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Mittwoch, 22. Januar 2020

Variety - The Art of Variation (Deutsche Harmonia Mundi)

Das Chamäleon ist, bedenkt man es recht, ein perfektes Wappentier für die Barockmusik. Denn wann immer man es anschaut, es erscheint immer wieder neu und irgendwie anders. Es passt sich seinem Untergrund an – was beispielsweise hätte uns Bach hinterlassen, wenn er nicht Thomaskantor in Leipzig geworden wäre? Und was wäre geschehen, wenn Händel nicht nach London gegangen wäre, sondern beispielsweise eine Anstellung als Hofkapellmeister in Dresden akzeptiert hätte? 
Auch die barocken Kompositionen geben den Interpreten meist großen Freiraum. Wie sie korrekt aufzuführen sind, darum wurden heftige Debatten geführt, und jede Menge Aufsätze publiziert. 
Mittlerweile dürfte klar sein: Die eine unverrückbar „richtige“ Interpretation wird wohl ein Phantom bleiben. Jede Aufführung klingt anders, und das ist auch gut so. Das Chamäleon darf weiter die Farbe wechseln. Und wir Musikliebhaber erfreuen uns an Kompositionen, die anspruchsvoll sind, aber nicht unzugänglich, die herausfordernd und abwechslungsreich sind, und dazu vergnüglich anzuhören. 
Barockmusik, in ihren vielen höchst unterschiedlichen Facetten, bereitet noch immer den Interpreten und dem Publikum gleichermaßen Freude. Das gilt auch für das jüngste Album des Ensembles Les Passions de l’Ame aus Bern. Das Orchester für „Alte“ Musik um Konzertmeisterin Meret Lüthi präsentiert Werke der Komponisten Heinrich Ignaz Franz Biber (1644 bis 1704), Johann Joseph Fux (1660 bis 1741) und Johann Heinrich Schmelzer (um 1623 bis 1680). 
Zentrales Thema des Programmes ist die Variation, nicht nur in der Barockzeit ein beliebtes Kompositionsverfahren. Die ausgewählten Musikstücke bieten den Musikern vielerlei Möglichkeiten, ihre Virtuosität zu zeigen – und sie sind auch für die Zuhörer höchst attraktiv. Denn sie begeistern durch ihren enormen musikalischen Einfallsreichtum ebenso wie durch spektakuläre Spieltechniken und Show-Effekte. Die Instrumentalisten von Les Passions de l’Ame überzeugen durch Spielfreude und Ausdrucksstärke. Wunderbar, diese Aufnahme hört man sich wirklich gern an. 

Mittwoch, 25. April 2018

Auff die Mayerin (Genuin)

Diese CD ist aus einem Studien- projekt hervorgegangen. Die angehende Pianistin Kärt Ruubel fragte sich, warum die Musik ihren Lieblingskomponisten Johann Sebastian Bach erst lang nach seinem Tode so beliebt wurde – und welche Zeitgenossen Bachs eigentlich heute noch auf ihre Wiederentdeckung warten. „Zur Beendigung meines Klavierstudiums an der HMT Rostock fehlte mir noch eine Arbeit im Fach Musikwissenschaft“, berichtet die junge Musikerin. „Ich habe mich daher für das Leben und die Werke von Johann Jakob Froberger entschieden.“ 
Das ist ein lohnendes Thema – denn Johann Jakob Froberger (1616 bis 1667) hat in seinem kurzen Leben unglaublich viel erlebt (eine Kurzbiographie findet sich in diesem Blog bereits an anderer Stelle), und wunderbare Musik für Tasteninstrumente geschrieben. 
Wer sie originalgetreu aufführen möchte, der spielt sie zumeist auf einem Cembalo. Kärt Ruubel freilich suchte nach Aufnahmen mit einem modernen Flügel, und fand kaum eine. Und daher beschloss die estnische Pianistin, diesem Mangel abzuhelfen. Für ihre Debüt-CD bei Genuin hat sie ein berühmtes Werk Frobergers ausgewählt, die Lamentation faite sur la mort très douloureuse de Sa Majesté Impériale, Ferdinand le troisième, und ein weniger bekanntes, die Partita Nr. 6 in G-Dur Auff die Maÿerin
Eingebettet hat sie diese Musik in drei Suiten von Georg Friedrich Händel, Johann Joseph Fux und Johann Sebastian Bach. Kärt Ruubel musiziert auf einem Konzertflügel, einem Steinway D, aber sie nutzt die klanglichen Möglichkeiten, die das Instrument bietet, sehr dezent und überlegt. Ihr Spiel wirkt stets transparent und beseelt – ein hinreißender Ausflug in eine Klangwelt, die die meisten Pianisten heute allenfalls in den Encores streifen. 

