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Sonntag, 29. Mai 2022

Age of Passion (Raumklang)

 

Diese CD lädt ein, einem Dialog zwischen Viola da Gamba und Bandoneon zu lauschen. Barock und Moderne kommen abwechselnd zu Wort; sie kommunizieren jeweils in ihrer ureigenen Sprache und Form, dabei aber sehr respektvoll miteinander. 

Juliane Laake und ihr Ensemble Art d’Echo machen deutlich, dass die Unterschiede über die Jahrhunderte hinweg gar nicht so groß sind. Für dieses spannungsvolle Projekt haben die Gambisten sich Lothar Hensel, Bandoneon, eingeladen. Und so erklingen die Klagegesänge von John Dowland neben zeitgenössischen Kompositionen von Reiko Füting oder Luis Di Matteo und neben Tango-Klassikern von Astor Piazzolla oder Carlos Gardel. 

Die Musiker betören mit einem intensiven, farben- und facettenreichen Klang. Und spätestens bei Piazzollas Oblivion stellt der Zuhörer fasziniert fest: Geht es um Leidenschaft, dann ist das Elisabethanische Zeitalter mit seinen Seufzern und seiner Todesnähe der Gegenwart in Melancholie eng verbunden. 


Dienstag, 11. Dezember 2018

Meridiane Nord - Sjaella (Raumklang)

„Nord“ heißt das neue Album von Sjaella, das soeben bei dem Label Raumklang erschienen ist. Es ist zugleich die erste CD der Serie Meridiane, mit der das A-cappella-Ensemble internationale Folklore und Weltmusik aus den unter- schiedlichsten Regionen erkunden will. 
„Der Norden Europas ist nicht nur wegen unseres Ensemble-Namens ein passender Startpunkt für dieses Projekt“, schreibt Sopranistin Franziska Eberhardt im Beiheft. „Vor allem die skandinavische Chortradition hält uns seit vielen Jahren in ihrem Bann. Die dort beheimateten Ensembles haben unseren Klang geprägt und Interesse an ihrem vielfältigen Liedgut geweckt. Die musikalische Schlichtheit der Lieder, ihre kantablen Melodien mitsamt der kunstvollen Verzierungen und nicht zuletzt die vielen klangvollen und mystisch anmutenden Sprachen haben uns gereizt und die wichtigsten Impulse zu unserer Expedition durch Skandinavien, Großbritannien und Irland gesetzt.“ 
Die jungen Sängerinnen von Sjaella haben dafür ein ebenso anspruchs- volles wie klangschönes Programm zusammengestellt. Die Lieder erklingen in den originalen Sprachen und in modernen Arrangements, die das Sextett aus Leipzig oftmals sogar selbst geschrieben hat. Gesungen wird professionell, farbenreich und beseelt. Als Gäste wirken mit Peter Alexander Bauer, Percussion, und Barnabas Herrmann, Thin Whistle. Und auch musikalisch bietet die CD viel Abwechslung. Sehr gelungen! 

Mittwoch, 13. Juni 2018

Bach Tripl3s (Raumklang)

Vor langer, langer Zeit, da galt die Musik als eine Wissenschaft. Sie gehörte, ergänzend zum Trivium – Grammatik, Dialektik und Rhetorik – zum Lehrstoff im Studium an der sogenannten Artistenfakultät. Dort wurde nicht etwa Zirkuskunst unterrichtet, sondern die septem artes liberales, die sieben freien Künste – was die Grundlage schuf für ein weiterführendes Studium an einer der drei „höheren“ Fakultäten, in den Bereichen Theologie, Jurisprudenz oder Medizin. 
Das sprachlich orientierte Trivium endete mit dem Abschluss als Bakkalaureus; darauf folgte das mathema- tisch ausgerichtete Quadrivium, das zum Magister führte. Dies war zugleich die Voraussetzung für den Einstieg in den Beruf des Lehrers. Zum Quadrivium gehörten – gelehrt wurde übrigens europaweit ausschließlich in lateinischer Sprache – Arithmetik, Geometrie, was auch Geographie und Naturgeschichte mit einschloss, also die Vorläufer unserer heutigen Natur- wissenschaften, sowie Musik und Astronomie/Astrologie. 
Musik galt also als mathematische Kunst; und so wird es nicht verblüffen, dass Komponisten bis zur Barockzeit ganz selbstverständlich nicht nur in Regeln, sondern auch in Zahlen dachten. Das Verständnis dafür freilich ging in späteren Jahrhunderten verloren; Musikforscher bemühen sich heute darum, dieses Wissen wieder zu erschließen. 
Johann Sebastian Bach gehörte zu den letzten jener Komponisten, die in ihren Werken auf eine Zahlensymbolik setzten, die für uns heute oftmals im Verborgenen liegt. Einiges ist aber auch offensichtlich: Für Bach verwies beispielsweise die Zahl 3 ganz sicher auf die Dreieinigkeit von Vater, Sohn und heiligem Geist. Eine beliebte barocke Form war die Triosonate; Bach komponierte aber gern auch für drei Solostimmen und Basso continuo. 
Beispiele dafür hat das Barockensemble Harmony of Nations auf dieser CD zusammengetragen. So ist das Konzert für Cembalo, zwei Blockflöten, zwei Violinen, Viola und Basso continuo BWV 1057 eine interessante Bearbei- tung des vierten Brandenburgischen Konzertes BWV 1049, bei der Bach den ursprünglichen Violinpart, im Mittelsatz auch alle drei Solostimmen, dem Cembalo zugewiesen hat. 
Die Concerti für drei Cembali BWV 1063 und 1064 hingegen erklingen auf dieser CD in der Version für drei Violinen. Bei dem dritten Brandenburgi- schen Konzert, das ebenfalls auf dem Programm steht, wird die Idee dreier Soloinstrumente auf die Spitze getrieben, denn jede der drei Streicher- gruppen – Violinen, Violen und Violoncelli – wird in drei eigenständigen Stimmen eingesetzt. 
Die Geiger teilen sich übrigens in die Soli. Harmony of the Nations musiziert schwungvoll, aber zugleich fein ziseliert und ausgewogen, mit durchweg exzellenter Technik und Gespür für musikalische Strukturen. Mein ganz persönliches Lieblingsstück auf dieser CD ist die Ouvertüre BWV 1069, in der Frühfassung ohne Pauken und Trompeten, die ganz am Anfang zu hören ist. So betont französisch wird diese Orchestersuite selten gespielt. Sehr geschmackvoll und erlesen! 

