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Dienstag, 27. Juli 2021

Carl Loewe und die Orgel (Querstand)


 Johann Carl Gottfried Loewe (1796 bis 1869) ist heutzutage nahezu ausschließlich als Meister der Ballade bekannt. Dass der „norddeutsche Schubert“ auch brillant Orgel spielte, liegt nahe – immerhin war Loewe 46 Jahre lang als Kantor und Organist an der Stettiner Jakobikirche tätig. Wie wichtig dem Musiker dieses Instrument war, wird auch daraus ersichtlich, dass er in seinem Testament verfügte, sein Herz solle bei seiner Orgel ruhen. 

Mit dem Orgelklang wuchs Loewe auf – sein Vater wirkte als Kantor und Organist in dem Städtchen Löbejün, nördlich von Halle/Saale, und er war auch der erste Lehrer des Knaben. Die Orgel aber, die auf diesem Album zu hören ist, hat Carl Loewe selbst nicht gespielt, denn sie wurde erst 1901 von der Orgelbauanstalt Wilhelm Rühlmann aus Zörbig in der Stadtkirche St. Petri errichtet. Sie ersetzte das Renaissance-Instrument von David Beck aus dem Jahre 1591, an dem Loewe einst seinen ersten Orgelunterricht erhielt. 

Die Rühlmann-Orgel verfügt über insgesamt 22 Register auf zwei Manualen und Pedal, mit einer pneumatischen Traktur auf Kegelladen. Sie zeichnet sich durch einen warmen, grundtönigen Klang aus, und folgt in ihrer Disposition den Idealen der Spätromantik. 2018 wurde das Instrument saniert. So erweist sich die Orgel in Loewes Geburtsort Löbejün als der perfekte Instrument für diese Einspielung. 

Irénée Peyrot, Kantor und Organist an der Marktkirche Halle/Saale – wo Loewe einst seine Ausbildung an der Latina, beim städtischen Musikdirektor Daniel Gottlob Türk und im Stadtsingechor fortsetzte – stellt auf diesem Album Orgelwerke vor, die uns den Organisten Loewe greifbar machen. Viel ist es leider nicht, was an Originalen überliefert worden ist; es finden sich lediglich einige wenige Choralvorspiele, die Loewe im „Musikalischen Gottesdienst“ einst als Übungsstücke und Vorbilder für seine Schüler notierte. 

Das Orgelspiel Loewes, von Zeitgenossen gerühmt, ist ansonsten verklungen, ohne dass Stücke notiert wurden. Um das Bild abzurunden, hat Peyrot für dieses Album daher auch Klaviermusik, einige Balladen sowie Chorsätze aus Oratorien mit herangezogen, und für Orgel bearbeitet. Er präsentiert Loewes Musik sehr ansprechend, und erstellt zugleich mit viel Feingefühl ein Porträt der Rühlmann-Orgel. Instrument und Repertoire harmonieren ausgezeichnet. Das Ergebnis ist für mich eine der schönsten Orgel-CD des Jahres. Unbedingt anhören, lohnt sich! 

Freitag, 1. Januar 2021

Aus der Neuen Welt (Querstand)




Orgelduos sind reizvoll, aber auf CD selten zu finden. Zwei Organisten, die an einer Orgel gemeinsam musizieren – das verdoppelt quasi die Möglichkeiten, die dieses ohnehin orchestrale Instrument klanglich bietet. 
Die Brüder Markus und Pascal Kaufmann, aus dem sächsischen Lichtenstein stammend, pflegen diese spezielle Kunst schon seit Kindertagen. Mittlerweile haben sie gemeinsam an der Dresdner Musikhochschule sowie der Hochschule für Kirchenmusik in Dresden studiert. Pascal Kaufmann war Assistent bei Frauenkirchen-Organist Samuel Kummer; er ist mittlerweile als Kirchenmusiker in Augustusburg unweit von Chemnitz tätig. Markus Kaufmann wirkt als Domorganist in Quedlinburg. 
Auf der vorliegenden CD musizieren die Brüder an der Orgel, die Daniel Kern für die Dresdner Frauenkirche geschaffen hat. Der Orgelbauer aus dem Elsass vereinte in diesem Instrument aus dem Jahre 2005 Register nach dem barocken Vorbild von Gottfried und Andreas Silbermann sowie nach dem Vorbild der großen französischen sinfonischen Orgeln von Aristide Cavaillé-Coll. Charakteristische Stimmen aus beiden Epochen stehen nebeneinander. 
Diese besonderen Klangmöglichkeiten nutzten Markus und Pascal Kaufmann auch für ihre Einspielung. Im Zentrum steht die Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ op. 95 von Antonín Dvořák in der von Pascal Kaufmann transkribierten Fassung für Orgel vierhändig. Komplettiert wird das Programm durch die Humoreske op. 101/7 des Komponisten in einer Transkription für Orgel von Edwin Lemare, vorgetragen von Markus Kaufmann, sowie durch eine Tondichtung von Franz Liszt – Der Heilige Franziskus von Paula auf den Wogen schreitend S 175, eigentlich ein Klavierstück, gleichfalls für vierhändiges Spiel auf der Orgel bearbeitet von Pascal Kaufmann. Die Kern-Orgel erweist sich als wunderbares Instrument für dieses Repertoire, und ihr Facettenreichtum passt zu dieser Musik ausgezeichnet.

Dienstag, 29. Dezember 2020

Englishman in Tyrol (Querstand)


 Der Gambist William Young gehörte zu den Superstars des 17. Jahrhunderts. Er wurde als neuer Orpheus gefeiert. Kaiser und Könige ehrten ihn, und noch Jahrzehnte nach seinem Tod galt er als eine Legende. 

Juliane Laake, die sich für Leben und Werk des Musikers interessierte, musste allerdings feststellen, dass die Spurensuche gar nicht so einfach ist: „William Young scheint vom Himmel gefallen zu sein, als er 1652 in Innsbruck als Gambist und Kammerdiener am Hof des Erzherzogs Ferdinand Karl aus dem Hause Habsburg erstmals nachweisbar ist“, schreibt die Gambistin im Beiheft. „Nichts wissen wir über seine frühen Jahre in England und wo er von wem wie ausgebildet wurde – ja, nicht einmal sein Geburtsjahr steht fest.“ 

Seine Musik allerdings zeigt, dass er mit den Traditionen ebenso wie mit den unterschiedlichen Stilen und Entwicklungen seiner Zeit bestens vertraut war. In seine Werke hat er das Erbe der altenglischen Consort-Musik ebenso souverän integriert wie die damals ganz neue italienische Sonate. Gefällige Tanzmelodien und eingängige Rhythmen stehen neben kühner Harmonik und strenger Polyphonie. 

