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Dienstag, 14. Mai 2019

Goldberg - Beyond the Variations (Bridge)

Was hätte dieser Musiker erreichen können, wenn er länger gelebt hätte! Auf dieser CD präsentiert das New Yorker Ensemble Rebel fünf Sonaten für Streicher und Continuo von Johann Gottlieb Goldberg (1727 bis 1756). Die Biographie des Bach-Schülers, der aus Danzig stammte und zunächst bei Hermann Karl Keyserlingk, später dann in der Kapelle des Grafen Brühl angestellt war, ist in diesem Blog an anderer Stelle nachzulesen. 
Die Aufnahme lädt ein auf eine Reise zu den Ursprüngen des Streich- quartettes – Goldberg fand dafür eine clevere, aber dennoch zutiefst barocke Lösung: Er ergänzte die beiden Violinen der damals üblichen Triosonatenbesetzung durch eine Viola, und dem Bass gab er in dem Stimmengeflecht, dass sich strikt am Kontrapunkt orientiert, eine gleichberechtigte statt eine begleitende Funktion. 
Seine Musik aber klingt nicht etwa verzopft-rückwärtsgewandt; Goldberg bietet bei Melodik, Rhythmik und Harmonik so manche Überraschung. Es ist wirklich zu schade, dass so wenig Werke von ihm überliefert sind. Mit dieser beeindruckenden Einspielung machen Jörg-Michael Schwarz und Karen Marie Marmer, Violine, Risa Browder, Viola, John Moran, Violon- cello, und Dongsok Shin, Cembalo, deutlich, welch großartiger Komponist Goldberg war. 

Dienstag, 26. Juni 2018

Goldberg: Harpsichord Concertos (MDG)

Wer diese CD angehört hat, der kann nachvollziehen, warum Johann Sebastian Bach einst Johann Gottlieb Goldberg (1727 bis 1756) für seinen talentiertesten Schüler gehalten haben soll. Hermann Karl Graf von Keyserlingk, russischer Gesandter am Dresdner Hof, erkannte die Bega- bung des Jungen, der aus Danzig stammt und der Sohn eines Geigenbauers war. Er brachte den jungen Musiker mit nach Sachsen, wo er ihn bei Bach in die Lehre gegeben haben soll. 
Über den Lebensweg Goldbergs ist nicht viel bekannt; er spielte aber nicht nur für von Keyserlingk, dem er die berühmten Variationen vorgetragen haben soll, sondern vor allem auch für den Grafen Brühl, in dessen exzellenter Kapelle er ab 1751 als Kammer- musiker beschäftigt war. 
Als er an Tuberkulose starb, war er gerade einmal 29 Jahre alt. Es verwundert daher nicht, dass aus der Feder Goldbergs nur einige wenige Werke überliefert sind. Darunter sind die beiden Cembalokonzerte in d-Moll und Es-Dur, die Alina Ratkowska auf dieser CD gemeinsam mit dem Goldberg Baroque Ensemble vorstellt. 
Es sind großformatige Werke, für den Solisten sehr anspruchsvoll und von einem hohen Schwierigkeitsgrad – und auch der Orchesterpart geht über das, was man aus dieser Zeit üblicherweise erwartet, ein ganzes Stück hinaus. Je mehr man hört, desto mehr staunt man: Diese Konzerte sind kühn und einzigartig; die Einspielung lässt den Verlust erahnen, den die Musikwelt durch den frühen Tod des Komponisten erlitten hat. 
Alina Ratkowska spielt das Cembalo grandios. Sie interpretiert die beiden Konzerte engagiert und brillant. Und das Goldberg-Ensemble gestaltet den Orchesterpart mit Präzision. Die Musiker lassen auch die langsamen Mittelsätze bestens zur Geltung kommen. Ein großer Wurf in der auch sonst vortrefflichen MDG-Reihe Musica Baltica – unbedingt anhören! 

