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Sonntag, 17. November 2019

Triumvirat (Querstand)

Johann Schenck, August Kühnel und Conrad Höffler waren einst berühmte Gambenvirtuosen. Dass ihre Namen heute nur noch Insidern ein Begriff sind, hat seinen Grund wohl darin, dass sie nicht am Hofe des Sonnenkönigs wirkten, sondern an diversen deutschen Höfen. Auf dieser CD zeigt Juliane Laake mit ihrem Ensemble Art d’Echo, dass sie dennoch an Kunstfertigkeit ihren französischen Kollegen in nichts nachstanden. 
August Kühnel (1645 bis um 1700), Sohn eines mecklenburgischen Kammermusikers, erhielt seine erste Anstellung bereits im Alter von 16 Jahren am Hofe des Herzogs Moritz von Sachsen-Zeitz. 1665 reiste er nach Frankreich, und nach dem Tode seines Dienstherrn im Jahre 1681 ging Kühnel nach England. 1682 und 1685 musizierte er in London, wo er als Barytonspieler großen Erfolg hatte. In Deutschland trat er als Virtuose in Darmstadt, Dresden , Weimar und München in Erscheinung. 1695 wurde Kühnel Kapellmeister am Hofe des Landgrafen zu Hessen-Kassel; 1698 veröffentlichte er dort seine 14 Sonate ò Partite ad una o due viole da gamba, con il basso continuo. Damit verliert sich dann seine Spur. 
Conrad Höffler (1647 bis 1696) wuchs gemeinsam mit Johann Philipp Krieger in Nürnberg auf, wo er auch eine Ausbildung bei dem Gambisten Gabriel Schütz absolvierte. Höffler wirkte in Bayreuth und Ansbach; 1676 wechselte er an den Hof des Herzogs zu Sachsen-Weißenfels, wo er bis an sein Lebensende blieb. 1695 veröffentlichte Höffler unter dem Titel Primitiæ chelicæ eine Sammlung von zwölf Suiten für Viola da gamba und Basso continuo. 
Über den Lebensweg von Johann Schenck (1660 bis nach 1712) wurde in diesem Blog bereits an anderer Stelle ausführlich berichtet; er wirkte am Hofe des Kurfürsten Johann Wilhelm von der Pfalz, und war als Musiker offenbar ebenso begabt wie als Diplomat, was ihm sowohl Reputation als auch Wohlstand einbrachte. So war Schenck in der Lage, seine Kompositionen drucken zu lassen. 
Juliane Laake hat aus dem Schaffen dieser drei bedeutenden Gambenvirtuosen Werke ausgewählt, die den hohen Rang dieser Meister bestätigen. Die Musik, die sie mit ihrem Ensemble Art d’Echo inspiriert vorträgt, begeistert durch Eleganz und Esprit – und die Einspielung ist zugleich ein hinreißendes Plädoyer für das Stöbern in alten Notenbeständen! Auch in der Musikgeschichte gibt es abseits ausgetretener Pfade offenbar doch noch viel Lohnendes zu entdecken...

Donnerstag, 28. Dezember 2017

Viola Appassionata (Querstand)

Vor langer, langer Zeit, als Improvi- sation und üppiges Verzieren von Melodielinien für Musiker noch Selbstverständlichkeiten waren, gab es Lehrwerke, um den allzu freien Gebrauch solcher Künste wiederum einzudämmen. Ihre Autoren zeigten an Beispielen, was schicklich und angemessen ist – für Musizierende und Musikwissenschaftler heute sind diese Traktate ergiebige Fundgruben, wie auch diese CD beweist. 
Die Gambistin Juliane Laake hat mit ihrem Ensemble Art d'Echo, konkret mit Maximilian Ehrhardt, Barock- harfe, und Johanna Oelmüller Rasch, Barockcello, aus dem Anschauungs- material derartiger Lehrwerke ein anspruchsvolles Programm zusammen- gestellt. So zählt die Musik, die Diego Ortiz Toledona (um 1510 bis 1570), Kapellmeister am Hofe des Vizekönigs zu Neapel, in seinem Trattado de glosas vorstellt, heute zu den frühesten Werken für Sologambe überhaupt. 
Auch Girolamo Dalla Casa (um 1550 bis 1601) veröffentlichte ein Lehrwerk über die Ornamentierung; 1584 erschien in Venedig sein „Il vero modo di diminuir con le tutte le sorte di stromenti“. Und 1592 folgte, ebenfalls in Venedig, „Passagi per potersi essecitare“ von dem Streichervirtuosen Riccardo Rognoni (vor 1550 bis 1620). 
Außerdem erklingen Werke von Bernardo Pasquini, Andrea Falconieri, Girolamo Frescobaldi, Cipriano de Rore, Giovanni Trabaci, Giovanni Bassano und Adam Jarzebsky. Somit gibt die neue CD von Juliane Laake einen höchst interessanten Überblick über italienische virtuose Gambenmusik aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Nach einer wundervollen Einspielung mit Gambenklängen aus Brandenburg-Preußen, aus der Zeit des Großen Kurfürsten (der selbst Gambe spielte), ist dies bereits ihre zweite Aufnahme beim Label Querstand. 

