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Sonntag, 27. Juni 2021

Royal. Stefan Koim (Musicaphon)


 Königliche Klänge stehen im Mittelpunkt der zweiten CD von Stefan Koim. Der Gitarrist, der unüberhörbar ein Faible für spanische Spieltechnik hat, kombiniert auf diesem Album die berückende Musik des Renaissance-Lautenisten John Dowland (1536 bis 1626) mit bedeutenden Werken aus der Gegenwart. 

So stehen drei Lautenfantasien Dowlands neben dem Nocturnal after John Dowland op. 70 von Benjamin Britten (1913 bis 1976), acht Variationen über Come, heavy Sleep – wobei das Thema in diesem Falle erst ganz zum Schluss erklingt. 

Auf drei Tänze Dowlands folgt dann eine Komposition von Hans Werner Henze (1926 bis 2012): Royal Winter Music nimmt Bezug auf Figuren von William Shakespeare, und ebenfalls auf Dowlands Lautenmusik. Die Second Sonata on Shakespearean characters lässt Junker Bleichenwang, den Weber Bottom aus dem Sommernachtstraum (der trotz Eselskopf glücklich in Titanias Armen liegt) und die dem Wahnsinn verfallene Lady Macbeth auftreten. „die in diesem stück auftretenden dramatis personae treten durch den klang der gitarre hindurch wie durch einen theatervorhang“, schrieb Henze dazu. „mit ihren masken, ihren stimmen und gesten sprechen sie zu uns von großen leidenschaften, von zärtlichkeiten, traurigem, komischem, seltsamen dingen im leben der menschen, dahinein mischen sich flüsternd die stimmen der geister.“ 

Koim befreit sie aus den Buchseiten und bringt sie in unsere Zimmer. Sein Spiel ist magisch, dramatisch, ungemein lebendig. Alles wirkt schlüssig und unangestrengt, technische Komplexität scheint es für ihn nicht zu geben. Grandios. 


Samstag, 12. November 2016

With Proper Graces... - Sonatas For Oboe And B.c. by William Babell (Musicaphon)

William Babell (um 1690 bis 1723) war ohne Zweifel ein begabter Musiker. Seine Ausbildung begann er bei seinem Vater, der in London am Theatre Royal als Fagottist wirkte. In späteren Jahren gehörte Johann Christoph Pepusch zu seinen Lehr- meistern, und möglicherweise auch Georg Friedrich Händel. Babell spielte Geige in der King's Band, dem privaten Orchester des Königs Georg I. Außerdem musizierte er als Cemba- list gemeinsam mit bedeutenden Musikerkollegen, wie den Geigern William Corbett und Matthew Dubourg oder dem Blockflötisten Jacques Paisible. Ab 1718 war er zudem als Organist an einer Kirche tätig. 
Babell arrangierte Arien aus populären Opern seiner Zeit für Tasteninstru- mente. Diese Bearbeitungen waren auch auf dem Kontinent gefragt und wurden nicht nur in England, sondern auch in den Niederlanden und in Deutschland veröffentlicht. Leider blieb dem Musiker nicht viel Zeit, davon zu profitieren, da er schon sehr früh verstorben ist, aufgrund, urteilten Zeitgenossen, „intemperate habits“
Auf dieser CD erklingen seine zwölf Sonaten für Oboe und Basso continuo, wiederentdeckt durch das Ensemble Concert Royal Köln. Sie klingen ein wenig nach Händel, und geben mit den durch Babell ausgezierten Adagio-Sätzen einen interessanten Einblick in die Musizierpraxis jener Zeit; Karla Schröter, die Oboistin des Concert Royal Köln, vermutet in ihrem Kommentar im Beiheft sogar, es könnte sich um „ein kleines Lehrwerk des Komponisten“ handeln. Dem Ensemble, dass sich sehr für vergessene Bläsermusik des 18. Jahrhunderts engagiert und auf Instrumenten der jeweiligen Zeit und Region musiziert, ist mit dieser Ersteinspielung einmal mehr ein Coup gelungen. 

Freitag, 5. Dezember 2014

Grützmacher: Vortragsstücke und Etüden für Cello (Musicaphon)

Drei große Cellisten hat die Familie Grützmacher hervorgebracht. Friedrich Wilhelm Grützmacher (1832 bis 1903) stammte aus Dessau und war ein Enkelschüler von Justus Johann Friedrich Dotzauer (1783 bis 1869). Grützmacher debütierte 1849 in Leipzig und wurde sofort Solo- cellist des Gewandhausorchesters. 1860 wurde er nach Dresden abge- worben, wo er bis zu seinem Tode als Solist, Orchester- und Kammermu- siker, Komponist und Herausgeber sowie als Musikpädagoge und Vor- stand des Tonkünstlervereins tätig war. Grützmacher unterrichtete zahlreiche Schüler; einige davon wurden berühmte Cellisten. Und er schuf die berühmt-berüchtigte Etüdensamm- lung Technologie des Violoncellospiels op. 38. 
„Veröffentlicht ursprünglich in zwei Bänden (Nr. 1 bis 12 ohne, Nr. 13 bis 24 mit Daumenaufsatz), findet sie immer noch Verwendung für besonders fortgeschrittene Studenten, kommt aber gegen die ,Hohe Schule des Violoncellospiels' von David Popper sowohl in Popularität als auch in pädagogischem Wert nicht wirklich an“, schreibt Martin Rummel im Beiheft zu dieser CD. „Anders als Popper beschränkt sich Grützmacher pro Etüde nicht auf ein instrumentaltechnisches Problem, sondern geht vielmehr scheinbar als Komponist an die Sache heran, was unweigerlich zur Aneinanderreihung von mehreren instrumentaltechnischen Schwie- rigkeiten innerhalb einer Etüde führt.“ 
Das macht die Stücke einerseits knifflig – andererseits aber auch attraktiv, wie Rummel mit dieser Einspielung zeigt. Der Cellist hat für diese CD elf Etüden aus Grützmachers Sammlung ausgewählt. Und wenn er auch an ihren pädagogischen Qualitäten zweifelt, so hat Rummel doch ganz offenkundig an ihren virtuosen Effekten sein Vergnügen. Ergänzt wird das Programm durch einige Salonstücke Grützmachers für Violoncello und Klavier, wie die Fantaisie Hongroise op. 7, die Rummel gemeinsam mit der Pianistin Gerda Guttenberg vorträgt. Es sind hörenswerte Werke, die es durchaus verdient hätten, wieder mehr gespielt zu werden. Die sogenannte Virtuosenmusik sorgt doch immer wieder für Überraschungen.

