Auf CD veröffentlichte Tudor diese Gesamtaufnahme dann erstmals im Todesjahr von Gilbert Schuchter. Dass das Label den kompletten Schubert nun in einer preiswerten Box mit 12 CD und umfangreichem Beiheft erneut bereitstellt, ist erfreulich. Denn das Tondokument hat ohne Zweifel nicht nur musikhistorisch große Bedeutung, sondern obendrein noch immer einen hohen künstlerischen Rang. Schuchter musiziert mit großer Hingabe und lyrischer Geste. Er gestaltet „seinen“ Schubert elegisch, jedem Gedanken nachsinnend, weich im Klang, sehr österreichisch. Kein einziger Takt erscheint hier beliebig.
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Samstag, 27. Juni 2020
Franz Schubert - Gilbert Schuchter (Tudor)
Die Weltersteinspielung des gesamten Klavierwerks von Franz Schubert erschien 1969/70 auf 15 Schallplatten bei dem Label Tudor. Es gab damals viel Beifall für den österreichischen Pianist Gilbert Schuchter (1919 bis 1989), der sich an dieses Aufsehen erregende Projekt herangewagt hatte. Die Einspielung war seinerzeit auch deshalb eine Sensation, weil sie auf wissenschaftlich geprüften, fundierten Noteneditionen beruhte.
Auf CD veröffentlichte Tudor diese Gesamtaufnahme dann erstmals im Todesjahr von Gilbert Schuchter. Dass das Label den kompletten Schubert nun in einer preiswerten Box mit 12 CD und umfangreichem Beiheft erneut bereitstellt, ist erfreulich. Denn das Tondokument hat ohne Zweifel nicht nur musikhistorisch große Bedeutung, sondern obendrein noch immer einen hohen künstlerischen Rang. Schuchter musiziert mit großer Hingabe und lyrischer Geste. Er gestaltet „seinen“ Schubert elegisch, jedem Gedanken nachsinnend, weich im Klang, sehr österreichisch. Kein einziger Takt erscheint hier beliebig.
Auf CD veröffentlichte Tudor diese Gesamtaufnahme dann erstmals im Todesjahr von Gilbert Schuchter. Dass das Label den kompletten Schubert nun in einer preiswerten Box mit 12 CD und umfangreichem Beiheft erneut bereitstellt, ist erfreulich. Denn das Tondokument hat ohne Zweifel nicht nur musikhistorisch große Bedeutung, sondern obendrein noch immer einen hohen künstlerischen Rang. Schuchter musiziert mit großer Hingabe und lyrischer Geste. Er gestaltet „seinen“ Schubert elegisch, jedem Gedanken nachsinnend, weich im Klang, sehr österreichisch. Kein einziger Takt erscheint hier beliebig.
Montag, 23. März 2020
Mozart: Flute Quartets (Tudor)
Für einen vermögenden Musikfreund aus den Niederlanden komponierte Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791) während seines Aufenthaltes in Mannheim 1777/78 einige wenige Werke für Flöte. Und obwohl sein Mäzen ihn dafür wirklich gut bezahlte, ging der 22jährige mit Widerwillen an diese Arbeit. In Briefen an seinen Vater moserte er, er habe keine Lust dazu, und er könne die Flöte ohnehin nicht leiden.
Glücklicherweise hat sich dies auf die Qualität der Musik nicht ausgewirkt. Mozarts Flötenquartette KV 285, 285 a und 285b gehören bis heute zu den Perlen des Repertoires – das Adagio aus dem D-Dur-Quartett gilt sogar als „vielleicht das schönste begleitete Solo, das je für Flöte geschrieben worden ist“, so urteilte einst der Musikkritiker und Mozart-Kenner Alfred Einstein.
Auf dieser CD erklingen sie sowie das später in Wien komponierte Flötenquartett KV 298 in Weltklasse-Besetzung. Den Flötenpart übernahm Aurèle Nicolet, ein Solist von Weltrang, einstmals Soloflötist der Berliner Philharmoniker, und ein ebenso legendärer Musikpädagoge. Der Musiker, der aus Neuchâtel in der Schweiz stammte, ist 2016 kurz nach seinem 90. Geburtstag gestorben.
Bei dieser Aufnahme aus dem Jahre 1978 musizierte er gemeinsam mit dem Münchner Streichtrio, in dem damals die junge Ana Chumachenko die Violine spielte, Oscar Lysy die Viola und Walter Nothas das Violoncello.
Glücklicherweise hat sich dies auf die Qualität der Musik nicht ausgewirkt. Mozarts Flötenquartette KV 285, 285 a und 285b gehören bis heute zu den Perlen des Repertoires – das Adagio aus dem D-Dur-Quartett gilt sogar als „vielleicht das schönste begleitete Solo, das je für Flöte geschrieben worden ist“, so urteilte einst der Musikkritiker und Mozart-Kenner Alfred Einstein.
Auf dieser CD erklingen sie sowie das später in Wien komponierte Flötenquartett KV 298 in Weltklasse-Besetzung. Den Flötenpart übernahm Aurèle Nicolet, ein Solist von Weltrang, einstmals Soloflötist der Berliner Philharmoniker, und ein ebenso legendärer Musikpädagoge. Der Musiker, der aus Neuchâtel in der Schweiz stammte, ist 2016 kurz nach seinem 90. Geburtstag gestorben.