Dienstag, 28. November 2017

Cavalli: Requiem, Grandi: Motets (Raumklang)

Als Francesco Cavalli (1602 bis 1676) einst spürte, dass sein Lebensende naht, ordnete er seine Angelegen- heiten. Er ging dabei so weit, dass er in seinem Testament präzise Anwei- sungen für seine Beisetzungsfeier- lichkeiten gab, und sein eigenes Requiem komponierte. 
Cavalli war ein Musiker von europäi- schem Rang. Als Mitte des 17. Jahr- hunderts die Oper in Venedig in hoher Blüte stand, gehörte Cavalli zu den erfolgreichsten Opernkomponi- sten – 30 Werke dieser noch jungen Gattung sind von ihm überliefert. Doch auch der Kirchenmusik widmete sich Cavalli mit großer Ernsthaftig- keit. Mit 14 Jahren war er als Sänger in den Chor des Markusdomes aufgenommen worden und begann dort unter Kapellmeister Claudio Monteverdi und dem maestro del canto Alessandro Grandi seine musikalische Laufbahn. In späteren Jahren wirkte er dort auch als Organist und ab 1668 als maestro di capella
Für sein achtstimmiges Requiem wünschte er sich eine große Besetzung. Neben dem kompletten Sängerensemble sollten auch zwei Violinen, vier Violen, zwei Zinken, zwei Theorben, Posaunen, Dulzian, Violone und drei Orgeln mitwirken. So üppig besetzt ist diese Einspielung mit dem Ensemble Polyharmonique nicht. Alexander Schneider, der Leiter dieses Solistenverbundes, hat sich für acht Sänger und Basso continuo entschieden; zu hören sind hier Juliane Laake, Bassgambe, Maximilian Ehrhardt, Arpa doppia, und Klaus Eichhorn, Orgelpositiv. 
Diese Minimalbesetzung unterstützt allerdings die Aussage des Werkes in staunenswerter Weise. Denn anders als seine Opern schrieb Cavalli diese Totenmesse weniger für ein Publikum als vielmehr für die Ewigkeit. Sie ist ein Juwel musikalischen Gestaltungsvermögens und zeugt sowohl von der Gelehrsamkeit des Komponisten als auch von seiner Innovationskraft – die Cavalli freilich aus der Tradition schöpft, auf die er sich auch immer wieder bezieht. 
Dennoch fühlt man sich immer wieder an Mozarts Requiem erinnert, auch wenn Cavallis Werk so gar nicht dramatisch ist. Hier wird nicht mit dem Tode gerungen, und vor der Hölle gezittert, hier erscheint der Tod eher als das letzte Hindernis vor der ewigen Seligkeit. Und so ist denn diese Musik von geradezu überirdischer Schönheit, und voller Trost. Den Gesangs- solisten und Musikern gelingt es wunderbar, diese Botschaft zu vermitteln. Ergänzt wird die Totenmesse durch Motetten von Alessandro Grandi. 

Donnerstag, 12. Januar 2017

Schubert (Raumklang)

„Denn es ziemt, des Tags Vollendung mit Genießern zu genießen“, möchte man Amarcord zustimmen, beim Anhören dieser CD. Das Leipziger Vokalensemble hat aus der großen Anzahl mehrstimmiger Gesänge, die Franz Schubert im Laufe seines Lebens erschaffen hat, für diese Einspielung eine kleine, aber feine Auswahl zusammengestellt. 
Schon als Sängerknabe, im Kompo- sitionsunterricht bei Antonio Salieri, schrieb Schubert seine ersten Chor- sätze; es sind sogar solche frühen Arbeiten überliefert, die der Lehrer korrigiert hat. Auch seine Mitstudenten und in späteren Jahren dann der Freundeskreis schätzten seine Werke, ebenso wie die geselligen Runden, die sich zum gemeinsamen Singen neuer Kompositionen versammelten. 
Auch die Verleger schätzten Schuberts Männerquartette; sie waren offenbar sehr gefragt und verkauften sich gut. Hört man die Aufnahme, ahnt man, warum: Vom Weckruf für eine eingeschlummerte Freundin über die Beschwörung der Natur als Spiegel der eigenen Stimmungen bis hin zum empfindsamen Lobpreis der Liebe und zum pathetischen Trinklied findet sich in dieser musikalischen Schatztruhe so ziemlich alles. 
Amarcord lädt ein zu einer Reise in die phantasievolle Welt des 19. Jahr- hunderts. Begleitet wird das Quintett bei manchen Liedern von dem Pianisten Eric Schneider, der sich als ein hervorragender Klavierpartner präsentiert. Die ehemaligen Thomaner lassen sich einmal mehr perfekt aufeinander abgestimmt hören; besonders erfreulich finde ich, dass auch die Textverständlichkeit durchweg exzellent ist. 

