„Un violiniste dont la taille égale à peu près celle de son archet“, schrieb der belgische Musikkritiker François-Joseph Fétis, „est venu se faire entendre après M. De Bériot, son maître, dans le 7e concerto de Rode. Cet enfant, dont le nom est Vieuxtemps, possède une sûreté, un aplomb, une justesse vraiment remarquables pour son âge: il est né musicien.“ Zu diesem Zeitpunkt war Henri Vieuxtemps (1820 bis 1881) gerade einmal zwölf Jahre alt.
Begeisterung löste der Geiger aus, wohin er auch kam – beim Publikum wie bei den Kollegen; in Kassel spielte er Louis Spohr vor, der ihn sehr lobte, und auch Paganini zeigte sich angetan. Schon als 20jähriger präsentierte Vieuxtemps in St. Petersburg mit großem Erfolg sein Violinkonzert Nr. 1. Sechs weitere folgten, dazu zahlreiche Werke für Violine und Klavier, Violine und Orchester oder Violine solo.
Doch die heimliche Liebe des Violinvirtuosen galt der Viola, für die er einige seiner schönsten Kompositionen schuf. Christian Euler und Paul Rivinius haben einige davon für diese CD ausgewählt. Die Sonate B-Dur op. 36 beispielsweise ist meiner Meinung nach eines der schönsten Werke dieser Gattung überhaupt. Und Euler zeigt, wie wundervoll das gesangliche Spiel, das so typisch für die französisch-belgische Violinschule ist, zur Bratsche passt.
Brillanz und Klangschönheit – in diesen Werken ist beides gefordert. Vieuxtemps hat generell sowohl den Bratschisten als auch den Pianisten mit dankbaren Partien bedacht; und so treten hier Euler und Rivinius oftmals in einen angeregten Dialog. Mit Leidenschaft und Sensibilität musizieren beide, und bringen so diese elegante Musik ausgezeichnet zur Geltung. Virtuosität und Kantilene sind hier bestens vereint. Unbedingt anhören, es lohnt sich!
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Sonntag, 26. Mai 2019
Mittwoch, 5. September 2018
Viola Galante (Avi-Music)
„Originalkompositionen für Bratsche als Solo-Instrument finden sich in der Zeit vor 1775 ausgesprochen selten“, schreiben Pauline Sachse und Phillip Schmidt im Beiheft zu dieser CD. Unterstützt durch Ludger Rémy, hat sich die Musikerin dennoch auf die Suche begeben – und durchaus lohnenswertes aufgespürt.
„Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Hören dieser größtenteils vergessenen Sonaten“, heißt es im Beiheft. „Ihre Ohren sind vermutlich die ersten, die ihnen seit über 250 Jahren Gehör schenken.“
Die einzige Sonate auf dieser CD, die nicht für die Viola, sondern für die Viola da gamba entstanden ist, stammt von Carl Philipp Emanuel Bach – allerdings hat der Komponist die „Bratschen-Version“ eigenhändig autorisiert. Sie unterscheidet sich vom Original ohnehin nur durch Oktavierungen von Tönen, die für die Bratsche zu tief liegen, in zwei Takten.
Die frühesten publizierten Kompositionen für Bratsche in England stammen von William Flackton (1709 bis 1798), im Hauptberuf Buchhändler. Er hatte festgestellt, dass für die Bratsche Literatur fehlt – und gleich selbst vier Sonaten geschrieben. Eine davon ist auf dieser CD zu hören.
Die vier nachfolgenden Werke erklingen in Weltersteinspielungen. Die erste dieser Sonaten stammt von Giorgio Antoniotto (vermutlich 1692 bis 1776). Er stammte aus Mailand, und könnte sich einige Jahre in den Niederlanden und in London aufgehalten haben. Überliefert sind von ihm vor allem Werke für das Violoncello; in der Library of Congresss in Washington fanden sich aber auch Manuskripte von zwei Bratschen- sonaten. Eine davon wird von Julia Sachse und Andreas Hecker vorgestellt; sie erscheint insbesondere aufgrund ihrer mitunter kühnen Harmonik reizvoll.
Franz Benda (1709 bis 1786) wirkte als Geiger am Hofe Friedrich des Großen; ab 1771 war er Konzertmeister des musikliebenden Königs. Er komponierte fast ausschließlich für die Violine – allerdings hat er auch zwei Bratschensonaten geschrieben. Abschriften befinden sich im Notenarchiv der Sing-Akademie zu Berlin. Sie sind auf dieser CD beide zu hören.
Last but not least erklingt ein Trio von Christlieb Siegmund Binder (1723 bis 1789). Dieser Musiker war Cembalist und Komponist am Dresdner Hof. Nach 1764 wirkte er dort als Organist an der katholischen Hofkirche. Seine Werke bieten insbesondere dem Cembalisten einen attraktiven Part – das Tasteninstrument ist hier nicht Begleiter, sondern ebenfalls Solist, und setzt im Wechselspiel mit der Bratsche durchaus eigene Akzente.
Julia Sachse und Andreas Hecker musizieren souverän und mit enormer Spielfreude; es ist ein Vergnügen, ihnen zuzuhören. Für diese Einspielung haben die beiden Musiker bewusst historische Instrumente und eine historische Stimmung verwendet: Die Viola hat Giovanni Paolo Maggini 1610 in Brescia angefertigt; Sachse spielt sie hier mit Darmsaiten und mit einem Bogen nach spätbarocken Vorbildern aus der Werkstatt von Thomas Gerbeth. Andreas Hecker spielt ein Cembalo nach einem Instrument von Michael Mietke, gebaut von Bruce Kennedy 2000 in Amsterdam. Gestimmt wurde auf 415 Hz und nach Neidhardt („für eine große Stadt“). Dies bringt tatsächlich eine recht deutlich wahrnehmbare Tonartencharakteristik und damit zusätzliche Farbe in ein ohnehin ziemlich abwechslungsreiches Programm. Wer den sonoren Klang der Bratsche liebt, der sollte diese CD unbedingt anhören – vom ersten bis zum letzten Ton gelungen!
„Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Hören dieser größtenteils vergessenen Sonaten“, heißt es im Beiheft. „Ihre Ohren sind vermutlich die ersten, die ihnen seit über 250 Jahren Gehör schenken.“
Die einzige Sonate auf dieser CD, die nicht für die Viola, sondern für die Viola da gamba entstanden ist, stammt von Carl Philipp Emanuel Bach – allerdings hat der Komponist die „Bratschen-Version“ eigenhändig autorisiert. Sie unterscheidet sich vom Original ohnehin nur durch Oktavierungen von Tönen, die für die Bratsche zu tief liegen, in zwei Takten.
Die frühesten publizierten Kompositionen für Bratsche in England stammen von William Flackton (1709 bis 1798), im Hauptberuf Buchhändler. Er hatte festgestellt, dass für die Bratsche Literatur fehlt – und gleich selbst vier Sonaten geschrieben. Eine davon ist auf dieser CD zu hören.
Die vier nachfolgenden Werke erklingen in Weltersteinspielungen. Die erste dieser Sonaten stammt von Giorgio Antoniotto (vermutlich 1692 bis 1776). Er stammte aus Mailand, und könnte sich einige Jahre in den Niederlanden und in London aufgehalten haben. Überliefert sind von ihm vor allem Werke für das Violoncello; in der Library of Congresss in Washington fanden sich aber auch Manuskripte von zwei Bratschen- sonaten. Eine davon wird von Julia Sachse und Andreas Hecker vorgestellt; sie erscheint insbesondere aufgrund ihrer mitunter kühnen Harmonik reizvoll.
Franz Benda (1709 bis 1786) wirkte als Geiger am Hofe Friedrich des Großen; ab 1771 war er Konzertmeister des musikliebenden Königs. Er komponierte fast ausschließlich für die Violine – allerdings hat er auch zwei Bratschensonaten geschrieben. Abschriften befinden sich im Notenarchiv der Sing-Akademie zu Berlin. Sie sind auf dieser CD beide zu hören.
Last but not least erklingt ein Trio von Christlieb Siegmund Binder (1723 bis 1789). Dieser Musiker war Cembalist und Komponist am Dresdner Hof. Nach 1764 wirkte er dort als Organist an der katholischen Hofkirche. Seine Werke bieten insbesondere dem Cembalisten einen attraktiven Part – das Tasteninstrument ist hier nicht Begleiter, sondern ebenfalls Solist, und setzt im Wechselspiel mit der Bratsche durchaus eigene Akzente.
Julia Sachse und Andreas Hecker musizieren souverän und mit enormer Spielfreude; es ist ein Vergnügen, ihnen zuzuhören. Für diese Einspielung haben die beiden Musiker bewusst historische Instrumente und eine historische Stimmung verwendet: Die Viola hat Giovanni Paolo Maggini 1610 in Brescia angefertigt; Sachse spielt sie hier mit Darmsaiten und mit einem Bogen nach spätbarocken Vorbildern aus der Werkstatt von Thomas Gerbeth. Andreas Hecker spielt ein Cembalo nach einem Instrument von Michael Mietke, gebaut von Bruce Kennedy 2000 in Amsterdam. Gestimmt wurde auf 415 Hz und nach Neidhardt („für eine große Stadt“). Dies bringt tatsächlich eine recht deutlich wahrnehmbare Tonartencharakteristik und damit zusätzliche Farbe in ein ohnehin ziemlich abwechslungsreiches Programm. Wer den sonoren Klang der Bratsche liebt, der sollte diese CD unbedingt anhören – vom ersten bis zum letzten Ton gelungen!
Montag, 2. Oktober 2017
Bach - Krebs - Abel (Analekta)
Diese CD vereint Werke von Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750), Johann Ludwig Krebs (1713 bis 1780) und Carl Friedrich Abel (1723 bis 1787). „Väter und Söhne“, so der Untertitel des Albums, betrifft das insofern, als Krebs tatsächlich ein Schüler Bachs war. Für Abel ist das nicht belegt; allerdings musizierte sein Vater, der Violinist und Gambenvirtuose Christian Ferdinand Abel, als „Premier-Musicus“ in jener Köthener Hofkapelle, der Bach als Kapellmeister vorstand.
Es wird vermutet, dass Bach seine Gambensonaten für Christian Ferdinand Abel komponierte. Sie erklingen auf dieser CD, allerdings wird statt der Viola da gamba eine Viola gespielt: Helen Callus musiziert sehr hörenswert, gemeinsam mit Luc Beauséjour am Cembalo.
Die Bratschistin hat auch die beiden Stücke der „Söhne-Generation“ passend arrangiert: Das Programm ergänzen ein Trio in c-Moll für zwei Claviere und Bass von Johann Ludwig Krebs, und die Gambensonate WKO 150 von Carl Friedrich Abel. Letzterer blieb der Bach-Familie verbunden; er war insbesondere mit Johann Christian Bach befreundet und veranstaltete gemeinsam mit ihm in London die Bach-Abel-Konzerte.
Es wird vermutet, dass Bach seine Gambensonaten für Christian Ferdinand Abel komponierte. Sie erklingen auf dieser CD, allerdings wird statt der Viola da gamba eine Viola gespielt: Helen Callus musiziert sehr hörenswert, gemeinsam mit Luc Beauséjour am Cembalo.
Die Bratschistin hat auch die beiden Stücke der „Söhne-Generation“ passend arrangiert: Das Programm ergänzen ein Trio in c-Moll für zwei Claviere und Bass von Johann Ludwig Krebs, und die Gambensonate WKO 150 von Carl Friedrich Abel. Letzterer blieb der Bach-Familie verbunden; er war insbesondere mit Johann Christian Bach befreundet und veranstaltete gemeinsam mit ihm in London die Bach-Abel-Konzerte.
Mittwoch, 8. Februar 2017
An Italian in Vienna (Sono Luminus)
Als Mauro Giuliani (1781 bis 1829), ein italienischer Gitarrenvirtuose, erkannte, dass in seiner opernverrück- ten Heimat das Publikum nicht für sein Instrument zu begeistern ist, ging er uns Ausland: 1806 ließ er sich in Wien nieder, wo er mit großem Erfolg Konzerte gab, und bald auch als Gitarrenlehrer und als Komponist sehr gefragt war. Giuliani war mit vielen Musikerkollegen befreundet; aller- dings musste er 1819 Wien Hals über Kopf verlassen. Er hinterließ einen Haufen Schulden, und kehrte zurück nach Italien.
