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Donnerstag, 23. Dezember 2021

Lieder zur Weihnacht - Peter Schreier (Berlin Classics)

 

Schätze aus dem Archiv legt Berlin Classics Klassikfreunden auch in diesem Jahr wieder auf den Gabentisch. Gleich zwei CD präsentieren historische Aufnahmen mit Peter Schreier. So hat der legendäre Tenor 1969 in Leipzig mit Musikern des Gewandhausorchesters unter der Leitung von Thomaskantor Erhard Mauersberger Arien von Johann Sebastian Bach gesungen; die Schallplatte ist 1970 erschienen. 

1978 entstand im Studio Lukaskirche Dresden eine Einspielung mit Weihnachtsliedern von vier großen Liedmeistern der Spätromantik: Peter Cornelius (1824 bis 1874), Joseph Haas (1879 bis 1960), Max Reger (8173 bis 1916) und Hugo Wolf (1860 bis 1903). Klavierpartner des Sängers war bei dieser Produktion Norman Shetler. Zu hören sind beispielsweise Cornelius‘ bekannte Weihnachtslieder op. 8 oder aber Regers berühmtes Maria am Rosenstrauch op. 142 Nr. 3. Und man staunt noch heute, mit welcher Intensität sich Peter Schreier jedem einzelnen dieser Lieder zuwendet. Noch immer ist dies eine der schönsten Aufnahmen mit diesem Repertoire. 


Freitag, 3. Juli 2020

Reger: Das Werk für Männerchor (Rondeau)

Wer hätte das erwartet? Neben zahlreichen Werken für Orgel, Klavier und Orchester hat Max Reger (1873 bis 1916) auch zahlreiche Werke für Chöre, vor allem auch für Männerchor, geschrieben. So sind Volksliedbearbeitungen in mehreren Liedersammlungen zwischen 1898 und 1900 erschienen. Anschließend beschäftigte sich Reger zudem mit Werken aus Renaissance und Barock; die Zwölf Madrigale bearbeitet für Männerchor entstanden im Auftrag seines Musikverlegers. Neben derartigen Arrangements schuf Max Reger für den Chorgesang immer wieder Originalkompositionen. 
Welch hohen künstlerischen Rang diese Werke haben, das zeigt eine Gesamtaufnahme der Männerchöre Max Regers, die das Leipziger Label Rondeau veröffentlicht hat. Das Ensemble Vocapella Limburg unter Leitung von Tristan Meister interpretiert die anspruchsvollen Lieder gekonnt. Es ist generell erstaunlich, wie viele hervorragende Männerchöre aus den Limburger Domsingspatzen entstanden sind. Wenn die jungen Männer, dem Knabenchor-Alter entwachsen, sich entschließen, einen neuen Chor ins Leben zu rufen, um auch weiterhin gemeinsam zu singen, dann scheint ihnen das ein Herzensbedürfnis zu sein. Auch die durchweg hohe Qualität der Ensembles weist deutlich darauf hin, dass bei den Limburger Domsingspatzen der musikalische Nachwuchs eine exzellente Ausbildung erfährt. Bravi! 

Montag, 9. März 2020

Reger: Four Tone Poems after Arnold Böcklin (Naxos)