Bekannt ist, dass Young 1652 mit seinem Dienstherrn und dessen Ehefrau Anna de’Medici eine längere Reise durch Italien absolviert hat. Ein Jahr später ließ er in Innsbruck einen Notenband drucken. Die Sonate à 3, 4 e 5 blieben seine einzige Veröffentlichung; wer Musik von William Young heute spielen will, der muss sich seine Stücke in ganz Europa aus Handschriften heraussuchen. 

Doch der Aufwand lohnt, wie diese CD beweist. Youngs Sonaten, Fantasies und Tanzsätze sind die Wiederentdeckung des Jahres – außergewöhnlich versiert wechselt dieser Musiker zwischen den Welten. Und fast jedes Stück, das Juliane Laake hier gekonnt mit ihrem Ensemble Art d’Echo vorstellt, erklingt in Weltersteinspielung. Unbedingt anhören, großartig! 


Dienstag, 17. März 2020

Höchsterwünschtes Freundenfest (Querstand)

„Störmthal liegt 2 ½ Stunden südöstlich von Leipzig, besitzt 6 Pferdner- und 22 Hintersäßergüter, ferner 29 herrschaftliche Häuser und rund 400 Seelen. Das Rittergut ist eines der schönsten in der Gegend.“ So lautet eine Ortsbeschreibung vom Ende des 18. Jahrhunderts. 
Doch ein Detail, das Störmthal einen Platz in der Musikgeschichte sichern sollte, hat der Chronist nicht erwähnt: 1722 wurde in Störmthal beschlossen, die alte, baufällig gewordene Dorfkirche auf den neuesten Stand zu bringen und zu sie dabei erweitern. Das schloss auch die Orgel mit ein. Der Schlossherr und Kirchenpatron, Kammerherr Statz Hilmar von Fullen, hielt Ausschau nach einem besonders guten Orgelbauer – und er konnte schließlich Zacharias Hildebrandt unter Vertrag nehmen. Dieser hatte nach seiner Lehr-, Gesellen- und Meisterzeit bei Gottfried Silbermann gerade eine eigene Firma gegründet, und für die Störmthaler Kirche baute er binnen Jahresfrist eine Orgel mit 14 Registern auf einem Manual und Pedal. 
Auch zur Qualitätsprüfung war dem Rittergutsbesitzer das Beste gerade gut genug. Und so berichten uns Dokumente aus dem Pfarrarchiv, das Instrument sei „am 2. Novembris 1723, von dem berühmten Fürstlich Anhaltischen-Cöthenischen Capellmeister und Directore Music: auch Cantore zu Leipzig, Herrn Johann Sebastian Bachen, übernommen, examiniret, und probiret, auch vor tüchtig und beständig erkannt, und gerühmet“ worden. 
Bach wirkte seit Mai 1723 als Thomaskantor in Leipzig. Und er beließ es nicht bei der Orgelprüfung, er ließ „bei öffentlichem Gottesdienste und Einweyhung besagter Orgel“ als Zeichen besonderer Wertschätzung zusätzlich noch seine Kantate Höchsterwünschtes Freudenfest BWV 194 erklingen. 
Die Orgelbank, auf der Bach damals gesessen hat, steht heute noch in der Störmthaler Kirche. Auch das Instrument wurde in späteren Jahrhunderten vergleichsweise wenig verändert. Und nach einer Restaurierung 2008 erklingt die Orgel nun wieder in dem Zustand, in dem sie der Thomaskantor 1723 „vor tüchtig“ befunden hat. Insbesondere auch die originale Stimmtonhöhe bei 462 Hz, also im hohen Chorton, und die historische Stimmung wurden wiederhergestellt. 
Diese CD, mit dem Mitschnitt eines Konzertes vom Leipziger Bachfest am 16. Juni 2018, zeigt, warum dies einerseits ein unglaublicher Gewinn ist – und andererseits eine enorme Herausforderung für Organisten. Annette Herr hat dafür ein Programm zusammengestellt, das die Stärken der Hildebrandt-Orgel trefflich aufzeigt. Einen Schwerpunkt bilden natürlich die Orgelwerke Bachs und seiner Zeitgenossen. Doch auch Mozarts Adagio für Glasharmonika klingt auf dem Instrument ganz wunderbar. Das Programm zeigt insbesondere die tonartlichen Möglichkeiten und Grenzen. Und auch der Eingangschor aus der bewussten Kantate erklingt, vorgetragen von einem Solistenquartett und dem Pauliner Barockensemble unter Leitung von David Timm. 
Besonders interessant sind die Anmerkungen zur modifiziert mitteltönigen Stimmungsart und die Hörbeispiele dazu. Hier wird ohrenfällig, was authentisches Musizieren an einem solchen Instrument bedeutet, mit welcher Sorgfalt man die Werke dazu auswählen muss. Und man staunt, wie selbstverständlich Organisten zu Bachs Zeiten offenbar auch komplexe Stücke transponieren konnten. Denn das Instrument gab seinerzeit die Tonart vor, das wird ganz klar, wenn man die Bonustracks angehört hat. Sagenhaft! 

Sonntag, 17. November 2019

Triumvirat (Querstand)

Johann Schenck, August Kühnel und Conrad Höffler waren einst berühmte Gambenvirtuosen. Dass ihre Namen heute nur noch Insidern ein Begriff sind, hat seinen Grund wohl darin, dass sie nicht am Hofe des Sonnenkönigs wirkten, sondern an diversen deutschen Höfen. Auf dieser CD zeigt Juliane Laake mit ihrem Ensemble Art d’Echo, dass sie dennoch an Kunstfertigkeit ihren französischen Kollegen in nichts nachstanden. 
August Kühnel (1645 bis um 1700), Sohn eines mecklenburgischen Kammermusikers, erhielt seine erste Anstellung bereits im Alter von 16 Jahren am Hofe des Herzogs Moritz von Sachsen-Zeitz. 1665 reiste er nach Frankreich, und nach dem Tode seines Dienstherrn im Jahre 1681 ging Kühnel nach England. 1682 und 1685 musizierte er in London, wo er als Barytonspieler großen Erfolg hatte. In Deutschland trat er als Virtuose in Darmstadt, Dresden , Weimar und München in Erscheinung. 1695 wurde Kühnel Kapellmeister am Hofe des Landgrafen zu Hessen-Kassel; 1698 veröffentlichte er dort seine 14 Sonate ò Partite ad una o due viole da gamba, con il basso continuo. Damit verliert sich dann seine Spur. 
Conrad Höffler (1647 bis 1696) wuchs gemeinsam mit Johann Philipp Krieger in Nürnberg auf, wo er auch eine Ausbildung bei dem Gambisten Gabriel Schütz absolvierte. Höffler wirkte in Bayreuth und Ansbach; 1676 wechselte er an den Hof des Herzogs zu Sachsen-Weißenfels, wo er bis an sein Lebensende blieb. 1695 veröffentlichte Höffler unter dem Titel Primitiæ chelicæ eine Sammlung von zwölf Suiten für Viola da gamba und Basso continuo. 
Über den Lebensweg von Johann Schenck (1660 bis nach 1712) wurde in diesem Blog bereits an anderer Stelle ausführlich berichtet; er wirkte am Hofe des Kurfürsten Johann Wilhelm von der Pfalz, und war als Musiker offenbar ebenso begabt wie als Diplomat, was ihm sowohl Reputation als auch Wohlstand einbrachte. So war Schenck in der Lage, seine Kompositionen drucken zu lassen. 
Juliane Laake hat aus dem Schaffen dieser drei bedeutenden Gambenvirtuosen Werke ausgewählt, die den hohen Rang dieser Meister bestätigen. Die Musik, die sie mit ihrem Ensemble Art d’Echo inspiriert vorträgt, begeistert durch Eleganz und Esprit – und die Einspielung ist zugleich ein hinreißendes Plädoyer für das Stöbern in alten Notenbeständen! Auch in der Musikgeschichte gibt es abseits ausgetretener Pfade offenbar doch noch viel Lohnendes zu entdecken...

