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Samstag, 3. Dezember 2016

Gloria - Festive Music for Trumpet and Organ (Tyxart)

Trompeter Hans Jürgen Huber musiziert gemeinsam mit dem Organisten Norbert Düchtel. Dabei präsentieren die beiden Solisten nicht nur Altbekanntes, wie das Air von Johann Sebastian Bach, das Ave Maria in den populären Versionen von Franz Schubert und von Charles Gounod, oder das Concerto C-Dur von Valentin Rathgeber. Ihre Musikauswahl, die vom Barock bis in die Gegenwart reicht, enthält auch eine echte Entdeckung – die Kleine Partita für Trompete und Orgel Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren von Lothar Graap (*1933). Dieses Werk passt mit seiner moderat-modernen Klangsprache perfekt an den Schluss dieser CD, die zwar festliche Glanzlichter setzt, aber nicht explizit auf das Weihnachtsfest abzielt. 
Norbert Düchtel gelingt, quasi nebenher, einmal mehr das Kunststück, mit einigen wenigen Orgel-Solowerken das Instrument in seinen Klangmög- lichkeiten vorzustellen. In diesem Falle handelt es sich um die 2005 durch die Schweizer Orgelbaufirma Mathis aus Näfels erbaute Orgel der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt zu Rieden in der Oberpfalz. Sie ist mit insgesamt 18 Registern auf zwei Manualen und Pedal relativ klein, aber überzeugt durch ihre stimmige Disposition und ihren harmonischen Klang. Sehr hörenswert. 

Sonntag, 29. Mai 2016

Serenade for Dieter Klöcker Vol. 2 (MDG)

Dieter Klöcker (1936 bis 2011) hätte in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag gefeiert. Dabringhaus und Grimm erinnert mit einer ganz besonderen Edition an den Jubilar: Auf vier CD präsentiert das Label Kostbarkeiten aus dem Schallarchiv des Westdeutschen Rundfunks. Die Aufnahmen, entstanden zwischen 1969 und 1993, zeigen Klöcker als überaus versierten und engagierten Kammermusiker – und stets auf der Suche nach Raritäten. Mit Leiden- schaft hat der Klarinettist zeitlebens in Archiven und Musikbibliotheken nach Kompositionen gesucht, deren Wiederentdeckung lohnt. Es verwun- dert daher nicht, dass auch in dieser Box wieder etliche Ersteinspielungen zu finden sind. Und grandios gut musiziert wird natürlich auch – eine würdige Jubiläumsgabe, mit Aufnahmen, die rundum begeistern. 

Donnerstag, 28. Januar 2016

Gassenhauer at Esterhazy Palace (Orlando Records)

