Posts mit dem Label Schäfer werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Schäfer werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 12. August 2021

Salieri: Prima la musica; Mozart: Der Schauspieldirektor (Belvedere)


 Kann man eine Oper auch in deutscher Sprache schreiben? Um eine Antwort auf diese Frage zu erhalten, veranstaltete Kaiser Joseph II. einst einen musikalischen Wettbewerb: Er ließ zwei der berühmtesten Komponisten seiner Zeit kommen, und beauftragte sie, ein entsprechendes Werk zu schaffen und bei Hofe aufzuführen. 

Diese Wettbewerbssituation hat Nikolaus Harnoncourt im Jahr 2002 für die Salzburger Mozartwochen nachvollzogen. Mit seinem Concentus Musicus Wien sowie den Solisten Eva Mei, Patricia Petibon, Melba Ramos, Manfred Hemm, Oliver Widmer, Markus Schäfer und Werner Schneyder führte er die beiden Stücke nacheinander an einem Abend auf, so wie es auch 1786 im Rahmen eines prächtigen Festes in Schönbrunn geschehen ist. 

Damals beauftragte der Kaiser Antonio Salieri, Musikdirektor der Hofoper, damit, die Partei der italienischen Oper zu vertreten – und Wolfgang Amadeus Mozart unterbrach seine Arbeit an der Oper Le nozze di Figaro, um für diesen Anlass ein deutsches Singspiel zu Papier zu bringen. 

Die beiden befreundeten Komponisten unterhielten die Gäste aufs allerbeste. Dabei sparten sie auch nicht an Spott für die Theaterpraxis der damaligen Zeit. In Prima la musica e poi le parole machte sich Salieri gemeinsam mit seinem Textdichter Giambattista Casti darüber lustig, wie schnell künstlerische Ansprüche dahinschwinden, wenn der Fürst darauf besteht, dass die neue Oper in vier Tagen fertig zu sein hat – und wenn obendrein hundert Zechinen als Belohnung dafür locken, dass eine bestimmte Sängerin Gelegenheit erhält, sich dem durchlauchtigen Publikum zu präsentieren. 

Salieris „Divertimento teatrale“ in der Art der italienischen Oper parodierte obendrein eine hochdramatische Opera seria, die in Wien in der Saison zuvor sehr erfolgreich gewesen war, und an deren Melodien sowie an die Art und Weise, in der der Starkastrat Luigi Lodovico Marchesi die Titelrolle gesungen hat, sich ganz sicher jedermann noch gut erinnern konnte. 

Etwas weniger subtil ist Mozarts Mini-Singspiel Der Schauspieldirektor. Und weil die Komödie mit Musik in einem Aufzug ohnehin wenig Musik, aber so manchen Scherz bietet, hat Werner Schneyder den Text von Johann Gottlieb Stephanie dem Jüngeren ein wenig modernisiert und darin so manche Anspielung auf das moderne Theaterleben untergebracht. 

Launig startet auch das Doppelalbum – der Maestro lässt es sich nämlich nicht nehmen, eine Einführung zu geben, die er ebenso kenntnisreich wie pointiert gestaltet. Sie ist ebenfalls Bestandteil des vorliegenden Live-Mitschnitts. So dürfte auch das moderne Publikum viel Vergnügen an diesem musikalischen Wettkampf gehabt haben. Die musikalische Qualität des Revivals jedenfalls war exzellent. 


Freitag, 6. Dezember 2019

Bach: Weihnachtsoratorium (Accentus)

Jauchzet, frohlocket! Johann Sebastian Bachs Weihnachts- oratorium, erstmals aufgeführt zwischen dem ersten Weihnachtsfeiertag 1734 und dem Epiphaniasfest 1735 in den beiden Hauptkirchen St. Thomas und St. Nikolai, gehört mittlerweile zu den Fundamenten der Identität und des musikalischen Erbes der Stadt Leipzig. Ohne Bachs musikalisches Meisterwerk ist ein Weihnachtfest an der Pleiße kaum vorstellbar. 
Allerdings haben musikalische Traditionen so ihre Tücken, wie man feststellen wird, wenn man die Aufnahmen anhört, die die Thomaner in der Vergangenheit vorgelegt haben. Umso erfreulicher ist es, nun zu erleben, dass Thomaskantor Gotthold Schwarz die Erbe-Pflege offenbar nicht eine lästige Verpflichtung, sondern eine Herzensangelegenheit ist. Bachs 17. Amtsnachfolger hat sehr genau in die Partitur geschaut, und lässt ebenso präzise musizieren. 
Diese Einspielung aus dem Jahre 2018 mit dem Thomanerchor und dem Gewandhausorchester Leipzig berückt nicht nur mit festlichem Glanz, sondern auch mit unendlich vielen kleinen Details, die zeigen, wie sorgfältig Schwarz arbeitet. Die Thomaner singen hinreißend, und auch das Solistenensemble beeindruckt. Unbedingte Empfehlung! 