Freitag, 12. August 2016

Frobergers Reisen (Raumklang)

Das Leben des Johann Jacob Fro- berger (1616 bis 1667) war ein unruhiges. Auch wenn sein Vater Hofkapellmeister in Stuttgart war, und vier seiner Geschwister ebenfalls als Musiker in der Hofkapelle ange- stellt wurden – der Dreißigjährige Krieg dürfte Kindheit und Jugend wohl mit geprägt haben. 1637 starben beide Eltern an der Pest. In diesem Jahr, mit gerade einmal 21 Jahren, wurde Johann Jacob Froberger Organist am Wiener Hof, und schon im November reiste er zum ersten Male nach Italien, zu Girolamo Frescobaldi. 
Auf Reisen verbrachte er viele Jahre seines Lebens. Dabei lernte er viele bedeutende Kollegen kennen. In Dresden beispielsweise, wo er im Winter 1649/50 auf der Rückkehr von seiner zweiten Italienreise Station machte, trat er im musikalischen Wettstreit gegen den Hoforganisten Matthias Weckmann an – und gewann nicht nur eine goldene Kette, sondern einen Freund fürs Leben. 
Froberger reiste durch Deutschland, die Niederlande, England und Frank- reich, wo er offenbar Louis Couperin in freundschaftlichem Austausch begegnete. Beide schrieben ein Tombeau sur la mort de monsieur Blancroche, für den Sohn der Hofnärrin Heinrichs IV., der, wie die Legende berichtet, in einem Freudenhaus die Treppe hinabstürzte und dabei zu Tode kam. Von Couperin ist zudem ein Prélude à l'imitation de Mr. Froberger überliefert; all diese Werke erklingen auf der vorliegenden Doppel-CD. 
Magdalena Hasibeder folgt den Spuren, die Froberger auf seinen Reisen hinterlassen hat. Eine kluge Programm-Idee der österreichischen Organistin und Cembalistin; sie spielt Werke Frobergers und seiner Zeit- genossen, zugeordnet jeweils bestimmten Reisestationen. Dabei zeigt sie zugleich, wie der Orgelvirtuose sich regionalen stilistischen Besonder- heiten angepasst hat, und wie überlegen er selbst Gelegenheitswerke gestaltet hat. Man höre nur das Lamento sopra la dolorosa perdita della Real M.stà di Ferdinando Rè de Romani aus dem Jahre 1656, seine Plainte faite à Londres pour passer la melancholi: la quelle se joüe lentement avec discretion oder seine Allemande faite en passant le Rhin dans un barque en grande peril – der musikalische Bericht über eine Rheinfahrt, bei der wohl so manches schiefgegangen ist. Auch sonst findet sich in der Musik- auswahl so manche Rarität; ich fand das Programm ausgesprochen interessant und abwechslungsreich. 
Hasibeder hat sich die dazu passenden Instrumente ausgesucht; sie spielt ein italienisches und ein französisches Cembalo jener Zeit aus der Sammlung historischer Musikinstrumente im Haus der Musik des Landesmuseums Württemberg in Stuttgart, sowie die Wöckherl-Orgel aus dem Jahre 1642 der Franziskanerkirche in Wien. Wie schon auf ihrer letzten CD Vom Stylus phantasticus zur freien Fantasie  mit virtuoser Cembalomusik um Johann Sebastian Bach, veröffentlicht ebenfalls bei Raumklang, musiziert Magdalena Hasibeder auch hier ausgesprochen souverän. Wer Barockmusik schätzt, oder einfach nur erfahren möchte, wie Musik in Europa im 17. Jahrhundert geklungen hat, der sollte sich diese Aufnahme nicht entgehen lassen. 

Donnerstag, 31. Dezember 2015

Mr. Handel's Trumpeters (Raumklang)

Den Spuren berühmter Kollegen folgt Johann Plietzsch mit seinem Barocktrompeten Ensemble Berlin: Die dritte CD des Ensembles bei dem Label Raumklang ist den Trompetern gewidmet, die im 17. und 18. Jahr- hundert am englischen Hof musi- zierten. Das Instrument hatte stets eine wesentliche Rolle in der höfischen Repräsentation: „Als Attribut der Macht verkörperte sie all das, was die Regenten waren oder sein wollten: Kraftvoll, mächtig und unermesslich reich!“, schreibt Plietzsch in einer umfangreichen Einführung im Beiheft. 
In England allerdings erlangte die Trompete erst zum Ende des 17. Jahr- hunderts tatsächlich Bedeutung. Und so beginnt diese CD mit Henry Purcell (1659 bis 1695), der Trompetenmusik nach italienischem Vorbild für Oberhoftrompeter Mathias Shore und sein 16köpfiges Ensemble schrieb. Natürlich dürfen auch die Werke von Georg Friedrich Händel (1685 bis 1759) nicht fehlen – die er für Musiker wie William Bull, Mathias, William und John Shore, vor allem aber für Valentine Snow (um 1700 bis 1770) komponierte. Dieser Musiker war „Mr. Handel's Trumpe- ter“, und er war seinerzeit offenbar ausgesprochen populär. 
Das Barocktrompeten Ensemble Berlin präsentiert zudem Musik wenig bekannter Komponisten, wie eine Royal Trumpet Suite des Londoner Klavierlehrers Gottfried Keller, und Bühnenmusiken von John Shore, Nicola Mattheis und Jeremiah Clarke. Es ist ein abwechslungsreiches Programm, in dem die Klänge der acht virtuos geblasenen Barocktrompe- ten nebst Pauken und Basso continuo immer wieder durch „leise“ Musik- stücke ergänzt werden, in denen Orgel oder auch Laute Akzente setzen. Gratulation, diese CD ist wirklich sehr gelungen!

