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Sonntag, 2. Juni 2019

Reinecke: Complete Works for Cello and Piano (Naxos)

Carl Heinrich Carsten Reinecke (1824 bis 1910) gehört zu den bedeutenden Pianisten, Dirigenten und Kompo- nisten der Romantik. Er war befreundet mit zahlreichen Musikerkollegen, wie Robert Schumann, Felix Mendelssohn Bartholdy oder Franz Liszt. 
Seine Ausbildung begann Reinecke bei seinem Vater, einem Musiklehrer; er übte sich im Klavierspiel, komponierte und musizierte zudem auf der Violine. Bereits 1835 gab der Junge in seiner Heimatstadt Altona sein Debüt als Pianist, und ging dann auf Konzertreisen durch ganz Europa. Ein Stipendium des dänischen Königs ermöglichte es Reinecke, in Leipzig zu studieren. 
1847 wurde Carl Reinecke dänischer Hofpianist; allerdings zwang ihn der Krieg 1848, auf diese Stelle zu verzichten. Nach Stationen in Leipzig und Bremen reiste der Musiker mit einer Empfehlung von Franz Liszt an Hector Berlioz nach Paris, wo er konzertierte, und Liszts Töchter Blandine und Cosima unterrichtete. Außerdem traf er Ferdinand Hiller wieder, den er aus Leipzig kannte. 
Dieser war mittlerweile Direktor des Konservatoriums in Köln geworden, und er konnte Reinecke dafür gewinnen, dort Klavierspiel und Komposition zu lehren. Anschließend wirkte Reinecke fünf Jahre lang als städtischer Musikdirektor in Barmen, bis er dann 1859 nach Breslau ging. Doch noch im gleichen Jahr wurde er dann Gewandhauskapellmeister in Leipzig. Dieses Amt hatte er bis 1895 inne; außerdem lehrte er am Leipziger Konservatorium. Dieses leitete er von 1897 bis 1902. 
Die Liste der Schüler Carl Reineckes ist lang und illuster. Er unterrichtete beispielsweise Max Bruch, Edvard Grieg, Isaac Albéniz, Leoš Janáček und Sigfrid Karg-Elert. Mir war er bislang vor allem als Liederkomponist bekannt. Diese CD bietet die Gelegenheit, Reinecke auch als Urheber exquisiter Kammermusik kennenzulernen. Und das lohnt sich. 
Martin Rummel zeigt gemeinsam mit seinem Klavierpartner Roland Krüger, dass die drei Violoncello-Sonaten sowie die Drei Stücke für Violoncello und Klavier op. 146 durchaus einen Platz im Repertoire verdienen. Sie sind über einen Zeitraum von gut 40 Jahren entstanden, und zeichnen sich durch einen Reichtum an herrlichen Melodien ebenso aus wie durch einen anspruchsvollen Klavierpart, der weit mehr ist als eine Begleitung. 
Rummel zelebriert die gesanglichen Passagen mit sattem Ton und großen Bögen, und die virtuosen Teile spielt er mit Eleganz und mit Leichtigkeit, immer im Dialog mit Roland Krüger am Klavier. Den beiden Musizier- partnern, die schon des öfteren auf zu Unrecht wenig gespielte Werke aufmerksam gemacht haben, ist mit dieser Einspielung wieder einmal eine Entdeckung gelungen. 

Freitag, 3. Mai 2019

Porpora / Costanzi: 6 Cello Sonatas (Brilliant Classics)

Über das Violoncello wird gern gesagt, dass es mit seinem warmen, farbenreichen Klang hervorragend in der Lage sei, die menschliche Stimme zu imitieren. Als Solo-Instrument tritt es in der Mitte des 17. Jahrhun- derts erstmals in Erscheinung; hundert Jahre später hatte sich das Cello bereits anstelle der Gambe durchgesetzt. 
Sechs Sonaten aus jenen frühen Tagen stellt Adriano Maria Fazio nun bei Brilliant Classics vor. Entstanden sind sie einst als Gemeinschaftswerk – Nicola Porpora (1686 bis 1768), ungemein erfolgreich vor allem als Opernkomponist und Gesangspäda- goge, schuf sie offenbar zusammen mit Giovanni Battista Costanzi (1704 bis 1778). Dieser wirkte in Rom; er stand in den Diensten des kunst- liebenden Kardinals Pietro Ottoboni, und spielte exzellent Violoncello. Er komponierte auch selbst; Costanzi schrieb Kantaten, Oratorien und andere Kirchenmusik. 
In den sechs Violoncello-Sonaten spiegeln sich sowohl Costanzis Virtuosität als auch die theatralische Sangeskunst der italienischen Barockoper. Adriano Fazio legt nun die erste Gesamteinspielung dieser hochinteressanten Raritäten vor. Der junge Cellist wird dabei von einer international besetzten Continuo-Gruppe begleitet. 

Montag, 17. September 2018

Ries: Complete Works for Cello (Naxos)