Dienstag, 3. Oktober 2017

Fux: Ave Regina (Deutsche Harmonia Mundi)

Als kaiserlicher Hofkapellmeister hatte Johann Joseph Fux (1660 bis 1741) nicht nur seine Musiker zu leiten. Zu seinen Aufgaben gehörte es darüber hinaus, Werke für höfische Zeremonien zu komponieren. Und so finden sich in seinem Schaffen neben Opern und Festmusiken, die beispielsweise bei Hochzeiten, Krönungen oder zu Geburtstagen vor großem Publikum aufgeführt wurden, auch Kammermusik, die in den privaten Gemächern der kaiserlichen Familie erklungen ist, sowie zahlreiche geistliche Werke, wie Messen, Vespern, Psalmvertonungen, Oratorien oder Kantaten. 
Die enge Verbindung von Kirche und Staat gehörte zu den Grundfesten des Habsburgerreiches; der Kaiser selbst betrachtete Religiosität als oberste Herrschertugend und stellte seine Frömmigkeit demonstrativ zur Schau. Im Gottesdienst verschmolzen kirchliches und fürstliches Zeremoniell – und Karl VI. war ein großer Verehrer der Gottesmutter Maria, was auch im Schaffen seines Hofkapellmeisters Fux sichtbar wird. Auf dieser CD stellt das Ensemble Accentus Austria, geleitet von Thomas Wimmer, Mariengesänge und Gradualsonaten des Komponisten vor. Das Programm ist ebenso erlesen wie das Spiel der Musiker. Und auch wenn beispielsweise der Text des Ave Regina gleich vierfach erklingt – Fux' Vertonungen sind ausgesprochen unterschiedlich und facettenreich. Hana Blažíková singt zudem großartig. 

Donnerstag, 1. Dezember 2016

Kerll / Fux: Requiems (Ricercar)

Als Wolfgang Amadeus Mozart sein Requiem komponierte, überschritt er damit nicht nur die Schwelle zur Romantik. Er orientierte sich zugleich an alten musikalischen Modellen – es klingt paradox, aber nie war Mozart traditioneller als bei diesem Werk das als sein modernstes und visionäres gilt. Diese Aufnahme des Ensembles Vox Luminis führt uns in diese Vergangenheit, aus der Mozart schöpfte. 
Die Sänger um Lionel Meunier öffnen eine ganz besondere Schatztruhe: Zu hören sind zwei Totenmessen von Johann Caspar Kerll (1627 bis 1693) und Johann Joseph Fux (1660 bis 1741). Fux schrieb sein Requiem 1720 für die Beisetzungsfeierlichkeiten von Eleonore Magdalene von Pfalz-Neuburg, der Witwe des Kaisers Leopold I. Es erklang später auch noch bei weiteren Trauerfeiern des Hofes, zuletzt 1740 beim Begräbnis Karls VI. Geprägt wird dieses Werk nicht etwa durch Schmerz und Verzweifung, sondern durch feierliche Erhabenheit. Entsprechend strahlend ist auch sein Klang; zu den beiden Sopranen, Alt , Tenor und Bass kommen neben Orgelpositiv und Violone noch zwei Geigen und eine Bratsche, sowie, passend zum Anlass, zwei stille Zinken, zwei Posaunen und ein Fagott. Es musiziert gekonnt das Scorpio Collectief – und man muss sagen, Fux' Requiem klingt wirklich staatstragend. 
Das zweite Werk auf dieser CD wirkt intimer und auch düsterer. Hier sind statt zweier Soprane zwei Tenöre besetzt, was den Klang tiefer und gedeck- ter erscheinen lässt. Auch die Instrumente unterstreichen diesen Eindruck. Kerlls Missa pro Defunctis wird durch ein Gambenconsort begleitet; das Ensemble L'Achéron übernimmt diesen Part sehr eindrucksvoll. Sie findet sich in einem Band, der insgesamt fünf Messen des Komponisten enthält, 1689 gedruckt wurde und Kaiser Leopold I. gewidmet ist. 