Samstag, 16. November 2019

Mayr: Stabat mater in F minor (Naxos)

Mit dem zweiten Teil der Motetten sowie dem Stabat mater in f-Moll und zwei kleineren Kompositionen, Eja mater in F-Dur und Ave maris stella in G-Dur, setzt das Label Naxos sich erneut für die Wiederentdeckung des Schaffens von Johann Simon Mayr (1763 bis 1845). Über den Lebensweg dieses Komponisten wurde in diesem Blog bereits an anderer Stelle berichtet. 
Mayr stammte aus Bayern, doch in die Musikgeschichte ging er schließlich nach seiner Auswanderung nach Italien als einer der produktivsten Komponisten der Belcanto-Ära ein. Er schrieb aber nicht nur enorm viele Opern, sondern auch eine Vielzahl geistlicher Werke – und diese beiden CD machen einmal mehr deutlich, dass Giovanni Simone Mayr sehr zu Unrecht so wenig bekannt ist. 
Franz Hauk setzt sich seit Jahren mit großem Engagement für die Wiederentdeckung seines Werkes ein. Hauk ist es beispielsweise gelungen, aus zwei unvollständigen Manuskriptfassungen Mayrs Stabat Mater zu rekonstruieren. Es wurde 2014 in Ingolstadt erstmals wieder aufgeführt, und wird hier als Weltersteinspielung veröffentlicht. Das ist großartige Kirchenmusik, hinreißend, effektvoll. Und auch die Motetten sind von enormem melodischen Reichtum. Man staunt immer wieder über neue Ideen, die der Komponist auch beim vierten Salve Regina noch zu Papier brachte. Ganz erstaunlich! 

Dienstag, 28. August 2018

Mayr: Venetian Solo Motets (Naxos)

Johann Simon Mayr (1763 bis 1845) gilt als einer der bedeutenden Komponisten der italienischen Oper im 19. Jahrhundert. Über den Lebensweg des Musikers, der aus Mendorf im oberbayerischen Landkreis Eichstätt stammt, wurde in diesem Blog bereits an anderer Stelle ausführlicher berichtet. 
Was nicht mit erwähnt wurde: Mayr scheint auch recht fromm gewesen zu sein. Schon während seines Studiums in Ingolstadt wirkte er als Organist. Auch während seiner Ausbildung in Venedig sowie in den letzten 20 Jahren seines Lebens komponierte er Kirchenmusik. So schrieb er, neben vielen Opern, auch etliche Oratorien, Motetten und Messen. 1802 erhielt er eine Anstellung als Kapellmeister an der Basilika Santa Maria Maggiore in Bergamo, die er bis an sein Lebensende inne hatte. 
Nachdem bei Naxos inzwischen zahlreiche Opern des Komponisten in Aufnahmen dokumentiert sind, wendet sich das Label nun verstärkt dem geistlichen Schaffen Mayrs zu. In Weltersteinspielungen sind dort beispielsweise das Miserere in g-Moll und die Litaniae Lauretanae in g-Moll für Soli, Chor und Orchester sowie hinreißend schöne venezianische Solo-Motetten zu finden. Jede dieser Pretiosen ist in der Tat der Wiederentdeckung wert. 
Franz Hauk, der sich unermüdlich dafür engagiert, das Werk von Johann Simon Mayr aus dem Archiv zurück auf Bühne und Podium zu bringen, dirigiert das Ensemble, dem neben ausgewählten Solisten auch das Orchester I Virtuosi Italiani sowie, bei den groß besetzten Werken, die Instrumentalisten von Concerto de Bassus, der Simon Mayr Chor und Mitglieder des Chores der Bayerischen Staatsoper angehören.