Einmal mehr gelingt Martin Rummel eine Entdeckung: Der Cellist enga- giert sich seit Jahren für Repertoire, das im Konzert nur selten zu hören ist. Dazu gehören auch die Cello-Sonaten von Ferdinand Ries (1784 bis 1838). Gewidmet waren die beiden frühen Werke Bernhard Romberg, einem „Starcellisten“ des 19. Jahrhunderts. 
Ries stammte aus Bonn; sein Vater war erzbischöflicher Konzertmeister und einer der Lehrer des jungen Beethoven. Dieser wiederum unterrichtete zehn Jahre später den jungen Ries, der zeitweise auch Beethovens Sekretär und Kopist war. Aus Wien wurde Ries allerdings 1805 wieder in die Heimat gerufen, zur Musterung, wobei man ihn zum Militär- dienst nicht tauglich befand.  
Zwei Jahre verbrachte der angehende Musiker, dem Rat seines Lehrers folgend, in Paris. Danach kehrte er 1808 nach Wien zurück. Erneut sollte Ries zum Militär, was er vermied, indem er auf Tournee ging. In den Jahren 1811 bis 1813 gab er als Pianist Konzerte in ganz Europa; die Reise führte ihn bis nach Russland, wo ihn einmal mehr die Weltpolitik ereilte: Mit Blick auf das Vorrücken der französischen Armee reiste Ries ab; er floh über Schweden nach England.  
In London blieb Ries schließlich etliche Jahre. 1814 heiratete er in eine vermögende Familie ein, und war von 1815 bis zu seinem Rücktritt 1821 einer der Direktor der London Philharmonic Society. 1824 zog er mit seiner Familie wieder nach Deutschland. Er wohnte zunächst in Bad Godesberg, später in Frankfurt/Main, und leitete unter anderem das Niederrheinische Musikfest. Immer wieder reiste Ries durch Europa – nach London, Italien, Paris. Er engagierte sich für das Werk Beethovens, und komponierte auch selbst unermüdlich, wobei er nahezu alle Gattungen mit Ausnahme der Kirchenmusik berücksichtigte. Sogar drei Opern hat er geschrieben, von denen zwei erfolgreich aufgeführt wurden.  Dennoch geriet Ries' Schaffen nach seinem Tode bald in Vergessenheit. 
Das Label Naxos engagiert sich seit Jahren, um  seine Werke dem interessierten Publikum wieder zugänglich zu machen. Zu entdecken ist da so einiges: Konzerte, Sinfonien, Oratorien, Lieder, Streichquartette und andere Kammermusik, Kompositionen für Klavier – auf dieser CD sind es drei Sonaten für Violoncello und Klavier.  
Ries und Romberg kannten sich schon aus Bonn: Der Virtuose gab dem Nachwuchsmusiker zeitweise Cello-Unterricht. Auch in späteren Jahren sind sich die beiden Musiker wiederholt begegnet; so konzertierten Ries und Romberg gemeinsam in Russland. 
Die beiden Sonaten op. 20 und op. 21 schrieb Ries 1808. Obwohl sie in ihren Motiven und ihrem Charakter sowohl Haydn als auch Beethoven Referenz erweisen, sind sie stilistisch doch sehr eigenständig. Insbeson- dere die dritte Sonate auf dieser CD, op. 125 aus dem Jahre 1823, verweist – bei aller (beabsichtigten) Nähe zu Beethoven – in ihrer Harmonik gelegentlich bereits auf die Romantiker.  
Anspruchsvoll sind die drei Kompositionen, sie halten sowohl für den Pianisten als auch für den Cellisten herrliche Kantilenen ebenso bereit wie virtuose Passagen. Dabei ist der Klavierpart weit mehr als lediglich eine Begleitung; Martin Rummel gestaltet mit dem Pianisten Stefan Stroissnig einen musikalischen Dialog, der sehr neugierig macht auf die Fortsetzung dieser Reihe. 

Sonntag, 30. Juli 2017

Pericoli: Cello Sonatas (Brilliant Classics)

Über den Lebensweg von Pasquale Pericoli ist so gut wie nichts bekannt. Sechs Cellosonaten, gedruckt 1769 in Bologna, sind alles, was von ihm überliefert ist. Daraus ist zu erfahren, dass der Komponist ein „Neapolita- ner aus Lecce“ ist. Vermutet wird zudem, dass er einige Jahre in Stockholm gelebt hat, in den 1750er Jahren, als Mitglied eines italieni- schen Opernensembles. 
Federico Bracalente hat nun gemein- sam mit dem Cembalisten Nicola Procaccini die Sonate sei a violoncello e basso o sia cembalo bei Brilliant Classics veröffentlicht. Auch wenn diese Musikstücke nicht zu den Schlüsselwerken der Musikgeschichte gehören, so schließt diese Welt- ersteinspielung doch eine Lücke im Repertoire. Und dem eleganten, sanglichen Cellospiel von Federico Bracalente lauscht man auch gern. 

Donnerstag, 10. November 2016

Vivaldi: Cello Sonatas (Brilliant Classics)

Antonio Vivaldi (1678 bis 1741) war einer der ersten Komponisten, die das Violoncello als Soloinstrument einsetzten. Er schuf mindestens neun Sonaten für das damals relativ neue Streichinstrument, das sich allmäh- lich aus dem Continuo löste und immer kniffligere Partien übernahm. Auch 27 Konzerte bescherte Vivaldi den Cellisten, plus eines für zwei Celli und drei Doppelkonzerte für Violine und Violoncello. 
Auf dieser CD erklingen die VI Sonate per violoncello solo col basso, gedruckt wahrscheinlich 1740 in Paris, und auch handschriftlich mehrfach überliefert – beispielsweise in der Musikaliensammlung Schönborn-Wiesentheid, in der Bibliothèque nationale de France in Paris sowie am Konservatorium San Pietro a Maiella in Neapel. Eingespielt hat sie Francesco Galligioni, einer der Pioniere der „Alte“-Musik-Bewegung Italiens, erster Cellist des renommierten Venice Baroque Orchestra, gemeinsam mit Musikern des Ensembles L’Arte dell’Arco, das bei Brilliant Classics bereits eine große Anzahl Werke Vivaldis veröffentlicht hat. 
Die sechs Cellosonaten sind technisch und musikalisch anspruchsvoll; sie sind quasi ein Experimentierfeld, auf dem Vivaldi die Möglichkeiten des neuen Instrumentes erkundet. In seiner unnachahmlichen Weise erschuf der Komponist damit wohlklingende Musikstücke, die es dem Solisten zudem erlauben, virtuos zu verzieren und zu brillieren. Galligioni hält sich hier erstaunlich zurück; andere Einspielungen bieten leider mehr Ausdruck und auch mehr Temperament auf. Schade!

