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Mittwoch, 8. September 2021

Leclair: Trio Sonatas Op. 4 (Audax)

 

Auf dieser CD wagt sich das Ensemble Diderot an ein Spitzenwerk der französischen Kammermusik des 18. Jahrhunderts: Johannes Pramsohler und Roldán Bernabé, Violine, Gulrim Choï, Violoncello, und Philippe Grisvard, Cembalo, spielen die Triosonaten op. 4 von Jean-Marie Leclair (1697 bis 1764). 

Hört man sich die ersten Aufnahmen des Ensembles an, und vergleicht sie mit dieser, so wird deutlich, welch enorme Entwicklung die Musiker genommen haben. 

Die Beschäftigung mit der Geschichte der Triosonate, und mit wichtigen Kompositionen dieses Genres, trägt hier nun wunderbare Früchte. Das Ensemble Diderot gestaltet Leclairs Sonaten als perfekte Mixtur aus italienischen und französischen Stilelementen – mitunter vermeint man fast, Corelli zu hören; doch dann sind da diese Verzierungen, zu hundert Prozent französisch, und diese alles überstrahlende Eleganz. Hinreißend! 


Dienstag, 29. Dezember 2020

Leclair: Concerti per Violino (Glossa)


 Jean-Marie Leclair (1697 bis 1764) gilt als Gründer der französischen Violinschule. Wie kaum ein anderer wusste er italienische Virtuosität mit kantablem Spiel und dem Streben nach schönem Ton, ganz nach französischem Geschmack, zu verbinden. Über den Lebensweg des Musikers, der eigentlich Korbmacher hätte werden sollen, wurde in diesem Blog bereits an anderer Stelle berichtet. Als Geiger muss er ein Ereignis gewesen sein; in seinen Werken lässt sich noch heute nachvollziehen, dass er über eine exzellente Technik verfügte. 

Auf dieser CD mit dem La Cetra Barockorchester Basel stellt sich Leila Schayegh den spieltechnischen Herausforderungen in den Konzerten Leclairs. Die Schweizer Barockgeigerin beeindruckt durch ihre ebenso temperamentvolle wie klangschöne Interpretation. Mit ihrer Einspielung, die inzwischen in einer weiteren CD eine Fortsetzung fand, zeigt Leila Schayegh, wie reizvoll und hörenswert doch Leclairs Violinkonzerte sind. Musiziert wird mit fundiertem historischen Wissen ebenso wie mit Spielfreude und einer gehörigen Portion Eleganz. Bravi!

Sonntag, 3. November 2019

Sonatas for two violins (Audax)

Zwei Geigen sind fast schon ein Orchester – den Bass jedenfalls vermisst man nicht bei den virtuosen Musikstücken, die Johannes Pramsohler und Roldán Bernabé auf dieser CD vorstellen. Das Programm führt uns in das 18. Jahrhundert, nach Frankreich, und das meinte damals: Paris. Wer es als Musiker zu etwas bringen wollte, den zog es in die Hauptstadt – und hervorragende Geiger scheint es damals etliche gegeben zu haben. 
Pramsohler und Bernabé haben aus einem umfangreichen Bestand an Kompositionen à deux violons sans basse eine spektakuläre Auswahl zusammengestellt. Sie spielen Musik von Louis-Gabriel Guillemain (1705 bis 1770), Jean-Pierre Guignon (1702 bis 1774), Jean-Marie Leclair (1697 bis 1764) und Étienne Mangean (um 1710 bis vermutlich 1756), die sehr zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist. 
Diese Stücke bezaubern durch Eleganz und Charme, sie bieten den beiden Solisten aber auch hinreichend Gelegenheit, ihre Virtuosität unter Beweis zu stellen. Denn technisch sind diese Kompositionen höchst anspruchsvoll, die Herausforderungen sind enorm. Und zwar für jeden der beiden Duo-Partner. „Die Rollenverteilung ist in den meisten Werken dieselbe“, schreibt Pramsohler: „Beide Geiger sind gleichberechtigt. Jeder ,darf' mal Melodie und jeder ,muss' mal Bass machen. Oft – vor allem beim französischen Meister des Kontrapunkts Leclair – sind die Stimmen auf so intelligente Weise ineinander verflochten, dass man als Zuhörer Mühe hat, die beiden Spieler auseinanderzuhalten.“ 
Das Ergebnis aber ist hinreißend: „Man glaubt es kaum, wieviel Klang ohne ein Bassinstrument entstehen kann“, stellt Johannes Pramsohler fest – und der Zuhörer wird zudem staunend feststellen, wie abwechslungs- reich man auf zwei Geigen musizieren kann. C'est très magnifique – bravi!