Montag, 22. Mai 2017

Mayr: Telemaco (Naxos)

Fast 70 Opern schrieb Johann Simon Mayr (1763 bis 1845). Eine seiner frühen Opern galt der Figur des Telemaco. Telemach, wie er hierzulande genannt wird, ist in Homers Odysee nur eine Nebenfigur. Allerdings hat François Fénelon, Erzbischof von Cambray, für seinen Schüler, den siebenjährigen Louis, Dauphin von Frankreich und Herzog von Burgund, Les aventures de Télémaque zu Papier gebracht – einen Roman, in dessen Mittelpunkt er den Sohn des Odysseus stellte. 
Dieses Buch, 1699 veröffentlicht, brachte seinem Autor eine Menge Ärger ein, denn es wurde bei Hofe als Kritik am Absolutismus gelesen. Zugleich wurde es europaweit ein Best- seller, und inspirierte sowohl bildende Künstler als auch Opernlibrettisten. Eines dieser Textbücher, das erzählt, dass Telemach wie einst sein Vater Odysseus auf der Insel der Nymphe Calypso strandet, vertonte Simon Mayr. Seine Oper erklang in Venedig 1797 zum Karneval fast einen Monat lang beinahe täglich, was deutlich macht, dass sie ein großer Erfolg war. 
Die Kombination aus einer guten Story – immerhin lebte Odysseus sieben Jahre bei Calypso; die Nymphe musste ihn schließlich ziehen lassen, weil es die Götter befahlen – und erstklassiger Musik, die italienische Traditionen und Wiener Klassik in sich vereint, macht diese Oper auch heute noch interessant. Es ist Mayr-Spezialist Franz Hauk sehr zu danken, dass man Telemaco nell’isola di Calipso nunmehr auf CD anhören kann. 
Die Weltersteinspielung ist nun in seiner fortlaufend erweiterten Edition der Opern des bayerisch-italienischen Komponisten erschienen. Die Sänger und Musiker hat Franz Hauk bei der Aufnahme vom Cembalo aus dirigiert. Ein exzellentes Solistenensemble, der versierte Simon Mayr Chor, verstärkt durch Mitglieder des Chores der Bayerischen Staatsoper, und das Ensemble Concerto de Bassus unter seiner Konzertmeisterin Theona Gubba-Chkeidze machen diese Oper, in der der junge Held durch seinen Mentor auf den rechten Weg geführt wird, zu einem Hörvergnügen. 

Mittwoch, 6. Juli 2016

Mayr: Requiem (Naxos)

Geradezu kriminalistische Fähig- keiten waren erforderlich, um die Musik zu rekonstruieren, die auf diesen beiden CD zu hören ist. Zwar war bereits eine Grande Messa da Requiem von Johann Simon Mayr (1763 bis 1845) bekannt; bei Archivrecherchen zeigte sich aber, dass es noch ein weiteres Requiem des Komponisten gegeben haben muss. „Dieses bislang in der Forschung nicht erwähnte Werk übertrifft das gedruckte im Umfang und in der Instrumentierung“, be- richtet Franz Hauk im Beiheft. Die einzelnen Sätze fanden sich verstreut in den Beständen der Bibliotheca civica in Bergamo, wo Mayrs Nachlass aufbewahrt wird, sowie an anderen Standorten – mitunter in Form von Einzelstimmen. Mit Spürsinn, Beharr- lichkeit und unter großen Mühen ist es gelungen, die Messe zu rekonstru- ieren und das Notenmaterial für eine Aufführung zu erstellen. 
Das hat sich durchaus gelohnt, denn das „Requiem summum“, wie Hauk es nennt, erweist sich als ein überaus beeindruckendes Opus. Mit neun Sänger-Solisten, einem großen Chor und einem ebenso umfangreichen Orchester ist das Werk üppig besetzt. Zwei Sätze hat allerdings nicht Mayr, sondern Gaetano Donizetti (1797 bis 1848) komponiert. Er zeige „bereits in diesen frühen Werken eine eigenständige Handschrift, er kreiert Klang- flächen, mit einfachen Mittel erreicht Mayrs Schüler grandiose Klangwir- kungen“, urteilt Hauk. „Mayr hat Donizettis Partiturvorlage in einigen Stimmen umgeschrieben und ,korrigiert' – ein Problem für Verfechter eines sogenannten ,Urtextes'. Wir musizieren Donizettis Musik in der Mayr-Version.“ Dieses Requiem vereint Wiener Frömmigkeit und italie- nischen Schmelz – grandiose Musik, von den Solisten und vom Simon Mayr Chor und Ensemble unter Franz Hauk sehr hörenswert präsentiert. 

