baptiste Lully, Freund und Hofkomponist Ludwigs XIV., setzte es 1657 in L'amour malade erstmals ein. Der Klang gefiel, und so kam die Oboe umgehend in Mode – nicht nur unter freiem Himmel, auch in den königlichen Gemächern wurde sie fortan gespielt. 
Doch woher kam eigentlich in den ersten Jahren das Repertoire für dieses neue Instrument? Christopher Palameta hat sich mit dieser Frage intensiv beschäftigt, und einige jener frühen Werke für die Oboe rekonstruiert. Das scheint nicht ganz einfach gewesen zu sein; die früheste Sonade pour le hautbois jedenfalls stammt von Antoine Dornels und aus dem Jahre 1723. Was aber spielten die Oboisten vorher? 
Einig sind sich die Experten jedenfalls in dem Punkt, dass die Oboe aus- schließlich professionellen Musikern vorbehalten blieb: Sie wird mit einem Mundstück, einem Doppelrohrblatt, gespielt. Und dieses wird von den Musikern selbst angefertigt – was einerseits viel Zeit kostet, andererseits auch sehr viel Erfahrung und Geschicklichkeit erfordert. 
Beim Repertoire werden diese Profis auf Musikstücke zurückgegriffen haben, die für andere Instrumente komponiert worden sind. Palameta zeigt auf dieser CD exemplarisch, wie sich Suiten von Marin Marais (1656 bis 1728) für die Barockoboe modifizieren lassen: Die Pièces de viole sind zwar für Gambe entstanden. Doch Marin selbst weist im Vorwort zum Troisième Livre (1711) darauf hin, dass die meisten dieser Werke „se peuvent jouer sur plusiers instruments comme l'orgue, le clavesin, le violon, le dessus de viole, le théorbe, la guitarre, la flutte traversière, la flutte à bec el le hautbois.“ 
Christopher Palameta präsentiert auf seiner ersten CD bei Audax sechs dieser Suiten, arrangiert für Oboe, in Ersteinspielungen. Er spielt eine Oboe von Marcel Ponseele nach einem Instrument von Colin Hottetterre, Paris um 1710. Mit ihrem hellen und weichen Klang passt sie sehr gut zu dieser eleganten Musik. Zu hören sind zudem Eric Tinkerhess, Bassgambe, Romain Falik, Barockgitarre und Theorbe, und Lisa Goode Crawford, Cembalo. Sehr gelungen! 

Mittwoch, 14. Oktober 2015

Montanari: Violin Concertos (Audax Records)

Mit seiner neuesten Einspielung beim eigenen Label Audax präsentiert Johannes Pramsohler gemeinsam mit dem Ensemble Diderot dem Publikum einen vergessenen italienischen Meister: Antonio Maria Montanari (1676 bis 1737). Über Ausbildung und Lehrer dieses Geigers wissen wir nichts. Er stammt wahrscheinlich aus Modena und hat möglicherweise in seiner Jugend einige Jahre in Bologna verbracht; nach Rom ging er Anfang der 1690er Jahre. Dort musizierte er für Kardinal Carlo Colonna, Kardinal Benedetto Pamphilj und Kardinal Pietro Ottoboni; auch bei Veranstaltungen der Adelsfamilien Borghese und Ruspoli wirkte er mit. 
Im Jahre 1713 wurde Montanari dann als Nachfolger des verstorbenen Arcangelo Corelli Vorsteher der Congregazione di Santa Cecilia, der römischen Musikergilde. Er war ein gefeierter Geiger, spielte viele Konzerte, und unterrichtete zudem talentierte Nachwuchsmusiker und große Solisten, wie beispielsweise Pisendel. Außerdem komponierte er – doch seine Werke sind bislang im Konzertleben wenig präsent, weil er wenig veröffentlichte, und so wurde auch nur weniges überliefert. 
Ein solcher Lebenslauf allerdings macht neugierig, denn hervorragende Geiger gab es in Rom damals etliche. Was also war der Grund dafür, dass Montanari von Zeitgenossen gerühmt wurde als „virtuosissimo suonatore di violino“? Johannes Pramsohler hat sich auf die Spurensuche begeben, und stellt auf dieser CD nun seine Entdeckungen vor – Violinkonzerte Montanaris, die in der Tat ausgesprochen originell sind. 
Der Komponist gibt der Sologeige Raum. So lässt er sie auch gern gänzlich unbegleitet erklingen – was er ebenso gern für polyphones Spiel in kunst- voller Mehrfachgrifftechnik nutzt; Pramsohler allerdings hat mit den technischen Herausforderungen, die der Kollege seinerzeit zu Papier gebracht hat, keine Probleme. Mit Engagement, jugendlichem Schwung, schönem Ton und Präzision musiziert er hier gemeinsam mit dem Ensemble Diderot. Eingebettet wurde die CD in ein aufwendiges Media- book. 