Montag, 9. November 2015

Michael: Musicalische Seelenlust (Raumklang)

Tobias Michael (1592 bis 1657) war den Sohn des Dresdner Hofkapell- meisters Rogier Michael. Seine musikalische Laufbahn begann er 1601 als Sängerknabe in der Hofkapelle; 1609 schickte ihn der Kurfürst zur weiteren Ausbildung an die Landesschule in Pforta. Anschließend studierte Michael ab 1613 erst in Wittenberg, und dann in Jena. 1619 erhielt er die Stelle des Kapellmeisters an einer soeben neu errichteten Kirche in Sondershausen. 1621 fielen allerdings das Schloss und fast die gesamte Stadt einem verheerenden Brand zum Opfer; danach setzten seine Dienstherren, die Grafen zu Schwarzburg, die den Musiker ungern ziehen lassen wollten, Michael als Kanzleibeamten ein. 
Nach dem Tode von Johann Hermann Schein wurde Tobias Michael 1631 zum neuen Thomaskantor gewählt. So konnte er aus dem bedrängten Sondershausen nach Leipzig umziehen, wo er trotz Krieg und Seuchen dafür sorgte, dass das Kantorat an Bedeutung gewann – und dass die Thomaner wieder erstklassig sangen. So widmete Heinrich Schütz, der neue Hofkapellmeister in Dresden, der Stadt Leipzig und ihrem „berühmbten Chor“ seine Geistliche Chormusik von 1648. Der erzielte Qualitätszuwachs ist umso erstaunlicher, wenn man in der Leichpredigt liest, dass Tobias Michael in seinen 30 letzten Lebensjahren immer wieder von schweren Gichtanfällen geplagt wurde, und zum Schluss das Krankenlager gar nicht mehr verlassen konnte. 
Das bedeutendste Werk Michaels ist die Musicalische Seelenlust, 1634/35 und 1637 in zwei Teilen im Druck veröffentlicht. Der erste Teil enthält 30 geistliche Madrigale – biblische Texte in Vertonungen für fünf Stimmen, gesetzt nach dem seinerzeit innovativen italienischen Vorbild. Insofern erinnert dieser Teil an Scheins berühmtes Israelsbrünnlein. Im zweiten Teil fasste Michael 50 geistliche Konzerte für sehr unterschiedliche Besetzungen zusammen. Auf dieser CD erklingen Werke aus beiden Teilen, vorgetragen vom Ensemble Polyharmonique.

Samstag, 31. Oktober 2015

Weichlein: Encaenia Musices (Raumklang)

Andreas Franz („Romanus“) Weich- lein (1652 bis 1706) stammte aus einer Musikerdynastie. Er war der Sohn eines Organisten, und seine drei Brüder Johann Georg, Franz und Constantin wurden ebenfalls Orga- nisten. Andreas Franz Weichlein hingegen widmete sich offenbar mehr der Violine. Über seine musikalische Ausbildung ist jedoch nichts bekannt. Er trat in das Benediktinerkloster Stift Lambach ein, wo er den Ordens- namen Romanus erhielt. 
Nach dem Noviziat und seiner Profess im Jahre 1671 studierte er an der Benediktineruniversität Salzburg. Weichlein wirkte dann als Kaplan und Musikpräfekt am Benediktinenstift Nonnberg in Salzburg. 1691 wurde er in gleicher Funktion an das Kloster zum Heiligen Kreuz nach Säben in Südtirol entsandt, ein Tochterhaus des Stiftes Nonnberg, das 1699 zur Abtei erhoben wurde. 1705 wurde Weichlein als Pfarrer ins ungarische Maria Haid geschickt, heute Kleinfrauenhaid, wo er ein Jahr später an Typhus starb. 
Die meisten seiner Werke wurden nicht publiziert; im Druck erschienen sind nur zwei Sammlungen – Encaenia Musices op. 1, 1695 gedruckt, und ein Sammelband mit Kirchenmusik unter dem Titel Parnassus Ecclesias- tico-Musicus op. 2, veröffentlicht 1702 in Ulm. 
Die Capella vitalis Berlin hat bei Raumklang nun einige Werke aus Encaenia Musices eingespielt. Für die CD haben die Musiker nicht nur einige der Sonaten ausgewählt, sondern auch drei der 24 Duette für zwei Trompeten, die sich in den Clarin-Stimmen in einem Anhang befinden. Es erklingt zudem der Canon über das Post-Hörnl, der sich auf einer Kupferplatte im Kloster Lambach fand – ein ganz spezielles Geschenk Weichleins für seinen Freund Abt Severin Blass zum 35. Geburtstag im Jahre 1684. Das Ensemble Capella vitalis Berlin, 2002 durch die Barockgeigerinnen Almut Schlicker und Ulrike Wildenhof gegründet, musiziert gekonnt und mit einer gehörigen Portion Temperament. 

Montag, 17. August 2015

Armarium (Raumklang)

„Claustrum sine armario quasi castrum sine armamentario“, diesen Spruch soll einst ein französischer Augustiner-Chorherr geprägt haben. Bücher galten als die Waffen des Mönches im Kampf gegen den Teufel. Und deshalb hatte jedes Kloster seine Bibliothek – auch St. Thomas zu Leipzig, 1212 durch Markgraf Dietrich von Meißen gestiftet. In jenem Jahr begann auch die Geschichte des Thomanerchores. Denn zu dem Kloster gehörte eine Lateinschule, deren Schüler unter anderem auch im Gesang unterwiesen wurden. Eine der Aufgaben der Scholaren war der Chorgesang im Gottesdienst. Daran hat sich auch durch die Reformation und den anschließenden Erwerb des Thomasklosters durch die Stadt Leipzig nichts geändert – bis zum heutigen Tage gestalten die Thomaner Gottesdienste.
Das Ensemble Amarcord hat seine Wurzeln im Thomanerchor. Wolfram und Martin Lattke sowie Robert Pohlers, Tenor, Frank Ozimek, Bariton und Daniel Knauft sowie Holger Krause, Bass haben schon verschiedent- lich in historischen Notenschätzen des berühmten Knabenchores gestö- bert. So haben sie auf einer CD bereits Musik aus dem Thomas-Graduale vorgestellt. 
Zwei Sequenzen aus diesem Codex vom Beginn des 14. Jahrhunderts bilden auch den musikalischen Rahmen für dieses Programm, in dem die Sänger A-Cappella-Musik aus dem Notenschrank der Thomaner zusammengestellt haben, vom Mittelalter bis zu Heinrich Schütz. Auf der CD finden sich Werke von großen Meistern wie Orlando di Lasso, Thomas Stoltzer oder Johann Walter sowie den einstigen Thomaskantoren Sethus Calvisius und Johann Hermann Schein, neben jenen weniger bekannter Komponisten aus jener Zeit; vieles davon wurde in Sammelbänden wie Florilegium selectissimum hymnorum, Leipzig 1666, oder Florilegium Musici Porten- sis, Leipzig 1621, überliefert. Amarcord singt all diese Stücke aus dem reichen musikalischen Erbe der Thomaner gekonnt, stets durchhörbar und ausgewogen – und mit einem beneidenswert homogenen Ensembleklang. Sehr gelungen!  

