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Mittwoch, 16. September 2020

Grigory Sokolov. Beethoven - Brahms - Mozart. (Deutsche Grammophon)

Grigory Sokolov ist als Pianist noch immer eine Klasse für sich. Seit vielen Jahren spielt der Musiker ausschließlich Solo-Recitals. Er tritt nur in Mitteleuropa auf, und er meidet Medienrummel ebenso wie Marketingstrategen. Er gibt keine Interviews, und er stellt seine Programme so zusammen, wie er es für richtig hält. 
Viele Jahre lang hat Sokolov keinerlei Aufnahmen erlaubt. Es ist ein großer Gewinn, dass er nun zumindest ausgewählte Live-Mitschnitte für eine Veröffentlichung freigibt. 
Denn seine Konzentration auf die Musik, seine brillante Technik und seine bewundernswerte Autonomie ermöglichen ihm Interpretationen von enormer Tiefe und Klarheit. Sokolov musiziert mit höchster Präzision; seine Artikulation ist atemberaubend, Nuancen- und Farbenreichtum seines Spiels sind faszinierend. Das ist Klavierkunst auf allerhöchstem Niveau, wie aus einer anderen Welt. 
Diese Box enthält die Sonate in C-Dur op. 2 Nr. 3 sowie die Bagatellen op. 119 von Ludwig van Beethoven, sowie die Klavierstücke op. 118 und 119 von Johannes Brahms und sieben wunderbare Zugaben. Diese wählt Sokolov stets mit derselben Sorgfalt aus wie die „großen“ Stücke. 
Zu hören sind in diesem Falle das Impromptu in As-Dur D 935/2 von Franz Schubert, Les Sauvages von Jean-Philippe Rameau, das Intermezzo in b-Moll op. 117/2 von Johannes Brahms, Le Rappel des Óiseaux, ebenfalls von Rameau, das Prelude in gis-Moll op. 32/12 von Sergej Rachmaninoff, Schuberts  Allegretto in c-Moll D 915 und Des pas sur la neige aus den Préludes von Claude Debussy. Als Zugabe gibt es außerdem eine DVD, mit Musik von Wolfgang Amadeus Mozart. 

Sonntag, 5. Juli 2020

Versailles - Alexandre Tharaud (Erato)

„Ces compositeurs baroques ont posé les bases de la musique française: impossible d’interpréter Saint-Saëns, Debussy ou Ravel en les dissociant de Couperin et Rameau”, meint Alexandre Tharaud. Er schätzt die Werke jener Väter der französischen Musik sehr, und er spielt sie auch gern – ungeachtet aller Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben, dass diese Werke zumeist für das Cembalo komponiert worden sind, mit vollkommen anderen technischen und auch klanglichen Möglichkeiten. 
Auf dieser CD lädt er uns ein, Musik zu erleben, die einst im Schloss Versailles erklungen ist. Das Programm reicht von Jean-Baptiste Lully, der dem Hof des Sonnenkönigs zu klanglicher Pracht verhalf, über Meister wie Jean-Henry d'Anglebert, Jean-Philippe Rameau, François Couperin oder Jacques Duphly bis hin zu Claude Balbastre, der erst nach der französischen Revolution starb. Und es stellt musikalische Formen vor, die damals sehr beliebt waren – von diversen Tänzen über die Variation bis hin zum Rondo. Tharaud zeigt, neben all dem musikalischen Prunk, der die Könige umglänzte, auch frühe Beispiele für Programmmusik – Le Rappel des oiseaux beispielsweise von Rameau, La Marche des Scythes von Joseph-Nicolas-Pancrace Royer oder aber Les Ombres errantes von Couperin machen die jeweilige Szene geradezu plastisch deutlich. 
Musiziert wird am modernen Konzertflügel, dessen klangliche Möglichkeiten der Pianist auch voll nutzt. Diese CD ist kein Versuch, historische Klangbilder zu rekonstruieren: Alexandre Tharaud spielt die barocke Musik aus der Perspektive der Moderne. So, wie er das macht, ist das aber interessant – wirklich sehr hörenswert. 