Montag, 21. Dezember 2015

Cornelius: Complete Lieder 4 (Naxos)

Peter Cornelius (1824 bis 1874) entstammte einer Künstlerfamilie. Seine Eltern waren Schauspieler, und zunächst sah es auch ganz danach aus, als wollte der Sohn ihrem Vorbild folgen: Schon mit 19 Jahren wurde er in Mainz zum Hofschau- spieler ernannt. Doch nach dem Tode seines Vaters studierte Cornelius, unterstützt von seinem Onkel, einem berühmten Maler, in Berlin Musik. Er stand Liszt nahe, und verbrachte etliche Jahre in Weimar, wo Corne- lius unter anderem (katholische) Kirchenmusik und als Kritiker für diverse Musikzeitschriften schrieb. 1858 gab es allerdings einen Eklat bei der Premiere seiner Oper Der Barbier von Bagdad: Liszt dirigierte – und Liszts Gegner störten die Aufführung. 
Cornelius ging daraufhin nach Wien. Dort setzte er sich für die Musik Wagners ein, der ihn schließlich 1864 nach München rief, wo König Ludwig II. dem Musiker einen Ehrensold zukommen ließ. 1867 wurde Cornelius Dozent an der neugegründeten Musikhochschule, und zudem ein glücklicher Familienvater. Bei einem Besuch in Mainz 1874 starb der Komponist an Diabetes; sein Grab befindet sich auf dem Mainzer Haupt- friedhof. In Mainz, im Peter-Cornelius-Archiv der Stadtbibliothek, befindet sich auch die größte Sammlung von Werken des Künstlers. 
Cornelius sah sich selbst als „Dichterkomponist“. Er schuf mehr als 700 Gedichte, er übersetzte, schrieb Libretti und publizierte in Zeitschriften. In seinem musikalischen Werk dominierte die Vokalmusik; neben Kirchen- musik schrieb er vor allem Lieder, wobei er viele seiner eigenen Texte vertonte. Und auch wenn er Liszt und Wagner persönlich nahestand, so ist sein künstlerisches Schaffen doch von einer ganz erstaunlichen Unab- hängigkeit und Originalität geprägt. 
Dass Peter Cornelius, zumal als Liedkomponist, mehr Aufmerksamkeit verdient hätte, zeigt nun das Label Naxos mit einer Gesamteinspielung der Lieder des Komponisten durch erstklassige Interpreten. Empfohlen sei hier, passend zur Jahreszeit, die Folge vier, unter anderem mit den Neun Geistlichen Liedern op. 2 „Vater unser“ sowie den Weihnachtsliedern op. 8. Tenor Markus Schäfer zeigt sich als ein exzellenter Liedersänger; auch Christina Landshamer begeistert mit ihrem schönen Sopran, aber man wünscht sich von der Sängerin eine bessere Textverständlichkeit. Matthias Veit beeindruckt als ausgezeichneter Klavierbegleiter; er hat allerdings bei Cornelius' Liedern auch einen dankbaren Part. Unbedingt anhören! 

Samstag, 10. Oktober 2015

Berger / Schubert: Die schöne Müllerin; Schäfer/Koch (Avi-Music)