Sonntag, 19. Oktober 2014

Grieg: Klavierwerke Mozarts

„Was du ererbt von deinen Vätern – erwirb es, um es zu besitzen!“ Dieses Motto gilt nicht zuletzt für den Um- gang der Romantiker mit den Werken früherer Generationen. Sie schätzten die Musik von Bach, Händel und Mozart ja durchaus – aber wo die Stücke ihnen unvollkommen vor- kamen, scheuten sie sich nicht, sie zu ergänzen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Klavierbegleitung, mit der Robert Schumann seinerzeit die Sonaten und Partiten für Violine solo von Johann Sebastian Bach versehen hat. 
Weniger bekannt ist ein ähnliches Projekt, mit dem Edvard Grieg 1879/80 Mozart „überarbeitet“ hat. Dazu schrieb Grieg 1897: „Der Verfasser dieses Aufsatzes versuchte mit der Heranziehung eines zweiten Klaviers einigen Mozartschen Klavier- sonaten eine unserem Tonempfinden entsprechende klangliche Wirkung zu verleihen und muß ausdrücklich bemerken, daß er voll schuldigen Respekts gegen den großen Meister keine einzige von Mozarts Noten veränderte. (..) Doch vorausgesetzt, ein Mann folgt nicht dem Beispiel Gounods, der ein Bachsches Präludium zu einem modernen, sentimenta- len und trivialen Schaustück verballhornte, das ich durchaus mißbillige, sondern sucht die stilistische Einheit zu wahren, so ist doch wahrhaftig kein Grund vorhanden, ein großes Entrüstungsgeschrei zu erheben, wenn er den Versuch einer Modernisierung wagt als einer Tat, die aus der Bewunderung für einen alten Meister entsprang.“ 
Das Resultat dieses Experiments präsentieren Jimin Oh-Havenith und Raymund Havenith auf dieser CD. Es ist kurios, wie Grieg in seinen Bearbeitungen das musikalische Material verändert. So findet er tatsächlich Gelegenheit, Mozart originär norwegische Rhythmen „unterzujubeln“ -– das ganze Leben ein Springtanz! –, und ihn mit der Grieg-typischen Harmonik zu verwandeln, in einen „MoGrieg“, wie Havenith schreibt. Das alles erreichte Grieg allein durch das Hinzufügen des zweiten Klavierparts. Das Ergebnis ist in der Tat hörenswert.

Dienstag, 24. Juni 2014

Latin And Spanish Fantasies (Musicaphon)

Maximilian Mangold, Gitarre, und Mirjam Schröder, Harfe, musizie- ren seit 2006 zusammen. Das Duo hat sich in erster Linie der spani- schen Musik verschrieben. Der einzigartige Klang, der sich aus der Kombination der beiden Instru- mente ergibt, bezaubert nicht nur Publikum und Kritiker; er hat auch etliche Komponisten inspiriert. So enthält diese CD ausschließlich Werke, die für das Duo entstanden sind. Mangold und Schröder erweitern ihr Repertoire ständig und bringen jährlich mehrere Kompositionen zur Uraufführung. 

Donnerstag, 27. Juni 2013

La Carte de Tendre (Musicaphon)

„Wenn man sich an dem Ort, an dem man weilt, gut unterhält, braucht man das Vergnügen nicht anderswo zu suchen“, schrieb Madeleine de Scudéry (1607 bis 1701) in ihrem galanten Roman Clélie. Sie notierte dies natürlich auf Französisch, und sie hatte zudem die geniale Idee, ihre Heldin eine Carte de Tendre zeichnen zu lassen – eine Karte der Zärtlichkeit. Das machte ihr Buch zum Best- seller, wie man heute wohl sagen würde. 
Diese Karte zeigt den Weg in ein Reich der kultivierten Liebe, frei von niedrigen Trieben und vor allem frei von Leidenschaft, die durch einen Gleichklang der Seelen abgelöst wird. „La carte de Tendre als Abbild der Bedeutung, die der detaillierten Beschäftigung mit den Gefühlen und der Liebe im besonderen zugemessen wurde, findet ihr Pendant in den unzähligen und höchst differenzierten Satzbezeich- nungen der Musik am Hofe von Versailles“, berichtet Ulrike Volk- hardt im Beiheft zu dieser CD. Die Blockflötistin hat gemeinsam mit Ann Morgan, Cembalo, Musik aus der Zeit Ludwigs XIV. eingespielt. Dafür stellte Professor Andreas Beurmann ein ausgesprochen klangschönes, originales Ruckers-Cembalo aus seiner Sammlung zur Verfügung. Wer gern Blockflötenmusik hört, der wird sich durch dieses anspruchsvolle bis virtuose Programm gut unterhalten fühlen. 