Donnerstag, 23. Mai 2019

Rameau: Le Temple de la Gloire (Philharmonia)

Es war eine Sensation, als im April 2017 in Berkeley die Oper Le Temple de la Gloire von Jean-Philippe Rameau (1683 bis 1764) in der originalen Version aus dem Jahre 1745 erklang. In dieser Fassung ist die Oper, deren Libretto immerhin von Voltaire stammt, seit ihrer Uraufführung nicht mehr zu hören gewesen. 
Die „Ur-Version“ galt als verloren; doch sie wurde in den Beständen der Jean Gray Hargrove Music Library an der University of California in Berkeley aufgespürt. Julien Dubruque von der Université Paris-Sorbonne hat sich damit eingehend wissenschaftlich auseinandergesetzt, und eine Notenedition erstellt. Sie bildet die Grundlage für die Aufführung sowie den Live-Mitschnitt, der das musikalische Geschehen auf zwei CD dokumentiert. 
Entstanden ist das Werk zur Ehre Ludwigs XV., und zur Erinnerung an die Schlacht von Fontenoy im Jahre 841. Mit dem Vertrag von Verdun zerteilten die Nachfolger Karls des Großen das fränkische Reich; es geht also im Kern um die Wurzeln und Ursprünge des Königreichs Frankreich. 
Davon freilich berichtet Rameaus Ballet héroïque nicht direkt. Es geht vielmehr sehr allegorisch-mythologisch zu: Drei Herrscher wollen dem Tempel des Ruhmes betreten, den Apollon errichtet hat, und den die Musen bewachen. Zwei von ihnen scheitern; der Kaiser Trajan jedoch, als Optimus Princeps, hat Erfolg. Im letzten Akt tritt der Ruhm auch persönlich in Erscheinung. 
Im Beiheft wird übrigens berichtet, Voltaire habe im Anschluss an diese Vorstellung, in festlicher Runde, laut die Frage gestellt, ob denn Trajan nun glücklich sei. Betretenes Schweigen und ein frostiger Blick des Königs sollen die Reaktion darauf gewesen sein. --
Macht Rameaus Musik uns heute glücklich? Zu hören sind Philharmonia Baroque Orchestra & Chorale unter der Leitung von Nicholas McGegan. Die Musiker des Orchesters und auch die Chorsänger sind mit dem barocken Gestus bestens vertraut. Leider lässt sich das von den Vokal- solisten nur teilweise sagen; nicht alle Stimmen sind so klangschön, schlank und beweglich, wie man sich das eigentlich erhofft. Man bedauert ein wenig, dass diese Vorstellung nicht als Video-Mitschnitt vorliegt. Die Fotos jedenfalls zeigen, dass La Temple de la Gloire auch ein Fest für das Auge gewesen sein muss. Prächtige Kostüme, Kulissen nach historischem Vorbild und barocke Choreographien leisten zum Gesamteindruck ohne Zweifel einen erheblichen Beitrag. 

Dienstag, 26. Juni 2018

Light Divine (Signum Classics)

Dies ist die zweite und vermutlich auch letzte CD, auf der der norwegische Knabensopran Aksel Rykkvin zu hören ist. Schon seine Debüt-Aufnahme, mit Arien von Bach, Händel und Mozart, sorgte für Aufsehen. Nun interpretiert der junge Sänger, der Mitglied des Knabenchores der Kathedrale von Oslo ist, erneut einige Arien Händels; das Programm wird ergänzt durch Werke von Tomaso Albinoni, Philipp Jakob Ritter und Jean-Philippe Rameau. 
Begleitet wird er dabei von dem norwegischen MIN Ensemble unter Leitung von Mark Bennett, der zudem die Besetzung des Kammermusikensembles kraftvoll durch Pauken und Barocktrompeten erweitert. Rykkvin singt sehr schön und auch klug; allerdings ist er jetzt im Stimmbruch und wird seine Karriere in Zukunft wohl als Bariton fortsetzen. 

Dienstag, 19. Dezember 2017

Brass Heralds - German Brass (Berlin Classics)

Brass Heralds heißt das neue Doppelalbum von German Brass, und es soll, eigentlich, kein Weihnachts- album sein. Doch wenn die virtuosen Blechbläser ihre Instrumente zur Hand nehmen, dann wird es garan- tiert festlich. Und so passen auch diese beiden CD ganz hervorragend in die Vorweihnachtszeit. 
Das Programm beginnt mit Musik von Johann Sebastian Bach, in höchst anspruchsvollen Bearbeitungen – ganz, wie es der Meister selbst einst hielt. So hatte Bach beispielsweise seinerzeit für die Sinfonia der Kantate Wir danken dir, Gott, wir danken dir BWV 29 zum Ratswechsel 1731 das Preludio seiner Partita für Violine BWV 1006 kunstvoll neu arrangiert. 
Die Bläser von German Brass beherrschen diese Kunst ebenfalls exzellent. Daher erklingen zahlreiche bekannte Melodien, von den Brandenburgi- schen Konzerten über die berühmte Toccata und Fuge in d-Moll BWV 538 bis hin zum Concerto in d-Moll BWV 596, das wiederum die Bearbeitung eines Konzertes von Antonio Vivaldi ist. 
Auch auf der zweiten CD sind wieder einige Werke Bachs zu hören. Dazu gesellen sich populäre Melodien aus der Feuerwerksmusik und der Wassermusik von Georg Friedrich Händel, ein Konzert von John Baston, ein Quartett aus der Tafelmusik von Georg Philipp Telemann, und eine Ouvertüre des französischen Komponisten Jean Philippe Rameau. 
Die zehn Bläser von German Brass nebst ihrem Schlagzeuger Herbert Wachter werden dabei von einer Vielzahl ebenso versierter Gäste unterstützt, teilweise auch durch ehemalige Ensemblemitglieder. So ist beispielsweise Enrique Crespo wieder beteiligt, von dem auch sehr viele Arrangements stammen. 
Und man staunt, wie farbenreich Trompeten, Posaunen, Hörner und Tuba tatsächlich klingen können. Nicht nur Glanz, Triumph und Gloria sind die Stärke dieses Blechbläser-Esembles. Die Virtuosen können auch Pianissimo – und sie musizieren mit atemberaubender Homogenität. Mitunter meint man beinahe, eine Orgel zu hören. Grandios! 