Dienstag, 24. November 2015

Sospiri d'amanti (Deutsche Harmonia Mundi)

Die Mandoline gilt heute weithin als ein Instrument für Freaks; lange Zeit hatte sie ihre Nische entweder in Folkbands, oder aber im Zupfinstru- mentenorchester. Dabei wurde die Mandoline einst sogar bei Hofe gespielt. Auf dieser CD präsentiert das Ensemble Artemandoline unter der Leitung von Juan Carlos Muñoz gemeinsam mit der Sopranistin Nuria Rial Musik aus jener Zeit. 
Um 1750 stand die italienische Oper beinahe in ganz Europa hoch im Kurs – lediglich in Frankreich konnte sie sich nicht durchsetzen. Doch von Neapel bis Wien und von Madrid bis nach St. Petersburg dominierte Musik aus Italien. Etwa zur gleichen Zeit entwickelte sich die Mandoline zu einem populären höfischen Instrument. Sie erklang in Konzerten und Serenaden ebenso wie in der Oper, in Kantaten, ja selbst in Oratorien. Man kann davon ausgehen, dass eine enorme Menge Gesangsstücke, die durch eine Mandoline begleitet werden, spätestens mit dem Beginn der Romantik dem Archivschlaf anheimgefallen sind.  
Das ist ein Verlust, wie diese CD beweist. Artemandoline hat für diese Aufnahme nicht nur zwei hinreißende, virtuose Concerti per mandolino von Carlo Arrigoni (1697 bis 1744) und von Johann Adolf Hasse (1699 bis 1783) herausgesucht, sondern auch jede Menge hörenswerte Arien von namhaften Komponisten von Johann Joseph Fux über Antonio Caldara, Georg Friedrich Händel bis hin zu Wolfgang Amadeus Mozart, überwie- gend in Weltersteinspielungen. Musiziert wird gekonnt und mit Hingabe; Nuria Rial begeistert mit ihrem strahlenden, schlank geführten Sopran bei exzellenter Textverständlichkeit. 

Mittwoch, 15. April 2015

Caldara: Morte e sepoltura di Christo (Glossa)

Antonio Caldara (1670 bis 1736) stammte aus Venedig. Er erhielt seine musikalische Ausbildung vermutlich bei Giovanni Legrenzi; über seine Jugendjahre ist ansonsten nicht viel bekannt. Von 1700 bis 1707 war er Kapellmeister bei Ferdinando Carlo Gonzaga, dem Herzog von Mantua, und von 1709 bis 1716 bei Francesco Maria Ruspoli in Rom. Dort war sein Amtsvorgänger übrigens Georg Friedrich Händel. 
1716 ging Caldara nach Wien, wo er unter Fux Vizekapellmeister am Hofe des Kaisers Karl VI. wurde. Er komponierte eine enorme Anzahl von Werken, die erst allmählich wieder erschlossen werden. Sein Schaffen reichte von der Oper bis zur Triosonate und vom Kanon bis zur Kantate. In seinen letzten 20 Lebensjahren, die er am Wiener Hof in Diensten stand, schrieb Caldara beispielsweise zahl- reiche Oratorien. Eines davon, das 1724 entstandene Morte e sepoltura di Christo, hat Fabio Biondi als Kapell- und Konzertmeister mit dem norwe- gischen Stavanger Symfoniorkester bei Glossa eingespielt. Es singen Maria Grazia Schiavo, Silvia Frigato, Martina Belli, Antonio Zorzi Giustiniani und Ugo Guagliardo. 
Das Oratorium beschreibt, wie Maria Magdalena, Maria, die Mutter Jacobs, Josef von Arimathäa, Nikodemus und ein römischer Centurio Jesu zu Grabe betten. Die Sängerpartien sind für herausragende Solisten ent- standen; den hohen Anforderungen wird dieses Ensemble leider nicht wirklich gerecht. Caldara hat allerdings auch die Instrumentalisten mit lohnenden Aufgaben bedacht; seine Begleitsätze sind abwechslungsreich, und bei immerhin vier der 15 Arien sind obbligati vorgesehen. 
Jedem Teil des Oratoriums wurde eine Motette Caldaras vorangestellt. Zum Zwischenspiel erklingt zudem Instrumentalmusik von Caldara, Johann Joseph Fux und Antonio Vivaldi, dessen Sonata Al Sancto Sepolchro hier sehr beeindruckt. Das Stavanger Symphony Orchestra musiziert farbenreich, klar strukturiert und sehr präzise. In jeder Hinsicht eine Entdeckung! 