Donnerstag, 28. Dezember 2017

Viola Appassionata (Querstand)

Vor langer, langer Zeit, als Improvi- sation und üppiges Verzieren von Melodielinien für Musiker noch Selbstverständlichkeiten waren, gab es Lehrwerke, um den allzu freien Gebrauch solcher Künste wiederum einzudämmen. Ihre Autoren zeigten an Beispielen, was schicklich und angemessen ist – für Musizierende und Musikwissenschaftler heute sind diese Traktate ergiebige Fundgruben, wie auch diese CD beweist. 
Die Gambistin Juliane Laake hat mit ihrem Ensemble Art d'Echo, konkret mit Maximilian Ehrhardt, Barock- harfe, und Johanna Oelmüller Rasch, Barockcello, aus dem Anschauungs- material derartiger Lehrwerke ein anspruchsvolles Programm zusammen- gestellt. So zählt die Musik, die Diego Ortiz Toledona (um 1510 bis 1570), Kapellmeister am Hofe des Vizekönigs zu Neapel, in seinem Trattado de glosas vorstellt, heute zu den frühesten Werken für Sologambe überhaupt. 
Auch Girolamo Dalla Casa (um 1550 bis 1601) veröffentlichte ein Lehrwerk über die Ornamentierung; 1584 erschien in Venedig sein „Il vero modo di diminuir con le tutte le sorte di stromenti“. Und 1592 folgte, ebenfalls in Venedig, „Passagi per potersi essecitare“ von dem Streichervirtuosen Riccardo Rognoni (vor 1550 bis 1620). 
Außerdem erklingen Werke von Bernardo Pasquini, Andrea Falconieri, Girolamo Frescobaldi, Cipriano de Rore, Giovanni Trabaci, Giovanni Bassano und Adam Jarzebsky. Somit gibt die neue CD von Juliane Laake einen höchst interessanten Überblick über italienische virtuose Gambenmusik aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Nach einer wundervollen Einspielung mit Gambenklängen aus Brandenburg-Preußen, aus der Zeit des Großen Kurfürsten (der selbst Gambe spielte), ist dies bereits ihre zweite Aufnahme beim Label Querstand. 

Montag, 23. Januar 2017

Haydn . Mozart (Querstand)

Joseph Haydn (1732 bis 1809) hat erstaunlich wenige Solo-Konzerte geschrieben; entstanden sind sie üblicherweise als Gelegenheitswerke, für befreundete Musiker. Norbert Anger lässt auf dieser CD gemeinsam mit den Dresdner Kapellsolisten unter Leitung von Helmut Branny jene bei- den Violoncello-Konzerte erklingen, bei denen die Autorschaft Haydns gesichert ist, weil Autographen auf- gespürt worden sind. 
Das erste Cellokonzert in C-Dur Hob VIIb:1 komponierte Haydn vermutlich um 1765 für seinen Freund Joseph Franz Weigl, Erster Cellist der Hofkapelle beim Fürsten Esterházy. Es wirkt noch ziemlich barock – ganz anders als das zweite Cellokonzert in D-Dur aus dem Jahre 1783. Es entstand für Anton Kraft, der von 1778 bis 1790 in der Eisenstädter Hofkapelle musizierte, und um 1800, wie auch sein Sohn Nikolaus, als der beste Cellist in Wien galt. Dieses zweite Konzert wiede- rum kann sowohl in seiner Struktur als auch in seiner Melodik und Har- monik als das Musterbeispiel eines klassischen Konzertes gelten. 
Ergänzt wird das Programm durch das Konzert D-Dur für Violoncello und Orchester von Wolfgang Amadeus Mozart. Kenner der Materie werden nun stutzen und darauf hinweisen, dass Mozart doch gar kein Cellokonzert geschrieben hat. Cellisten haben das immer bedauert, und deshalb gab es etliche Versuche, andere Konzerte des Komponisten für das tiefe Streich- instrument umzuarbeiten. So hat der Spanier Gaspar Cassadó Moreu (1897 bis 1966) Mozarts Hornkonzert Es-Dur KV 447 adaptiert. Er hat dazu nicht nur die Tonart geändert, sondern mit Kürzungen und Hinzufügungen auch in die Substanz eingegriffen. Cassadó hat dieses Werk 1930 in Bukarest zum ersten Male gespielt, und es danach in sein Konzertrepertoire aufgenommen. 
Bekannt sind alle drei Konzerte. Dem Label Querstand kann man zu dieser Einspielung mit Norbert Anger und den von Helmut Branny geleiteten Dresdner Kapellsolisten nur gratulieren – denn diese gelungene CD wird ganz sicher ihre Käufer finden; sie hätte ohne Zweifel auch bei den „Platz- hirschen“ der Branche gut ins Programm gepasst. 
Norbert Anger ist seit 2013 Konzertmeister der Violoncelli der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Er ist Preisträger vieler renommierter internationa- ler Wettbewerbe, darunter der Tschaikowski-Wettbewerb in Moskau, der Concours Rostropovich in Paris oder der Deutsche Musikwettbewerb. Der Dresdner Cellist musiziert sehr souverän und klangschön, mit edlem, wie von innen erstrahlenden Ton – was besonders Haydns zweites Cellokon- zert zu einem Erlebnis werden lässt. Die Dresdner Kapellsolisten, gegrün- det 1994, sind ihm dabei kompetente Partner. Bravi! 