Doch weder in Venedig noch in Rom fand er dieselbe Beachtung wie in Wien. Schließlich orientierte er sich nach Neapel, wo die Bourbonen residierten (und wo er sich um seinen schwer erkrankten Vater kümmern musste). Dort starb er, viel zu früh. Er schuf etwa 150 Werke, überwiegend für die Gitarre, darunter drei Gitarrenkonzerte.
Seine Musik kombiniert Wiener Klassik und mediterrane Anmut. Wie stark ihn seine Wahlheimat inspiriert hat, das zeigen Louise Schulman und Bill Zito auf der vorliegenden CD. Zu hören sind das Grand Duo Concertante in A-Dur, op. 85, die Serenade in G-Dur, op. 127, die Grande Sérénade in D-Dur, op. 82 und das Gran Duetto Concertante in A-Dur, op. 52. Diese Werke sind eigentlich für Flöte und Gitarre entstanden. Sie werden hier auf Bratsche und Gitarre vorgetragen, wobei mir diese Variante am besten dort gefällt, wo Louise Schulman nicht versucht, eine Violine zu imitieren, sondern ganz bewusst den tieferen und sonoren Klang ihres Instrumentes einsetzt. Wirklich reizvoll!
Doch weder in Venedig noch in Rom fand er dieselbe Beachtung wie in Wien. Schließlich orientierte er sich nach Neapel, wo die Bourbonen residierten (und wo er sich um seinen schwer erkrankten Vater kümmern musste). Dort starb er, viel zu früh. Er schuf etwa 150 Werke, überwiegend für die Gitarre, darunter drei Gitarrenkonzerte.
Seine Musik kombiniert Wiener Klassik und mediterrane Anmut. Wie stark ihn seine Wahlheimat inspiriert hat, das zeigen Louise Schulman und Bill Zito auf der vorliegenden CD. Zu hören sind das Grand Duo Concertante in A-Dur, op. 85, die Serenade in G-Dur, op. 127, die Grande Sérénade in D-Dur, op. 82 und das Gran Duetto Concertante in A-Dur, op. 52. Diese Werke sind eigentlich für Flöte und Gitarre entstanden. Sie werden hier auf Bratsche und Gitarre vorgetragen, wobei mir diese Variante am besten dort gefällt, wo Louise Schulman nicht versucht, eine Violine zu imitieren, sondern ganz bewusst den tieferen und sonoren Klang ihres Instrumentes einsetzt. Wirklich reizvoll!
Dienstag, 27. Oktober 2015
Brahms - Nils Mönkemeyer (Sony)
„Diese Sonaten sind mir lieb und teuer“, erklärt Nils Mönkemeyer in einem Interview, das im Beiheft dieser CD nachzulesen ist. „Mittlerweile rührt mich Brahms wirklich zu Tränen, weil er eine innere Hoffnung hat – dieses ,Und ich versuche es trotzdemʻ. Er gibt diese Haltung nie auf, die unbedingte Bejahung des Lebens, der Liebe und der Schönheit.“
Und so hat der Bratschist gemeinsam mit dem Pianisten William Youn die beiden späten Sonaten op. 120 eingespielt. „Beide Sonaten wurden ursprünglich für Klarinette geschrieben“, erklärt der Musiker. „Brahms hat sie zusätzlich für Bratsche bearbeitet. Aber im Gegensatz zur ersten war er mit der Viola-Fassung der zweiten nicht ganz zufrieden – weil sie zu dunkel geraten ist. Und während im ,Originalʻ die Klarinette die Klavierlinien fortsetzt, springen sie in der Bratschenfassung nach unten.“ Und deshalb spielt Mönkemeyer hier die Originalversion. „Natürlich ist die Klarinettenfassung auf der Bratsche schwer zu spielen“, meint der Musiker, „aber sie hat eben dieses helle, schwebende Kolorit.“
Nils Mönkemeyer spürt, sensibel unterstützt durch William Youn am Klavier, Emotionen und Zwischentönen in Brahms' Sonaten nach. Mit Klangfarben zaubert er aber auch bei den Ungarischen Tänzen, die diese CD komplettieren. Tanz Nr. 1 erklingt in der Fassung von Joseph Joachim. Bei den anderen ausgewählten Tänzen hat Mönkemeyer eigens für diese Aufnahme Bearbeitungen in Auftrag gegeben: Tanz Nr. 4 hat der Komponist Marco Hertenstein neu arrangiert, Tanz Nr. 5 der Österreicher Peter Wiesenauer, und Tanz Nr. 16 Stephan Koncz, Cellist bei den Berliner Philharmonikern. Hier wirkt zudem das Signum-Quartett mit.
Und so hat der Bratschist gemeinsam mit dem Pianisten William Youn die beiden späten Sonaten op. 120 eingespielt. „Beide Sonaten wurden ursprünglich für Klarinette geschrieben“, erklärt der Musiker. „Brahms hat sie zusätzlich für Bratsche bearbeitet. Aber im Gegensatz zur ersten war er mit der Viola-Fassung der zweiten nicht ganz zufrieden – weil sie zu dunkel geraten ist. Und während im ,Originalʻ die Klarinette die Klavierlinien fortsetzt, springen sie in der Bratschenfassung nach unten.“ Und deshalb spielt Mönkemeyer hier die Originalversion. „Natürlich ist die Klarinettenfassung auf der Bratsche schwer zu spielen“, meint der Musiker, „aber sie hat eben dieses helle, schwebende Kolorit.“
Nils Mönkemeyer spürt, sensibel unterstützt durch William Youn am Klavier, Emotionen und Zwischentönen in Brahms' Sonaten nach. Mit Klangfarben zaubert er aber auch bei den Ungarischen Tänzen, die diese CD komplettieren. Tanz Nr. 1 erklingt in der Fassung von Joseph Joachim. Bei den anderen ausgewählten Tänzen hat Mönkemeyer eigens für diese Aufnahme Bearbeitungen in Auftrag gegeben: Tanz Nr. 4 hat der Komponist Marco Hertenstein neu arrangiert, Tanz Nr. 5 der Österreicher Peter Wiesenauer, und Tanz Nr. 16 Stephan Koncz, Cellist bei den Berliner Philharmonikern. Hier wirkt zudem das Signum-Quartett mit.