Montag, 20. April 2015

Guillemain: Sonates en Quatuors (Raumklang)

Louis-Gabriel Guillemain (1705 bis 1770) war, so berichtet ein Zeitge- nosse, der deutsche Musikwissen- schaftler Friedrich Wilhelm Marpurg, „ein Mann für den keine Schwürig- keit zu groß ist, die er nicht beim ersten Anblick vom Blatte weg, in der möglichsten Vollkommenheit treffen sollte. Seine Compositionen sind ziemlich bizarre, und studirt er täglich darauf, sie noch immer bizarrer zu machen“
Der Geiger war das Ziehkind eines Edelmannes; er war Schüler von Jean-Marie Leclair und Giovanni Battista Somis. 1729 wurde Guillemain Orchestermitglied an der Oper in Lyon, 1734 Konzertmeister in Dijon. 1737 avancierte er zum musicien ordinaire de la Chapelle et le Chambre du Roy in Versailles. Unter den Musikern des Königs stand er auf der Gehaltsliste gleich hinter dem Starviolinisten Jean-Pierre Guignon auf Rang zwei. Dennoch war er mit seinem Dasein nicht wirklich zufrieden; die Bettelbriefe, die er seinen Gönnern schrieb, erinnern fatal an die Mozarts. Schließlich wurde er mit 14 Messerstichen im Körper aufgefunden. Sein Ableben wurde zu einem Selbstmord erklärt, und die Leiche schnell verscharrt. 
Das erscheint ziemlich merkwürdig, zumal der Musiker als Geiger wie als Komponist ziemlich geschätzt war. Das Rätsel um das Lebensende des Musikers werden wir, aus heutiger Perspektive, wohl nicht mehr lösen können. Seine Musik allerdings erscheint weit weniger rätselhaft als sein Lebensweg. Das Ensemble Barockin' hat vier seiner Sonates en quatours eingespielt, zwei davon in Weltersteinspielung. Es sind graziöse, sehr elegante Stücke, durch den Komponisten bestimmt für Traversflöte, Violine, Viola da gamba und Basso continuo. Allzu gelehrte Formen vermied Guillemain ebenso wie krasse Kontraste oder drastischen Affekt-Ausdruck. Dennoch ist seine Musik nicht oberflächlich. Und für den Geiger hält Guillemain allerhand technische Überraschungen bereit. Seine Stärke ist die Melodie, darin brilliert er – und die Musiker des Ensembles Barockin' mit ihm. Ihre Interpretation vereint Musizierlust und Anmut. Bravi!

Sonntag, 28. April 2013

Amarcord: Folks & Tales (Raumklang)

Mit diesem Album hat das Leipzi- ger Ensemble Amarcord erneut einen großen Wurf gelandet. Es gehört wenig Phantasie dazu, vorherzusagen, dass Folks & Tales nicht nur die Fans des Vokalquin- tetts begeistern wird.
Amarcord besteht nunmehr seit 20 Jahren. Konzertreisen haben Wolfram und Martin Lattke, Frank Ozimek, Daniel Knauft und Holger Krause in über 50 Länder geführt. Die Sänger haben dabei, als Refe- renz an ihr Publikum, oftmals auch Volkslieder aus der betreffenden Region in ihre Programme aufgenommen.
17 derartige "Folksongs" haben sie nun auf dieser CD zusammengetra- gen. Die ohnehin eingängigen Lieder erklingen in hinreißenden und farbenfrohen Arrangements, die speziell für die fünf Sänger entstan- den sind. Sie sind kein bisschen sentimental und volkstümelnd, sondern pfiffig und mitunter mit ihren Anleihen bei Pop und Jazz sogar etwas kühn. 
Die Reise führt rund um die Welt, von Deutschland über Amerika und Australien, die Philippinen, Thailand, Korea und Japan, Kuba und Ghana, Israel, Sardinien, Irland und Schweden, Lettland und Russ- land bis nach Böhmen. Man folgt dem Quintett dabei gern. Denn die fünf Sänger von Amarcord sind perfekt aufeinander eingespielt. Das Ensemble beeindruckt durch seinen homogenen, ausgewogenen Klang - und durch Charme und Humor. Bravi! und mehr davon. 

Samstag, 2. März 2013

Schätze aus Uppsala (Raumklang)