In jene Tagen, als es noch kein Radio und vor allem auch keinen Fernseher gab, mussten sich die Leute etwas einfallen lassen, wenn sie Musik hören wollten. Der Adel ließ die hauseigenen Musiker aufspielen – oder aber er spielte selbst. Und mitunter gab es in den Privatgemä- chern der Herrschenden nicht nur ein Cembalo oder ein Pianoforte, sondern sogar eine Salonorgel. Im Schloss Esterházy beispielsweise existierte einst ein solches Instrument. Eine Inventarliste aus dem Jahre 1814 berichtet: „Eie große Orgel vom harten Holz mit schwarzen Frieseln auf Räder mit einem Pult zum Sperren und oben einer Doppeltür mit grünem Tapet überspannt.“ 
Im Wirtschaftsbereich des Weingutes wurde diese Orgel wiedergefunden, und in den Jahren 2008 bis 2013 durch den Orgelbaumeister Ferdinand Salomon und den Restaurator Albrecht Czernin wieder in einen Top-Zustand gebracht, so dass sie sogar gespielt werden kann. Wie diese Salonorgel klingt, das demonstriert diese hörenswerte CD. Organist Anton Holzapfel hat dafür ein ansprechendes Programm zusammengestellt. Gassenhauer freilich sind es nicht – aber gespielt wurde seinerzeit, was gerade populär war, was auch Tänze oder bekannte Melodien aus Opern mit einschloss. 
„Was den wenigsten von uns bewusst ist: Die großen Klassiker wie Haydn, Mozart und Beethoven verbindet, dass sie alle im Laufe ihrer Karriere (auch) Organisten gewesen sind“, schreibt Holzapfel. Ihre Improvisationen beim sonntäglichen Gottesdienst sind nicht doku- mentiert, doch andere ,Orgelkompositionen' sind von ihnen sehr wohl überliefert. Man baute damals kleine Orgelwerke in Spieluhren ein und vergnügte sich an eigens dafür komponierten Petitessen der größten Meister. Ein Haydn-Klingelton als Auftragswerk! Auch für Orgelwerke in einem Wachsfigurenkabinett (und dort verwendete größere Orgelwalzen) wurden Mozart und Beethoven verpflichtet.“ 
Einige dieser Kompositionen stellt Holzapfel in seinem Programm vor. Es beginnt mit einer der sechs Orgelsonaten, die Carl Philipp Emanuel Bach für Prinzessin Anna Amalie von Preußen, die jüngste Schwester Friedrichs II., geschrieben hat. Sie musizierte allerdings auf einer „richtigen“, zwei- manualigen Orgel mit Pedal. „Raritäten wie Variationen von Sigismund Ritter von Neukomm über eine Arie Haydns aus dem Oratorium ,Die Schöpfung', oder Variationen eines elsässischen Komponisten Martin Vogt (der auch in Wien auf der Walz war und in Salzburg bei Michael Haydn ausgebildet wurde) dokumentieren die mögliche Bandbreite des Repertoires, das man auf der Salonorgel gepflegt hat, Claviermusik in besten Sinne des Wortes“, so Holzapfel. Der Organist spielt mit Esprit und registriert gekonnt; man hört ihm gerne zu und fühlt sich in der Tat auch gut unterhalten. Eine gelungene Einspielung, und zugleich das spannende Porträt eines außergewöhnlichen Instrumentes.

Mittwoch, 25. Februar 2015