Dienstag, 12. Mai 2015

Bach & Entourage (Audax)

Auf Johann Sebastian Bach und sein musikalisches Umfeld konzentriert sich die zweite CD, die Johannes Pramsohler und Cembalist Philippe Grisvard gemeinsam bei Audax veröffentlicht haben. Die beiden Musiker interessierte Bachs Einfluss auf die Violinmusik insbesondere auch der nachfolgenden Musiker- generation. „Mit Graun, Pisendel, Krebs, aber auch mit den Brüdern Benda und Bachs Söhnen Carl Phi- lipp Emanuel und Johann Christian hatte Deutschland eine Reihe von Violinkomponisten hors pair vorzu- weisen“, schreibt Pramsohler im Beiheft. „Das ausgeprägte Epochen- bewusstsein zwischen Sachsen und Preußen und die protestantisch-strenge Ausbildung von Musikern als exzellente Handwerker brachte eine äußerst starke Geigergeneration hervor, die sich – beinahe ausnahmslos – um Johann Sebastian Bach scharte, während (..) Veracini mit gebroche- nem Stolz und Bein aus Dresden abzog.“ 
Damit zitiert der Geiger eine Anekdote, der zufolge der Italiener mit dem Hofkapellmeister Johann David Heinichen und dem Kastraten Senesino derart aneinander geraten sein soll, dass er vor Wut aus einem Fenster sprang – im zweiten Stock, was dazu führte, dass er sich Bein und Hüfte brach. Nun, ähnlich verärgert dürfte der Hörer auf diese CD wohl kaum reagieren. Denn schon die beiden ersten Stücke, die Violinsonate BWV 1024 – bei der vermutet wird, dass sie eventuell auch Pisendel geschrieben haben könnte – sowie die Violinsonate BWV Anh. II 153, die den Tonfall des großen mitteldeutschen Meisters fast noch besser trifft, verlangen eine äußerst solide Geigentechnik. 
Pramsohler musiziert auf dieser CD wesentlich geschmeidiger und eleganter als bei seinem Erstling, was das Wesen dieser Musik auch besser trifft. Das zeigt sich hervorragend auch bei der Sonate für Solovioline von Johann Georg Pisendel (1687 bis 1755), die der Geiger gekonnt vorstellt. Eine Herausforderung ist dieses Stück in jedem Falle; Pisendel, lang- jähriger Konzertmeister der sächsischen Hofkapelle, war ein exzellenter Musiker. Für diese CD ausgewählt haben Pramsohler und Grisvard zudem jeweils eine Sonate von Johann Gottlieb Graun und Johann Ludwig Krebs, beide erklingen in Weltersteinspielung. An den Schluß gesetzt haben die beiden Musizierpartner die älteste überlieferte kammermusikalische Komposition Bachs, die Fuge in g-Moll BWV 1026, „deren Entstehungs- geschichte und Zugehörigkeit bislang ungeklärt bleiben“, so Pramsohler. Der alleinstehende Satz sei „raffiniert und virtuos angelegt: von erstaunlicher Länge, mit ausholenden Doppelgriff-Passagen und Figurenwerk in der sechsten Lage, konnte so ein Werk nur von einem absoluten Könner auf der Geige ausgeführt werden.“ 

Montag, 17. November 2014

The Dresden Album (Audax)