Die Musikaliensammlung des Hofkapellmeisters Gustaf Düben befindet sich heute in der Uni- versitätsbibliothek Uppsala. Die Familie Düben war eine Musiker- dynastie, die über hundert Jahre das Musikleben am schwedischen Hof mit geprägt hat. Begründet wurde sie von Andreas Düben (um 1597 bis 1662), der aus der Umgebung von Leipzig stammte und ein Schüler Sweelincks war. Anlässlich der Hochzeit des schwedischen Königs Gustaf II. Adolf wurde er für die neu gegründete Hofkapelle "eingekauft" - und blieb. Sein Sohn Gustaf Düben (1624 bis 1690) wurde dann sein Nachfolger, sowohl im Hofkapellmeisteramt als auch als Organist der Deutschen Kirche in Stockholm. Er trug den größten Teil der Notensammlung zusammen, die später seinen Namen tragen sollte. Sein Sohn Anders von Düben (1673 bis 1738) folgte dem Vater im Amt nach, und führte auch die Sammlung weiter. Als er andere Aufgaben bei Hofe übernahm, übergab er die Musikalien der Hoch- schule. 
Dort wurde die Kollektion, die auf gut 30.000 handschriftlichen Seiten und einigen Drucken um die 2.300 Werke des 17. und frühen 18. Jahrhunderts umfasst, auf einem Dachboden eingelagert und vergessen. Wiederentdeckt wurde sie erst über 150 Jahre später - und mit großer Freude erschlossen. Denn Vater und Sohn hatten sowohl Musik aus dem Ostseeraum als auch Werke aus Frankreich, Italien und England zusammengetragen. Etliches davon ist heute nur noch in dieser Sammlung zu finden. 
Welche Schätze die Sammlung Düben birgt, das zeigt die vorliegende CD, die einige dieser Werke vorstellt. Darunter ist Musik von Kaspar Förster (1616 bis 1673), der zwischen Italien und dem Baltikum regelrecht pendelte, von Marco Giuseppe Peranda (um 1625 bis 1675), der um 1650 von Rom nach Dresden ging, wo er Schütz' Nachfolger als Hofkapellmeister wurde, oder von Franz Tunder (1614 bis 1667). Die Namen der anderen Komponisten sind noch weniger geläufig; sie gehören aber durchweg der Generation zwischen Schütz und Buxtehude an. Und genau so klingt auch ihre Musik. Wolf Matthias Friedrich singt diese Raritäten mit ebenso sonorem wie beweglichem Bass; und auch Les Cornets Noirs erweisen sich einmal mehr als herausragende Interpreten "Alter" Musik. Das Programm, das die Musiker zusammengestellt haben, ist abwechslungsreich und ausgewogen. Und die CD ist insgesamt derart klangschön und gelungen, dass sie nicht nur Freunde der "Alten" Musik faszinieren wird. 

Samstag, 29. Dezember 2012

The King's Christmas (Raumklang)

Weihnachten im elisabethanischen England und im Reich der Stuarts - das sind einerseits höfischer Glanz und festliche Pracht, andererseits aber Besinnung, Ruhe und Einkehr. Diese beiden Pole bestimmen auch diese CD, die das Barocktrompeten Ensemble Berlin unter Johann Plietzsch bei Raumklang einge- spielt hat. Da sind einerseits die Masques und Morality Plays, und die feierlichen Gottesdienste - mit Pauken und Trompeten repräsen- tiert dort der Hof, und auch die Posaunen unterstreichen mit ihrem kraftvollen Klang den Machtan- spruch, der hier demonstriert wird. 
Da sind aber auch die ruhigen Stücke, wo Lauten zu hören sind, und mitunter auch die Orgel. Das Barocktrompeten Ensemble Berlin setzt für diese CD bewusst auf Kontraste. Musiziert wird mit der gewohnten Professionalität; die Bläser spielen ihre historischen Instrumente versiert und klangschön. Das ist mit Sicherheit nicht einfach und technisch kein Spaziergang, aber es verleiht dieser Einspielung auch eine einzigartige Aura - man höre nur The Cold Genius aus Henry Purcells King Arthur-Suite. Grandios! 

Dienstag, 3. Juli 2012

Graun: Trios - Les Récréations (Raumklang)

Etwa 130 Triosonaten von Johann Gottlieb Graun (1703 bis 1771) sind überliefert. Vier seiner Werke haben die Musiker des Ensembles Les Récréations für diese CD nach Handschriften aus der Berliner Amalienbibliothek eingespielt. Die Auswahl fiel ihnen offenbar nicht leicht: "Nous avons échangé des pièces jusqu'au dernier moment et arions probablement fait un choix encore différent une semaine plus tard", meint Matthieu Camilleri. Er ist ebenso wie Clara Mühlethaler, Emily Robinson und Philippe Grisvard ausgewiesener Experte für "Alte" Musik. Beim Quatro ergänzt der Gambist Atsushi Sakai die Be- setzung. Auch eine gewisse Vorliebe für originelle Kompositionen scheinen die Musiker ja zu teilen; nach Spätbarock klingen diese Stücke jedenfalls nur noch andeutungsweise. 
Grauns Werke sind gekennzeichnet durch ausgedehnte konzertante Passagen, in die sich alle Stimmen ziemlich fair teilen. Dabei ähnelt das gemeinsame Musizieren stark einer zwar virtuosen, aber auch sehr gepflegten Konversation - hier darf jeder ausreden, und der Gesprächspartner ist weniger darauf erpicht, eigene Ideen ins Spiel zu bringen; er greift vielmehr das zuvor Gesagte auf und führt es weiter. Der Kontrapunkt als Strukturprinzip bringt da interessante Effekte.
Graun war ein Geiger, seine Lehrer hießen Pisendel und Tartini. 1732 trat der junge Musiker gemeinsam mit seinem Bruder Carl Heinrich in die Dienste des preußischen Kronprinzen Friedrich, der sich damals noch in Neuruppin aufhielt. Die Gebrüder Graun folgten Friedrich dann nach Rheinsberg und Berlin. Am Hofe des preußischen Königs wirkte Johann Gottlieb Graun bis an sein Lebensende als Konzert- meister und Kammermusikus; seine Kompositionen, die Friedrich sehr schätzte, dürften so manches Konzert in Sanssouci bereichert haben. 
Diese CD wiederum dürfte die Sammlung musikhistorisch interes- sierter Hörer bereichern. Denn wer Grauns Werke hört, der lernt zugleich die Wurzeln der Klassik kennen. Sie sind zwar eher virtuos als galant - doch vom Kontrapunkt Grauns ist der Weg hin zu Haydn, ja selbst zum frühen Beethoven nicht mehr weit. Und so durchdacht und temperamentvoll vorgetragen, wie man Grauns Triosonaten hier er- leben kann, sind sie wirklich ein Genuss - bravi!  