Claviorganum (Paladino Music)

Das Kunsthistorische Museum Wien verfügt über eine umfangreiche Sammlung historischer Musik- instrumente. Erstaunlich viele davon sind spielbar. So stellt das Museum auf dieser CD gemeinsam mit Paladino Music das Claviorganum vor – ein Orgelklavier, bei dem ein Cembalo oder ein Tafelklavier mit einem truhenförmigen Orgelwerk kombiniert wurde. Ein solches Instrument ermöglicht ein abwechs- lungsreiches Spiel mit einer Vielzahl von Klangvarianten: Clavier und Orgel können jeweils alleine gespielt werden, oder aber gemeinsam, wobei seitens der Orgel sogar verschiedene Register genutzt werden können. 
Das Claviorganum gilt als ausgesprochene Rarität; es sind nur sehr wenige Exemplare erhalten. Das ist verständlich, denn das Instrument, das jeweils als Einzelstück angefertigt wird, ist aufwendig und daher kostspielig. Es scheint noch heute gelegentlich Enthusiasten zu geben, die ein Claviorga- num in Auftrag geben. In früheren Jahrhunderten dürften es vor allem begüterte adelige Musikliebhaber gewesen sein, die sich diesen Luxus geleistet haben. So hat das Wiener Museum dieses Claviorganum aus der Fürstlich Liechtensteinschen Sammlung angekauft. 
Angefertigt wurde es von dem Wiener Orgel- und Klavierbaumeister Franz Xaver Christoph (1733 bis 1793) um 1785. Es ist wohltemperiert gestimmt – was beim Tafelklavier für heutige Ohren etwas gewöhnungsbedürftig klingt. Spannend erscheint bei dem Kombinationsinstrument, dass der Musiker durch seinen Anschlag entscheiden kann, ob das Clavier oder aber die Orgel klanglich im Vordergrund steht. 
Leider sind auch die Musikstücke für dieses seltene Instrument Raritäten. Deshalb hat Thomas Schmögner für diese CD Klavierwerke zusammen- gestellt, die die Stärken des Claviorganums bestens zur Geltung kommen lassen. So erklingen Präludien von Johann Georg Albrechtsberger, komponiert ausdrücklich für Kleinorgel, Präludien des jungen Beethoven, die Zeugnis geben von seiner Beschäftigung mit dem Werk Bachs, und eine Fantasie von Carl Philipp Emanuel Bach, die die Stimmung des Claviorga- nums so richtig hörbar macht. Ein frühes Beispiel aus dem Bereich der Programmmusik ist die Sonate militare von Ferdinand Kauer (1751 bis 1831), die mit Hilfe der Musik Kämpfe zwischen den Türken und den Truppen des Zaren auf der Krim darstellt. 
Mozarts Fantasie in d-Moll demonstriert insbesondere den Farbenreich- tum des Instrumentes; sein berühmtes Adagio für Glasharmonika klingt darauf erstaunlich ähnlich wie auf dem Original. Das liegt aber auch mit daran, dass Schmögner echt ein Händchen hat für die Möglichkeiten des Claviorganums – und das hat durchaus seine Reize. Schlussstück der CD ist eine Fantasie von Joseph Preindl (1756 bis 1823) über Themen aus Haydns Oratorium Die Jahreszeiten. Dabei handelt es sich um ein Widmungswerk für Prinzessin Leopoldine von Liechtenstein. Sehr hübsch!