Dienstag, 17. Mai 2016

French Harpsichord Music (Brilliant Classics)

Eine umfangreiche CD-Box mit französischer Cembalomusik des
17. und 18. Jahrhunderts hat jüngst Brilliant Classics vorgelegt. 29 CD laden dazu ein, die Entstehung eines eigenständigen französischen Stils nachzuvollziehen. Diese Entwicklung ist untrennbar verbunden mit dem französischen Hof und seiner höfischen Ästhetik. 

Musikunterricht gehörte damals unbedingt zur Ausbildung junger Aristokraten: Der Adel ließ nicht nur musizieren; er tanzte und musizierte auch selbst. Die Musik wurde wie kaum eine andere Kunst zum Medium der französischen Herrscher, denn sie bot ideale Möglichkeiten zur Selbstinszenierung. Begonnen hat damit wohl Ludwig XIII.; Jacques Champion de Chambonnières (um 1600 bis 1672), der als Vater der französischen Cembalomusik gilt, gehörte als Cembalist der Chambre du roi und als Tänzer dem innersten Zirkel des Regenten an. Seine Kompositionen gehören zu den frühesten Werken in der Kollektion French Harpsichord Music
Vollendet wurde diese Entwicklung durch Ludwig IV., den Sonnenkönig. Künste und Wissenschaften betrachtete er als wesentliche Instrumente seiner Herrschaft. Deshalb förderte er sie mit Nachdruck. Und er festigte seine Macht nicht zuletzt durch grandiose höfische Feste, die ihn zum Vorbild für den gesamten europäischen Adel werden ließen. Die Musik jener Zeit vereint Pracht und Anmut, verspielte Eleganz und tänzerische Leichtigkeit. 
Die Box enthält das Gesamtwerk für Cembalo von Jean-Henri d’Anglebert (1629 bis 1691), dazu Kompositionen von Gaspard Le Roux (um 1660 bis 1707), Louis-Nicolas Clérambault (1676 bis 1749) und Louis Marchand (1669 bis 1732), die kompletten Pièces de clavecin von François Couperin (1668 bis 1733), einen Querschnitt aus den Werken von Antoine Forqueray (1672 bis 1745) und Jean-Baptiste Forqueray (1699 bis 1782), Vater und Sohn, das Gesamtwerk für Cembalo von Jean-Philippe Rameau (1683 bis 1764) und Joseph-Nicolas-Pancrace Royer (um 1705 bis 1755) sowie die Livres de pièces de clavecin von Jacques Duphly (1715 bis 1789). 
Damit umspannt die Box gut 120 Jahre französische Cembalomusik. Sie erscheint wie das Echo des Absolutismus in Frankreich; ihre Blütezeit endet mit dem Sturm auf die Bastille und der Revolution. An der Schwelle dieses Zeitalters wäre noch Claude Balbastre (1724 bis 1799) zu verorten; er wirkte zunächst als Organist und Cembalist bei Hofe, musste dann aber sehen, wie er weiterhin sein Brot verdiente. Und so wirkte er als Organist an Notre-Dame, von den Revolutionären zum Tempel der Wahrheit erklärt, und komponierte Fantasien über die neuen Hymnen und Variationen über die Marseillaise. Von ihm sind meines Wissens ebenfalls zwei Bände mit Cembalomusik überliefert; sie sind in dieser Box allerdings nicht enthalten. Vermissen könnte man eventuell noch die Werke von Louis Couperin (um 1621 bis 1661), dem Onkel von François Couperin. 
Ansonsten erscheint die Sammlung ziemlich vollständig. Das ist kein Zufall; Brilliant Classics hat in den letzten Jahren eine ganze Reihe bedeutender Neuaufnahmen französischer Cembalomusik vorgelegt. Die Einzelveröffentlichungen, darunter zahlreiche Weltersteinspielungen, wurden nun noch einmal in dieser Kollektion zusammengefasst. Das lohnt sich. Denn die zwischen 2005 und 2015 entstandenen Aufnahmen wurden von einigen der derzeit besten Cembalisten wie Pieter-Jan Belder, Fran- cesco Cera und Michael Borgstede eingespielt. Zu hören sind außerdem exzellente Nachwuchsmusiker wie Yago Mahúgo und Franz Silvestri – und natürlich auch die derzeit klangschönsten Nachbauten historischer Instru- mente.