Donnerstag, 11. August 2016

Vivaldi: Complete Concertos & Sonatas Opp. 1-12 (Brilliant Classics)

Zwölf seiner Werke hat Antonio Vivaldi (1678 bis 1741) zu Lebzeiten drucken lassen – Konzerte, Sonaten und Triosonaten für Violine, Oboe und Flöte. Es sind berühmte Sammlungen darunter: Il Cimento dell'Armonia e dell'Inventione mit den bekannten Vier Jahreszeiten, L'Estro Armonico, La Stravaganza und La Cetra. Diese Notenausgaben waren sehr gefragt und weit verbreitet; sie bewirkten, dass Vivaldis Musik in ganz Europa große Beachtung fand. 
Federico Guglielmo hat mit seinem Ensemble L'Arte dell'Arco zwischen 2010 und 2014 diese Werke Vivaldis komplett neu eingespielt. An diesem Projekt beteiligt waren zudem der Cellist Francesco Galligioni, der Oboist Pier Luigi Fabretti und der Flötist Mario Folena. Musiziert wird historisch-informiert, aber ohne Manieris- men; zwar sind die Tempi zumeist flott und die Artikulation ist energisch und pointiert, doch es wird nicht übertrieben, und am olympischen Wettstreit mit dem Ziel schneller-krasser-individueller beteiligt sich Guglielmo erfreulicherweise nicht. Den Musikern war es vielmehr wichtig, einen homogenen Klangeindruck zu erzielen. 
Das Ergebnis ist eine grundsolide, zeitlos gültige Interpretation, die dennoch nicht langweilig wird. Als Notenmaterial nutzten die Musiker ausschließlich die neuesten kritischen Ausgaben des Istituto Italiano Antonio Vivaldi der Fondazione Giorgio Cini in Venedig; einige Varianten sind hier daher in Ersteinspielung zu hören. Im Beiheft finden sich ausführliche Erläuterungen von Federico Guglielmo zu den einzelnen Werken. Die Box mit immerhin 20 (!) CD enthält als Bonus sechs Cello-Sonaten Vivaldis, die 1740 ohne Opuszahl in Paris veröffentlicht worden sind. 

Sonntag, 17. Juli 2016

Mannheim Cellists (Passacaille)

Was waren das doch für Zeiten, als Herrscher darum wetteiferten, die besten Musiker an ihre Höfe zu engagieren – man muss sich das in der Tat so ähnlich vorstellen, wie heute Transfers von Fußballstars. Ein solcher Regent war Karl Theodor, Kurfürst von der Pfalz, der die einstige Festung Mannheim in eine Kunst- metropole verwandelte und dort innerhalb weniger Jahre eine Hofkapelle etablierte, die in ganz Europa bewundert wurde. 
„Kein Orchester der Welt hat es je in der Ausführung dem Mannheimer zuvorgethan“, schwärmte Christian Friedrich Daniel Schubart 1784. „Sein Forte ist ein Donner, sein Crescendo ein Catarakt, sein Diminuendo ein in der Ferne plätschernder Krystallfluss, sein Piano ein Frühlingshauch.“ Und Charles Burney, der Mannheim natürlich ebenfalls besucht hat, berichtete, in diesem Orchester „there are more solo players and good composers, then perhaps in any other orchestra in Europe. It is an army of generals, equally fit to plan a battle, as to fight it.“ 
Karl Theodor holte Musiker aus den verschiedensten Ländern in sein Orchester; er ermöglichte ihnen dann ein Studium in Italien, oder aber er gestattete ihnen, auf Konzertreisen zu gehen – eine clevere Strategie, denn Erfolge seiner Musiker in Wien oder in Paris mehrten letztendlich auch den Ruhm des Kurfürsten. 
Die vorliegende CD stellt Cellisten vor, die in Mannheim wirkten. Dazu gehörten Innocenz Danzi, auf dieser CD nicht vertreten, und der ihm als Zweiter Cellist nachgeordnete Anton Filtz (1733 bis 1760). Zu hören ist auch ein Werk von Filtz' Schüler Johann Georg Christoph Schetky (1737 bis 1824), der 1772 auf einer Konzertreise nach London eine Stelle in Edinburgh annahm – und dort blieb.
Jean Balthasar Triklir (1750 bis 1813) stammte aus Dijon; er ging mit 15 Jahren nach Mannheim, wo er erst studierte und dann in der Hofkapelle musizierte, bis er schließlich 1783 als Erster Cellist nach Dresden wechselte. In Mannheim blieb hingegen Peter Ritter (1763 bis 1846) – er wurde in der Stadt geboren, er lernte und musizierte, und er starb dann auch dort. Er war ein Schüler Danzis. Ritter entschied sich 1783, nicht mit der Hofkapelle nach München umzuziehen, sondern im Orchester des neugegründeten Nationaltheaters in Mannheim zu spielen. Er war dort zunächst Erster Cellist, dann ab 1801 Konzertmeister und schließlich Kapellmeister. 
Marco Testori, Violoncello, und Davide Pozzi, Hammerklavier, zeigen anhand der ausgewählten Sonaten, dass das Violoncello seinerzeit rasant Karriere machte: Es wurde nicht länger vorrangig als Continuo-Cello eingesetzt, sondern es bekam solistische Aufgaben, die immer höhere technische Anforderungen stellten. Auch die Begleitung sagte dem Generalbass-Zeitalter Adieu; das Tasteninstrument wird schließlich nicht mehr kontrapunktisch, sondern eher dialogisch geführt. Spannend! 