Montag, 28. März 2016

Peter Kofler: Transkriptionen (Querstand)

Peter Kofler, Jahrgang 1979, ist ein Musiker mit einem weiten künstle- rischen Horizont. Er ist Gründungs- mitglied und Cembalist des Barock- orchesters L'Academie giocosa, er musziert aber auch gemeinsam mit dem Symphonieorchester des Bayeri- schen Rundfunks, und konzertiert bei renommierten Musikfestivals. Von 2003 bis 2014 war Kofler Korrepetitor und Assistent von Hansjörg Albrecht beim Münchener Bach-Chor. Er spielt Orgelkonzerte, er ist ein geschätzter Kammermusik-Partner, und er ist zudem Lehrbeauftragter im Fach Chorleitung an der Münchner Musik- hochschule. 
Seit 2008 ist Kofler Organist an der Jesuitenkirche St. Michael in München; dort hat er ein Orgelfestival, den Münchner Orgelherbst, initiiert, das er zudem als künstlerischer Leiter verantwortet. Und auch seine CD-Einspielungen zeugen von breitem musikalischen Interesse; sie reichen von Bachs Kunst der Fuge bis hin zu Rheinberger und Reger. Die neueste Veröffentlichung bei dem Altenburger Label Querstand setzt nun einen weiteren Akzent: Peter Kofler hat Orgeltranskriptionen bekannter Werke aus einer Zeit dafür ausgewählt, die schier süchtig war nach Klangfarben und Tonleiterkaskaden: Daphnis et Cloé, Suite Nr. 2 von Maurice Ravel (1875 bis 1937), die Suite Pelléas et Mélisande von Gabriel Fauré (1845 bis 1924), Saint François de Paule marchant sur les flots sowie die Symphonische Dichtung Prometheus von Franz Liszt (1811 bis 1886) – und zwischen diesen beiden Großwerken hat Kofler noch, mit einem Augenzwinkern, eine eigene Transkription der Klavierminiatur Clair de Lune von Claude Debussy (1862 bis 1918) untergebracht. 
Der Organist musiziert an „seinem“ Instrument, der Michaelsorgel, 2011 unter Einbeziehung von altem Pfeifenmaterial der vorherigen Sandtner-Orgel durch die Firma Orgelbau Rieger aus dem österreichischen Vorarl- berg neu errichtet. Vergleicht man die Transkriptionen, die Kofler für diese Aufnahme ausgesucht hat, mit den Orchester-Originalen, so kann sich die Orgelversion dabei durchaus hören lassen. Man lausche nur, wie Franz Liszt den Heiligen Franziskus von Paola auf den Wassern schreitend die Meerenge von Messina überqueren lässt – das unruhige Rollen der Wel- len passt zur Orgel ebenso trefflich wie die große Fuge im Prometheus, oder der grandiose Sonnenaufgang in Ravels Daphnis et Chloé. Scheinbar mühelos erzielt Kofler mit der Michaelsorgel ähnliche Klangeffekte, wie sie die Komponisten seinerzeit mit einem großen romantischen Orchester erprobt haben. Und auf einer Orgel klingt das noch immer ziemlich kühn.

Mittwoch, 30. Dezember 2015

Die Orgeln der Marienkirche zu Lübeck (Querstand)

Die drei Orgeln der Marienkirche in Lübeck präsentiert Marienorganist Johannes Unger auf einer CD, die im Hause Querstand erschienen ist. Die Lübecker Marienkirche hat nicht nur das mit mehr als 38 Metern höchste Backsteingewölbe der Welt. Die Haupt-Pfarr- kirche der Hansestadt gilt als „Mutterkirche“ der Backsteingotik, und sie beherbergte bereits im 14. Jahrhundert bedeutende Orgeln. Neben der Hauptorgel war besonders die Chororgel, die sogenannte Totentanzorgel, von Bedeu- tung; sie wurde 1477 in der Totentanzkapelle errichtet, anschließend noch mehrfach erwei- tert und im 17. Jahrhundert durch Friedrich Stellwagen repariert. Danach fanden keine großen Umbauten mehr statt – ein Umstand, der die Orgel für die Orgelbewegung sehr interessant machte. So wurde sie 1937 restauriert. Doch das Instrument verbrannte 1942 bei einem Bombenangriff, ebenso wie die Große Orgel und eine weitere, kleinere Orgel auf dem Lettner. 
1948 wurde in der sogenannten Briefkapelle, die der Gemeinde als Winterkirche dient und die nach dem Krieg als erster Raum wieder für Gottesdienste nutzbar gemacht wurde, eine kleine Orgel aufgestellt, die aus Ostpreußen stammt. Sie wurde 1723 von Johannes Schwarz erbaut. 1933 erwarb sie der Lübecker Orgelbauer Karl Kemper. Sie stand zunächst in der Katharinenkirche, von wo sie Organist Walter Kraft dann als Übergangs- instrument in die Marienkirche holte. Die kleine einmanualige Barockorgel mit geteilter Lade verfügt über neun Register, wovon aber derzeit nur acht spielbar sind, und einen Cymbelstern. Sie ist hier zum ersten Mal auf CD zu hören. 
Die neue Totentanzorgel wurde von der Wilhelmshavener Orgelbaufirma Alfred Führer 1986 erbaut. Das Instrument sollte bewusst kein historisches Vorbild kopieren. Es verfügt bei vier Manualen und Pedal über 56 Register. Unger demonstriert mit dieser Aufnahme, dass an der neuen Totentanz- orgel aufgrund ihrer interessanten Disposition sowohl die Orgelwerke der alten Meister, wie der berühmten Marienorganisten Franz Tunder (1614 bis 1667) und Dieterich Buxtehude (um 1637 bis 1707), als auch Musik der Romantik und Moderne, insbesondere auch aus der französischen Orgel- tradition, bestens gespielt werden können. 
Die Große Orgel der Marienkirche wurde durch die Lübecker Orgelbaufirma Kernper & Sohn errichtet und 1968 nach sechsjähriger Bauzeit fertigge- stellt. Zum damaligen Zeitpunkt war sie die größte Orgel der Welt mit mechanischer Traktur, und auch heute noch erscheint dieses Instrument gewaltig. Hundert Register auf fünf Manualen sowie einem Pedal, dass sich in Groß- und Kleinpedal teilt, 8.512 Orgelpfeifen – die größte davon ist über elf Meter lang – sowie diverse Schweller und weitere Spielhilfen eröffnen dem Organisten grandiose klangliche Gestaltungsmöglichkeiten. Unger spielt an der Großen Orgel Präludium und Fuge über BACH von Franz Liszt (1811 bis 1886), die Choralimprovisationen über Nearer, my God, to Thee! von Sigfrid Karg-Elert (1877 bis 1933) und Venus aus der Suite The Planets von Gustav Holst (1874 bis 1934), wobei Unger Orgel- transkriptionen von Arthur Wills und Peter Sykes kombiniert. 

