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Samstag, 13. Januar 2018

Handel: Works for Keyboard (Audax)

In vielen Anekdoten wird beschrie- ben, wie Georg Friedrich Händel (1685 bis 1759) das Publikum durch sein Spiel an Tasteninstrumenten begeisterte. So soll Domenico Scarlatti, als er den Musikerkollegen beim Karneval in Venedig, verborgen hinter einer Maske, auf einem Cembalo spielen hörte, ausgerufen haben, dies sei entweder der Sachse oder der Teufel. 
Für sein erstes Soloalbum hat Philippe Grisvard das Cembalo-Werk Händels erkundet. Auf der CD zeigt er, dass dieses Œuvre erstaunlich viele Facetten hat. Dazu kombiniert er Händels Kompositionen mit Musikstücken wichtiger Wegbegleiter: Friedrich Wilhelm Zachow (1663 bis 1712), Organist der Marienkirche in Halle/Saale, war Händels Lehrer. Und die Werke Johann Kriegers (1651 bis 1735) hat Händel in seiner Jugend ebenso sorgfältig studiert wie etwa die Musik von Pachelbel oder Strungk. Grisvard zeigt durch die geschickte Kombination von Musik- stücken, wie dieses Umfeld das Schaffen Händels geprägt hat. 
Johann Mattheson (1681 bis 1764) war dann in Hamburg ein Weggefährte und Rivale des Komponisten. Und William Babell (1690 bis 1723) hat 1717 in seinen Suits of the most celebrated lessons collected and fitted to the harpsichord or the spinnet Ausschnitte aus Opern unter anderem von Händel in einer Art und Weise veröffentlicht, die vermuten lässt, dass diese Sammlung auch Einblick in die Verzierungs- und Improvisations- praxis des Meisters gewährt. 
Außerdem nutzt Philippe Grisvard die beiden Kollektionen, die John Ward als Raubkopien gedruckt hat, sowie Händels eigene Veröffentlichungen, die eine finale Fassung der illegal verbreiteten Werke anbieten. Inspiriert zeigt sich der Cembalist zudem von einer Fassung der acht Suiten und der sechs Fugen Händels, die der Wiener Organist Gottlieb Muffat 1736 ediert hat, „mises dans une autre applicature pour la facilité de la main“
Doch diese Angabe trügt, wie Grisvard einräumt, „car s'il vrai que Muffat e tenté de rendre la lecture des pièces plus aisée et de contrebalancer certains défauts de clarté dûs sans doute à la hâte dans laquelle Handel avait préparé son édition, la profusion d'agréments qu'il ajoute au texte original redouble le niveau de difficulté des pièces, et remet sérieusement en cause le type de tempo que l'on imaginerait ordinairement aujourd'hui pour certains de ces mouvements. Vette interprétation des huit grandes suites est une autre source majeure sur la pratique de l'ornementation: Muffat a choisi de noter à la française les ornements là oû Handel les avait laissés à la discrétion de l'exécutant.“ Grisvard betont, dass diese Lesart vermutlich dem sehr nahe kommt, was Händel selber spielte. 
Dennoch entschied er sich bei dieser Auswahl gegen Muffats Version: „J'ose espérer qu'un jour, un claveciniste plus téméraire que moi consacrera un disque entier à ce cycle de Muffat, trop longtemps resté dans l'ombre...“ Grisvard musiziert zupackend, frisch und munter; mitunter wünscht man sich ein wenig mehr Eleganz. Aber insgesamt ist dieses Album mit seinen vielen Querverweisen sehr interessant und ausgesprochen abwechslungsreich. 

