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Sonntag, 3. November 2019

Sonatas for two violins (Audax)

Zwei Geigen sind fast schon ein Orchester – den Bass jedenfalls vermisst man nicht bei den virtuosen Musikstücken, die Johannes Pramsohler und Roldán Bernabé auf dieser CD vorstellen. Das Programm führt uns in das 18. Jahrhundert, nach Frankreich, und das meinte damals: Paris. Wer es als Musiker zu etwas bringen wollte, den zog es in die Hauptstadt – und hervorragende Geiger scheint es damals etliche gegeben zu haben. 
Pramsohler und Bernabé haben aus einem umfangreichen Bestand an Kompositionen à deux violons sans basse eine spektakuläre Auswahl zusammengestellt. Sie spielen Musik von Louis-Gabriel Guillemain (1705 bis 1770), Jean-Pierre Guignon (1702 bis 1774), Jean-Marie Leclair (1697 bis 1764) und Étienne Mangean (um 1710 bis vermutlich 1756), die sehr zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist. 
Diese Stücke bezaubern durch Eleganz und Charme, sie bieten den beiden Solisten aber auch hinreichend Gelegenheit, ihre Virtuosität unter Beweis zu stellen. Denn technisch sind diese Kompositionen höchst anspruchsvoll, die Herausforderungen sind enorm. Und zwar für jeden der beiden Duo-Partner. „Die Rollenverteilung ist in den meisten Werken dieselbe“, schreibt Pramsohler: „Beide Geiger sind gleichberechtigt. Jeder ,darf' mal Melodie und jeder ,muss' mal Bass machen. Oft – vor allem beim französischen Meister des Kontrapunkts Leclair – sind die Stimmen auf so intelligente Weise ineinander verflochten, dass man als Zuhörer Mühe hat, die beiden Spieler auseinanderzuhalten.“ 
Das Ergebnis aber ist hinreißend: „Man glaubt es kaum, wieviel Klang ohne ein Bassinstrument entstehen kann“, stellt Johannes Pramsohler fest – und der Zuhörer wird zudem staunend feststellen, wie abwechslungs- reich man auf zwei Geigen musizieren kann. C'est très magnifique – bravi!

Montag, 16. Juli 2018

French Sonatas for Harpsichord and Violin (Audax)

Mit dieser Aufnahme laden Philippe Grisvard und Johannes Pramsohler ein, sie auf einer Reise in die Musikgeschichte zu begleiten. Sie führt nach Frankreich, wo im Jahre 1740 der Geiger Jean-Joseph Cassanéa de Mondonville (1711 bis 1772), königlicher Konzertmeister, eine Innovation vorstellte, die nicht nur Musiker überraschte: In seinen Pièces de clavecin en sonates avec accompagnement de violon op. 4 macht er das Cembalo vom Continuo-Instrument zum Solisten; es erklingt nicht mehr als Begleiter, sondern als Partner der Violine. 
Zum ersten Male hatte Johann Sebastian Bach dieses Modell gewählt; schon vor 1725 entstanden die Sei Suonate à Cembalo certato è Violino Solo – dass diese Sonaten in Abschriften bis nach Frankreich gelangt sind, erscheint allerdings nicht sehr wahrscheinlich. 
Vermutlich lag es einfach nahe, diese Möglichkeit des Musizierens auszuprobieren; sie ist der Triosonate verwandt, wobei die Violine und die rechte Hand der Cembalostimme konzertieren, während die linke Hand dazu den Bass spielt. Jean-Joseph Cassanéa de Mondonville scheint ohnehin recht experimentierfreudig gewesen zu sein, denn er setzt ganz auf italienische Vorbilder, was in Frankreich lange verpönt war. Aber letztendlich begeisterten die Konzerte von Corelli und Vivaldi auch das Pariser Publikum. 
Mit seinem kühnen Wurf beeindruckte der Violinvirtuose die Zuhörer ebenso wie seine Kollegen. Pramsohler und Grisvard zeigen mit ihrer Einspielung, wie Zeitgenossen sich von dem neuen Modell inspirieren ließen und wie sie es weiterentwickelt haben. Auf ihrer Doppel-CD präsentieren sie zahlreiche Werke, die in Vergessenheit geraten waren, und daher oftmals in Weltersteinspielungen erklingen. 
Zu hören ist anspruchsvolle Musik von Claude Balbastre (1724 bis 1799), Charles-François Clément (um 1720 bis 1782), Michel Corette (1707 bis 1795), Jacques Duphly (1715 bis 1789), Louis-Gabriel Guillemain (1705 bis 1770) und Luc Marchand (1709 bis 1799). Sie alle finden ihre eigenen Wege, Violine und Cembalo attraktiv miteinander zu kombinieren. 
Philippe Grisvard und Johannes Pramsohler zünden ein prächtiges Klangfeuerwerk, das mit einer Vielzahl unterschiedlicher Farben und Effekte begeistert. Sowohl der Cembalist als auch der Geiger sind Virtuosen, und sie musizieren mit Leidenschaft und bestens aufeinander abgestimmt. 

