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Mittwoch, 22. Januar 2020

Variety - The Art of Variation (Deutsche Harmonia Mundi)

Das Chamäleon ist, bedenkt man es recht, ein perfektes Wappentier für die Barockmusik. Denn wann immer man es anschaut, es erscheint immer wieder neu und irgendwie anders. Es passt sich seinem Untergrund an – was beispielsweise hätte uns Bach hinterlassen, wenn er nicht Thomaskantor in Leipzig geworden wäre? Und was wäre geschehen, wenn Händel nicht nach London gegangen wäre, sondern beispielsweise eine Anstellung als Hofkapellmeister in Dresden akzeptiert hätte? 
Auch die barocken Kompositionen geben den Interpreten meist großen Freiraum. Wie sie korrekt aufzuführen sind, darum wurden heftige Debatten geführt, und jede Menge Aufsätze publiziert. 
Mittlerweile dürfte klar sein: Die eine unverrückbar „richtige“ Interpretation wird wohl ein Phantom bleiben. Jede Aufführung klingt anders, und das ist auch gut so. Das Chamäleon darf weiter die Farbe wechseln. Und wir Musikliebhaber erfreuen uns an Kompositionen, die anspruchsvoll sind, aber nicht unzugänglich, die herausfordernd und abwechslungsreich sind, und dazu vergnüglich anzuhören. 
Barockmusik, in ihren vielen höchst unterschiedlichen Facetten, bereitet noch immer den Interpreten und dem Publikum gleichermaßen Freude. Das gilt auch für das jüngste Album des Ensembles Les Passions de l’Ame aus Bern. Das Orchester für „Alte“ Musik um Konzertmeisterin Meret Lüthi präsentiert Werke der Komponisten Heinrich Ignaz Franz Biber (1644 bis 1704), Johann Joseph Fux (1660 bis 1741) und Johann Heinrich Schmelzer (um 1623 bis 1680). 
Zentrales Thema des Programmes ist die Variation, nicht nur in der Barockzeit ein beliebtes Kompositionsverfahren. Die ausgewählten Musikstücke bieten den Musikern vielerlei Möglichkeiten, ihre Virtuosität zu zeigen – und sie sind auch für die Zuhörer höchst attraktiv. Denn sie begeistern durch ihren enormen musikalischen Einfallsreichtum ebenso wie durch spektakuläre Spieltechniken und Show-Effekte. Die Instrumentalisten von Les Passions de l’Ame überzeugen durch Spielfreude und Ausdrucksstärke. Wunderbar, diese Aufnahme hört man sich wirklich gern an. 

Montag, 30. Dezember 2019

Biber: Fidicinium Sacro-Profanum (Accent)

Sechs Sonaten für fünf Stimmen, zwei Violinen, zwei Violen und Basso continuo, und sechs Sonaten für – eigentlich – zwei Violinen, Viola und Bass – was das 1682 in Salzburg gedruckte Fidicinium Sacro-Profanum von Heinrich Ignaz Franz Biber (1644 bis 1704) so besonders macht, das erschließt sich erst auf den zweiten Blick, oder aber beim Zuhören. Dazu sei an dieser Stelle eine neue Einspielung empfohlen, die diese Sonatensammlung mit ihren raffinierten motivischen Korrespondenzen aufs Beste zur Geltung bringt. Florian Deuter, Mónica Waisman und ihre Musikerkollegen vom Ensemble Harmonie Universelle erweisen sich als kongeniale Interpreten dieser noch immer viel zu selten aufgeführten Werke. Und mit der Toccata Duodecima aus Georg Muffats Apparatus musico-organisticus verweist Francesco Corti auch auf die klangschöne Orgel der Kirche St. Leodegar in Niederehe, wo diese Aufnahme entstanden ist. Sie wurde 1714/15 durch Balthasar König aus Münstereifel erbaut. 

Montag, 9. Dezember 2019

Ludwig Güttler - Europa cantat (Berlin Classics)

Wenn die Trompeten und Pauken der Herrscher gemeinsam mit den Oboen der Hirten musizieren, dann ist wieder einmal Weihnachten. Das Fest verbindet Himmel und Erde, Arme und Reiche, und Menschen aus der ganzen Welt. Ludwig Güttler war es deshalb ein Anliegen, auf eine Tradition europäischer Musik hinzuweisen, die man aus heutiger Sicht oftmals vergisst: Musik überschreitet Grenzen. Und Musiker in Europa haben schon immer über Grenzen geschaut. 
Flämische Musiker inspirierten Italiener, deutsche Musiker lernten in Italien, Musiker aus Böhmen waren nicht nur in Österreich sehr begehrt, und der französische Hof bot mit seiner Pracht und seinem Sonnenkönig ein Vorbild, das europaweit vielfach kopiert wurde. Händel stammte aus Halle an der Saale, er war schon in Italien erfolgreich, und er ging schließlich nach England. Hasse stammte aus Bergedorf bei Hamburg; in Italien wurde er – nach heutigen Maßstäben – zum Star, und er wirkte schließlich in Dresden. 
Bachs weiteste Reise ging nach Lübeck. Doch in seiner Musik griff er, ebenso wie sein Kollege Telemann und viele andere, Anregungen aus Italien ebenso auf wie die neuesten Trends aus Frankreich. Denn nicht nur Musiker reisten von Rom bis nach St. Petersburg, von Stockholm bis Madrid und von Wien bis London quer durch Europa. Auch Noten wurden eifrig studiert, kopiert und weitergegeben. 
„Europa cantat“, überschrieb Ludwig Güttler seine neuen CD, Europa singt. Und das prägt auch die Musikauswahl: „Mir war es wichtig, Komponisten zu versammeln, die den Europagedanken zum Ausdruck bringen, sei es in ihrer Herkunft, ihrer Ausbildung, den Reisen und Umzügen nach unterschiedlichen Wirkungsorten“, sagt Güttler. Und so fasst der Trompeter und Dirigent auf dieser CD barocke Weihnachtsmusiken aus verschiedenen Regionen Europas zusammen, die verdeutlichen, wie gut doch seinerzeit der kulturelle Austausch europaweit funktionierte. 
Werke namhafter Komponisten wie Bach, Händel und Telemann stehen dabei neben denen weniger bekannter Musiker, wie Pietro Torri, Pavel Josef Vejvanovský oder William Brade. Im Laufe seiner langen Musiker- karriere hat Güttler etliche davon in Archiven wiederentdeckt und mit seinen Ensembles aufgeführt. Dort sind aber auch weiterhin Schätze zu heben, meint der Musiker: „Der Fundus an Meisterwerken ist riesig“, unterstreicht Güttler. „Wir dürfen heute mit unseren Taschenlampen Lichtkegel darauf richten.“ 

