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Sonntag, 4. Juli 2021

Mozart - Albrecht Mayer (Deutsche Grammophon)

 

Albrecht Mayer spielt Mozart – und mit dieser CD erfüllt er sich einen Herzenswunsch, der ihn schon etliche Jahre begleitet. Dennoch hat er sich mit dieser Aufnahme ganz bewusst Zeit gelassen, berichtet der Oboist: „Obwohl ich die meisten der Stücke auf diesem Album schon seit meiner frühen Jugend in mir trage, fühle ich mich doch erst jetzt wirklich reif für ihre absolute Gefühlstiefe.“ 

Aus dem großen Schatz der Melodien des Komponisten hat Mayer seine Favoriten mit Sorgfalt ausgewählt, und präsentiert auf dieser CD nun sechs Arrangements für Oboe, Oboe d’amore oder Englischhorn sowie eine eigens in Auftrag gegebene vervollständigte Version des Oboenkonzerts in F-Dur KV 293. 

An dieses Experiment wagte er sich gemeinsam mit dem befreundeten Schweizer Komponisten Gotthard Odermatt, der das im Original lediglich 61 Takte umfassende Fragment – 50 Takte Orchester, und elf Takte Solostimme – ergänzt und so ein gut elfminütiges Konzertstück im Stile Mozarts sensibel nachempfunden hat.

Auch Matthias Spindler hat mit seinen Bearbeitungen dazu beigetragen, das Oboen-Repertoire kreativ zu erweitern. So sind neben dem bekannten Ave verum corpus KV 618 und der Solo-Motette Exsultate, jubilate KV 165 auch zwei Konzertarien Mozarts in neuen Arrangements zu hören. Das Konzert für Flöte und Harfe in C-Dur KV 299 wurde zu einem Konzert für Oboe und Cembalo in B-Dur, und das Rondo in C-Dur KV 373, ursprünglich für Violine und Orchester, komplettiert das Programm, das Albrecht Mayer gemeinsam mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen und Vital Julian Frey, Cembalo/Orgel/Hammerflügel, eingespielt hat. 

Einmal mehr begeistert der Oboist durch musikalisches Feingefühl, technische Perfektion, enormes Ausdrucksvermögen und durch einen herrlichen, beseelten Ton. Er gestaltet wunderbare Melodiebögen, und findet nicht nur in den Kadenzen Gelegenheit, auch seine Virtuosität unter Beweis zu stellen. Bravi! 


Sonntag, 28. Juli 2019

Albrecht Mayer - Longing for Paradise (Deutsche Grammophon)

Der Traum von einer harmonischen Welt kennzeichnet alle Werke, die Albrecht Mayer für seine jüngste Einspielung ausgesucht hat: „Wie reagiert man als emotionaler, fühlend-romantischer Komponist, wenn man mit der Kriegssituation und einer zerstörten Heimat konfrontiert wird?“, fragt sich der Oboist. „Dieser Gedanke und die damit verbundene Sehnsucht nach Schönheit vereint alle Stücke auf diesem Album.
Die Musik, die Mayer auf dieser CD zusammengetragen hat, ist alles andere als leichtgewichtig. So schrieb Richard Strauss (1864 bis 1949) kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs sein einziges Oboenkonzert, „ein Stück voller Schönheiten, vielleicht eine Ahnung vom Paradies“, begeistert sich Mayer. Der Komponist selbst nannte das Werk eine „Werkstattarbeit“, geschrieben, „damit das vom Taktstock befreite rechte Handgelenk nicht vorzeitig einschläft“
Die Nachkriegssituation spiegelt das Konzert für Oboe und kleines Orchester eher indirekt: „Das ist eines der wenigen Stücke von Strauss, bei denen ich nirgends den Ansatz einer Doppelbödigkeit erkennen kann“, meint Mayer. „Vielmehr verlangt dieses Stück ein Höchstmaß an Mühelosigkeit, womöglich schwebte Strauss selbst beim Komponieren so etwas wie die reine Fülle des Wohllauts vor.“ 
Albrecht Mayer spielt dieses Konzert, das von Anfang bis Ende höchste Anforderungen an den Solisten stellt, mit einem wunderschönen, runden Ton, herrlicher Kantilene und geradezu magischer Schwerelosigkeit. Er lässt den Hörer zu keinem Zeitpunkt daran denken, dass es sich dabei um eines der anspruchsvollsten Werke der gesamten Oboen-Literatur handelt. 
In den Bamberger Symphonikern unter Jakub Hrůša steht dem Oboisten dabei ein erstklassiges Orchester als Musizierpartner zur Seite. Man kennt sich, und man schätzt sich: Mayer begann dort seinerzeit 1990 als Solo-Oboist seine Karriere. 
An den Anfang seines Programmes, vor das Strauss-Konzert, stellte Mayer Edward Elgars (1857 bis 1934) Soliloquy. Dabei handelt es sich um eine Elegie, die lange Fragment geblieben ist. Erst 1967 erklang sie in einer vervollständigten Fassung von Gordon Jacob erstmals öffentlich – gespielt von Léon Goossens. 
Für diesen Oboenvirtuosen schrieb sein Bruder Eugène Goossens (1893 bis 1962) ein ebenfalls höchst anspruchsvolles Konzert, das Mayer am Schluss seiner CD platzierte. „Man stelle sich vor, Strawinksy hätte ein Konzert für Oboe geschrieben, mit einer Prise britischen Humors gewürzt und um einige regionale Klangzutaten ergänzt“, so beschreibt der Oboist diese Musik. 
Mein ganz persönlicher Favorit aber, neben dem Strauss-Konzert, ist die Neubearbeitung von Maurice Ravels (1875 bis 1937) Le Tombeau de Couperin für Oboe und Orchester. Das Arrangement stammt von Joachim Schmeißer, und es ist unglaublich gut. Ravel nutzte die Tradition, verstorbenen Musikern ein Tombeau, eine Trauermusik, zu schreiben. Doch in dem Stück geht es nur vordergründig um Couperin und die Musik des 18. Jahrhunderts. Denn Ravel schrieb es nach seiner Entlassung aus dem Kriegsdienst; und jeder Satz ist einem gefallenen Kameraden gewidmet. 