Montag, 2. Oktober 2017

Bach - Krebs - Abel (Analekta)

Diese CD vereint Werke von Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750), Johann Ludwig Krebs (1713 bis 1780) und Carl Friedrich Abel (1723 bis 1787). „Väter und Söhne“, so der Untertitel des Albums, betrifft das insofern, als Krebs tatsächlich ein Schüler Bachs war. Für Abel ist das nicht belegt; allerdings musizierte sein Vater, der Violinist und Gambenvirtuose Christian Ferdinand Abel, als „Premier-Musicus“ in jener Köthener Hofkapelle, der Bach als Kapellmeister vorstand. 
Es wird vermutet, dass Bach seine Gambensonaten für Christian Ferdinand Abel komponierte. Sie erklingen auf dieser CD, allerdings wird statt der Viola da gamba eine Viola gespielt: Helen Callus musiziert sehr hörenswert, gemeinsam mit Luc Beauséjour am Cembalo. 
Die Bratschistin hat auch die beiden Stücke der „Söhne-Generation“ passend arrangiert: Das Programm ergänzen ein Trio in c-Moll für zwei Claviere und Bass von Johann Ludwig Krebs, und die Gambensonate WKO 150 von Carl Friedrich Abel. Letzterer blieb der Bach-Familie verbunden; er war insbesondere mit Johann Christian Bach befreundet und veranstaltete gemeinsam mit ihm in London die Bach-Abel-Konzerte. 

Donnerstag, 20. Oktober 2016

Abel: The Drexel Manuscript (Accent)

Die Sammlung des Mäzens Joseph William Drexel – sie befindet sich heute in der New York Public Library – enthält, neben vielen anderen Schätzen, neunundzwanzig Kompositionen von Carl Friedrich Abel für Solo-Gambe. 
Carl Friedrich Abel (1723 bis 1787) war des Sohn des Gambenvirtuosen Christian Ferdinand Abel, der zu Bachs Zeiten in der Köthener Hofkapelle musizierte. Von 1739 bis 1743 soll er sich in Leipzig aufgehal- ten haben; ob er ein Schüler Bachs war, wie vermutet wird, das lässt sich nicht belegen. Ab 1745 jedenfalls musizierte er in der Dresdner Hofkapelle, wo er auch erste Kompositionen schuf. Zehn Jahre später verließ er die Residenz, und verbrachte einige Jahre auf Konzertreisen durch Europa. 1759 ging er schließlich nach London, wo er wohl, abgesehen von einem kurzen Aufenthalt 1782 am preußischen Hof in Berlin, die verbeibenden Jahre verbrachte. Mit Johann Christian Bach war Abel eng befreundet, die „Bach-Abel-Konzerte“ waren in London eine Institution. 
Die Werke aus dem Drexel-Manuskript soll Abel während seiner Zeit in England geschrieben haben. Petr Wagner spielt sie in der Reihenfolge der Handschrift. Einige davon sind umfangreiche Kompositionen, andere ähneln eher Skizzen – Wagner hat sie Präludien und Kadenzen genannt. Es sind virtuose Stücke darunter und galante, kapriziöse und empfindsame; sogar eine Fuge findet sich. Mit seiner Einspielung macht Wagner deut- lich, warum Abel von seinen Zeitgenossen  derart geschätzt wurde. Wer Gambenmusik liebt, der sollte diese CD unbedingt anhören. 