Dienstag, 4. Dezember 2018

German Cantatas (Audax)

Die alten deutschen Kantaten sind derzeit offenbar groß in Mode. Nun hat auch Johannes Pramsohler mit seinem Ensemble Diderot eine Auswahl dieser beeindruckenden Werke eingespielt, wobei der Geiger natürlich vor allem auch Kantaten mit virtuoser Solovioline herausgesucht hat. 
Und mit der Tenorkantate Ich will in aller Not auf meinen Jesum schauen von Daniel Eberlin (1647 bis nach 1692) enthält diese CD sogar eine Weltersteinspielung – was erstaunt, denn dieses Opus bietet, urteilte Hans Joachim Moser, Herausgeber der Neuedition in der Reihe Das Erbe deutscher Musik, das anspruchsvollste Violinsolo jener Zeit überhaupt. Eberlin wirkte einige Jahre als Kapell- meister in Eisenach und in Kassel. 
In Eisenach musizierten seinerzeit auch der Geiger Johann Ambrosius Bach, der Vater von Johann Sebastian, sowie Johann Pachelbel (1653 bis 1706), auf dieser CD vertreten mit den Kantaten Christ ist erstanden und Ach Herr, wie ist meiner Feinde soviel. Johann Ambrosius' Schwager Johann Christoph Bach (1642 bis 1703) war Organist in Eisenach, und spielte zudem als Cembalist in der Hofkapelle. Von ihm sind einige Kompositionen überliefert; auf dieser CD erklingen Wie bist du denn, o Gott, in Zorn auf mich entbrannt und Ach dass ich Wassers gnug hätte, zwei effektvolle Lamenti. 
Komplettiert wird diese Kollektion protestantischer Kantaten durch das höchst anspruchsvolle Concerto Mein Hertz ist bereit von Nicolaus Bruhns (1665 bis 1697). Er stammte aus einer schleswig-holsteinischen Musiker- dynastie, war ein Schüler Buxtehudes und wirkte in Husum; leider starb er sehr jung. Bruhns muss ein exzellenter Organist ebenso wie ein heraus- ragender Geiger gewesen sein. Und der Bassist, für den er komponierte, war ebenfalls ein erstklassiger Sänger; wer Bruhns' Werke singen will, dem jedenfalls wird einiges abverlangt. 
Nahuel Di Pierro singt mit einem wohlklingenden, samtigen und vor allem auch tiefen Bass. Zu hören sind außerdem die kanadische Mezzosoprani- stin Andrea Hill, der spanische Tenor Jorge Navarro Purves und der britische Bariton Christopher Purves. Bei dieser Einspielung zeigt sich allerdings wieder einmal, dass die alten Musikstücke mit ihrem rhetorischen Gestus durch Nicht-Muttersprachler nur schwer vorzutragen sind. Eindringlichkeit und starken Ausdruck, wie sie für diese klingenden Predigten notwendig sind, vermisst man bei dieser CD ein wenig. Aber dafür kann sich der Hörer auch bei den beiden Kantaten von Heinrich Ignaz Franz Biber (1644 bis 1704), der für die süddeutsch-katholische Kirchenmusik dieser Zeit steht, am hinreißend schönen Geigenspiel von Johannes Pramsohler erfreuen. 

Mittwoch, 20. Dezember 2017

Royal Christmas - Joy to the world (K&K)

„Authentic Classical Concerts zu veröffentlichen, heisst für uns, herausragende Aufführungen und Konzerte für die Nachwelt festzuhalten und zu vermitteln“, erläutern Andreas Otto Grimminger und Josef-Stefan Kindler im Beiheft zu dieser CD die Absichten ihres Labels K&K: „Denn Künstler, Publikum Werk und Raum treten in einen intimen Dialog, der in Form und Ausdruck – in seiner Atmosphäre – einmalig und unwiderbringlich ist. Diese Symbiose, die Spannung der Aufführung dem Hörer in all ihren Facetten möglichst intensiv erlebbar zu machen, indem wir die Konzerte direkt in Stereo-Digital HD aufzeichnen, sehen wir als Ziel, als Philosophie unseres Hauses.“ 
„Royal Christmas – Joy to the World“ lautet das Motto eines solchen Konzertes, das am 14. Dezember 2014 in der Schlosskirche Bad Homburg stattgefunden hat. In diesem wunderbaren Raum haben vier Musiker des Ensembles Nel Dolce weihnachtliche Musik vorgestellt, wie sie in London zur Zeit des Hochbarock vor der königlichen Familie hätte erklingen können. 
Ausgewählt wurden dafür fast durchweg Stücke von Musikern, die entweder in England lebten, oder aber aus anderen Ländern Europas nach London gingen, um dort zumindest zeitweise zu wirken. Zu hören sind unter anderem Werke von Henry Purcell, Georg Friedrich Händel und seinem Rivalen Nicola Antonio Porpora, John Dowland und, natürlich, Arcangelo Corelli. Heinrich Ignaz Franz Biber von Bibern allerdings war nie in London – was aber seine Sonate Die Geburt Christi aus den Mysteriensonaten nicht weniger hörenswert macht. 
Stephanie Buyken, Blockflöten und Gesang, Olga Piskorz, Violine, Harm Meiners, Violoncello und Flora Fabri musizieren inspiriert und perfekt aufeinander abgestimmt. Die Mitglieder des 2003 gegründeten Barockensembles Nel Dolce haben gemeinsam Kammermusik an der Hochschule für Musik und Tanz Köln studiert, und danach diverse Meisterkurse bei Spezialisten für „Alte“ Musik absolviert. Sie haben sich insbesondere der Musik des 17. und 18. Jahrhunderts verschrieben. 

