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Mittwoch, 12. April 2017

Bach: Johannes-Passion (MDG)

Rainer Johannes Homburg hat mit „seinen“ Stuttgarter Hymnus-Chor- knaben die Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach eingespielt. Dabei entschied sich der erfahrene Kirchenmusiker für die vierte und letzte Version, aus dem Jahre 1749. In dieser verwarf Bach etliche Glättungen und kehrte „zur 25 Jahre alten Urfassung zurück“, so Hom- burg: „Nur die Instrumentation ist nun reicher, insbesondere die Continuo-Gruppe erweitert bis zum Kontrafagott. Diese Fassung ist hier aufgenommen.“ 
Neben namhaften Solisten – besonders beeindrucken hier Veronika Winter mit ihrem schlanken, klangschönen Sopran und Andreas Post, Tenor, der sowohl die Arien als auch die Partie des Evangelisten klug gestaltet – wirkte an der Aufnahme, die im Mai 2016 aufgezeichnet worden ist, auch die Handel's Company mit. Dieses Instrumentalensemble hat Homburg 1999 mit gegründet, um „Alte“ Musik stilecht aufführen zu können. Es musiziert auf historisch jeweils passenden Instrumenten und  orientiert sich an der jeweiligen Aufführungspraxis – verzichtet aber auf den klanglichen Purismus, den „Originalklang“-Ensembles mitunter gern pflegen. 
Im Vordergrund steht hier der Ausdruck von Affekten. „Historische Instrumente? So selbstverständliche Voraussetzung interpretatorischen Denkens, dass sie allein schon lange keine Antwort mehr sind“, meint Homburg in seinem Geleitwort zu dieser CD: „Was man mit ihnen macht, entscheidet.“ Bei dieser Aufnahme stellt er die Expressivität von Bachs Musik in den Mittelpunkt der Interpretation, und die jungen Chorsänger folgen ihm dabei mit Begeisterung und Können. Selbst schwierigste Koloraturen singen die Hymnus-Chorknaben erfreulich sicher und blitzsauber. So bleiben musikalische Strukturen auch in den großen Chören stets klar erkennbar. Und die Instrumentalisten sorgen dafür, dass auch Bachs klangliche Finessen gebührend zur Geltung kommen. Eine derart farbenreiche Continuo-Gruppe beispielsweise dürfte selbst den Thomas- kantor entzückt haben. Faszinierend! 

Samstag, 24. Dezember 2016

Euch ist ein Kindlein heut geborn (Carus)

„Wer sich die Musik erkiest, hat ein himmlisch Werk gewonnen; denn ihr erster Ursprung ist von dem Himmel selbst genommen, weil die lieben Engelein selber Musikanten sein“, reimte einst Martin Luther. Fünf Lieder des Reformators für die Adventszeit und das Weihnachtsfest sind auf dieser CD zu hören – in Bearbeitungen, die von den ersten Kantoren in der Reformationszeit selbst oder aber von der nachfolgen- den Musikergeneration geschaffen worden sind. 
Das Musterbeispiel eines evange- lisch-lutherischen Kantors war ohne Zweifel Johann Walter (1496 bis 1570). Er hatte in Leipzig studiert, und ging nach Torgau, um dort als Sänger und Komponist in der ernestinischen Hofkapelle zu wirken. Nach dem Tode seines Dienstherren, Kurfürst Friedrich der Weise, wurden die Hofsänger aber nicht weiter beschäftigt. Walter blieb dennoch in Torgau; 1526 gründete er die Stadtkantorei, um, ganz im Sinne Luthers, die neue Kirchenmusik aufführen zu können. Dazu kam 1530 noch ein Schulkanto- rat, in dem der Nachwuchs ausgebildet wurde. Damit schuf Johann Walter ein Vorbild, das in vielen anderen Städten kopiert wurde und Generationen von Kantoren prägte; nicht zuletzt durch sein Geystliches GesangkBuch- leyn wurde er quasi zum Urkantor der Reformation. 
Auf dieser CD ist er ebenso vertreten wie viele seiner Kollegen. Denn die Hamburger Ratsmusik unter Leitung von Simone Eckert stellt gemeinsam mit den Sopranistinnen Veronika Winter und Ina Siedlaczek und Tenor Jan Kobow die ausgewählten Lieder jeweils in sehr vielen verschiedenen Versionen vor. Jede Strophe wird anders gestaltet; es erklingen Werke der unterschiedlichsten Komponisten, in verschiedensten Besetzungen vor- getragen, vom schlichten Kantionalsatz bis hin zu komplexen mehrstim- migen Versionen, teilweise auch reinen Instrumentalsätzen. Das alles wird sehr klangschön vorgetragen; wer sich für die Anfänge der evangelischen Kirchenmusik interessiert, der sollte sich diese CD unbedingt anhören. Und auch sonst ist sie ein würdiger Auftakt zum Lutherjahr. 