Freitag, 27. November 2015

Martin Luther - Ein feste Burg ist unser Gott (Rondeau)

Dem Reformator Martin Luther waren Lieder wichtig – und deshalb schrieb er selbst fürs Kirchenvolk mehr als 30 Lieder – nach Psalmversen, nach liturgischen Stücken, zur Unterweisung der Gläubigen und zur Erbauung. Gemeinsam mit Johann Walter, dem evangelischen Urkantor, schuf Luther durch die neue Ordnung des Gottesdienstes auch Raum für eine neue Kirchenmusik – und gleich noch das passende Gesangbuch dazu. 
Luther wollte eine singende Gemeinde, die nicht nur im Gottesdienst munter anstimmte, sondern auch in der häuslichen Andacht, oder aber zur Tröstung der Kranken und Sterbenden. Bis zum heutigen Tage sind insbesondere die Luther-Choräle in der evangelischen Kirche lebendig und beliebt. Auf dieser CD stellen der Kammerchor der Frauenkirche Dresden und die Instrumenta Musica unter Leitung von Frauenkirchenkantor Matthias Grünert sieben Lieder Luthers vor. Dabei wird zugleich deutlich, wie breit und differenziert die Ideen des Reformators in der Zeit nach der Reformation aufgegriffen wurden. Denn die Choräle, die Martin Luther geschaffen hat, wurden von Heinrich Schütz, Hans Leo Hassler, Michael Praetorius und vielen anderen namhaften Musikern bearbeitet. 
Nun komm, der Heiden Heiland, Vom Himmel hoch, da komm ich her, Gelobet seist du, Jesu Christ, Christ lag in Todesbanden, Komm, Heiliger Geist, Herre Gott, Vater unser im Himmelreich sowie der heimliche Hymnus der protestantischen Kirche, Ein feste Burg ist unser Gott, erklingen jeweils in verschiedenen Versionen. Den Anfang macht jeweils ein Orgelchoral von Samuel Scheidt aus dem Görlitzer Tabulaturbuch von 1650. Es folgen Choralsätze, Motetten, Bicinien oder Geistliche Konzerte; zum Abschluss erklingt dann zudem noch einmal eine Choralbearbeitung für die Orgel. Für jeden Choral Martin Luthers hat Grünert genau fünf Varianten ausgewählt; eine davon stammt immer von Michael Praetorius, ebenso wie die Zwischenmusiken, für die der Kantor Tanzsätze aus Praetorius' Terpsichore (1612) herausgesucht hat. 

Dienstag, 4. Dezember 2012

Zachow: Christmas Cantatas (Quintone)