Donnerstag, 11. September 2014

Beethoven Debussy Chopin (Auris Subtilis)

„Der große Konzertflügel im Irmler Musiksaal der Otto-Friedrich-Universität war frei, es gab keine Tournee- und Konzertverpflichtun- gen, an der Freiburger Musikhoch- schule herrschten noch Weihnachts- ferien und Tonmeister Markus Gottschall hatte über Neujahr Zeit, unser Musizieren mit seiner mobilen Technik aufzunehmen. Rasch waren wir uns einig, Stufen unserer ge- meinsamen musikalischen Ent- deckungen festzuhalten“, schreiben die Musiker im Beiheft über die Entstehung ihrer CD. Matthias Ranft, Solo-Cellist der Bamberger Symphoniker, und die Pianistin Tomoko Oga- sawara musizieren offenbar schon seit längerem gemeinsam. Insbesondere die Cellosonate op. 69 von Ludwig van Beethoven spielen sie in berücken- der Eintracht, ein solches Ausmaß an künstlerischer Harmonie ist selten zu erleben. Zu hören sind zudem die Cellosonate op. 65, komponiert einst von Frédéric Chopin für seinen Freund Auguste-Joseph Franchomme, sowie die einzige Cellosonate von Claude Debussy. 

Mittwoch, 10. September 2014

Vivaldi: Cello Sonatas (Zig-Zag Territoires)

Als um 1740 in Paris ein Raubdruck mit sechs Violoncello-Sonaten von Antonio Vivaldi erschien, scheint das ein gutes Geschäft gewesen zu sein. „En France, le violoncelle savourait finalement son triomphe face à la viole de gambe, grâce notamment aux prestations du violoncelliste Jean Barrière, et devenait l'instru- ment de salon par excellence“, schreibt Olivier Fourés im Beiheft zu dieser CD. Und so erschien 1748 gleich noch eine Auflage. 
Das Ensemble Accademia Ottoboni präsentiert auf dieser CD eine Auswahl aus Vivaldis Cellosonaten – ausgewählt aus dem Pariser Manuskript, aber auch aus Quellen, die sich in Neapel gefunden haben sowie in Wiesentheid in der Musikaliensammlung des Grafen Rudolf Franz Erwein von Schön- born (1677 bis 1754), der offenbar ein hervorragender Cellist gewesen ist. Eine wundervolle Einspielung, unbedingt anhören!  

Dienstag, 3. April 2012

Cello Jewels - Esther Nyffenegger, Cello (Divox)

Sieben CD enthält diese Box, und sie enthält Aufnahmen mit der Cellistin Esther Nyffenegger und dem Pianisten Gérard Wyss aus den 70er Jahren, sowie eine CD, die im Jahre 2000 aufgezeichnet wurde, und bei der Annette Weis- brod am Klavier zu hören ist. 
Versammelt ist nahezu die gesamte Cello-Literatur, die auf Haydn und Boccherini gefolgt ist. Ob man Beethovens Sonaten "romantisch" nennen sollte, das mögen Musik- historiker entscheiden. Sie werden hier jedenfalls durch seine drei Variationen-Werke komplettiert. Es folgen Brahms' Sonaten, sowie eine Cello-Sonate von Ernst von Dohnànyi und einige Fantasiestücke von Robert Fuchs - die beiden Komponisten gehörten zum Brahms-Freundeskreis. Enthalten sind weiter Schuberts Arpeggione-Sonate, die Cello-Sonaten von Felix Mendelssohn Bartholdy, die Fünf Stücke im Volkston von Robert Schumann, eine Cello-Sonate von Chopin, eine von Grieg und eine von Cèsar Franck, die eigentlich eine Violin- sonate war. Den Abschluss bilden Sonaten von Richard Strauss und Hans Pfitzner, beides Frühwerke, sowie Märchen und Presto von Leos Janácek. 
Die Interpretationen sind Geschmackssache. Ich muss gestehen, dass ich bereits vor dem Beethoven kapituliert habe. Er wird durch das Klavier dominiert; ein derartiges Pathos und einen solchen Mangel an Feingefühl und Humor muss man nicht mögen. 

Sonntag, 4. März 2012

Reinecke: Complete Violoncello Sonatas (MDG)

"Das kann ich nicht, da musst du den Reinecke fragen, der kann das besser", soll Schumann einst ge- antwortet haben, als er gebeten wurde, eine Fassung seiner Sinfo- nien für zwei Klaviere anzufertigen. Carl Reinecke (1824 bis 1910) debütierte 1835 als Pianist. Nach ersten Konzertreisen quer durch Europa finanzierte ihm sein Landesherr, der dänische König Christian VIII., ein dreijähriges Studium am Leipziger Konservato- rium. 
In dieser Zeit lernte Reinecke Robert Schumann und Felix Mendels- sohn Bartholdy kennen und schätzen; ihnen blieb er zeitlebens eng verbunden. Auch mit Johannes Brahms war er befreundet. 
Als Reinecke 1860 Gewandhauskapellmeister wurde, verstand er sich in erster Linie als Hüter Leipziger Musiktraditionen. Dieses Amt hatte Reinecke immerhin 35 Jahre lang inne. Und obwohl er bis 1902 am Leipziger Konservatorium die Fächer Klavier und Komposition unterrichtete - unter seinen zahlreichen Schülern waren Max Bruch, Edvard Grieg und Leos Janácek - und auch selbst immer wieder als Klaviervirtuose auftrat, fand er noch die Zeit zum Komponieren. 
Unter seinen Werken sind drei zauberhafte Cello-Sonaten, die ohne Zweifel zu den Perlen des Repertoires gezählt werden müssen. Erinnert op. 42, entstanden zweifellos in den 40er Jahren, an Schumann, so erfreut op. 89 durch Mendelssohnsche Anklänge - und die dritte Sonate, op. 238 aus dem Jahre 1897, hat Reinecke "Den Manen Brahms'" gewidmet, der kurz zuvor verstorben war. In der Presse wurde der Komponist seinerzeit dafür als Altmeister gefeiert. Und man sollte vorsichtig sein und ein vorschnelles Urteil vermei- den; für seinen starken Bezug zur romantischen Musiktradition erntete Reinecke zu Lebzeiten heftige Angriffe aus Bayreuth und Weimar, davon sollte man sich nicht beeindrucken lassen, bevor man seine Werke angehört hat. 
Denn der exzellente Cellist Manuel Fischer-Dieskau zeigt auf dieser CD gemeinsam mit der kanadischen Pianistin Connie Shih, dass Reineckes Cello-Sonaten in erster Linie wundervolle Musik sind. Die beiden musizieren bestens ausbalanciert miteinander, und spielen sich die Themen zu. Man muss sich sehr wundern, dass diese schönen Sonaten bislang keinen Platz im Konzertleben gefunden haben - so umfang- reich ist die einschlägige Literatur nun wirklich nicht. 