Erstaunlich frisch wirkt die Musik von Max Reger (1873 bis 1916), die Ira Levin auf dieser CD mit dem Brandenburgischen Staatsorchester präsentiert. Zum Auftakt erklingen die Bach-Variationen op. 81; ursprünglich entstanden sind sie für das Klavier.
Ira Levin, selbst ein erfolgreicher Konzertpianist, hat sie für Orchester arrangiert. Dabei folgt er dem Vorbild Regers, der eigenhändig eine Orchesterfassung seiner Beethoven-Variationen erstellt hat. Ziel der Bearbeitung war es, Regers „incredibly creative and colourful work“, so Levin, einem größeren Publikum vorzustellen – und mit den Möglichkeiten des Orchesters einerseits die Struktur klarer hörbar zu machen, andererseits aber auch Klangmöglichkeiten auszureizen.
1915 hatte Reger in Jena auch Bachs berühmtes Choralvorspiel O Mensch, bewein' dein' Sünde groß für Orchester arrangiert. Dabei transponierte er das Stück von Es-Dur nach D-Dur, was insbesondere die Streicher gefreut haben dürfte. Ansonsten blieb er erstaunlich dicht am Vorbild.
Seine Tätigkeit als Meininger Hofkapellmeister, in den Jahren 1911 bis 1914, bot Reger Gelegenheit zu Klangexperimenten mit dem Orchester. Dabei legte er offenbar Wert auf differenzierte Gestaltung jeder einzelnen Stimme. Außerdem suchte er nach einem Weg an der Sinfonie vorbei – ein beeindruckendes Ergebnis sind beispielsweise die Vier Tondichtungen op. 128, angeregt von Gemälden Arnold Böcklins, auf dieser CD ebenfalls zu hören.
Klaudyna Schulze-Broniewska, die Konzertmeisterin des Brandenburgischen Staatsorchesters, gestaltet das umfangreiche Violinsolo im ersten Satz mit jener „herben Süßigkeit“, die Reger für seinen geigenden Eremiten im Sinn hatte. Im zweiten Satz lassen die Musiker das Spiel der Wellen, das gleißende Glitzern, in beinahe impressionistischer Manier erlebbar werden. Fahle Klänge zeichnen uns anschließend das Bild der Toteninsel, bevor schließlich das wilde Bacchanal den Schlusspunkt setzt.
Ira Levin führt das Orchester ausdrucksstark, mit intensivem Klang. Unter seiner Leitung bieten die Musiker aus Frankfurt/Oder eine spektakuläre, rundum beeindruckende Interpretation von Werken Regers, die noch immer faszinieren. Bravi!

Samstag, 23. Juni 2018

Max Reger - Orchestral Edition (Deutsche Grammophon)

Das Orchesterwerk von Max Reger (1873 bis 1916) ist umfangreich und vielfältig. Schon beim Auspacken dieser 12-CD-Box, die jetzt die Deutsche Grammophon quasi als verspätete Gabe zum hundertsten Todestag des Komponisten, nach- gereicht hat, gerät man ins Staunen. Denn der Komponist ignorierte sowohl Gattungsgrenzen als auch stilistische Moden. 
Hört man seine Musik an, so wird man feststellen: Alles ist möglich – vom knappen Scherzino, launig „compostiert“ für Horn und ein Dilettantenorchester, bis hin zur großformatigen Vertonung des 100. Psalms op. 106, mit dem sich Reger 1908/09 für die Verleihung des Ehrendoktors durch die Universität Jena bedankte, und vom außer- ordentlich komplexen Violinkonzert op. 101 bis zur fein ziselierten Ballett-Suite op. 130, und vom Requiem nach einem Text von Friedrich Hebbel bis zu zahlreichen Orchesterliedern. Reger war ein wirklich bedeutender Meister, der sein Handwerk rundum beherrschte, der sich auf die Kunst der Instrumentierung verstand, das Spiel mit Klangfarben und Klangeffekten liebte, dabei sehr eigenwillig war – und mitunter auch ausgesprochen witzig. 
Umso erfreulicher ist es, dass die Deutsche Grammophon mit dieser Edition einen Schatz gehoben hat, der lange Zeit nicht zugänglich war. Denn die Grundsubstanz entstammt der legendären Reger-Edition des Labels Koch-Schwann, dessen Katalog sich mittlerweile im Besitz von Universal Music befindet. Und somit sind nun die grandiosen Reger-Aufnahmen, die die Bamberger Symphoniker in den 90er Jahren unter Leitung von Horst Stein eingespielt haben, endlich wieder zugänglich. 
Erweitert wurde diese Edition durch einige Werke, die mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter Gerd Albrecht und Uroš Lajovic in den 80er Jahren aufgezeichnet worden sind. Neu hinzugekommen sind zudem Aufnahmen des Hebbel-Requiems op. 144B, des Requiem-Fragmentes, und die Erstveröffentlichung des Gesangs der Verklärten op. 71 auf CD überhaupt. Zu hören sind hier neben einem hochkarätigen Solisten- quartett der NDR Chor und das NDR Sinfonieorchester unter Leitung von Roland Bader. 