Samstag, 4. Februar 2017

Biber: Missa Alleluja (Accent)

Warum sich Gunar Letzbor mit sei- nem Ensemble Ars Antiqua Austria immer wieder der Musik von Heinrich Ignaz Franz Biber (1644 bis 1704) zuwendet, das erklärt der Geiger im Beiheft zu dieser CD – kurz und bündig: „Ein Genie, dessen Lebens- geschichte noch größtenteils unerforscht ist, ein Violinvirtuose, der die Technik des Geigenspiels in Österreich auf eine unglaublich hohe Entwicklungsstufe emporgehoben hat, ein Mensch mit unglaublicher Fantasiefähigkeit und Mut zur Abstraktion.“ 
Biber wirkte erst in Kremsier und dann in Salzburg in der bischöflichen Hofkapelle. Über seinen Lebensweg wurde in diesem Blog bereits mehrfach berichtet; wer sich dafür interessiert, der findet die entsprechenden Texte am schnellsten durch Klicken auf das Schlagwort „Biber“. Auf der vorlie- genden CD kombiniert Letzbor einmal mehr Vokalmusik des Komponisten mit einem seiner hinreißenden Werke für die Geige. 
Das Glanzstück dieser Einspielung ist, ohne Zweifel, die Missa Alleluja a 36 voci, eine groß besetzte Messe, mehrchörig und ausgesprochen pracht- voll, mit Pauken und Trompeten. Warum allerdings die Sängerbesetzung auf die Hälfte reduziert wurde, das ist mir ein Rätsel – Biber schreibt ausdrücklich 8 voci concerti, 8 voci ripieni, hier sind aber insgesamt nur neun Vokalisten zugange, die gegen die Instrumentalchöre oftmals leider etwas schwächlich klingen. 
Zu loben sind allerdings die drei Sopranisten; Josef Pascal Auer, Simon Paul Bernhard und Daniel Mandl von den St. Florianer Sängerknaben können mit ihren strahlenden Knabenstimmen überzeugen. Alois Mühlbacher, der vor dem Stimmbruch mehrere Solo-CD mit teilweise abenteuerlichem Repertoire veröffentlicht hat – was er aber grandios bewältigte, unterstützt durch Chorleiter Franz Farnberger – ist nunmehr offensichtlich ins Countertenor-Fach gewechselt. Gemeinsam mit Markus Forster singt Mühlbacher Altus. Dazu gesellen sich die Tenöre Markus Miesenberger und Bernd Lambauer sowie Gerhard Kenda und Ulfried Staber, Bass. Es musiziert das Ensemble Ars Antiqua Austria, diesmal gleich mit zwei Orgelpositiven sowie mit einer ebenso brillanten wie kopfstarken Bläsergruppe. Sechs (!) Trompeten, drei Posaunen und zwei Zinke – das ist wirklich eine Luxusbesetzung; die Sänger haben aber leider ihre Not, sich gegen die beiden Bläserchöre zu behaupten. 
Die beiden wundervollen Solokantaten Nisi Dominus und Hic est panis singt Gerhard Kenda, und man freut sich, endlich einmal wieder einen richtigen Bass zu hören; im Dialog mit Letzbors Violine sowie mit Erich Traxler, Orgel und beim Nisi Dominus auch mit Hubert Hoffmann, Theorbe. Eine Pastorella Bibers, von Letzbor aufgespürt in den legendären Notenbeständen des Wiener Minoritenklosters, führt den Zuhörer zudem direkt in das Weihnachtsgeschehen. Wir erleben, wie der Engel seine Botschaft verkündet, und wir treten mit den Hirten zur Krippe, die die Geburt Jesu ausgelassen feiern – natürlich vor dem Stall; das Kind soll ja nicht erschrecken.

Montag, 25. Juli 2016

Muffat: Missa in labore requies (Audite)

Die Klosterkirche St. Martin der ehemaligen Benediktinerabtei Muri, gelegen im Kanton Aargau, ist ein ganz besonderer Raum. Es handelt sich dabei um ein barockes Oktogon, errichtet in den Jahren 1694 bis 1697 nach den Plänen des Baumeisters Giovanni Battista Bettini – noch heute der größte Kuppelzentralbau der Schweiz. 
Mit ihren vier Musizier-Emporen lädt diese Kirche zur Aufführung mehrchöriger Musik geradezu ein. Dazu kommt, dass das ehemalige Hauskloster der Habsburger im 18. Jahrhundert nicht nur mit Altären, Stuck, Schnitzwerk und Ausmalungen üppig ausgestattet wurde, sondern auch über fünf Orgeln verfügt. Zwei davon, die Epistel- und die Evangelienorgel, 1743 erbaut von Joseph und Viktor Ferdinand Bossart, und dazu drei Truhenorgeln, sind auf dieser CD zu hören. 
Die Cappella Murensis, gegründet 2002 durch den Kirchenmusiker Johan- nes Strobl, hat den Raum genutzt, um die Missa In labore requies von Georg Muffat (1653 bis 1704) aufzuführen – eine Komposition mit 24 (!) Stimmen in fünf Chören. Die Partitur dieser Rarität befand sich zunächst im Besitz Joseph Haydns; heute ist sie ein Bestandteil der Musikalien- sammlung der Fürsten Esterházy und wird in der Széchényi-National- bibliothek in Budapest aufbewahrt. In welcher Weise die Sänger und Musiker dabei im Kirchenraum positioniert worden sind, das wurde mit einigem Aufwand im Beiheft zu dieser CD dokumentiert. 
Außerdem erklingen groß besetzte Kirchensonaten von Antonio Bertali (1605 bis 1669), Heinrich Ignaz Franz Biber (1644 bis 1704) und Johann Heinrich Schmelzer (um 1623 bis 1680). Das Label Audite hat dieses musikalische Ereignis aufgezeichnet – angesichts der Raumsituation kein einfaches Unterfangen, wie auch das gemeinsame Musizieren derart ver- teilter Ensembles nicht ganz unkompliziert ist. Der Zuhörer aber hat den akustischen Eindruck, mitten im Kirchenraum zu sitzen. Dieses Klang- erlebnis sollte man sich nicht entgehen lassen, zumal sowohl die Sänger der (professionellen) Cappella Murensis als auch die Mitwirkenden vom Trompetenconsort Innsbruck und Les Cornets Noirs sehr hörenswert musizieren. 

