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Sonntag, 26. August 2018

Mussorgsky: Piano Works (Melodija)

Klaviermusik von Modest Mussorgski hat das russische Label Melodija veröffentlicht. Die CD kombiniert diverse Archivaufnahmen aus dem Zeitraum 1949 bis 2017. Zu hören sind fünf (!) Pianisten; ich muss gestehen, dass ich ihre Namen nie zuvor gesehen hatte. Und was ich gehört habe, das veranlasst mich auch nicht dazu, weitere Aufnahmen zu suchen. 
Es gibt bereits etliche Gesamtein- spielungen des Klavierwerkes des russischen Komponisten – wer sich für sein Schaffen interessiert, der sollte sich dort umsehen. Diese CD jedenfalls kann ich leider nicht guten Gewissens empfehlen. 

Sonntag, 5. Oktober 2014

Carl Philipp Emanuel Bach: Rondos & Fantasias (Capriccio)

Christine Schornsheim, Professorin für historische Tasteninstrumente an der Musikhochschule München, hat zum 300 Geburtstag von Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788) eine CD mit Rondos und Fantasien eingespielt. Die Musikerin, die für ihre Aufnahmen bereits mit einer Vielzahl von Preisen geehrt wurde, hat sich dafür entschieden, „da mich gerade das fantasierende und im- provisatorische Element besonders interessiert“, so erläutert sich in einem Interview in dem sehr informativen Beiheft. Christine Schornsheim schätzt die Musik von Carl Philipp Emanuel Bach offenbar sehr; seinen Personalstil fasst sie in zwei Worten zusammen: „Größte Vielfalt! Er verlangt dem Spieler eine hohe Virtuosität ab bei den Werken, die Elemente des Stur und Drang in sich vereinigen. Fast noch wesent- licher sind die empfindsamen Stücke oder Passagen, die wir eigentlich immer antreffen, und bei denen insbesondere das singende Spiel gefor- dert ist“, erläutert die Musikerin. „Ebenso zeigt er, dass er auch den bei seinem Vater erlernten kontrapunktischen Stil beherrscht.“ 
Diese Vielfalt, in den Rondos und Fantasien besonders frei gestaltet, bringt für einen „Clavieristen“ so manche Herausforderung mit sich – doch Schornsheim begeistert durch ihr souveränes Spiel. Spannend ist auch das Instrument, das sie für diese Einspielung ausgewählt hat. Es handelt sich dabei um einen Tangentenflügel, den Christoph Friedrich Schmahl 1801 in Regensburg angefertigt hat. Er befindet sich heute als Leihgabe der Universität Freiburg/Br. in der Sammlung historischer Tasteninstrumente im Schloss Bad Krozingen. Ob Bach diese sehr speziellen Instrumente überhaupt kannte, das lässt sich nicht sicher belegen. 
„Ich habe mich deswegen für einen Tangentenflügel entschieden, weil die Musik von Carl Philipp Emanuel Bach in ihren Charakteren ausgespro- chen vielfältig ist“, erklärt Schornsheim. Es sei schwierig, diese nur auf einem der möglichen Instrumente Cembalo, Fortepiano oder Clavichord darzustellen: „Aus meiner Sicht ist das kennzeichnende eines Tangenten- flügels, dass er quasi alle Klangfarben besaiteter historischer Tasten- instrumente in sich vereinigt. Er kann sanft wie ein Clavichord klingen, auch das Cembalo kann fast imitiert werden, und der Klang eines frühen Fortepianos ist ebenso zu erzeugen.“ 

Sonntag, 20. November 2011

Mozart in minor (Genuin)