Bei dieser Aufnahme aus dem Jahre 1978 musizierte er gemeinsam mit dem Münchner Streichtrio, in dem damals die junge Ana Chumachenko die Violine spielte, Oscar Lysy die Viola und Walter Nothas das Violoncello.
Freitag, 7. Februar 2020
Il Carnevale di Venezia (Tudor)
Am Pariser Konservatorium waren bei seiner Gründung 1795 zwölf Klarinettenlehrer beschäftigt, die mehr als hundert Schüler unterrichteten. Die Absolventen waren gefragt. Denn das Instrument, für das sich nicht nur Mozart begeisterte, konnte sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, vom Mannheimer Vorbild ausgehend, rasch in ganz Europa etablieren. So waren zeitweise mehr als 50.000 Kla- rinettisten allein in der Militärmusik beschäftigt. In vielen Orchestern musizierten exzellente Solisten, für die zahlreiche Kompositionen entstanden.
Aus der Vielzahl dieser Konzertstücke, Variationen und Arrangements hat Hans Stadlmair gemeinsam mit dem Klarinettenvirtuosen Eduard Brunner (1939 bis 2017) eine attraktive Auswahl zusammengestellt, und 1988 mit dem Münchner Kammerorchester eingespielt. Zu hören sind Werke von Domenico Cimarosa, Gaetano Donizetti, Saverio Mercadante und Gioacchino Rossini – und ebenso temperamentvolle Variationen über ein venezianisches Volkslied, das hierzulande mit dem Text „Mein Hut, der hat drei Ecken“ populär ist. Sie stammen allerdings nicht von einem italienischen Komponisten, sondern von Hans Stadlmair.
Eduard Brunner musiziert souverän; er war ein versierter Interpret, und technisch wie musikalisch jeder Herausforderung gewachsen. Mit Stadlmair und dem Münchner Kammerorchester verband ihn eine langjährige künstlerische Partnerschaft.
Aus der Vielzahl dieser Konzertstücke, Variationen und Arrangements hat Hans Stadlmair gemeinsam mit dem Klarinettenvirtuosen Eduard Brunner (1939 bis 2017) eine attraktive Auswahl zusammengestellt, und 1988 mit dem Münchner Kammerorchester eingespielt. Zu hören sind Werke von Domenico Cimarosa, Gaetano Donizetti, Saverio Mercadante und Gioacchino Rossini – und ebenso temperamentvolle Variationen über ein venezianisches Volkslied, das hierzulande mit dem Text „Mein Hut, der hat drei Ecken“ populär ist. Sie stammen allerdings nicht von einem italienischen Komponisten, sondern von Hans Stadlmair.
Eduard Brunner musiziert souverän; er war ein versierter Interpret, und technisch wie musikalisch jeder Herausforderung gewachsen. Mit Stadlmair und dem Münchner Kammerorchester verband ihn eine langjährige künstlerische Partnerschaft.
Sonntag, 26. August 2018
Sinfonie Concertanti (Tudor)
Eine schöne Aufnahme, eigentlich älteren Datums, ist bei Tudor wieder verfügbar: Das Flötenduo Anne Utagawa und Dominique Hunziker hatte 1978 gemeinsam mit dem Orchestre de Chambre Paul Kuentz Sinfonie concertante von Federigo Fiorillo, Giuseppe Cambini und ein Concerto für zwei Flöten und Orchester von Domenico Cimarosa eingespielt. Es sind durchweg anspruchsvolle und ansprechende Werke, die den Solisten Gelegenheit bieten, sowohl Virtuosität als auch musikalisches Gestaltungsvermögen unter Beweis zu stellen. Das Flötisten-Ehepaar musiziert zudem auch in den turbulentesten Passagen perfekt aufeinander abgestimmt.
Dienstag, 28. März 2017
"Les Bis" de Georges Athanasiadès (Tudor)
Georges Athanasiadès, Jahrgang 1929, wirkt seit vielen Jahren in der Abtei Saint-Maurice. Dieses Kloster der Augustiner-Chorherren, es befindet sich im Kanton Wallis in der Westschweiz, gilt als das älteste Kloster des Abendlandes, das ohne Unterbrechung existierte – 2014/15 feierte es sein 1500jähriges Bestehen. Als Priester unterrichtete Athanasia- dès lange am dortigen Gymnasium.
Doch er ist nicht nur Germanist und Theologe, er hat in Lausanne auch Musik studiert und sein Solisten- diplom mit Auszeichnung absolviert. Als Organist der Stiftsbasilika Saint-Maurice musiziert Athanasiadès nicht nur im Gottesdienst; er gibt zudem weltweit Konzerte, engagiert sich für den musikalischen Nachwuchs und ist ein gefragter Berater, wenn es um Neubau und Restaurierung von Orgeln geht.