Donnerstag, 11. Oktober 2012

velvet touch (Musicaphon)

Catharina Josepha Pratten (1824 bis 1895) war die Tochter des Gitarristen Ferdinand Pelzer. Sie stammte aus Mülheim an der Ruhr und wuchs in England auf. Schon früh erhielt sie Gitarrenunterricht bei ihrem Vater; sie galt als Wun- derkind, und konzertierte unter anderem mit Giulio Regondi. 
Noch erfolgreicher war die Virtuo- sin aber als Gitarrenlehrerin. Sie unterrichtete unter anderem die Prinzessinnen Louise und Beatrice - insgesamt soll sie gut 1600 Gitar- renschüler ausgebildet haben. Relativ spät heiratete sie Robert Sidney Pratten, einen berühmten Flötisten. Als er 1868 starb, zog sich die Witwe für drei Jahre aus dem Konzertleben zurück. Doch dann nahm sie ihre frühere Tätigkeit in vollem Umfang wieder auf. Pratten konzertierte bis ins hohe Alter; sie komponierte, und sie verfasste Unterrichtswerke. Ihr Erfolgsgeheimnis als Lehrerin war es mögli- cherweise, dass sie nicht versuchte, ihre gutbetuchten Schülerinnen  zu Berufsmusikerinnen zu machen. Wenn diese wenig Zeit zum Üben aufbringen wollten, oder aber wenig Talent hatten, dann griff Pratten zu ihrem Lehrwerk Learning the Guitar Simplified, oder aber zu noch einfacheren Übungen, die den Damen das Spiel auf dem Instrument erleichterten - und ihr in auskömmlicher Art und Weise  den Lebens- unterhalt sicherten. Es ist nicht zuletzt ihr Verdienst, dass die Gitarre in England enthusiastisch gespielt wurde, während sie in Wien schon lang wieder aus der Mode war. 
Als Catharina Pratten 1895 starb, führte ihre Schwester Giulia die Gitarrenschule weiter. Gemeinsam mit Catharina hatte sie übrigens eine umfangreiche Gitarrensammlung aufgebaut; diese umfasst mehr als 45 Instrumente. Zwei davon erwarb der Gitarrist Ulrich Wede- meier. Fasziniert begann er sich mit dem Leben und Werk der Musi- kerin zu beschäftigen. Im Ergebnis entstand dann die vorliegende CD mit Musik von John Abraham Nüske, Mauro Giuliani, Francesco Tárrega - der eine Fantasia sobre motivos de Lucia por Madame R. Sidney Praten komponiert hat - und der Virtuosin selbst, gespielt auf den beiden Gitarren, die sich einst in ihrem Besitz befunden haben. 
Um zu zeigen, dass es sich dabei keinesfalls um Werke handelt, mit denen ein Gitarrenprofi nur seine Zeit verschwendet, vollzieht Wedemeier auch die historische Aufführungspraxis nach, wie sie Pratten in ihren Lehrwerken erläutert hat. Das Ergebnis ist außer- ordentlich hörenswert. Prattens Werke sind, bei allem Gefühl, ziemlich brillant und kraftvoll. Und auch Nüske erweist sich als eine echte Entdeckung. 

Sonntag, 10. Juni 2012

Beethoven: Klarinettentrios (Musicaphon)

Persönliche Beziehungen haben Musiker immer wieder zu span- nenden Werken inspiriert. Ver- danken wir die Kegelstatt-Trios der Freundschaft zwischen Wolf- gang Amadeus Mozart und dem Klarinettisten Anton Stadler, so wird vermutet, dass Ludwig van Beethoven seine Klarinettentrios für Joseph Beer schuf, Klarinettist der Fürstlich Liechtensteinischen Hofkapelle.
Das Trio B-Dur op. 11 hat der Kom- ponist für Klarinette, Violoncello und Klavier geschrieben. Später hat er das Werk bearbeitet, so dass es auch von einem herkömmlichen Klaviertrio aufgeführt werden konnte. Seinen Verleger wird dies gewiss erfreut haben. Das Werk ist auch als Gassenhauer-Trio bekannt, weil bereits Zeitgenossen im letzten Satz eine Melodie aus der damals sehr populären Oper Der Corsar oder Die Liebe unter den Seeleuten von Joseph Weigl erkannt haben. Beethoven soll darüber übrigens sehr erstaunt gewesen sein - aber denselben Ohrwurm haben auch andere Komponisten damals verarbeitet, wie beispielsweise Paganini.
Das Trio Es-Dur op. 38 hingegen ist eine Bearbeitung, und zwar des gemischten Septetts op. 20. Die Klarinette behält darin sehr weit- gehend ihre Stimme; das Cello übernimmt mitunter Melodien von Fagott und Horn, und was dann übrig blieb, das hat Beethoven dem Klavier überantwortet. Dennoch ist das Ergebnis zauberhaft; die Variationen klingen, als wären sie eigens für Trio erdacht. Und das Trio Ecco spielt diesen Beethoven so elegant, dass es eine Freude ist. Wie Karl Leister, langjähriger Soloklarinettist der Berliner Philhar- moniker, der renommierte Cellist Matthias Moosdorf und die Pianistin Olga Gollej hier gemeinsam musizieren, das ist große Kunst, auch wenn es eigentlich um eher kleine Werke geht. Wundervoll! 