Samstag, 20. August 2016

Carl Friedrich Abel - Ledenburg (Coviello)

Die Notenbibliothek der Eleonore von Münster – sie befindet sich heute zusammen mit ihren literarischen Werken, Zeichnungen und Archiva- lien des Gutes Ledenburg im Nieder- sächsischen Landesarchiv am Standort Osnabrück – enthielt noch weitere Schätze, die Thomas Fritzsch offenbar umgehend gehoben hat. Nur wenige Wochen nach der Ersteinspie- lung von Telemanns Fantasien für Viola da gamba, die er dort aufspürte, veröffentlichte der Gambist bei Coviello Classics eine weitere CD mit bislang unbekannten Musikstücken aus der Feder Carl Friedrich Abels (1723 bis 1787). 
Der berühmte Gambenvirtuose stammte aus Köthen, wo sein Vater in der Hofkapelle musizierte. Es wird vermutet, dass er in Leipzig an der Thomas- schule lernte; belegt ist jedenfalls, dass Abel, dem Hofkapellmeister Hasse durch Bach empfohlen, neun Jahre lang in Dresden wirkte. Wegen des Siebenjährigen Krieges verließ er 1757 die Residenzstadt. In London wurde der Musiker ansässig; dort konzertierte er mit großem Erfolg, und wurde Kammermusiker von Königin Charlotte. Gemeinsam mit Johann Christian Bach veranstaltete er ab 1764 die ersten Abonnnementskonzerte in England. Abel war der letzte bedeutende Gambist; nach seinem Tod spielte das Instrument auf dem Konzertpodium faktisch keine Rolle mehr. Auch wenn die Romantiker den Klang der Viola da gamba durchaus schätzten – sie schrieben keine Musik dafür. 
Das sollte sich erst im 20. Jahrhundert, im Zuge der Originalklang-Bewe- gung, wieder ändern. Und so freuen wir uns denn, dass Thomas Fritzsch uns auf dieser CD drei Sonaten Abels und drei ebenfalls neu entdeckte Trios vorstellt. Er musiziert dabei auf einem Instrument des letzten englischen Gambenbauers Samuel Gilkes (1787 bis 1827), angefertigt 1812 in London. Diese Gambe begeistert mit nobler, ausgewogener Klangfülle. Eva Salonen, Violine, und Katharina Holzhey, Violoncello, lassen sich auf dazu passenden Instrumenten hören. Michael Schönheit spielt ein Piano- forte von John Broadwood aus dem Jahre 1805 – was für ein Reichtum an Klangfarben! 

Mittwoch, 10. August 2016

Telemann: 12 Fantaisies pour la Basse de Violle (Coviello)

„Von Telemannischer Music sind folgende neue Werke, in nicht gar langer Zeit, ans Licht getreten, und bey deren Verfasser zu bekommen“, vermeldete der Hamburger Relations-Courier am 12. Januar 1736 – unter anderem: „(4) Zwölf Fantasien für die Violine, ohne Baß, 1 Fl. 4; (5) Dergleichen für die Gambe.“ 
Erschienen sind sie also zweifelsfrei, die 12 Fantaisies pour la Basse de Violle von Georg Philipp Telemann, erfasst wurden sie als TWV 40: 26-37. Generationen von Musikern und Musikhistorikern haben nach dem Werk gesucht – allein es fand sich, trotz aller Bemühungen, nicht ein einziges Exemplar dieses Druckes. Das Werk galt schließlich, eine bessere Marketingstrategie hätte sich selbst der mit allen Wassern gewaschene Telemann nicht einfallen lassen können, als das verschollene Bernstein- zimmer der solistischen Gambenmusik. 
Dem Gambisten Thomas Fritzsch ist es nun gelungen, diesen Schatz zu heben: Nach einem Hinweis des französischen Musikwissenschaftlers Francois-Pierre Goy fand er auf Schloss Ledenburg in der Privatbibliothek der Dichterin Eleonore von Münster (1734 bis 1794) ein Exemplar des Erstdrucks von 1735. Gemeinsam mit Günter von Zadow publizierte er in der Edition Güntersberg eine Notenausgabe, und spielte das Werk bei Coviello Classics ein. Schon allein das ist ohne Zweifel eine Sensation. 
Beim Anhören wird man feststellen: Alle Mühen haben sich gelohnt. Telemanns Fantasien für Viola da gamba sind ohne Zweifel ein bedeu- tendes Werk des Komponisten, den man nicht länger unterschätzen sollte. Sie sind unglaublich abwechslungsreich; die Formen reichen von der kunstvollen kanonischen Imitation bis hin zum nicht minder souverän gestalteten Tanz und vom komplexen, kontrapunktisch gearbeiteten Satz bis hin zu fugierenden Sätzen. Auch melodisch hat Telemann hier das Füllhorn ausgegossen; dabei beweist er zudem eine sehr weitgehende Kenntnis der Spielmöglichkeiten des Instrumentes. Er fordert den Solisten, aber seine Musik ist der Gambe stets angemessen. „Es sind nicht in allen Muscheln Perlen, aber man muss sie alle durchsuchen“, schreibt das Label im Programmheft. In diesem Falle wurde gleich eine ganze Perlenkette wiederentdeckt – unbedingt anhören