Mittwoch, 11. März 2015

Vienna 1709 (Accent)

Die Viola da gamba eignet sich wie kaum ein anderes Instrument dazu, mit musikalischen Mitteln Emotionen auszudrücken. Auf dieser CD stellen die Sopranistin Hana Blažíková und der Gambenvirtuose Petr Wagner mit seinem Ensemble Tourbillon zahl- reiche Arien vor, die dies in schönster Weise belegen. Obwohl die Gambe am Hof in Wien nur relativ kurze Zeit als obligates Begleitinstrument gefragt war, ist es erstaunlich, wie viele delikate Partien die Komponi- sten dort für dieses Instrument geschaffen haben. Die kaiserliche Familie interessierte sich für Musik, und die Gambe galt als Instrument des Adels – auch deshalb erklang sie, quasi als musikalische Huldigung, bevorzugt in Opern und Oratorien, die Mitgliedern des Herrscherhauses oder Adligen gewidmet waren. 
Zu hören sind Arien von Pietro Baldassari (vor 1690 bis nach 1768), Attilio Ariosti (1666 bis 1729), Giovanni Battista Bononcini (1670 bis 1747) und dem trefflichen Johann Joseph Fux (um 1660 bis 1741), dessen Musik leider bislang weitgehend noch der Erweckung aus dem Archivschlaf harrt. Das lohnt sich, wie die wundervollen Werke beweisen, die für diese CD ausgewählt wurden. Ob hochvirtuos oder sanglich schlicht – wie er die Gambe einsetzt, um Affekte zu gestalten, das beeindruckt noch heute. Petr Wagner geben diese Partien reichlich Gelegenheit, zu brillieren. Besonders schön erklingt die Gambe allerdings im Duett mit dem lichten und klaren Sopran von Hana Blažíková, meiner Meinung nach eine der derzeit schönsten Stimmen Europas. Bravi! 

Montag, 17. November 2014

The Dresden Album (Audax)