Mittwoch, 20. Februar 2013
Telemann: 12 Fantasies for Solo Viola (Berlin Classics)
Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) spielte, wie seinerzeit nicht unüblich, etliche Instrumente. Wir erfahren dies beispielsweise aus einem Schreiben, mit dem sich der Musiker 1712 in Frankfurt am Main um das Amt des Musikdirektors bewarb. Dem Stadtrat teilte er bei dieser Gelegenheit mit, dass er "hauptsächlich die Violine, sodann das Clavir, Flaute, Chalumeaux, Violoncello und Calchedon, wohl zu tractiren" wisse. In seinen Me- moiren ergänzt er die Aufzählung noch um Oboe, Blockflöte, Gambe, Posaune und Kontrabass.
Diese Breite an Kenntnissen erleichterte es Telemann sicherlich, in seinen Kompositionen Instrumente nicht nur als Träger von Klang- farben, sondern auch gekonnt auf unterschiedlichem technischen Niveau einzusetzen. Nicht in erster Linie für den Virtuosen, sondern vor allem auch für die Hausmusik schrieb er seine Musik.
Die besondere Liebe Telemanns galt wohl der Violine, die er mit einer Vielzahl von Werken bedachte - 22 Violinkonzerte, etliche Sonaten sowie ausgiebige Solopassagen in seinen Opern, Oratorien und Kanta- ten legen davon Zeugnis ab. Dieses Oeuvre krönte der Komponist schließlich mit den Zwölf Fantasien für Violine ohne Bass. Dieses Werk veröffentlichte er 1735 in Hamburg - 15 Jahre, nachdem Johann Sebastian Bach seine Sonaten und Partiten für Violine solo vollendet hatte.
An Bach wird Telemann gemessen, und dabei kommt er nicht gut weg. Dem Director Musices der Stadt Hamburg aber wird diese gestrenge Elle nicht gerecht. Denn obzwar er auch Cantor am Johanneum und für die Kirchenmusik an den fünf Hauptkirchen zuständig war, führte Telemann die musikalische Tradition vollkommen anders weiter als sein Leipziger Kollege. Ihm ging es weniger um Kontrapunkt und Intensität des Ausdruckes als vielmehr um kunstvoll gestaltete Melo- dien und die Integration neuer musikalischer Ideen.
So sind auch nur die ersten sechs Fantasien durch den Kontrapunkt geprägt. Die verbleibenden sechs Fantasien - der Komponist nannte sie Galanterien - erscheinen beschwingter, die einzelnen Sätze imitie- ren oftmals Tänze. Das Werk ist aber nicht nur in einen gelehrten und einen unterhaltsamen Teil gegliedert; auf zwei Fantasien in Dur folgt auch stets eine Fantasie in einer Moll-Tonart.
Telemann variiert zudem die Struktur - er nutzt die traditionelle viersätzige Kirchensonate, ein weiteres Modell, bei dem auf einen langsamen zwei schnelle Sätze folgen, und eines, das wie ein Konzert einen langsamen Satz durch zwei schnelle Sätze einrahmt. Der Kom- ponist, so scheint es, erprobt in diesen kurzen Stücken in knapper Form die Ausdrucksmöglichkeiten der spätbarocken, fast schon galanten Violinmusik.
"Obwohl Telemann seine zwölf Fantasien ursprünglich für Sologeige und nicht für Bratsche eingerichtet hat, glaube ich, mit der Brat- schenversion ein interessantes neues Licht auf sie zu werfen", sagt Ori Kam. Er hat kürzlich eine Aufnahme dieser Werke bei Berlin Classics vorgelegt. "Die Mittellage der Bratsche ermöglicht es dem Aufführenden, bis in die Lage der Geige hinauf- und in die des Cellos hinabzusteigen. Somit verleiht die Bratsche diesen Stücken, wie ich finde, ein breiteres Klangspektrum und macht sie noch reichhaltiger und schöner."
Um die Fantasien auf der Bratsche spielen zu können, wurden sie um eine Quinte abwärts transponiert. So sind sie auf der Viola genau so auszuführen wie auf der Violine. Kam hält mit seiner Interpretation wunderbar die Balance zwischen Divertissement und Kunstanspruch. Der Solist begeistert mit seinem schönen, farbenreichen und kraft- vollen Ton, überragender Technik und atemberaubendem Sinn für die kleinen Details, die Musik erst zum Leben erwecken. Somit erweist sich diese CD als eine echte Bereicherung - bravo! und mehr, bitte.
Diese Breite an Kenntnissen erleichterte es Telemann sicherlich, in seinen Kompositionen Instrumente nicht nur als Träger von Klang- farben, sondern auch gekonnt auf unterschiedlichem technischen Niveau einzusetzen. Nicht in erster Linie für den Virtuosen, sondern vor allem auch für die Hausmusik schrieb er seine Musik.
Die besondere Liebe Telemanns galt wohl der Violine, die er mit einer Vielzahl von Werken bedachte - 22 Violinkonzerte, etliche Sonaten sowie ausgiebige Solopassagen in seinen Opern, Oratorien und Kanta- ten legen davon Zeugnis ab. Dieses Oeuvre krönte der Komponist schließlich mit den Zwölf Fantasien für Violine ohne Bass. Dieses Werk veröffentlichte er 1735 in Hamburg - 15 Jahre, nachdem Johann Sebastian Bach seine Sonaten und Partiten für Violine solo vollendet hatte.
An Bach wird Telemann gemessen, und dabei kommt er nicht gut weg. Dem Director Musices der Stadt Hamburg aber wird diese gestrenge Elle nicht gerecht. Denn obzwar er auch Cantor am Johanneum und für die Kirchenmusik an den fünf Hauptkirchen zuständig war, führte Telemann die musikalische Tradition vollkommen anders weiter als sein Leipziger Kollege. Ihm ging es weniger um Kontrapunkt und Intensität des Ausdruckes als vielmehr um kunstvoll gestaltete Melo- dien und die Integration neuer musikalischer Ideen.