Samstag, 18. April 2015

Ich hebe meine Augen auf - Telemann, Heinichen & Graupner in Leipzig (Carus)

Musikalisch ambitionierte Studenten hatten zu Beginn des 18. Jahrhun- derts in Leipzig einen attraktiven Studienort. Die Gottesdienste in den beiden Hauptkirchen St. Thomas und St. Nikolai waren weit über die Landesgrenzen hinaus berühmt aufgrund der Kirchenmusik, die nicht nur von Stadtpfeifern, Kunstgeigern und Thomanern bestritten wurde. Auf der Empore fanden sich auch etliche talentierte Studiosi ein, zumal in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts sogar ein Etat vorhanden war, sie fürs Musizieren zu entlohnen. 
Doch nicht nur in den Kirchen fanden Musikinteressierte ein reiches Betätigungsfeld. Auch im 1693 gegründeten Leipziger Opernhaus sowie in diversen Collegia musica, die im Kaffeehaus musizierten, saßen Studierende an den Pulten. So gingen die jungen Leute in Scharen an die Pleiße, um dort Jura zu studieren, wie es Brauch war – und sich nebenher auf den Gebiet der Musik zu erproben. Etliche von ihnen wurden anschließend Musiker; erinnert sei hier nur an Georg Philipp Telemann, Johann Georg Pisendel, Gottfried Heinrich Stölzel und die vormaligen Thomasschüler Christoph Graupner, Johann Friedrich Fasch und Johann David Heinichen. 
Was aber haben die Studierenden vorgetragen? Diese CD mit L’arpa festante unter Rien Voskuilen vermittelt einen Eindruck davon; herausgesucht wurden Werke von Telemann, Graupner und Heinichen, die mit einiger Sicherheit in den Jugendjahren der Komponisten entstanden sind. Die Musiker von L'arpa festante machen mit Schwung und Präzision die drei Kantaten und Telemanns Ouvertüre zu einem Hörvergnügen. Und auch das Solistenquartett ist mit Veronika Winter, Alex Potter, Hans Jörg Mammel und Markus Flaig erstklassig besetzt. 

Freitag, 24. Mai 2013

Telemann: Gott Zebaoth in deinem Namen (cpo)

Die Rheinische Kantorei und das Barockorchester Das Kleine Kon- zert haben, geleitet von ihrem Gründer Hermann Max, schon so manche barocke Rarität wieder- entdeckt. Die Konzerte der Musiker und Sänger gehören regelmäßig zu den Höhepunkten einschlägiger Musikfestivals im In- und Ausland. 
Diese CD enthält den Mitschnitt eines Konzertes, dass sie im März 2006 zu den 18. Magdeburger Telemann-Festtagen gegeben haben. Solisten des Abends waren Veronika Winter, Jenny Haecker, Lena Susanne Norin, Jan Kobow und Ekkehard Abele.
Auf dem Programm des Abends standen drei Kantaten von Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767). Weine nicht! Siehe, es hat über- wunden der Löwe nach einem Text von Tobias Heinrich Schubart ist für den ersten Ostertag bestimmt. Diese Kantate vereint theatralische Momente – die Tenor-Arie Zürne nur, du alte Schlange würde auch in der Oper begeistern – mit dem festlichen Klang der Pauken und Trom- peten sowie dem Choralgesang, der die Gemeinde mit einbindet. 
Sie verachten das Gesetz des Herrn Zebaoth entstammt einem Kantatenjahrgang nach Texten von Erdmann Neumeister, der unter dem Titel Musicalisches Lob Gottes in der Gemeinde des Herrn 1742 bis 1744 in Nürnberg im Partiturdruck erschienen ist. Für das Kirchenjahr 1736/37 vertonte Telemann die Poetischen Sonn- und Fest-Tages-Betrachtungen von Gottfried Behrndt. Die Kantate Gott Zebaoth in deinem Namen sinniert über das irdische und das himmlische Leben; die Texte sind durchweg Geschmackssache, aber Telemanns Musik entschädigt reich für eventuelles Leiden an der Dichtung. Und die Interpretation durch die Solisten sowie die in diesem Falle ziemlich schlank besetzten Ensembles überzeugt.