Freitag, 29. Januar 2016

Sokolov - Schubert // Beethoven (Deutsche Grammophon)

Grigory Sokolov hat weitere Auf- nahmen für eine Veröffentlichung freigegeben. Auf CD 1 sind die vier populären Impromptus D 899 sowie die Drei Klavierstücke D 946 aus dem letzten Lebensjahr von Franz Schubert zu hören, aufgezeichnet bei einem Konzert im Mai 2013 in Warschau. Auch die zweite CD enthält einen Live-Mitschnitt, von einem Konzert im August 2013 in Salzburg. Hier spielt der Pianist die Hammerklavier-Sonate op. 106 von Ludwig van Beethoven, nebst Zuga- ben – fünf kleinen Charakterstücken von Jean-Philippe Rameau und dem Intermezzo in b-Moll op. 117 Nr. 2 von Johannes Brahms. 
Sokolov erweist sich erneut als ein Meister des großen Spannungsbogens. Die Musikstücke Schuberts beispielsweise spielt er erstaunlich flott, zwar durchaus poetisch, aber frei von aller Sentimentalität. Statt romantischer Behaglichkeit zeigt er Abgründe und Ausweglosigkeit. Er setzt geradezu ruppige Akzente, und bremst vor so manchem Harmoniewechsel mit einem extremen Rubato ab, wie man es lange nicht mehr gehört hat. Dennoch passt am Ende alles zusammen; nichts wirkt gewollt oder aufgesetzt – und was Sokolov aus den Noten zu Tage bringt, das lässt einen Schubert neu hören. 
Beethovens monumentale Hammerklavier-Sonate wiederum spielt der russische Pianist nicht wuchtig-heroisch, sondern schlicht, bedächtig und gänzlich ohne Pathos. Er stellt die Form in den Vordergrund, und arbeitet mit großer Sorgfalt eine Fülle von Details heraus. So vermeidet er den Eindruck des Kolossalen; das Werk erweist sich, wie Sokolov es liest, als erstaunlich feingliedrig und durchaus traditionsbezogen. Man höre nur die irrwitzige Fuge im letzten Satz – Sokolov musiziert stets überlegt und überlegen, alles ist wohlgeordnet, und es gibt keinen einzigen Moment, in dem er nicht die Strukturen ebenso wie den Klang im Griff hätte. Höhepunkt der Aufnahme ist aber der dritte Satz, Adagio sostenuto, von dem man gar nicht genug bekommen kann. Mehr als 20 magische Minuten schenkt der Pianist hier seinem Publikum – ich mag es nicht beschreiben; man muss es gehört haben, sonst glaubt man nicht, dass so etwas möglich ist. Ob die Sonate länger dauert, ob das Tempo langsamer ist als bei den berühmten Kollegen – diese Frage ist doch vollkommen unerheblich angesichts der Klarheit und Abgeklärtheit dieser Interpre- tation. 
Als Zugabe spielt Grigory Sokolov fünf kurze Stücke von Jean-Philippe Rameau. Dabei demonstriert der Pianist nicht nur seine Virtuosität in rasanten Läufen, Trillern und wilden Sprüngen. Sie sind ihm nicht Selbstzweck, sondern Gestaltungsmittel. Rameaus Miniaturen haben, darauf weist der Komponist hin, das Ziel „peindre les passions“ – und daran arbeitet Sokolov mit großer Hingabe. Er gestaltet Les Tourbillons, die Wirbelwinde, ebenso sorgsam wie Les Tendres Plaintes, die zärtlichen Klagen, oder Les Sauvages, die Wilden. Nichts ist hier Zufall, und am Ende wird alles Ausdruck. 
Als Schlusswort wählte der Pianist Brahms' b-Moll-Intermezzo – herb, sperrig, unmissverständlich. Man muss Sokolov sehr dankbar dafür sein, dass man dank dieser Aufnahmen seiner Kunst nun auch folgen kann, wenn man keine Gelegenheit hat, eines seiner Konzerte zu besuchen. Es lohnt sich, denn dieser Pianist ist ein Solitär: Grigory Sokolov ist auf der Suche nach der musikalischen Wahrheit, und geht diesen Weg kompro- misslos. Gott sei Dank.