"Man darf sagen, der Glückliche phantasiert nie", meinte einst Sigmund Freud. Desto erstaun- licher ist der relativ geringe Anteil von Kompositionen in Moll im Werk Wolfgang Amadeus Mozarts. Doch wer die Musik Mozarts auf seine Biographie hin interpretieren möchte, der dürfte ohnehin auf dem Holzwege sein.
Konstanze Eickhorst hat nach Spu- ren der Melancholie im Klavier- werk Mozarts gesucht. Auf dieser CD hat sie die beiden Sonaten in
c-Moll
KV 457 und in a-Moll KV 310, die Fantasien in d-Moll KV 397 und in c-Moll KV 475 sowie das Rondo in a-Moll KV 511 zusammen- gefasst. Die Pianistin, die an der Musikhochschule Lübeck lehrt, macht aber nicht den Fehler, sich diesen Werken romantisierend-ge- fühlig zu nähern. Sie lässt sich auch nicht darauf ein, großen Vorbil- dern - und davon gibt es in diesem Falle ja mehr als genug - zu folgen, sie sucht ihren eigenen Weg zu Mozart. Und den findet sie - im Noten- text. 

Eickhorst nimmt Mozarts Klavierwerke in ihrer ganz eigenen Rhetorik an, fast als wären es Opern. Sie folgt jedem Motiv sehr präzise, und lässt alle Stimmen zu Wort kommen - auch die Mittelstimmen. So wird der galante Mozart hörbar, der schalkhafte, aber auch der dramati- sche, düstere. Dabei wird deutlich: Die schönen Melodien sind nicht die ganze Wahrheit. Die Pianistin zeigt, wie viele Details in dieser Musik verborgen sind. Entdecken muss sie freilich jeder selbst. Doch das lohnt sich. 

Montag, 23. Mai 2011

Liszt: The Piano Concertos (Capriccio)

Als Franz Liszt (1811 bis 1886) 1842 nach Weimar ging, hatte er große Pläne. Ein musikalisches Zentrum wollte er aus der Stadt Goethes und Schillers machen. Doch Bürger und Hof waren für die Neudeutsche Schule nur bedingt zu begeistern. Und auch dem Klavier- virtuosen, der in Weimar so manches zu Papier brachte, was er zuvor nur skizziert hatte, wurde die Ruhe in dem thüringischen Städtchen bald zuviel. Zwar hielt er dort etliche Jahre mit Fürstin Carolyne von Sayn-Wittgenstein in der Altenburg aus; komponierte, dirigierte und unterrichtete etliche Schüler. Doch diese Beziehung ging 1861 in die Brüche. Liszt reiste wieder viel, und in seinen letzten Lebensjahren schrieb er vor allem geistliche Musik. 
 In Weimar beschäftigte sich Liszt intensiv mit dem Orchester. Dabei entstanden Werke wie seine beiden Klavierkonzerte. Jenö Jandó hat sie gemeinsam mit dem Budapest Symphony Orchestra unter András Ligeti eingespielt. Die Drei-CD-Box aus dem Hause Capriccio enthält zudem noch die Fantasie über Ungarische Volksthemen für Klavier und Orchester, die Wandererfantasie, die Fantasie über Beethovens "Ruinen von Athen", die Grande Fantaisie symphonique über Berlioz' Lélio, die Malédiction, die Polonaise brillante und die Fantasie über Webers Freischütz sowie den Totentanz für Klavier und Orchester. Die Interpretationen haben Stärken und Schwächen, wobei ich den Solisten deutlich besser finde als das Orchester. 

Sonntag, 6. März 2011

Franz Xaver Mozart: Klavierwerke (Musicaphon)