Samstag, 23. März 2013

Zu Gottes Ehr und Deinem Trost (Cantate)

Diese CD erinnert an ein wenig be- kanntes Detail aus der Geschichte der Kirchenmusik: Anhänger der Lehre Martin Luthers haben nicht nur mit großer Hingabe die neuen Kirchenlieder aus dem Umfeld des Reformators gesungen. Sie haben oftmals auch, als Ausdruck per- sönlicher Frömmigkeit, Kirchen- lieder umgedichtet. 
Beispiele für diese sogenannten Kontrafakturen hat Ulrike Volk- hardt mit dem Hannoveraner Ensemble Devotio moderna im April 2012 im Kloster Isenhagen im Konzert vorgestellt; der Mit- schnitt davon ist bei Cantate auf CD erschienen. 
Den Anstoß für dieses Projekt gab die Wiederentdeckung mittel- alterlicher Musik aus den Heideklöstern. Sie lenkte die Aufmerk- samkeit auf die Beziehungen dieser Klöster in der Lüneburger Heide zu jenen in Mecklenburg und Vorpommern. Daraus wiederum ent- standen Kontakte nach Ribnitz, wo sich früher ein Klarissenkloster befand, nach Barth und nach Franzburg mit dem ehemaligen Zisterzienserkloster Neuenkamp. 
Die Musiker stellten fest, dass zur Zeit der Reformation insbesondere zwischen Niedersachsen und Vorpommern enge Verbindungen existierten. So heiratete Clara, eine Tochter von Herzog Franz, der in Gifhorn residierte, Bogislaw XIII., Herzog von Pommern, der seine Residenz in Barth hatte. Dort ließ er auch eine Druckerei einrichten, in der unter anderem die Barther Niederdeutsche Bibel von 1588 und diverse Gesangbücher gedruckt wurden. Sowohl Bogislaw als auch Clara haben Kontrafakturen gedichtet - jeweils eine davon wird vom Ensemble Devotio moderna auf dieser CD vorgestellt. 
Das Programm, das Ulrike Volkhardt gemeinsam mit der Altäbtissin des Klosters Isenhagen zusammengestellt hat, enthält noch weitere Kontrafakturen, die Adlige aus Niedersachsen, Pommern und ihre Verwandten zu Lutherliedern erdacht haben. Aus der Witzendorff Handschrift der Lüneburger Ratsbücherei stammt das im Kloster Medingen entstandene und von Luther weitergedichtete Lied Belobet seistu Jesu Christ. Mit Die Sonn verbirget ihren schein erklingt noch eine weitere Kontrafaktur aus der Feder des Reformators. 
In Barther Gesangbüchern sowie einem sowohl in der Barther Kir- chenbibliothek als auch im Kloster Isenhagen erhaltenen Cantionale (Wittenberg 1573) fand sich eine Nachdichtung des Magnificat in deutscher Sprache. Dort entdeckten die Musiker auch eine Passions- erzählung in Liedform, mit der diese CD schließt. Die einzelnen Stücke sind durchweg Dokumente eines innigen Glaubens. Sie werden von den Musikern mit berührender Intensität vorgetragen. 