Montag, 31. Juli 2017

Fuga Magna - Armida Quartett (Avi-Music)

Eine Reise durch die Geschichte der Fuge tritt das Armida Quartett auf dieser CD an. „Fugales, kontrapunk- tisches Denken und Komponieren ist die Königsdisziplin der europäischen Musik, seit diese um 1200 aus dem Schatten der nur mündlichen Überlieferung in die Schriftlichkeit der Mensural-Notation heraustrat“, erklärt Reinhard Goebel in seinem Begleittext zu dieser Einspielung, der beinahe so faszinierend ist wie die Aufnahme selbst. „Die Technik besteht im Wesentlichen darin, durch Imitation der Intervalle und Rhythmen einer zuerst eintretenden Stimme – Dux genannt – seitens des ihm nachfolgenden Comes eine sinnfällige Verknüpfung herzustellen.“ 
Das Armida Quartett startet diese Einspielung mit den beiden frühesten gedruckten deutschen Werken für Instrumental-Ensemble aus dem Jahr 1602 – zwei Fugen von Valentin Haussmann (um 1560 bis 1614). Nächste Station ist eine Sonate a quattro aus der Feder von Alessandro Scarlatti (1660 bis 1725) – die der Komponist ausdrücklich senza Cembalo auf- geführt wissen wollte, weshalb sie mitunter als eines der ersten Streich- quartette angesehen wird. 
Natürlich ist auch der letzte, unvollendet gebliebene Zyklus von Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) vertreten – Die Kunst der Fuge, „das Summum Opus einer 500-jährigen Tradition, wie auch seiner eigenen Lebensleistung“, so Goebel. Noch die Generation nach Bach schätzte Fugen; zu hören ist dies am Beispiel einer Quartett-Sonate des Bach-Schülers Johann Gottlieb Goldberg (1727 bis 1756) – hier komplettiert Cembalist Raphael Alpermann die Besetzung. Goebel nennt dieses Werk „ein Musterbeispiel der ungebrochenen Lebenskraft der spätbarocken Fugen-Kunst kurz vor ihrer Entzauberung: ein Feuerwerk des Geistes und der Finger, ein Akademie-Stück, das Kenner nach dem Hören analytisch sezierten und diskutierten, um den sinnlichen Genuß durch geistige Erkenntnis zu überhöhen.“ 
Mit Adagio und Fuge c-Moll KV 546 von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791) naht auch schon das Finale. Denn schon wenige Jahre später hat die Fuge ihre Magie eingebüßt: „Aber den Sinn des fugirten Finale wagt Ref. nicht zu deuten: für ihn war es unverständlich, wie Chinesisch“, das schreibt der Rezensent der Allgemeinen musikalischen Zeitung im Jahre 1826 über die Große Fuge op. 133, ursprünglich das Finale des Streich- quartettes B-Dur op. 130 von Ludwig van Beethoven (1770 bis 1827). Wie der Autor sie in Grund und Boden verreißt, das ist durchaus unterhaltsam zu lesen – doch uns beweist es, dass er mit dem wuchtigem Opus so gar nichts mehr anzufangen wusste. Selbst Musikkritiker Eduard Hanslick sah in der Großen Fuge Beethovens „ein merkwürdiges Document seiner gewaltigen, aber bereits seltsam kranken Phantasie“
Der Rezensent der Allgemeinen musikalischen Zeitung vermutet: „Vielleicht wäre so manches nicht hingeschrieben worden, könnte der Meister seine eigenen Schöpfungen auch hören. Doch wollen wir damit nicht voreilig absprechen: vielleicht kommt noch die Zeit, wo das, was uns beym ersten Blicke trüb und verworren erschien, klar und in wohlgefälligen Formen erkannt wird.“ Das Armida Quartett jedenfalls, gegründet 2006 in Berlin, mittlerweile mit diversen hochkarätigen Musikpreisen ausgezeichnet, weiß mit den „ungeheuren Schwierigkeiten“ bestens umzugehen, und die „babylonische Verwirrung“ in eine Ordnung zu bringen. 
Dieses Album überzeugt vom ersten bis zum letzten Ton sowohl durch das erlesene Konzept als auch durch das phantastische Zusammenspiel der beteiligten Musiker. Martin Funda und Johanna Staemmler, Violine, Teresa Schwamm, Viola, und Peter-Philipp Staemmler, Violoncello, musizieren wirklich hinreißend. Diese CD ist ein ganz großer Wurf, ohne Zweifel, und hat jede Aufmerksamkeit verdient. Unbedingt anhören! 