Samstag, 6. Januar 2018

Tesori d'Italia (Deutsche Grammophon)

„Tesori d’Italia“ suchte Albrecht Mayer für seine aktuelle CD. Und dafür musste der Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker nicht einmal weit reisen. Denn die begehrten Schätze aus Italien fand er in Dresden, einer Stadt, die nicht umsonst Elbflorenz genannt wird. 
Sie ist aber nicht nur durch italienische Architekten dazu geworden, sondern auch dank einer Vielzahl italienischer Künstler, die im Umkreis des sächsischen Hofes wirkten. So engagierten die sächsischen Kurfürsten für Oper und Hofkapelle gern Virtuosen aus dem Süden. Begabte deutsche Musiker hingegen schickten sie nach Italien, wo sie von den besten Meistern lernen sollten – ein Modell, das über Generationen hinweg ausgezeichnet funktionierte, von Heinrich Schütz bis zu dem Geiger Johann Georg Pisendel. 
Dieser studierte bei Antonio Vivaldi, und aus Italien brachte er nicht nur viele Noten, sondern auch gute Kontakte mit, von denen die Hofmusik sehr profitierte. Die Notensammlung des legendären Konzertmeisters der Dresdner Hofkapelle befindet sich heute in den Beständen der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek. Sie wurde überliefert, weil sie einst in einem Schrank eingeschlossen und vergessen worden ist. Heute werden die Bestände aus diesem „Schranck No: II“ durch Musikhistoriker ebenso gern genutzt wie durch Musiker. 
Albrecht Mayer hat dort eine Abschrift des Oboenkonzertes in C-Dur RV 450 von Antonio Vivaldi gefunden, sowie ein Oboenkonzert in a-Moll von Domenico Elmi (um 1676 bis 1744), das hier in Weltersteinspielung erklingt. Aus „Schranck No: II“ stammt zudem das Oboenkonzert in Es-Dur von Giovanni Alberto Ristori (1692 bis 1753), einem Organisten, Kapellmeister und Komponisten, der ebenfalls am Dresdner Hof wirkte. 
Giuseppe Sammartini (1695 bis 1750) war der Sohn eines französischen Oboenvirtuosen, und spielte auch selbst dieses Instrument hervorragend. Er wurde in Italien geboren, ging aber später nach London, wo er unter anderem in Händels Opernorchester musizierte, und hoch angesehen war. Mayer hat für seine CD gleich drei Oboenkonzerte von Sammartini ausgewählt. In Weltersteinspielung zu hören ist das Konzert in C-Dur op. 8 Nr. 4. 
Außerdem erklingt das Oboenkonzert in g-Moll op. 8 Nr. 5 sowie ein weiteres Konzert in C-Dur ohne Opuszahl. Es ist „in einer Abschrift aus dem 18. Jahrhundert erhalten, die sich der musikliebende schwedische Baron Patrick Alströmer (..) für seine private Notenbibliothek anfertigen ließ“, berichtet Mayer in einem ausführlichen Text im Beiheft. Die beiden anderen Konzerte befinden sich in den Beständen der British Library. Und die Edition des Vivaldi-Konzertes, die für diese Einspielung verwendet wurde, beruht auf einem Manuskript, das in der Biblioteca nazionale universitaria di Torino aufbewahrt wird. 
An der weiten Verbreitung dieser Musikstücke kann man noch heute erkennen, wie sehr die Werke italienischer Komponisten seinerzeit in ganz Europa geschätzt und begehrt wurden. Mayer hat eine Auswahl derartiger musikalische Kostbarkeiten zusammengestellt, die man auch heute noch gern hört. „Um dabei intensiv in das spezielle Flair Italiens eintauchen zu können, suchte ich mir als meine Wegbegleiter Musiker, die die Welt kennen, aber italienisch denken, lachen und fühlen“, schreibt der Oboist – „und ich fand sie mit I Musici di Roma, jenem Ensemble, das schon in meiner Kindheit eine Instanz auf dem Gebiet des italienischen Barock- repertoires war.“ 
Nun hat sich aber seitdem die Welt weiter gedreht, und wer Barockmusik als solche hören möchte, der wird heute wohl kaum noch dieses Ensemble dafür wählen. Wer allerdings italienische Lebensfreude und Musizierlust erleben möchte, und wer bei der Oboe insbesondere musikalischen Aus- druck und schöne Töne schätzt, der wird diese CD lieben. Denn Albrecht Mayer ist wirklich ein vortrefflicher Oboist. 