Franz Xaver Mozart (1791 bis 1844) war das sechste Kind der Familie Mozart. Er kam im Sep- tember 1791 zur Welt, wenige Monate, bevor sein Vater starb. Diesem soll er sehr geähnelt haben; seine Mutter nannte ihn Wolfgang, und ließ ihn durch die besten Lehrer unterweisen, die sie finden konnte. Dazu gehörten Johann Nepomuk Hummel, Antonio Salieri und Johann Georg Albrechtsber- ger.
Dennoch wurde kein zweites "Wol- ferl" aus ihm; zum Wunderkind, das man gewinnbringend vorführen kann, eignete sich Franz Xaver Mozart nicht. Zwar war sein Klavier- spiel exzellent, berichten Zeitgenossen. Doch seine Kompositionen waren, wie diese CD zeigt, eher weniger spektakulär. "Begabt, um höher aufzuragen / Hielt ein Gedanke deinen Flug; / ,Was würde wohl mein Vater sagen?' / War dich zu hemmen schon genug. / Und was zu schaffen dir gelungen, / Was manchen andern hoch geehrt, / Du selbst verwarfst es, kaum gesungen, / Als nicht des Namens Mozart wert", beschrieb Franz Grillparzer in seinem Nachruf das Phänomen. 
Susanne von Laun hat für Musicaphon auf einem Wiener Hammer- flügel von Joseph Brodmann, um 1815, die zwölf Polonaisen Franz Xaver Mozarts eingespielt. Und als Zugabe gibt's noch eine ganz besondere Entdeckung: Ein Rondo, dass der elfjährige Franz Xaver einst seiner Mutter zum Geburtstag geschenkt hat. Die ersten 16 Takte stammen von seinem Vater; das Fragment ist ein unvollendetes Spätwerk. Der Junge hat es zu Ende geführt - ganz in dem Stil, in dem es begonnen wurde, nur steifer, ungelenker, weniger elegant. Für dieses Werk wählte von Laun einen Hammerflügel des Nürnberger Klavierbauers Johann David Schiedmayer aus dem Jahre 1801. Klanglich ist die CD daher spannend, auch wenn ich die Stücke selbst ziemlich belanglos finde. 

Freitag, 4. Februar 2011

Brahms: The Complete Works for Solo Piano (Oehms Classics)

Mit der fünften und letzten CD hat Andreas Boyde nunmehr seine Einspielung des Klavier-Gesamt- werkes von Johannes Brahms bei Oehms Classics abgeschlossen. Sie überzeugt durch ihre Klarheit und Konzentration auf die musikali- schen Strukturen - und weicht mit traumwandlerischer Sicherheit den üblichen Brahms-Klischees aus: Hier gibt's keinen pianisti- schen Klangrausch, und keine Sextenseligkeit. 
Boyde stammt aus dem sächsi- schen Oschatz, und studierte in Dresden bei Christa Holzweißig und Amadeus Webersinke sowie in London bei James Gibb. Großen Einfluss auf seine künstlerische Entwicklung hatte auch sein Mentor und Förderer Malcolm Frager. Der war ein großer Freund von Bibliotheken und Archiven, und entdeckte dort so manchen Schatz - ganz besonders auf seinen Konzertreisen im Ostblock, wo er beispiels- weise 1978 in der Krakower Biblioteka Jagiellońska enorme Mengen an Manuskripten aufspürte, die seit dem Zweiten Weltkrieg als ver- schollen galten - darunter Werke von Bach, Mozart und Schumann. Der amerikanische Pianist sah das Musizieren weniger als schöpferi- schen Akt als vielmehr als eine kreative Mischung zwischen Hand- werk und Wissenschaft: "Interpretation ist Differenzierung. Jeden Komponisten muß man anders anfassen. Das geht bis in die letzten technischen Details wie Anschlag oder Pedalgebrauch", so Frager. "Ein Schauspieler, der Shakespeare interpretiert, spricht ja auch völlig anders als einer, der einen Dürrenmatt-Text vorträgt."
Diese Auffassung vertritt offenbar auch Boyde. Er zeigt, dass Brahms’ Musik das Produkt eines scharfen Intellektes ist. Obwohl der Kompo- nist gern Titel wie Ballade, Romanze, Intermezzo, Capriccio oder Rhapsodie verwendet, erscheinen seine Werke formal keineswegs beliebig. Boyde vermeidet die lediglich auf den Effekt bedachte, "virtuose" Interpretation, und erschließt dem Zuhörer damit einen spannenden Zugang zu Brahms' Werken und seiner Persönlichkeit.  