Donnerstag, 23. Mai 2013

Himmelsklänge (Querstand)

Eine Orgel mit einem wahrlich be- zaubernden Klang stellt Kirchen- musikdirektor Barry Jordan, Kantor und Organist am Magde- burger Dom, auf dieser CD vor. Sie befindet sich in der Pfarrkirche St. Peter und Paul zu Niederndode- leben, einem Dorf westlich von Magdeburg, und ersetzte einst ein älteres Instrument von Heinrich Compenius, das im Dreißigjährigen Krieg zerstört worden war.
Erbaut wurde die Orgel in den Jahren 1724 bis 1727 - es wird vermutet durch Matthias Hartmann, einen Schüler des berühmten norddeutschen Orgelbauers Arp Schnitger; sicher ist das aber nicht. Johann Georg Hartmann, möglicherweise sein Sohn, erweiterte die Orgel dann 1750/51 um ein zweites Manual. In einem Stimmvertrag aus dem Jahre 1753 ist die Disposition des Instrumentes detailliert beschrieben.
Auf dieser Grundlage wurde die Orgel in den Jahren 2000 bis 2002 durch Jörg Dutschke aus Dambeck restauriert und rekonstruiert. Dabei orientierte sich der Orgelbaumeister zudem an der erhalten gebliebenen Hartmann-Orgel in Stegelitz, 30 Kilometer östlich von Magdeburg. Nach diesem Vorbild schuf er ein viertes Register für das Pedal, es war bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts um ein drittes Register im Pedal ergänzt worden. Dieses wurde bei der Sanierung erhalten.
Jordan hat für dieses Orgelporträt Werke ausgewählt, die den charakteristischen Klang dieser Orgel herausstellen, und ihre Stärken unterstreichen. Dabei beschränkte er sich zudem auf Komponisten aus dem Umkreis Johann Sebastian Bachs. Werke wie die Partite diverse sopra il Chorale Ach, was soll ich Sünder machen BWV 770 von Bach oder die Biblische Sonate III, in der Johann Kuhnau Jacobs Heyrath mit musikalischen Mitteln schildert, zeigen, dass sich dieses Instrument weniger durch Strahlkraft, metallischen Klang und Brillanz als vielmehr durch sanfte, innige Töne auszeichnet. Der Titel Himmelsklänge ist dafür wirklich gut gewählt.

Dienstag, 2. April 2013

Dresden Moskau (Querstand)

"Lautenmusik von Silvius Leopold Weiss", lautet der Untertitel dieser CD, die Bernhard Hofstötter bei dem Altenburger Label Querstand veröffentlicht hat. Insofern ist Dresden nachvollziehbar - am kursächsischen Hofe wirkte Weiss, einer besten Lautenisten seiner Zeit. 1718 trat er in die Hofkapelle ein, in der damals auch andere berühmte Musiker spielten, wie Pisendel, Veracini, Buffardin oder Quantz. Keiner dieser Stars aber wurde besser bezahlt als der Lautenist - und der wiederum schätzte seinen Dienstherrn derart, dass er 1736 einen Ruf nach Wien ablehnte und bis an sein Lebensende 1750 in Dresden blieb.
Wie aber passt Moskau zu einen Musikerleben, das derart durch Be- ständigkeit geprägt war? Nun, die Erklärung ist nicht wirklich eine Überraschung: Weiss hat zu Lebzeiten nur ein einziges seiner Stücke in Druck gegeben. Dennoch finden sich Abschriften seiner Werke heute in Bibliotheken in ganz Europa. Man sieht daran, wie begehrt sie waren - und wieviele Schüler der Lautenist offenbar hatte. Zu ihnen gehörte auch Timofei Bielogradsky, der aus der Ukraine stammte, und nach seiner Ausbildung in Dresden als Lautenist am russischen Zaren- hof musizierte. Es könnte sein, dass das Manuskript auf ihn zurück- geht, das sich heute im Moskauer Glinka-Museum befindet. 
Hofstötter spielt daraus die Sonata in d-Moll, ein Spätwerk des be- rühmten Kollegen, das mehrfach an Klänge Johann Sebastian Bachs erinnert. Der Lautenist und der Thomaskantor kannten sich gut; es ist überliefert, dass sie sogar gemeinsam improvisiert haben sollen. Auch die Sonata in B-Dur, die die CD eröffnet, gehört zu Weiss' Spät- werk - faszinierende Musik, die teilweise bald wie ein Concerto grosso wirkt. Es ist erstaunlich, wie orchestral sich die Laute einsetzen lässt. Hofstötter lässt das Instrument in großen melodischen Bögen klingen - und bewältigt die virtuosen Passagen ebenso souverän. Er spielt kraftvoll, durchdacht und prägnant, ihm zuzuhören ist eine große Freude. 

Donnerstag, 21. Februar 2013

Brom und Filuh (Querstand)

Das Akkordeon Brom und die Flöte Filuh fallen in Schweden von einem Lkw. Anschließend verirren sie sich in der Wildnis. Von den Abenteuern, die sie dabei erleben, erzählt die Altenburger Kinder- buchautorin Elisabeth Dommer. Unterstützt wird sie vom Leipziger Gewandhaus-Kinderchor - und diese CD enthält die Lieder, die die Chorkinder dazu beitragen. 
Die CD beginnt und endet mit schmissigen Klängen der beiden Protagonisten; Werner Osten, Akkordeon, und Karin Grossmann, Blockflöte, spielen sie schwungvoll und mit Humor. Es folgen mehr oder minder bekannte Kinderlieder in anspruchsvollen, klang- schönen Arrangements. Begleitet werden die jungen Sänger durch das Gewandhaus-Bläserquintett. Man darf vermuten, dass die Musik von Frank-Steffen Elster stammt (leider finden sich dazu keine Angaben). Er leitet den Kinderchor, und es ist bekannt, dass er auch kompo- niert. 
Die Aufnahme stammt vom Jahreswechsel 2005/06. Damals klang der Chor sehr homogen, sauber und ausgewogen, aber leider auch ein bisschen gebremst und langweilig. Klagen muss man auch über die mangelhafte Textverständlichkeit. Doch die jungen Chorsänger, die damals an dieser Aufnahme mitgewirkt haben, dürften mittlerweile aus dem Schulalter bereits herausgewachsen sein. 
Es bleibt unter dem Strich eine schöne, hörenswerte Kinder-CD, die sich wohltuend von dem handelsüblichen Umtata unterscheidet, das heute als Kindermusik verkauft wird - man hat mitunter den Ein- druck, es soll die lieben Kleinen gleich auf die volkstümliche Hit- parade hin konditionieren. Wer ein Kontrastprogramm sucht - hier ist es. 