„Am Anfang stand ein Gesellschafts- spiel mit Musik“, so berichtet das Beiheft zu dieser CD: „Im Berliner Haus des Geheimen Staatsrats Friedrich August von Staegemann führte eine Schar junger Kunst- freunde im Herbst 1816 ein kleines Theaterstück mit Liedern auf.“ Es ging darin um eine junge Dame namens Rose, die schöne Müllerin, die von drei Männern umschwärmt wird – einem Müller, einem Gärtner und einem Jäger. Diesem gelingt es letztendlich, das Herz des Mädchens zu erobern. 
Um die bei dieser Aufführung improvisierten Gesänge durch „echte“ Vertonungen zu ersetzen, wurde dann der Berliner Komponist Ludwig Berger (1777 bis 1839) hinzugezogen. Er wählte zehn Stücke aus und veröffentlichte sie im Jahre 1818 unter dem Titel Gesänge aus dem gesellschaftlichen Liederspiele ,Die schöne Müllerin’. Die Liedtexte stammten von verschiedenen Autoren, allerdings waren schon unter den von Berger in Musik gesetzten Stücken bereits fünf aus der Feder von Wilhelm Müller. Der junge Mann, der es später in seiner Heimatstadt Dessau bis zum Hofrat brachte, spielte bei dem Theaterstück kurioserweise auch tatsächlich die Rolle des Müllerburschen. 
Er schrieb brillante Gedichte, die von seinen Zeitgenossen mit großer Begeisterung gelesen wurden. So überarbeitete und erweiterte er in späteren Jahren auch seine Beiträge zu jenem Liederspiel, und veröffentlichte schließlich eine Folge von 23 Gedichten nebst einem ziemlich ironischen Prolog und einem Epilog. Auf diese Werke wiederum wurde dann Franz Schubert (1797 bis 1828) aufmerksam. Der Komponist ignorierte die Ironie; er vertonte 20 dieser Gedichte – und schuf mit Die schöne Müllerin einen bedeutenden Liederzyklus der Romantik. 
Auf dieser CD erklingen nun zum allerersten Male beide „Müllerinnen“, gesungen von dem Tenor Markus Schäfer, begleitet von Tobias Koch – der dabei auch ein ganz besonderes Klavier benutzte. Koch spielt ein Piano- forte von Johann Fritz, Wien um 1830, mit Wiener Mechanik und vier Pedalen, aus der Sammlung Beetz. Der „authentische“ Klang ist ja kein Wert an sich, aber in diesem Falle ist er ein Erlebnis. Denn dieses Instru- ment ist sehr viel dezenter und zugleich mit seinen vielen Farben und seinem schwebenden Klang wesentlich präsenter als ein moderner Flügel. 
Berger hat die meisten Gedichte als Strophenlieder gestaltet, und dabei nur selten Varianten auskomponiert. Es ist aber bekannt, dass die Interpreten jener Zeit den Notentext relativ frei gestalteten und abwandelten. Auf der Suche nach der zeitgenössischen Vortragspraxis stießen Schäfer und Koch auf interessante Dokumente – Abschriften und frühe Ausgaben der Schönen Müllerin, mit Eintragungen und Varianten, die zeigen, dass auch bei derart durchkomponierten Werken ein kreativer Umgang mit dem Notentext gang und gäbe war. So wurden Wiederholungen genutzt, um eigene Ideen einzubringen. 
Schäfer und Koch haben diese Praxis ausprobiert, wobei sie auf Variatio- nen im Sinne einer Auszierung meistens verzichten. Statt dessen haben die beiden Musiker nach Möglichkeiten gesucht, Details sowohl aus dem Text als auch aus der Musik hervorzuheben und weiterführend auszudeuten. Nicht nur in der Singstimme, sondern auch im Klavierpart haben sie gemeinsam verblüffende Lösungen gefunden, die aufhorchen lassen. Dabei gehen sie mit Schuberts Musik stets achtsam um. Das Ergebnis finde ich sehr beachtlich und durchaus bedenkens- und hörenswert. 

Dienstag, 21. April 2015

Ries: Der Sieg des Glaubens (cpo)

„Mein Oratorium ist so aufge- nommen worden, daß das ganze Haus gezittert hat – es ist das größte und effektvollste Werk, was ich geschrieben habe, aber die Aufnahme hätte ich mir so nicht denken können, alles war rein toll, und wahrer Jubel herrschte überall“, berichtete Ferdinand Ries (1784 bis 1838) nach der Uraufführung in einem Brief an seinen Bruder Joseph. Dabei war der Komponist zunächst nicht sehr begeistert, als er den Auftrag erhielt, ein Oratorium für das Niederrheinische Musikfest in Aachen 1829 zu schreiben. Das Libretto lieferte der im Rheinland geschätzte Johann Baptist Rosseau, der wie Ries und sein Jugendfreund Beethoven aus Bonn stammte. 
Der Sieg des Glaubens hat, ähnlich wie beispielsweise Haydns Jahres- zeiten, keinerlei Bezug zur Bibel. Rosseau verzichtet zudem auf eine durchgehende Handlung; sein Text erscheint als philosophischer Diskurs über die Macht des Glaubens und die Kraft der Gnade. Den Chören der Gläubigen wird dabei ein Chor der Ungläubigen entgegengesetzt, der sich auf Kampf und Eisen beruft. Er hat eher wenig zu sagen – doch um ihn zum Einlenken zu bringen, bedarf es eines Wunders. Und so schweben denn der Engel des Glaubens und der Seraph der Liebe, umgeben von Harfen- klängen, zur Erde hernieder. 
Ries entrinnt der Kitschgefahr durch seine kraftvolle Musik und eine Vielzahl von gekonnt formierten Ensembles. Man hört es schon, dass der Komponist ein Schüler Beethovens war.  Die Rheinische Kantorei, das Solistenqartett Christiane Libor, Wiebke Lehmkuhl, Markus Schäfer und Markus Flaig sowie Das Kleine Konzert haben nun unter Hermann Max Der Sieg des Glaubens erstmalig seit 1829 wieder aufgeführt. Es ist kaum zu glauben, doch dieses Oratorium scheint seit der Aachener Premiere tatsächlich nicht mehr erklungen zu sein. 