Freitag, 10. Februar 2012

Double Bass goes Beethoven (Solo Musica)

"1799 spielte Beethoven seine Sonate Opus 5, Nr. 2 in g-Moll selbst am Klavier - zusammen mit dem größten Kontrabassisten jener Zeit, Domenico Dragonetti. Diese Tatsache hat mich schon in meinen Jugendjahren beein- druckt", berichtet Bozo Paradzik in dem mit großer Sorgfalt zusam- mengestellten Beiheft zu dieser CD, "und seither träumte ich davon, auch selbst einmal eine Beetho- ven-Sonate auf dem Kontrabass zu spielen." 
Der Kontrabassist, ausgebildet in Sarajevo und Prag, hat nun diesen Kindheitstraum verwirklicht: Mit dieser CD beginnt er eine Gesamt- einspielung der Cello-Sonaten Beethovens auf dem Kontrabass, unter Verwendung eines modernen Konzertflügels. Eigens dafür ließ er sich von Derek High ein Instrument bauen, das ein größeres Klangvolu- men und auch einen wesentlich brillanteren Klang mitbringt als die "normalen" Kontrabässe. Dieses Instrument stimmte er eine Quarte höher als heute im Orchester üblich. Diese scordatura verstärkt ebenfalls die Strahlkraft des Tones. 
Das Beiheft macht zudem deutlich, wie wohlüberlegt Paradzik jede einzelne Passage angeht. Allein die Sonaten, die Ludwig van Beetho- ven für das Violoncello schrieb, sind schon auf diesem kleineren Geschwister aus der Reihe der Streichinstrumente eine Herausforde- rung für jeden Solisten. Auf dem Kontrabass wird ihre Interpretation zum Vabanquespiel - und da zeigt sich, dass Paradzik eben doch nicht Dragonetti ist. Nicht alles klingt erfreulich, was hier zu hören ist. Vielleicht war dieses Projekt doch zu amitioniert. 

Donnerstag, 29. September 2011

Chopin & Mendelssohn: Cello Sonatas (Onyx)

"Welches Glück hatten wir Cellisten doch mit diesen beiden monumentalen Werken aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, die unserem Instrument Tribut zollen!", meint Pieter Wispelwey. "Obwohl eine eindrucksvolle Schar von Violinvirtuosen für eine Flut von Konzerten für ihr Instrument von den Großmeistern dieses Jahrhunderts verantwortlich waren, lag es nicht an einem Mangel an Slawas in dieser Ära, dass dem Cello nicht die gleiche Ehre erwiesen wurde. Giganten des Cellos wie Romberg, Dotzauer, Servaise, Dawidow und Popper waren in der Erkundung der Mög- lichkeiten des Instruments enorm kreativ. Aber seine letztendliche Emanzipation musste bis zum nächsten Jahrhundert warten." 
Insbesondere auch Cellosonaten aus dieser Epoche sind ein rares Gut. Desto leidenschaftlicher spielen Pieter Wispelwey und Pianist Paolo Giacometti hier zwei der wenigen grandiosen Werke aus dieser Zeit für das Violoncello - die Cellosonate in g-Moll op. 65 von Frédéric Chopin und die Cellosonate Nr. 2 in D op. 58 von Felix Mendelssohn Bartholdy. "Chopin schuf ein polyphones Wunder, üppig und seelen- voll, elegant wie eine Geschichte von Turgenjew, spannend wie ein Roman von Balzac", so Wispelwey. "Mendelssohns Sonate ist unsere 'Italienische' Sinfonie, ein Erguss von Energie, sprühend und festlich, aber nicht ohne den Kontrapunkt von Schatten und Schmerz. Cellisten sind für beide Stücke, für ihre Großzügigkeit und Tiefe ewig dankbar." Und als Zugabe bringen die beiden Musiker Mendelssohns berühmtes Lied ohne Worte - und Chopins Walzer op. 64 in einem Arrangement von Karl Juljewitsch Dawidow, eine Referenz an den "Zaren unter den Cellisten", wie ihn seine Zeitgenossen nannten. 
Diese CD ist ein Ereignis. Denn technisch überragende Musiker scheint es mittlerweile wie Sand am Meer zu geben. Wispelwey und Giacometti aber spielen obendrein mit ungeheurer Musizierlust und mit genau dem Quentchen Pfeffer, das aus einer sehr guten eine aus- gezeichnete  Aufnahme macht. Faszinierend! 

