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Montag, 9. Juli 2018

Richter: Te Deum 1781 (Supraphon)

Franz Xaver Richter (1709 bis 1789) wird von der Musikwissenschaft der Mannheimer Schule zugerechnet. Der Komponist stammte aus Holešov, Holleschau, und hat dort möglicher- weise in seiner Kindheit die Hofkapelle des Grafen Franz Anton Rottal gehört, in der seinerzeit einige vorzügliche Musiker wirkten. 
Nach Stationen in Schlitz bei Fulda, Ettal und in Kempten, wo er Vizekapellmeister beim Fürstabt war, wurde der Musiker 1747 Mitglied der berühmten Mannheimer Hofkapelle. Richter war ein exzellenter Sänger und als Bassist der Hofoper des Kurfürsten Karl Theodor ebenso gefragt wie als Violinist und als Komponist. 1769 ging er dann als Kapellmeister an das Straßburger Münster. 
Die beiden Instrumentalwerke, die auf dieser CD zu hören sind, entstan- den in Mannheim. Die Sinfonia Nr. 52 in D, geprägt vom strahlenden Klang der Trompete, gibt ein Musterbeispiel für den neuen Stil, der in diesem Laboratorium der Klassik entwickelt wurde. Wunderschön ist auch das Oboenkonzert in F-Dur, den Solopart auf der Barockoboe hat Luise Haugk übernommen. 
Komplettiert wird die CD durch ein Te Deum aus dem Jahre 1781 sowie durch die Motette Exsultate Deo, ebenfalls aus den Straßburger Jahren Richters. Zu hören sind Chor und Orchester des Czech Ensemble Baroque unter Leitung von Roman Válek. 

Donnerstag, 18. Januar 2018

Richter: Sinfonias, Sonatas & Oboe Concertos (Christophorus)

Franz Xaver Richter (1709 bis 1789) stammte aus Mähren und wirkte zunächst als Bassist. 1740 wurde er erst Vizekapellmeister und später auch Kapellmeister am Hofe des Kemptener Fürstabtes; 1746 erhielt er eine Anstellung in der berühmten Mannheimer Hofkapelle des Kurfürsten Karl Theodor, wo er es immerhin bis zum Cammercompo- siteur brachte. 1769 wurde Richter dann Kapellmeister des Straßburger Münsters – was damals ein bedeutendes Amt darstellte; die Kapelle dort war die zweitgrößte in Frankreich. Soweit die trockenen Fakten. 
Die vorliegende CD zeigt uns Richter als einen Komponisten, der vielerlei Einflüsse in sein Schaffen integrierte. In seinen Werken spiegeln sich italienische Vorbilder, herausragendes kontrapunktisches Können, frühklassische Klarheit und Eleganz, Vergnügen an der Kantilene, und auch so manche musikalische Innovation, die wir heute der Mannheimer Schule zurechnen. 
Zu hören sind drei Sinfonien, zwei Triosonaten und ein faszinierendes Oboenkonzert, das einen dauerhaften Platz im Repertoire durchaus verdient hätte. Das Capricornus Consort Basel präsentiert Richters Musik inspiriert und mit sehr viel Charme. Den Oboenpart spielt Xenia Löffler mit Präzision und wunderbarem Ausdruck. Wenn es um die historische Aufführungspraxis geht, ist diese Musikerin derzeit unübertrefflich. 

Sonntag, 20. November 2016

Karl Richter Edition (Hänssler Profil)

