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Dienstag, 3. Dezember 2019

Schubert: Elysium (Genuin)

Nun ist sie komplett, die Gesamteinspielung aller Werke für Männerchor von Franz Schubert durch die Camerata Musica Limburg. Was für ein Projekt! Seit 2015 folgte CD auf CD, und jedesmal wieder erfreuten die Chorsänger mit ihrem makellosen, strahlenden, perfekt homogenen Chorklang. Da ist deutlich zu spüren, dass die Mitwirkenden schon viele Jahre in bester Harmonie zusammen singen, und zugleich vom Kinderalter an eine solide Ausbildung erfahren haben. 
Das Vokalensemble, geleitet von Jan Schumacher, ist aus den Limburger Domsingknaben hervorgegangen. Mittlerweile bestehen die Camerata Musica Limburg seit gut 20 Jahren. Sie musizieren nach wie vor auf allerhöchstem Niveau, und konnten zudem offenbar auch die freundschaftliche Verbindung aus der gemeinsamen Zeit im Knabenchor aufrecht erhalten. Man spürt es jedenfalls, dass sie sich schon sehr lange kennen und ausgezeichnet verstehen. 
Und es ist wunderbar, dass diese Herren auch nach dem Stimmbruch weiter Lust auf Chorgesang hatten. Denn es gibt heute nicht mehr sehr viele Ensembles, die sich an alle Lieder Schuberts wagen können. So verwundert es auch nicht, dass die Camerata Musica Limburg mittlerweile mehrfach zur Schubertiade in Schwarzenberg und Hohenems eingeladen worden sind. Schließlich sind gerade die Chöre, die Schubert oftmals für seine Freunde geschrieben hat, ein zentraler Bestandteil seines Werkes. Und so freut man sich über die umfassende Einspielung, die nun mit dem sechsten und letzten Teil bis in die Gegenwart weist. 
„Perspectives on Schubert“ setzt Lieder der Romantiker in spannungsvolle Beziehung zu Werken, die zeitgenössische Komponisten eigens für dieses CD-Projekt geschaffen haben. Diese Produktion vereint Bearbeitungen ebenso wie Stücke, die Schuberts Chorsätze reflektieren. Das reicht von den Arrangements Friedrich Silchers und Johannes Brahms' über Franz Abt und Peter Cornelius bis hin zu Ersteinspielungen, etwa von Mårten Jansson, Alwin Schronen, Nicola Campogrande, Thomas Thurnher oder Christopher Tarnow. Beauftragt wurden dafür Komponisten, die dem Ensemble persönlich bekannt waren. Entstanden ist auf diesem Wege eine hochinteressante CD, die die Reihe würdig komplettiert. Bravi! 

Sonntag, 22. Juli 2018

A Matter of Heart (Challenge Classics)

Tenor, Horn und Klavier – das war eine Kombination, wie geschaffen für die Romantiker! Aus der großen Anzahl von Liedern mit obligatem Horn – allein im 19. Jahrhundert sind etwa 200 derartige Werke entstanden, ist in einem sehr informativen Text im Beiheft nachzulesen – stellt die vorliegende CD eine kleine, aber attraktive Auswahl vor. 
Tenor Christoph Prégardien hat gemeinsam mit dem Hornisten Olivier Darbellay und mit seinem Klavierbegleiter Michael Gees allerdings einen Zyklus aus dem 20. Jahrhundert zum zentralen Werk dieser Einspielung erkoren: The Heart of the Matter von Benjamin Britten (1913 bis 1976) spielt sowohl vom Text als auch von den musikalischen Mitteln her in einer ganz anderen Liga als die eher vom ländlichen Idyll geprägten Lieder der Romantiker Franz Lachner (1803 bis 1890), Konradin Kreutzer (1780 bis 1849), Henry Hugo Pierson (1815 bis 1873) und Carl Kossmaly (1812 bis 1893). Und natürlich darf auch das berühmte Auf dem Strom von Franz Schubert (1797 bis 1828) nicht fehlen. Das ist ein gelungenes Finale; allerdings zerfällt die Aufnahme für mein Empfinden in zwei Teile, die nicht so ganz zusammenpassen wollen. Trotz des schönen Wortspiels im Titel. 