Dienstag, 22. Mai 2012

Kraus: Sämtliche Klavierwerke (Musicaphon)

Wenn Musiker und Kritiker sich nicht mögen, dann kann das Folgen haben. Joseph Martin Kraus (1756 bis 1792) widmete Zwei neue ku- riose Minuetten dem Bach-Bio- graphen Johann Nikolaus Forkel, mit dem er einst aneinandergera- ten war. "Dass sich Dr. Forkel und Kraus immer im Streit miteinander befanden, ist in verschiedener Hinsicht bezeugt", berichtet Kraus-Biograph Samuel Silverstolpe, "und man besitzt im Manuskript zwei von Kraus komponierte und Herrn Forkel zugeeignete Menuette für Fortepiano, bei denen der altmodi- sche Stil und die Kombination aller möglichen harmonischen Gebre- chen auf etwas mehr als einen Scherz hindeuten."
Warum Kraus den Beinamen "schwedischer Mozart" erhielt, wird dem Hörer dieser CD ein Rätsel bleiben. Der Sohn eines kurmainzischen Beamten lernte zunächst an der Lateinschule in Buchen, und dann am Jesuitengymnasium in Mannheim, wo er auch das Musikseminar besuchte. Die Hofkapelle dort zählte damals zu den besten Europas; einen jungen Menschen, der sich für Musik begeisterte, dürfte das nachhaltig beeindruckt haben. Und in der Tat schrieb sich Kraus 1773 zwar an der Universität - zunächst in Mainz, wenig später dann in Erfurt - ein, um brav Jura zu studieren. Doch scheint er dort mehr von Bachs letztem Schüler Johann Christian Kittel als von seinen Professoren gelernt zu haben.
Von Erfurt aus soll er zudem Wilhelm Friedemann Bach in Magdeburg und Carl Philipp Emanuel Bach in Hamburg besucht haben. 1776 ging Kraus nach Göttingen, um dort sein Jura-Studium fortzusetzen.
1778 reiste der Komponist nach Schweden, um sich dort am Hofe des Königs Gustav III. um eine Anstellung zu bewerben. Diese erhielt er jedoch erst 1781, als er nach dem Erfolg einer Oper zum Kapell- meister ernannt wurde. Er bekam vom König ein Jahresgehalt von 300 Dukaten - und wurde von ihm auf eine Studienreise geschickt, die den jungen Komponisten über Dresden und Wien bis nach Italien führte. Dort traf er auf seinen König, und er reiste weiter nach Paris, wo Kraus fast zwei Jahre blieb.
Als er schließlich 1786 nach Stockholm zurückkehrte, fand er sich durch Abbé Vogler ersetzt. Der König löste dieses Problem, indem er Kraus zum Direktor der Königlichen Musikakademie ernannte. Dem Komponisten gelang es, sich in Schweden zu etablieren. Das zeigt sich auch daran, dass er 1792 nach dem Attentat auf den König, der einem Anschlag während eines Maskenballes zum Opfer fiel, Trauersinfonie und Begräbniskantate für Gustav III. komponierte. Im Dezember desselben Jahres starb auch der Musiker, an Lungentuberkulose.
Er hinterließ ein erstaunlich umfangreiches Werk, allerdings waren nur wenige seiner Stücke für Tasteninstrumente bestimmt. Christian Brembeck hat Kraus' Klavierwerke für Musicaphon eingespielt. Für die Sonaten in Es-Dur und in E-Dur, ein Rondo in F-Dur und ein Larghetto in G-Dur wählte er ein Instrument, das dem Charakter dieser Werke eher betont, weil es den Unterschied zu den Sonaten Mozarts sehr deutlich werden lässt: Er spielt einen Nachbau von Mozarts Hammerflügel - im Original von Anton Walter, hier von Eckehart Merzdorf, Remchingen. Aus seiner Werkstatt stammt auch die Kopie eines Clavichords von Johann Christoph Fleischer. Auf diesem Instrument, das vergleichsweise flüsterleise und intim klingt, spielt Brembeck Scherzo con variationi in C-Dur, die Minuetten und Svensk Dans

Mittwoch, 4. Januar 2012

In stile italiano - Bach, Marcello & Bigaglio (Musicaphon)

In Weimar hatte der junge Bach erstmals Gelegenheit, die neuesten italienischen Konzerte zu studie- ren. So hat ihn der Austausch mit dem Dresdner Musikdirektor Johann Georg Pisendel, einem Schüler Vivaldis, nachweislich inspiriert. Doch auch Johann Ernst von Sachsen-Weimar, der Bruder des Regenten und ein Schüler Bachs, brachte von seiner Kava- lierstour, die ihn in die Niederlande führte, Partituren italienischer Komponisten mit. 
Bach hat die Anregungen, die er dadurch erfuhr, begierig aufgenom- men. Diese CD stellt einige seiner Werke in Kontrast zu zwei Sonaten von Diogenio Bigaglia (um 1676 bis 1745) und Benedetto Marcello (1686 bis 1739). Stefano Bagliano, Blockflöte, und Christian Brembeck am Cembalo musizieren mit Leidenschaft und auch mit sehr viel Sachverstand. Baglianos virtuoses Flötenspiel bezaubert; wer ihn spielen hört, der fragt nicht mehr, warum das Instrument flauto dolce genannt wird. 
Das berühmte Concerto nach italienischen Gusto aus dem zweiten Teil der Clavierübung, das man hier erwartet hätte, spielt Brembeck diesmal freilich nicht. "Hier treibt Bach seine Auseinandersetzung mit der Form des italienischen Concerto gewissermaßen auf die Spitze", erläutert der Musiker in dem sehr informativen Beiheft: "Er schreibt eine 'virtuelle' Transkription eines (nie existent gewesenen!) Konzertes italienischer Prägung für ein Cembalo mit zwei Manualen, mit klarer Aufteilung der Tutti- und Concertino-Passagen!" 
Doch den Musikern geht es eher um einen Blick in die Werkstatt des Komponisten, und daher haben sie für diese CD ein anderes Solo-Stück für das Cembalo ausgewählt: Die Aria variata alla maniera italiana BWV 989, welche die Begegnung der Variationspraxis italienischer Meister mit der sehr deutschen Form der Choralpartita dokumentiert. 
Ansonsten zeigen sie "Bachs ureigene Erfindung einer echten Triosonate für nur zwei Instrumente", so Brembeck - "Stimme des Soloinstrumentes, weitere Melodiestimme in der rechten Hand des Cembalos, Bassstimme in der linken Hand". Das ist wirklich ein interessanter Aspekt, und wenn so brillant musiziert wird wie hier, dann kann man wirklich nur empfehlen: Unbedingt reinhören! 