Sonntag, 4. Dezember 2011

Gebel: Christmas Cantatas Vol. 2 (cpo)

Über den Lebensweg des Rudol- städter Hofkapellmeisters Georg Gebel d.J. (1709 bis 1753) wurde in diesem Blog bereits im vergan- genen Jahr ausführlich berichtet, als hier die erste Veröffentlichung seiner Kantaten zur Weihnachts- zeit vorgestellt wurde. Nun sind bei cpo zwei weitere Kantaten erschienen, die Ludger Rémy mit seinem Ensemble Les Amis de Philippe und den Solisten Veronika Winter, Britta Schwarz, Gesine Ad- ler, Andreas Post und Matthias Vieweg eingespielt hat. Sie sind wahrscheinlich zu Neujahr sowie am ersten Sonntag nach Epiphanias 1748 erstmals in Rudolstadt erklun- gen. 
Es sind "klassische" zweiteilige Kantaten, jeweils vor der Predigt und nach der Predigt aufzuführen, mit prächtigen Chören, Rezitativen und Arien, und überaus beredter, stimmungsvoller Musik. Sie werden durch die Musiker und Sänger um Rémy höchst ansprechend präsen- tiert. 
Es ist schade, dass die Wiederentdeckung derart qualitätvoller Kom- positionen, die jahrhundertelang im Archiv verborgen lagen, nur mit Hilfe von Sponsoren möglich ist. Es ist aber sehr erfreulich, dass speziell in Thüringen das musikalische Erbe der zahlreichen kleinen Höfe, die sich in dieser Region früher befunden haben, noch immer mit großem Engagement gepflegt wird. Bravi! 

Sonntag, 22. Mai 2011

Telemann: Lukas Passion 1748 (cpo)

In seiner Funktion als Cantor Johannei und Director Musices der Stadt Hamburg hatte Georg Philipp Telemann unter anderem die Passionsmusik für die Hansestadt zu liefern und zu leiten. Dabei wechselte jährlich das Evangelium, das als Grundlage für die musikali- sche Gestaltung der Gottesdienste diente. Man könnte aber auch sagen: Alle vier Jahre war derselbe Bibeltext zu vertonen. Telemann freilich bereitete es keine Schwierigkeiten, dennoch für Abwechslung zu sorgen. So ließ er den Bericht des Evangelisten an sehr unter- schiedlichen Punkten einsetzen und enden; und auch die Arien sowie die Kirchenliedversen, die das Evangelium kommentierten, boten vielfältige Möglichkeiten zur Variation. 
Von Invocavit bis Judica erklang die Passion dann in den fünf Haupt- und acht Nebenkirchen, jeweils in zwei Teilen, vor und nach der Predigt. 52 Passionen und Passionskantaten von Telemann listet das Werkverzeichnis auf. Anlässlich der 20. Magdeburger Telemann-Festtage wurde das letzte derartige Werk vorgestellt, das noch im Archiv seiner Wiederentdeckung harrte: Die Lukas-Passion aus dem Jahre 1748, neu ediert von Carsten Lange am Zentrum für Telemann- Pflege und -Forschung Magdeburg. 
Hermann Max und seine Ensembles Rheinische Kantorei und Das Kleine Konzert haben das Werk im März 2010 erstmals wieder auf- geführt. Der Live-Mitschnitt dieses Konzertes durch MDR Figaro erschien nun bei cpo. Neben den Solisten Veronika Winter, Sopran, Anne Bierwirth, Alt, Julian Podger, Tenor, Clemens Heinrich, Bass/Jesus und Matthias Vieweg, Bass/Arien und Pilatus, sind etliche Mitglieder der Rheinischen Kantorei in kleineren Partien zu hören. Das Ensemble ist in diesem Falle mit 16 professionellen Sängern besetzt. Die Aufnahme ist sehr gelungen; sie erfreut nicht zuletzt durch eine hohe Textverständlichkeit. 

