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Sonntag, 25. Juli 2021

Markus Becker - Solitude. Haydn Piano Works II (Avi-Music)


 Zum zweiten Male hat sich Markus Becker dem Werk von Joseph Haydn zugewandt. Dieses Album zeigt uns den Musiker erneut in einer geradezu philosophischen Tiefe. Dazu hat sicherlich auch die lang andauernde Generalpause angesichts des Corona-Virus mit beigetragen: „Die Zeit ohne Konzerte in den Wochen vor der Aufnahme, der Lockdown über halb Europa, das Verschwinden des öffentlichen Lebens und der Rückzug ins Private – das hat die Sinne geschärfte für Nuancen und kleinste Farbstufen, für das Hören nach Innen.“ 

Für das Album hat Becker die Sonaten in c-Moll und in g-Moll, Hob. XVI:20 und 44, sowie die 12 Variationen Es-Dur Hob. XVII:3 und das Andante con variazioni Hob. XVII:6 ausgewählt, die besonders die ruhig-introvertierte Seite des Komponisten zeigen. Das freilich ist nur die Fassade, hinter der es durchaus sehr lebendig und vor allem auch farbenreich zugeht. 

In seiner Abgeschiedenheit („Solitude“), fernab von Wien, hat Haydn ein ganzes Kaleidoskop von Ausdrucksmöglichkeiten gefunden. „Ganz allgemein gesagt ist Haydn für mich der Komponist der Möglichkeiten, des Konjunktivs“, erläutert Becker: „Seine Musik kann ruhig fließen und gleichzeitig dramatisch sein, komisch und ernst, vorwärtsdrängend und rückblickend. Es sind Melancholie, Humor und Ambivalenzen, die seine Musik für mich zum Lebensmodell machen.“ 

Diese Nähe hört man auch. Niemand sonst spielt diese Werke derart feinsinnig und luzide. Es ist faszinierend; ich freue mich schon jetzt auf eine Fortsetzung. 


Freitag, 31. Januar 2020

Buxtehude:Ciaccona: Il Mondo che Gira (Alpha)

Eine beliebte Kompositionsmethode in der Barockzeit war es, ein Stück auf einem kurzen Thema im Bass aufzubauen, das beständig wiederholt wurde. Dieser gleichbleibende Ostinato-Bass gab den Musikern die Möglichkeit, Oberstimmen mit umso größerer Freiheit zu gestalten. Auch Dieterich Buxtehude (um 1637 bis 1707) schätzte diese musikalische Technik, wie diese Einspielung beweist. Das Ensemble Stylus Phantasticus hat dafür nicht nur im Orgelwerk, sondern auch in etlichen anderen Kompositionen des norddeutschen Meisters Beispiele gefunden und zu einem attraktiven Programm zusammengestellt. 
Dieser Aufnahme zu lauschen, ist rundum ein Genuss. Neben Sonaten erklingen insbesondere die Passacaglia BuxWV 161 und die Ciaccona BuxWV 160 – und zwar in Arrangements für zwei Violinen, Viola da gamba und Basso continuo. Glanzpunkte setzen die Sopranistin María Cristina Kiehr mit der Solokantate Herr, wenn ich nur dich hab‘ BuxWV 38 sowie Víctor Torres mit Quemadmodum desiderat cervus BuxWV 92, einer Ciaccona für Bariton, zwei Violinen und Basso continuo. 
Das Ensemble präsentiert zudem eine Sonate von Dietrich Becker (um 1623 bis 1679), einem Zeitgenossen Buxtehudes, einem renommierten Violinisten, der zuletzt als Leiter der Ratsmusik und als Musikdirektor am Dom in Hamburg wirkte. Obwohl von ihm erstaunlich viele Werke überliefert sind, steht seine Wiederentdeckung noch bevor.  