Montag, 22. August 2011

La Vihuela (Musicaphon)

Die Vihuela gehört zu den Rätseln der Musikgeschichte. Sie war offenbar schon im 13. Jahrhundert in Spanien gebräuchlich, wie Bilder belegen, und erlebte eine kurze Blütezeit im 16. Jahrhundert - um dann umso konsequenter von der Bühne zu verschwinden. Heute sind nicht einmal eine Handvoll Originalinstrumente erhalten. Joachim Gassman spielt auf dieser CD einen Nachbau aus der Werk- statt von Markus Dietrich, Erl- bach. 
Solo-Stücke für die Vihuela aber sind offenbar Raritäten. So sind auch auf dieser CD nur einige wenige davon zu finden. Die Canciones und Vilancicos, die sie typischerweise begleitet, werden hier von Imma Einsingbach gesungen, von Julia Fritz auf diversen Blockflöten oder von Franziska König auf der Violine vorgetragen. Auch der Raum spielt hier übrigens mit - die Stiftskirche zu Bassum, in der die Werke aufgezeichnet wurden, bringt einen überwältigenden akustischen Raumeindruck mit ein. 

Dienstag, 12. Juli 2011

Vivaldi / Dallapiccola: Cello Sonatas (Musicaphon)

"Die Beschäftigung mit der Musik des Barock war im Italien des beginnenden 20. Jahrhunderts unter Komponisten sehr verbrei- tet", berichtet Pianist Till Alexan- der Körber im Beiheft zu dieser CD. Das lag nicht zuletzt daran, dass dort über mehr als hundert Jahre die Oper derart stark die vorherr- schende Gattung war, dass die Italiener in der Instrumentalmusik ziemlich weit in der Musikgeschich- te zurückschauen mussten, wenn sie an musikalische Traditionen anknüpfen wollten. Dabei hat insbesondere Luigi Dallapiccola (1904 bis 1975) ein originelles Werk hinterlassen, wie man es ähnlich nur von den deutschen Romantikern kennt. 
Er hat 1955 die Sechs Sonaten für Violoncello F. XIV, 1-6 von Anto- nio Vivaldi herausgegeben - und merkt bescheiden an: Revision and realization of the Figured Bass by Luigi Dallapiccola. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn Dallapiccola hat nicht nur den Gene- ralbass aus Ziffern, die heutzutage kaum noch jemand flüssig abspie- len kann, in Noten umgeschrieben. Er hat obendrein für die rechte Hand des Pianisten einen Part erschaffen, der in den Dialog zur Cellostimme tritt. "Der heutige Interpret sieht sich angesichts dieser Werke vor eine doppelte Herausforderung gestellt", so Körber: "Einerseits steht die Dallapiccolasche Bearbeitung des Öfteren im Widerspruch zu unserem Wissen um Aufführungspraxis des Barock. Zugleich verwirklicht diese Bearbeitung genau das, wozu dieses Wissen verhelfen soll: Die authentische Aneignung und Umsetzung von Musik längst vergangener Epochen. Andererseits ist die Bearbei- tung auch selbst wiederum Ausdruck der Zeit, in welcher sie ent- stand: die Art der Artikulation des Cellopartes, die im Großen und Ganzen pedallose Klanglichkeit des Klaviers sowie die strukturbe- tonte Durchsichtigkeit und damit auch reizvolle harmonische Sprödigkeit des Satzes." 
Der Cellist Martin Rummel und Till Alexander Körber am Konzert- flügel kombinieren bei ihrer Einspielung Elemente der historischen Aufführungspraxis, wie spontane Verzierungen in den Wieder- holungen, mit großem Respekt vor Dallapiccolas "Bearbeitung". Das Ergebnis überrascht durch seinen schönen, satten Ton und eine beeindruckende Eleganz. Was für eine herrliche, harmonische Aufnahme! 
Den Vergleich  mit einer musikhistorisch korrekten Version soll eine zweite CD ermöglichen, auf der Rummel gemeinsam mit dem Cem- balisten James Tibbles musiziert. Allerdings distanziert sich Tibbles schon im Beiheft von Puristen, die auf eine Interpretation mit historischen Instrumenten und dementsprechender Spieltechnik setzen. Sie bemühten sich, "die Absichten des Komponisten zu verstehen und dadurch so nah wie möglich an die damaligen Erwartungen an eine Aufführung zu kommen"
Das Ziel von Rummel und Tibbles hingegen sei es, "eine Interpreta- tion des 21. Jahrhunderts zu erreichen". Anders als Dallapiccola, der ein Werk des 18. Jahrhunderts in die Sprache des 20. Jahrhunderts übersetzt habe, wollen sie versuchen, "den Geist des Komponisten zu erfassen". Ebenso schwammig wie diese Absichtserklärung erscheint die Version, die daraus hervorgegangen ist. Rummel spielt hier mit schlankerem, mitunter etwas ruppigerem Ton. Doch von barocker Spiellust und von den damals geläufigen virtuosen Verzierungen findet sich nicht die geringste Spur. 
Das freilich ist mir zu viel 21. Jahrhundert, und deutlich zu wenig Vivaldi. Wer keine Lust hat, sich durch "ein tiefes Verständnis von Regelbüchern" die Grundlagen für eine angemessene Interpretation zu erarbeiten, der soll doch bitte nicht so tun, als ließe sich allein durch die Verwendung eines Cembalos nebst einer Version aus dem Paris des 18. Jahrhunderts, die Vivaldis unbezifferten Bass beziffert, Barockmusik simulieren. Ich jedenfalls nenne das Ignoranz - und die ist eigentlich für die Musiker des 21. Jahrhunderts nicht typisch. 