Montag, 24. Januar 2011

Mozart: Sämtliche Werke für zwei Klaviere (Musicaphon)

Annette Töpel, Dozentin an der Musikakademie Kassel, hat ge- meinsam mit ihrem erfahrenen Kollegen Iwan Urwalow, der ebenfalls eine Klavierklasse an der Musikakademie Kassel leitet, für das Label Musicaphon sämtliche Werke Mozarts für zwei Klaviere eingespielt. 
Genutzt wurden dafür zwei Schimmel-Konzertflügel, die durch die Wilhelm Schimmel Pianoforte- fabrik GmbH in Braunschweig in deren Räumlichkeiten zur Verfü- gung gestellt wurden. Sie klingen nicht so massiv wie die heutzutage im Konzertbetrieb allgegenwärtigen Steinways, und das passt zu Mozarts Musik ganz ausgezeichnet. 
Mozart hat die meisten seiner Werke, die für diese Besetzung entstan- den sind, als Fragmente hinterlassen. Fertiggestellt hat er selbst nur zwei Stücke, die Sonate D-Dur KV 448 und die Fuge c-Moll KV 426. Alle anderen Werke haben die Musiker ergänzt, komplettiert, voll- endet, um spielbare Versionen zu erhalten. Dass dieses Vorgehen nicht unproblematisch ist, wird jedermann klar sein. Als Fragment aber wären die Werke auf CD wohl nicht unters Volk zu bringen; und auch handwerklich ist die Ergänzung ganz passabel gelungen. Inso- fern darf man sich auf eine ungewöhnliche Klavier-CD freuen, die mit Lust und Leidenschaft eingespielt wurde. 

Freitag, 14. Januar 2011

Schumann: Fantasie, Davidsbündlertänze; Uchida (Decca)

Eine wahre Flut von Aufnahmen brachte das vergangene Jahr, in dem des 200. Geburtstages von Robert Schumann (1810 bis 1856) gedacht wurde. Diese hier gehört zu den wenigen, die man nicht sofort wieder vergessen wird: Mitsuko Uchida spielt die Davids- bündlertänze op. 6 und die Fantasie in C-Dur op.17, die Schumann 1836 komponierte, um einen Beitrag zur Finanzierung eines Beethovendenkmals in Bonn zu leisten, und dann bis zum Er- scheinen 1839 mehrfach überarbeitete. Auch die Davidsbündler- tänze hat er mehrmals revidiert. Das macht die Annäherung an diese Werke nicht einfacher. 
Uchida jedenfalls hat die Quellen sorgsam studiert. Sie spielt Schumann erstaunlich energisch und streng. Doch gerade durch den Verzicht auf jegliches Brimborium gelingt es ihr, die Tiefe - und auch die Abgründe - dieser Werke aufzuzeigen. So hat man das noch nicht gehört. 

Montag, 10. Januar 2011

Solomon - Beethoven, Schumann, Bach, Chopin, Brahms (Audite)