Was für ein Schatzkästlein! Auf 31 CD finden sich in dieser Box viele jener Aufnahmen, mit denen Karl Richter (1926 bis 1981) berühmt geworden ist. In Freiberg aufgewachsen, sang der Pfarrerssohn im Kreuzchor unter Rudolf Mauersberger und wurde dann in den 40er Jahren der letzte Schüler von Karl Straube. Er studierte in Leipzig am Kirchenmusikalischen Institut bei Günther Ramin und wurde 1949 Thomasorganist. Dennoch entschied er sich 1951, der DDR den Rücken zu kehren. 
Letztendlich wurde er Kantor an der Markuskirche in München, und erschuf sich dort mit dem Münchner Bach-Orchester und dem Münchner Bach-Chor seine musikalische Welt. Kon- zertreisen führten ihn in viele Länder der Erde, in die USA übrigens ebenso wie in die Sowjetunion. An seinen Aufführungen und Schallplatten- aufnahmen wirkten die besten Solisten seiner Zeit mit. Als man Richter dann das Amt des Thomaskantors antrug, lehnte er ab – was er in München aufgebaut hatte, das wollte er nicht mehr aufgeben. Die hohe Arbeitsbelastung allerdings ruinierte die Gesundheit des Musikers; er starb im Alter von nur 54 Jahren an Herzversagen. 
Was bleibt? Diese Box gibt eine Anwort darauf. Sie enthält berühmte Auf- nahmen, von Bachs Brandenburgischen Konzerten und Orchestersuiten bis zu Haydns Sinfonien und von Mozarts Requiem bis hin zu Arien von Händel oder Mendelssohn Bartholdy. Matthäus-Passion, Weihnachts- oratorium, h-Moll-Messe, Magnificat und etliche Kantaten Bachs sind ebenso zu hören wie die Cembalo-Konzerte, die Goldberg-Variationen, die Partiten BWV 825-830, das Musikalische Opfer und einige Orgelwerke Bachs. Mit Aurèle Nicolet spielte Richter Mozarts Flötenkonzerte ein, und Flötensonaten von Johann Sebastian Bach wie von seinem Sohn Carl Philipp Emanuel Bach. Auch Händels Orgelkonzerte sind enthalten, und die Musikalischen Exequien von Heinrich Schütz. 
Richters Musikauffassung stammt aus dem Zeitalter vor der historischen Aufführungspraxis. Mit Engagement, Neugier und Tiefgang hat er Werke überwiegend aus dem Bereich der „Alten“ Musik erkundet, und mit Sach- verstand und Begeisterung Musiker wie Publikum inspiriert. Natürlich mag aus heutiger Sicht manches überholt sein, aber an Ausdruck und Eindrück- lichkeit ist Richter kaum zu übertreffen. Diese alten Aufnahmen haben eine Aura, der man sich nicht entziehen kann – und die man bei sehr vielen neuen Einspielungen leider vermisst.

Dienstag, 15. Dezember 2015

Wunderlich - Das Weihnachts-Album (Deutsche Grammophon)

An einen großartigen Sänger, der leider viel zu früh von der Bühne abtreten musste, erinnert die Deutsche Grammophon mit einem Weihnachtsalbum. Dazu hat das Label gleich zwei bedeutende Weihnachtsmusik-Einspielungen der 60er Jahre miteinander verbunden: Die Weihnachtslieder hat Fritz Wunderlich im Sommer 1966, kurz vor seinem überraschenden Tod, gemeinsam mit dem Bariton Hermann Prey für das Label Polydor eingesungen. Dabei begleitete ihn sein Lehrer Fritz Neumeyer mit einem kleinen Ensemble. Und das Weihnachtsoratorium mit Karl Richter, dem Münchner Bach-Chor und dem Münchner Bach-Orchester gehört zu jenen raren Einspielungen, die durch ihre unglaubliche Vitalität und musika- lische Brillanz für alle Zeit unter meinen ganz persönlichen Referenz- aufnahmen sein werden. 
Die Deutsche Grammophon hat nun die weihnachtlichen Melodien der Neumeyer-Produktion sowie Arien und Rezitative Wunderlichs aus dem Weihnachtsoratorium auf einem Album zusammengefasst. Und Barbara Wunderlich, die jüngste Tochter des Sängers, berichtet im Beiheft über die Bedeutung, die die weihnachtlichen Klänge einst im Hause Wunderlich hatten, und über ihre Entstehung. Im Grunde ist das auch das einzige Neue. Aber Wunderlichs herrlichen Tenor hört man doch immer wieder gern. 