Sonntag, 10. Mai 2015

Music for Brass Septet 2 (Naxos)

Drei Trompeten, zwei Posaunen, Bassposaune und Tuba – in dieser Besetzung musiziert das Blechbläser- septett Septura. Die erste CD des Ensembles, mit exzellent gespielten Bearbeitungen von Chorwerken und Orgelmusik aus dem 19. Jahrhundert, haben wir in diesem Blog bereits vorgestellt. Nun legen die Musiker ihre zweite CD vor – diesmal spielen sie Barockmusik, und auch damit können sie begeistern. Simon Cox und Matthew Knight, die künstle- rischen Leiter des Ensembles, haben erneut ebenso clevere wie klangschöne Arrangements für ihre Kollegen geschrieben. Auf Originale konnten sie nicht zurückgreifen, „there is no sustained body of brass chamber music for the simple reason that the instruments were not technically advanced enough“, merkt Knight im Beiheft an. „More than a centure before the invention oft the valve, trumpets were limited to the basic tonics and dominants of the harmonic series in all but thier highest range. So we turn a genre that often featered brass, but only in the context of a subservient pit-dwelling orchestra: Opera.“ 
Das sei gar nicht so einfach gewesen, meint Knight. Zwar seien selten mehr als vier Instrumente erforderlich, um alle erforderlichen Stimmen zu spielen. Eine Herausforderung sei es aber gewesen, die große Vielfalt der Klangfarben eines barocken Orchesters in Arrangements für Bläser- ensemble so zu berücksichtigen, dass das Ergebnis überzeugt. Wer die Aufnahmen anhört, der wird sehr bald feststellen, dass in diesem Falle die Quadratur des Kreises gelungen ist – durch einen sehr freien Umgang mit dem Original, was hier wiederum erstaunlich dicht zurück an die barocke Substanz führt. 
Es erklingen eine Suite aus der Oper Dardanus von Jean-Philippe Rameau, A Mournful Masque aus John Blows Oper Venus and Adonis, Musik aus The married Beau or The curious Impertinent Z 603 von Henry Purcell sowie eine Suite aus Händels Oper Rinaldo. Die CD, die mit dem berühm- ten Lascia ch'io pianga endet, dürfte beim Publikum erneut Begeisterung auslösen. Die Musiker des britischen Septetts, dem Solisten des London Symphony Orchestra, Philharmonia Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Royal Philharmonic Orchestra und City of Birmingham Symphony Orchestra angehören, begeistern mit Virtuosität und Spielfreude. Ton- meister dieser Aufnahme war übrigens Phil Rowlands, dreifach für den Grammy nominiert und derzeit einer der besten Experten Großbritanniens. Rundum gelungen!

Samstag, 24. Januar 2015

Sokolov - The Salzburg Recital (Deutsche Grammophon)