Johann Georg Pisendel (1687 bis 1755) gehört zu den überragenden Musikerpersönlichkeiten seiner Zeit. Der Sohn eines Kantors kam 1697 als Kapellknabe an den Ansbacher Hof. Dort könnte er Geigenschüler von Giuseppe Torelli gewesen sein. Wie gut er sein Instrument beherrschte, darauf deutet jedenfalls die Tatsache hin, dass er bei Hofe als Geiger angestellt wurde, obwohl erst kurz vorher die Zahl der Musiker drastisch reduziert worden war. 1709 reiste Pisendel nach Leipzig, wo er studierte, und nebenher zeitweise das Collegium musicum leitete. Die Studienjahre boten dem Musiker zudem Gelegenheit, renommierte Kollegen wie Telemann, Graupner, Heinichen, Fasch und etliche andere kennenzulernen. Im Januar 1712 wurde er erster Geiger in der Hofkapelle Augusts des Starken, 1728 wurde er schließlich Konzertmeister in diesem Orchester. Pisendel trug wesentlich dazu bei, dass es zu den besten Europas gehörte. 
Sein Dienstherr erkannte die Stärken des jungen Mannes, und schickte ihn zunächst auf Reisen. So weilte er im Gefolge des Kurprinzen in Paris, in Rom und Venedig sowie in Wien – und brachte nicht nur musikalische Anregungen und eine Vielzahl von Notenabschriften, sondern auch freundschaftliche Kontakte zu den Musikerkollegen in den europäischen Metropolen mit. Wie weit das Beziehungsnetz Pisendels reichte, davon gibt die vorliegende CD einen Eindruck. 
Johannes Pramsohler hat für die zweite Veröffentlichung bei seinem Label Audax einige Raritäten eingespielt, die bislang offenbar in den Noten- beständen der Dresdner Hofkapelle schlummerten: Triosonaten von Georg Friedrich Händel, Georg Philipp Telemann, Johann Friedrich Fasch, Jo- hann Joseph Fux und Frantisek Ignác Tuma; die Werke der letztgenannten drei erklingen immerhin in Weltersteinspielungen. Es ist dies zugleich die Debüt-CD seines Ensembles Diderot; mit Prahmsohler musizieren Varoujan Doneyan, Barockvioline, Gulrim Choi, Barock-Violoncello, und Philippe Grisvard am Cembalo. 
Die Musiker beeindrucken durch ihr exzellentes Zusammenspiel. Insbe- sondere die Cellistin setzt immer wieder spannende Akzente. Die beiden Geiger hingegen musizieren zwar virtuos, aber für mein Empfinden zu grell; ihr Ton ist herausfordernd schrill und ihre Phrasierung oftmals schlicht zu ruppig. Damit werden sie dem galanten Charakter vieler Stücke nicht gerecht, vor allem auch die langsameren Sätze würden durch mehr Wärme und klangliche Abrundung gewinnen. Die Fußstapfen Reinhard Goebels, der seinen jungen Kollegen hier mit einem sehr informativen Text im Beiheft unterstützt, erscheinen momentan für Pramsohler noch etwas groß. Aber die Lust an Entdeckungen, die Neugier auf vergessenes Repertoire haben die Violinisten gemeinsam. Hörenswert sind die sechs Triosonaten auf dieser CD, und die Aufnahme ist zudem in technischer Hinsicht phänomenal. Man hat wirklich den Eindruck, inmitten der Musiker zu sitzen. 

Sonntag, 29. Dezember 2013

Johannes Pramsohler (Audax)

Der Geiger Johannes Pramsohler hat Mut: „Eigenes Label – eigene Gedanken“, überschreibt er den Kommentar zu seiner ersten ganz eigenen CD. „Audax startet mit einem großen Violin-Recital verschiedener Komponisten, ein Mischprogramm, für das im CD-Handel eigentlich kein Schubfach existiert“, meint der Musiker. „Und niemand ist als Drehachse für ein barockes Violinprogramm besser geeignet als Arcangelo Corelli, dessen 300. Todestag wir dieses Jahr begehen. Selbstbewusst wählte der römische Stargeiger den ersten Tag des 18. Jahrhunderts für sein Opus V – und damit begann mit dem neuen Säkulum auch eine neue Ära für die Violinmusik.“ 
Corellis Werke verbreiteten sich rasch in ganz Europa. Und sie inspirierten eine ganze Generation von Musikern und Musikfreunden. Pramsohler zeigt an vier Beispielen, wie sie sich die Sonaten von Corelli aneigneten. Georg Philipp Telemann beispielsweise studierte „seinen“ Corelli gründlich – aber er hütete sich, ihn nachzuäffen. Jean-Marie Leclair war ein Schüler von Giovanni Battista Somis, der wiederum bei Corelli gelernt hatte. Er integrierte italienische Manier in die französische Violintradition. 
Georg Friedrich Händel war mit Corelli persönlich bekannt; in England hielt sich die „Corelli-Manie“ übrigens besonders lange. Giovanni Henrico Albicastro – Johann Heinrich van Weissenburg – hatte zumindest zeitweise denselben Musikverleger wie Corelli; über seinen Lebensweg ist nicht viel bekannt, aber er scheint im besten Mannesalter den Geigenbogen gegen den Säbel eingetauscht zu haben. 
Pramsohler musiziert gemeinsam mit dem Cembalisten Philippe Grisvard schwungvoll, ungestüm, mitunter beinahe ruppig. Er spielt eine Geige von Pietro Giacomo Rogeri aus dem Jahre 1713, die er vor einigen Jahren von Reinhard Goebel übernommen hat. Goebel hat zu dieser CD auch einen launigen Text im Beiheft beigesteuert, in dem er sich zur Geschichte der Violinsonate im Allgemeinen und zum Violin-Recital im Speziellen äußert.