Dienstag, 5. Juli 2016

Accordato - Habsburg violin music ex Vienna (Pan Classics)

Die Handschrift XIV 726 des Wiener Minoritenkonvents enthält zahlreiche erlesene Musikstücke für die Violine. Damit zählt sie zu den bedeutendsten Quellen österreichischer Barock- musik. „Ein besonderes Merkmal aller im Konvolut vereinigten Sonaten ist die Forcierung des virtuosen Elements“, schreibt Gunar Letzbor, und sinniert: „Wer hat sich wohl die Arbeit gemacht, über hundert Sonaten mit der Hand zu Papier zu bringen, wenn nicht ein Geiger, der diese Sonaten selbst musizieren konnte? Es muss ein sehr guter Violinist gewesen sein, sonst hätte er nicht gerade diese anspruchs- volle Musik notiert.“ 
Letzbor hat mit seinem Ensemble Ars Antiqua Austria bereits zwei CD mit Werken aus dieser Handschrift veröfffentlicht. Eines dieser Programme widmete er anonym überlieferter Musik, das andere Stücken speziell für skordierte, umgestimmte, Violine. Im dritten Teil, zum Abschluss dieser Serie, spielt er Sonaten von Rupert Ignaz Mayr, Bonaventura Viviani, Antonio Bertali, Johann Caspar Teubner, Johann Heinrich Schmelzer und Heinrich Ignaz Franz Biber. 
Die Einspielung ist erneut hörenswert, zumal die meisten Stücke bislang anderweitig noch nicht zugänglich sind. Auf die zukünftigen Entdeckun- gen dieses Ensembles darf man gespannt bleiben. 

Samstag, 31. Oktober 2015

Tierisch Barock (Tyxart)

Immer wieder gern gehört: Barockmusik, die Tierstimmen kunstvoll imitiert. Ähnlich wie in der Malerei, wo Stillleben in Mode kamen, die dem kundigen Auge wesentlich mehr boten als nur ein Abbild geschickt arrangierter Dinge, nutzten auch Komponisten die tierischen Lautäußerungen höchst doppelbödig. Zum einen ermöglichen sie virtuose Stücke, mitunter auch äußerst komische. Zum anderen führten aber auch die Tiere oftmals eine Doppelexistenz in einer mythischen Welt, die sich uns heute nur dann erschließt, wenn wir uns intensiv mit jener Zeit und ihren Ideen beschäftigen. 
Das muss man aber nicht; man kann die Musikstücke auch einfach genießen. Nel Dolce – Das Kölner Barockensemble hat dafür eine Auswahl repräsentativer barocker Werke zusammengestellt und bei Tyxart eingespielt. Sie reichen von Tarquinio Merula (1595 bis 1665) über Heinrich Ignaz Franz Biber (1644 bis 1704), der eine ganze Sonata quasi in den Lustgarten verlegt, bis hin zur Katzenfuge von Domenico Scarlatti (1685 bis 1757). Zu hören sind beispielsweise Nachtigall, Kuckuck und Distelfink, diverse Hühner und Hähne sowie ein frecher Frosch. Stephanie Buyken, Blockflöte, Olga Piskorz, Violine, Harm Meiners, Violoncello und Luca Quintavalle, Cembalo, werden dabei klangvoll unterstützt durch Philipp Wagner, Blockflöte und Oboe. Und wer schon immer wissen wollte, wie man auch eine Schildkröte, einen Pelikan oder aber ein lahmes Pferdchen mit musikalischen Mitteln schildern kann, der sollte sich diese CD nicht entgehen lassen. 

Dienstag, 11. August 2015

Biber: Sonatae Tam Aris Quam Aulis Servientes (Challenge Classics)

Für eine Interpretation der berühmten Sonatae Tam Aris Quam Aulis Servientes von Heinrich Ignaz Franz Biber (1644 bis 1704) ist Ars Antiqua Austria das ideale Ensemble. Die Musiker um Gunar Letzbor spielen seit vielen Jahren österreichische Barockmusik, die durch vielerlei Einflüsse geprägt wurde. Und für diese beeindruckenden Werke finden sie den perfekten Gestus. Die Sonaten vereinen höfische Klangpracht, tänzerische Ausgelassenheit und rasante Virtuosität – und Ars Antiqua Austria zelebriert all dies mit Leidenschaft und Musizierlust. So ist dem Ensemble eine hinreißende Einspielung gelungen. Bravi!