Montag, 25. Juni 2018

Wehmut (Genuin)

Die dritte Folge der Gesamtein- spielung sämtlicher Werke Franz Schuberts (1797 bis 1828) für Männerchor ist jüngst bei dem Leipziger Label Genuin Classics erschienen. Die Camerata Musica Limburg – der mittlerweile renommierte Männerchor ist 1999 aus dem Chor der Limburger Domsingknaben hervorgegangen und wird von Jan Schumacher geleitet – konnten für ihr Projekt einmal mehr namhafte Solisten gewinnen. So sind auf dieser CD auch die irische Mezzosopranistin Alison Browner und der lyrische Tenor Christoph Prégardien zu hören. 
Werke für Vokalensembles hat Franz Schubert in großer Zahl hinterlassen. Bereits als Schüler vertonte er Gedichte, um sich im mehrstimmigen Satz zu üben. So sind einige Terzette überliefert, die Schubert für den Kompo- sitionsunterricht beim Hofkapellmeister Antonio Salieri geschrieben hat. 
Die meisten seiner Vokalsätze aber schuf Schubert vermutlich für das gesellige Singen im Kreise seiner Freunde. Einige von ihnen kannte er bereits aus seiner Zeit als Sängerknabe in der Wiener Hofmusikkapelle. Und wie schon im Konvikt, so war Schubert offenbar auch in späteren Jahren gern bereit, zu Festlichkeiten oder auch einfach so rasch ein Lied zu Papier zu bringen. 
Viele seiner Liedsätze sind solche Gelegenheitskompositionen, was allerdings nicht unbedingt bedeutet, dass es ihnen an Qualität mangelt. Auf dieser CD ist ein hinreißendes Beispiel dafür zu hören: Leise, leise lasst uns singen D 635 ist das Zeugnis eines charmanten Scherzes, den die Herren spontan der Wiener Sängerin Fanny Hügel zugewandt haben, die ganz offensichtlich bei einer Geselligkeit eingeschlummert war. 
Auch jener Kanon, den Schubert seinem Lehrer Salieri, von den singenden Schülern launig als „unser aller Großpapa“ gefeiert, im Jahre 1816 zum 50. Dienstjubiläum gewidmet hat, dürfte wohl eher nicht zur Veröffent- lichung vorgesehen gewesen sein. Insofern bietet die CD, neben bekannten Werken wie Das Dörfchen D 598, reichlich Anlass zu Entdeckungen.  Der Titel allerdings trifft das Wesen dieser Musik eher nicht; die Runde um Schubert scheint ja doch recht fidel gewesen zu sein. 
Die Camerata Musica Limburg singt mit viel Charme, Leichtigkeit und perfekter Intonation. Der Chorklang ist eher weich als kernig und strahlend. Begleitet werden die Sänger mitunter von dem Pianisten Andreas Frese (der ansonsten im Tenor singt), oder von Tilman Hoppstock auf der Gitarre – was sich im Zusammenklang mit dem Limburger Männerchor unglaublich gut macht, unbedingt anhören! 

Sonntag, 4. Februar 2018

Mendelssohn Bartholdy: Psalmen (BR Klassik)