So sind auch nur die ersten sechs Fantasien durch den Kontrapunkt geprägt. Die verbleibenden sechs Fantasien - der Komponist nannte sie Galanterien - erscheinen beschwingter, die einzelnen Sätze imitie- ren oftmals Tänze. Das Werk ist aber nicht nur in einen gelehrten und einen unterhaltsamen Teil gegliedert; auf zwei Fantasien in Dur folgt auch stets eine Fantasie in einer Moll-Tonart.
Telemann variiert zudem die Struktur - er nutzt die traditionelle viersätzige Kirchensonate, ein weiteres Modell, bei dem auf einen langsamen zwei schnelle Sätze folgen, und eines, das wie ein Konzert einen langsamen Satz durch zwei schnelle Sätze einrahmt. Der Kom- ponist, so scheint es, erprobt in diesen kurzen Stücken in knapper Form die Ausdrucksmöglichkeiten der spätbarocken, fast schon galanten Violinmusik.
"Obwohl Telemann seine zwölf Fantasien ursprünglich für Sologeige und nicht für Bratsche eingerichtet hat, glaube ich, mit der Brat- schenversion ein interessantes neues Licht auf sie zu werfen", sagt Ori Kam. Er hat kürzlich eine Aufnahme dieser Werke bei Berlin Classics vorgelegt. "Die Mittellage der Bratsche ermöglicht es dem Aufführenden, bis in die Lage der Geige hinauf- und in die des Cellos hinabzusteigen. Somit verleiht die Bratsche diesen Stücken, wie ich finde, ein breiteres Klangspektrum und macht sie noch reichhaltiger und schöner."
Um die Fantasien auf der Bratsche spielen zu können, wurden sie um eine Quinte abwärts transponiert. So sind sie auf der Viola genau so auszuführen wie auf der Violine. Kam hält mit seiner Interpretation wunderbar die Balance zwischen Divertissement und Kunstanspruch. Der Solist begeistert mit seinem schönen, farbenreichen und kraft- vollen Ton, überragender Technik und atemberaubendem Sinn für die kleinen Details, die Musik erst zum Leben erwecken. Somit erweist sich diese CD als eine echte Bereicherung - bravo! und mehr, bitte.
Freitag, 1. Juni 2012
The Art of Luigi Alberto Bianchi - Violin and Viola (Dynamic)
Luigi Alberto Bianchi, 1945 gebo- ren in Rimini und aufgewachsen in einer Musikerfamilie, begann schon als Kind mit dem Geigenspiel. Dennoch wurde die Bratsche sein Hauptinstrument. Als 19jähriger spielte er zu seinem Examen in Rom Bartóks berühmtes Konzert.
1970 gewann Bianchi den renom- mierten Carl-Flesch-Wettbewerb. Er wurde Erster Bratschist im Sinfonieorchester der RAI, und unterrichtete am Mailänder Kon- servatorium. 1980 wurde ihm sein Instrument gestohlen, eine Amati-Bratsche mit dem Beinamen del crocifisso aus dem Jahre 1595 mit einem sehr individuellen, unver- kennbaren Klang. Dieser Verlust traf den Musiker schwer. So ist es vielleicht auch zu erklären, dass er zur Violine wechselte.
Bianchi kaufte eine Stradivari von 1692, und konzertierte mit nam- haften Dirigenten und Orchestern. 1987 hatte Bianchi bei einer Versteigerung in London eine weitere Geige erworben, die von Antonio Stradivari 1716 angefertigt worden war, und aufgrund ihrer außergewöhnlichen Größe auch Colossus genannt wurde. Sie wurde ihm 1998 gestohlen; im Gegensatz zu Bianchis Amati, die 2006 von den Carabinieri aufgespürt wurde, blieb sie verschwunden.
Die vorliegende Box mit zehn CD enthält viele der Aufnahmen, die der Musiker bei seinem Hauslabel Dynamic eingespielt hat. Da gibt es viele interessante Werke zu entdecken, beispielsweise die Stücke von Antonio Bazzini (1818 bis 1897) für Violine und Klavier. Dieser war ebenfalls ein großer Geiger, und hatte einst als allererster Solist das
e-Moll-Konzert von Felix Mendelssohn-Bartholdy aufgeführt, vom Komponisten selbst auf dem Klavier begleitet. Bianchi stellt zudem gemeinsam mit dem Gitarristen Maurizio Preda die Sonate di Lucca von Niccolo Paganini vor, die in den 80er Jahren wieder aufgefunden worden waren. Auch die effektvolle Sonata per la Grand' Viola von Paganini hat Bianchi 1973 mit dem Rias-Orchester Berlin eingespielt - und zwar so, wie dies der Virtuose einst vorgegeben hatte, ohne seine Stimme zu vereinfachen oder eine fünfte Saite zu Hilfe zu nehmen. Darauf ist Bianchi zu recht stolz, denn das war zuvor noch bei keiner Aufnahme gelungen. Die vierte CD präsentiert die Amati darüber hinaus noch in einigen typischen Encores. Auf der fünften CD sind Werke für Geige und Bratsche solo von Max Reger zu hören - hier spielt Bianchi die beiden kostbaren Instrumente, die ihm später ent- wendet worden sind.
Die Duetti Concertanti op. 15 von Alessandro Rolla (17757 bis 1814), Paganinis Lehrer, musiziert Bianchi gemeinsam mit Salvatore Accar- do - ohne Zweifel einer der Höhepunkte der Box. CD 7 ist Zoltán Kodály und Maurice Ravel gewidmet. CD 8 bringt etliche "Hits" von Fritz Kreisler, ebenfalls wundervoll vorgetragen. CD 9 enthält Stücke von Edouard Lalo, CD 10 Werke Carl Maria von Webers.
1970 gewann Bianchi den renom- mierten Carl-Flesch-Wettbewerb. Er wurde Erster Bratschist im Sinfonieorchester der RAI, und unterrichtete am Mailänder Kon- servatorium. 1980 wurde ihm sein Instrument gestohlen, eine Amati-Bratsche mit dem Beinamen del crocifisso aus dem Jahre 1595 mit einem sehr individuellen, unver- kennbaren Klang. Dieser Verlust traf den Musiker schwer. So ist es vielleicht auch zu erklären, dass er zur Violine wechselte.