„Grigory Sokolovs Klavierspiel bewegt sich mehr und mehr im intergalaktischen Raum. Längst ist der russische Pianist sein eigenes Universum“, urteilten die „Salzburger Nachrichten“ über das Konzert, das er im Sommer 2008 bei den Salzburger Festspielen gegeben hat. Der Mitschnitt ist nun bei der Deutschen Grammophon erschienen. Das Unternehmen teilte jüngst mit, der Musiker habe im Oktober 2014 einen Vertrag mit dem Label unterzeichnet. 
Beides löst großes Erstaunen aus – denn Sokolov ist bekannt für seinen rigiden künstlerischen Anspruch. So tritt er schon seit Jahren nicht mehr mit Orchestern auf, weil er die üblichen Probenzeiten als unzureichend empfindet. Er spielt ausschließlich Solo-Abende, und nur 70 Konzerte pro Jahr. Jeweils im Januar und Oktober wechselt er das Repertoire. Die letzte Aufnahme eines Konzertes mit Grigory Sokolov ist 1996 erschienen; sie war bereits 1992 aufgezeichnet worden. 
Sokolovs Manager hat allerdings veranlasst, dass einige Konzerte des Pianisten mitgeschnitten wurden – zum einen, um seine Kunst für die Nachwelt zu dokumentieren, zum anderen in der Hoffnung darauf, dass der Künstler sie eines Tages für eine CD-Veröffentlichung freigeben wird. Mit der Deutschen Grammophon scheint Sokolov nun ein Label gefunden zu haben, das zu seinen Ideen passt. Die vorliegende CD sei „ein Statement“, so das Unternehmen: „Seine Alben werden ausschließlich Live-Auftritte wiedergeben. Kein Stück spielt er zweimal auf die gleiche Weise. Daher werden die Aufnahmen auch nicht bearbeitet. Sie sind, wie sie sind. Einmalig. Glücklicherweise kann sich Sokolov mit dem Gedanken anfreunden, diese einmaligen Erlebnisse einer größeren Hörerschaft zugänglich zu machen.“ 
„Sokolov – The Salzburg Recital“ gibt einen Vorgeschmack auf all die phantastischen Konzerte, die in Zukunft zumindest auf CD zu erleben sind, wenn man nicht zu den Privilegierten gehört, die es sich leisten können, dem Pianisten hinterherzureisen. In Salzburg spielte Sokolov zunächst die zwei Sonaten in F-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart KV 280 und 332. Da ist nichts Hübsches, Oberflächlich-verspieltes zu vernehmen; Sokolov interpretiert Mozarts Werke mit großer Sorgfalt, Klarheit und Intensität. Und man staunt, wie nahe diese Musik plötzlich Beethovens Klavier- sonaten ist – das ist nicht das galante Rokoko, das ist schon fast Wiener Klassik, mit ihrer ganzen Ausdruckstiefe. 
In den 24 Préludes op. 28 von Frédéric Chopin begeistert Sokolov mit einer schier überwältigenden Palette an Klangfarben. Auch die beiden Chopin-Mazurken, die der Pianist im Anschluss als Zugaben spielt, gestaltet er mit höchster Präzision und schier unglaublichen Nuancen. Sokolov eilt nicht, seine Tempi sind so gewählt, dass jede Phrase perfekt erklingt und wirken kann. Das ist faszinierend, ja, das hat magische Kraft; so möchte man diese Musik immer und immer wieder hören. 
Zu den sechs (!) Zugaben gehören zudem zwei rätselhaft-flüchtige Poèmes von Alexander Scriabin und das reich ausgezierte Les Sauvages aus den Nouvelles Suiten de pièces de clavecin von Jean-Philippe Rameau. Sokolov beendet das Programm mit dem Choralvorspiel Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ aus Johann Sebastian Bachs Orgelbüchlein. Da bei diesem Piani- sten nichts Zufall ist, mag man das als Botschaft verstehen. Es gibt eben keine virtuose Turnübung, keinen brillanten Kehraus zum Finale. Auch das ist große Kunst. Auf die nächsten Konzert-Mitschnitte mit Grigory Sokolov jedenfalls darf man bereits sehr gespannt sein. 

Mittwoch, 19. Juni 2013

Rameau in Caracas (Paraty)

Über Jean-Philippe Rameau (1683 bis 1764) und seine Bedeutung für die französische Musik ist in die- sem Blog bereits an anderer Stelle einiges zu lesen. Hier sei nun eine nicht alltägliche CD mit Werken des Komponisten empfohlen. Sie zeichnet sich durch eine geradezu ansteckende Musizierlust und Spielfreude aus - hinreißend!
Für dieses Programm haben sich die Solisten des Simón Bolívar Symphony Orchestra of Venezuela den Cembalisten Bruno Procopio eingeladen. Und obwohl sie auf modernen Instrumenten musizieren, und die Besetzung so manches europäische Sinfonieorchester schlank aussehen lässt, hat „Rameau in Caracas“ eine verblüffende Ausstrah- lung.
„J’ai surtout voulu susciter la curiosité des musiciens de l'Orchestre pour une musique vers laquelle ils ne se seraient pas tournés spon- tanément ; je souhaitais aussi me confronter à un orchestre qui n'avait pas eu l'opportunité d'aborder la musique baroque française, afin de construire une identité musicale à partir de zéro“, erläutert Procopio. „J'ai pu ainsi concrétiser toute la vision que j'ai de cette musique et j'ai trouvé un terrain d'accueil dépourvu d'a priori.“ 
Der brasilianische Cembalist, der am Conservatoire National Supe- rieur de musique et danse de Paris bei Christophe Rousset und bei Pierre Hantai studiert hat, hat erkannt, dass die venezolanischen Musiker Tänze sozusagen im Blut haben. Und er hat dies zur Grund- lage des Projektes gemacht – eine kluge Entscheidung. So elegant und zugleich rhythmusbetont, leidenschaftlich und zugleich beschwingt habe ich jedenfalls Rameau noch nie gehört.
Die Beteiligten bedauern allerdings, dass nicht alle Orchestermit- glieder mitspielen konnten: „Una música hermosa e interpretada con pasión y conocimiento de causa es necesariamente bien acogida por parte del público. Sin duda, somos apreciados gracias al importante espacio sinfónico que ocupamos en la escena international, pero llevar a cabo proyectos en formación reducida nos aporta una mayor precisión musical y también nos proporciona una ocasión extraordinaria para enriquecer nuestra paleta artística.“

Samstag, 24. November 2012

The Complete Harpsichord Works of Rameau (Sono Luminus)