Sonntag, 24. Juni 2012

Entre ciel et terre - Johann Georg Albrechtsberger (Laborie Records)

Johann Georg Albrechtsberger (1736 bis 1809) war als Organist, Kapellmeister, Musiktheoretiker und Experte für den Kontrapunkt weithin berühmt. Er galt als der beste Lehrer für Komposition in Wien, und prägte dort zwei Musikergenerationen. Zu seinen Schülern gehörten unter anderem Carl Czerny, Johann Nepomuk Hummel, Ignaz Moscheles, Franz Xaver Mozart und Ferdinand Ries. Auch Beethoven lernte bei ihm; Albrechtsberger war aber der Meinung, dieser Schüler werde "nie was Ordentliches machen". Was zeigt, dass auch große Geister gele- gentlich irren. 
Albrechtsberger stammte aus Klosterneuburg, und im Alter von sieben Jahren begann er seine musikalische Ausbildung dort als Sängerknabe im Augustiner-Chorherrenstift. Sechs Jahre später lernte er am Gymnasium des Stiftes Melk, wo er vier Jahre lang Sängerknabe war, und am Wiener Jesuitenkonvikt. Seine erste Stelle als Organist erhielt Albrechtsberger in Raab; zwei Jahre später wech- selte er nach Maria Taferl. 1759 wurde er Organist im Benediktiner- stift Melk. Das war eine attraktive Position, denn dort machte der kaiserliche Hof gern auf Reisen Station. Und es dauerte auch nicht lange, bis Josef II. auf den Musiker aufmerksam wurde. 
1765 ging Albrechtsberger nach Wien, wo er als Organist und Clavier-Meister wirkte. 1772 bewarb er sich erfolgreich um das Amt des Zweiten Hoforganisten; 1792 wurde er Erster Hoforganist. Ein Jahr später erhielt er die Stelle des Domkapellmeisters am Wiener Stephansdom. Mozart und den Brüdern Haydn, die er seit seiner Jugend kannte, war Albrechtsberger in Freundschaft verbunden.
Sein Werk ist umfangreich; es umfasst mehr als 400 Kirchenkompo- sitionen, gut 200 Werke der Kammermusik, 300 Werke für Tasten- instrumente sowie eine Vielzahl von Orchesterwerken. Diese CD zeigt einerseits seine Meisterschaft im Bereich der Kirchensonaten, die in Wien traditionell aus einem langsameren Satz in modernem Stil und einer Fuge im stile antico und in flottem Tempo bestanden. 
Albrechtsberger war der letzte, der solche Werke schrieb. Und weil die Raumverhältnisse auf der Musikempore der Hofburg damals dazu regelrecht einluden, schuf er solche Werke auch für das doppelchöri- ge Musizieren.
Auch sonst stellte sich Albrechtsberger auf spezielle Anforderungen, beispielsweise durch das vorhandene Instrumentarium, erstaunlich flexibel ein. Dies dokumentiert auf dieser CD eines seiner Konzerte für Maultrommel, das er wohl für den Benediktiner P. Bruno Glatzl geschrieben hat, der die Maultrommel virtuos gespielt haben muss. Dieses Solo übernimmt hier Albin Paulus vom Ensemble Baroque de Limoges. Auch für Harfe, Mandora und - als einziger "Klassiker" - für Viola d'amore, Violone und Violino piccolo komponierte Albrechts- berger, ganz so, als wollte er diese veraltenden Instrumente und ihren Klang vor dem Verschwinden bewahren. 
So finden sich auf dieser CD ein Divertimento a tre con violino piccolo o primo, violino secondo e viola und eine schöne Partita per viola d'amore, flauto e violone. Selbst für ungewöhnliche Besetzungen hatte dieser Komponist passende Ideen, wie auch das Divertimento a tre con viola, violoncello e violone zeigt. Besten Dank an das Quatuor Mosaiques und das Ensemble Baroque de Limoges, das mit viel Enga- gement und Unterstützung durch zahlreiche Experten diese Musik aus dem Archivschlaf erweckt hat.