Freitag, 24. Juni 2011

Bach: Sonaten; Maximilian Mangold, Gitarre (Musicaphon)

„Die Gitarre in ihrer heutigen Form gab es zu Bachs Zeiten noch nicht. Die Sonaten und Partiten für Violine solo eignen sich jedoch für eine Ausführung auf der Gitarre viel besser als die sogenannten Lautensuiten“, begründet Maxi- milian Mangold im Beiheft seine Entscheidung für die Sonaten BWV 1001, 1003 und 1005. „Ein Werk für ein Instrument mit vier Saiten wie die Violine ist auf die sechs- saitige Gitarre viel einfacher zu übertragen als Originalwerke für die 13-chörige Barocklaute. Während bei Bachs Lautenwerken zahlreiche Oktavierungen der tiefen Basstöne vorngenommen und nicht selten auch Töne weggelassen werden müssen, kann der Notentext der Solowerke für Violine ohne Einschränkungen auf der Gitarre ausgeführt werden.“ 
Der Gitarrist erläutert, er habe lediglich einige zusätzliche Basstöne aus klanglichen Gründen hinzugefügt – und bezeichnet seiner Version daher auch bescheiden als Einrichtung, und nicht als Bearbeitung. Sensibel und sehr klar strukturiert spielt Mangold Bachs Werke. Er nutzt insbesondere die Chance, durch Weiterklingen einzelner Töne die latente Polyphonie der Sonaten deutlich werden zu lassen. Der Gitarrist ist derzeit weltweit einer der besten seines Faches – er spielt technisch perfekt, sagenhaft flink und dabei stets sauber, durchdacht und klar akzentuiert. Zugleich kündet seine Interpretation davon, dass sein Interesse weit über die Auseinandersetzung mit dem Instru- ment hinausreicht.
 

Samstag, 28. Mai 2011

Bläserkammermusik der Brüder Graun (Musicaphon)

Ihre Manuskripte signierten sie Graun, ihre Musikstücke können nicht einmal Experten in jedem Falle sicher einem der Brüder zuordnen, und auch sonst waren ihre Lebenswege erstaunlich eng verflochten: Johann Gottlieb (1698 bis 1771) und Carl Heinrich Graun (1703 bis 1757) besuchten beide die Kreuzschule in Dresden. Johann Gottlieb erhielt Violin- unterricht bei Johann  Georg Pisendel; er ging später als Konzertmeister nach Merseburg, wo übrigens zu seinen Violinschülern auch Wilhelm Friedemann Bach gehörte, und wechselte dann in den Dienst des Prinzen Waldeck nach Arolsen. 
Carl Heinrich konnte schon in Dresden von seiner schönen Stimme profitieren. 1725 wurde er als Tenorist nach Braunschweig engagiert, wo er bald darauf Vizekapellmeister wurde, und seine ersten Opern komponierte - unter anderem für die Hochzeitsfeierlichkeiten des preußischen Kronprinzen Friedrich. Der war davon so angetan, dass er die Gebrüder Graun in seine Hofkapelle aufnahm. 
Das Ensemble Concert Royal aus Köln hat auf dieser CD Bläser-Kammermusik der Graun-Brüder eingespielt, die mit teilweise sehr kuriosen Besetzungen überrascht. Da finden sich unter anderem Trios für Oboe d'amore, Horn und Fagott, zwei Concerti für konzertieren- des Horn, Oboe d'amore und Basso continuo, sowie ein Concerto à 4 für zwei Oboen, Trompete und Fagott. Karla Schröter und Eric Douchy, Oboe d'amore, Anette Sichelschmidt, Barockvioline, Rafael Vosseler, Barockhorn, Friedemann Immer, Barocktrompete, Trudy von der Wulp, Barockfagott und Roman Giefer, Cembalo, sind zweifellos durchweg exzellente Instrumentalisten. Aber diese CD erfüllt nicht ganz die hohen Erwartungen, mit der man sie gestartet hatte. Diese Werke zwischen Spätbarock und galantem Stil hätte man sich eleganter, farbiger und mit mehr Esprit vorgetragen gewünscht. 