Montag, 5. August 2013

Porpora: Cantatas (Accord)

Nicola Antonio Porpora (1686 bis 1768) war einer der großen Stars seiner Zeit. Er bildete etliche Kastraten aus, beispielsweise Farinelli und Caffarelli, und galt als bester Gesangslehrer Europas. Wie kein anderer verstand es Porpora, seine Schüler in den Olymp der Gesangskunst zu führen. Er legte größten Wert auf eine exzellente Atemtechnik sowie auf die makellose Reinheit des Tones, und trainierte seine Zöglinge so, dass sie jeder denkbaren technischen Herausforderung gewachsen waren. 
Porporas Arien waren daher oftmals Schaustücke, die es den Sängern ermöglichten, ihre Virtuosität effektvoll zu demonstrieren. Er kom- ponierte sie speziell für den jeweiligen Künstler, um dessen Stärken geschickt herauszustreichen. Das macht es fast unmöglich, diese Gipfelwerke der Gesangskunst heute noch aufzuführen. Kastraten gibt es nicht mehr, und auch die Ausbildung der Sänger heute dürfte sich erheblich von der unterscheiden, die Porpora einst vermittelt hat. 
Wie schwierig es ist, diesen anspruchsvollen Werken gerecht zu werden, zeigt die vorliegende Aufnahme. Der polnische Countertenor Artur Stefanowicz hat gemeinsam mit der Cembalistin Dorota Cybulsky-Amsler sowie Serge Saitta, Traversflöte, Simon Heyrick, Barockvioline, und Denis Severin, Barock-Violoncello, vier Kantaten des Komponisten eingespielt. Zwei davon entstammen einem Zyklus von zwölf Kantaten, die Porpora 1735 seinem Mäzen Frederic, Prince of Wales, gewidmet hat – gesungen hat sie seinerzeit Farinelli. Zwei weitere Kantaten dürften bereits in Neapel entstanden sein, wo Porpora nach seiner Ausbildung zunächst als Kapellmeister im Dienst des Prinzen Philipp von Hessen-Darmstadt stand, bevor dann am Conservatorio Sant'Onofrio als Gesanglehrer wirkte. 
Diese Werke verlangen dem Sänger buchstäblich alles ab – sowohl schöne Töne als auch virtuose Koloraturen, in denen die Stimme beinahe wie ein Instrument wirkt, endlos lange Phrasen und musi- kalische Linien stehen neben anspruchsvollen, rasanten Auszie- rungen. Dazu braucht es Technik, Technik, Technik – und eine ganz besondere Stimme; tausende Knaben wurden zur Zeit Porporas in Italien zum Sänger gedrillt, doch am Ende gab es nur einen Farinelli. Artur Stefanowicz singt ohne Zweifel grundsolide, aber diese Werke bringen ihm hörbar an Grenzen. Es tut mir leid, aber mich begeistert diese Aufnahme nicht. 

Sonntag, 4. November 2012

J.G. Goldberg Kantaten, J.L. Bach Missa brevis, J.L. Krebs Magnificat (Ricercar)

Zu Bachs Zeiten war es durchaus üblich, dass der Kantor die Gemeinde an jedem Sonntag im Gottesdienst durch eine neue Kantate erfreute. So sind von einigen Kantoren und Kapell- meistern ganze Kantatenjahrgänge überliefert. 
Musik, die am Sonntag in Leipzig erklang, stellt Florian Heyerick mit dem Ensemble Ex Tempore auf dieser CD vor. Er interessierte sich aber nicht für die bekannten Kan- taten des Thomaskantors, sondern für Werke anderer Komponisten, die Johann Sebastian Bach mit den Thomanern im Gottesdienst auf- geführt hat. 
Es ist beispielsweise bekannt, dass Bach öfters Kantaten seines Neffen Johann Ludwig Bach verwendet hat. Es erklangen zudem Werke von Telemann, Fasch, Stölzel, Graun, Kuhnau und vielen anderen Zeit- genossen; mitunter hat Bach sie bearbeitet und ergänzt. Aus diesem großen Fundus hat Heyerick für die vorliegende CD eine Missa brevis von Johann Ludwig Bach sowie Werke von Johann Gottlieb Goldberg und Johann Ludwig Krebs, zwei Bach-Schülern, ausgewählt. 
Zu den Barock-Spezialensembles der allerersten Reihe gehört Ex Tempore nicht; musiziert wird solide, aber wenig differenziert. So gehen musikalische Details unter, und der entstehende Klang-Ein- heitsbrei wirkt auf den Zuhörer nicht gerade inspirierend. Schade.