Dienstag, 28. Juli 2015

Telemann: Complete Concertos & Trio Sonatas with Viola da gamba (Brilliant Classics)

Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) war nicht nur ein unermüd- licher Erfinder von Melodien, er war auch ein großer Meister im Einsatz von Klangfarben. Besonders schätzte er den samtigen, edlen Klang der Viola da gamba. 
Dieses Instrument kam im 18. Jahr- hundert aus der Mode. Die italieni- schen Virtuosen brachten die Violine in das Konzertleben ein und das Violoncello. In der Kammer- und der Kirchenmusik erfreuten sich diese neuen Streichinstrumente bald größter Beliebtheit. 
Die Viola da gamba war noch einige Zeit das bevorzugte Solo-Instrument der Aristokratie. Gespielt wurde sie beispielsweise von Friedrich Wilhelm I. von Brandenburg, bekannt als der Große Kurfürst, Max Emanuel von Bayern, Leopold von Anhalt-Köthen – doch schon Friedrich Wilhelm II. von Preußen, der Nachfolger Friedrichs des Großen, bevorzugte das Violoncello. 
Mit dem Verschwinden der Gambe geriet auch der größte Teil der Gamben- musik in Vergessenheit – und das ist wirklich schade, wie die vorliegende Box beweist. Cristiano Contadin, Viola da gamba, hat mit dem Ensemble Opera Prima auf sagenhaften fünf (!) CD sämtliche Konzerte und Triosonaten Telemanns eingespielt, in denen dieses Instrument eine prominente Rolle spielt oder gar als Soloinstrument verwendet wird. So erklingen die Sonaten für Violine, Bassgambe und Basso continuo, die Sonaten für Flöte, Bassgambe und Basso continuo, die Sonaten für Oboe, Diskantgambe und Basso continuo, die Sonaten für Blockflöte, Diskant- gambe und Basso continuo sowie diverse Konzerte, eine Sinfonia, eine Ouverture, und eine Sonate für konzertierendes Cembalo, Viola da gamba und Basso continuo. Immerhin sechs Werke sind Weltersteinspielungen. 

Freitag, 5. Dezember 2014

Bach: 3 Sonatas for Viola da Gamba and Harpsichord (Genuin)