Auf dieser CD präsentiert er nun seine Lieblingszugaben: „Une très longue carrière de concertiste m'a suggéré de grouper un certain nombre de mes encores sous le titre ,Les Bis'“, schreibt Athanasiadès. In seinem Begleit- wort zu dieser CD verweist er auf die Geschichte der Orgel, die ja keines- wegs schon immer ihren Platz im sakralen Raum hatte. Und auch heute wird auf diesem Instrument nicht nur genuin geistliche Musik gespielt; der Farbenreichtum und der orchestrale Charakter des Orgelklanges laden geradezu dazu ein, auch beispielsweise Orchestermusik vorzutragen.
Und so steht auch hier beispielsweise Jesus bleibet meine Freude von Johann Sebastian Bach neben dem Pilgerchor aus der Oper Tannhäuser von Richard Wagner, und die Sonate facile KV 545 von Wolfgang Amadeus Mozart erklingt neben drei Préludes von Frédéric Chopin – arrangiert ebenso wie Wagners Pilgerchor für Orgel übrigens von Franz Liszt. Herzlich tut mich verlangen von Johannes Brahms spielte der Organist an der Orgel der Stiftsbasilika Waldsassen in Bayern; ansonsten ist die Große Orgel der Stiftsbasilika zu hören. Dieses facettenreiche Instrument, eingeweiht 1950, stammt von der Orgelbau Th. Kuhn AG, Männedorf im Kanton Zürich. Es verfügt über 56 Register auf drei Manualen und Pedal.
Doch er ist nicht nur Germanist und Theologe, er hat in Lausanne auch Musik studiert und sein Solisten- diplom mit Auszeichnung absolviert. Als Organist der Stiftsbasilika Saint-Maurice musiziert Athanasiadès nicht nur im Gottesdienst; er gibt zudem weltweit Konzerte, engagiert sich für den musikalischen Nachwuchs und ist ein gefragter Berater, wenn es um Neubau und Restaurierung von Orgeln geht.
Auf dieser CD präsentiert er nun seine Lieblingszugaben: „Une très longue carrière de concertiste m'a suggéré de grouper un certain nombre de mes encores sous le titre ,Les Bis'“, schreibt Athanasiadès. In seinem Begleit- wort zu dieser CD verweist er auf die Geschichte der Orgel, die ja keines- wegs schon immer ihren Platz im sakralen Raum hatte. Und auch heute wird auf diesem Instrument nicht nur genuin geistliche Musik gespielt; der Farbenreichtum und der orchestrale Charakter des Orgelklanges laden geradezu dazu ein, auch beispielsweise Orchestermusik vorzutragen.
Und so steht auch hier beispielsweise Jesus bleibet meine Freude von Johann Sebastian Bach neben dem Pilgerchor aus der Oper Tannhäuser von Richard Wagner, und die Sonate facile KV 545 von Wolfgang Amadeus Mozart erklingt neben drei Préludes von Frédéric Chopin – arrangiert ebenso wie Wagners Pilgerchor für Orgel übrigens von Franz Liszt. Herzlich tut mich verlangen von Johannes Brahms spielte der Organist an der Orgel der Stiftsbasilika Waldsassen in Bayern; ansonsten ist die Große Orgel der Stiftsbasilika zu hören. Dieses facettenreiche Instrument, eingeweiht 1950, stammt von der Orgelbau Th. Kuhn AG, Männedorf im Kanton Zürich. Es verfügt über 56 Register auf drei Manualen und Pedal.
Dienstag, 1. November 2016
Stamitz: 10 Klarinettenkonzerte (Tudor)
Es ist kein Wunder, dass Wolfgang Amadeus Mozart von diesen Klängen schwärmte. „Ach, wenn wir auch nur clarinetti hätten! Sie glauben nicht was eine sinfonie mit flauten, oboen und clarinetten für einen herrlichen Effect macht!“, schrieb der junge Mozart 1778 nach Salzburg an seinen Vater.
Die Verwendung der Holzbläser als Gruppe im Orchester war eine jener Neuerungen, die die Mannheimer Hofkapelle zur musikgeschichtlichen Entwicklung beigetragen hat. Wäh- rend der Regierungszeit des Kurfür- sten Karl Theodor wurde das Orchester, besetzt mit sagenhaften 90 Musi- kern, zu einem der besten Ensembles der Welt. Und diese Instrumentali- sten spielten nicht nur virtuos; viele von ihnen komponierten auch, und setzten dabei gezielt auf die einzigartigen Möglichkeiten der Hofkapelle. Bei Tudor sind nun in einer drei-CD-Box zehn Klarinettenkonzerte von Carl Stamitz (1745 bis 1801) erschienen. Es sind mit die ersten Konzerte für Klarinette überhaupt, und sie sind Meisterwerke. Wer sie angehört hat, der ahnt zudem, wieviel Mannheim in der sogenannten Wiener Klassik steckt.
Eduard Brunner spielt diese Konzerte mit Engagement und enormer Spielfreude. Ihm zur Seite musiziert das Münchner Kammmerorchester unter Hans Stadlmair, das dem Solisten ein exzellenter Partner ist.