Freitag, 10. August 2012

Dass du ewig denkst an mich (Querstand)

Der Kammerchor Cantamus Dresden singt deutsche Volkslieder in neuen Sätzen. Sie stammen von Max Reger und Hugo Distler, aber auch von Bernd Englbrecht, Matthias Drude, Volker Wangen- heim, Sylke Zimpel und von Stefan Vanselow selbst, der den Chor bis 2011 leitete, und einen beachtli- chen Anteil der musikalischen Substanz dieser CD beisteuerte. Im Mittelpunkt dieser CD steht aber ein Werk des Berliner Komponisten Hans Schanderl, das keinen Volkslied-Bezug hat. Schlief ein goldnes Wölkchen lautet der Titel eines Romans des russischen Schriftstellers Anatoli Ignatjewitsch Pristawkin, in dem dieser über seine Kindheits- erlebnisse berichtet - er lebte während des Zweiten Weltkrieges in einem tschetschenischen Waisenhaus. Diese Zeile entstammt dem Gedicht Der Felsen von Michail Jurjewitsch Lermontow - Schanderl hat es musikalisch umgesetzt, und ein phantastisches Klangbild ge- schaffen, das an die Werke von Arvo Pärt erinnert. Schlief ein goldnes Wölkchen entstand im Frühjahr 2010 als Auftragswerk für das Ensemble. 
Der Kammerchor Cantamus Dresden hat sich ganz der A-cappella-Musik verschrieben. Dieser gemischte Chor singt absolut professio- nell; das Wort "schwierig" scheint es für diese jungen Sänger nicht zu geben. Es ist immer wieder erstaunlich, dass die mitteldeutsche Chortradition auch im iPod-Zeitalter noch Chöre wie diesen hervorbringt - mit Leidenschaft für den Chorgesang, exzellenter musikalischer Ausbildung und der Bereitschaft, sehr viel Zeit in Proben und Konzertreisen zu investieren. Bravi! 

Sonntag, 1. April 2012

Fux: Triopartiten (Querstand)

Die "Trio auf Instrumenten", so schrieb einst der Hamburger Musikkritiker Johann Mattheson (1681 bis 1764), haben "ihre besondere Meriten und erfordern einen festen Mann: wie darin der Kaiserl. Ober=Capellmeister Fuchs unvergleichlich ist."
55 Kompositionen für zwei Ober- stimmen und bezifferten Bass sind von Fux überliefert. Zwölf dieser Werke waren offenbar für die Aufführung außerhalb der Kirche bestimmt; sie wurden in der Fux-Gesamtausgabe als Triopartiten in einem Band zusammengefasst. Fünf dieser Werke sowie einen Einzel- satz aus einer weiteren Partita hat das Ensemble La Gioconda auf dieser CD vorgelegt.
Johann Joseph Fux (um 1660 bis 1741) war nach einer langen Perio- de, in der Kapellmeister aus Italien das Musikleben am Hofe der Habsburger prägten, der erste Österreicher, der in Wien Hofkapell- meister wurde. Mehr als ein Vierteljahrhundert lang leitete Fux die größte Hofkapelle Europas, der zeitweise über hundert Musiker angehörten. Er komponierte für den Hof, genoss aber auch großes Renommee als Musikpadägoge und Musiktheoretiker. Zu seinen Schülern gehörten unter anderem Gottlieb Muffat und Jan Dismas Zelenka. Fux' wichtigstes Werk Gradus ad Parnassum diente, ins Deutsche übersetzt, bis ins 20. Jahrhundert Generationen von Kompositionsschülern als Lehrbuch des Kontrapunktes. 
Seine Musik allerdings wurde vergessen - was sehr schade ist, wie diese CD beweist. Denn sie zeigt, wie souverän er französische und italienische Formen kombinierte. Seine Partiten sind abwechslungs- reiche und höchst charmante Folgen von Tanzsätzen. Die Abschriften dieser Werke deuten zudem offenbar darauf hin, dass ihre Besetzung flexibel gehandhabt wurde - bis hin zur chorischen Besetzung der Streicher, oder das gemeinsame Spiel mit Blasinstrumenten. 
Das Ensemble La Gioconda entschied sich für die solistische Variante. Lucia Froihofer und Mónika Tóth, Barockvioline, Barbara Julia Rei- ter, Barockcello und Anne Marie Dragosits am Cembalo bzw. Orgel- positiv präsentieren Fux' Triopartiten souverän und sehr elegant. Ein Hörgenuss, den ich gern weiterempfehle. 

Sonntag, 25. Dezember 2011

Singt, ihr Engelchöre! (Querstand)

"Das Komponieren für deutsche Chöre war ein Wendepunkt in meinem künstlerischen Schaffen, der meiner Arbeit eine neue und willkommene Dimension hinzu- fügte", berichtet Sir Colin Mawby. Der Komponist, Jahrgang 1936, begann seine Ausbildung als Chorknabe an der Chorschule der Westminster Cathedral und stu- dierte dann am Royal College of Music.  Er wirkte viele Jahre als Organist und Chorleiter; so grün- dete er 1991 den Irish National Chamber Choir, Irlands einzigen professionellen Chor. Für seine Verdienste um die Kirchenmusik wurde er 2006 durch Papst Bene- dikt mit dem Gregorius-Orden ausgezeichnet. 
Doch Mawby beschränkt sich nicht auf die katholische Liturgie. Seit etlichen Jahren verbindet ihn eine enge Zusammenarbeit mit der Biederitzer Kantorei, dem außerordentlich engagierten Chor eines außerordentlich engagierten Kantors, der sich in der Nähe von Mag- deburg niedergelassen hat. Das bescherte auch dem Komponisten neue Ideen: "Ich bin begeistert vom Phänomen der deutschen 'Pasto- ralmesse' - in England gibt es nichts Vergleichbares", so Mawby. "Ihre Feierlichkeit, ihre Freude und ihr tanzartiger Charakter drücken den Sinn der Weihnacht mit großem Verständnis aus, und ich habe versucht, diese Eigenschaften 'im englischen Stil' aufzu- greifen. Das Komponieren dieser Messe hat mir große Freude bereitet." 
Die Pastoralmesse in G zieht sich wie ein roter Faden durch diese CD - und das Vocalconsort Leipzig, ein semiprofessionelles Ensemble, das von Gregor Meyer geleitet wird, der nun auch dem Gewandhauschor vorsteht, singt die weihnachtliche Chormusik des englischen Kompo- nisten mit Schwung und hörbarem Vergnügen. Das mag nicht zuletzt mit daran liegen, dass sie sehr schön klingt. "Meine Musik soll die Zuhörer ansprechen und sie bewegen", unterstreicht Mawby. "Die Kompositionstechnik ist niemals Ursprung, sondern immer Dienerin der Inspiration. Ich schreibe ganz bewusst für die kirchenmusikali- sche Praxis, weshalb keines der Stücke auf dieser CD schwer auszu- führen ist und sämtliche Streicherstimmen optional sind. Es ist unabdingbar, dass Interpreten Gefallen finden an dem, was sie singen - dies sollte jeder Komponist zu einem Grundsatz seiner Arbeit machen." 
Das Vocalconsort Leipzig wird teilweise begleitet durch Holzbläser und Streicher der camerata lipsiensis, sowie durch Caroline Roth an der Sauer-Orgel der Michaeliskirche Leipzig. Und sollte beim Anhö- ren dieser CD die Lust aufkeimen, diese schmissige Musik auch in der eigenen Gemeinde aufführen zu wollen - das Beiheft verrät, wo die Noten zu bekommen sind. 