Sonntag, 4. Dezember 2016

Ein Wintermärchen - Weihnachtslieder aus Deutschland (Deutsche Grammophon)

Traditionelle deutsche Weihnachts- lieder hat Christoph Israel für diese CD in ein modernes Gewand gekleidet. „Die Vorweihnachtszeit artet leider meistens in Hektik und Stress aus. Die Musik soll dazu ein Kontrapunkt sein“, kommentiert der Max-Raabe-Pianist und Komponist. „Sie soll helfen, sich wieder auf den Ursprung dieses Festes zu besinnen, das ja etwas Feierliches, Fröhliches hat. Vielleicht haben deshalb schon manche gesagt, es klinge ein bisschen nach Märchen. Oder nach Film.“ 
Die ebenso einfalls- wie farbenreichen Arrangements, die Christoph Israel für diese CD geschaffen hat, interpretiert das renommierte Filmorchester Babelsberg. Als Gastmusiker tragen auch Flötist Andreas Blau, Geigerin Meesun Hong-Coleman und  Oboist Albrecht Mayer mit dazu bei, den altvertrauten Melodien zu neuem Glanz zu verhelfen. Die Musiker polieren Klassiker auf wie Ihr Kinderlein kommet, Stille Nacht oder Leise rieselt der Schnee – und lassen sie wieder verführerisch-vorweihnachtlich funkeln. 
Einige wenige Lieder werden auch gesungen, wobei Thomas Quasthoff bei Süßer die Glocken nie klingen sein Debüt als Basso Profondo wagt. Sehr witzig. Zu hören sind zudem Cassandra Steen, Max Raabe und Gregor Meyle – mein persönlicher Favorit ist allerdings Morgen Kinder wird’s was geben mit Katharina Thalbach, die lustvoll daherbrabbelt, summt und brummelt, wie ein übermütiger Kobold. Einfach köstlich! 

Donnerstag, 5. November 2015

Albrecht Mayer - Bach (Deutsche Grammophon)

Die Bach-Einspielungen von Albrecht Mayer, Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker und mehrfacher Echo-Klassik-Preisträger, sind nun gesammelt beim Label Deutsche Grammophon auf einem neuen Doppelalbum erschienen. Die beiden erfolgreichen Bach-Alben Lieder ohne Worte und Bach wurden bei dieser Gelegenheit durch weitere rekonstruierte Konzerte ergänzt, so dass der Hörer einen umfassenden Eindruck von den Werken bekommt, die Johann Sebastian Bach für die Oboe geschrieben hat – und oder vielmehr geschrieben haben könnte. 
Denn auch wenn der Thomaskantor das Instrument in vielen Kantaten eingesetzt und mit hinreißenden Soli bedacht hat, ist das eigentliche Repertoire, das der Komponist für die Oboe geschaffen hat, erstaunlich klein: „Es gibt viele Oboenkonzerte von Bach“, meint Mayer, „aber kein einziges verbrieftes, echt originales Oboenkonzert.“ Um noch mehr seiner Lieblingsmelodien spielen zu können, hat Mayer aber nicht nur auf rekonstruierte Konzerte zurückgegriffen, sondern darüber hinaus auch gemeinsam mit dem Arrangeur Andreas Tarkmann etliche zusätzliche Stücke für die Oboe bearbeitet, vor allem Arien und Choräle. „Unsere Maxime war, die Arrangements so zu gestalten, dass jemand, der das sogenannte Originalrepertoire von Bach nicht im Detail kennt, unsere Arrangements für authentisch und für original von Bach halten wird“, erklärt der Musiker im Beiheft. Ein gutes Beispiel dafür ist die Erbarme dich-Arie aus der Matthäus-Passion, wo Mayer auf der Oboe d'amore gemeinsam mit dem großartigen Nigel Kennedy, der den obligaten Violinpart übernommen hat, und der Sinfonia Varsovia musiziert. 
Die berühmte Sinfonia aus dem Weihnachtsoratorium wiederum hat der Oboist gemeinsam mit Beni Araki, Cembalo und Orgelpositiv, eingespielt – und mit der modernen Studiotechnik, die es dem Musiker ermöglicht, in Personalunion sämtliche Oboenparts zu übernehmen. Mayer musiziert hier mit Mayer, überaus harmonisch und absolut perfekt – was die Aufnahme aber fast schon in die Nähe des akustischen Zuckergusses bringt. Diese Doppel-CD bietet ohnehin eine Welle an Wohlklang, die man möglicherweise wohldosiert anhören sollte, um sie wirklich genießen zu können. Mayers alleweil runder, edler Ton und seine makellose Technik aber sind grandios. Und die Partner, die sich der Musiker für die jeweiligen Einspielungen gesucht hat, begleiten ihn lebendig und mit Einfühlungs- vermögen. Wer Freude an exzellent gespielter Oboenmusik hat, der wird diese Aufnahmen lieben.