Samstag, 18. Dezember 2010

Georg Gebel d.J.: Christmas Cantatas Vol. 1 (cpo)

Georg Gebel d.J., geboren 1709, wurde von seinem Vater, dem Breslauer Organisten Georg Gebel d.Ä., schon in frühestem Alter im Spiel von Tasteninstrumenten und im Komponieren unterwiesen. Der Knabe hatte Talent - und wurde ähnlich wie Mozart als Wunderkind vorgeführt. Gebel senior legte allerdings auch größten Wert auf eine solide schulische Ausbildung seines Sohnes, und schickte ihn anstatt auf Konzertreisen ans Gymnasium. 
Nach einer ersten Anstellung als Kapellmeister in Oels wurde Gebel 1735 für die Privatkapelle des sächsischen Premierministers Heinrich Graf von Brühl engagiert. Dort wirkte er bis 1746 als Komponist und Cembalist. Dann ging er nach Rudolstadt, wo er zunächst Konzert- meister und 1750 schließlich Kapellmeister wurde. Bei Hofe war seine Arbeit geachtet und derart gefragt, dass der fleißige Gebel sich buch- stäblich zu Tode komponierte. Er starb 1753, trotz Kur und aller Fürsorge der Herrschaft, infolge eines Burn-out-Syndroms, wie man heute sagen würde - noch keine 44 Jahre alt. 
Neben zwei nahezu komplett erhaltenen Kirchenkantaten-Jahrgängen von 1747/48 und 1750/51 und zwei Passionsmusiken soll Gebel zwölf Opern, mehr als hundert Sinfonien und Partiten sowie Cembalo- konzerte komponiert haben. Überliefert sind 144 Kirchenkantaten, ein Weihnachts- und ein Neujahrsoratorium sowie die Johannes-Passion; sie befinden sich im Musikalienbestand Hofkapelle Rudol- stadt des Thüringischen Staatsarchivs Rudolstadt auf Schloss Heidecksburg. 
Die Wiederentdeckung dieses Werkes begann 2004 mit der Einspie- lung der Oratorien, die als Sensation gefeiert wurden. Ludger Rémy stellt nun mit seinem Ensemble Les Amis de Philippe zwei Kantaten Gebels vor. Es sind "große", zweiteilige Werke, geschrieben für den Gottesdienst am zweiten Weihnachtsfeiertag und am Sonntag nach Weihnachten 1747. Von Weihnachtsstimmung ist darin allerdings keine Spur - die Kantaten nehmen Bezug auf den gesteinigten Märtyrer Stephanus, dessen Gedenktag der 26. Dezember ist, und auf Galater 3, verkündend in musikalisch kühner Weise die Befreiung vom Gesetz Mose durch Christus. Man hört und staunt, und wundert sich, dass solch eine Handschrift in Vergessenheit geraten konnte.
Es singen Veronika Winter, Sopran, Britta Schwarz, Alt, Andreas Post, Tenor und Matthias Vieweg, Bass, verstärkt in den Chören durch Cantus Wettinianus Dresden - Anna Moritz, Sopran, Inga Phillipp, Alt, Jörg Mall, Tenor und Falk Joost, Bass. Musiziert wird historisch fundiert sowie mit großem Engagement. Das Ergebnis ist sensationell - eine Entdeckung, der hoffentlich weitere folgen werden.

Dienstag, 14. Dezember 2010

Bach: Weihnachtsoratorium; Max (cpo)