Sonntag, 6. März 2011

Franz Xaver Mozart: Klavierwerke (Musicaphon)

Franz Xaver Mozart (1791 bis 1844) war das sechste Kind der Familie Mozart. Er kam im Sep- tember 1791 zur Welt, wenige Monate, bevor sein Vater starb. Diesem soll er sehr geähnelt haben; seine Mutter nannte ihn Wolfgang, und ließ ihn durch die besten Lehrer unterweisen, die sie finden konnte. Dazu gehörten Johann Nepomuk Hummel, Antonio Salieri und Johann Georg Albrechtsber- ger.
Dennoch wurde kein zweites "Wol- ferl" aus ihm; zum Wunderkind, das man gewinnbringend vorführen kann, eignete sich Franz Xaver Mozart nicht. Zwar war sein Klavier- spiel exzellent, berichten Zeitgenossen. Doch seine Kompositionen waren, wie diese CD zeigt, eher weniger spektakulär. "Begabt, um höher aufzuragen / Hielt ein Gedanke deinen Flug; / ,Was würde wohl mein Vater sagen?' / War dich zu hemmen schon genug. / Und was zu schaffen dir gelungen, / Was manchen andern hoch geehrt, / Du selbst verwarfst es, kaum gesungen, / Als nicht des Namens Mozart wert", beschrieb Franz Grillparzer in seinem Nachruf das Phänomen. 
Susanne von Laun hat für Musicaphon auf einem Wiener Hammer- flügel von Joseph Brodmann, um 1815, die zwölf Polonaisen Franz Xaver Mozarts eingespielt. Und als Zugabe gibt's noch eine ganz besondere Entdeckung: Ein Rondo, dass der elfjährige Franz Xaver einst seiner Mutter zum Geburtstag geschenkt hat. Die ersten 16 Takte stammen von seinem Vater; das Fragment ist ein unvollendetes Spätwerk. Der Junge hat es zu Ende geführt - ganz in dem Stil, in dem es begonnen wurde, nur steifer, ungelenker, weniger elegant. Für dieses Werk wählte von Laun einen Hammerflügel des Nürnberger Klavierbauers Johann David Schiedmayer aus dem Jahre 1801. Klanglich ist die CD daher spannend, auch wenn ich die Stücke selbst ziemlich belanglos finde. 

Freitag, 4. März 2011

Klarinettentrios von Eberl, Ries, Kreutzer (Musicaphon)

Wer kennt die Beethoven-Zeitge- nossen Anton Franz Josef Eberl (1765 bis 1807), Ferdinand Ries (1784 bis 1838) und Conradin Kreutzer (1780 bis 1838)?  Im Schatten des "Titanen", wie Beet- hoven bald geradezu kultisch verehrt wurde, gerieten ihre Namen nur zu bald in Vergessen- heit. Dabei waren sie zu Lebzeiten durchaus prominent, und ihre Werke waren mitunter populärer als jene ihres schließlich zum Giganten verklärten Zeitgenossen. 
Der Cellist Matthias Moosdorf möchte sich mit diesem Zustand nicht abfinden. Es ist sein erklärtes Ziel, das Publikum wieder für aus dem Repertoire verschwundene Meisterwerke zu begeistern. Auf dieser CD stellt der umtriebige Leipziger Musiker nun gemeinsam mit Karl Leistner, Klarinette, und Olga Gollej am Piano drei exzellente Werke dieser Komponisten vor: Das Grand Trio für Klarinette, Violoncello und Klavier op. 36 von Anton Eberl und das Trio für Klarinette, Fagott/Violoncello und Klavier op. 43 von Conradin Kreutzer, zwei Werke in ausgesprochen klassischem Stil, wirken wie ein Rahmen für das Trio für Klarinette, Violoncello und Klavier op. 28 von Ferdinand Ries mit seiner schon beinahe romantischen Gestaltung. 
In allen drei Werken agieren alle drei Instrumente gleichberechtigt. So haben auch das Cello und das Klavier keineswegs nur eine Begleit- funktion, sondern vielmehr äußerst eigenständige, anspruchsvolle, teilweise beinahe konzertant wirkende Partien. Die drei Solisten, die seit 2007 als "Trio Ecco (!)" gemeinsam musizieren, haben hörbar Vergnügen an dieser nicht ganz einfachen Aufgabe - und überzeugen mit ihrer lebendigen, engagierten Interpretation. Bravi!  

Montag, 24. Januar 2011

Mozart: Sämtliche Werke für zwei Klaviere (Musicaphon)

Annette Töpel, Dozentin an der Musikakademie Kassel, hat ge- meinsam mit ihrem erfahrenen Kollegen Iwan Urwalow, der ebenfalls eine Klavierklasse an der Musikakademie Kassel leitet, für das Label Musicaphon sämtliche Werke Mozarts für zwei Klaviere eingespielt. 
Genutzt wurden dafür zwei Schimmel-Konzertflügel, die durch die Wilhelm Schimmel Pianoforte- fabrik GmbH in Braunschweig in deren Räumlichkeiten zur Verfü- gung gestellt wurden. Sie klingen nicht so massiv wie die heutzutage im Konzertbetrieb allgegenwärtigen Steinways, und das passt zu Mozarts Musik ganz ausgezeichnet. 
Mozart hat die meisten seiner Werke, die für diese Besetzung entstan- den sind, als Fragmente hinterlassen. Fertiggestellt hat er selbst nur zwei Stücke, die Sonate D-Dur KV 448 und die Fuge c-Moll KV 426. Alle anderen Werke haben die Musiker ergänzt, komplettiert, voll- endet, um spielbare Versionen zu erhalten. Dass dieses Vorgehen nicht unproblematisch ist, wird jedermann klar sein. Als Fragment aber wären die Werke auf CD wohl nicht unters Volk zu bringen; und auch handwerklich ist die Ergänzung ganz passabel gelungen. Inso- fern darf man sich auf eine ungewöhnliche Klavier-CD freuen, die mit Lust und Leidenschaft eingespielt wurde. 