Sonntag, 26. Juli 2015

Liszt: Transcriptions of J. S. Bach (Naxos)

Das Schaffen von Franz Liszt (1811 bis 1886) wird von dem Label Naxos mit einer Gesamteinspielung sämtlicher Klavierwerke gewürdigt. Das ist kein simples Unterfangen: Als die große französische Pianistin France Clidat in den 60er Jahren das einspielte, was man damals für das Gesamtwerk hielt, passte das auf nicht einmal 20 Langspielplatten. Mittlerweile weiß man es besser, und die Edition, die Leslie Howard im Verlaufe von immerhin 14 Jahren bei Hyperion eingespielt hat, umfasst sagenhafte 99 CD. 
Die Reihe bei Naxos hat nun bereits Folge 39 erreicht. Diese CD enthält Transkriptionen, die die Auseinandersetzung Liszts mit Werken von Johann Sebastian Bach dokumentieren, insbesondere mit Fantasie und Fuge g-Moll BWV 542 und mit den Sechs Präludien und Fugen BWV 543 bis 548. Susanne Husson spielt diese höchst anspruchsvollen Werke kraftvoll und angemessen pathetisch. Die Pianistin, die in Genf lebt, hat bei Arturo Benedetti Michelangeli studiert.
Transkriptionen haben große Bedeutung für das Werk Franz Liszts. Das spiegelt sich auch in der Gesamteinspielung wieder. So sind beispielsweise Wagner-Transkriptionen erschienen, gespielt von William Wolfram und Seven Mayer, der seine Aufnahme durch Liszts Version der Ouvertüre zu Webers Oper Der Freischütz ergänzt.
Transkriptionen waren vor der Erfindung des Radios üblich, um beispiels- weise Opernmelodien auch ohne Sänger und Orchester anhören zu können. Daher waren solche Bearbeitungen sehr beliebt, von der bürger- lichen Hausmusik bis zum Konzertprogramm der Virtuosen. Eine andere Möglichkeit, populäre Melodien weiterzuspinnen, boten Fantaisies, gern auch in Form einer Grande Fantaisie fürs Konzertpodium, Réminiscences oder Variationen, in ihrer virtuosesten Variante gern als Grandes variations de bravoure vorgetragen. Wie Liszt diese eingesetzt hat, um im Konzert zu brillieren, zeigt William Wolfram auf einer CD mit Werken des Pianisten, die auf Opern von Bellini beruhen.
Liszt wurde auf seinen Konzertreisen in Russland sehr gefeiert. Der Pianist hat sich stets dafür eingesetzt, Werke russischer Komponisten im Westen bekannter zu machen: Er hat sie im Konzert gespielt; Alexandre Dossin stellt  Liszts Klavierbearbeitungen russischer Musik vor.

Dienstag, 14. April 2015

Bach: Vom Reiche Gottes (K&K)

„Im Bach-Jahr 1950 habe ich in Stuttgart und Reutlingen zum ersten Mal die Kantate ,Vom Reiche Gottes' aufgeführt, eine abendfüllende Kantaten-Zusammenstellung, die aus dem Wunsche heraus entstanden war, einzelne bedeutende Teile des Bachschen Kantatenwerks, die aus mancherlei Gründen so gut wie nie aufgeführt worden und deshalb unbekannt geblieben waren, vor dem völligen Vergessen zu bewahren und sie der Praxis wieder zuzuführen“, zitiert das Beiheft zu dieser CD Hans Grischkat (1903 bis 1977). Der Kirchenmusiker folgte damit einer Anregung Albert Schweitzers, der sich von der Kompilation dann auch sehr angetan zeigte. 
Grischkat hat Chöre, Rezitative, Ariosi, Arien und Choräle gesammelt, die er besonders gelungen fand, die aber normalerweise nur selten oder gar nicht zu hören sind. Und er hat aus diesem Bestand anschließend ein umfangreiches Werk zusammengefügt, das auf Veränderungen im Text und fast durchweg auch auf Eingriffe in Bachs Kompositionen verzichtet und trotzdem ein attraktives Ganzes ergibt. Der Thomaskantor selbst wäre bei einem solchen Pasticcio vermutlich weit weniger behutsam vorgegangen; er hat sogar komplette Kantaten mehrfach verwendet und dabei mitunter auch kräftig verändert.  
„Oft lag die Versuchung nahe, aus bekannten und oft aufgeführten Kanta- ten einzene Stücke zu verwenden“, schreibt Grischkat. „Doch habe ich darauf bewusst verzichtet, da es mir darum ging, unter allen Umständen das Bachsche Gesamtwerk im Prinzip unangetastet zu lassen.“ Dennoch wird ein inhaltlicher Zusammenhang erkennbar: Der erste Teil beschreibt den Menschen vor Gott, mit seinem Streben nach Heil und Gnade. Der zweite Teil ist dem Lobpreis gewidmet. 
Jürgen Budday hat dieses Werk im September 2013 mit dem Maulbronner Kammerchor und dem Barockorchester Il Capriccio im Konzert in der romanischen Maulbronner Klosterkirche aufgeführt; ein Mitschnitt dieses Ereignisses ist bei KuK erschienen. Den beiden Toningenieuren Josef-Stefan Kindler und Andreas Otto Grimminger ist es einmal mehr gelungen, trotz der schwierigen akustischen Verhältnisse mit einer beeindruckenden Aufzeichnung die besondere Atmosphäre der Konzerte in der Unesco-Welterbe-Stätte einzufangen. 
Als Solisten singen Heike Heilmann, Sopran, Franz Vitzthum, Altus, und Falko Hönisch, Bass. Sie alle überzeugen durch Ausdrucksstärke und Textverständlichkeit. Der Maulbronner Kammerchor meistert die Chor- partien mit sauberer Intonation, hoher Präzision und ausgewogenem Chorklang. Das Orchester Il Capriccio musiziert hochprofessionell und gut abgestimmt. Es ist zu spüren, dass die Musiker mit „Alter“ Musik bestens vertraut sind. Budday führt seine Scharen mit sicherer Hand durch das nicht unkomplizierte Opus. So hat Grischkat vor den Schluss-Choral Lobe den Herren eine mächtige Fuge gesetzt, die erst einmal bewältigt werden will. In dem sehr informativen Beiheft ist übrigens die jeweilige Besetzung nachzulesen. Dort findet sich auch der Text sowie die Quelle der einzelnen Kantatenteile. 