Dienstag, 12. Juli 2011

Vivaldi / Dallapiccola: Cello Sonatas (Musicaphon)

"Die Beschäftigung mit der Musik des Barock war im Italien des beginnenden 20. Jahrhunderts unter Komponisten sehr verbrei- tet", berichtet Pianist Till Alexan- der Körber im Beiheft zu dieser CD. Das lag nicht zuletzt daran, dass dort über mehr als hundert Jahre die Oper derart stark die vorherr- schende Gattung war, dass die Italiener in der Instrumentalmusik ziemlich weit in der Musikgeschich- te zurückschauen mussten, wenn sie an musikalische Traditionen anknüpfen wollten. Dabei hat insbesondere Luigi Dallapiccola (1904 bis 1975) ein originelles Werk hinterlassen, wie man es ähnlich nur von den deutschen Romantikern kennt. 
Er hat 1955 die Sechs Sonaten für Violoncello F. XIV, 1-6 von Anto- nio Vivaldi herausgegeben - und merkt bescheiden an: Revision and realization of the Figured Bass by Luigi Dallapiccola. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn Dallapiccola hat nicht nur den Gene- ralbass aus Ziffern, die heutzutage kaum noch jemand flüssig abspie- len kann, in Noten umgeschrieben. Er hat obendrein für die rechte Hand des Pianisten einen Part erschaffen, der in den Dialog zur Cellostimme tritt. "Der heutige Interpret sieht sich angesichts dieser Werke vor eine doppelte Herausforderung gestellt", so Körber: "Einerseits steht die Dallapiccolasche Bearbeitung des Öfteren im Widerspruch zu unserem Wissen um Aufführungspraxis des Barock. Zugleich verwirklicht diese Bearbeitung genau das, wozu dieses Wissen verhelfen soll: Die authentische Aneignung und Umsetzung von Musik längst vergangener Epochen. Andererseits ist die Bearbei- tung auch selbst wiederum Ausdruck der Zeit, in welcher sie ent- stand: die Art der Artikulation des Cellopartes, die im Großen und Ganzen pedallose Klanglichkeit des Klaviers sowie die strukturbe- tonte Durchsichtigkeit und damit auch reizvolle harmonische Sprödigkeit des Satzes." 
Der Cellist Martin Rummel und Till Alexander Körber am Konzert- flügel kombinieren bei ihrer Einspielung Elemente der historischen Aufführungspraxis, wie spontane Verzierungen in den Wieder- holungen, mit großem Respekt vor Dallapiccolas "Bearbeitung". Das Ergebnis überrascht durch seinen schönen, satten Ton und eine beeindruckende Eleganz. Was für eine herrliche, harmonische Aufnahme! 
Den Vergleich  mit einer musikhistorisch korrekten Version soll eine zweite CD ermöglichen, auf der Rummel gemeinsam mit dem Cem- balisten James Tibbles musiziert. Allerdings distanziert sich Tibbles schon im Beiheft von Puristen, die auf eine Interpretation mit historischen Instrumenten und dementsprechender Spieltechnik setzen. Sie bemühten sich, "die Absichten des Komponisten zu verstehen und dadurch so nah wie möglich an die damaligen Erwartungen an eine Aufführung zu kommen"
Das Ziel von Rummel und Tibbles hingegen sei es, "eine Interpreta- tion des 21. Jahrhunderts zu erreichen". Anders als Dallapiccola, der ein Werk des 18. Jahrhunderts in die Sprache des 20. Jahrhunderts übersetzt habe, wollen sie versuchen, "den Geist des Komponisten zu erfassen". Ebenso schwammig wie diese Absichtserklärung erscheint die Version, die daraus hervorgegangen ist. Rummel spielt hier mit schlankerem, mitunter etwas ruppigerem Ton. Doch von barocker Spiellust und von den damals geläufigen virtuosen Verzierungen findet sich nicht die geringste Spur. 
Das freilich ist mir zu viel 21. Jahrhundert, und deutlich zu wenig Vivaldi. Wer keine Lust hat, sich durch "ein tiefes Verständnis von Regelbüchern" die Grundlagen für eine angemessene Interpretation zu erarbeiten, der soll doch bitte nicht so tun, als ließe sich allein durch die Verwendung eines Cembalos nebst einer Version aus dem Paris des 18. Jahrhunderts, die Vivaldis unbezifferten Bass beziffert, Barockmusik simulieren. Ich jedenfalls nenne das Ignoranz - und die ist eigentlich für die Musiker des 21. Jahrhunderts nicht typisch. 

Samstag, 5. März 2011

Vivaldi: The Complete Cello Sonatas (Hyperion)

Nach seiner Priesterweihe wurde Antonio Vivaldi Kaplan an der Kirche Santa Maria della Pietà, und begann wenig später, am zugehö- rigen Ospedale della Pietà, einem für seine musikalischen Darbietun- gen berühmten Waisenhaus für Mädchen, Musikunterricht zu er- teilen. 
Es wird vermutet, dass er seine Cellosonaten für diese begabten jungen Damen geschrieben hat, ähnlich wie beispielsweise zahl- reiche Werke für Violine - doch anders als diese, hat Vivaldi seine Werke für das Cello nie veröffent- licht. Dennoch muss er das Instrument sehr geschätzt haben. Seine Cellosonaten jedenfalls sind wunderschön, exzellent gearbeitet und von einer berührenden Innigkeit. 
David Watkin hat sie für Hyperion gemeinsam mit Mitgliedern des King's Consort eingespielt: Helen Gough am Continuo-Cello, David Miller an Theorbe, Erzlaute und Barockgitarre sowie Robert King an Cembalo und Orgelpositiv. Die vier Musiker harmonieren phantas- tisch miteinander, und schon die Liste der Continuo-Instrumente macht deutlich, dass auch klanglich für Abwechslung gesorgt ist. So gelang ihnen ohne Zweifel eine Referenzaufnahme.  