Freitag, 2. Mai 2014

Guardian Angel (Channel Classics)

„This disc of solo violin music is a real mixture of some favourite pieces“, schreibt Rachel Podger im Geleitwort zu dieser CD. Die Geigerin spielt ihre Lieblingswerke. So erklingen neben einer Solo- sonate von Johann Georg Pisendel auch drei kurze Stücke von Nicola Matteis, einem Violinisten aus Neapel, der aber in London berühmt wurde.  Zu den Raritäten, die Podger für diese CD ausgewählt hat, gehören zudem zwei Solo- sonaten von Giuseppe Tartini.
„I adore Bach's Flute Partita and always knew it from afar, the way you know pieces written originally for an different instrument. I would often play it for fun as warm up (wich would disorient the flute player in the room!)
, meint die Violinistin. „When choosing the repertoire for this dics, I was keen to include a piece by Bach, and eventually had the idea of transposing the Flute Partita into G minor (the original key is A minor). It worked beautifully and as a piece is extremly rewarding and fun to play – I recommend it to all violinists.“ Ob tatsächlich all diese Werke für Violine „senza basso“ komponiert worden sind, ist eine Frage von eher akademischem Interesse. Denn Podger musiziert so fröhlich, dahinschwebend und leidenschaftlich, dass man ihr wirklich gern zuhört. Den Abschluss macht die berühmte Passacaglia aus den Rosenkranz-Sonaten von Heinrich Ignaz Franz von Biber. Ihr wurde in den Noten das Bild eines Schutzengels vorangestellt – und damit war auch gleich ein passender Name für diese CD gefunden. Sehr schön! 

Donnerstag, 24. April 2014

Biber: Fidicinium Sacro-Profanum (Challenge Classics)

Mit seinem Ensemble Ars Antiqua Austria widmet sich Gunar Letzbor erneut dem Schaffen von Heinrich Ignaz Franz Biber (1644 bis 1704). 25 Jahre hat der Geiger gezögert, bis er es gewagt hat, eines der zen- tralen Werke des Barockmusikers einzuspielen. Schon der Titel lässt vermuten, dass diese Musik alles andere ist als trivial: „Fidicinium Sacroprofanum, tam Choro quam Foro“, vermerkte Biber einst. Dieses Geistlich-weltliche Saitenspiel veröffentlichte er 1683 in Nürnberg; ein einziges Exemplar dieses Druckes blieb erhalten. Es befindet sich heute in der Zentralbibliothek Zürich, und diente als Grundlage für diese Aufnahme. 
Typischerweise waren sakrale und Kammermusik voneinander klar geschieden. Die Grenzen zwischen Kirchensonate und Sonata da camera verschoben aber seinerzeit auch andere Musiker jener Zeit wie Johann Heinrich Schmelzer – möglicherweise ein Lehrer Bibers – im Sacro-profanus Concentus musicus oder Giovanni Antonio Pandolfi Mealli in seiner Sonata à Violino solo, per chiesa e camera
Biber verknüpft in seiner Musik Andacht und Besinnung mit ekstati- schem Wirbel, gregorianischen Choral mit wilder Zigeunermusik, und strengsten Kontrapunkt mit konzertierenden Passagen. Im ersten Teil seiner Fidicinien komponierte Biber für die damals in Österreich wohl übliche fünstimmige Besetzung nebst Basso continuo. Im zweiten Teil reduziert er auf vier Einzelstimmen. Den Verzicht an Klangpracht macht er dabei durch einen Zuwachs an Virtuosität wett. Letzbor und seine Mitmusiker loten diese Kompositionen temperamentvoll aus. Da ist gelegentlich schon mal das Kratzen des Bogens auf den Saiten zu hören. „In der Jugend neigten wir stark zu Übertreibungen“, meint Letzbor dazu im Beiheft. „Vielleicht ist es einfach die Demut und das helle, wachsame Ohr aller Musiker des Ensembles gegenüber und für die Besonderheiten Biberscher Kammermusik, die dem Zuhörer die Qualitäten der musikalischen Botschaft des Meisters vermitteln!“ 

Freitag, 14. Juni 2013

Trombett- undt musikalischer Taffeldienst (Fra Bernardo)

„Ein paar Hörproben kaiserlicher Prachtentfaltung und fürstlichen Repräsentationsgeistes“ verheißt diese CD des Labels Fra Bernardo. Sie ist geprägt vom strahlenden Klang der Blechbläser. Pauken und Trompeten gelten nicht umsonst bis heute als Symbole der Macht. Bereits im Mittelalter standen ihre Klänge für weltliche Herrschaft und höfischen Glanz. 
In Österreich war, neben dem Hof des Kaisers in Wien und dem der Bischöfe von Salzburg, insbesondere die Kapelle des Fürstbischofs Carl von Liechtenstein-Kastelkorn im mährischen Kremsier berühmt für ihre exzellenten Musiker. Dort wirkte der Violinvirtuose Heinrich Ignaz Franz Biber, der sich allerdings bald nach Salzburg absetzte. Sein Nachfolger in der Position des Hofkapellmeisters wurde der Trompeter Pavel Vejvanovsky.
Doch nicht nur virtuose barocke Trompetenmusik ist in Kremsier erklungen. Das Archiv des erzbischöflichen Schlosses enthält eine Vielzahl bedeutender Werke; etliche herausragende Komponisten, die nicht im Dienst des Fürstbischofs standen, sind zumindest mit Manu- skripten oder Abschriften ihrer Werke dort vertreten.
Das Ensemble Concerto Stella Matutina hat eine Auswahl dieser musi- kalischen Schätze gekonnt eingespielt. Es sind nicht alles Werke, in denen die Trompete dominiert. So sind von Biber neben einer Sonate für zwei Trompeten, zwei Violinen und Basso continuo auch zwei launige Stücke zu finden, in denen überhaupt keine Bläser zu hören sind. Das eine hat den Beinamen Die Pauern Kirchfahrt genandt -den Grund dafür wird jedermann bald heraushören. Das andere nannte der Violinvirtuose ironisch Trombett- undt musikalischer Taffel- dienst. Der Herr, dem hier aufgespielt wird, kann sich ein richtiges Orchester offenbar nicht leisten, so dass die Geige den Part der Trompete übernehmen muss. Insbesondere die Intrada ist ein wahres Juwel; Biber hat für derartige Spötteleien ein Händchen.