Nicolas Altstaedt gehört zu den bereits etablierten Musikern der jüngeren Generation. Er hat zahlreiche Preise und Stipendien gewonnen, und mit vielen namhaften Orchestern und Dirigenten musiziert. Er ist zudem Nachfolger von Gidon Kremer als Leiter des Lockenhaus-Festivals. Hat man von ihm bislang eher zeitgenössische Klänge gehört – so erschien bei Genuin zuletzt eine CD, auf der er Miniaturen von Robert Schumann und Wilhelm Killmayer in ein spannungsvolles Verhältnis setzt –, wendet er sich nun musikalischen Traditionen zu. 
Auf seiner fünften Genuin-CD präsentiert Altstaedt die drei Sonaten für Viola da gamba und Cembalo von Johann Sebastian Bach, BWV 1027-1029, gemeinsam mit dem Cembalisten Jonathan Cohen. Die Gambe freilich war zu Bachs Zeiten eigentlich schon aus der Mode; auch wenn es noch Musiker gab, die dieses Instrument virtuos beherrschten. Bach hat speziell für die Gambe schöne Passagen komponiert – in der Matthäus- passion. Seine Gambensonaten hingegen sind Bearbeitungen anderer Werke; die Gambenstimme hat Bach dabei in den polyphonen Satz mit eingeflochten. Das bringt klangliche Probleme mit sich, denn selbst im Zusammenspiel mit einem Cembalo hat es die Gambe mitunter schwer, sich zu behaupten. 
So werden die Stücke oftmals auf dem Violoncello oder aber der Viola gespielt – was dann wiederum ein akustisches Ungleichgewicht zu Lasten des Cembalos mit sich bringt. Um diesen Nachteil auszugleichen, wird dann gern ein Klavier verwendet – und so gerät man Schritt für Schritt weg von einem Original, das ohnehin schon eine Kopie war. Altstaedt und Cohen sind daher einen Kompromiss eingegangen: Sie nutzen ein Cembalo und ein Violoncello, doch Altstaedt stimmt sein Instrument tiefer; in Köthen lag der Kammerton um 1720 wohl bei 415 Hertz. 
Der Cellist hätte gern auf Darmsaiten musiziert, doch das war auf dem von ihm gespielten Lupot-Violoncello nicht möglich. So blieb es bei den Stahl- saiten, und einem etwas dunkleren, runderen Ton – bei zugleich stärkerer klanglicher Präsenz der Gambenpartie. Musiziert wird "historisch infor- miert"; die Interpretation selber aber erscheint mir erstaunlich planlos und ziemlich beliebig. Altstaedt beispielsweise platziert Akzente gelegentlich an Stellen, wo man sie nicht erwartet, weil sie die Phrasierung stören. Hinzu kommt, dass das Cembalo mitunter Durchsetzungsprobleme hat, insbe- sondere in der Diskant-Lage, was die Wahrnehmung der Triosonaten als solche beeinträchtigt. Bei aller Musizierleidenschaft – aber diese CD überzeugt mich nicht; ich kann die Aufnahme nicht empfehlen. 

Sonntag, 18. August 2013

Images - Marin Marais (Ramée)

Die Viola da gamba wurde einst in Frankreich sehr geschätzt – viel höher als die Geige, von der man sagte, sie sei ein „instrument duquel l'on use en danserie (…), dont usent ceux qui en vivent par leur labeur“, so schrieb Philibert Jambe de Fer 1556. Kenner prie- sen insbesondere den erlesenen, farbenreichen Klang der Gambe. 
Er kam in den Charakterstücken, die in der zweiten Hälfte des
17. Jahrhunderts in den Suiten zunehmend die Tänze verdrängten, besonders schön zur Geltung. Marin Marais (1656 bis 1728) war ein Meister dieser Pièces de caractère; die Quellen seiner Inspiration reichten dabei von simplen Gemütszuständen über allerlei höfische Vergnügen bis hin zu ganz und gar nicht erfreulichen Erlebnissen – so ist Marais sicherlich der einzige Komponist, der eine Gallenstein-Operation in Töne gesetzt hat. 

Mieneke van der Velden, Gambe, und Fred Jacobs, Theorbe, haben für diese CD aus seinen fünf Büchern mit Pièces de violes ein abwechslungsreiches Programm zusammengestellt. Die Aufnahmen sind von höchster Qualität, wie man es von dem Label Ramée nicht anders kennt, und auch Beiheft und Hülle sind einmal mehr eine Freude. 