Samstag, 27. Juli 2013

Italienisches um Bach (Christophorus)

Concerti für drei Trompeten, Pauken und Orgel? Joachim Schäfer stellt auf dieser CD mit seinem Trompetenensemble gleich drei Arrangements für eine solche Besetzung vor. Und man muss sagen – so, wie sie hier vorgetragen werden, klingen diese Bearbeitungen absolut schlüssig. Auch dort, wo Schäfer allein die Solotrompete bläst, begleitet von Judit Izsák und Matthias Eisenberg an Orgel und Cembalo, darf sich der Zuhörer über eine gelungene CD freuen. Die Musiker – zu hören sind zudem Arne Lagemann und Kiichi Yotsumoto, Trompete, Frank Hiesler an den Pauken, und bei einem Concerto nach BWV 249 auch Wolfdietrich Wagner und Yuka Inoue an Violoncello und Kontrabass – überzeugen durch Virtuosität und Musizierlust. „Italienisches um Bach“, das ist eine stimmungsvolle CD, die perfekt zu einem lauen Sommerabend passt. 

Donnerstag, 26. April 2012

Leonid Sabaneev: Piano Trios (Genuin)

Leonid Leonidowitsch Sabanejew (1881 bis 1968) war der Sohn eines russischen Gutsbesitzers. Obwohl er schon früh seine musikalische Begabung zeigte und den entspre- chenden Unterricht erhielt, stu- dierte er in Moskau Mathematik und Naturwissenschaften. Im Anschluss an seine Promotion aber widmete er sich der Musik. Sabane- jew komponierte, und schrieb Musikkritiken. Dabei vertrat er extrem moderne Positionen; so verkündete er, die Zukunft der Musik liege in der Ultrachromatik, und forderte die Aufteilung der Oktave in 53 Töne. 
Nach der Revolution 1917 gehörte er zunächst zu den hohen Funktio- nären der jungen UdSSR. So leitete er das wissenschaftliche Komitee des Staatsinstituts für Musikwissenschaft (GIMN) und die Musikab- teilung an der Akademie der Schönen Künste. Und er publizierte in Prawda und Iswestija
Als er sah, dass Stalin immer mehr Macht an sich brachte, floh Saba- nejew schließlich 1926 in den Westen, wo er sich in Paris bzw. in Nizza niederließ. So rettete er sein Leben, doch er verlor seine Heimat, wo er offenbar bis heute totgeschwiegen wird. Das ist ein Verlust, wie diese CD beweist. Sie enthält zwei seiner raren Großwerke. Das Trio-Impromptu op. 4 aus dem Jahre 1907 weist noch Spuren spätroman- tischer Strukturen auf. Sie erscheinen wie Spiegelscherben, die auf dem Schutt gelandet sind, und gelegentlich daraus hervorglänzen. Dieses Werk ist so komplex, dass man sich wundert, wie es Ilona Then-Bergh, Violine, Wen-Sinn Yang, Violoncello und Michael Schä- fer, Klavier, gelingt, es trotzdem zum Klingen zu bringen. 
Das gilt noch viel mehr für die Sonate pour Piano, Violon et Violon- celle op. 20 von 1923/24, ein musikalisches Monster mit einer Dauer von über einer halben Stunde, das wie ein Echo der politischen Ereig- nisse jener Jahre erscheint. Mit außerordentlicher formaler Strenge, dem Beharren auf drei Themen, drei Teilen und einer gewaltigen Tripelfuge im Zentrum versucht Sabanejew möglicherweise, die Schrecknisse in eine Struktur zu zwingen. Vergebens; die Musik ist hier wohl klüger als der Komponist. 
Wer diese beiden Werke angehört hat, der ahnt, dass dies wohl das Kammermusik-Ereignis des Jahres gewesen sein könnte. Diese CD dürfte den Musikern und dem Label Genuin Classics zahlreiche Preise und Auszeichnungen bescheren - verdient jedenfalls hätten sie sie. Danke für diese Entdeckung! 