Sonntag, 24. März 2013

Biber: Rosenkranz-Sonaten, Siedel (Berlin Classics)

Über das Leben und Werk von Heinrich Ignaz Franz Biber (1644 bis 1704) wurde hier im Blog bereits des öfteren geschrieben. Der böhmische Musiker wirkte zunächst in der Hofkapelle des Fürstbischofs von Olmütz, um dann nach zwei Jahren offenbar ohne Genehmigung seines Dienstherrn nach Salzburg zu wechseln, wo er schließlich zum Hofkapellmeister aufstieg. Und vom Kaiser Leopold I. wurde der Musiker obendrein für sein grandioses Geigenspiel 1690 als Truchseß in den Adelsstand erho- ben. 
Annegret Siedel hat nun eines der bekanntesten Werke dieses Violin- virtuosen, die sogenannten Rosenkranz-Sonaten, gemeinsam mit Michael Freimuth, Theorbe, Hermann Hickethier, Viola da gamba und Violone, und Margit Schultheiß, Orgel, Cembalo und Barockharfe, bei Berlin Classics eingespielt. Das ist ein anspruchsvolles Unter- fangen, denn wie dieses Werk einst geklungen hat, das kann man nur vermuten. Überliefert ist eine Reinschrift, die Biber vermutlich eigenhändig für seinen Dienstherren, Erzbischof Max Gandolph Graf von Kuenheim, angefertigt hat. In dieser Partitur sind in zwei Zeilen die Partie der Violine und der bezifferte Bass notiert.  Alles andere bleibt der Phantasie und dem Sachverstand der Ausführenden überlassen. 
Nur eine der 15 Sonaten sowie die abschließende Passacaglia lässt sich auf einer normal gestimmten Geige spielen, die anderen erfor- dern umgestimmte Instrumente. Die sogenannte Skordatur war zu Bibers Zeiten sehr beliebt, weil sie die klanglichen Möglichkeiten der Violine enorm erweitert. Schon Reinhard Goebel klagte jedoch einst darüber, dass über das Skordatur-Spiel in den zeitgenössischen Pu- blikationen nur wenige Informationen zu finden sind. Die Darmsaiten, mit denen historische Violinen üblicherweise ausgestattet sind, lassen dies erst recht zu einer heiklen Angelegenheit werden. Denn sie verstimmen sich leicht, und tönen, über die Lagen betrachtet, ohnehin nie ganz sauber. Was sich daraus ergibt, wenn man eine Geige umstimmt, das mag sich jeder selbst vorstellen. Annegret Siedel hat aus dieser Misere einen eleganten Ausweg gefunden: Sie spielt gleich neun verschiedene Violinen aus dem 17. und 18. Jahrhundert. 
Anders als Goebel, dessen 1991 bei der Deutschen Grammophon erschienene Einspielung mit dem Ensemble Musica Antiqua Köln als Referenz gelten darf, und der in erster Linie auf Brillanz setzt, betont Siedel den meditativen Charakter dieser Stücke. Sie wählt sowohl bei den Violinen als auch im Continuo einen eher warmen, sonoren Ton, und konzentriert sich auf den geistlichen Untertext, der auch durch das Motto der jeweiligen Sonate herausgestellt wird. Sie besinnt sich auf den Rosenkranz, und macht ihn zum Mittelpunkt der Sonaten. Biber, der offenbar ein frommer Mann war, hätte dies sicherlich gut gefallen. Und auch das schön gestaltete Cover sowie das Beiheft nebst einem Nachdruck des Rosenkranz-Bruderschaftsblattes, dem Biber einst die Illustrationen für sein prächtiges Manuskript entnahm, begeistern. 

Dienstag, 29. Mai 2012

Birth of the Violin (Solo Musica)

Nach dem Ursprung der Violine forscht diese CD - mit einem gewissen Augenzwinkern. Denn anders als bei Birth of the Cello, wo Julius Berger auf einem wunder- vollen Amati-Violoncello, einem der ältesten noch spielfähigen Celli, zwei der ältesten bekannten Werke für dieses Instrument vorgestellt hat, lassen sich die ersten Kompositionen für Violine nicht so einfach identifizieren. 
Die Auswahl, die dann letzten Endes getroffen wurde, begründet Reinhard Goebel in einem launigen Begleittext, den man in den schön gestalteten Beiheft nachlesen kann. Der Geiger, der mit seinem Ensemble Musica Antiqua Köln so manches Werk aus dem Archiv zurück auf die Bühne gebracht hat, wirkte wohl auch als spiritus rector hinter dieser CD, wie man es sich besser kaum wünschen könnte. 
Birth of the Violin widmet sich also der Musik "vor Bach" - und stellt damit zugleich das Fundament vor, auf dem dieser seine Werke für Violine solo errichtet hat, diese staunenswerten Kathedralen des Klanges, die heute viele für einzigartig halten. Doch das waren sie nicht, meint Goebel. Und verweist auf die Violinsoli eines Johann Paul von Westhoff, eines Heinrich Ignaz Franz Biber, doch auch auf Werke von Bach-Zeitgenossen wie die einzige Solo-Sonate von Johann Georg Pisendel. Es erklingen auf dieser CD zudem eine Etüde von Francesco Gemiani, die erahnen lässt, wie seinerzeit ein Geiger geübt hat, eine Fantasia von Nicola Matteis, Furstemberg-Variationen von Louis-Gabriel Guillemain, und eine Partite für Violin Solo von Fried- rich Wilhelm Rust. Er war ein Schüler der Bach-Söhne, und versuchte, durch Innovation wettzumachen, was ihm an Tiefe mangelt. 
Rebekka Hartmann stellt all diese Werke vor. Dabei verwendet sie zwei unterschiedliche Instrumente - zum einen eine Stradivari aus dem Jahre 1675, zum anderen eine Violine, die Nicolo Amati 1669 gebaut hat, und die auch unter dem Namen The Rethi bekannt ist. Bei dem Werk von Rust setzt sie zudem einen "modernen" Geigenbogen ein. So wird auch die Entwicklung der Geige vom Barock, das einen süßen, obertonreichen Klang bevorzugte, hin zum romantischen Klangideal, das mehr Lautstärke, Tiefe und Kraft forderte, hörbar. 
Die Solistin zeigt sich technisch versiert, und dem Geist dieser Musik aus der Vergangenheit gegenüber offen. Das Ergebnis beeindruckt. 
"Dieses CD-Projekt war für mich eine der interessantesten Aufgaben meines bisherigen Musikerlebens. Ich entdeckte ein außergewöhn- liches Programm für Solo-Violine, welches mir zum größten Teil unbekannt war", resümiert Rebekka Hartmann. "Es erfüllt mich mit Stolz, hier diese Werke teils zum ersten Mal präsentieren zu dürfen."  Denn alle Werke mit Ausnahme jener Bibers und Pisendels erklingen auf dieser CD in Weltersteinspielung - und sie haben genug Format, um das Repertoire auch dauerhaft zu bereichern. 