Die Verwendung der Holzbläser als Gruppe im Orchester war eine jener Neuerungen, die die Mannheimer Hofkapelle zur musikgeschichtlichen Entwicklung beigetragen hat. Wäh- rend der Regierungszeit des Kurfür- sten Karl Theodor wurde das Orchester, besetzt mit sagenhaften 90 Musi- kern, zu einem der besten Ensembles der Welt. Und diese Instrumentali- sten spielten nicht nur virtuos; viele von ihnen komponierten auch, und setzten dabei gezielt auf die einzigartigen Möglichkeiten der Hofkapelle. Bei Tudor sind nun in einer drei-CD-Box zehn Klarinettenkonzerte von Carl Stamitz (1745 bis 1801) erschienen. Es sind mit die ersten Konzerte für Klarinette überhaupt, und sie sind Meisterwerke. Wer sie angehört hat, der ahnt zudem, wieviel Mannheim in der sogenannten Wiener Klassik steckt.
Eduard Brunner spielt diese Konzerte mit Engagement und enormer Spielfreude. Ihm zur Seite musiziert das Münchner Kammmerorchester unter Hans Stadlmair, das dem Solisten ein exzellenter Partner ist.
Montag, 17. Oktober 2016
Mahler: The 9 Symphonies (Tudor)
Chefdirigent Jonathan Nott schaut mit kühlem, ja, mit misstrauischem Blick in die Partitur. Nichts ist hier idyllisch und harmlos. Nott verzichtet auf auf- gesetztes Pathos und überflüssige Sentimentalisierung; er lotet akribisch aus, was im Notentext steht, und akzeptiert dabei insbesondere auch die Brüche und Abgründe. Damit macht er Klangeffekte hörbar, die Mahler offenbar wichtig waren, die aber beim Beharren auf der spätromantischen Aufführungspraxis mit ihren diversen Rubati eher verschmiert und verdeckt werden. Nott setzt auf Strukturen und Farben, und er hat ein grandioses Gespür für das richtige Zeitmaß. Das Ergebnis ist unglaublich spannend, dramatisch und mitreißend. Atemberaubend!
Freitag, 29. April 2016
Ouvertüren (Tudor)
Antike Sagengestalten stehen im Mittelpunkt dieser CD der Bamberger Symphoniker. Die Auswahl der Musik für ein solches Programm fällt sicherlich nicht leicht, denn schon für die allerersten Opern wählten die Komponisten Stoffe aus der griechi- schen oder römischen Mythologie. Dirigent Karl-Heinz Steffens prä- sentiert mit den Bamberger Sym- phonikern Werke aus dem 18. und
19. Jahrhundert. Die CD beginnt mit der Ouvertüre zu Iphigenie in Aulis von Christoph Willibald Gluck (1714 bis 1787) – in einer Bearbeitung von Richard Wagner. Aus Mozarts Oper Ideomeneo erklingt ebenfalls die Ouvertüre, sowie die abschließende Ballettmusik, die die Krönung Idaman- tes in Form einer Pantomime in Szene setzen soll.
Luigi Cherubini (1760 bis 1842) stammte aus Florenz. 1787 ging er nach Paris, und dort überlebte er die Revolution und die Schreckensherrschaft der Jakobiner. Im März 1797 stellte er dann seine Oper Médée vor. Dass die grausige Geschichte um die Zauberin Medea bis zum heutigen Tage ihren Platz auf der Opernbühne behauptet, ist auch das Verdienst von Maria Callas, die diese Partie einst phänomenal gesungen hat. Die Bamberger Symphoniker spielen die Ouvertüre, die bereits den Furor der Heldin ankündigt.
Deutlich ruhiger gestaltet hat Ludwig van Beethoven die Eröffungsmusik zu Die Ruinen von Athen, einem Huldigungs-Opus zur Eröffnung des Theaters im ungarischen Pest. Mit knapp fünf Minuten ist dies die kürzeste Ouvertüre des Komponisten überhaupt; sie ist knapp, aber reizvoll, und lässt das dazugehörige Stück aus der Feder von Kotzebue nicht vermissen, in dem Göttervater Zeus höchstpersönlich eine Büste des österreichischen Kaisers Franz I. aufstellt.
Shakespeares Sommernachtstraum stand Pate bei der romantischen Oper Oberon, die Carl Maria von Weber (1786 bis 1826) schwerkrank in seinen letzten Lebensmonaten geschaffen hat. Die Handlung soll ein wenig verwirren – aber wenn die Musik insgesamt so ist wie das, was die Bamberger Symphoniker auf dieser CD vorstellen, dann könnte man vielleicht sogar über Schwächen des Textbuches hinwegsehen und dem Opus eine zumindest konzertante Wiederauferstehung wünschen.
Und da wir einmal bei Puck, Oberon und Titania sind – die CD endet mit dem Sommernachtstraum von Felix Mendelssohn Bartholdy. Die Bamberger Symphoniker beweisen einmal mehr, dass sie zu den besten Orchestern Deutschlands gehören; musiziert wird mit Präzision und Esprit. Steffens erweist sich als Klangmagier, er vergisst aber auch nicht, hier und da mit einer Prise Dramatik zu würzen. Diese Einspielung ist ein kleines Juwel, hier passt einfach alles.
19. Jahrhundert. Die CD beginnt mit der Ouvertüre zu Iphigenie in Aulis von Christoph Willibald Gluck (1714 bis 1787) – in einer Bearbeitung von Richard Wagner. Aus Mozarts Oper Ideomeneo erklingt ebenfalls die Ouvertüre, sowie die abschließende Ballettmusik, die die Krönung Idaman- tes in Form einer Pantomime in Szene setzen soll.