Sonntag, 29. Dezember 2013

Johannes Pramsohler (Audax)

Der Geiger Johannes Pramsohler hat Mut: „Eigenes Label – eigene Gedanken“, überschreibt er den Kommentar zu seiner ersten ganz eigenen CD. „Audax startet mit einem großen Violin-Recital verschiedener Komponisten, ein Mischprogramm, für das im CD-Handel eigentlich kein Schubfach existiert“, meint der Musiker. „Und niemand ist als Drehachse für ein barockes Violinprogramm besser geeignet als Arcangelo Corelli, dessen 300. Todestag wir dieses Jahr begehen. Selbstbewusst wählte der römische Stargeiger den ersten Tag des 18. Jahrhunderts für sein Opus V – und damit begann mit dem neuen Säkulum auch eine neue Ära für die Violinmusik.“ 
Corellis Werke verbreiteten sich rasch in ganz Europa. Und sie inspirierten eine ganze Generation von Musikern und Musikfreunden. Pramsohler zeigt an vier Beispielen, wie sie sich die Sonaten von Corelli aneigneten. Georg Philipp Telemann beispielsweise studierte „seinen“ Corelli gründlich – aber er hütete sich, ihn nachzuäffen. Jean-Marie Leclair war ein Schüler von Giovanni Battista Somis, der wiederum bei Corelli gelernt hatte. Er integrierte italienische Manier in die französische Violintradition. 
Georg Friedrich Händel war mit Corelli persönlich bekannt; in England hielt sich die „Corelli-Manie“ übrigens besonders lange. Giovanni Henrico Albicastro – Johann Heinrich van Weissenburg – hatte zumindest zeitweise denselben Musikverleger wie Corelli; über seinen Lebensweg ist nicht viel bekannt, aber er scheint im besten Mannesalter den Geigenbogen gegen den Säbel eingetauscht zu haben. 
Pramsohler musiziert gemeinsam mit dem Cembalisten Philippe Grisvard schwungvoll, ungestüm, mitunter beinahe ruppig. Er spielt eine Geige von Pietro Giacomo Rogeri aus dem Jahre 1713, die er vor einigen Jahren von Reinhard Goebel übernommen hat. Goebel hat zu dieser CD auch einen launigen Text im Beiheft beigesteuert, in dem er sich zur Geschichte der Violinsonate im Allgemeinen und zum Violin-Recital im Speziellen äußert. 

Sonntag, 11. August 2013

Leclair: Violin Concertos Op. 7 (Ramée)

Der Lebensweg von Jean-Marie Leclair (1697 bis 1764) ist keineswegs so geradlinig, wie man dies bei einem Musiker, der bereits zu Lebzeiten derart bewundert und verehrt wurde, erwarten würde. Leclair war der Sohn eines Korb- machers aus Lyon. Er erlernte also ebenfalls dieses Handwerk – und dazu erhielt er Unterricht im Tanzen und im Violinspiel. Sein Vater, der auf der Viola da gamba hervorragend musiziert haben soll, hielt die Kinder offenbar zum Üben an, denn es gelang schließlich nicht nur Leclair, sondern auch einigen seiner Geschwister, ihren Lebensunterhalt als Musiker zu verdienen. 
Leclair begann seine Karriere als Tänzer und Ballettmeister. In Turin begegnete er Giovanni Battista Somis, einem Schüler Corellis. Es wird vermutet, dass Somis Leclair geraten haben könnte, die Endlichkeit einer Tänzerkarriere zu bedenken – und für die Zukunft auf die Violine zu setzen. Bekannt ist, dass Leclair in Paris bei dem Organisten und Cembalisten André Chéron Unterricht in Harmonielehre und Kontrapunkt genommen hat. 
Leclair war als Konzertviolinist wie als Komponist sehr erfolgreich. Er trat in den Concerts spirituels auf, und reiste durch Europa. Zeitge- nossen priesen sein technisch hervorragendes Geigenspiel ebenso wie seine erlesene Harmonik und seine kunstvolle Satztechnik. Auf dieser CD stellt Luis Otavio Santos gemeinsam mit dem Ensemble Les Muffati alle Violinkonzerte op. 7 (1737) vor, die tatsächlich für Violine geschrieben worden sind - Konzert Nummer drei, so wird vermutet, war wohl für Flöte bestimmt. 
Kurios erscheint, dass diese Konzerte durchweg und ausgesprochen perfekt den italienischen Stil imitieren. Sie klingen nach Corelli, und nicht nach Lully – wer es nicht weiß, der käme kaum auf die Idee, dass diese Konzerte ein Franzose komponiert haben könnte. Santos musiziert mit dem kleinen Ensemble zusammen temperamentvoll, das klingt alles sehr frisch und voll Leidenschaft. Und die Aufnahme ist so gelungen und so authentisch, wie man das von den Produk- tionen des Labels Ramée gewohnt ist. Bravi! 