Fünf breit angelegte und groß besetzte Psalmvertonungen schuf Felix Mendelssohns Bartholdy (1809 bis 1847). Drei davon sind auf dieser CD zu hören, vorgetragen vom Chor des Bayerischen Rundfunks und dem Münchner Rundfunkorchester unter Leitung von Howard Arman. Es handelt sich dabei um einen Live-Mitschnitt vom Dezember 2016 aus dem Münchner Prinzregententhea- ter. Solisten des Abends waren Julia Winkel, Sopran, Hanne Weber, Alt, Julian Prégardien, Tenor und Krešimir Stražanac, Bassbariton. 
Howard Arman verzichtet auf allzu üppige Emotionswogen. Er setzt mit dem zu Recht hochgelobten Ensemble in erster Linie auf Ausdruck, und dann erst auf Schönklang, und wird damit dem Anliegen des Komponisten ganz sicher gerecht. Denn hinter dem Schaffen Felix Mendelssohn Bartholdys sind die musikalischen Traditionen immer präsent. Das macht Arman auch deutlich. 
Non nobis Domine für Soli, Chor und Orchester op. 31 basiert auf Versen aus dem 115. Psalm. Es wird vermutet, dass Mendelssohn an diesem Werk während seines ersten Englandaufenthalts 1829 arbeitete; bei dieser Gelegenheit studierte er in London Handschriften Händels, was ihn hörbar inspiriert hat. 
Die Vertonung des 42. Psalms, Wie der Hirsch schreit op. 42, ein umfang- reiches, kantatenartiges Werk für Sopran, Chor und Orchester, schrieb Mendelssohn 1837 auf seiner Hochzeitsreise. Sie gehört bis heute zu den bekanntesten Chorwerken des Komponisten. 
In seiner Position als Generalmusikdirektor des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. – der die Kirchenmusik reformieren wollte und dabei die Vokalpolyphonie des 16. Jahrhunderts als Ideal betrachtete – schuf Mendelssohn Singet dem Herrn ein neues Lied op. 91, eine Vertonung des 98. Psalms. Sie wurde 1844 am Neujahrstage durch den neu zusammengestellten Berliner Domchor aufgeführt, und erinnert zunächst an historische Vorbilder: Ein achtstimmiger A-cappella-Gesang, doppelchörig, den Text deklamierend wie weiland Heinrich Schütz. Allerdings wagte es Mendelssohn dann, den Herrn auch tatsächlich mit Harfen, Trompeten und Posaunen zu loben – was bei der Geistlichkeit damals wohl wenig Begeisterung auslöste. Bei allen nachfolgenden Werken für den Domchor jedenfalls ließ der Komponist die Sänger ohne Instrumentalisten antreten. 
Wie sehr Felix Mendelssohn Bartholdy die deutsche Chortradition geprägt hat, demonstriert noch ein anderes Werk auf dieser CD: Verleih uns Frieden gnädiglich, ein kurzes Gebet nach Worten Martin Luthers für Chor und Orchester, gehört zu einer Folge von acht Choralkantaten, die Zeugnis geben von der intensiven Beschäftigung des jungen Musikers mit dem Werk Bachs. 
In der Familie Mendelssohns war die Erinnerung an den großen Meister stets präsent. So war seine Großtante Sara Levy eine Schülerin Carl Philipp Emanuel Bachs, und seine Großmutter Bella Salomon eine Schülerin Kirn- bergers. 1823 hatte sie ihrem Enkel eine Abschrift der Matthäuspassion geschenkt; 1829 leitete Mendelssohn die erste Aufführung dieses Werkes nach dem Tode Bachs – mit der Sing-Akademie zu Berlin, und gegen alle Bedenken ihres Gründers und seines Lehrers Carl Friedrich Zelter. Doch das ist eine andere Geschichte. 
Diese CD endet mit Hear my Prayer, einem Wechselgesang zwischen Sopran und Chor nach dem 55. Psalm, den Felix Mendelssohn Bartholdy für eine Aufführung in London geschaffen hat. Das Werk wurde zunächst durch eine Orgel begleitet; hier ist allerdings die Orchesterfassung zu hören, die der Komponist 1847 anfertigte. 

Samstag, 16. April 2016

Bach: Johannes-Passion (BR Klassik)

Die Johannes-Passion schrieb Johann Sebastian Bach in Leipzig für die Karwoche 1724, unmittelbar nach seiner Anstellung als Thomaskantor. Er hat das Werk, uraufgeführt seinerzeit in der Nikolaikirche, immer wieder überarbeitet und abgeändert. Hier ist die sogenannte Fassung letzter Hand zu hören, die Bach 1739 begonnen, aber letztendlich wohl niemals selbst in dieser Form aufgeführt hat. Die Einspielung wird ergänzt durch eine ebenso ergiebige wie aufwendig produzierte Werkeinführung von Markus Vanhoefer. 
Die Passion beginnt und endet mit großen Chören – Herr, unser Herr- scher und Ruht wohl, ihr heiligen Gebeine. In diesen Rahmen gefasst, erklingt die Passionserzählung, immer wieder unterbrochen durch reflektierende Choräle sowie durch Arien, die biblischen Texte eindringlich kommentieren. Neben Julian Prégardien, der die Partie des Evangelisten gekonnt vorträgt, hat der Chor des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Peter Dijkstra daher den umfangreichsten Part. Und der Chor singt hinreißend – beweglich wie ein Kammerchor, blitzsauber und stets durchhörbar, gestalterisch souverän und gänzlich ohne Manierismen. Sehr beeindruckend! Dieser Live-Mitschnitt einer konzertanten Aufführung am 7. März 2015 im Herkulessaal der Münchner Residenz ist ohne Zweifel mit Abstand die beste Einspielung der Johannes-Passion seit langem. Dazu tragen auch das renommierte Originalklang-Ensemble Concerto Köln und eine umfangreiche Riege junger Vokalsolisten mit bei. 