Johann Georg Pisendel (1687 bis 1755) gehört zu den überragenden Musikerpersönlichkeiten seiner Zeit. Der Sohn eines Kantors kam 1697 als Kapellknabe an den Ansbacher Hof. Dort könnte er Geigenschüler von Giuseppe Torelli gewesen sein. Wie gut er sein Instrument beherrschte, darauf deutet jedenfalls die Tatsache hin, dass er bei Hofe als Geiger angestellt wurde, obwohl erst kurz vorher die Zahl der Musiker drastisch reduziert worden war. 1709 reiste Pisendel nach Leipzig, wo er studierte, und nebenher zeitweise das Collegium musicum leitete. Die Studienjahre boten dem Musiker zudem Gelegenheit, renommierte Kollegen wie Telemann, Graupner, Heinichen, Fasch und etliche andere kennenzulernen. Im Januar 1712 wurde er erster Geiger in der Hofkapelle Augusts des Starken, 1728 wurde er schließlich Konzertmeister in diesem Orchester. Pisendel trug wesentlich dazu bei, dass es zu den besten Europas gehörte. 
Sein Dienstherr erkannte die Stärken des jungen Mannes, und schickte ihn zunächst auf Reisen. So weilte er im Gefolge des Kurprinzen in Paris, in Rom und Venedig sowie in Wien – und brachte nicht nur musikalische Anregungen und eine Vielzahl von Notenabschriften, sondern auch freundschaftliche Kontakte zu den Musikerkollegen in den europäischen Metropolen mit. Wie weit das Beziehungsnetz Pisendels reichte, davon gibt die vorliegende CD einen Eindruck. 
Johannes Pramsohler hat für die zweite Veröffentlichung bei seinem Label Audax einige Raritäten eingespielt, die bislang offenbar in den Noten- beständen der Dresdner Hofkapelle schlummerten: Triosonaten von Georg Friedrich Händel, Georg Philipp Telemann, Johann Friedrich Fasch, Jo- hann Joseph Fux und Frantisek Ignác Tuma; die Werke der letztgenannten drei erklingen immerhin in Weltersteinspielungen. Es ist dies zugleich die Debüt-CD seines Ensembles Diderot; mit Prahmsohler musizieren Varoujan Doneyan, Barockvioline, Gulrim Choi, Barock-Violoncello, und Philippe Grisvard am Cembalo. 
Die Musiker beeindrucken durch ihr exzellentes Zusammenspiel. Insbe- sondere die Cellistin setzt immer wieder spannende Akzente. Die beiden Geiger hingegen musizieren zwar virtuos, aber für mein Empfinden zu grell; ihr Ton ist herausfordernd schrill und ihre Phrasierung oftmals schlicht zu ruppig. Damit werden sie dem galanten Charakter vieler Stücke nicht gerecht, vor allem auch die langsameren Sätze würden durch mehr Wärme und klangliche Abrundung gewinnen. Die Fußstapfen Reinhard Goebels, der seinen jungen Kollegen hier mit einem sehr informativen Text im Beiheft unterstützt, erscheinen momentan für Pramsohler noch etwas groß. Aber die Lust an Entdeckungen, die Neugier auf vergessenes Repertoire haben die Violinisten gemeinsam. Hörenswert sind die sechs Triosonaten auf dieser CD, und die Aufnahme ist zudem in technischer Hinsicht phänomenal. Man hat wirklich den Eindruck, inmitten der Musiker zu sitzen. 

Dienstag, 10. Juli 2012

A Cavalier's Tour trough Baroque Europe (Berlin Classics)

Das Ensemble Concerto Grosso Berlin legt bei Berlin Classics seine Debüt-CD vor: A Cavalier's Tour vollzieht eine Bildungsreise durch Europa nach, wie sie zur Zeit des Barock nicht mehr nur für Adlige, sondern zunehmend auch für die Söhne wohlhabender Stadtbürger und auch für Künstler zum Pflicht- programm gehörte. Man nahm die Unbequemlichkeiten einer solchen Kavalierstour auf sich, um fremde Länder, fremde Sprachen und fremde Sitten kennenzulernen - und Verbindungen zu knüpfen, die man im Zeitalter der Fußwanderungen und der Postkutsche nicht ohne weiteres erwartet hätte.
Uns verrät die Musik auf dieser CD, dass selbst Musiker damals viel und weit reisten. So waren sie miteinander oft gut bekannt, und tauschten Noten, Ideen und mitunter auch Sticheleien aus. Die Ent- wicklung der Musik europaweit hat dieser Kreuz-und-Quer-Transfer sehr befördert. Auf diese Weise kamen beispielsweise Werke des Wiener Hofkompositeurs Johann Joseph Fux in die Musikaliensamm- lung des Dresdner Violinvirtuosen Pisendel. Georg Philipp Telemann, der selbst eifrig Kopien sammelte und verschickte, kombinierte Elemente der polnischen, französischen, italienischen und deutschen Musik. Damit war er keineswegs allein - selbst Preußens Hofflötist Johann Joachim Quantz begeisterte sich für diesen "vermischten" Stil, den er als eine "künstliche Sprache" ansah, die in ganz Europa ver- standen wird. 
Folgen wir also dem Concerto Grosso Berlin auf eine musikalische Reise durch das Europa der Händel-Zeit.  Das Ensemble musiziert historisch informiert, aber nicht museal, sondern frisch und lebendig. Besetzung und das Instrumentarium werden jeweils dem Repertoire angepasst. Das klingt sehr erfreulich - und als Zugabe gibt's eine wundervolle Ariette von Jean Philippe Rameau, gesungen von der jungen Hallenser Sopranistin Marie Friederike Schöder. 