Donnerstag, 25. April 2019

Bach: Matthäuspassion (Naxos)

Pünktlich zum Osterfest veröffent- lichten Bachchor und Bachorchester Mainz ihre Interpretation der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach. Ralf Otto, der den Chor seit 32 Jahren leitet, setzt einmal mehr auf das Motto: „Histo- risch informiert, aber zeitgemäß interpretiert.“ 
Das Ergebnis begeistert. Und so verwundert es auch nicht, dass für die Einspielung renommierte Solisten gewonnen werden konnten, allen voran Georg Poplutz in der Partie des Evangelisten. Die Jesus-Worte singt Matthias Winckhler. Bei den Arien achtet Otto sehr genau darauf, welchem Chor sie zugeordnet sind. Daher sind die Solisten in allen vier Stimmlagen doppelt besetzt – was für ein Luxus! 
Auch sonst achtet Ralf Otto wenig auf Aufführungstraditionen, und umso genauer auf die Noten. Das führt dann dazu, dass auch bei dieser Aufnahme viele Details wahrnehmbar werden, die sonst oft nicht zu hören sind. Auch die Tempi, die Otto wählt, sorgen da für so manche Überraschung. 
Hier wird Text ausgelegt mit musikalischen Mitteln. Man höre nur, wie der Chor die Choräle singt – die Wirkung ist verblüffend. Vielfach verzichtet Otto auf Rasanz, und setzt statt dessen auf Ausdruck und Klarheit. Das bekommt beispielsweise dem Eingangschor ausgezeichnet, dem man die Klage in diesem Falle tatsächlich abnimmt. Transparenz bieten aber nicht nur die Chöre, sondern auch die Musiker des Orchesters. Mit ihrem Spiel unterstreichen sie die Aussage der Vokalisten. So sollte es sein; einmal mehr setzen Bachchor und Bachorchester mit dieser Aufnahme Maßstäbe.

Mittwoch, 21. März 2018

Bach meets Vivaldi - Lautten Compagney Berlin ( K&K)

Wenn man diese Aufnahme aus der Edition Kloster Maulbronn angehört hat, weiß man, warum das Sprich- wort sagt, der Himmel hänge voller Geigen. Die Lautten Compagney Berlin war am 26. Mai 2017 zu Gast in der Klosterkirche – und spielte gemeinsam mit Julia Schröder unter dem Titel „Bach meets Vivaldi“ einige der schönsten Violinkonzerte überhaupt. 
Das Programm beginnt mit dem berühmten Doppelkonzert in d-Moll BWV 1043 von Johann Sebastian Bach, als Solisten sind Birgit Schnurpfeil, die Konzertmeisterin der Lautten Compagney, und Julia Schröder zu hören. Die Freiburger Violinprofessorin spielt auch die Soloparts der beiden anderen Bach-Konzerte BWV 1041 und 1042. Im Programm wechseln sie sich ab mit Violinkonzerten von Antonio Vivaldi. Und hier sind zunächst alle Streicher Solisten, denn das Concerto in h-Moll RV 580 für vier (!) Violinen, zwei Violen, Violoncello und Basso Continuo aus der Sammlung L'Estro Armonico hält für alle Beteiligten höchst anspruchsvolle Aufgaben bereit. 
Das Concerto in d-Moll RV 565 für zwei Violinen, Violoncello, Streicher und Basso continuo gestalten Birgit Schnurpfeil und Matthias Hummel. Es ist sehr interesssant, diese Werke neben Bachs Konzerten zu hören, denn dieser hat sich mit Vivaldis Musik sehr eingehend beschäftigt – das Konzert RV 565 hat Bach sogar für die Orgel bearbeitet (BWV 596). 
Das g-Moll-Konzert RV 157 folgt noch der ursprünglichen Idee der damals neuen Gattung, ein Streicherorchester mit Basso continuo musizieren zu lassen. Das gelingt traumhaft. Und daher sollen an dieser Stelle auch die weiteren Mitwirkenden benannt werden: Daniela Gubatz, Violine, Bettina Ihrig, Viola, Magdalena Schenk-Bader, Violine/Viola, Ulrike Becker, Violoncello, Alf Brauner, Kontrabass, Johannes Gontarski, Laute und Elina Albach, Cembalo. 
Musiziert wird durchweg kammermusikalisch und in historischer Aufführungspraxis – engagiert, sehr präzise, aber auch ausgesprochen lustvoll, lebendig und abwechslungsreich. Kurzum: Es war ein rundum gelungenes Konzert. Und es wurde in gewohnt exzellenter Qualität mitgeschnitten. Unbedingt anhören, diese Aufnahme ist wirklich hinreißend! 