Bianchi kaufte eine Stradivari von 1692, und konzertierte mit nam- haften Dirigenten und Orchestern. 1987 hatte Bianchi bei einer Versteigerung in London eine weitere Geige erworben, die von Antonio Stradivari 1716 angefertigt worden war, und aufgrund ihrer außergewöhnlichen Größe auch Colossus genannt wurde. Sie wurde ihm 1998 gestohlen; im Gegensatz zu Bianchis Amati, die 2006 von den Carabinieri aufgespürt wurde, blieb sie verschwunden.
Die vorliegende Box mit zehn CD enthält viele der Aufnahmen, die der Musiker bei seinem Hauslabel Dynamic eingespielt hat. Da gibt es viele interessante Werke zu entdecken, beispielsweise die Stücke von Antonio Bazzini (1818 bis 1897) für Violine und Klavier. Dieser war ebenfalls ein großer Geiger, und hatte einst als allererster Solist das
e-Moll-Konzert von Felix Mendelssohn-Bartholdy aufgeführt, vom Komponisten selbst auf dem Klavier begleitet. Bianchi stellt zudem gemeinsam mit dem Gitarristen Maurizio Preda die Sonate di Lucca von Niccolo Paganini vor, die in den 80er Jahren wieder aufgefunden worden waren. Auch die effektvolle Sonata per la Grand' Viola von Paganini hat Bianchi 1973 mit dem Rias-Orchester Berlin eingespielt - und zwar so, wie dies der Virtuose einst vorgegeben hatte, ohne seine Stimme zu vereinfachen oder eine fünfte Saite zu Hilfe zu nehmen. Darauf ist Bianchi zu recht stolz, denn das war zuvor noch bei keiner Aufnahme gelungen. Die vierte CD präsentiert die Amati darüber hinaus noch in einigen typischen Encores. Auf der fünften CD sind Werke für Geige und Bratsche solo von Max Reger zu hören - hier spielt Bianchi die beiden kostbaren Instrumente, die ihm später ent- wendet worden sind.
Die Duetti Concertanti op. 15 von Alessandro Rolla (17757 bis 1814), Paganinis Lehrer, musiziert Bianchi gemeinsam mit Salvatore Accar- do - ohne Zweifel einer der Höhepunkte der Box. CD 7 ist Zoltán Kodály und Maurice Ravel gewidmet. CD 8 bringt etliche "Hits" von Fritz Kreisler, ebenfalls wundervoll vorgetragen. CD 9 enthält Stücke von Edouard Lalo, CD 10 Werke Carl Maria von Webers.
Freitag, 16. März 2012
Bach: 6 Suites de danses; Caussé (Virgin Classics)
Darf man Bachs Cello-Suiten auf der Bratsche spielen? Gérard Caussé beantwortet diese Frage im Beiheft zu dieser CD, indem er sich an ferne Kindertage und seinen da- maligen Lehrer, Monsieur Mey- nard, erinnert: "Noch bevor ich ihn sah, hörte ich ihn, und zwar mit einer Intensität, wie man sie nur in der Kindheit erlebt und so gerne noch einmal empfinden möchte.
Er begrüßte uns mit einer der Suiten und öffnete mir mit seiner Bratsche die Tür zu Bach, Sonntag für Sonntag."
Und auch wenn der kleine Gérard zunächst ganz sicher andere Stücke geübt haben wird, und der große Komponist ausgerechnet für sein Instrument kein wichtiges Werk hinterlassen hat, so wusste Caussé doch schon als Kind: "Bach spielte Bratsche." Und dieses Instrument hat vier Saiten, genau wie das Violoncello, meint der Musiker, "nur eine Oktave höher".
"Ist dies der Versuch, mich für einen Betrug zu rechtfertigen?", fragt sich Caussé. Und findet gleich darauf ebenso viele Gründe, die dafür sprechen, die Suites de danses auf der Viola zu spielen. Resultat dieses Ringens: "Ich kann nur für eine zeitlose Leidenschaft eintreten und für den Glauben an mein eigenes Instrument." Caussé spielt Bachs Suiten als Stücke "des inneren Tanzes, Entzücken und Tiefe, Anmut und Meditation". Er lässt sie schwingen und atmen - und wie Denkpausen wirken daneben sieben Texte von Rainer Maria Rilke, die sein Freund und künstlerischer Weggefährte Laurent Terzieff dafür ausgewählt und (in französischer Sprache) gelesen hat. Es erscheint zugleich wie ein Vermächtnis des großen französischen Schauspielers, der gestorben ist, noch bevor Caussé Bachs Musik vollständig ein- gespielt hatte.
So ergibt sich ein altersweises Gesamtkunstwerk - sehr ruhig, sehr meditativ und auch ein bisschen schwermütig. Eine schöne Auf- nahme, die hier empfohlen werden kann.
Er begrüßte uns mit einer der Suiten und öffnete mir mit seiner Bratsche die Tür zu Bach, Sonntag für Sonntag."
Und auch wenn der kleine Gérard zunächst ganz sicher andere Stücke geübt haben wird, und der große Komponist ausgerechnet für sein Instrument kein wichtiges Werk hinterlassen hat, so wusste Caussé doch schon als Kind: "Bach spielte Bratsche." Und dieses Instrument hat vier Saiten, genau wie das Violoncello, meint der Musiker, "nur eine Oktave höher".
"Ist dies der Versuch, mich für einen Betrug zu rechtfertigen?", fragt sich Caussé. Und findet gleich darauf ebenso viele Gründe, die dafür sprechen, die Suites de danses auf der Viola zu spielen. Resultat dieses Ringens: "Ich kann nur für eine zeitlose Leidenschaft eintreten und für den Glauben an mein eigenes Instrument." Caussé spielt Bachs Suiten als Stücke "des inneren Tanzes, Entzücken und Tiefe, Anmut und Meditation". Er lässt sie schwingen und atmen - und wie Denkpausen wirken daneben sieben Texte von Rainer Maria Rilke, die sein Freund und künstlerischer Weggefährte Laurent Terzieff dafür ausgewählt und (in französischer Sprache) gelesen hat. Es erscheint zugleich wie ein Vermächtnis des großen französischen Schauspielers, der gestorben ist, noch bevor Caussé Bachs Musik vollständig ein- gespielt hatte.