Mittwoch, 2. Februar 2011

Weinberg: Complete Music for Solo Cello (Naxos)

Mieczyslaw Wajnberg, geboren 1919 in Warschau, wuchs in einer Künstlerfamilie auf. Sein Vater war ein bekannter Komponist und Ka- pellmeister am Jüdischen Theater, seine Mutter Schauspielerin. Im Alter von zwölf Jahren begann Wajnberg seine Ausbildung am Warschauer Konservatorium, die er 1939 mit Erfolg abschloss. Eigentlich sollte er seine Studien in den USA fortsetzen. Diese Pläne aber ließen sich nicht verwirkli- chen, denn wenig später mar- schierten  die Deutschen in Polen ein. Wajnberg floh zu Fuß nach Russland.
Es wird berichtet, dass ihn zunächst seine zwei Jahre jüngere Schwester Esther begleitete. Doch sie lief sich die Füße wund, und kehrte bald um, zurück zu den Eltern. Wajnberg, oder Weinberg, wie er in Russland geschrieben wurde, sah sie niemals wieder. Erst Jahre später fand er heraus, dass seine Angehörigen erst im Ghetto Lodz interniert und dann im Lager Trawniki umgebracht worden waren.
Weinberg ging nach Minsk, und studierte dort am Konservatorium Komposition. Nach Kriegsbeginn wurde er nach Taschkent evakuiert. Dort schuf er seine ersten größeren Werke - und lernte Dmitri Schostakowitsch kennen. 1943 folgte er ihm nach Moskau. Von Shdanows Formalismusdebatte, die seinen berühmten Kollegen Schostakowitsch und Prokofjew viel Ärger brachte, blieb Weinberg verschont. Doch ihn erwischte eine andere "Säuberungswelle" der Stalinzeit: 1953 wurde er verhaftet und des "jüdisch-bourgeoisen Nationalismus" bezichtigt. Schostakowitsch setzte sich persönlich bei Berija für den Kollegen ein. Dann starb glücklicherweise Stalin; Weinberg kam frei und wurde rehabilitiert.
Der Komponist blieb bis zu seinem Tode 1996 in Moskau. Er schuf unter anderem 22 Sinfonien, sieben Opern, mehr als 40 Filmmusiken, 17 Streichquartette, acht Sonaten für Violine, sowie 24 Präludien und sechs Sonaten für Violoncello. Experten gilt er neben Schostako- witsch und Prokofjew als der dritte große russische Komponist seiner Zeit.
In seinen Werken nimmt die Trauer um die ermordete Familie und die zerstörte Heimat breiten Raum ein. Immer wieder erklingen Zitate, werden gebrochen, zermalmt statt entwickelt. Immer wieder aber entspringen aus den zerborstenen Strukturen auch neue Melodien - wie Grashalme, die aus Beton austreiben. 
Der lettisch-amerikanische Cellist Josef Feigelson spielte für Naxos sämtliche Solowerke Weinbergs für Violoncello ein - seine wunder- baren 24 Präludien, und die vier Solo-Sonaten. Sein russischer Kollege Dmitri Jablonski interpretierte ebenfalls für Naxos zwei der Solosonaten - die erste und die dritte - sowie gemeinsam mit der Pianistin Hsin-Ni Liu die beiden Cellosonaten op. 21 und op. 63. 

Dienstag, 25. Januar 2011

Beethoven: Past & Present (Dorian)

Ein überaus interessantes Experi- ment wagen Lambert Orkis, Kla- vier, und David Hardy, Violon- cello: Sie spielen die kompletten Variationen und Sonaten Beet- hovens für Klavier und Violoncello ein. Nun ist das allein noch kein spektakuläres Projekt. Doch auf den vier CD erklingt dieses Programm gleich zweimal - und da wird es aufregend. 
Denn wenn die Musiker beim ersten Mal durchgängig "moderne" Instrumente verwenden - es erklingen der übliche Steinway, allerdings ein Modell C aus Hamburg, mit dem etwas dezenteren "europäischen" Sound, sowie ein Cello von Carlo Giuseppe Testore, erbaut in Mailand 1694, aber ausgestattet mit den neuzeitlichen Stahlsaiten - so ist das Cello bei der Wiederholung des Programmes mit Darmsaiten versehen. Und es sind gleich drei Klaviere zu hören, die sich klanglich erheblich unterscheiden. So erklingt ein Fortepiano der Washingtoner Klavierbauer Thomas und Barbara Wolf nach Jean-Louis Dulcken, München um 1788, ein weiteres Instrument derselben Werkstatt nach einem Fortepiano von Nanette Streicher, Wien, ca. 1814-1820, und ein Fortepiano von R. J. Regier, Freeport, nach Wiener Vorbildern um 1830. Orkis nennt das Instrument scherzhaft einen "Grafendorfer", weil es die Stärken der Fortepianos von Conrad Graf und Ignaz Bösendorfer kombiniert. 
An diesen Aufnahmen lässt sich die rasante Entwicklung des Klavier- baues zur damaligen Zeit akustisch nachvollziehen. Das macht die Aufnahme außerordentlich spannend. Wirkt die Dulcken-Kopie noch fast wie ein Cembalo, so ist der "Grafendorfer" trotz seines Holzrah- mens und seiner lederbezogenen Hämmerchen klanglich und von seinen gestalterischen Möglichkeiten dem "europäischen" Steinway schon erstaunlich nahe. 
Die beiden Musiker aber sind mit der modernen Version hörbar am glücklichsten. Und warum sie fürs Foto auf den zerfledderten und verstreuten Noten herumtrampeln müssen, das bleibt dann vollends das Geheimnis des Labels. 