Mittwoch, 9. Mai 2012

Pisendel - Violinkonzerte aus Dresden (Raumklang)

Johann Georg Pisendel (1687 bis 1755) begann seine musikalische Ausbildung bei seinem Vater, der Kantor war. 1697 wurde er als Kapellknabe in die Ansbacher Hofkapelle aufgenommen, wo unter anderem Francesco Antonio Pistocchi und Giuseppe Torelli zu seinen Lehrern zählten. Als der Markgraf 1703 seine Kapelle ver- kleinerte, durfte Pisendel bleiben; er erhielt eine Stelle als Violinist. 1709 reiste er nach Leipzig. Dort leitete er zeitweilig das Collegium musicum. Im Januar 1712 ging er als erster Violinist nach Dresden; 1728 wurde er der Nachfolger Jean-Baptiste Volumiers als Konzertmeister der sächsischen Hofkapelle. 
Pisendel war nicht nur ein bedeutender Violinvirtuose, sondern auch sehr fleißig und sehr beliebt. Vivaldi schätzte ihn und komponierte für ihn. Auch Telemann, Graupner und Bach schrieben ihm Solopartien. Von seinem Notenarchiv profitieren Musiker noch heute, denn es gilt als eine der wichtigsten Quellen für die Musik der Dresdner Hofkapelle zur Zeit des Barock. 
Einige der Schätze aus dieser Bibliothek haben nun die Musiker der International Baroque Players um Johannes Pramsohler gehoben. Als Erstveröffentlichungen erklingen ein Concerto in D-Dur für Violine, Flöten, Oboen, Streicher und Basso continuo von Johann Friedrich Fasch, ein Concerto in a-Moll für Violine, Streicher und Basso conti- nuo von Johann David Heinichen, das Concerto in G-Dur für Violine, Hörner, Oboen, Fagott, Streicher und Basso continuo von Pisendel sowie die Triosonate HWV 392 von Georg Friedrich Händel in einer Orchesterversion von Pisendel. Ergänzt wird dieses anspruchsvolle Programm durch das Konzert, das Georg Philipp Telemann seinem Freund 1719 bei einem Besuch in Dresden übergab, das sogenannte Pisendel-Konzert, und zwar in der zweiten, überarbeiteten Fassung. Es würdigt die Fähigkeiten des Geigenvirtuosen, und gehört zu den wenigen auch technisch wirklich anspruchsvollen Geigenkonzerten Telemanns. 
Diese Werke belegen noch heute eindrucksvoll, mit welcher Eleganz und Leichtigkeit in Dresden damals musiziert wurde - die Hofkapelle muss durchweg mit exzellenten Musikern besetzt gewesen sein, wie sie kaum an einem anderen Hof Europas in derartiger Zahl verfügbar gewesen sein dürften. Doch nicht nur die jungen Musiker der Inter- national Baroque Players greifen mit dieser Repertoirewahl für ihre Debüt-CD nach den Sternen. Johannes Pramsohler spielt die Geige Reinhard Goebels, eine Pietro Giacomo Rogeri aus dem Jahre 1713. Was Streicher, Holzbläser und Continuo betrifft, so wird man von diesem künstlerischen Nachwuchs ganz sicher noch hören. Die Blechbläser allerdings wurden durch die Anforderungen bis an die Grenzen ihres Leistungsvermögens getrieben; das überzeugt noch nicht. Und auch der bemüht energische Zugriff und die etwas selt- same Akustik dieser Aufnahme sorgen leider dafür, dass die Freude nicht gänzlich ungetrübt bleibt. 

Dienstag, 6. Dezember 2011

Schütz: Ich hebe meine Augen auf (Raumklang)

Kirchenmusik spiegelte zur Zeit Heinrich Schütz' oftmals konkrete Kirchenräume. Zum einen experimentierten die Musiker damals mit der Mehrchörigkeit, und placierten dazu Sänger und Instrumentalisten auf diversen Emporen oder in Seitenkapellen. Zum anderen fungierten die Mu- siker gewissermaßen als irdisches Abbild der musizierenden Engels- chöre, und der Gottesdienst nahm das Gotteslob in der Ewigkeit vorweg. So fragte sich Michael Praetorius im Vorwort seiner Poly- hymnia 1619, was derjenige im Himmel machen wolle, der keine Lust zur Musik verspüre: "Denn im Himmel muessen wir alle, der Herr so wol alß der Knecht, Musiciren. Und ob es wol nicht ohne, daß wir in der reichen erstattung, zu der Himmlischen Cantorey gnugsamb instruirt und tuechtig gemacht werden: So heist es dennoch, last uns die Kunst lernen auff Erden, die wir im Himmel gebrauchen werden."
Heinrich Schütz, der in Venedig die Mehrchörigkeit erlebt und stu- diert hat, musizierte am Hofe der sächsischen Kurfürsten unter ande- rem in der Schlosskapelle, erbaut im 16. Jahrhundert im Stil von Spätgotik und Renaissance, mit einem Netzgewölbe und einer geräu- migen, umlaufenden Empore. Für diesen Kirchenraum schuf Schütz eine Reihe von Werken, die auf den kontrastreichen Dialog zwischen Favorit- und Kapellchören setzen. Die vorliegende CD gibt einen Eindruck von der Klangpracht dieser üppig besetzten Werke. Sie zeigt aber auch, wie Schütz mit reduzierten Mitteln - der Dreißigjährige Krieg brachte auch in Dresden Sparzwänge - verblüffende Effekte erzielte. 
Noch freilich ist die Sanierung der Schlosskapelle, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, nicht abgeschlossen. Aus diesem Grunde haben die Mitglieder der Cappella Sagittariana Dresden unter Norbert Schuster diese CD in der Dresdner Lukaskirche eingespielt. Die Aufnahme beeindruckt durch wahre Klangfluten - mir ist das fast ein bisschen viel Getöse; Schütz war auch ein Meister der Kontraste, nicht nur der Vielstimmigkeit. 