So ergibt sich ein altersweises Gesamtkunstwerk - sehr ruhig, sehr meditativ und auch ein bisschen schwermütig. Eine schöne Auf- nahme, die hier empfohlen werden kann.
Sonntag, 22. Januar 2012
William Primrose - Recital (Naxos)
Dass man auf der Viola durchaus auch die Bravourstücke spielen kann, die Geiger gern vortragen, zeigt die Serie "Great Violists" aus dem Hause Naxos mit Aufnahmen, die William Primrose (1904 bis 1982) eingespielt hat. Er gilt als der erste moderne Violist, und als einer jener Pioniere, die die Bratsche als Soloinstrument etabliert haben.
Primrose war der Sohn eines Geigers aus Glasgow. Er begann als Vierjähriger mit dem Violinunter- richt bei Camillo Ritter, einem Schüler Joachims. Mit 15 Jahren wechselte er nach London auf die Guildhall School of Music, wo er bei Max Mossel studierte, und 1924 für sein Examen eine Goldmedaille erhielt. Um weiter zu lernen, ging Primrose zu Eugène Ysaye - der den jungen Musiker ermutigte, sich der Viola zuzuwenden. 1928 spielte Primrose beim Mozartfestival in Paris dann gemeinsam mit Lionel Tertis die Sinfonia concertante - und war fasziniert von dem kraft- vollen, warmen Ton des Kollegen. Dieses Konzert dürfte wohl das Schlüsselerlebnis gewesen sein, dass Primrose endgültig zum Wechsel veranlasste.
Primrose spielte einige Zeit auch im Orchester, doch in erster Linie musizierte er solistisch und widmete sich der Kammermusik. Auch unterrichtet hat Primrose viel; er wirkte an diversen Universitäten in den USA und Japan, und begeisterte den Nachwuchs in zahlreichen Meisterklassen.
Bei Naxos sind nun die ersten beide CD mit Aufnahmen des großen Bratschisten erschienen. Vol. 1 umfasst Einspielungen aus den Jahren 1927 bis 1947, Vol. 2 aus den Jahren 1934 bis 1952. Dabei staunt man, wie enorm facettenreich das Repertoire des Musikers war - es reichte von Bach und Händel über Paganini, Kreisler und Dvorák bis hin zu Camille Saint-Saens berühmtem Schwan oder zu Werken, die seine Freunde Arthur Benjamin, Boris Myronoff und Roy Harris speziell für ihn geschrieben haben.
Primroses Technik war ebenfalls erstaunlich. Vom großzügigen Vibrato oder den nicht immer sauberen Lagenwechseln eines Fritz Kreisler ist hier nichts mehr zu hören; dennoch hat das Spiel des Bratschisten noch etwas von jenem persönlichen Ausdruck und jener enormen Ausstrahlung, die man an den alten Aufnahmen so schätzt. Auf die nachfolgenden CD darf man daher gespannt bleiben.
Primrose war der Sohn eines Geigers aus Glasgow. Er begann als Vierjähriger mit dem Violinunter- richt bei Camillo Ritter, einem Schüler Joachims. Mit 15 Jahren wechselte er nach London auf die Guildhall School of Music, wo er bei Max Mossel studierte, und 1924 für sein Examen eine Goldmedaille erhielt. Um weiter zu lernen, ging Primrose zu Eugène Ysaye - der den jungen Musiker ermutigte, sich der Viola zuzuwenden. 1928 spielte Primrose beim Mozartfestival in Paris dann gemeinsam mit Lionel Tertis die Sinfonia concertante - und war fasziniert von dem kraft- vollen, warmen Ton des Kollegen. Dieses Konzert dürfte wohl das Schlüsselerlebnis gewesen sein, dass Primrose endgültig zum Wechsel veranlasste.
Primrose spielte einige Zeit auch im Orchester, doch in erster Linie musizierte er solistisch und widmete sich der Kammermusik. Auch unterrichtet hat Primrose viel; er wirkte an diversen Universitäten in den USA und Japan, und begeisterte den Nachwuchs in zahlreichen Meisterklassen.
Bei Naxos sind nun die ersten beide CD mit Aufnahmen des großen Bratschisten erschienen. Vol. 1 umfasst Einspielungen aus den Jahren 1927 bis 1947, Vol. 2 aus den Jahren 1934 bis 1952. Dabei staunt man, wie enorm facettenreich das Repertoire des Musikers war - es reichte von Bach und Händel über Paganini, Kreisler und Dvorák bis hin zu Camille Saint-Saens berühmtem Schwan oder zu Werken, die seine Freunde Arthur Benjamin, Boris Myronoff und Roy Harris speziell für ihn geschrieben haben.
Primroses Technik war ebenfalls erstaunlich. Vom großzügigen Vibrato oder den nicht immer sauberen Lagenwechseln eines Fritz Kreisler ist hier nichts mehr zu hören; dennoch hat das Spiel des Bratschisten noch etwas von jenem persönlichen Ausdruck und jener enormen Ausstrahlung, die man an den alten Aufnahmen so schätzt. Auf die nachfolgenden CD darf man daher gespannt bleiben.
Sonntag, 9. Oktober 2011
Bach: Six Cello Suites on Viola; Callus (Analekta)
Diese CD demonstriert, wie es klingt, wenn man Bachs Cellosuiten auf einer Viola spielt. Helen Callus macht das ganz ordentlich - aber trotzdem klingt es eben nicht so gut wie auf einem Cello; das "Violon- cello piccolo" Bachs, über das auch im Zusammenhang mit dieser Aufnahme erneut spekuliert wird, wurde zwar möglicherweise an der Schulter gespielt, allein es war ganz sicher keine Bratsche.
Es ist bekannt, dass Bach selbst gern die Viola gespielt hat. Es ist jedoch reine Spekulation, wenn vermutet wird, er habe die Cello- suiten selbst auf der Bratsche gespielt. Warum er kein einziges Werk eigens für dieses Instrument geschaffen hat, das muss offen bleiben.