Freitag, 9. Dezember 2011

Dort zwischen Ochs und Eselein (Querstand)

Leipzig ist noch immer eine Musikmetropole. Das merkt man nicht zuletzt auch daran, dass dort selbst der Nachwuchs mit einer Qualität musiziert, die man andernorts so nicht findet. Auf dieser CD beispielsweise ist das Jugendsinfonieorchester der Musikschule Leipzig "Johann Sebastian Bach" zu hören, das von Ron-Dirk Entleutner geleitet wird - und die Jugendlichen spielen durchaus schon fast wie Profis. Dieses Musikschulorchester klingt so gar nicht nach Lernen und Ausprobieren; so manche Stadt wäre sicherlich froh über einen solchen Klangkörper. 
Das Mendelssohn-Quartett ist eines von ziemlich vielen Streichquar- tetten in der Pleißestadt. Es hat sich unter anderem der Pflege der Musik seines Namenspatrons verschrieben, und ist regelmäßig im Gewandhaus sowie in einer eigenen Konzertreihe im Mendelssohn- haus zu erleben. Auch mit dem Gewandhauskinderchor arbeitet das Quartett seit Jahren zusammen. Zu hören ist auf dieser CD zudem die Flötistin Gudrun Hinze, Solo-Piccoloflötistin im Gewandhaus- orchester zu Leipzig sowie im Orchester der Bayreuther Wagner-Festspiele. 
Der Gewandhauskinderchor aber übernimmt den wichtigsten Part
auf dieser CD. In dem Ensemble, das seit 1973 besteht, singen derzeit 80 Kinder im Alter zwischen 9 und 18 Jahren; im Nachwuchschor werden weitere 50 Kinder, die jünger sind, an die Aufgaben herange- führt, die die "Großen" bereits übernehmen. Der Chor wird derzeit von Frank-Steffen Elster geleitet. Er ist nicht nur ein erfahrener Sänger und Chorpädagoge, sondern offenbar auch ein ambitionierter Kom- ponist - zahlreiche Chorsätze auf dieser CD stammen von ihm. Ob man sie mag, das ist Geschmackssache, ich finde sie etwas spröde. Die Mädchen und Jungen des Gewandhauskinderchores singen routiniert; man würde sich aber mehr Ausdruck und Schwung wünschen. Wenn Qualität zu Lasten der Musizierlust geht, dann finde ich das bedenk- lich. 

Sonntag, 4. Dezember 2011

Adventskonzert im barocken Dom zu Fulda (Querstand)

Einen Mitschnitt vom Advents- konzert im Hohen Dom zu Fulda aus dem Dezember 2010 steckt das Altenburger Label Querstand allen Freunden der Barockmusik in den Nikolausstiefel. Domkapellmeister Franz-Peter Huber verfügt über gleich zwei leistungsfähige Chöre - den Domchor Fulda mit mehr als 200 Jahren Tradition und den Ju- gendkathedralchor, in dem junge Sänger mitwirken, die bereits durch die Musikalische Früh- erziehung sowie die Singklasse und die Vorklasse für Kinder des ersten und zweiten Schuljahres darauf vorbereitet wurden. Sie beginnen dann in Klasse 3 im C-Chor, üben danach weiter im B-Chor für Kinder ab der 4. Klasse, und werden anschließend in den "großen" A-Chor aufgenommen, in dem Kinder und Jugendliche zwischen 13 und 20 Jahren singen. Insgesamt lernen in diesen Nachwuchsensembles derzeit ca. 450 Schülerinnen und Schüler. Wer die Chöre hier gemeinsam mit dem Barockorchester L'arpa festante gehört hat, der wird zufrieden feststellen: Sie singen gut, auch wenn für das ganz große Konzertprogramm die Kraft dann doch noch nicht ausreicht. Als Solisten wirken mit Sabine Goetz, Sopran, Andreas Pehl, Altus, Hans Jörg Mammel, Tenor und Matthias Horn, Bariton. 
Für das Adventskonzert hat Huber das Magnificat in C des Darm- städter Hofkapellmeisters Christoph Graupner (1683 bis 1760) ausgewählt sowie Machet die Tore weit, eine wundervolle Kantate von Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767), die dieser 1719 für den Eisenacher Hof geschrieben hat. Beide Werke bewältigen die Fuldaer Ensembles ganz hervorragend - lebendig, ausdrucksstark, wirklich sehr hörenswert. Im Anschluss erklingt der erste Teil von Händels Oratorium Messiah. Das ist ehrgeizig, doch dabei gerät Hubers Sängerschar gleich mehrfach hörbar an ihre Grenzen. Insofern kann die zweite der beiden CD nicht wirklich mit gutem Gewissen empfoh- len werden; die erste aber ist wirklich hörenswert.

Sonntag, 27. November 2011

Telemann: Kantaten (Querstand)

Als Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) 1721 seine Tätigkeit als Cantor Johannei und Director Musices der Stadt Hamburg auf- nahm, eilte ihm bereits ein Ruf als herausragender Komponist von Kirchenkantaten voraus. Seine ersten Motetten hatte er schon als Schulbub geschrieben. Die Legen- de berichtet, er habe sich an der Universität Leipzig tatsächlich mit ganzer Kraft der der Juristerei widmen wollen. Doch dann habe sein musikbegeisterter Zimmergenosse eine Komposition Telemanns in dessen Reisegepäck gefunden, und dafür gesorgt, dass das Werk umgehend am Sonntag in der Thomaskirche erklang. Daraufhin sei der junge Telemann durch den Bürgermeister beauftragt worden, künftig zwei Kantaten im Monat zu liefern. 
In Hamburg war Telemann dann verpflichtet, zwei Kantaten wöchent- lich und dazu jährlich eine Passion zu komponieren. Er widmete sich dieser Aufgabe mit Fleiß - und publizierte bereits 1725/26 einen ersten Kantatenjahrgang. Dieses Werk hatte den Titel Harmonischer Gottes-Dienst / oder geistliche Cantaten zum allgemeinen Gebrauche / welche/ zu Beförderung so wol der Privat- Haus- als öffentlichen Kirchen-Andacht / auf die gewöhnlichen Sonn- und Fest-täglichen Episteln durchs ganze Jahr gerichtet sind, und aus einer Singe-Stimme bestehen / die entweder von einer Violine, oder Hautbois, oder Flute traverse, oder Flute a bec, nebst dem General-Basse begleitet wird; Auf eine leichte und bequeme Art also verfasset / daß nicht allein die, so zur Aufführung der Kirchen-Music gesetzet sind / und vor allen diejenigen / so sich nur weniger Gehülfen darbey zu bedienen haben / solche nützlich gebrauchen können / sondern auch denen zur geistlichen ergetzlichkeit / die ihre Haus-Andacht musica- lisch zu halten pflegen / wie nicht weniger allen / die sich im Singen / oder im Spielen auf gedachten Instrumenten üben / zur Erlangung mehrerer Fähigkeit (...). Um den Kunden, die die Kantaten direkt bei Telemann erwerben konnten, das Musizieren zu erleichtern, hat der Komponist seinen Werken zudem ein umfangreiches Vorwort mit Hinweisen zur Aufführungspraxis beigefügt. 
Mit dem Harmonischen Gottesdienst traf Telemann wohl ein Bedürf- nis seiner Zeitgenossen; die 72 Kantaten fanden offenbar regen Ab- satz, denn selbst heute sind noch zahlreiche Exemplare davon aufzu- finden. Das Ensemble La Gioconda - Margot Oitzinger, Gesang, Lucia Froihofer, Violine, Barbara Julia Reiter, Violoncello, und Anne Marie Dragosits, Cembalo und Claviorganum, für diese Einspielung zudem verstärkt durch Maria Mittermayr-Pitzl , Traversflöte - hat sechs dieser Kantaten ausgewählt, die für den Zeitraum zwischen dem ersten Advent und dem Dreikönigstag vorgesehen sind, und diese für das Altenburger Label Querstand eingespielt. 
Telemanns Werke, so stellt sich bald heraus, sind aber weder "unkom- pliziert", noch musikalische Meterware. "Überraschend bei diesen Kantaten ist, dass sowohl Musik als auch Text ganz und gar nicht in unser traditionell besinnliches Bild von Advent und Weihnachten passen", merkt Sängerin Margot Oitzinger an. "Die Texte sind aufrüt- telnd und humorvoll, die Musik ist dementsprechend temperament- voll und lebendig." Und die exzellenten jungen österreichischen Musikerinnen haben hörbar ihr Vergnügen daran. Der Zuhörer auch, der sich hier auf eine CD freuen kann, die so ganz anders klingt als die üblichen Standardaufnahmen für die Vorweihnachtszeit. Kaufhaus- kompatibel ist diese hier nicht - und das ist auch gut so! 