Viel und vieles wurde geschrieben über das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach. Darauf verweist auch Hermann Max im Beiheft zu der vorliegenden Super Audio-Doppel-CD. Leider begibt er sich in seinem Text ziemlich rasch ins Reich der Spekulation - dabei bietet Bachs Notentext doch so viel interessantes; ob Bach "modern" komponieren wollte, erscheint mir angesichts dieses gewaltigen Werkes hingegen eher eine von jenen Fragen, wie sie heute vorzugsweise die Kollegen vom Boulevard stellen.
Warum also noch eine weitere Einspielung des Weihnachtsorato- riums, das im CD-Regal schon in etlichen Aufnahmen zu finden ist - und einige davon sind ja gar nicht schlecht. Das innovative Aufzeich- nungsverfahren mag sicher für einige Technikfreaks ein Kaufargu- ment sein. Doch ist die neue Aufnahme besser als ihre Vorgänger? Bringt sie neue Ideen, zeigt sie Strukturen auf, ist sie von besonderer musikalischer Qualität? 
Neugierig startet man den Player - und erschrickt sofort über die Dominanz und den ungewohnt flachen Klang der Pauken. Willkommen im Reich der historical correctness. Nun ja - die Rheinische Kantorei ist bei dieser Interpretation gerade einmal mit 16 Sängerinnen und Sängern besetzt. Und das Barockorchester Das Kleine Konzert spielt ebenfalls mit schlanker Besetzung, wobei aber das Continuo jeweils mit Violoncello, Violone, Fagott, Orgel und Cembalo vergleichsweise üppig ausgestattet ist. 
Die Chöre nimmt Max zügig, aber nicht flüchtig. Der Chor singt ge- schmeidig, und hat keine Mühe, diesen Tempi zu folgen. Veronika Winter, Sopran, Wiebke Lehmkuhl, Alt, Jan Kobow, Tenor und Markus Flaig, Bass, singen klangschön und solide, aber nicht umwer- fend. Am meisten beeindruckt mich Jan Kobow dort, wo er die Partie des Evangelisten singt. Die Arien sind ansonsten durchweg sehr konventionell gestaltet; insbesondere bei der Wahl der Tempi ist Max von beeindruckender Inkonsequenz (Beispiel: Frohe Hirten - die Aufforderung, zu eilen, dürfte ganz sicher niemand ernst nehmen, wenn sie so lässig-tänzerisch vorgetragen wird). Vom Orchester sind leider nicht nur schöne Töne zu hören - Originalklang hin, Barock- musik her, das ist keine Entschuldigung, Profis müssen das bringen. Tut mir leid, aber diese Aufnahme kann ich nicht empfehlen.

Sonntag, 12. Dezember 2010

Graupner: Frohlocke, werte Christenheit (cpo)

In Darmstadt war es in der Ad- ventszeit 1727 "nebelig und kalt", schrieb Hofkapellmeister Christoph Graupner (1683 bis 1760) seinerzeit in einem Brief. Vize-Hofkapellmeister Gottfried Grünewald war seit längerem erkrankt. Das war ein Problem, denn Grünewald war zugleich der einzige Vokal-Bassist der Hof- kapelle. 
So musste Graupner nicht nur sämtliche Werke für die Feiertage alleine liefern und die Auffüh- rungen leiten. Er musste sich außerdem etwas einfallen lassen, um das Fehlen des Sängers zu kompensieren: Wie bringt man einen Chor zum Klingen, ohne Bass? Am zweiten Feiertag aber feierte obendrein sein Dienstherr, Landgraf Ernst Ludwig, Geburtstag, so dass die Kirchen- kantate an diesem Tage besonders prächtig auszufallen hatte. 
Graupner löste das Problem, indem er Weihnachtskantaten kompo- nierte, die mit der in der Tat sehr ungewöhnlichen Besetzung Sopran - Alt - Tenor auskommen - und trotzdem so gut klingen, dass man längere Zeit fasziniert lauscht, bevor man bemerkt, dass diesem Ensemble eigentlich die tiefste Stimme fehlt. Eines dieser kuriosen Werke, die Kantate Von Gott will ich nicht lassen, erklingt auf dieser CD - wobei allerdings im Choral dann doch ein Bassist mitsingt; wer damals diese Partie übernommen hat, das wird wohl ein Geheimnis bleiben.
Die vier anderen Weihnachtskantaten Graupners, die für diese CD ausgewählt wurden, sind durchweg nach 1740 entstanden. Sie zeigen den Darmstädter Hofkapellmeister als überaus versierten Musiker, der auf Pauken und Trompeten verzichten kann - und mit Eleganz und Virtuosität überzeugt. 
Das gilt auch für die Musiker, die auf dieser CD zu hören sind: Veronika Winter, Sopran, Franz Vitzthum, Alt, Jan Kobow, Tenor und Markus Flaig, Bass ergeben ein überaus stimmiges Ensemble, das gemeinsam mit dem etablierten Barockorchester Das Kleine Konzert unter Hermann Max durch engagiertes Musizieren und präzise Klangrede begeistert. Bravi!