Dienstag, 16. Juli 2013

Voyages - Reisen (Tyxart)

Auf virtuelle Reisen geht mit dieser CD der Gambenvirtuose Jakob David Rattinger. „Deutschland und Frank- reich, die zwei großen Protagonisten dieser Aufnahme, sind im Barock zwei Staaten, zwei Systeme, wie sie unterschiedlicher nicht sein könn- ten“, stellt der Musiker im Beiheft fest. „Das offenbart sich vordergrün- dig im politischen System, das sich, durch die Geschichte Ludwigs XIV. begründet, in Frankreich in einer starken Zentralisierung ausprägte. In Deutschland hingegen fand man, mehr einem griechischen System entsprechend, eine Welt von Stadtstaaten vor. Die Gambe als Instru- ment, genauer ihre Musik, zeigt diese zwei polaren Welten auf besondere Art.“
Diese These vermag die Einspielung allerdings nicht zu belegen; mit scheinen die Gemeinsamkeiten deutlich zu überwiegen, wozu seinerzeit auch der Austausch zwischen den Musikern beigetragen haben dürfte. So reiste Carl Friedrich Abel, der als der letzte der großen Gambisten gilt, von Dresden über Frankreich nach England, wo er ein dankbares Publikum und einen neuen Wirkungskreis fand.
Rattinger präsentiert zudem Musik für Gambe solo von Marin Marais, Louis de Caix d’Hervelois, Jean-Baptiste Forqueray, Demachy, Georg Philipp Telemann und Johann Sebastian Bach. So nimmt er uns mit auf eine Reise in die virtuose, nicht selten auch kontemplative Welt der ba- rocken Gambenmusik. Leider vermisst der Hörer bei Rattingers Gamben- spiel ein wenig den großen musikalischen Bogen. Auch anspruchsvolle Werke mit rasanten Läufen können mit schönem Ton und intelligenter Phrasierung gespielt werden; mir persönlich klingt diese Aufnahme zu rebellisch, zu ruppig.

Dienstag, 16. April 2013

Division-Musick (Ramée)

Im Barock war es üblich, Musik aufwendig und virtuos mit Ver- zierungen auszustatten. Diese Ornamente wurden durch die Musiker improvisiert; wie sie ausgeführt wurden, das kann, je nach Vermögen der Musizierenden und abhängig von Ort und Zeit, höchst unterschiedlich klingen. 
Diese CD stellt eine spezielle Variante solcher Auszierungen vor, die im 17. Jahrhundert in England, vor allem in der Gambenmusik, gebräuchlich und sehr beliebt war. 
Den Namen Divison-Musick gab ihr Christopher Simpson (um 1605 bis 1669), der 1659 sogar ein Lehrbuch veröffentlichte, um Schülern den Zugang zu dieser speziellen Kunst zu erleichtern - The Division-Viol, or the Art of Playing upon a Ground. Darin erläutert Simpson, wie man über einer Bassmelodie, dem sogenannten Ground, zunächst einfache und langsame Melodien improvisiert, und daraus dann durch Diminution äußerst virtuose, schnelle und komplexe Klang- gebilde entwickelt. 
Und weil nicht jeder Musiker in dieser Kunst gleichermaßen versiert war, haben einige Spezialisten solche kunstvollen Divisions auch bis ins Detail notiert. Wer heute diese Kunst kennenlernen will, der findet dort eine außerordentlich wertvolle Quelle. Jane Achtmann und Irene Klein, Gambenduo Musicke & Mirth, stellen auf dieser CD einige solcher Werke mustergültig vor. Dabei werden sie durch Amandine Beyer, Violine, und Johannes Strobl, Virginal und Orgel, unterstützt. Und man muss sich nicht unbedingt für die Details der historischen Verzierungspraxis interessieren, um dem Zauber dieser wunder- vollen Musik zu verfallen. 

Dienstag, 19. März 2013

Finger: The complete music for viola da gamba solo (Accent)