Solomon Cutner (1902 bis 1988) stammte aus einfachen Verhält- nissen. Sein Vater war Schneider; ursprünglich hieß die Familie Schneidermann, anglisierte aber ihren Namen dann auf Cutner - was nicht nur auf den Beruf anspielte, sondern auch auf das polnische Kutno, aus dem die Familie einst eingewandert war.
Die musikalische Begabung Solo- mons zeigte sich früh; im Alter von fünf Jahren erhielt der Knabe be- reits Klavierstunden, und 1910 trat er in die Privatmusikschule von Mathilde Verne ein. Diese Schülerin von Clara Schumann erwies sich nicht nur als versierte Pianistin, sondern auch als clevere Unternehmerin, die ihren Schüler als Wun- derkind vermarktete. Im Juni 1911 gab er sein Debüt mit Mozarts Klavierkonzert Nr. 15 in B-Dur, KV 450, und dem langsamen Satz aus Tschaikowskis b-Moll-Klavierkonzert. "Solomon - aged 8 years", kündigte ihn Verne an, und diesen Künstlernamen behielt er bei, auch wenn seine glanzvolle Karriere zunächst abrupt endete. Denn dem Heranwachsenden wurde der Wunderkind-Bonus entzogen; und was das Publikum zuvor possierlich fand, das wurde schließlich als affektiert abgelehnt. Das stürzte Solomon in eine tiefe persönliche Krise. Als 14jähriger trennte er sich von seiner Lehrerin, und zog sich aus dem Musikbetrieb zurück.
Dass er 1921 erfolgreich ins Konzertleben zurückkehren konnte, verdankte Solomon vor allem Lazare Lévy, dem Nachfolger Cortots am Pariser Konservatorium - insbesondere jene exzellente Technik, die noch heute begeistert. Lèvy erinnerte seine Schüler immer wieder daran, dass ein Pianist nicht mit zwei Händen, sondern mit zehn Fingern spielt. Er legte größten Wert auf anatomisch korrekte Bewe- gungen, und auf einen sparsamen Gebrauch des Pedals. 
Das Ergebnis: Phänomenale Durchhörbarkeit der musikalischen Strukturen, überragende klangliche und dynamische Gestaltung - und immer wieder Phrasen, die wie eine gesungene Melodie wirken. Solo- mons Spiel wirkt so "natürlich", so ungekünstelt, und erzeugt eine Spannung, dass man schier den Atem anhalten möchte. Das gilt insbesondere für den ersten Satz von Beethovens legendärer Klavier- sonate Nr. 14 cis-Moll, op. 27 Nr. 2, die Mondschein-Sonate, die man kaum noch anhören möchte, weil sie oftmals derart gedankenlos heruntergeklimpert wird. Solomon spielt dieses Stück delikat - und unendlich langsam, aber ich finde seine Auffassung interessant, weil auch Dynamik und Klang darauf hervorragend abgestimmt sind. So entsteht eine spannungsgeladene musikalische Atmosphäre, die zugleich eine für uns heutzutage nur noch schwer erträgliche Ruhe ausstrahlt. Die furiose Entladung erfolgt im dritten und  letzten Satz. Das ist wirklich grandios, das ist große Klavierkunst.
Ähnliches gilt für Schumanns Carnaval, den Solomon so eng am Notentext interpretiert, dass man mitschreiben könnte. Doch durch die Strenge und die Präzision, mit der der Pianist Schumanns Werk spielt, tritt die Extravaganz dieser Komposition nur um so deutlicher zutage. Was Solomons Spiel so einzigartig macht, das ist sein Streben nach Werktreue, zugleich aber auch nach Klarheit, Eleganz - und Poesie. Das bekommt im übrigen auch den drei Werken Chopins, die hier zu hören sind, ganz fantastisch. 
Die Aufnahmen, die Audite erstmals von den Originalbändern re- mastert hat, gehören zu seinen letzten: Solomon erlitt 1956 einen schweren Schlaganfall, der ihn nachhaltig beeinträchtigte. Geistig hellwach, doch ohne die Aussicht, jemals wieder Klavier spielen zu können, verbrachte der Pianist den Rest seines Lebens in seinem Haus in London, wo ihn seine Frau liebevoll pflegte. Diese Doppel-CD wird hoffentlich dazu beitragen, die Erinnerung an diesen großartigen Pianisten auch außerhalb von Fachkreisen wachzuhalten.  