Jean-Philippe Rameau (1683 bis 1764) war der Sohn eines Orga- nisten. Seine Ausbildung begann er bei seinem Vater, und seine musi- kalische Laufbahn begann er als Orchestergeiger und Organist. Und obwohl er mit seinen musiktheore- tischen Schriften gewichtige Bei- träge insbesondere zur Harmonie- lehre leistete, sah es zunächst ganz danach aus, als würde Rameau bis an das Ende seines Musikerlebens in wechselnden Kirchen die Orgel spielen. 
Der Komponist war schon 50 Jahre alt, als er Hippolyte et Aricie, seine erste tragédie en musique, vorstellte - was ihn über Nacht berühmt machte. Die Werke für die Bühne bescherten ihm Wohlstand und Ansehen. Ludwig XV. erhob Rameau in den Adelsstand, ernannte ihn 1845 zum Compositeur de la Musique du Cabinet du Roi, und gewährte ihm eine großzügige Pension. Dabei hatte Rameau nach 1706 - da erschien sein Premier Livre de Pièces de Clavecin - bereits gut 50 Stücke für Cembalo veröffentlicht, die ihm aber lang nicht so viel Aufmerksamkeit einbrachten.
Wieso eigentlich nicht? Das fragt man sich heute. Jory Vinikour hat sämtliche Cembalo-Werke Rameaus für Sono Luminus eingespielt - und die beiden CD enthalten so manche Überraschung. Denn etliche dieser kleinen Stücke, die zumeist ziemlich kurz sind, erweisen sich als kühne musikalische Experimente. Da findet sich mitten in einer Suite, zwischen den üblichen Tänzen, auf einmal ein Satz mit dem Namen Le Rappel des Oiseaux, und zu hören ist in der Tat, wie sie herumfliegen, hüpfen und Körnchen picken. Sind es Anfangs nur einzelne Bilder, die der Komponist einbindet, bestehen seine Suiten später fast ausschließlich aus derartigen Miniaturen. 
Vinikour spielt diese musikalischen Charakterstückchen mit Hingabe. Er setzt, in bester französischer Tradition, auf Ausdruck und Eleganz. Dazu passt auch das Instrument, auf dem er musiziert, ganz ausge- zeichnet. Es handelt sich um ein klangstarkes zweimanualiges Cembalo, das Thomas und Barbara Wolf, The Plains, Virginia/USA, 2005 nach einem Vorbild von Nicolas Dumant aus dem Jahre 1707 angefertigt haben. Der französische Hof besaß einige seiner Instru- mente. Dieses hier zeichnet sich durch die kontrastreichen Klang- farben aus, die aufgrund der beiden Manuale zur Verfügung stehen. Vinikour reizt diese Möglichkeiten aus - und das Ergebnis ist faszi- nierend. Unbedingt anhören! 

Montag, 14. Mai 2012

Une fete Baroque! (Virgin Classics)

Rameau, Lully, Purcell und Händel - Werke dieser Komponisten wähl- te Emmanuelle Haim für das große Jubiläumsfest ihres Ensembles Concert d'Astrée. Auf dieser Doppel-CD liegt nun der Mitschnitt des barocken Festes vor, das das Orchester, dirigiert von seiner Gründerin, mit 24 (!) prominenten Sängerinnen und Sängern am 19. Dezember 2011 im Pariser Théatre des Champs-Elysées feierte. 
Der Mitschnitt vermittelt auch einen Eindruck von der Stimmung, die dieses musikalische Feuerwerk der Extraklasse zauberte. Das Publikum reagiert geradezu euphorisch - was allerdings auch kein Wunder ist, denn etliche Sänger lassen es regelrecht krachen. Das liegt nicht jedem der beteiligten Stars glei- chermaßen, doch der Jubel des Publikums zeigt deutlich, dass einige Sänger und Musiker gern auch ihr theatralisches Talent zur Geltung bringen. Die schönen Töne verstehen sich bei Künstlern wie Natalie Dessay, Patricia Petibon, Sandrine Piau, Anne Sofie von Otter, Pascal Bertin, Philippe Jaroussky oder Rolando Villazon ohnehin quasi von selbst. Was für eine Party! Hier wird mit Lust und Leidenschaft musiziert. Zum Abschluss erklingt schließlich Händels Hallelujah – begeistert mitgesungen auch im Saal. Wer die Doppel-CD erwirbt, der unterstützt ebenso wie das Publikum jenes denkwürdigen Abends das Révolution-Cancer-Programm, ein Krebs-Forschungsprojekt der Fondation Gustave Roussy. 