Gottfried Finger (um 1660 bis 1730) gehörte zu den besten Gambenvirtuosen seiner Zeit. Er stammte aus Olmütz, und die erste Station seiner musikalischen Lauf- bahn war der Hof von Fürstbischof Karl von Liechtenstein-Kastelkorn, der in Olmütz und Kremsier resi- dierte. Dort waren damals auch Heinrich Ignaz Franz Biber und Pavel Vejvanovský beschäftigt. Es liegt nahe, dass der ehrgeizige junge Musiker von ihnen viel ge- lernt haben dürfte. Es ist nicht bekannt, wann und warum Finger diese Anstellung aufgab. Aber es könnte sein, dass er 1682 in München war und dort einen Kollegen getroffen hat - August Kühnel, ebenfalls ein berühmter Gambist, mit dem er nach London gereist und dort 1685 gemeinsam aufgetreten sein soll.
"Geoffrey" Finger wurde Mitglied der Hofkapelle von König Jakob II.; nachdem dieser katholische Monarch 1688 abgesetzt und ins Exil gezwungen worden war, blieb der Musiker in London und war dort als Komponist und Virtuose sehr erfolgreich. Warum er 1701 auf das Festland zurückkehrte, das wird wohl auch nicht mehr zu klären sein. Die Gambe aber scheint er bei diesem Abschied endgültig an den Nagel gehängt zu haben.
Als Geiger musizierte er in verschiedenen Hofkapellen, komponierte - unter anderem eine Oper für die Hochzeitsfeierlichkeiten des preußi- schen Kronprinzen - und ging schließlich 1707 nach Innsbruck, wo er in die Dienste des kaiserlichen Statthalters in Tirol, Herzog Karl Philipp, trat. 1708 wurde der Musiker zum Konzertmeister ernannt. Als sein Dienstherr 1717 in Nachfolge seines Bruders Herrscher über die Kurpfalz wurde, folgte ihm Finger über die Residenzen Neuburg an der Donau und Heidelberg bis nach Mannheim, wo er 1730 starb.
Petr Wagner hat auf dieser CD gemeinsam mit dem Ensemble Tour- billon das Werk für Solo-Gambe von Gottfried Finger eingespielt. Bei der Erschließung, Edition und Rekonstruktion der Musikstücke stand Wagner der Musikwissenschaftler Dr. Robert Rawson zur Seite. Er kennt sich damit aus wie niemand sonst, denn Leben und Werk des mährischen Musikers waren der Gegenstand seiner Promotion - und natürlich spielt er auch selbst Gambe. Dieser Zusammenarbeit ist bereits eine CD mit Ersteinspielungen zahlreicher Werke Gottfried Fingers zu verdanken, die 2006 bei dem Prager Label Arta erschienen ist und von der Kritik begeistert begrüßt wurde.
Auf der vorliegenden CD erklingen nun sämtliche bislang aufgefunde- nen Werke des Virtuosen für Viola da gamba solo. Es sind nicht sehr viele Stücke, was auch an der Überlieferungssituation liegen dürfte: Finger ließ zu Lebzeiten lediglich sein Opus 1 drucken, das er König Jakob II. widmete - alle anderen Werke des Komponisten liegen nur in Form von Manuskripten und Abschriften vor, verstreut über halb Europa und nur mit Mühe aufzuspüren und wieder für den Vortrag zu erschließen. Vielleicht ist das eine Erklärung dafür, dass sein Schaffen erst allmählich wiederentdeckt wird.
Das seine Werke derzeit so gut wie vergessen sind, das könnte aber auch mit daran liegen, dass sie technisch teilweise sehr anspruchsvoll sind. Schon das erste Stück auf der CD, Aria et Variationes, das sich in der Musikaliensammlung des Fürstbischofs in Kremsier befindet, zeigt in der Variationenfolge, wie die Gambe seinerzeit eingesetzt wurde - und der junge Musiker führte damit zugleich vor, wie virtuos er das Instrument bereits beherrschte. Man erkennt zudem, dass Finger auch Geige spielte. Denn manches, was er hier der Viola da gamba zuschreibt, das klingt doch unüberhörbar nach der Violin- musik Bibers. 
Die meisten Werke auf der CD entstanden in der Zeit vor oder kurz nach seiner Ankunft in London, beispielsweise die sechs Sonaten, die als Manuskript in der Bodleian Library in Oxford überliefert sind, und die durch Petr Wagner auf dieser CD erstmals vollständig eingespielt wurden. Dass Finger aber auch stilistische Besonderheiten der engli- schen Musik in seine Werke integrierte, zeigen die Divisions in g-Moll und das Prelude in e-Moll
Petr Wagner musiziert gekonnt, klangschön und durchdacht. Dabei sind ihm die Kollegen, die in seinem Ensemble Tourbillon mitspielen, versierte Partner. Es ist erfreulich, dass die Gambenmusik zuneh- mend wiederentdeckt wird - und diese Aufnahme ist ein wichtiger Beitrag dazu. 