Sonntag, 3. Oktober 2010

Fiery and sublime - The Sources of Quantz's Inspiration (MDG)

"Denn eine Musik, welche nicht in einem einzelnen Lande, oder in einer einzelnen Provinz, oder nur von dieser oder jener Nation allein, sondern von vielen Völkern angenommen und für gut erkannt wird (...) muss, wenn sie sich anders auf die Vernunft und eine gesunde Empfindung gründet, außer allem Streite die beste seyn", schrieb Johann Joachim Quantz  (1697 bis 1773) 1752 in seinem Versuch einer Anweisung die Flöte traversière zu spielen
Quantz, Sohn eines Hufschmieds und früh verwaist, wuchs bei einem Onkel auf, der Stadtmusikus in Merseburg war. Er wurde zum Stadt- pfeifer ausgebildet, und erlernte dabei, wie üblich, eine Vielzahl von Instrumenten - von der Violine über die Trompete und ihre Verwand- ten bis hin zu  Blockflöte, Fagott und Kontrabass. Nach einer ersten Anstellung 1716 in der Stadtkapelle Dresden begann Quantz seine Karriere als Oboist am Hofe Augusts II. 
Doch schon bald wechselte er das Instrument: Quantz nahm Quer- flötenunterricht bei dem französischen Virtuosen Pierre-Gabriel Buffardin, und er begann zu komponieren. Reisen erweiterten seinen Horizont. Dabei ging er zunächst nach Italien, wo er bei Francesco Gasparini, dem Konzertmeister des Lateran in Rom, Kontrapunkt studierte, und auch sonst eine Menge Anregungen erfuhr. So begeg- nete er Alessandro Scarlatti, lernte den Kastraten Farinelli kennen und hörte in Venedig Vivaldi. Seine Bildungsreise führte Quantz weiter nach Frankreich, in die Niederlande und nach London; Georg Friedrich Händel riet dem jungen Musiker, in England zu bleiben. 
Doch dieser kehrte nach Sachsen zurück.  1728, nunmehr als Flötist am Dresdner Hof, lernte er Kronprinz Friedrich von Preußen kennen, der bei ihm Flötenunterricht nahm. Nachdem Friedrich König ge- worden war, wurde Quantz 1741 sein Kammermusikus und Hof- komponist. Und das blieb er, bis zu seinem Tode. 
Unter dem Motto "Regelmäßig, feurig und erhaben" - so beschrieb der Nachruf das Flötenspiel des Virtuosen - präsentiert das Ensemble La Ricordanza zwei Werke des Wahlberliners, nebst vier sehr passen- den Stücken von Zeitgenossen. Dass dies die Quellen Quantz'scher Kreativität gewesen sein sollen, das darf getrost bezweifelt werden.  Dennoch ist die Zusammenstellung erlesen; insbesondere die Welt- ersteinspielung von Quantz' Concerto à 5 in D-Dur QV 5:45 ist eine Überraschung. Es folgt die Sonate en Trio op. 2 Nr. 8 für Blockflöte, Viola und Basso continuo von Jean-Marie Leclair. 
Carl Philipp Emanuel Bach war zunächst Cembalist, dann Kammer- musikus am Hofe Friedrichs des Großen.1768 wurde er Telemanns Nachfolger als städtischer Musikdirektor und Kantor in Hamburg. Wie sehr ihn Quantz beeinflusst hat, das sieht man auch daran, dass er 1753 ein Buch mit dem Titel Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen publiziert hat. Aus dem Schaffen des "Berliner"/"Hambur- ger" Bachs wurde für diese CD die Triosonate Wq. 146 in A-Dur für Flöte, Violine und Basso continuo ausgewählt - ein galantes Stück mit Seufzerfiguren im langsamen Mittelsatz. 
Johann Gottlieb Graun gehörte schon in Ruppin zu den Musikern um Kronprinz Friedrich. Eine Oper seines Bruders Carl Heinrich erklang anlässlich der Verheiratung Friedrichs mit Elisabeth Christine von Braunschweig-Bevern. Nach seiner Krönung wurden die Brüder Konzertmeister bzw. Kapellmeister der Berliner Oper. Unterhaltsam ist Grauns Konzert in F-Dur für Blockflöte, zwei Violinen und Basso continuo zu nennen, das ebenfalls für die vorliegende CD eingespielt wurde. 
Es folgt eine Triosonate für Blockflöte und Traversflöte in C-Dur QV 2:Anh. 3 - eines von wenigen Werken, das beide Flötenarten zugleich erklingen lässt, und dabei jeweils ihre Stärken herausstellt. Die Blockflöte dominiert mit ihrem klaren, aber ziemlich eintönigen Klang die schnellen Sätze. Die Traversflöte hingegen mit ihren überlegenen klanglichen Gestaltungsmöglichkeiten kommt besonders in den lang- samen  Sätzen  zur Geltung. Musikwissenschaftler streiten darüber, ob dieses charmante Werk tatsächlich von Quantz stammt, der für Block- flöte kaum etwas geschrieben hat - oder ob nicht doch Telemann der Komponist war.
Von Michel Blavet hingegen ist nur ein einziges Flötenkonzert über- liefert - das Concerto à 4 in a-Moll für Traversflöte, zwei Violinen und Basso continuo. Quantz erlebte den Flötisten auf seiner Grand Tour in Paris, und lobte ihn als einen der führenden Virtuosen seiner Zeit. Witzigerweise enthält das Stück lediglich in seinem zweiten Satz, einer Gavotte, eine Reverenz an den französischen Stil, folgt aber anson- sten den italienischen Vorbildern - und überrascht mit atemberau- benden Kadenzen. 
Brian Berryman, Traversflöte, stand für diese Aufnahmen eine exzellente Quantz-Flöte zur Verfügung. So darf man sich über ein ausgewogenes, ziemlich originalgetreues Klangbild freuen, denn auch die anderen Mitglieder von La Ricordanza sind ausgewiesene Barock- experten - allen voran Annette Berryman, Blockflöte, aber auch Christoph Heidemann und Katharina Huche-Kohn, Violine, Bettina Ihrig, Viola, Dorothée Palm, Violoncello, Barbara Hofmann, Gambe und Zvi Meniker, Cembalo.