Luigi Cherubini (1760 bis 1842) stammte aus Florenz. 1787 ging er nach Paris, und dort überlebte er die Revolution und die Schreckensherrschaft der Jakobiner. Im März 1797 stellte er dann seine Oper Médée vor. Dass die grausige Geschichte um die Zauberin Medea bis zum heutigen Tage ihren Platz auf der Opernbühne behauptet, ist auch das Verdienst von Maria Callas, die diese Partie einst phänomenal gesungen hat. Die Bamberger Symphoniker spielen die Ouvertüre, die bereits den Furor der Heldin ankündigt.
Deutlich ruhiger gestaltet hat Ludwig van Beethoven die Eröffungsmusik zu Die Ruinen von Athen, einem Huldigungs-Opus zur Eröffnung des Theaters im ungarischen Pest. Mit knapp fünf Minuten ist dies die kürzeste Ouvertüre des Komponisten überhaupt; sie ist knapp, aber reizvoll, und lässt das dazugehörige Stück aus der Feder von Kotzebue nicht vermissen, in dem Göttervater Zeus höchstpersönlich eine Büste des österreichischen Kaisers Franz I. aufstellt.
Shakespeares Sommernachtstraum stand Pate bei der romantischen Oper Oberon, die Carl Maria von Weber (1786 bis 1826) schwerkrank in seinen letzten Lebensmonaten geschaffen hat. Die Handlung soll ein wenig verwirren – aber wenn die Musik insgesamt so ist wie das, was die Bamberger Symphoniker auf dieser CD vorstellen, dann könnte man vielleicht sogar über Schwächen des Textbuches hinwegsehen und dem Opus eine zumindest konzertante Wiederauferstehung wünschen.
Und da wir einmal bei Puck, Oberon und Titania sind – die CD endet mit dem Sommernachtstraum von Felix Mendelssohn Bartholdy. Die Bamberger Symphoniker beweisen einmal mehr, dass sie zu den besten Orchestern Deutschlands gehören; musiziert wird mit Präzision und Esprit. Steffens erweist sich als Klangmagier, er vergisst aber auch nicht, hier und da mit einer Prise Dramatik zu würzen. Diese Einspielung ist ein kleines Juwel, hier passt einfach alles.
Montag, 30. April 2012
Lully: Phaeton - Atys - Armide (Tudor)
Es ist schon eine amüsante Fuß- note der Musikgeschichte, dass diese Musik, die heute als typisch französisch gilt, von einem Italie- ner komponiert wurde: Giovanni Battista Lulli (1632 bis 1687) stammte aus Florenz. Er kam als Italienischlehrer der Cousine Ludwigs XIII., nach Frankreich. Es wird vermutet, dass er beim Spielen den jungen Ludwig XIV. kennenlernte. Die beiden Jungen waren Tanz und Musik ähnlich leidenschaftlich zugetan; sie haben offenbar mehrfach gemeinsam in Balletten getanzt, beispielsweise im Ballet royal de la nuit, wo Ludwig zum ersten Mal in der Rolle der aufgehenden Sonne vor das Publikum trat.
So kam es, dass Jean-Baptiste Lully 1653 zum Compositeur de la musique instrumentale und 1661 zum Surintendant de la musique de la chambre du Roi avancierte. 1672 sicherte sich Lully zudem mit der Übernahme der Académie Royale de Musique das Monopol darauf, Opern aufzuführen. Das Pariser Opernorchester, das Lully auf Basis der Vingt-quatre violons du Roi etablierte, galt bald als größtes und bestes Orchester der Welt.
Um die Werke Lullys auch mit anderen Besetzungen spielbar zu machen, bearbeiteten seine Verleger die Stücke. Denn im Norden Europas waren andere Stimmverteilungen üblich; auch standen an den kleineren Höfen zumeist deutlich weniger Musiker zur Verfügung. Das Capriccio Barockorchester hat auf dieser CD eine Auswahl cha- rakteristischer Sätze dreier wichtiger Werke des Komponisten einge- spielt, und zwar auf der Basis der Versionen, die bei Estienne Roger in Amsterdam erschienen sind. Phaeton, eine Tragédie en musique aus dem Jahre 1683, erfordert eine umfangreiche Besetzung mit etlichen Streichern, acht Bläsern und Cembalo. Atys, erstmals aufgeführt 1676, erklingt in einer geradezu kammermusikalisch anmutenden Variante mit solistisch besetzten Streichern, fünf Bläsern, Theorbe und Cembalo. Für Ouverture, Chaconne & Tous les autres Airs à jouer de l'Opéra d'Armide nach Lullys letzter Oper aus dem Jahre 1687, wurde eine Besetzung ausgewählt, wie sie wohl für eine mittelgroße Hofkapelle oder ein Collegium musicum der Barockzeit typisch war.
Das Capriccio Barockorchester musiziert mit Esprit, Eleganz und tänzerischer Leichtigkeit. So gelingt dem Ensemble, das von seinem Konzertmeister Dominik Kiefer geleitet wird, eine der schönsten Lully-Aufnahmen, die man je zu hören bekam. Bravi! und, bitte, mehr davon.