Samstag, 29. Oktober 2011

Haydn ...out of Hainburg (Gramola)

Das Ensemble Dolce Risonanza erwirbt sich zunehmend einen Namen durch Entdeckungen am Rande des üblichen Wiener Reper- toires. Das gilt auch für diese CD, eingespielt im September 2010 in der Stadtpfarrkirche Hainburg, unweit von Wien. 
Warum Hainburg an der Donau? Weil Joseph und wohl auch Mi- chael Haydn dort einen Teil ihrer Kindheit verbracht und ihre mu- sikalische Ausbildung begonnen haben. In Hainburg lebte Thomas Haydn, der Großvater der bekannten Musiker. Er gehörte zu den we- nigen Bürgern, die bei der Einnahme der kleinen Stadt 1683 durch die Türken nicht erschlagen oder verschleppt worden sind. Sein Sohn Mathias erlernte ebenfalls das Wagnerhandwerk, ging anschließend auf Gesellenreise, und ließ sich nach seiner Rückkehr in dem einige Kilometer entfernten Dorf Rohrau nieder. 
Enkel Joseph kam 1738 nach Hainburg, wo er beim Schulmeister wohnte und ersten Unterricht erhielt. "Ich verdanke es diesem Manne noch im Grabe, daß er mich zu so vielerley angehalten hat, wenn ich gleich dabey mehr Prügel als zu essen bekam", berichtete der Komponist später seinem Biographen über diese Jahre. Denn 1740 reiste Hofkapellmeister Georg von Reutter durch die Lande, auf der Suche nach talentiertem Chornachwuchs für den Stephansdom. So kam der achtjährige Haydn als Sängerknabe nach Wien; einige Jahre später folgte ihm sein Bruder Michael nach. Die Ausbildung, die beide dort erhielten, ermöglichte ihnen ein vergleichsweise sorgen- freies Leben; hungern jedenfalls mussten die Musiker nie wieder. 
Diese CD ist aber nicht nur den Haydn-Brüdern gewidmet; die Musiker um Florian Wieninger erinnern auch an einige ihrer Zeitgenossen - und das Programm, das wohl in erster Linie Wieninger zusammenge- stellt hat, erweist sich bald als sehr attraktiv. Es dominiert selbstver- ständlich die Orgel, ein ausgesprochen klangschönes Instrument aus der Werkstatt der Firma Pirchner, Steinach am Brenner, aus dem Jahre 1982. Sie beginnt mit einem Präludium nebst Fuge von Johann Georg Albrechtsberger (1736 bis 1809). Darauf folgt ein Salve Regina a quattro voci ma Soli, 2 Violini, Viola, Basso ed organo concertato von Joseph Haydn, ein melodienseliges Paradestück, hörenswert gesungen von Barbara Fink, Ida Aldrian, Daniel Johannsen und Klemens Sander. 
Die Sonata sexta K 366 von Johann Joseph Fux (1660 bis 1741) demonstriert exemplarisch, wie seinerzeit eine Triosonate in ein Orgelwerk verwandelt wurde - ein gängiges Verfahren, das Fux freilich besonders virtuos beherrschte. Nicht umsonst war er der Kompositionslehrer einer ganzen Musikergeneration. Sein Lehrwerk Gradus ad Parnassum schätzte auch Haydn sehr, und verwendete es seinerseits im Unterricht. 
Von Michael Haydn stammen Präludium, Versetten und Cadenza zum Magnificat V. toni, MH 176. Dieses Werk, das uns heute etwas sonderbar erscheint, beruht auf der klösterlichen Tradition, den gregorianischen Gesang der Mönche versweise mit einem kurzen Orgelstück abwechseln zu lassen, das erklingt, während der Priester den entsprechenden Text laut betet. Ah! Jesu recipe, MH 131, eine ziemlich umfangreiche Arie für Sopran, zwei Violinen, Bass und konzertierende Orgel zeigt gleich im Anschluss, dass der Komponist nicht nur meditative Musik, sondern auch virtuose Bravourstückchen zu schreiben verstand. 
Bekannt sind die Stücke für die Flötenuhr von Joseph Haydn; Organist Anton Holzapfel lässt es sich nicht nehmen, drei dieser hübschen Miniaturen vorzutragen. Die große Überraschung aber ist das Finale dieser CD - ein Concerto per l'organo con 2 violini e basso von Hof- kapellmeister Reutter. Instrumentalmusik muss in der katholischen Kirchenmusik einst breite Einsatzmöglichkeiten und große Bedeutung gehabt haben; sie verschwand jedoch aus dem Gottesdienst mit der Aufklärung, die Nüchternheit und Funktionalität forderte. Die belieb- testen Werke aber gingen nicht verloren; damals wurde aus so man- chem Orgel- ein Clavier-Konzert. Erkennbar ist ein solcher Wechsel aus dem sakralen in den profanen Raum oftmals daran, dass diese Stücke nicht den vollen Tonumfang ausnutzen, wie ihn Cembalo oder Hammerklavier anbieten. So wurde auch jenes bedeutende Werk Reutters als Orgelkonzert identifiziert, das im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien aufgefunden wurde. 
Wieninger und den Musikern von Dolce Risonanza ist dafür zu dan- ken, dass sie mit dieser CD eine kirchenmusikalische Tradition vor- stellen, die außerordentlich reich gewesen sein muss, aber leider im Gottesdienst keinen Platz mehr hat. Die schönen Stücke sollten daher nun rege im Kirchenkonzert erklingen; sie sind eindeutig zu hochwer- tig dafür, ungespielt im Archiv einzustauben. 

Donnerstag, 9. September 2010

Werner: 6 Fugues a 4; Albrechtsberger: 6 Quartets op. 16 etc. (Hungaroton)