Donnerstag, 5. April 2012

Bach: Messe in h-Moll BWV 232; Helmut Müller-Brühl (Naxos)

Wer eine blitzsaubere Interpre- tation von Bachs h-Moll-Messe sucht, die gänzlich uneitel daher- kommt, frisch musiziert, mit einem schönen Chorklang und einem wunderbar homogenen Solisten- ensemble, dem sei diese hier empfohlen. Helmut Müller-Brühl hat sie mit dem brillanten Dresd- ner Kammerchor und dem Kölner Kammerorchester im Jahre 2003 eingespielt. Als Solisten singen Sunhae Im, Sopran, Marianne Beate Kielland, Mezzosopran, Ann Hallenberg, Alt, Markus Schäfer, Tenor und Hanno Müller-Brach- mann, Bassbariton. 

Samstag, 3. Dezember 2011

Bach: Weihnachtsoratorium; Beringer (Winter & Winter)

Karl-Friedrich Beringer, seit 34 Jahren Leiter des Windsbacher Knabenchores, hat angekündigt, dass er diese Position zum Jahres- ende abgeben wird. Das hat Winter & Winter zum Anlass genommen, sein Wirken mit einer CD-Edition zu würdigen. Ausgewählt hat das Münchner Label  dafür eine Auf- nahme des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach, die 1991 aufgezeichnet wurde. 
Neben dem Windsbacher Knabenchor, der sehr ausdrucksstark singt, wirken daran auch die Münchner Bachsolisten mit sowie die Solisten Juliane Banse, Cornelia Kallisch, Markus Schäfer als Evangelist, Robert Swensen, Tenor/Arien, und der in seiner Intensität hier überaus beeindruckende Thomas Quasthoff. Eine ausgesprochen hörenswerte Einspielung, und ein würdiges Abschiedsgeschenk an einen engagierten Musikpädagogen, der Generationen junger Leute für die Musik begeistert hat. 

Dienstag, 29. März 2011

Bach: St Matthew Passion; Müller-Brühl (Naxos)

Bachs Matthäuspassion in einer durchaus überzeugenden Auf- nahme aus dem Jahre 2005. Insbesondere Nico van der Meel als Evangelist erzählt die Passions- geschichte derart spannend, dass man manchmal an ein Hörbuch denken muss. Auch Locky Chung gestaltet die Partien des Petrus/Ju- das/Pilatus so durchdacht und lebendig, wie man das selten zu hören bekommt. Raimund Nolte als Jesus gelingt das nicht ganz so. 
Die Arien singen Claudia Couwen- bergh, Sopran, Marianne Beate Kielland, Mezzosopran (mit dem entsprechend hellen Timbre, was mir hier nicht ganz so gut gefällt), Markus Schäfer, Tenor und Hanno Müller-Brachmann, Bass - durch- weg schöne, gut geführte Stimmen. Das gilt auch für die beiden be- teiligten Chöre, den Dresdner Kammerchor und den Kölner Domchor; ein gut ausgebildeter Knabenchor übrigens, wie die Knabensoli beweisen. Es musiziert das Kölner Kammerorchester, damals noch geleitet von Helmut Müller-Brühl. Die Interpretation ist rundum klangschön, und ansonsten unspektakulär. Wer eine solide Aufnahme sucht, die man gut anhören kann, ohne sich über Ecken und Kanten zu ärgern, der sollte sich diese hier kaufen. 

Sonntag, 29. August 2010

Sylvio Lazzari, Volkmar Andrae: The Complete Works for Violin and Piano (Genuin)