Freitag, 15. März 2013

Komm, süßes Kreuz (Coviello)

Die ganze Farbenpracht barocker Gambenmusik präsentieren Frauke Hess und ihre Mitstreiter auf dieser CD. Im Mittelpunkt der Einspielung steht der sogenannte Stylus Phan- tasticus, eine musikalische Form, die zunächst in der Orgelmusik außerhalb der eigentlichen Liturgie aus der Improvisation entstanden ist, und bald auch auf andere Instrumente übertragen wurde.
Die Viola da gamba erfreute sich im späten 17. Jahrhundert in der Kammermusik großer Beliebtheit. Und so nutzten nicht nur berühmte Gambenvirtuosen „die allerfreieste und ungebundenste Setz-, Sing- und Spiel-Art“ - so nannte Johann Mattheson 1739 den Stylus Phan- tasticus - um ihr Instrument gekonnt zu präsentieren.
Auf dieser CD erklingen einige Werke, die zeigen, wie die Gambe in dieser innovativen Spielart der Barockmusik verwendet wurde. Philipp Heinrich Erlebach (1657 bis 1714) beispielsweise, Hofkapell- meister im Hause Schwarzburg-Rudolstadt, veröffentlichte 1694
VI Sonate à Violino e Viola da Gamba col suo Basso Continuo. In der dritten Sonate aus dieser Sammlung, die hier erklingt, tritt die Gambe in einen Dialog mit der in Skordatur gestimmten Violine. So ergibt sich eine klanglich reizvolle Triosonate.

August Kühnel (1645 bis um 1700), im Dienst beim Landgrafen von Hessen-Kassel, gehörte zu den berühmten Gambenvirtuosen jener Zeit. In Kassel erschienen 1698 seine Sonate o Partite ad una o due Viola da Gamba con il Basso Continuo; die ersten sechs dieser Werke sind für zwei Gamben geschrieben, ansonsten erklingt das Instrument solistisch. Auch enthält der Band anspruchsvolle und weniger schwierige Stücke, was uns einen Hinweis darauf gibt, dass der Landgraf wohl selbst die Viola da gamba gespielt hat. Zwei Sonaten aus dieser Sammlung sind auf dieser CD zu hören.
Über das Leben von Johann Michael Kühnel ist wenig zu erfahren; es wird vermutet, dass er als Lautenist und Gambist in Potsdam, Weimar und Dresden gewirkt hat. Die CD stellt ein Concerto vor, in dem die Gambe gemeinsam mit der Laute zum Basso continuo konzertiert - eine rare, aber sehr aparte Kombination.
Auch Dieterich Buxtehude (1637 bis 1707) schrieb Kammermusik, in der er die Gambe einsetzte. So gehören zwei Bände mit je VII Sonate à due, Violino et Viola da Gamba con Cembalo zu den wenigen Werken des Komponisten, die zu seinen Lebzeiten gedruckt wurden. Bereits der erste Band war so gefragt, dass der Verleger die Druckkosten für den zweiten übernahm. Die Sonata IV aus dieser Sammlung, die 1696 in Hamburg erschienen ist, gehört mit ihrer kunstvollen Verknüpfung von Stylus Phantasticus und Kontrapunkt zu den schönsten auf dieser CD. 
Johann Sebastian Bach verwendet die Viola da gamba in seiner Matthäuspassion, beispielsweise in Ja! Freilich will in uns das Fleisch und Blut/Komm, süßes Kreuz. Dort übernimmt sie einen Solopart, der den des Sängers beinahe zur Nebensache werden lässt - und wohl auch zu den schwierigsten der gesamten Gambenliteratur gehört. Bassbariton Dominik Wörner antwortet auf diese instrumentale Brillanz mit Theatralik - mein Fall ist das nicht. Aber ansonsten ist die CD mit der Gambistin Frauke Hess, Josh Cheatham an der zweiten Gambe sowie am Violone, Veronika Skuplik, Violine, Andreas Arend, Chitarrone und Barocklaute, und Torsten Johann an Orgel und Cem- balo sehr gelungen und stimmungsvoll.