Natürlich werden die Cellosuiten von vielen Bratschern gespielt; die entsprechenden Editionen sind ja seit vielen Jahren verfügbar. Die vorliegende Version aber überzeugt mich nicht; es reicht eben nicht aus, den Noten mehr oder minder zu folgen. Auch Callus wechselt Tonarten, damit Suiten für die Bratsche spielbar werden. Trotz scordatura musiziert sie grundsätzlich modern. Dass Suiten Folgen von (stilisierten) Tänzen sind, das gerät hier aber ein bisschen zu sehr aus dem Blick. Und auch sonst bringt die Aufnahme nichts, was man nicht schon besser irgendwo anders gehört hätte. Schade.
Es ist bekannt, dass Bach selbst gern die Viola gespielt hat. Es ist jedoch reine Spekulation, wenn vermutet wird, er habe die Cello- suiten selbst auf der Bratsche gespielt. Warum er kein einziges Werk eigens für dieses Instrument geschaffen hat, das muss offen bleiben.
Natürlich werden die Cellosuiten von vielen Bratschern gespielt; die entsprechenden Editionen sind ja seit vielen Jahren verfügbar. Die vorliegende Version aber überzeugt mich nicht; es reicht eben nicht aus, den Noten mehr oder minder zu folgen. Auch Callus wechselt Tonarten, damit Suiten für die Bratsche spielbar werden. Trotz scordatura musiziert sie grundsätzlich modern. Dass Suiten Folgen von (stilisierten) Tänzen sind, das gerät hier aber ein bisschen zu sehr aus dem Blick. Und auch sonst bringt die Aufnahme nichts, was man nicht schon besser irgendwo anders gehört hätte. Schade.
Freitag, 23. Juli 2010
The virtuoso Viola (Naxos)
Über kein anderes Orchester- instrument gibt es so viele und so fiese Witze wie über die Viola, üblicherweise Bratsche genannt, und über die Musiker, die dieses Instrument spielen. Nur ver- schämt zeigten viele Komponisten ihre Sympathie für die Bratsche, die zumeist friedlich den Freiraum zwischen den zweiten Geigen und den Celli ausfüllt. So hat Brahms ihr oftmals schöne Partien ge- schrieben.
Einige seiner Kollegen aber haben sich über diese Beschränkung hinweggesetzt, und Werke eigens für Bratsche geschaffen. So spielte der Violinvirtuose Henry Vieuxtemps gern auch Viola, und er hat für das Instrument unter anderem ein anspruchsvolles Capriccio für Viola Solo sowie die Elégie op. 30 geschrieben.
Der "Teufelsgeiger" Paganini hat eine ausgesprochen hübsche Sonata per la Gran Viola, op. 35 komponiert, um seine Stradivari-Bratsche im Konzert vorstellen zu können - ursprünglich natürlich mit Orchester; auf dieser CD wird der Violist Roger Chase von Michiko Otaki am Klavier begleitet. Die beiden Solisten musizieren sehr solide, und nahe am jeweiligen Notentext. Das ist - bei der Verschiedenartig- keit der ausgewählten Musikstücke - eine kluge Strategie, und der Hörer kann sich zurücklehnen und genießen.
Der "Teufelsgeiger" Paganini hat eine ausgesprochen hübsche Sonata per la Gran Viola, op. 35 komponiert, um seine Stradivari-Bratsche im Konzert vorstellen zu können - ursprünglich natürlich mit Orchester; auf dieser CD wird der Violist Roger Chase von Michiko Otaki am Klavier begleitet. Die beiden Solisten musizieren sehr solide, und nahe am jeweiligen Notentext. Das ist - bei der Verschiedenartig- keit der ausgewählten Musikstücke - eine kluge Strategie, und der Hörer kann sich zurücklehnen und genießen.
Praeludium und Allegro nach Gaetano Pugnani, mit dem der Violinist Fritz Kreisler einst als Schöpfer von "Barock"-Kompositionen enttarnt worden ist, erklingen in einer Transkription. Eine Bearbeitung ganz besonderer Art schuf der Komponist Zoltán Kodály für einen ungarischen Violisten, der unbedingt ein Konzert von ihm haben wollte: Er bearbeitete Bachs Fantasia cromatica für Solo-Bratsche. Allein dieses Stück genügt als Grund dafür, sich diese CD ins Regal zu stellen.
Doch damit sind die Überraschungen noch nicht vollständig be- richtet. Denn die CD beginnt auch mit einem merk-würdigen Werk. Ravel hatte einst ein Stück geschrieben, das dem Andenken seiner im ersten Weltkrieg gefallenen Freunde gewidmet war, aber Le tombeau de Couperin heißt. Der australische Komponist und Pianist Arthur Benjamin, bekannt vor allem durch Filmmusiken, hat wiederum ein Werk komponiert, dass er Le tombeau de Ravel nannte - wer es gehört hat, weiß warum. Verblüfft stellt man fest, dass dieses Stück, das man in einer Version für Klarinette und Klavier kennt, ursprüng- lich 1958 für Viola und Klavier entstanden ist - und für William Primrose.
Der Belgier Joseph Jongen schrieb seine Introduction et Danse
op. 102 für Maurice Vieux. Für einen Wettbewerb hingegen schuf George Enescu sein Konzertstück für Viola und Klavier. Die CD endet mit einem Scherzo von Bernard Shore, dem Lehrer des Solisten Roger Chase. Als Chase das Stück auf dem 80. Geburtstag des Professors, der selber ein brillanter Violist war, vorgetragen hatte - so berichtet er in dem sehr informativen Beiheft - flüsterte ihm der solchermaßen Geehrte ins Ohr: "Danke! Ich hätte niemals gewagt, es selbst zu spielen." Der Hörer darf sich auf ein charmantes, humorvolles Finales freuen.
op. 102 für Maurice Vieux. Für einen Wettbewerb hingegen schuf George Enescu sein Konzertstück für Viola und Klavier. Die CD endet mit einem Scherzo von Bernard Shore, dem Lehrer des Solisten Roger Chase. Als Chase das Stück auf dem 80. Geburtstag des Professors, der selber ein brillanter Violist war, vorgetragen hatte - so berichtet er in dem sehr informativen Beiheft - flüsterte ihm der solchermaßen Geehrte ins Ohr: "Danke! Ich hätte niemals gewagt, es selbst zu spielen." Der Hörer darf sich auf ein charmantes, humorvolles Finales freuen.
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