So kam es, dass Jean-Baptiste Lully 1653 zum Compositeur de la musique instrumentale und 1661 zum Surintendant de la musique de la chambre du Roi avancierte. 1672 sicherte sich Lully zudem mit der Übernahme der Académie Royale de Musique das Monopol darauf, Opern aufzuführen. Das Pariser Opernorchester, das Lully auf Basis der Vingt-quatre violons du Roi etablierte, galt bald als größtes und bestes Orchester der Welt.
Um die Werke Lullys auch mit anderen Besetzungen spielbar zu machen, bearbeiteten seine Verleger die Stücke. Denn im Norden Europas waren andere Stimmverteilungen üblich; auch standen an den kleineren Höfen zumeist deutlich weniger Musiker zur Verfügung. Das Capriccio Barockorchester hat auf dieser CD eine Auswahl cha- rakteristischer Sätze dreier wichtiger Werke des Komponisten einge- spielt, und zwar auf der Basis der Versionen, die bei Estienne Roger in Amsterdam erschienen sind. Phaeton, eine Tragédie en musique aus dem Jahre 1683, erfordert eine umfangreiche Besetzung mit etlichen Streichern, acht Bläsern und Cembalo. Atys, erstmals aufgeführt 1676, erklingt in einer geradezu kammermusikalisch anmutenden Variante mit solistisch besetzten Streichern, fünf Bläsern, Theorbe und Cembalo. Für Ouverture, Chaconne & Tous les autres Airs à jouer de l'Opéra d'Armide nach Lullys letzter Oper aus dem Jahre 1687, wurde eine Besetzung ausgewählt, wie sie wohl für eine mittelgroße Hofkapelle oder ein Collegium musicum der Barockzeit typisch war.
Das Capriccio Barockorchester musiziert mit Esprit, Eleganz und tänzerischer Leichtigkeit. So gelingt dem Ensemble, das von seinem Konzertmeister Dominik Kiefer geleitet wird, eine der schönsten Lully-Aufnahmen, die man je zu hören bekam. Bravi! und, bitte, mehr davon.
Freitag, 24. Juni 2011
Hertel: Con spirito. Concerti & Sinfonie (Tudor)
Johann Wilhelm Hertel (1727 bis 1789) war der Sohn eines Violini- sten und Konzertmeisters der Eisenacher Hofkapelle. Seinen ersten Klavierunterricht erhielt er von einem Schüler Bachs; sein Vater dürfte ihn auf Violine und Gambe unterwiesen haben. 1742 zog die Familie um nach Neustre- litz, wo Johann Christian Hertel eine Stelle als Konzertmeister angenommen hatte. 1744 wurde auch der 17jährige Johann Wil- helm in der Hofkapelle von Mecklenburg-Strelitz als Violinist und Clavierist angestellt.
Bei Aufenthalten in Berlin lernte er die Musiker der Hofkapelle Friedrichs II. kennen, und nahm bei Franz Benda Violinunterricht. Als sein Vater 1751 erkrankte, übernahm er die Leitung der Strelitzer Hofkapelle. Nach deren Auflösung ging er als Hof-Kapellkomponist und Clavierist nach Schwerin. Dort stand er zeitweise auch in Diensten der Prinzessin Ulrike Sophie von Mecklenburg-Schwerin, und pflegte enge Beziehungen nach Hamburg. 1767 komponierte Hertel für das erste deutsche Nationaltheater in Hamburg Intermezzi für zwei Stücke Lessings, die dieser damals als „Muster von Schau- spielmusiken“ lobte.
Hertel hinterließ eine umfangreiche Bibliothek. Er gilt als vielseitig interessierter und versierter Musiker, der als Publizist auch seinen Zeitgenossen gern Einblick in aktuelle Probleme bei der Weiterent- wicklung der Musik gab. Hertel schrieb eine Vielzahl von Oratorien, Kantaten und Liedern – doch präsent blieben eher seine Sinfonien und Konzerte. Das Barockorchester Capriccio Basel stellt hier einige dieser Werke vor.
Ganz offensichtlich verfügte die Hofkapelle von Mecklenburg-Schwerin über eine Vielzahl exzellenter Bläser. Denn Hertel findet immer wieder neue, überraschende Lösungen dafür, sie in seinen Konzerten wirkungsvoll zur Geltung zu bringen. Unerwartete harmo- nische Wendungen, wunderschöne Melodien und farbenreiche Bläsersätze scheinen geradezu sein Markenzeichen gewesen zu sein. Auch der Dialog zwischen den Solisten und dem Orchester wartet mit so mancher Überraschung auf. Die Musiker von Capriccio, unterstützt von dem renommierten Barockfagottisten Sergio Azzolini, haben hörbar Vergnügen an diesen Kabinettstückchen. Wo findet sich schon ein Konzert für Fagott, zwei Oboen, zwei Hörner, Streicher und Basso continuo? Meine Empfehlung!