Sonntag, 19. Februar 2017

Haydn: Piano Sonatas; Becker (Avi-Music)

„Seit meiner Kindheit begeistern mich Haydns Klaviersonaten“, schreibt Markus Becker. Der Pianist, der als Professor an der Hochschule für Mu- sik, Theater und Medien Hannover lehrt, kommt aus dem Schwärmen nicht heraus, wenn er über diese scheinbar doch so unkomplizierten Werke von Joseph Haydn nachdenkt. „Es ist nicht Beethovens Kraft und Dramatik, auch nicht Mozarts traumwandlerische Schönheit. Haydn schreibt zutiefst menschliche Musik mit einer Grundhaltung, die dem romantischen Humorbegriff sehr nahekommt: ein Abbild unseres Lebens mit allen Schönheiten, Abgründen, Hoffnungen, Verlusten, Dramen, Freuden – getragen von Leidenschaft und Ironie.“ 
Und auch wenn das Notenbild auf den ersten Blick wenig geheimnisvoll ausschaut, mahnt Markus Becker, seien diese Sonaten doch keineswegs einfach zu spielen. Haydns Sonaten, bedauert der Professor, „wurden reduziert auf die Funktion als geistreicher Unterrichtsstoff. Dabei wurde völlig überhört, wie differenziert und nuancenreich Haydn zu Werke geht.“ 
Becker hat die Sonaten deshalb mit großer Sorgfalt gearbeitet. Das lohnt sich: Wenn man diese CD anhört, wird man Haydn neu entdecken – humorvoll, ideenreich, einen Komponisten, der ebenso durch exquisite Melodien begeistert wie durch unerwartete Wendungen und musikalische Überraschungen. „Vielleicht ist Haydn mehr noch als die großen Kollegen auf gute Interpreten angewiesen: ohne Klangfantasie, Gespür für musika- lische Rhetorik und Phrasenbildung ist diese Musik nicht zu gestalten“, meint der Pianist. „Vor allem die Fähigkeit, das Klangbild von einem Mo- ment auf den anderen zu verändern, das Stimmverhältnis neu zu balancie- ren, wird vom Haydn-Spieler verlangt.“ Markus Becker demonstriert am klingenden Beispiel, wie er sich das vorstellt, und man möchte diesen frischen, so gar nicht musealen Haydn immer wieder hören - und, bitte, bald mehr davon! 

Sonntag, 24. Juni 2012

Albrecht Mayer - Schilflieder (Decca)