Freitag, 6. März 2015

Lost and Found - Albrecht Mayer (Deutsche Grammophon)

Die Oboe war zur Zeit der Wiener Klassik als Musikinstrument allgegenwärtig. Sie erklang sowohl im Freien, wenn beispielsweise eine Serenade gespielt wurde, als auch in der Kirche und im Konzertsaal. Entsprechend viele Musiker spielten Oboe, und natürlich schrieben sie ebenso viele Konzerte für „ihr“ Instrument. Das befand sich seiner- zeit noch in der Entwicklung, und so dokumentieren diese Musikstücke nicht zuletzt auch die jeweiligen technischen Möglichkeiten der Oboenvirtuosen. Um so verblüffender erscheint allerdings die Tatsache, dass davon heute kaum noch etwas im Konzert zu hören ist. 
Albrecht Mayer, Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker, hat sich darüber ebenfalls gewundert. Und so ging der Musiker auf die Suche nach Alterna- tiven zu Mozarts berühmtem Oboenkonzert. Dabei durchstöberte er zunächst das Internet und anschließend jene Archive und Bibliotheken, die aufgrund der digitalen Fundstellen Erfolg versprachen. Bei der Recherche unterstützte ihn tatkräftig Adelheid Schloemann, beim Sichten der Manu- skripte Albert Breier. Das Projekt war von Erfolg gekrönt: Mayer hat mit seinem kleinen Team sagenhafte 120 Konzerte aufgespürt. Einige davon sind mittlerweile bereits als Notenedition verfügbar. 
Die vier schönsten präsentiert der Oboist nun, begleitet von der Kammer- akademie Potsdam, auf seinem neuen Album Lost and Found. Es sind drei Oboenkonzerte von Franz Anton Hoffmeister (1754 bis 1812), Jan Antonín Koželuch (1738 bis 1814)– dem älteren Vetter des Klaviervirtuosen Leopold Anton Koželuch, mit dem er oftmals verwechselt wird (das ist kurioser- weise auch im Beiheft zu dieser CD passiert) – und Ludwig August Lebrun (1752 bis 1790), der allerdings nicht in Wien, sondern in Mannheim wirkte. Sein g-Moll-Oboenkonzert ist wirklich sehr schön, und auch wenn es keineswegs „verloren“ war, so ist doch nachvollziehbar, dass Mayer dieses Werk seines berühmten Kollegen hier mit einspielen wollte. 
Aus Böhmen stammte Joseph Fiala (1748 bis 1816). Nach seiner Flucht aus der Leibeigenschaft musizierte er zunächst am Hof von Oettingen-Wallerstein, dann in München, und schließlich in Salzburg, wo er allerdings entlassen wurde, als er aufgrund eines Lungenleidens nicht mehr Oboe spielen konnte. Und so war Fiala dann den Rest seiner Tage als Cellist sehr erfolgreich. „Trotz aller Recherche wissen wir leider immer noch nicht, ob es sich bei dem Konzert von Joseph Fiala auf diesem Album tatsächlich um das Konzert für Englischhorn handelt, von dem Wolfgang Amadeus Mozart seinem Vater in einem Brief vorschwärmte; auch kennen wir das Instrument nicht, für das dieses Konzert in extrem hoher Lage geschrieben wurde“, teilt Mayer im Beiheft mit. „Durch die Transponierung nach C-Dur liegt es aber nun perfekt für das heutige Englischhorn und wird sicher spätestens jetzt seinen wohlverdienten Stammplatz im Repertoire erobern.“ 
Die von Mayer ausgewählten Konzerte begeistern nicht nur durch ihre zauberhaften Oboen-Soli, sondern auch durch einen zumeist wohlausge- wogenen Dialog zwischen dem Solisten und dem Orchester. So liefert die Kammerakademie Potsdam dem Oboisten, der auch selbst dirigiert, nicht nur die Klangkulisse, vor der sich die Solostimme präsentiert. Man höre nur die Hörner im Hoffmeister-Konzert – wirklich exzellent! Diese CD ist wirklich rundum erfreulich und sehr hörenswert.