Montag, 20. April 2015

Guillemain: Sonates en Quatuors (Raumklang)

Louis-Gabriel Guillemain (1705 bis 1770) war, so berichtet ein Zeitge- nosse, der deutsche Musikwissen- schaftler Friedrich Wilhelm Marpurg, „ein Mann für den keine Schwürig- keit zu groß ist, die er nicht beim ersten Anblick vom Blatte weg, in der möglichsten Vollkommenheit treffen sollte. Seine Compositionen sind ziemlich bizarre, und studirt er täglich darauf, sie noch immer bizarrer zu machen“
Der Geiger war das Ziehkind eines Edelmannes; er war Schüler von Jean-Marie Leclair und Giovanni Battista Somis. 1729 wurde Guillemain Orchestermitglied an der Oper in Lyon, 1734 Konzertmeister in Dijon. 1737 avancierte er zum musicien ordinaire de la Chapelle et le Chambre du Roy in Versailles. Unter den Musikern des Königs stand er auf der Gehaltsliste gleich hinter dem Starviolinisten Jean-Pierre Guignon auf Rang zwei. Dennoch war er mit seinem Dasein nicht wirklich zufrieden; die Bettelbriefe, die er seinen Gönnern schrieb, erinnern fatal an die Mozarts. Schließlich wurde er mit 14 Messerstichen im Körper aufgefunden. Sein Ableben wurde zu einem Selbstmord erklärt, und die Leiche schnell verscharrt. 
Das erscheint ziemlich merkwürdig, zumal der Musiker als Geiger wie als Komponist ziemlich geschätzt war. Das Rätsel um das Lebensende des Musikers werden wir, aus heutiger Perspektive, wohl nicht mehr lösen können. Seine Musik allerdings erscheint weit weniger rätselhaft als sein Lebensweg. Das Ensemble Barockin' hat vier seiner Sonates en quatours eingespielt, zwei davon in Weltersteinspielung. Es sind graziöse, sehr elegante Stücke, durch den Komponisten bestimmt für Traversflöte, Violine, Viola da gamba und Basso continuo. Allzu gelehrte Formen vermied Guillemain ebenso wie krasse Kontraste oder drastischen Affekt-Ausdruck. Dennoch ist seine Musik nicht oberflächlich. Und für den Geiger hält Guillemain allerhand technische Überraschungen bereit. Seine Stärke ist die Melodie, darin brilliert er – und die Musiker des Ensembles Barockin' mit ihm. Ihre Interpretation vereint Musizierlust und Anmut. Bravi!

Dienstag, 29. Mai 2012

Birth of the Violin (Solo Musica)

Nach dem Ursprung der Violine forscht diese CD - mit einem gewissen Augenzwinkern. Denn anders als bei Birth of the Cello, wo Julius Berger auf einem wunder- vollen Amati-Violoncello, einem der ältesten noch spielfähigen Celli, zwei der ältesten bekannten Werke für dieses Instrument vorgestellt hat, lassen sich die ersten Kompositionen für Violine nicht so einfach identifizieren. 
Die Auswahl, die dann letzten Endes getroffen wurde, begründet Reinhard Goebel in einem launigen Begleittext, den man in den schön gestalteten Beiheft nachlesen kann. Der Geiger, der mit seinem Ensemble Musica Antiqua Köln so manches Werk aus dem Archiv zurück auf die Bühne gebracht hat, wirkte wohl auch als spiritus rector hinter dieser CD, wie man es sich besser kaum wünschen könnte. 
Birth of the Violin widmet sich also der Musik "vor Bach" - und stellt damit zugleich das Fundament vor, auf dem dieser seine Werke für Violine solo errichtet hat, diese staunenswerten Kathedralen des Klanges, die heute viele für einzigartig halten. Doch das waren sie nicht, meint Goebel. Und verweist auf die Violinsoli eines Johann Paul von Westhoff, eines Heinrich Ignaz Franz Biber, doch auch auf Werke von Bach-Zeitgenossen wie die einzige Solo-Sonate von Johann Georg Pisendel. Es erklingen auf dieser CD zudem eine Etüde von Francesco Gemiani, die erahnen lässt, wie seinerzeit ein Geiger geübt hat, eine Fantasia von Nicola Matteis, Furstemberg-Variationen von Louis-Gabriel Guillemain, und eine Partite für Violin Solo von Fried- rich Wilhelm Rust. Er war ein Schüler der Bach-Söhne, und versuchte, durch Innovation wettzumachen, was ihm an Tiefe mangelt. 
Rebekka Hartmann stellt all diese Werke vor. Dabei verwendet sie zwei unterschiedliche Instrumente - zum einen eine Stradivari aus dem Jahre 1675, zum anderen eine Violine, die Nicolo Amati 1669 gebaut hat, und die auch unter dem Namen The Rethi bekannt ist. Bei dem Werk von Rust setzt sie zudem einen "modernen" Geigenbogen ein. So wird auch die Entwicklung der Geige vom Barock, das einen süßen, obertonreichen Klang bevorzugte, hin zum romantischen Klangideal, das mehr Lautstärke, Tiefe und Kraft forderte, hörbar. 
Die Solistin zeigt sich technisch versiert, und dem Geist dieser Musik aus der Vergangenheit gegenüber offen. Das Ergebnis beeindruckt. 
"Dieses CD-Projekt war für mich eine der interessantesten Aufgaben meines bisherigen Musikerlebens. Ich entdeckte ein außergewöhn- liches Programm für Solo-Violine, welches mir zum größten Teil unbekannt war", resümiert Rebekka Hartmann. "Es erfüllt mich mit Stolz, hier diese Werke teils zum ersten Mal präsentieren zu dürfen."  Denn alle Werke mit Ausnahme jener Bibers und Pisendels erklingen auf dieser CD in Weltersteinspielung - und sie haben genug Format, um das Repertoire auch dauerhaft zu bereichern.