Einmal mehr sind Albrecht Mayer, Solo-Oboist der Berliner Philhar- moniker, in seiner Leidenschaft für die Kammermusik Entdeckungen gelungen. Auf der vorliegenden CD stellt er gemeinsam mit Tabea Zimmermann, Viola, Marie-Luise Neunecker, Horn, und Markus Becker, Klavier, Werke vor, die man im Konzert überwiegend selten oder gar nicht hören kann. Das liegt daran, dass Komponisten, die nicht zu den wenigen ganz bekannten zählen, vom Publikum wie von der Musikwissenschaft üblicherweise vergessen werden - einige von ihnen sogar schon vor ihrem Tode. Sie werden oft abfällig als "Kleinmeister" bezeichnet - und wenn man diese CD angehört hat, dann wird man verstehen, warum Mayer dieses Wort gar nicht leiden kann.
Denn sie enthält Werke in einer Qualität, über die man nur staunen kann. Das gilt für das Trio für Oboe, Horn und Klavier op. 61 von Heinrich von Herzogenberg ebenso wie für die Drei Romanzen für Oboe und Klavier op. 94, dem einzigen Werk für Solo-Oboe von Robert Schumann und dem einzigen Stück eines "Großmeisters" auf dieser CD. Wunderschön sind aber auch die Schilflieder - Fünf Fantasiestücke nach Gedichten von Nikolaus Lenau für Oboe, Viola und Klavier op. 28 von August Klughardt.
 "Wenn auf irgendein Stück der Begriff Romantik zutrifft, dann gilt das für Klughardts Schilflieder, die zum Besten gehören, was je für Oboe komponiert wurde", meint Mayer. Und da hat er wirklich recht. Doch nicht nur das Rascheln des Schilfs, das leise Murmeln der Wellen und das Emporsteigen des Mondes meint man zu hören. Diese Musik zitiert Natur, aber sie weist weit darüber hinaus - und darin ist sie in der Tat ausgesprochen romantisch. Die Schilflieder beschwören nicht nur den Schmerz einer verlorenen Liebe; sie zeigen zugleich, dass Musik immer auch Abstraktion ist, viel mehr noch als das poetische Wort, und dass der Ausdruck von Gefühl zugleich an sehr viel hand- werkliches Können, Überlegung und damit Distanz gebunden ist. Wie der Oboenvirtuose gemeinsam mit Zimmermann und Becker Klang- welten entstehen lässt, das ist ein Erlebnis.
Man höre aber auch Hornistin Neunecker, wie sie ihr Instrument zügelt, um im Trio ein Zwiegespräch mit der Oboe überhaupt erst möglich zu machen. Mayer selbst musiziert mit butterweichem, schmeichelndem, singendem Ton; das Wort "schwierig" scheint es für den Musiker nicht zu geben. Was er vorträgt, das wirkt perfekt. Und weil er Romantik nicht an ein Jahrhundert gebunden sieht, sondern an eine Geisteshaltung, ergänzt er seine Sammlung noch um den Liebesruf eines Faun für Englischhorn und Klavier von Hans Stein- metz, die Variationen für Oboe und Klavier op. 39 von Julius Weismann und Prelude-Improvisationen seines Pianisten Markus Becker.

Mittwoch, 23. Dezember 2009

Stylus phantasticus (Berlin Classics)


Was ist "stylus phantasticus"? Eine hervor-ragende Möglichkeit jedenfalls, tradierte Formen auszureizen bis an ihre Grenzen - und noch ein gehöriges Stückchen darüber hinaus, wie diese CD beweist. Die norddeutschen Meister des 17. Jahrhunderts setzten auf den Wechsel von freien Passagen, die teilweise wie improvisiert klingen, und streng dem Kontrapunkt folgenden Abschnitten, die jedoch mitunter durch ihre überaus kühne harmonische Gestaltung verblüffen.
Ob Dietrich Buxtehude, Nicolaus Adam Strungk, Matthias Weckmann, Johann Vierdanck oder weniger bekannte Komponisten wie Samuel Peter Sidon, Dietrich Becker oder Thomas Baltzer - es ist erstaunlich, wie unterschiedlich sie die Freiheiten nutzten, die ihnen diese musikalische Innovation brachte. Die Partita in a-moll, komponiert von Johann Adam Reincken für zwei Violinen, Viola da gamba und Cembalo, bearbeitete später Johann Sebastian Bach für Cembalo solo.
Das Ensemble Bell'Arte Salzburg - Annegret Siedel und Ulrike Titze, Barockviolinen, Matthias Müller, Viola da gamba, Zvi Meniker, Cembalo und Margit Schultheiss, Orgel - hat für diese CD eine Reihe typischer Stücke ausgewählt, und das sowohl mit sozusagen pädagogischer Sorgfalt als auch dramaturgischem Geschick. Das Ergebnis ist in jeder Hinsicht gelungen: Eine abwechslungsreiche, spannungsvolle Aufnahme, mit Lust musiziert. Das hört man gern.