Friedrich Wilhelm Zachow (1663 bis 1712) entstammte einer weitverzweigten mitteldeutschen Musikerfamilie. Geboren wurde er in Leipzig, wo er wohl auch die Lateinschule besuchte. 1675 nahm sein Vater, der Kunstgeiger Hein- rich Zachow, allerdings eine Stelle als Stadtpfeifer im nahegelegenen Eilenburg an.
Wir wissen nicht, wer Zachow unterwiesen hat - doch seine Ausbildung muss hervorragend gewesen sein, denn bereits 1684 wurde der junge Musiker  zum Organisten der Hallenser Marienkirche gewählt. In diesem Amt war er nicht nur für das Orgelspiel, sondern auch für die Figuralmusik zuständig. In der Gemeinde muss man Zachow sehr geschätzt haben, denn er erhielt trotz seiner Jugend sehr bald ein ziemlich üppiges Gehalt. Zusätzliche Einnahmen brachten ihm seine Schüler. Der bekannteste von ihnen war Georg Friedrich Händel. Er wurde von Zachow im Clavier- und Orgelspiel sowie im Fach Komposition unterwiesen. Auch auf Geige und Oboe soll Händel Unterricht erhalten haben. 
Es ist bekannt, dass Zachow eine umfangreiche Sammlung von Musikalien aufgebaut und zu Unterrichtszwecken verwendet hat. Auch davon hat Händel wohl sehr profitiert. Er äußerte sich stets respektvoll und dankbar über seinen Lehrer, und soll zudem nach Zachows Tod dessen Witwe mehr als einmal finanziell unterstützt haben. 
Ludger Rémy, der sich seit vielen Jahren für vergessene mittel- deutsche Musik einsetzt und schon so manche Entdeckung vorgestellt hat, bringt gemeinsam mit der Sopranistin Constanze Backes, dem Kammerchor Capella Frisiae und den Instrumentalisten der Accade- mia Amsterdam auf dieser CD nun einige Werke Zachows wieder zum Klingen. Die vier Weihnachtskantaten erweisen sich als hörenswert. Es sind solide gearbeitete Kantaten - und sie stehen dem geistlichen Konzert eines Heinrich Schütz näher als den Kantaten der Bach-Zeit, obwohl die Chöre teilweise an die des frühen Bach erinnern. "Ik was getroffen door de unieke instrumentale bezetting van de kerkcanta- tes", begeistert sich Onno Verschoor, der Gründer und Leiter der Accademia Amsterdam, für Zachows Werke. "Heel bijzonder, nederig bijna, zijn ook de vocale solisten. Zij horen bij het koor. Zachow maakte er nog geen sterren van. Je hoort dat ook op deze cd: De solisten komen akoestisch uit de Capella Frisiae." 
Um die Klangwelt, die Zachow seinerzeit in Halle an der Saale er- schaffen hat, für den modernen Hörer nachvollziehbar zu machen, haben sich die Musiker eine Orgel gesucht, die ähnlich klingt wie weiland jene in St. Marien. Gefunden haben sie dieses Instrument, erbaut von Arp Schnitger zwischen 1693 und 1712, in der Pelster- gasthuiskerk in Groningen. Es hat einen Stimmton von 465 Hertz - und schon dieser Chorton sorgt für einen charakteristischen Klang. 
Auch die Tatsache, dass Zachow in der Figuralmusik auf die Stadtpfeifer und ihr Instrumentarium zurückgreifen musste, setzt interessante Akzente. So verwendet der Komponist in der Kantate Herr wenn ich nur Dich habe erstmals die Harfe als Soloinstrument. Überliefert wurde sie übrigens, weil Händel sie im Unterricht abge- schrieben hat. 

Montag, 31. Oktober 2011

Zachow / Händel: Triumph, ihr Christen seid erfreut (cpo)

Friedrich Wilhelm Zachow (1663 bis 1712), städtischer Musikdirek- tor und Organist der Marienkirche in Halle/Saale, war der Lehrer, bei dem Georg Friedrich Händel sein musikalisches Rüstzeug erworben hat. Das ist ein bedeutender, aber nicht der einzige Grund, ihm diese CD zu widmen. 
Sie zeigt exemplarisch, dass man in den Archiven Mitteldeutschlands noch immer bedeutende Werke finden kann, die mehrere hundert Jahre nicht mehr erklungen sind. Bernhard Klapprott hat vier davon mit Cantus und Capella Thuringia eingespielt - und auch wenn bei zwei davon unklar bleiben muss, wer der eigentliche Autor war, so sind es doch ohne jeden Zweifel Kanta- ten von Format. 
Aus Halle, das dem Pietismus sehr zugeneigt war, kam damals eine neue Form, das sogenannte "Kirchenstück" - eine Kantate, die neben einem zentralen Bibelvers üblicherweise auch moderne Dichtung enthielt, die das Bibelwort auslegt und damit die Predigt ergänzt. Diese Innovation war seinerzeit heftig umstritten, denn die Verse der Dichter traten an die Stelle von Bibeltexten, und das lehnten manche Zeitgenossen mit Nachdruck ab. Zachows Lehrer, Thomaskantor Johann  Schelle, musste sich in Leipzig sogar vor Gericht verantwor- ten, weil er Kantatendichtung vertont hatte. 
Wir dürfen uns heute an der beredten Musik erfreuen, die von den Thüringer Musikern blitzsauber vorgestellt wird. Cantus Thuringia und Capella Thuringia agieren mit Hingabe und bestens aufeinander abgestimmt; das macht die Aufnahme zu einem Hörvergnügen.