Samstag, 28. März 2015

Mozart: Requiem (Hänssler Profil)

Karl Richter (1926 bis 1981), der Sohn eines Pfarrers, begann seine musikalische Ausbildung als Kruzianer in Dresden. Nach dem Krieg studierte er in Leipzig bei Karl Straube und Günther Ramin. Schon früh galt er als überragender Bach-Interpret; 1949 wurde er Organist an der Leipziger Thomaskirche, 1951 ging er als Kantor nach München an die Markuskirche. Im gleichen Jahr übernahm er die Leitung des Hein- rich-Schütz-Kreises, 1954 umbenannt in Münchener Bach-Chor; 1953 gründete Richter dazu das Münchener Bach-Orchester. Mit den beiden Ensembles hat Karl Richter legendäre Konzerte, insbesondere auch mit Werken von Johann Sebastian Bach, gegeben. Dabei zeigte er sich von Musizier-Moden ziemlich unbeeindruckt – Richter orientierte sich strikt am Notentext, und das macht auch die Aufnahmen bis heute interessant, die unter seiner Leitung entstanden sind. In der Edition Günter Hänssler ist jüngst eine hörenswerte Einspielung aus dem Jahre 1961 erschienen – ausnahmsweise dirigierte Richter einmal nicht Bach, sonndern Mozarts berühmtes Requiem

Montag, 29. Dezember 2014

Schumann - Cortot, Horowitz, Backhaus (Fabula Classica)

An dieser CD kann man wunderbar lernen, wie sehr eine Interpretation vom individuellen Genius eines Musikers abhängt, und auch vom jeweils herrschenden Zeitgeist. Sieben Pianisten spielen Werke von Robert Schumann – und es ist frappierend, wie unterschiedlich sie den Notentext lesen. 
Den Reigen eröffnet Alfred Cortot (1877 bis 1962) mit dem Carnaval op. 9, aufgenommen 1928. Der Musiker, ausgebildet am Pariser Konserva- torium, legte größten Wert auf den Ausdruck. Wenn dabei links und rechts ein paar Noten abhanden kommen, oder der Mann am Klavier hier und da schlicht danebengreift – dumm gelaufen! Und man verzeiht ihm das tat- sächlich, weil zu spüren ist, wie intensiv er sich mit dieser Musik ausein- andergesetzt hat. 
Vladimir Horowitz (1903 bis 1989) folgt danach mit den Kinderszenen op. 15 in einer Aufnahme aus dem Jahre 1950. „Klavierspiel besteht aus Vernunft, Herz und technischen Mitteln“, soll er einmal geäußert haben. „Alles sollte gleichermaßen entwickelt sein. Ohne Vernunft sind Sie ein Fiasko, ohne Technik ein Amateur, ohne Herz eine Maschine.“ Die Virtuosität, die Horowitz gelegentlich bis hin zum Theaterdonner trieb, ist hier der Grund, aus dem ein fein abgestuftes Spiel mit Schattierungen und Klangfarben erwächst. 
Die Toccata in C-Dur op. 7 spielt Swjatoslaw Richter (1915 bis 1997). Die Aufnahme stammt aus dem Jahre 1959, und sie macht deutlich, wie stark der Pianist die technische Brillanz in den Dienst einer durch und durch poetischen Werkauffassung stellt. Was für ein Wirbelsturm! und welch ein verblüffendes Finale... 
In einer Aufnahme aus dem Jahre 1953 ist Clara Haskil (1895 bis 1960) mit den Abegg-Variationen op. 1 zu hören. 1955 entstanden ist die Aufzeichnung der Waldszenen op. 82 mit Wilhelm Backhaus (1884 bis 1969). Hier ist die Präzision die Basis für den Ausdruck. Mit der Romanze op. 28 Nr. 2 zu erleben ist zudem in einer Einspielung aus dem Jahre 1928 Francis Planté (1839 bis 1934) – was für eine Rarität! 
Den Abschluss bildet Carl Reinecke (1824 bis 1910) mit einer Aufnahme von Warum? aus den Phantasiestücken op. 12. Reinecke, zeitweise Kapellmeister am Leipziger Gewandhaus, kannte Robert Schumann und Clara Wieck sogar noch persönlich. Er hat sowohl für Welte-Mignon als auch für Hupfeld etliche Werke eingespielt – und dank der mechanischen Klaviere kann man ihn noch heute hören. Leider wird diese CD nicht durch ein Beiheft begleitet, vergebens wünscht man sich mehr Informationen. 