Freitag, 31. Dezember 2010

Nardini: Kammermusik mit Flöte (Musicaphon)

Pietro Nardini (1722 bis 1793) war ein Schüler von Giuseppe Tartini. Er war nicht in erster Linie für seine Virtuosität berühmt, son- dern für seinen schönen Ton. Leopold Mozart, seinerzeit ein gesuchter Violinpädagoge, erlebte sein Spiel 1763 auf Schloss Ludwigsburg, und berichtete daraufhin in einem Brief: „Sagen sie dem H: Wenzl daß ich gewissen Nardini gehört habe, und daß, in der Schönheit, reinigkeit, gleich- heit des Tones und im Singbaren Geschmacke nichts schöners kann gehöret werden.“
1760 und 1765 musizierte Nardini am Wiener Hof auf den Hochzeiten des Thronfolgers und späteren Kaisers Joseph II. Von 1762 bis 1765 wirkte er als Kammermusiker und Konzertmeister am Hofe des Herzogs Carl Eugen in Stuttgart.  Mehrere Reisen führten ihn auch an den Braunschweiger Hof. 1769 wurde er Konzertmeister und 1770 Musikdirektor am Hofe des Großherzogs Leopold in Florenz.
Seine Musik ist frühklassisch-empfindsam; sie ist unterhaltsam und gefällig. Obwohl Nardini in erster Linie für die Violine komponierte, sind von ihm auch fünf Triosonaten für Flöte, Violine und Basso continuo sowie einige Flötensonaten überliefert. Eine Auswahl dieser hübschen Stücke hat das Ensemble "musica solare" für das Label Musicaphon eingespielt. 
Darja Großheide, Traversflöte, Gabriele Nußberger, Violine, Ulrike Schaar, Violoncello und Willi Kronenberg, Cembalo, sind ausgewie- sene Spezialisten für Kammermusik des 18. Jahrhunderts. Sie musi- zieren mit schönem Ton und mit Gespür für die speziellen Qualitäten der Musik Nardinis - die keine Barockmusik mehr ist, aber auch noch nicht jenem Geniekult huldigt, der im 19. Jahrhundert Rolle und Selbstverständnis des Musikers grundlegend ändern sollte.

Montag, 26. April 2010

Wiener Serenaden (Musicaphon)

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts brach in den europäischen Metro- polen ein regelrechtes Gitarren- fieber aus. Virtuosen reisten umher und konzertierten, und komponierten effektvolle Stücke für "ihr" Instrument. Besonders beliebt war offensichtlich damals die Kombination von Gitarre und Fortepiano.
Doch mit der Mutation der Gitarre vom Konzertinstrument zur "Klampfe" der Wandervögel und mit der Weiterentwicklung des Klavierbaus verschwanden diese Werke ebenso schnell wieder aus dem Repertoire.
Denn diese Besetzung - und das zeigt auch die vorliegende CD deutlich - ist nur mit den Instrumenten jener Zeit attraktiv. Der moderne Konzertflügel und die Konzertgitarre, wie sie heute gespielt wird, unterscheiden sich im Klang und in ihren dynamischen Möglichkeiten derart drastisch, dass an ein Zusammenspiel nicht sinnvoll zu denken ist. Die historische Gitarre und das Fortepiano hingegen erreichen einen erstaunlichen Grad klanglicher Verschmelzung und erscheinen auch dynamisch bestens ausgewogen. 
Maximilian Mangold spielt eine sechssaitige Gitarre nach einem Original von Johann Anton Stauffer (Wien, um 1840), angefertigt 2003 von Bernhard Kresse, Köln. Dieses Instrument ist kleiner und leichter als moderne Konzertgitarren, hat eine kürzere Mensur, eine geringere Halsbreite und wird natürlich auch entsprechend dem historischen Original auf einen Kammerton von 430 Hertz gestimmt. Kristian Nyquist musiziert auf einem Fortepiano, das 2002 in der Werkstatt von Michael Walker, Heidelberg, entstanden ist. Dabei handelt es sich um den Nachbau eines Flügels der europaweit berühmten Wiener Klavierbaumeisterin Nanette Streicher aus dem Jahre 1814, mit einer Wiener Mechanik, wie sie ihr Vater Johann Andreas Stein entwickelt hatte.
Die CD beginnt und endet mit Werken von Anton Diabelli, bei denen vor allem das Fortepiano dominiert. Seine Grande Sonate Brillante op. 102 gibt jedoch beiden Solisten Gelegenheit zu einem virtuosen konzertanten Dialog voll Spielwitz, aber auch zu melodischer Gestaltung. Insbesondere der letzte Satz, eine Pastorale, bietet so manche verblüffende harmonische Wendung.
Die Grandi Variazione e Polonese sulla "Nel cor piú non mi sento"
op. 65 von Mauro Giuliani - bekannt auch in einer Fassung für Streichquartett und Gitarre - erscheint fast wie eines seiner Gitarren- konzerte. Zwar übernimmt das Klavier die Einleitung und einige Zwischenspiele, aber beherrscht wird das Werk ganz eindeutig von der Gitarre. 
Es folgen zwei hübsche Miniaturen  aus der Feder von Caspar Joseph Mertz - Einsiedlers Waldglöckchen und die Barcarole op. 41 sind kurze, romantische Charakterstücke. Die CD endet mit der Sonate pour le Piano Forte et Guitare, op. 71 von Diabelli, einem flotten, heiteren Werk, das vielleicht am ehesten an eine Serenade erinnert. Mangold und Nyquist erweisen sich als exzellente Solisten, die perfekt aufeinander abgestimmt musizieren. Sie machen aus diesen hübschen Biedermeierstücken ein Musikerlebnis. Bravi!