Mittwoch, 19. Januar 2011

Beethoven: Sonatas & Variations (Profil)

Der Live-Mitschnitt eines Konzer- tes in der Tonhalle Zürich. Das Programm ist nicht gerade das, was einen spontan aus dem Haus locken würde - Wen-Sinn Yang, Cello, und Werner Bärtschi, Klavier, spielen zunächst Zwölf Variationen über ein Thema aus Händels Oratorium "Judas Maccabäus" WoO 45 - volkstüm- lich bekannt auch als "Tochter Zion, freue dich". Es folgen die Sonaten F-Dur und g-Moll op. 5/1 und 2, sowie die Zwölf Variationen über das Thema "Ein Mädchen oder Weibchen" aus Mozarts Oper "Die Zauberflöte" op. 66. 
Schon nach wenigen Takten bricht spontan Begeisterung aus: Das ist Musik, unglaublich! Yang und Bärtschi musizieren mit einer Leiden- schaft, die regelrecht ansteckt. Diese beiden Klangmagier verzau- bern alles, was sie spielen; sie machen aus der simpelsten Melodie ein Erlebnis, und aus einem Arpeggio eine Offenbarung. Dabei harmonie- ren sie stets wunderbar miteinander. 
Diese CD ist ein Ereignis. Denn sie zeigt, dass sich Musik eben doch nicht auf die korrekte Wiedergabe von Noten reduzieren lässt. Es braucht auch Geist, Witz und ein Fünkchen Gespür - und auf dieser Aufnahme gibt's ein wahres Feuerwerk davon. Bravi! 

Samstag, 8. Januar 2011

Boccherini: Six Sonatas for Cello and Piano (Naxos)

„Wollte Gott zu den Menschen in Musik sprechen, so täte Er es mit den Werken Haydns; doch wenn Er selbst Musik hören wollte, würde Er sich für Boccherini ent- scheiden", schrieb ein französi- scher Musiker 1798. 
Luigi Boccherini (1743 bis 1805), Cellist und Komponist, wirkte viele Jahre in Spanien. Er war composi- tor y virtuoso de cámara beim spanischen Infanten  Don Luís Antonio de Borbón y Farnesio, wurde aber auch an anderen euro- päischen Höfen sehr geschätzt. So ernannte ihn Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen, der spätere König Friedrich Wilhelm II.,  1786 zum compositeur de notre chambre. Der Preußenkönig spielte selbst ausgezeichnet Cello, und Boccherini schrieb Musik für ihn. 
So sind unter den mehr als 460 Werken Boccherinis, die überliefert sind, mehr als 30 Sonaten für Cello und Basso continuo. Sechs davon, publiziert 1771 in London, hat der Cellovirtuose Alfredo Piatti hundert Jahre später für Cello und Klavier arrangiert. Sie werden auf dieser CD von zwei jungen Musikern vorgestellt.
Fjodor Amosow, Jahrgang 1988, hat seine Grundausbildung an der Gnessin-Musikschule und am Moskauer Konservatorium absolviert, und ist bereits seit einiger Zeit solistisch tätig. Er spielt mit schönem Ton, aber die schnellen Passagen neigen leider dazu, zu verwischen statt zu perlen. Das hat man schon besser gehört. Am Klavier beglei- tet ihn Jen-Ru Sun aus Taiwan - souverän, makellos; so wünscht man sich einen Kammermusik-Partner. 

Mittwoch, 29. Dezember 2010

Borodin, Brahms: Cello-Sonaten (Ambitus)

Obwohl er eigentlich Mediziner und Professor für Chemie war, gehörte Alexander Borodin (1833 bis 1887) zu den führenden Köpfen des "Mächtigen Häufleins" - jener St. Petersburger Komponisten- gruppe, die eine von westeuropä- ischen Einflüssen freie, national eigenständige russische Musik schaffen wollte. Seine Sonate für Violoncello und Klavier h-Moll entstand wahrscheinlich in Hei- delberg, wo Borodin 1860 als Chemiker forschte. Das Werk ist in einer Handschrift überliefert, die nach der Exposition des dritten Satzes abbricht. Der Violinist und Komponist Michael Goldstein hat die Sonate vollendet und 1982 veröffentlicht.
Borodin, der selbst ein guter Cellist und mit den Möglichkeiten des Instrumentes daher bestens vertraut war, beginnt den ersten Satz mit einem Bach-Zitat. Bach bleibt auch Kern dieser Musik, die aber dennoch unverkennbar russisch-romantisch ist - jedenfalls in den beiden ersten Sätzen. Der dritte Satz ist moderner; außerdem hält Goldstein das Pathos, mit dem der Satz beginnt, nicht lange durch. So endet das Werk geradezu heiter, und hochvirtuos dazu. Das Leipziger Max-Reger-Duo - Hans-Georg Jaroslawski, Violoncello und Ulrich Urban, Klavier - musiziert, dass es eine Freude ist. Die beiden Solisten beeindrucken durch ihr exzellentes Zusammenspiel ebenso wie mit ihrem Sinn für musikalische Strukturen.
Jaroslawski, ein Schüler des legendären Friedemann Erben, und Urban, Professor für Klavier an der Hochschule für Musik Leipzig, zeigen auch anschließend bei der Sonate für Klavier und Violoncello F-Dur op. 99 von Johannes Brahms (1833 bis 1897), dass es durchaus vorteilhaft sein kann, wenn Musiker über einen langen Zeitraum regelmäßig gemeinsam konzertieren. Denn dieses Werk, das Brahms 1886 komponierte, fordert den Cellisten mit einem enorm schwieri- gen Part, den Pianisten mit einem Paradebeispiel für Brahms Neigung zum "vollgriffigen", orchestral angelegten Klaviersatz - und den Hörer aufgrund seiner Komplexität. In dieser Einspielung allerdings kann man das Werk genießen. Diese CD gehört für mich zu den besten Kammermusik-Aufnahmen des Jahres 2010. Unbedingt anhören!