Samstag, 1. Oktober 2011

Auftakt - Octavians (Querstand)

"Auftakt" nennen die Octavians ihre erste CD. Das Vokalensemble, 2006 hervorgegangen aus dem Knabenchor der Jenaer Philhar- monie, gewann 2010 den Bundes- wettbewerb "Jugend musiziert".
Beim Anhören fühlt man sich an alte Zeiten erinnert - die Mädchen nämlich erlernten in der Saalestadt einst im FDJ- und Pionierensemble Jena bei Karl Müller-Schmied und Stimmbildner Georg Friedrich Händel das kultivierte Singen im Chor, um die Jungs warb heftig die Philharmonie. Und wer davon träumte, aus dem Gesang einen Beruf machen zu wollen, der nahm dann Gesangsstunden bei Sigrid Jahn. Auch ich habe davon sehr profitiert und bin dankbar für die vielen Unterrichts- und Übungs- stunden. Wie man "richtige" Solistentöne singt, das habe ich allerdings erst wesentlich später begriffen - an dieser Stelle Dank und Gruß nach Chemnitz an Plamen Jontschew. Doch hinweg mit der Nostalgie, zu- rück zu den Octavians. 
Die acht jungen Herren, die diese CD eingespielt haben, singen sauber und harmonisch, leider aber auch sehr brav. Das Doppelquartett könnte deutlich mehr Wucht, Humor und Biss zeigen. Männer-Ge- sangsensembles, in den unterschiedlichsten Besetzungen, sind auf dem Musikmarkt nicht gerade selten. Und die Profis spielen, das muss man an dieser Stelle ganz klar sagen, in Sachen Ausdruck und Gestal- tungsvermögen doch in einer anderen Liga. Die Octavians hingegen wollen mit dem Gesang eindeutig nicht ihre Brötchen verdienen. Die meisten von ihnen studieren, und zwar überwiegend naturwissen- schaftlich-technische Fächer. Für eine Laienformation aber sind sie wirklich gut - und die CD beweist, dass die mitteldeutsche Chor- tradition auch heute noch weiterlebt. Und das lässt hoffen. 

Freitag, 14. Januar 2011

Norbert Burgmüller: Songs and Chamber Music (Querstand)

"Nach Franz Schubert's frühzei- tigem Tod konnte keiner schmerz- licher treffen   als der Burg- müller's", klagte Robert Schumann in einem Nachruf. "Sein Talent hatte solche leuchtenden Vorzüge, daß über dessen Dasein nur einem Blinden Zweifel aufkommen könnte; selbst die Masse, glaub' ich, würde er später zur Aner- kennung gezwungen, der Reich- tum seiner Melodien müßte sie gepackt haben, wenn sie auch die wahrhaft künstlerische Bearbeitung der Theile nicht zu würdigen verstanden." 
Norbert Burgmüller (1810 bis 1836) wuchs in einem Musikerhaushalt auf. Sein Vater war Musiklehrer, Komponist, Kapellmeister und Musikdirektor in Düsseldorf. Die Klavieretüden, die sein älterer Bruder Friedrich Burgmüller (1806 bis 1874) für junge Pianisten komponierte, sind noch heute beliebt und werden im Unterricht rege genutzt. 
Die Lebensgeschichte von Norbert Burgmüller liest sich wie ein Roman von Hedwig Courths-Mahler - nur hat sie leider kein glück- liches Ende. Als der Vater 1824 starb, geriet die Familie in große Not. Ein adliger Mäzen unterstützte sie, und er finanzierte auch Norbert das Studium bei Louis Spohr und Moritz Hauptmann in Kassel. Dort wirkte der junge Mann dann als Korrepetitor, Dirigent und Pianist. Er komponierte, und hatte mit seinen Werken erste Erfolge. 1829 verlobte er sich mit einer Opernsängerin, die jedoch die Verlobung im Jahr darauf wieder löste, weil sich ihr eine glänzende Partie bot. An dem Tage, an dem sie eigentlich heiraten wollte, starb sie in Aachen an einem Nervenfieber. 
Burgmüller hat dies nie verwunden. Er fing ein liederliches Leben an, verfiel zeitweise der Trunksucht - und wurde von epileptischen Anfällen heimgesucht. 1830 kehrte er nach Düsseldorf zurück, wo er seinen Lebensunterhalt in erster Linie durch Musikunterricht verdiente. 1833 lernte er Felix Mendelssohn Bartholdy kennen, der als Musikdirektor nach Düsseldorf kam. Mendelssohn erkannte sein Talent, und sorgte dafür, dass Burgmüllers Werke öffentlich gespielt wurden. So stellte er dem Publikum ein Klavierkonzert und eine Sinfonie vor. Die zweite Sinfonie blieb unvollendet; Burgmüller er- trank 1836 während eines Kuraufenthaltes in Aachen im Quirinus- bad. 
Seine Lieder spiegeln dieses unstete Dasein; ihre Texte sind oftmals düster - doch man darf nicht vergessen, dass es sich dabei um Jugendwerke handelt. Auf dieser CD erklingen sie gemeinsam mit drei Kammermusikwerken, hingebungsvoll interpretiert von Künstlern aus dem mitteldeutschen Raum.