Dienstag, 3. Januar 2012

Rameau: Pièces de Clavecin; Chassot (Genuin)

"Schon immer hat mich der Klang des Akkordeons fasziniert", sagt Viviane Chassot. "Allerdings gefiel mir die Musik, die darauf gespielt wurde, überhaupt nicht. Als ich entdeckte, dass es möglich ist, auf dem Akkordeon auch klassische Musik zu spielen, schien der Weg klar." Denn mittlerweile hat das Akkordeon auch seinen Raum an den Musikhochschulen und auf dem Konzertpodium erobert. 
Viviane Chassot hat in Bern bei Teodoro Anzelotti studiert; sie hat etliche Preise gewonnen, und ist eine gefragte Solistin. Nach ihrem Debüt bei Genuin, das sie mit So- naten von Joseph Haydn bestritten hat, wählte sie nun für diese CD einige der Pièces de Clavecin aus dem reichen Werk von Jean-Phi- lippe Rameau (1683 bis1744). "Vitalität, verspielte Leichtigkeit und Witz, aber auch die tiefe Ernsthaftigkeit lyrisch angelegter Sätze machen die Suiten abwechslungsreich und lassen sehr viel Spiel- freiheit und Fantasie zu", erläutert Chassot. "Dank dem breiten klanglichen und dynamischen Spektrum des Akkordeons lassen sich die verschiedenen Affekte sehr gut umsetzen. Wie es Rameau gelingt, in kürzester Zeit die verschiedensten Szenen, Bilder, Stimmungen und Charaktere zu skizzieren und auf den Punkt zu bringen, fasziniert mich." 
Rameaus Stücke sind Kabinettstückchen, Miniaturen, die beispiels- weise einen Hühnerhof lautmalerisch imitieren - und unversehens zu einem musikalischen Bild der Eitelkeit werden. Hörbar wird aber auch, dass dieses Laster den Menschen aus dem seelischen Gleich- gewicht bringt; diese Musik ist sprunghaft, unausgeglichen und voller Unruhe. Chassot hat sich für Les Cyclopes, Le Rappel des Oiseaux und Les Soupirs aus den Pièces de Clavecin von 1724 entschieden, und für die Suite in g-Moll/G-Dur, zu der unter anderem das berühmte L'En- harmonique gehört, und eine Suite in a-Moll/A-Dur aus den Nouvel- les Suites de Pièces de Clavecin von 1728. 
Auch wenn diese Werke ursprünglich für Cembalo entstanden sind, gelingt es der Musikerin ausgezeichnet, sie auf das Akkordeon zu übertragen. Dabei löst sie sich von der Vorstellung, das Original penibel umsetzen zu müssen. "Wichtig ist mir bei der Interpretation dieser Stücke der Kompromiss zwischen stilgerechter historischer Aufführungspraxis und den spezifischen klanglichen Möglichkeiten des Akkordeons", unterstreicht Chassot. "Die Flüchtigkeit eines Kielflügels wird auf dem Akkordeon zwar nie hörbar sein, da die Tonerzeugung nicht so unmittelbar stattfindet wie auf dem Cembalo. Dennoch kann auch der Klang des Akkordeons auf berührende Weise fragil sein." 
Der Hörer dieser CD wird dies erfreut bestätigen. Man staunt darüber, welche Lösungen die Akkordeonistin jeweils gefunden hat, das Klang- bild des Cembalos adäquat auf ihr Instrument zu übertragen. Ihr Spiel ist brillant, und ihr Umgang mit dem Instrument ist blitzgescheit - das macht die Aufnahme zu einem absoluten Hörvergnügen. Brava! 

Mittwoch, 4. Mai 2011

Rameau: Zais / Hippolyte et Aricie (Crystal Classics)

Jean-Philippe Rameau (1683 bis 1764) stammte aus einer Organi- stenfamilie, und lange sah es so aus, als sollte er ebenfalls sein Da- sein in diesem Beruf fristen. Der Komponist war schon 50 Jahre alt, als er Hippolyte et Aricie, seine erste tragédie en musique, auf die Bühne brachte - und über Nacht damit berühmt wurde. Er sollte noch etliche weitere Werke für die Bühne schaffen, die ihm Wohlstand und eine große Anhängerschar bescherten. 
Ludwig XV. erhob Rameau in den Adelsstand, er wurde 1845 zum Compositeur de la Musique du Cabinet du Roi ernannt, und erhielt obendrein eine Pension in Höhe von 2000 Livres. Rameaus Musik folgt der französischen Tradition; sie ist einfallsreich, aber für heutige Ohren auch reichlich konventionell. Michi Gaigg spielt die Orchester- suiten aus Zais und Hippolyte et Aricie mit ihrem L'Orfeo Barock- orchester frisch und tänzerisch, sehr passend für das ballettlastige französische Musiktheater jener Zeit.