Montag, 21. November 2011

Tromba Hispanica (Raumklang)

"Die Instrumente des Ensembles symbolisieren gewissermaßen das geteilte Spanien am Ende der Reconquista", schreibt Johann Plietzsch, Leiter des Barocktrom- peten Ensembles Berlin, in dem sehr informativen Beiheft zu dieser CD. "Die Trompeten und Pauken waren von großer militärischer Bedeutung, sie dienten der Organi- sation in der Kriegsführung und der Motivation der Truppen, waren weit hörbare Übermittler von Nachrichten und Befehlen. Auch demonstrierten sie Macht und Stärke im höfischen zeremoniell. Zusammen mit der Truhenorgel (Symbol der Kirche) stehen sie für das christliche Spanien. Die Lautenfamilie (Theorbe und andere Zupfinstrumente) sowie die unterschiedlichsten Percussionsinstru- mente wie Rahmentrommeln, Tambourins etc, entstammen der maurisch-arabischen Kultur." 
Für die CD haben die Musiker des Barocktrompeten Ensembles Berlin auf Nachbauten historischer Instrumente Werke aus dem 16. und
17. Jahrhundert eingespielt. Sie entstammen zum einen dem Habs- burger Hof, zum anderen sind es jedoch auch erste Ergebnisse der Suche nach "original" spanischer Trompetenmusik. Sie ist im Gegen- satz zu den Werken der italienischen Trompeter, die weitgehend er- forscht und dokumentiert sind, noch nicht besonders gut erschlos- sen. Denn die Trompeterzünfte sorgten seinerzeit dafür, dass ihre Musik geheimgehalten wurde; die Stücke wurden innerhalb der Zunft weitergegeben - und nicht notiert. Wer herausfinden möchte, wie sie geklungen haben, der muss auf die Spurensuche gehen: In Lauten- tabulaturen oder in spanischer Orgelmusik finden sich Trompeten- stücke, die damals offensichtlich so populär waren, dass sie auch auf anderen Instrumenten nachgespielt wurden. 

Nach solchen Überlieferungen wurden einige dieser Werke rekonstru- iert. Eine tolle CD, denn schon die sechs Barocktrompeten ergeben ein prachtvolles Klangbild. Doch auch Jan Grüter und Simon Linné an Barockgitarre und Theorbe, Mark Nordstrand, Truhenorgel und Tan Kutay, Pauken und Percussion, setzen mit ihrer Kunst Akzente. Wunderbar! 

Mittwoch, 16. November 2011

Coming home for Christmas - amarcord (Raumklang)

Weihnachtslieder aus aller Welt in pfiffigen Close-harmony-Arrange- ments legt das Leipziger Ensem- ble Armacord dem Musikfreund auf den Gabentisch. Wolfram und Martin Lattke, Tenor, Frank Ozi- mek, Bariton sowie Daniel Knauft und Holger Krause, Bass, beein- drucken durch einen harmoni- schen, homogenen Ensembleklang - was die Sänger aber nicht daran hindert, durchaus auch individu- elles Profil zu zeigen. Dass das Leipziger Ensemble, das aus dem Thomanerchor hervorgegangen ist, im kommenden Jahr sein zwanzigjähriges Bestehen feiern kann, das dürfte wohl auch mit an dem ausgeprägten Humor der Fünf liegen. Er prägt auch die vorliegende Aufnahme unüberhörbar, obwohl sie eher entspannt als schmissig klingt. Zum Fest passt das perfekt. Wer die Comedian Harmonists mag, der wird diese CD mit Weihnachtsliedern lieben. 

Donnerstag, 13. Oktober 2011

Bach: Die Kunst der Fuge; Kofler (Raumklang)

"Für mich ist die Kunst der Fuge kein akademisches Lehrbuch der Fugenkomposition, sondern eine Folge von lebendigen, packenden Charakterstücken", erklärt Peter Kofler. Damit tritt der Organist und Cembalist in die Tradition Robert Schumanns, der diese Bezeichnung seinerzeit wählte. Es ist eine ro- mantische Tradition, und das prägt auch diese CD maßgeblich. 
Um den Ausdruck zu unterstrei- chen, wählte Kofler für diese Ein- spielung zwei höchst unterschied- liche Instrumente aus. Da wäre zum einen ein zweimanualiges Cem- balo von Karl August Gräbner, Dresden 1782, aus der Sammlung des Germanischen Nationalmuseums zu Nürnberg. Es ist ein Instrument, das vergleichsweise spät angefertigt worden ist, zu einem Zeitpunkt, da das Hammerklavier schon weit verbreitet war. Dennoch blieb das Cembalo noch für einige Zeit ein beliebtes Konzertinstrument - und profitierte ebenfalls von der Weiterentwicklung  des Klavierbaus. 
Im Kontrast dazu entschied sich Peter Kofler für ein Organo di Legno, eine kleine Orgel, deren Pfeifen ganz aus Zypressenholz bestehen. Sie wurde von Andreas J. Schiegnitz, Albsheim/Grünstadt in der Pfalz, nach einem Original erbaut, das sich in der Silbernen Kapelle zu Innsbruck befindet. Ihr Klang ist charakteristisch, sehr weich und zugleich durchdringend. Auch sind die Klangfarben von Bass und Diskant ziemlich unterschiedlich, was zur Durchhörbarkeit eines mehrstimmigen Satzes beiträgt. 
Bei der Erkundung der einzelnen Stücke lässt sich Kofler Zeit. Er spürt dem Charakter der jeweiligen Fuge nach, versäumt darüber jedoch nicht, den Zyklus als solchen zu präsentieren. Eine interessante Variante, die man gern anhört.