Sonntag, 1. April 2012

Fux: Triopartiten (Querstand)

Die "Trio auf Instrumenten", so schrieb einst der Hamburger Musikkritiker Johann Mattheson (1681 bis 1764), haben "ihre besondere Meriten und erfordern einen festen Mann: wie darin der Kaiserl. Ober=Capellmeister Fuchs unvergleichlich ist."
55 Kompositionen für zwei Ober- stimmen und bezifferten Bass sind von Fux überliefert. Zwölf dieser Werke waren offenbar für die Aufführung außerhalb der Kirche bestimmt; sie wurden in der Fux-Gesamtausgabe als Triopartiten in einem Band zusammengefasst. Fünf dieser Werke sowie einen Einzel- satz aus einer weiteren Partita hat das Ensemble La Gioconda auf dieser CD vorgelegt.
Johann Joseph Fux (um 1660 bis 1741) war nach einer langen Perio- de, in der Kapellmeister aus Italien das Musikleben am Hofe der Habsburger prägten, der erste Österreicher, der in Wien Hofkapell- meister wurde. Mehr als ein Vierteljahrhundert lang leitete Fux die größte Hofkapelle Europas, der zeitweise über hundert Musiker angehörten. Er komponierte für den Hof, genoss aber auch großes Renommee als Musikpadägoge und Musiktheoretiker. Zu seinen Schülern gehörten unter anderem Gottlieb Muffat und Jan Dismas Zelenka. Fux' wichtigstes Werk Gradus ad Parnassum diente, ins Deutsche übersetzt, bis ins 20. Jahrhundert Generationen von Kompositionsschülern als Lehrbuch des Kontrapunktes. 
Seine Musik allerdings wurde vergessen - was sehr schade ist, wie diese CD beweist. Denn sie zeigt, wie souverän er französische und italienische Formen kombinierte. Seine Partiten sind abwechslungs- reiche und höchst charmante Folgen von Tanzsätzen. Die Abschriften dieser Werke deuten zudem offenbar darauf hin, dass ihre Besetzung flexibel gehandhabt wurde - bis hin zur chorischen Besetzung der Streicher, oder das gemeinsame Spiel mit Blasinstrumenten. 
Das Ensemble La Gioconda entschied sich für die solistische Variante. Lucia Froihofer und Mónika Tóth, Barockvioline, Barbara Julia Rei- ter, Barockcello und Anne Marie Dragosits am Cembalo bzw. Orgel- positiv präsentieren Fux' Triopartiten souverän und sehr elegant. Ein Hörgenuss, den ich gern weiterempfehle. 

Samstag, 29. Oktober 2011

Haydn ...out of Hainburg (Gramola)