Dienstag, 20. Mai 2014

Bach: Matthäus-Passion; Dijkstra (BR Classic)

Diese Aufnahme ist ein gutes Bei- spiel dafür, dass namhafte Sänger und Musiker nicht in jedem Falle ein Garant für eine hervorragende Aufnahme sind. Und was wird für diese Matthäus-Passion nicht alles aufgeboten! Eine lange Solisten- riege, die aber nicht wirklich überragendes leistet, dazu der Chor des Bayerischen Rundfunks nebst Regensburger Domspatzen sowie das renommierte Orchester Concerto Köln steht Peter Dijkstra hier zur Verfügung. Was er daraus macht? Enttäuschend wenig. Wir hören den Live-Mitschnitt mehrerer Konzerte im Münchner Herkulessaal, in historisch informierter Aufführungspraxis, nun ja, das würde heute kaum ein Kantor noch anders machen. Einzig Julian Prégardien gestaltet seine Partie als Evangelist mit atemberaubender Intensität (und phantastischer Technik). Leider steht er damit allein auf weiter Flur. Schade. 

Dienstag, 8. Mai 2012

Carl Philipp Emanuel Bach: Die Auferstehung und Himmelfahrt Jesu (Phoenix)

Eine "Rührung des Gemütes" zu erzielen, das war im 18. Jahr- hundert das Ziel des Oratoriums. Waren Musiker und Textdichter in früheren Jahren bestrebt, mög- lichst nah am biblischen Text ein Geschehen zu vermitteln, so erhielt die Reflexion zunehmend mehr Gewicht - bis sie schließlich übermächtig wurde. Der Evangelist verschwand, die Empfindung rückte in den Mittelpunkt. 
Diese Entwicklung zeigt sich auch an den drei großen Oratorien Carl Philipp Emanuel Bachs; Die Auferstehung und Himmelfahrt Jesu aus den Jahren 1777/78 ist das letzte davon. Den Textdichter dieses Oratoriums lernte Carl Philipp Emanuel Bach in Berlin kennen: Karl Wilhelm Ramler (1725 bis 1798), gepriesen als der "deutsche Horaz", war Lehrer am Kadettenkorps Friedrichs II. Er schuf noch einen weiteren Oratorientext, der insbesondere in der Vertonung durch Carl Heinrich Graun berühmt wurde - Der Tod Jesu
Mit Carl Philipp Emanuel Bach war Ramler befreundet, und auch nach Bachs Berufung nach Hamburg 1768 blieben die beiden im engen Kontakt. In der Hansestadt, wo er der Nachfolger seines verstorbenen Paten Georg Philipp Telemann im Amte des städtischen Musikdirek- tors und Cantor Johannei wurde, widmete sich Bach pflichtgemäß der Kirchenmusik. Nebenher aber veranstaltete er eine große Zahl an Konzerten, in denen er als Cembalovirtuose glänzte, und eigene Wer- ke vorstellte. Für diese öffentlichen Konzerte stand ihm zudem, anders als in der Kirche, ein exzellentes Orchester und eine versierte Sängerschar zur Verfügung. 
Das galt auch für Die Auferstehung und Himmelfahrt Jesu, das 1778 uraufgeführt wurde. Das Werk fand großen Beifall, und erklang bald auch andernorts. So dirigierte Mozart 1788 drei Aufführungen in Wien. Hermann Max, der das Werk mit seiner Rheinischen Kantorei und dem Ensemble Das Kleine Konzert 1986 eingespielt hat, kombi- niert es mit der Osterkantate Gott hat den Herrn auferwecket aus dem Jahre 1756. Es wird vermutet, dass sich Friedrichs Konzert- cembalist damit auswärts präsentiert hat - so ist bekannt, das er 1755 eine Bewerbung nach Leipzig geschickt hat; Thomaskantor wurde aber Johann Friedrich Doles.

Dienstag, 24. April 2012

Johann Ernst Bach: Passionsoratorium (Capriccio)