Montag, 25. Oktober 2010

Anton Rubinstein: Piano Music (Naxos)

Anton Grigorjewitsch Rubinstein (1829 bis 1894) war nicht nur ein begnadeter Pianist - er wurde von Zeitgenossen Liszt gleichgestellt -, ein begehrter Dirigent sowie ein hochgeschätzter Organisator und Musikpädagoge. Rubinstein war in erster Linie ein äußerst produkti- ver Komponist. Er schuf unter anderem siebzehn Opern, sechs Sinfonien, fünf Klavierkonzerte sowie zahlreiche Klavierwerke. 
Und es verblüfft, dass außer seinen Zwei Melodien op. 3 aus dem Jahre 1852 kaum Werke dieses großartigen Virtuosen wirklich populär sind. Das Label Naxos hat nun einige seiner Stücke auf CD zusammengetragen - die meisten davon in Weltersteinspielungen, so Thema und Variationen op. 88, Akrostichon Nr. 1, op. 37 und Nr. 2, op. 114, Romance und Impromptu op. 26, Souvenir de Dresde op. 118 und die charmante Sérénade russe in b-Moll. Und natürlich dür- fen auch die beiden berühmten Melodien nicht fehlen. 
Joseph Banowitz spielt Rubinstein ohne "romantisches" Pathos, streng am Text. Er verzichtet auf die musikalischen Sahnehäubchen, denen einige Pianisten so schwer wiederstehen können - und das tut den Stücken gut. Eines wird schnell deutlich: Hier erklingen Werke eines Kosmopoliten, der ganz auf der Höhe seiner Zeit war, sehr hörenswert vorgestellt.

Freitag, 26. März 2010

Robert und Clara Schumann: Klavierwerke aus Dresden 1845 - 1849; Tobias Koch (Genuin)

Das soll ein Schumann sein? Donnerwetter! Bei den Klängen reibt man sich verwundert die Augen. Die CD hebt an mit kräftig grollenden Bässen, und energisch schepperndem Diskant.
Die Vier Märsche op. 76 beginnen Mit größter Energie, und Tobias Koch lässt seinen Erard-Flügel von 1852 dementsprechend tönen. Damit beginnt zugleich eine musikalische Entdeckungsreise, denn das historische Instrument klingt in der Tat ganz anders als ein moderner Konzertflügel. Der Düsseldorfer Pianist entlockt ihm elegante, singende Passagen ebenso wie derbe, zupackende Momente, distanzierte, geradezu akademische Phrasen ebenso wie raunende, murmelnde Stimmungsbilder; der Erard-Flügel beeindruckt dabei stets durch die Transparenz und Strahlkraft seines Klanges. 
Tobias Koch hat für diese CD ausschließlich Werke aus den Dresdner Jahren des Ehepaares Schumann ausgewählt. Nach einer schweren Schaffenskrise und anschließendem gesundheitlichen Zusammen- bruch hatte sich Schumann während der Herbstmonate in der sächsischen Landeshauptstadt allmählich wieder stabilisiert; zum Jahresende 1844 zogen die Schumanns endgültig dorthin um. 
Und im Januar 1845 begann Schumann ausgedehnte Contrapunc- tische Studien, dem Vorbild Bachs nachspürend, den der Komponist zeitlebens als unerreichbares Vorbild betrachtete und zu dem er immer wieder in Krisensituationen Zuflucht nahm. Die CD bringt die Vier Fugen op. 72 - Schumanns Antwort auf Bachs Meisterwerke wie das Wohltemperierte Clavier oder Die Kunst der Fuge. Sie bringt aber auch Drei Präludien und Fugen op. 16 von Clara Schumann, ent- standen ebenfalls 1845 - und zwar nach Fugenthemen, die der welt- berühmten Pianistin wohl ihr Gemahl vorgegeben hat. Dieser Aufgabe entledigt sie sich eher akademisch und relativ kurz angebunden. Interessant aber sind ihre Präludien dazu, denn es sind kleine Meisterstücke, effektvoll konzipiert für die Konzertbühne, unter klug kalkuliertem Einsatz des Instrumentenklanges. Koch spürt ihren Ambitionen nach, und präsentiert gerade in diesen Werken eine ganze Palette an Klangfarben, die man dem Erard-Flügel nach dem ersten Höreindruck so gar nicht zugetraut hätte. 
Wie exzellent Clara Schumann mit den Klangmöglichkeiten eines solchen Instrumentes umzugehen wusste, das zeigt auch ihre Bearbeitung von vier der urprünglich für Pedalflügel bestimmten Kanonischen Studien aus op. 56: "Faszinierend in seinem durch- sichtigen, aufs Genaueste austarierten Stimmenverlauf, gibt das extrem weitgriffige, durchweg hochkomplizierte Arrangement zudem Kunde von der beeindruckend großen Spannweite von Claras Hand, von der ich mir im Zwickauer Schumann-Haus anhand eines Gips- abgusses ein authentisches Bild machen konnte", begeistert sich Tobias Koch. "Nicht zuletzt handelt es sich hier um imponierende Zeugnisse aus erster Hand für Clara Schumanns innige Vertrautheit mit den kompositorischen Intentionen ihres Mannes. Gleichwohl erstaunt ihre eigene fabelhafte, alle Möglichkeiten und Klangebenen des Instrumentes ausschöpfende pianistische Vorstellungskraft."
Der Kontrapunkt prägte auch ein weiteres Projekt Schumanns aus seiner Dresdner Zeit - die Waldscenen op. 82, entstanden 1848, die darauf gründen wie ein Baum auf seinem Wurzelwerk. Koch spielt das populäre Werk ohne den üblichen "romantischen" Puderzucker - und so wird in der Tat ein Hörerlebnis mit sehr viel Waldeinsamkeit daraus.
Vor der Revolution, die Dresden 1849 erreichte, floh die Familie Schumann aufs Land. Nach der Rückkehr des Komponisten in die von den Barrikadenkämpfen gezeichnete Stadt entstanden innerhalb weniger Tage die Vier Märsche op. 76 - "aber keine alten Dessauer", so schrieb Schumann an seinen Verleger, "sondern eher republica- nische". Pauken und Salven sind zu hören, zudem erklingen das Kugelgießer-Motiv aus Webers Freischütz und die Marseillaise - doch mit dem Marschrhythmus wird es nichts; die Revolution verliert sich in der Reflexion. Und in diesem Punkt erweist sich Schumann dann doch als Romantiker.