Zur Zeit des Wiener Klassizismus erfreuten sich Insider weiter an Präludien und Fugen - allerdings war diese "erhabene" Musik nicht unbedingt mehr den Tasteninstru- menten vorbehalten. Selbst wenn sie in der Kirche gespielt wurden, erklangen nun oftmals Streich- instrumente zumindest gemeinsam mit der Orgel. 
Am kaiserlichen Hof wie im bürger- lichen Salon aber war das Streich- quartett seinerzeit sehr en vogue. So übernahm diese Kammermusik- formation die gefragte "altmodische" Form - selbst Kaiser Joseph II., der Violoncello spielte, ließ regelmäßig seine Hof-Kammermusiker kommen, um mit ihnen im Quartett zu musizieren. Sein Lieblings- komponist Christoph Sonnleithner schrieb eigens für ihn 36 Streich- quartette, die meisten davon mit Fugenfinale. 
Für die vorliegende CD hat das Authentic Quartet, ein ungarisches Ensemble, das auf zeitgenössischen Instrumenten spielt, aber andere Werke ausgewählt: Die Sechs Fugen für Streichquartett von Gregor Joseph Werner (1693 bis 1766), dem Vorgänger Haydns im Dienste des Fürsten Esterházy, sind Streichquartett-Transkriptionen von Ouvertüren zu Oratorien dieses Komponisten. Sie sind interessant, wenn auch keine leichte Kost.
Der Wiener Kirchenmusiker und Kontrapunkt-Experte Johann Georg Albrechtsberger soll mehr als 150 Kirchensonaten geschrieben haben, die aus Präludium und Fuge bestehen. 1798 schuf er seine Sechs Streichquartette op. 16. Ich finde sie formal perfekt, aber ehrlich gesagt ziemlich langweilig. Daran können auch die begnadeten Streicher Zsolt Kalló, Balász Bozzai (Violine), Gábor Rác (Viola) und Csilla Vályi (Cello) wenig ändern, bei aller Brillanz des Vortrages. Abschließend erklingt die Sonata in C (pro festo Paschalis), op. 11a, hier ohne Continuo-Cembalo, deren erster Satz die Melodie des Chorals "Christus ist erstanden" nach Art einer Bachschen Choral- bearbeitung verwendet - gefolgt von einer bewegten Fuge, die der Freude über die Auferstehung Form und Ausdruck verleiht.

Albrechtsberger: Music for Entertainment (Hungaroton)

Johann Georg Albrechtsberger (1736 bis 1809) war zur Zeit Haydns und Mozarts ein Gigant des Wiener Musiklebens. Als Kirchen- musiker gelangte er zu Ruhm und Ehre, seine Zeitgenossen erklärten ihn zum besten Organisten der damaligen Zeit; in die Musikge- schichte aber ist er vor allem als ein gesuchter Kompositionslehrer und als ein ausgewiesener Experte in Sachen Kontrapunkt eingegan- gen.
Zu Albrechtsbergers Komposi- tionsschülern gehörten unter anderem Ignaz Moscheles, Carl Czerny, Johann Nepomuk Hummel, Mozarts Sohn Franz Xaver - und Ludwig van Beethoven, über den der Meister allerdings meinte, er werde "nie was Ordentliches machen." 
Auch kluge Leute können sich halt irren. Und auch was sein eigenes Werk betraft, täuschte sich Albrechtsberger, als er an den Verleger Breitkopf schrieb: "Wenn ich Ihnen mit meinen 4, 5 oder 6 stimmigen Geigen fugen, oder mit Gradualen, Offertorien, oder andere Kirchen Stücken mit oder ohne Orgel dienen kann, so stehe ich Ihnen um einen billigen Preis zu Diensten. Um die Gallanterie- oder Theater Stücke habe ich mich in meinem Leben wenig besorgt." 
Gerade diese hübschen kleinen Werke aber, die Albrechtsberger in jungen Jahren komponiert hat, lagen der Nachwelt besonders am Herzen. Das wird wenig verblüffen, wie die vorliegende CD aufzeigt. Denn zum einen sind einige der Stücke geradezu experimentelle Musik, verglichen mit dem Standard der damaligen Zeit. Und zum anderen sind sie wirklich sehr schön; sie beweisen, dass ein großer Meister auch aus wenig viel machen kann.
Denn ein Komponist musste damals oft mit den Musikern vorlieb nehmen, die gerade vorhanden waren. So kamen Besetzungen zustande wie ein Flötenquartett, also Flöte, Violine, Viola, Cello, oder ein Trio mit Flöte, Harfe und Violoncello oder aber Flöte, Viola und Violone, was kein Schreibfehler ist, sondern eine Art Baßgambe. Und selbst wenn die Musiker keineswegs Meister ihres jeweiligen Faches waren, ist es doch erstaunlich, wie klangvoll sich dennoch auch für eine solche Besetzung komponieren lässt. 
Der ungarische Flötist Pál Németh hat gemeinsam mit Andrea Vigh, Harfe, und Mitgliedern des Savaria Barockorchesters einige dieser Raritäten für das Label Hungaroton auf zeitgenössischen Instrumen- ten eingespielt. Und diese Aufnahme kann man wirklich genießen.