Darüber, was die Musikwirtschaft dem Publikum typischerweise serviert, kann man immer wieder staunen. Klingende Passionsbe- richte gehörten schon zu Schütz' Zeiten zum festen Repertoire der vorösterlichen Kirchenmusik. Jeder Komponist, der auf sich hielt, hat dazu Werke beigetragen. Über die Jahrhunderte sind so ganze Bibliotheken an Passionen entstanden. Allein Georg Philipp Telemann schuf gut 30 derartige Kompositionen. Selbst Ludwig van Beethoven schrieb Christus am Ölberg. Doch dann wurden die Passionen von Johann Sebastian Bach wiederentdeckt - und damit verschwanden alle anderen Werke dieser Gattung, sozusagen sang- und klanglos, aus den Kirchen. 
Selbst wenn in den vergangenen Jahren einige dieser verstummten Passionsmusiken auf CD eingespielt worden sind, so prägen Bachs Werke erstaunlicherweise nach wie vor das vorösterliche Konzert- programm. Das ist gleich aus mehreren Gründen schade. Denn zum einen ist längst nicht jede Kantorei in der Lage, eine Bach-Passion angemessen aufzuführen. Zum anderen fehlt dem Musikleben dadurch jene Tiefe, die das Verständnis der Werke eigentlich erst ermöglicht. 
Und dem Publikum entgehen Entdeckungen, wie sie der CD-Markt für Neugierige längst bereithält. Dazu gehört ohne Zweifel dieses Passionsoratorium von Johann Ernst Bach (1722 bis 1777), einem Neffen, Patensohn und Schüler des legendären Thomaskantors. Er wirkte als Organist in Eisenach, und wurde 1756 zum Hofkapell- meister von Herzog Ernst August Constantin ernannt. Die Weimar-Eisenachische Hofkapelle wurde allerdings schon zwei Jahre später nach dem Tod des Herzogs wieder aufgelöst. Die Lebensgeschichte dieses Komponisten, der ganz offensichtlich größten Wert auf die Kirchenmusik gelegt hat, bleibt uns weitgehend unbekannt. Sein Werk aber zeigt, dass er sein Handwerk exzellent beherrschte, und eine Fuge ebenso souverän einzusetzen wusste wie verwegene harmo- nische Wendungen und Melodien, die man nicht wieder aus dem Ohr bekommt. 
Hermann Max hat mit seiner Rheinischen Kantorei und dem Kleinen Konzert sowie einigen sehr ordentlich singenden Solisten 1989 für Capriccio nicht nur das Passionsoratorium, sondern auch Das Ver- trauen der Christen auf Gott, eine Ode auf den 77. Psalm für Tenor, Chor und Orchester, sowie Meine Seele erhebt den Herrn, eine Motette für Soli, vierstimmigen Chor, Streicher und Basso continuo, eingespielt. Die Noten wurden eigens für diese Aufnahme nach den Originalquellen erstellt. Für die nimmermüde Suche nach vergesse- nen Schätzen, die in Archiven und Bibliotheken schlummern, gebührt Hermann Max höchster Dank. Ohne das Engagement solcher Pioniere der "Alten" Musik wäre unser Wissen und unser Repertoire noch schmaler. 

Serenade (Genuin)

Was für ein Sound! Die Camerata Musica Limburg, ein quasi-profes- sionelles Ensemble, ist 1999 aus den Limburger Domsingknaben hervorgegangen und widmet sich dem Männer-Kammerchorgesang auf höchstem Niveau. Die 18 Her- ren, die unter Leitung von Jan Schumacher an dieser CD mitge- wirkt haben, singen blitzsauber und berückend homogen. 
Für Serenade haben sie Lieder ausgewählt, die überwiegend die Nacht musikalisch verklären - so, wie es die Romantiker liebten. Doch die Chorsänger beschränken sich nicht darauf, die bekannten Lieder vorzutragen, wie  sie jede Lieder- tafel kennt und singt. Sie haben zwischen den altbekannten und heiß geliebten "Hits" allerlei Überraschungen versteckt. So rufen perfekt geblasene Hörner das Waldesrauschen in Erinnerung. Es sind einige schöne Soli zu hören und auch etliche Werke, die in Deutschland sonst eher nicht präsent sind. Eine wunderschöne, poetische CD. 

Samstag, 13. März 2010

Bach: Messe in h-Moll (Berlin Classics)

Die Schlafwagen-Version von Bachs Hoher Messe. Um Miss- verständnissen vorzubeugen: Ich habe nichts dagegen, wenn sich ein Dirigent entschließt, das Tempo zurückzunehmen. Man muss das Kyrie durchaus nicht im Galopp absolvieren, auch wenn das derzeit weithin üblich zu sein scheint. Das gilt ebenso für alles, was danach kommt. Aber ich wünsche mir dennoch eine gewisse Spannung und Phrasierung. Was ich hier ertragen muss, ist musikalischer Brei, lauwarm und zähflüssig. Das hat Bach nicht verdient. 
Die Aufnahme verblüfft insofern, weil eigentlich alle Mitwirkenden renommierte Spezialisten für Alte Musik sind; und Dirigent René Jacobs hat wahrlich viele hochinteressante Aufführungen geleitet. Aber eine solche Interpretation wie die vorliegende war auch im Jahr ihrer Entstehung, 1992, nicht akzeptabel.