Dienstag, 17. Dezember 2013

Let It Snow! (Deutsche Grammophon)

„Seitdem ich denken kann, hatte ich den einen riesigen Wunsch: Einmal die King’s Singers zu treffen, von denen ich schon als Kind jede Aufnahme hatte und pausenlos hörte“, berichtet Albrecht Mayer im Beiheft zu dieser CD. Nun hat der Ausnahme-Oboist seine Lieblingsvokalisten nicht nur getroffen – er hat auch gemeinsam mit ihm musiziert. Das Ergebnis liegt nun auf dem Gaben- tisch des Musikfreunds. 
„Dass ich dieses Album aufnehmen durfte, mit diesem weltweit einzigartigen und absolut unvergess- lichen Gesangsensemble, ist ein wunderbares Geschenk für mich“, schwärmt Mayer. Der Zuhörer dürfte ähnlich begeistert sein. Denn „Let It Snow!“ kombiniert bekannte weihnachtliche Melodien mit ebenso präsenten klassischen Hits, wie Winter aus den Vier Jahreszeiten von Antonio Vivaldi, der Sinfonia aus Bachs Weihnachtsoratorium oder der Sérénade d’hiver von Camille Saint-Saens. 
Die King’ Singers klingen beschwingt und inspiriert; sie singen noch immer mit der gleichen faszinierenden Präzision und Harmonie, die Albrecht Mayer schon begeistert hat, als er selbst noch im Knabenchor sang. Jeder der sechs Sänger ist ein exzellenter Solist – doch ebenso selbstverständlich steht der Ensembleklang an erster Stelle; das kann durchaus einmal beinahe instrumental wirken. 
„Das Ende des Jahres ist eine Zeit, in der man sich eher drinnen aufhält“, erläutert Bariton Christopher Gabbitas, „und die Ereignisse der letzten zwölf Monate noch einmal Revue passieren lässt. Diese Stimmung wollten wir mit der Musik einfangen.“ Der Klang von Oboe, Oboe d’amore und Englischhorn integriert sich dabei wunder- bar in den Gesang. Mayer lässt seine Instrumente juchzen und zwitschern, er saust rasant mit dem Rentiergespann einher, aber er tritt auch zurück in die Linien der Sänger, reiht sich ein in die Stimmen und lässt die Töne schweben. Das hat eine ganz eigene Magie. Bravi! Und bitte mehr davon! 

Donnerstag, 20. Juni 2013

Telemann: Johannes-Passion

Er habe „allemal die Kirchen-Mu- sic am meisten werth geschätzet“, schrieb Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) in seiner Auto- biographie 1718, und „am meisten in andern Autoribus ihretwegen geforschet“. Das gilt nicht zuletzt für seine Passionsmusiken. Sie waren von dem Komponisten, der seit 1721 das Amt des Cantor Johannei und Director musices in Hamburg innehatte, alljährlich neu zu schreiben, und erklangen dann reihum in den wichtigsten Kirchen der Hansestadt. Es war zudem üblich, dass dafür im Wechsel die Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes als Text- grundlage genutzt wurden.
46 oratorische Passionen hat Telemann in seinen Hamburger Jahren komponiert; davon sind 22 überliefert. Der Kammerchor der Biede- ritzer Kantorei eröffnet den Biederitzer Musiksommer traditionell mit einem dieser Werke. Was lag also näher, als diesen Klangkörper, der im Jerichower Land vor den Toren Magdeburgs 1989 von Kantor Michael Scholl gegründet wurde, einzuladen, auch zu den Telemann-Festtagen zu singen.
In einem Konzert 2010 im Kloster Unser Lieben Frauen zu Magde- burg hat das Ensemble Telemanns Johannes-Passion aus dem Jahre 1733 vorgestellt. Sie zeugt vom Einfallsreichtum des Komponisten, der in die Passionserzählung in diesem Falle auch Texte aus dem Alten Testament eingebunden hat.
Der Kammerchor der Biederitzer Kantorei musizierte unter Leitung von Michael Scholl gemeinsam mit der Cammermusik Potsdam sowie Grit Wagner, Cornelia Diebschlag, Ulrike Mayer, Michael Zabanoff, Matthias Vieweg, Thomas Fröb und Florian Götz. Der sehr hörens- werte Mitschnitt dieses Konzertes ist nun bei dem Label Amati erschienen. Man kann es kaum glauben, aber dies ist erneut eine Ersteinspielung – und das Werk Telemanns verheißt, nicht zuletzt aufgrund seines puren Umfangs, sicher auch für die Zukunft so manche Entdeckung.