Sonntag, 9. November 2014

Mozart: Divertimento in E flat major (Naxos)

Zwei Werke, die Wolfgang Amadeus Mozart für Streicher komponiert hat, enthält diese CD aus dem Hause Naxos. Das Divertimento in Es-Dur KV 563, entstanden 1788, widmete Mozart seinem langjährigen Freund Johann Michael Puchberg, einem erfolgreichen Textilfabrikanten, der in derselben Freimaurerloge verkehrte wie der Musiker. Es ist eines der schönsten Werke Mozarts, wie ich finde. 
Erklungen ist es übrigens erstmals in Dresden. Dort weilte Mozart im April 1788 als Begleiter des Prinzen Carl von Lichnowsky. Am 13. April gab er im Hotel de Pologne ein Privat- konzert, gemeinsam mit dem Hoforganisten Anton Teyber, der die Geige spielte, und mit dem renommierten Cellisten Anton Kraft, der nach Norddeutschland unterwegs war, auf einer Konzertreise mit seinem elfjährigen Sohn Nikolaus. Mozart war damals so berühmt, dass er sogar am Dresdner Hof vor dem Kurfürsten spielen durfte. Das war eine hohe Ehre, denn Friedrich August III. empfing eigentlich niemals reisende Künstler. Das Krönungskonzert hat ihm wohl gefallen; Mozart jedenfalls erhielt für seinen Auftritt eine Tabaksdose und hundert Dukaten, was seinerzeit ziemlich viel Geld war. 
Das Trio in G-Dur KV 562e schrieb Mozart ebenfalls 1788; allerdings hat er dieses Werk nicht vollendet. Dennoch ist das Fragment hörenswert. Henning Kragerrud, Violine, Lars Anders Tomter, Viola, und Christoph Richter am Violoncello musizieren angemessen elegant. Man spürt, dass die drei Musiker ihre Leidenschaft für die Kammermusik eint – und erfreut sich an ihrem harmonischen, perfekt austarierten Spiel. 

Dienstag, 17. Dezember 2013

Bach: Advent and Christmas Cantatas; Karl Richter (Deutsche Grammophon)

Endlich sind sie wieder erhältlich – die Bach-Kantaten, mit denen Karl Richter einst großes Aufsehen erregt hat, legt die Deutsche Grammophon nun in Form einer Box mit 26 CD dem Musikfreund unter den Tannenbaum. Die limitierte Edition umfasst den gesamten Kantatenzyklus, den Richter mit dem von ihm gegründeten Münchener Bach-Chor und -Orchester zwischen 1968 und 1976 für die Archiv-Produktion aufgenommen hat. 
Eine weitere Box mit vier CD umfasst 14 Kantaten, die Bach für die Zeit vom ersten Adventssonntag bis zum Fest Mariä Reinigung geschaffen hat – und man staunt, wie glutvoll und vital diese Aufnahmen aus den 60er und 70er Jahren noch immer wirken. Exzellente Solisten, handverlesene Instrumentalisten und ein inspiriert singender Chor machen jede einzelne Kantate zu einem Hörvergnügen. 
Richter war bei drei großen Kantoren in die Lehre gegangen – bei Karl Straube und Günther Ramin in Leipzig sowie bei Rudolf Mauersberger in Dresden. Das prägte seine Musizierauffassung: Richter ging es nicht um Inszenierung, sondern ausschließlich um Inhalte. Das Ensemble überzeugt daher durch eine Intensität des Ausdrucks, wie sie später kaum noch erreicht worden ist. Diese Bach-Einspielungen sind noch immer ein Erlebnis; sie werden wohl für alle Zeiten zu den Referenz- aufnahmen zählen. Grandios! 