Bei Aufenthalten in Berlin lernte er die Musiker der Hofkapelle Friedrichs II. kennen, und nahm bei Franz Benda Violinunterricht. Als sein Vater 1751 erkrankte, übernahm er die Leitung der Strelitzer Hofkapelle. Nach deren Auflösung ging er als Hof-Kapellkomponist und Clavierist nach Schwerin. Dort stand er zeitweise auch in Diensten der Prinzessin Ulrike Sophie von Mecklenburg-Schwerin, und pflegte enge Beziehungen nach Hamburg. 1767 komponierte Hertel für das erste deutsche Nationaltheater in Hamburg Intermezzi für zwei Stücke Lessings, die dieser damals als „Muster von Schau- spielmusiken“ lobte.
Hertel hinterließ eine umfangreiche Bibliothek. Er gilt als vielseitig interessierter und versierter Musiker, der als Publizist auch seinen Zeitgenossen gern Einblick in aktuelle Probleme bei der Weiterent- wicklung der Musik gab. Hertel schrieb eine Vielzahl von Oratorien, Kantaten und Liedern – doch präsent blieben eher seine Sinfonien und Konzerte. Das Barockorchester Capriccio Basel stellt hier einige dieser Werke vor.
Ganz offensichtlich verfügte die Hofkapelle von Mecklenburg-Schwerin über eine Vielzahl exzellenter Bläser. Denn Hertel findet immer wieder neue, überraschende Lösungen dafür, sie in seinen Konzerten wirkungsvoll zur Geltung zu bringen. Unerwartete harmo- nische Wendungen, wunderschöne Melodien und farbenreiche Bläsersätze scheinen geradezu sein Markenzeichen gewesen zu sein. Auch der Dialog zwischen den Solisten und dem Orchester wartet mit so mancher Überraschung auf. Die Musiker von Capriccio, unterstützt von dem renommierten Barockfagottisten Sergio Azzolini, haben hörbar Vergnügen an diesen Kabinettstückchen. Wo findet sich schon ein Konzert für Fagott, zwei Oboen, zwei Hörner, Streicher und Basso continuo? Meine Empfehlung!
Mittwoch, 19. Januar 2011
Trumpet Concertos; Tarkövi (Tudor)
Diese CD erlaubt einen Blick auf die Entwicklung der Trompete und der für sie komponierten Musik. Sie beginnt mit einem Konzert für Trompete und Orchester in D-Dur aus dem Jahre 1762, das Leopold Mozart (1719 bis 1787) für den Salzburger Hoftrompeter Johann Andreas Schachtner geschrieben hat - einen versierten Solisten, der zur ersten Liga der Trompeter seiner Zeit gehörte.
Denn nur die Hoftrompeter waren in der hohen Kunst des sogenann- ten Clarinblasens ausgebildet, und geübt darin, auf Naturtrompete und Corno da Caccia im hohen Register zu musizieren. Ähnliche Anforderungen stellt auch das Konzert für Trompete und Orchester Es-Dur von Johann Baptist Georg Neruda (1707 bis 1780), kompo- niert für den Dresdner Hof und für Corno da Caccia. Mit der Weiter- entwicklung der Trompete verschwand dieses Instrument so gründlich, dass erst sein Nachbau durch den Leipziger Instrumenten- bauer Friedbert Syhre in Zusammenarbeit mit dem Dresdner Trom- peter Ludwig Güttler dazu führte, das Repertoire jener Zeit wieder spielbar zu machen. Allerdings waren etliche Bläser mit Güttlers Version des Corno da Caccia nicht ganz glücklich; es handelt sich dabei um ein modernes Instrument, das klanglich nicht hinreichend dem Original entspricht. Mittlerweile sind auch Nachbauten erhält- lich, die auf die Ventile verzichten.
Diese Innovation war seinerzeit eingeführt worden, um auf der Trompete nicht nur einige, sondern alle Töne blasen zu können - und um ein deutlich expressiveres Spiel zu ermöglichen. Zwischen der heute üblichen Ventiltrompete und ihren Vorfahren aber gab es einen Zwischenschritt - die Klappentrompeten des Wiener Hoftrompeters Anton Weidinger, an die diese CD mit zwei Werken erinnert, die spe- ziell dafür komponiert wurden. Joseph Haydn schrieb zur Demon- stration der damals unerhörten Möglichkeiten der Klappentrompete das Konzert für Trompete und Orchester Es-Dur (1796); Johann Nepomuk Hummel für das Neujahrskonzert 1804 auf Schloss Ester- hazy das Konzert für Trompete und Orchester E-Dur.
Gábor Tarkövi, Solo-Trompeter der Berliner Philharmoniker spielt diese musikhistorisch interessanten Werke auf modernen Instru- menten. Die eigentliche Entdeckung aber sind die Bamberger Symphoniker, die diese Konzerte begleiten. Sie spielen unter Karl-Heinz Steffens blitzsauber und kammermusikalisch inspiriert; diesem Orchester zu lauschen, ist wirklich eine Freude.