Donnerstag, 21. Juli 2011

Salzburg Barock (Berlin Classics)

Diese schöne CD mit der Soprani- stin Emma Kirkby und dem En- semble Bell'arte Salzburg unter Annegret Siedel spürt der groß- artigen musikalischen Vergangen- heit der Stadt nach. In der einsti- gen fürsterzbischöflichen Residenz wirkten zur Zeit des Barock heraus- ragende Musiker, wie die Hofka- pellmeister Steffano Bernardi - der eigens für die Weihe des Salzbur- ger Domes 1628 herrliche mehr- chörige Kompositionen schuf -, Abraham Megerle und Andreas Hofer. Bis zum heutigen Tage berühmt sind Hofkapellmeister Heinrich Ignaz Franz Biber und Hoforganist Georg Muffat; auch sie trugen dazu bei, dass Salzburg als "Rom nördlich der Alpen" galt.
Nach Bibers Tod übernahm Matthias Siegmund Biechteler sein Amt; ihm folgte Carl Heinrich Biber nach. Wenig bekannt ist allerdings, dass Töchter dieser Kapellmeister in das Benediktinerinnenstift Nonnberg eingetreten sind, wo ebenfalls auf höchstem Niveau musiziert wurde. So wirkte die älteste Tochter Bibers dort 13 Jahre lang als Kapell- meisterin und Regens chori. Diese CD bietet gleich zwei Kostproben ihrer Kunst - und natürlich eine dramaturgisch geschickt zusammen- gestellte Auswahl von Werken der oben benannten Komponisten. 

Sie werden von Emma Kirkby und den Musikern von Bell'arte Salz- burg in der erwarteten Qualität vorgetragen. Wer sich für - überwie- gend geistliche - Barockmusik begeistern kann, der sollte sich das Album unbedingt besorgen. 

Mittwoch, 20. Juli 2011

Evgeny Sviridov (Genuin)

Der Bach-Preisträger 2010? Jew- geni Swiridow, ausgebildet am St. Petersburger Konservatorium - da erwartet man russische Geigen- schule, romantische Tradition, sattes Vibrato, flinke Finger und exakte Tempi, wie mit dem Metro- nom gezogen. Doch schon die ersten Takte lassen aufhorchen. Das klingt, als spielte Reinhard Goebel höchstpersönlich - oder? Beim genaueren Hinhören stellt man dann aber fest, dass Swiridow durchaus eigene Akzente setzt. 
Auf dieser CD spielt der junge russische Geiger gemeinsam mit der lettischen Cembalistin Zita Mikijanska Werke von Johann Sebastian Bach und Heinrich Ignaz Franz Biber. Swiridow bewältigt sie alle mit Schwung und mit einer Leichtigkeit, die begeistert. Seine Interpreta- tion ist ein Ereignis. Da ist nicht ein Bogenstrich unkontrolliert oder unreflektiert. Jeder Akzent, jede Klangfarbe erweist sich als wohl- überlegt und präzise gesetzt. 
Diese Kombination aus technischer Brillanz und musikalischem Ver- ständnis macht insbesondere auch die beiden Violinsonaten Bibers zu einem Hörgenuss. Seine Sonate IV in D-Dur setzt vom ersten bis zum letzten Takt auf die Scordatura - und Swiridow lässt sie teilweise klingen, als wäre sie improvisiert. Sein Vortrag wirkt derart frisch und lustvoll, das man sich umgehend die anderen sieben Sonaten Bibers dazu wünscht. Doch Virtuosität lässt sich immer noch steigern; ein Beispiel dafür gibt Bibers Sonate VIII in A-Dur. Der Komponist hat sie für zwei Violinen notiert, aber dabei vermerkt, sie sei auf einem Instrument auszuführen. Swiridow gelingt es, dieses Paradestück so zu spielen, dass jede Stimme einen individuellen Charakter behält. 
Zita Mikijanska spielt dazu sehr delikat ein klangschönes Cembalo aus der Werkstatt des Leipziger Cembalobauers Michael Schwabe nach einem Instrument von Giovanni Battista Giusti, Rom 1681. Das Ori- ginal befindet sich in der Sammlung des Germanischen National- museums Nürnberg. Für die Bach-Sonaten wählte sie ein zwei- manualiges Instrument von Schwabe nach einem Cembalo von Pascal Taskin, Paris 1763, das heute in St. Cecilia's Hall in Edinburgh steht. 
Swiridow spielt sowohl die Sonate für Violine und obligates Cembalo Nr. 3 in E-Dur BWV 1016 als auch die Sonate für Violine und Basso continuo in G-Dur BWV 1021 im steten Dialog mit der Cembalistin. Ein letzter Höhepunkt dieser CD ist dann die Partita für Violine solo Nr. 3 in E-Dur BWV 1006. Auch hier lässt sich der junge Solist sehr souverän vernehmen, und gefällt mit einer ausgesprochen rhyth- misch-tänzerischen Variante. 
Den Internationalen Johann-Sebastian-Bach-Wettbewerb 2010 hat Swiridow mit einer solchen Leistung zu Recht gewonnen. Sein Lehrer Pawel Popow in St. Petersburg, dem er seine Reise nach Leipzig nachträglich beichten musste, wird ihm diesen Ausflug ins barocke Repertoire ganz sicher nachsehen. Doch zumindest bis zum Examen wird Swiridow wohl auch auf traditionelle Art weiter üben - was dem jungen Musiker bislang keineswegs geschadet hat. 