Mittwoch, 6. März 2013

Richter: Sonatas for Flute, Harpsichord and Cello 2 (Naxos)

Franz Xaver Richter (1709 bis 1789), aus Mähren stammend, soll ein Schüler des kaiserlichen Kapellmeisters Johann Joseph Fux gewesen sein. Ob dies wirklich zutrifft, das lässt sich heute nicht mehr feststellen. 
In jedem Falle begann Richter seine musikalische Laufbahn als Bassist am Stuttgarter Hof. Ab 1747 wirkte er schließlich als virtuoso di camera des Kurfürsten Carl Theodor von der Pfalz, der die berühmte Mannheimer Hofkapelle unterhielt. Über die Biographie des Musikers wurde in diesem Blog bereits ausführlich berichtet, im Zusammenhang mit dem Erscheinen der ersten drei von insgesamt zwölf Sonate da camera des Komponi- sten, die Pauliina Fred, Traversflöte, Heidi Peltoniemi, Violoncello und Aapo Häkkinen, Cembalo, für Naxos eingespielt haben. 
Nun haben die jungen finnischen Musiker die Sonaten vier bis sechs vorgelegt. Es sind erneut "echte" Triosonaten für obligates Cembalo, Flöte und Violoncello, die alle beteiligten  Instrumente gleicher- maßen fordern. Von alten Modellen, bei denen Violoncello und Cembalo lediglich für die Continuo-Begleitung zuständig waren, hat sich Richter in diesen Werken weit entfernt. Insbesondere Cembalo und Flöte agieren hier in regem Dialog, was allerdings den Kompo- nisten nicht daran hinderte, dem Melodieinstrument gelegentlich auch die Begleitfunktion zuzuweisen. 
Richters Sonaten sind originell und ausdrucksvoll. Sie werden auf dieser CD brillant präsentiert; auf die nächsten drei Kammersonaten darf man sicherlich gespannt bleiben. Unterstrichen wird dies zusätzlich durch zwei Werke für Cembalo, die in Archiven entdeckt wurden und auf dieser CD ebenfalls erklingen. Das Präludium in C-Dur erinnert ein wenig an ähnliche Werke von Johann Georg Albrechts- berger (1736 bis 1809), den Kaiser Joseph II. 1772 zum Hoforgani- sten ernannte. Es wurde in der Fürstlich Fürstenbergischen Hofbib- liothek Donaueschingen aufgespürt. Auch das Andante in F-Dur, überliefert mit lediglich einer Abschrift in der Universitätsbibliothek Augsburg, ergänzt das Bild. Sehr spannend! 

Mittwoch, 25. April 2012

Richter plays Bach - The Well-Tempered Clavier Book 1 (Melodija)

Eine der ganz großen Bach-Auf- nahmen ist bei Melodija wieder erhältlich: Swjatoslaw Richter hat am 20. und 21. April 1969 im Großen Saal des Moskauer Konser- vatoriums Bachs Wohltemperier- tes Clavier eingespielt. Wie er die 24 Präludien und Fugen spielt, das ist ein musikalisches Ereignis. Man hört diese Aufnahme noch heute mit Staunen an - was erneut meine These bekräftigt, dass die wirklich herausragenden Interpretationen an Musikerpersönlichkeiten ge- bunden sind, und nicht an Modetrends und Musikmarkt. 