Die Violinistin Ilona Then-Bergh und der Pianist Michael Schäfer, beide Professoren an der Hoch- schule für Musik und Theater in München, haben eine gemeinsame Leidenschaft: Sie graben nach ver- sunkenen musikalischen Schätzen - Werken für ihr jeweiliges Instru- ment oder für die Kammermusik, die aus dem Konzertleben ver- schwunden sind, die sie aber für eine Bereicherung des Repertoires halten.
Genuin Classics hat eigens für solche Wiederentdeckungen die Reihe Unerhört eingerichtet. So spielt Schäfer derzeit für das Leipziger Label die Klavierwerke von Vincent d'Indy ein. Und auf der vorliegenden CD stellen die beiden Musiker Werke aus der Zeit der Jahrhundertwende vor - vom 19. zum 20. Jahrhundert, wohlgemerkt. 
Sylvio - eigentlich Josef Fortunat Silvester - Lazzari, geboren 1857 in Bozen, ging nach dem Jura-Examen nach Paris, wo er am Pariser Konservatorium Komposition studierte, unter anderem bei Charles Gounod. Er blieb in Frankreich, bis zu seinem Tode 1944. Musikalisch steht er zwischen zwei verehrten Meistern, seinem Lehrer César Franck und - Richard Wagner. Formal erscheint seine Violinsonate in E-Dur in op. 24 ziemlich konventionell; sie folgt dem Modell, das für große Konzertsonaten seit Beethoven gesetzt ist. Das Werk beginnt im Unisono, und serviert auch sonst in erster Linie eine große Portion Pathos - mein Geschmack ist es nicht. Das zweite Stück, Lazzaris Scherzo für Violine und Klavier aus dem Jahre 1931, wirkt etwas eleganter, humorvoller. 
Auch der Schweizer Komponist Volkmar Andrae (1879 bis 1962) ist vielleicht noch am ehesten bekannt durch sein Eintreten für das Werk Bruckners, das er immer wieder dirigiert hat. Das ist in der Tat schade, denn seine Sonate für Violine und Klavier in D-Dur op. 4, die er als 25jähriger schrieb, zeigt nicht nur, dass der junge Mann hand- werklich sehr solide agiert. Sie beweist auch, dass es ihm an  Kühnheit nicht mangelt, seinen eigenen Weg zu gehen. Denn Brahms und Wagner in einem Stück hörbar werden zu lassen, das war zur Zeit des Fin de Siècle, als die Kritiker noch mächtig und wortgewaltig waren, schon ziemlich mutig.
Ilona Then-Bergh und Michael Schäfer engagieren sich spürbar für ihre Entdeckungen. Dennoch bleibt am Ende das schale Gefühl, dass diese Werke nicht ganz zu unrecht im Nebel der Zeiten verschwunden sind. Sie lassen nicht wirklich aufhorchen, und es fehlt ihnen die Ori- ginalität, die musikalische Handschrift eines Strauss, die Extravaganz eines Satie oder die Experimentierfreude eines Schulhoff.

Samstag, 13. März 2010

Bach - Violin and Voice; Hilary Hahn, Matthias Goerne, Christine Schäfer (Deutsche Grammophon)

"Meine erste Begegnung mit Bach für Violine und Gesangsstimme hatte ich im Alter von vier Jahren; nur wenige Monate zuvor hatte ich mit dem Geigenspiel begonnen", erinnert sich Hilary Hahn. "Mitten in einer Bachkantate trat ein Mitglied des Chores mit seiner Violine plötzlich vor und spielte ein Duett mit dem Sopran. Ich war verzaubert. Wie sich der Klang des Instrumentes mit der Singstimme verband, sie umströmte, war unglaublich, einfach magisch." 
Der Zauber Bachscher Polyphonie erscheint in diesen Arien mit obligater Violine unüberhörbar; insofern eignet sich eine Auswahl davon bestens, um auch Hörer zu beeindrucken, die bislang mit Bach-Kantaten wenig Berührung hatten. Und die Auswahl, die für diese CD getroffen wurde, hat durchaus Potential, in die Klassik-Top-Ten aufzurücken. Die Dramaturgie ist schlüssig - und die CD schließt selbstverständlich mit dem ergreifenden Erbarme dich aus der Matthäus-Passion. 
Dieses Stück freilich ist eigentlich für eine (dunkel timbrierte) Alt- stimme geschrieben; es erklingt hier in der Fassung für Sopran von Felix Mendelssohn Bartholdy. Christine Schäfer singt diese Arie sehr schlicht und ohne Opern-Attitüde. So wird sie zum krönenden Abschluss, wie vorgesehen. Bach liegt der Sopranistin ansonsten offenkundig wenig, und in der Höhe wirkt ihre Stimme angestrengt, eng und schrill.
Der Bariton Matthias Goerne hingegen verfügt in der mittleren und hohen Lage über ein berückendes, samtweiches Timbre. In aus- gesprochenen Bass-Partien hingegen kann er mich nicht überzeugen; so gerät die Arie Gebt mir meinen Jesum wieder, mit der der Judas der Matthäuspassion seinen Handel zurücknehmen möchte, ziemlich beliebig. Sein Ja, ja, ich halte Jesum feste aus der Kantate Ich lasse dich nicht BWV 157 hingegen - begleitet von einem durchaus vergnügten Zwiegespräch zwischen Traversflöte (Henrik Wiese) und Violine - gehört ohne Zweifel zu den stärksten Stücken dieser CD.
Hilary Hahn musiziert als Prima inter pares mit dem Münchner Kammerorchester unter Alexander Liebreich - schwungvoll, energisch und gut durchdacht. Das ist alles sehr solide und wird sein Publikum finden; aber unterm Strich ist es keine CD, die durchweg begeistert.