Denn nur die Hoftrompeter waren in der hohen Kunst des sogenann- ten Clarinblasens ausgebildet, und geübt darin, auf Naturtrompete und Corno da Caccia im hohen Register zu musizieren. Ähnliche Anforderungen stellt auch das Konzert für Trompete und Orchester Es-Dur von Johann Baptist Georg Neruda (1707 bis 1780), kompo- niert für den Dresdner Hof und für Corno da Caccia. Mit der Weiter- entwicklung der Trompete verschwand dieses Instrument so gründlich, dass erst sein Nachbau durch den Leipziger Instrumenten- bauer Friedbert Syhre in Zusammenarbeit mit dem Dresdner Trom- peter Ludwig Güttler dazu führte, das Repertoire jener Zeit wieder spielbar zu machen. Allerdings waren etliche Bläser mit Güttlers Version des Corno da Caccia nicht ganz glücklich; es handelt sich dabei um ein modernes Instrument, das klanglich nicht hinreichend dem Original entspricht. Mittlerweile sind auch Nachbauten erhält- lich, die auf die Ventile verzichten.
Diese Innovation war seinerzeit eingeführt worden, um auf der Trompete nicht nur einige, sondern alle Töne blasen zu können - und um ein deutlich expressiveres Spiel zu ermöglichen. Zwischen der heute üblichen Ventiltrompete und ihren Vorfahren aber gab es einen Zwischenschritt - die Klappentrompeten des Wiener Hoftrompeters Anton Weidinger, an die diese CD mit zwei Werken erinnert, die spe- ziell dafür komponiert wurden. Joseph Haydn schrieb zur Demon- stration der damals unerhörten Möglichkeiten der Klappentrompete das Konzert für Trompete und Orchester Es-Dur (1796); Johann Nepomuk Hummel für das Neujahrskonzert 1804 auf Schloss Ester- hazy das Konzert für Trompete und Orchester E-Dur.
Gábor Tarkövi, Solo-Trompeter der Berliner Philharmoniker spielt diese musikhistorisch interessanten Werke auf modernen Instru- menten. Die eigentliche Entdeckung aber sind die Bamberger Symphoniker, die diese Konzerte begleiten. Sie spielen unter Karl-Heinz Steffens blitzsauber und kammermusikalisch inspiriert; diesem Orchester zu lauschen, ist wirklich eine Freude.
Samstag, 26. Juni 2010
Telemann: Dolce e staccato (Tudor)
Georg Philipp Telemann war mit den unterschiedlichen Schulen, die die europäische Instrumental- musik zu Beginn des 18. Jahrhun- derts prägten, bestens vertraut. Von Kindesbeinen an interessierte er sich ebenso für die Werke italienischer Meister wie für jene der französischen Hofkomponi- sten. "Ich hatte damals das Glück", so erinnert sich der Meister in seiner Autobiographie aus dem Jahre 1718, "zum öfteren die Hannöverische und Wolfenbüttelische Capellen zu hören. Also bekam ich bey jener Licht im Frantzösischen, bey dieser im Italiä- nischen und theatralischen Gout, bey beyden aber lernete die diversen Naturen verschiedener Instrumente kennen, welche nach möglichstem Fleisse selbst zu excolieren nicht unterließ. Wie nöthig und nützlich es sey, diese Arten in ihren wesentlichen Stücken unterscheiden zu können, solches erfahre noch biß auf den heutigen Tag."
Telemann schrieb sowohl Ouvertüren-Suiten nach französischem Vorbild als auch Konzerte und Sonaten im italienischen Stil. So wurde er mit seiner Musik zum Inbegriff dessen, was man schon zu seinen Lebzeiten als "vermischten Geschmack" bezeichnete. Der Komponist, dem die musikalischen Ideen offenkundig niemals ausgingen, kombinierte beispielsweise französische Ouvertüre und Stilmittel aus der italienischen Konzertpraxis - und schuf Werke in einer Menge, die ihm den Vorwurf der Vielschreiberei einbrachte.
Wir freilich freuen uns über die Telemann-Flut. Denn seine Musik ist nicht nur von bestechender Eleganz; sie zeugt zudem von einer gehörigen Portion Esprit. Das Barockorchester Capriccio aus Basel hat für diese CD zwei Ouvertüren ausgewählt, die mit viel Witz und natürlich auch kräftiger Übertreibung menschliche Charakterzüge bzw. die unterschiedlichsten Völkerschaften musikalisch abbilden. Sie stehen wie ein Rahmen um Telemanns einziges Flöten-Konzert in E-Dur (TWV 51: E 1), das in manchen Details an Konzerte Vivaldis erinnert, die in ihrer Struktur höchst anspruchsvolle Sonata f-Moll (TWV 44: 32), sowie das Konzert für drei Violinen, Streicher und Basso continuo F-Dur (TWV 53: F 1). Hier schert sich der Komponist kein bisschen um einen ausbalancierten Konzertsatz; die drei Soloviolinen werden mitnichten gleichberechtigt eingesetzt. Drei Sätze müssen genügen, und sie wirken in ihrer Struktur wie mit der heißen Nadel gestrickt. Dem Publikum war das offenbar egal; die Musique de Table, zu der dieses Werk gehört, wurde Telemann von Subscribenten aus ganz Europa schier aus den Händen gerissen.
Das Ensemble Capriccio spielt versiert und mit hörbarer Spielfreude. Soviel Hingabe begeistert auch den Zuhörer; diese charmante CD sei daher wärmstens empfohlen.
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