Sonntag, 24. Juni 2012

Albrecht Mayer - Schilflieder (Decca)

Einmal mehr sind Albrecht Mayer, Solo-Oboist der Berliner Philhar- moniker, in seiner Leidenschaft für die Kammermusik Entdeckungen gelungen. Auf der vorliegenden CD stellt er gemeinsam mit Tabea Zimmermann, Viola, Marie-Luise Neunecker, Horn, und Markus Becker, Klavier, Werke vor, die man im Konzert überwiegend selten oder gar nicht hören kann. Das liegt daran, dass Komponisten, die nicht zu den wenigen ganz bekannten zählen, vom Publikum wie von der Musikwissenschaft üblicherweise vergessen werden - einige von ihnen sogar schon vor ihrem Tode. Sie werden oft abfällig als "Kleinmeister" bezeichnet - und wenn man diese CD angehört hat, dann wird man verstehen, warum Mayer dieses Wort gar nicht leiden kann.
Denn sie enthält Werke in einer Qualität, über die man nur staunen kann. Das gilt für das Trio für Oboe, Horn und Klavier op. 61 von Heinrich von Herzogenberg ebenso wie für die Drei Romanzen für Oboe und Klavier op. 94, dem einzigen Werk für Solo-Oboe von Robert Schumann und dem einzigen Stück eines "Großmeisters" auf dieser CD. Wunderschön sind aber auch die Schilflieder - Fünf Fantasiestücke nach Gedichten von Nikolaus Lenau für Oboe, Viola und Klavier op. 28 von August Klughardt.
 "Wenn auf irgendein Stück der Begriff Romantik zutrifft, dann gilt das für Klughardts Schilflieder, die zum Besten gehören, was je für Oboe komponiert wurde", meint Mayer. Und da hat er wirklich recht. Doch nicht nur das Rascheln des Schilfs, das leise Murmeln der Wellen und das Emporsteigen des Mondes meint man zu hören. Diese Musik zitiert Natur, aber sie weist weit darüber hinaus - und darin ist sie in der Tat ausgesprochen romantisch. Die Schilflieder beschwören nicht nur den Schmerz einer verlorenen Liebe; sie zeigen zugleich, dass Musik immer auch Abstraktion ist, viel mehr noch als das poetische Wort, und dass der Ausdruck von Gefühl zugleich an sehr viel hand- werkliches Können, Überlegung und damit Distanz gebunden ist. Wie der Oboenvirtuose gemeinsam mit Zimmermann und Becker Klang- welten entstehen lässt, das ist ein Erlebnis.
Man höre aber auch Hornistin Neunecker, wie sie ihr Instrument zügelt, um im Trio ein Zwiegespräch mit der Oboe überhaupt erst möglich zu machen. Mayer selbst musiziert mit butterweichem, schmeichelndem, singendem Ton; das Wort "schwierig" scheint es für den Musiker nicht zu geben. Was er vorträgt, das wirkt perfekt. Und weil er Romantik nicht an ein Jahrhundert gebunden sieht, sondern an eine Geisteshaltung, ergänzt er seine Sammlung noch um den Liebesruf eines Faun für Englischhorn und Klavier von Hans Stein- metz, die Variationen für Oboe und Klavier op. 39 von Julius Weismann und Prelude-Improvisationen seines Pianisten Markus Becker.

Sonntag, 22. August 2010

Bonjour Paris - Albrecht Mayer (Decca)

In ihrem "Geburtsland" Frankreich war die Oboe als Soloinstrument bald nach Jean-Baptiste Lully und Nicholas Chédeville seltsamer- weise wenig gefragt. Zwar kompo- nierten Camille Saint-Saens und Francis Poulenc für Oboe. Doch weder Debussy, Fauré noch Ravel haben für das Blasinstrument ein Konzert oder wenigstens ein bedeutendes Kammermusikwerk geschrieben.
Albrecht Mayer, der Frankreich sehr zugetan ist und immerhin auch bei Maurice Bourgue studiert hat, fand diese Repertoirelücken schmerzlich - und schloss sie in bewährter Art und Weise: Für seine musikalische Huldigung an das Nachbarland ließ er berühmte Melo- dien für Oboe und Orchester arrangieren, wie Saties Gymnopédies und Debussys Clair de lune. Dass es sich dabei ursprünglich um Klavierstücke handelt, nimmt der Hörer staunend zur Kenntnis. Durch diese Bearbeitungen voll Poesie, musiziert mit dem für Mayer charakteristischen singenden, runden und warmen Oboenton, wird er daran aber nicht unbedingt erinnert. 
Mayer ist ohne Zweifel einer der besten Oboisten seiner Generation. Das kitschige Cover mit Blick über die Dächer der Musikmetropole an der Seine übersieht man ganz schnell. Denn Mayer bringt beispiels- weise Pavane und Sicilienne von Gabriel Fauré sanft zum Schweben und Tanzen. Und natürlich darf die Pavane pour une infante défunte von Maurice Ravel nicht fehlen - mit besten Grüßen an die Zwölf Cellisten, seine Kollegen bei den Berliner Philharmonikern, die erst vor kurzem ein ähnliches Album präsentiert haben.
Mayer verwandelt ein Lied von Reynaldo Hahn, Professor für Gesang an der École normale de musique de Paris sowie Direktor der Pariser Oper, in ein zauberhaftes Chanson ohne Worte. Er spielt aber auch einige Originalkompositionen, wie das Oboenkonzert L’horloge de Flore von Jean Françaix, das er schon öfter im Konzert vorgestellt hat. Als Weltersteinspielung erklingt Été, das der Schweizer Kompo- nist Gotthard Odermatt eigens für den Oboisten geschrieben hat - ein wundervolles, federleicht dahingetupftes Stück, das wie die akustische Version eines sonnendurchglühten impressionistischen Gemäldes erscheint. Traumhaft!