Sonntag, 1. April 2012

Bach: Matthäus-Passion BWV 244 (Profil)

Diese Aufnahme ist eine Legende. Karl Richter (1926 bis 1981) war der Sohn eines evangelischen Pfarrers aus Plauen. Er sang bei den Kruzianern, und studierte nach dem Krieg am Leipziger Kon- servatorium und am Institut für Kirchenmusik bei Karl Straube und Günther Ramin. Schon dort galt er als erstklassiger Bach-Interpret. 1949 wurde er Thomasorganist; 1951 ging er als Kantor an die Münchner Markuskirche. Mit dem Münchner Bach-Chor und dem Münchner Bach-Orchester prägte er die Bach-Rezeption in der Zeit vor der "historischen" Aufführungspraxis. 
Natürlich würde man heute vieles anders machen. Und die Chöre, insbesondere der große Eingangschor Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen, stellen die Leidensfähigkeit des Zuhörers schon auf eine harte Probe. Doch wenn man sie ertragen hat, wird dies belohnt. Denn Richter hat, ausgehend von der spätromantischen Tradition, einige spannende Ideen, wie er Bachs Klangrede ausdeutet. Besonders auf- fällig wird dies, wenn die Jünger die Frau schelten, die das Glas mit köstlichem Wasser über Jesus ausgegossen hat. Hier zeigt er die Jünger als eine Gruppe übereifriger Spießer, ganz und gar unsympa- thisch - und das Orchester zetert herzhaft mit, ganz besonders die Flöten. Ihnen weist Richter immer wieder die Funktion des musikali- schen Kommentators zu; so klar und deutlich sind die Flöten in keiner anderen Einspielung von Bachs Matthäus-Passion zu hören. 
Richter konnte bei dieser Aufnahme aus dem Jahre 1959 nicht nur auf den Münchner Bach-Chor, die Münchner Chorknaben und das Münchner Bach-Orchester mit seinen hervorragenden Instrumenta- listen bauen; ihm stand auch ein exzellentes Solistenensemble zur Verfügung. Irmgard Seefried, Sopran, Hertha Töpper, Alt, Ernst Haeflinger als Evangelist und Arientenor in Personalunion, Kieth Engen, Bass/Jesus und der junge Dietrich  Fischer-Dieskau, Bass/Arien - diese Sänger beeindrucken noch heute durch ihre enorme künstlerische Strahlkraft und ihr Gespür für musikalische Zusammenhänge, unbeeindruckt von jeder Mode. 

Freitag, 6. Mai 2011

Richter: Sonatas for Flute, Harpsichord and Cello 1 (Naxos)

Die Werke von Franz Xaver Richter (1709 bis 1789) verraten, dass der Musiker, der aus Mähren stammt, eine ausgesprochen solide Ausbil- dung erfahren haben muss. Es wird spekuliert, er sei ein Schüler des kaiserlichen Kapellmeisters Jo- hann Joseph Fux in Wien gewesen; belegt ist das freilich nicht. Denn über seine Kindheit und Jugend wissen wir so gut wie nichts. Rich- ter selbst schrieb, er sei in Italien gewesen. 
Er wirkte zunächst als Bassist am Stuttgarter Hof, dann als Musikdirektor in Ettal. 1740 ging Richter als Vize-Kapellmeister zum Fürstabt von Kempten im Allgäu, Anselm von Reichlin-Meldegg. 1747 ist er dann unter den Hofmusikern von Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz zu finden. In der berühmten Mannheimer Hofkapelle war er als Sänger engagiert, und er hat zudem fleißig komponiert. Richter schrieb während seiner Mannheimer Jahre etliche Sinfonien und auch zahlreiche geistliche Werke. So schuf er 1748 für den Kurfürsten das Karfreitagsoratorium La deposizione dalla croce. In den 1750er Jahren reiste er nach Frankreich, England und in die Niederlande. 
Zu den Schülern Richters gehörten Henri Joseph Riegel, Carl Stamitz, Frantisek Xaver Pokorný und Joseph Martin Kraus. 1767 vollendete er seine Kompositionslehre Harmonische Belehrungen oder gründli- che Anweisung zu der musikalischen Ton-Kunst oder regulairen Composition, die er Kurfürst Carl Theodor widmete. 1768 wurde er von seinem Dienstherrn zum Kammerkompositeur ernannt. Im April 1769 ging er als Domkapellmeister nach Straßburg. 
Diese CD enthält die ersten drei seiner zwölf sonate da camera für obligates Cembalo, Flöte oder Violine und Violoncello. Es handelt sich dabei um Triosonaten, in denen alle drei Instrumente interessan- te Aufgaben finden. So ist hier das Cembalo mitnichten auf die Conti- nuo-Begleitung reduziert, und die Flöte wiederum, die sich mit der Cembalo-Oberstimme die Soli zuspielt, übernimmt gelegentlich auch die Begleitfunktion. Richters Sonaten sind musikalisch ungemein spannend, elegant und ausdrucksvoll. Die jungen finnischen Musiker Pauliina Fred, Traversflöte, Heidi Peltoniemi, Violoncello und Aapo Häkkinen, Cembalo, haben daran hörbar Vergnügen. Weitere Auf- nahmen sind offenbar geplant; auf die Fortsetzung dieses Projektes darf man gespannt sein. 