Das Ensemble Dolce Risonanza erwirbt sich zunehmend einen Namen durch Entdeckungen am Rande des üblichen Wiener Reper- toires. Das gilt auch für diese CD, eingespielt im September 2010 in der Stadtpfarrkirche Hainburg, unweit von Wien. 
Warum Hainburg an der Donau? Weil Joseph und wohl auch Mi- chael Haydn dort einen Teil ihrer Kindheit verbracht und ihre mu- sikalische Ausbildung begonnen haben. In Hainburg lebte Thomas Haydn, der Großvater der bekannten Musiker. Er gehörte zu den we- nigen Bürgern, die bei der Einnahme der kleinen Stadt 1683 durch die Türken nicht erschlagen oder verschleppt worden sind. Sein Sohn Mathias erlernte ebenfalls das Wagnerhandwerk, ging anschließend auf Gesellenreise, und ließ sich nach seiner Rückkehr in dem einige Kilometer entfernten Dorf Rohrau nieder. 
Enkel Joseph kam 1738 nach Hainburg, wo er beim Schulmeister wohnte und ersten Unterricht erhielt. "Ich verdanke es diesem Manne noch im Grabe, daß er mich zu so vielerley angehalten hat, wenn ich gleich dabey mehr Prügel als zu essen bekam", berichtete der Komponist später seinem Biographen über diese Jahre. Denn 1740 reiste Hofkapellmeister Georg von Reutter durch die Lande, auf der Suche nach talentiertem Chornachwuchs für den Stephansdom. So kam der achtjährige Haydn als Sängerknabe nach Wien; einige Jahre später folgte ihm sein Bruder Michael nach. Die Ausbildung, die beide dort erhielten, ermöglichte ihnen ein vergleichsweise sorgen- freies Leben; hungern jedenfalls mussten die Musiker nie wieder. 
Diese CD ist aber nicht nur den Haydn-Brüdern gewidmet; die Musiker um Florian Wieninger erinnern auch an einige ihrer Zeitgenossen - und das Programm, das wohl in erster Linie Wieninger zusammenge- stellt hat, erweist sich bald als sehr attraktiv. Es dominiert selbstver- ständlich die Orgel, ein ausgesprochen klangschönes Instrument aus der Werkstatt der Firma Pirchner, Steinach am Brenner, aus dem Jahre 1982. Sie beginnt mit einem Präludium nebst Fuge von Johann Georg Albrechtsberger (1736 bis 1809). Darauf folgt ein Salve Regina a quattro voci ma Soli, 2 Violini, Viola, Basso ed organo concertato von Joseph Haydn, ein melodienseliges Paradestück, hörenswert gesungen von Barbara Fink, Ida Aldrian, Daniel Johannsen und Klemens Sander. 
Die Sonata sexta K 366 von Johann Joseph Fux (1660 bis 1741) demonstriert exemplarisch, wie seinerzeit eine Triosonate in ein Orgelwerk verwandelt wurde - ein gängiges Verfahren, das Fux freilich besonders virtuos beherrschte. Nicht umsonst war er der Kompositionslehrer einer ganzen Musikergeneration. Sein Lehrwerk Gradus ad Parnassum schätzte auch Haydn sehr, und verwendete es seinerseits im Unterricht. 
Von Michael Haydn stammen Präludium, Versetten und Cadenza zum Magnificat V. toni, MH 176. Dieses Werk, das uns heute etwas sonderbar erscheint, beruht auf der klösterlichen Tradition, den gregorianischen Gesang der Mönche versweise mit einem kurzen Orgelstück abwechseln zu lassen, das erklingt, während der Priester den entsprechenden Text laut betet. Ah! Jesu recipe, MH 131, eine ziemlich umfangreiche Arie für Sopran, zwei Violinen, Bass und konzertierende Orgel zeigt gleich im Anschluss, dass der Komponist nicht nur meditative Musik, sondern auch virtuose Bravourstückchen zu schreiben verstand. 
Bekannt sind die Stücke für die Flötenuhr von Joseph Haydn; Organist Anton Holzapfel lässt es sich nicht nehmen, drei dieser hübschen Miniaturen vorzutragen. Die große Überraschung aber ist das Finale dieser CD - ein Concerto per l'organo con 2 violini e basso von Hof- kapellmeister Reutter. Instrumentalmusik muss in der katholischen Kirchenmusik einst breite Einsatzmöglichkeiten und große Bedeutung gehabt haben; sie verschwand jedoch aus dem Gottesdienst mit der Aufklärung, die Nüchternheit und Funktionalität forderte. Die belieb- testen Werke aber gingen nicht verloren; damals wurde aus so man- chem Orgel- ein Clavier-Konzert. Erkennbar ist ein solcher Wechsel aus dem sakralen in den profanen Raum oftmals daran, dass diese Stücke nicht den vollen Tonumfang ausnutzen, wie ihn Cembalo oder Hammerklavier anbieten. So wurde auch jenes bedeutende Werk Reutters als Orgelkonzert identifiziert, das im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien aufgefunden wurde. 
Wieninger und den Musikern von Dolce Risonanza ist dafür zu dan- ken, dass sie mit dieser CD eine kirchenmusikalische Tradition vor- stellen, die außerordentlich reich gewesen sein muss, aber leider im Gottesdienst keinen Platz mehr hat. Die schönen Stücke sollten daher nun rege im Kirchenkonzert erklingen; sie sind eindeutig zu hochwer- tig dafür, ungespielt im Archiv einzustauben.