Mittwoch, 14. April 2010

Kennedy plays Bach with the Berliner Philharmoniker (EMI Classics)

Eine Aufzeichung aus dem Jahre 2000: Nigel Kennedy, der gern mit seinem Image als Rebell unter den Klassik-Stars kokettiert, spielt gemeinsam mit einigen Mitgliedern der Berliner Philharmoniker Kon- zerte von Johann Sebastian Bach. Schon der Einstieg lässt aufhor- chen: Kennedy beginnt mit dem Violinkonzert in E-Dur BWV 1042, und er startet furios in den ersten Satz.
Der Geiger erweist sich als Magier der Phrasierung; er bringt Bachs Werk zum Atmen und auch ins Tanzen - prächtig! Seine Mitmusiker lassen sich davon spürbar inspirieren. Das macht die Musik durch- hörbar, und zeigt Strukturen auf, die üblicherweise irgendwo in der "Begleitung" eines konzertierenden Solisten versacken. 
Das zweite Konzert, BWV 1060, ist als Doppelkonzert für Cembalo überliefert, aber dem Musikfreund auch in Versionen für zwei Violinen oder - wie in diesem Falle - für Oboe und Violine bestens vertraut. Albrecht Mayer, Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker, ist als Virtuose der Extraklasse bekannt; sein strahlender, klarer Ton kommt besonders im Adagio exzellent zur Geltung.
Im Violinkonzert a-Moll BWV 1041 macht Kennedy erneut deutlich, dass er Bach nicht nur als genialen Melodiker sieht, sondern auch rhythmisch außerordentlich interessant findet. Abschließend erklingt das Konzert für zwei Violinen d-Moll BWV 1043, das Kennedy gemeinsam mit Daniel Stabrawa spielt, dem ersten Konzertmeister der Berliner Philharmoniker. Das Doppelkonzert interpretieren die beiden Solisten beinahe klassisch - als Dialog zweier Musikerpersön- lichkeiten, die über die Gestaltung musikalischer Phrasen nachdenken und dabei durchaus auch zu unterschiedlichen Meinungen neigen. Sehr spannend, bis zum letzten Ton faszinierend.

Dienstag, 14. Juli 2009

Albrecht Mayer in Venedig (Decca)


"Nichts in der Musik ist höher oder reiner als der Gesang", schwärmt Albrecht Mayer. "Ein Instrument auf das Niveau eines großen Sängers zu bringen, ist die größte Leistung, die uns möglich ist." Das stimmt nicht ganz, wie die vorliegende CD zeigt. Denn Mayers Oboe kann mehr als nur singen. Sie jubiliert, sie träumt, sie ist übermütig - und sie galoppiert hochvirtuos durch die schwierigsten Passagen. In Venedig war die Oboe um 1700 offenbar ein hoch geschätztes Instrument, für das namhafte Komponisten schrieben. Die schönsten Werke aus jener Blütezeit hat Albrecht Mayer nun gemeinsam mit dem New Seasons Ensemble, ausgewiesenen Barock-Spezialisten, eingespielt. Atemlos lauscht man den Oboenkonzerten von Vivaldi, Platti, Marcello, Lotti und Albinoni. Mayer, der Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker, ist ein Phänomen - und der Kritiker freut sich über seine Musizierfreude.

Mittwoch, 6. Februar 2008

New Seasons - Händel für Oboe und Orchester (Deutsche Grammophon)

Albrecht Mayer, Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker, kommt das Verdienst zu, sein Instrument innerhalb weniger Jahre aus einem Schattendasein im Orchestergraben heraus auf die Konzertpodien geführt zu haben. Es ist unglaublich, wie virtuos dieses Instrument erklingen kann, das man allgemein eher für etwas behäbig gehalten hätte. Mayer präsentiert die Oboen-Familie - zu der neben der Oboe ja auch noch die Oboe d'Amore und das Englischhorn gehören - extrem sanglich, in feinster dynamischer Differenzierung. Absolut unglaublich, man glaubt seinen Ohren mitunter nicht zu trauen.
Das gilt insbesondere für diese CD: Offenbar hat sich Mayer jahrelang geärgert, dass er Perlen des Repertoires, wie Händels hochvirtuose Arien, nur begleiten durfte. Über jeden Atemzug, jede Note wachen mittlerweile, der historischen Aufführungspraxis sei Dank, Scharen von Musikwissenschaftlern - und das Original gilt als heilig. Alles Quatsch, beschloss Mayer schließlich. Und wagte sich an ein Experiment, das Händel selbst vermutlich für ziemlich alltäglich befunden hätte. Der Oboist arrangierte die "Ohrwürmer" neu, unterstützt von Andreas Tarkmann. So entstanden neben einigen Konzertstücken vier nagelneue "alte" Konzerte. Mit dem musikalischen Material wird ebenso respektvoll wie geistreich umgegangen, was der Kenner mit Wohlgefallen akzeptiert. Und auch wer Händels Arien nicht kennt, der wird sich gern vom Wohlklang verführen lassen. Diese herrlichen Stücke hat Mayer schließlich in Warschau mit der Sinfonia Varsovia eingespielt. Souverän. Brillant. Anhören!