Dienstag, 9. Februar 2010

Fanny Mendelssohn-Hensel: Piano Sonatas in C and G minor (Naxos)

Es waren einmal ein Bruder und eine Schwester aus großbürger-lichem Elternhaus, beide hoch- musikalisch, und beide ähnlich ausgebildet. Er wird Gewandhaus- kapellmeister - sie wird Ehefrau und Mutter. Er tritt vor das Orchester - ihr Podium ist der Salon. Seine Kompositionen werden  gefeiert und publiziert - ihre Werke kursieren, bis auf wenige Ausnahmen, ausschließlich im Freundeskreis, in Abschriften. Die Geschwister starben kurz nacheinander. Seine Musik ist bis heute im Konzertsaal präsent; ihre weitgehend vergessen. 
Das mag nicht zuletzt mit darin begründet sein, dass die traditions-geprägte Musikwelt die Werke von Fanny Hensel als "Salonmusik" deklassierte - wer ihre Etüden und Sonaten freilich jemals gehört hat, der wird darüber den Kopf schütteln. Denn diese Stücke haben so gar nichts gefälliges; sie stehen Chopin oder Liszt erkennbar näher als dem "Gebet einer Jungfrau". Etliche davon sind höllisch schwer, und sie sind durchweg von enormer musikalischer Substanz. 
Die Komponistin und Pianistin Heather Schmidt hat sich an einige dieser Werke gewagt. Ihre Interpretation zeugt von solidem instrumentalen Handwerk ebenso wie von einem ausgeprägten Sinn für musikalische Strukturen. Beides kann die Pianistin hier gut gebrauchen. Meine Empfehlung! Denn diese Musik ist wirklich hörenswert.