Sonntag, 21. November 2010

Svjatoslav Richter - Concert 1993 (Hänssler)

Das Concerto in F von George Gershwin gehört zu den Raritäten seiner Gattung; es gibt kaum Aufnahmen davon. Swjatoslaw Teofilowitsch Richter (1915 bis 1997) hat es nur ein einziges Mal gespielt - zu den Schwetziger Feststpielen 1993, gemeinsam mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR unter Christoph Eschenbach. Da jedes dieser Konzerte durch den Rundfunk aufgezeichnet und gesendet wurde, existiert auch von diesem denkwürdigen Ereignis ein Mitschnitt, den Hänssler nun in der Edition Schwetzinger Festspiele auf CD gebracht hat.
Richter begann sein Konzert damals mit einem weiteren Werk in derselben Tonart, dem Konzert für Klavier und Orchester Nr. 5 F-Dur op. 103 von Camille Saint-Saens. Der große russische Pianist, der nur unter Aufsicht im Westen gastieren durfte, kombiniert also ein Kon- zert, das von orientalischen Klängen geprägt ist und den Beinamen Ägyptisches trägt, mit Gershwins Werk, das wiederum so amerika- nisch klingt, dass Richter es in seiner Heimat wohl niemals spielen konnte. 
Eine wunderbare, poetische Einspielung, bei der Solist und Orchester einander zuspielen, miteinander wetteifern und aufeinander hören. So wird hier wie aus einem Atem musiziert - ein großartiger Abend muss das gewesen sein, ohne Zweifel, und man freut sich heute über eine grandiose CD.

Dienstag, 30. März 2010

Sviatoslav Richter plays Franz Schubert / Oistrakh plays Beethoven, Leclair, Paganini (Idis)

Entdeckungen im Archiv: Hier sind zwei CD mit schönen alten Aufnah- men der russischen Ausnahme- musiker Swjatoslaw Teofilowitsch Richter und David Fjodorowitsch Oistrach. Aus dem Beiheft erfährt man wenigstens, wann und wo sie entstanden sind - und das wars auch schon. 
Richter spielt die Schubert-Sona- ten  in c-Moll D 958 (Budapest, 1958) und in a-Moll D 845 (Moskau, 1957) erstaunlich ver- halten-poetisch; eigentlich ist man ein kraftvolles bis romantisches Spiel von ihm gewohnt. 
Die Aufnahme des Beethoven-Violinkonzertes D-Dur op. 61 mit David Oistrach stammt aus dem Jahre 1960; er musiziert hier mit dem Orchestra Sinfonica di Milano della RAI unter Vittorio Gui. Außerdem enthält die CD Sonaten von Leclair, Locatelli und Paganini, aufge- zeichnet im Studio 1955 bzw. 1951, jeweils mit Wladimir Jampolski am Klavier. Diese Aufnahmen sind nicht Oistrachs "Best of", aber sie zeigen doch den typischen Oistrach-Ton - schlank, aber zugleich voll Wärme - und seine brillante Technik, die jedoch niemals Selbstzweck war. Ein faszinierendes Dokument, das Sammler erfreuen wird.