Dienstag, 30. März 2010

Sviatoslav Richter plays Franz Schubert / Oistrakh plays Beethoven, Leclair, Paganini (Idis)

Entdeckungen im Archiv: Hier sind zwei CD mit schönen alten Aufnah- men der russischen Ausnahme- musiker Swjatoslaw Teofilowitsch Richter und David Fjodorowitsch Oistrach. Aus dem Beiheft erfährt man wenigstens, wann und wo sie entstanden sind - und das wars auch schon. 
Richter spielt die Schubert-Sona- ten  in c-Moll D 958 (Budapest, 1958) und in a-Moll D 845 (Moskau, 1957) erstaunlich ver- halten-poetisch; eigentlich ist man ein kraftvolles bis romantisches Spiel von ihm gewohnt. 
Die Aufnahme des Beethoven-Violinkonzertes D-Dur op. 61 mit David Oistrach stammt aus dem Jahre 1960; er musiziert hier mit dem Orchestra Sinfonica di Milano della RAI unter Vittorio Gui. Außerdem enthält die CD Sonaten von Leclair, Locatelli und Paganini, aufge- zeichnet im Studio 1955 bzw. 1951, jeweils mit Wladimir Jampolski am Klavier. Diese Aufnahmen sind nicht Oistrachs "Best of", aber sie zeigen doch den typischen Oistrach-Ton - schlank, aber zugleich voll Wärme - und seine brillante Technik, die jedoch niemals Selbstzweck war. Ein faszinierendes Dokument, das Sammler erfreuen wird.