Montag, 28. März 2011

Biber: Mystery Sonatas (Sono Luminus)

"I first discovered Biber's Mystery Sonatas when I was a graduate student at Indiana University, and hearing them inspired me to be- come a baroque violinist", erklärt Julia Wedmann. Die kanadische Geigerin hat bereits etliche CD vor- gelegt; jetzt gab ihr das Label Sono Luminus die Möglichkeit, Bibers bedeutendes Werk einzuspielen. 
Die Rosenkranz-Sonaten, wie sie auch genannt werden, vollziehen in insgesamt 15 Sonaten die fünf freudenreichen, fünf schmerzhaf- ten und fünf glorreichen Geheimnisse der Gottesmutter Maria nach. Die abschließende Passacaglia hingegen schildert die Begleitung des gläubigen Menschen durch seinen Schutzengel. 
Eines muss man Wedmann lassen: Ihre Version der Mysteriensonaten ist sehr gut fundiert, ja, geradezu basslastig. Das Continuo ist mit Felix Deak, Violoncello und Viola da gamba, Lucas Harris, Theorbe und Erzlaute, Charlotte Nediger, Orgel und Cembalo, sowie Julia Seager Scott, Harfe, überaus opulent ausgestattet. In der Art und Weise, wie diese Instrumente jeweils eingesetzt werden, vermag ich aber kein System zu erkennen. 
Auch sonst wird nicht ersichtlich, dass der Inhalt des Geheimnisses sich in irgendeiner Art und Weise auf die Interpretation auswirkt. Sorry, aber für diese Pseudo-Barockmusik, die kein bisschen rheto- risch, dafür aber sehr breiig-gefühlig gespielt wird, kann ich mich nicht begeistern. Wer hören will, wie dieser Zyklus klingen kann, wenn er mit Verstand vorgetragen wird, dem sei beispielsweise die Aufnahme mit Reinhard Goebel und Musica Antiqua Köln empfohlen. 

Freitag, 25. März 2011

Biber: Vesperae longiores ac breviores (Carus)

Die Yale University scheint auch bei der Ausbildung von Musikern zu den ersten Adressen zu gehö- ren. Auf dieser CD musizieren die Yale Collegium Players, geleitet von dem Geiger Robert Mealy, sowie die 24köpfige Yale Schola Cantorum unter Leitung von Simon Carrington, vormals King's Singers. 
Beide Ensembles sind vorzüglich; sie könnten ohne Schwierigkeit mit jedem anderen Alte-Musik-Projekt weltweit konkurrieren. Auf dieser CD setzen sich die Musiker mit liturgischer Musik von Heinrich Ignaz Franz Biber auseinander, die dieser für die Vesper geschrieben hat - allerdings fehlen einige Stücke, und so hat Carrington Bibers Kompositionen mit Werken seiner Zeitgenossen Rupert Ignaz Mayr, Kaiser Leopold I. und Giovanni Legrenzi ergänzt. 

Donnerstag, 30. Dezember 2010

Biber & Biber: Sonatas for trumpet, strings and continuo (Dynamic)

Heinrich Ignaz Franz von Biber (1644 bis 1704) stammt aus dem böhmischen Wartenberg. Er war möglicherweise ein Schüler des renommierten Violinvirtuosen Johann Heinrich Schmelzer; jedenfalls erhielt er 1668 eine erste Anstellung in der Kapelle des Olmützer Bischofs. 1670 trat Biber in den Dienst des Erzbischofs von Salzburg, wo er bereits neun Jahre später Vizekapellmeister und 1684, nach dem Tode seines Vorgängers Kapellmeister wurde.
Biber war ein so exzellenter Geiger und herausragender Komponist, dass ihn Leopold II. 1690 adelte. Besonderes Kabinettstückchen auf dieser CD: Seine Sonata representativa à violino solo e basso conti- nuo, die in entzückenden Miniaturen Tierstimmen imitiert, wie Nachtigall, Kuckuck, Frosch und Katze. Roberto Falcone, der die Solopartie spielt, hat insbesondere an diesem Stück hörbar Vergnü- gen. Doch auch die anderen Mitglieder des Ensembles "Pian & Forte" musizieren sehr engagiert und machen diese CD in der Tat zu einer musikalischen Köstlichkeit - auf weitere Leckereien in dieser Reihe darf man also neugierig bleiben.
Auch Bibers Sohn Carl Heinrich musizierte am Salzburger Hof. Er war ein würdiger Nachfolger seines Vaters, wie diese CD beweist. Aller- dings ersetzte er die Violine, die in den Werken Heinrich Ignaz Franz von Bibers selbst dann dominiert, wenn sie mit anderen Instrumen- ten gemeinsam konzertiert, in den hier eingespielten Sonaten durch Blechbläser. Insgesamt sollen derartige Stücke in seinem umfang- reichen Werk aber eher selten sein.