Montag, 19. März 2018

Unvergänglichkeit - Michaela Schuster (Oehms Classics)

Unvergänglichkeit nannte Erich Wolfgang Korngold seinen Liederzyklus, und Michaela Schuster wählt Zyklus und Idee zum Kern des Programmes für ihre zweite CD, die jüngst bei Oehms Classics erschienen ist. Die Mezzosopranistin hat offenbar ein Faible für das große Thema Zeit – ihre erste CD mit dem Titel Morgen! und mit Liedern von Johannes Brahms, Robert Schumann, Max Reger und Richard Strauss begeisterte ebenfalls bereits durch ein kluges Konzept. 
Nun folgt also das zweite Album, und hier sind Lieder von Gustav Mahler, Max Reger Kurt Weill in Korngolds Zyklus quasi hineingeflochten. Sie ergänzen diese Liederfolge, und setzen mitunter nachdenkliche, mitunter auch kecke Akzente. Dieses Programm ist rundum schlüssig, und zugleich überraschend und extravagant. Ähnliches lässt sich über den Liedvortrag von Michaela Schuster sagen. 
Die Sängerin gestaltet jedes einzelne Lied mit großer Sorgfalt, und mit brillanter Technik und Artikulation. Man versteht wirklich jedes Wort, und man kann jeden musikalischen Gedanken nachvollziehen. Das macht diese CD zum Erlebnis – und in Matthias Veit hat die Mezzosopranistin zudem einen exzellenten Liedbegleiter an ihrer Seite. Großartig! 

Sonntag, 26. November 2017

Reger und seine Zeit (MDG)

So hörenswert die Musik von Max Reger (1873 bis 1916) ist, so selten erklingt sie tatsächlich im Konzert. Das gilt nicht nur für seine Orgelwerke, sondern ebenso für die Chormusik. Der Kammerchor Opus Vocale, geleitet von Volker Hedtfeld, hat auf dieser CD im Gedenken an den hundertsten Todestag des Komponisten eine kleine, aber sehr feine Auswahl aus dem Schaffen Regers zusammengestellt. Sie macht zum einen deutlich, welch enorme Qualität diese Musik hat. Und sie zeigt zum anderen das Umfeld, in dem sie entstanden ist – mit ebenfalls sorgsam ausgesuchten Chorstücken von Anton Bruckner (1824 bis 1896), Johannes Brahms (1833 bis 1897) und Arnold Schönberg (1874 bis 1951). 
Volker Hedtfeld führt seinen Profi-Projektchor mit sicherer Hand durch dieses anspruchsvolle Repertoire. Der Kammerchor Opus Vocale beeindruckt mit seinem absolut homogenen Chorklang, schier endlosen Spannungsbögen und dynamischer Flexibilität. Faszinierend! 

Montag, 12. Juni 2017

Luther Collage (Carus)

Luther-Choräle stehen im Mittelpunkt der neuen CD des Leipziger Calmus Ensembles. „Die Luther Collage ist die zweite CD, die wir zum 500jährigen Reformationsjubiläum vorlegen“, schreibt Bariton Ludwig Böhme. Das Album sei „eine in ihrer Besetzung sehr reduzierte, beinahe minimalistische Auseinandersetzung mit den Liedern Martin Luthers.“ 
Dem Kirchenjahr folgend, erklingen sieben Choräle, von Ein feste Burg ist unser Gott bis zu Verleih uns Frieden gnädiglich. Die Sänger haben diesen bekannten Melodien die unterschied- lichsten Versionen aus gut 600 Jahren Musikgeschichte zur Seite gestellt. Zu hören sind beispielsweise die (gregorianischen) Originale, Choralvor- spiele von Max Reger (1873 bis 1916) und von Carl Piutti (1846 bis 1902), und Chorsätze von Heinrich Schütz, Sethus Calvisius, Johann Hermann Schein, Michael Praetorius, Felix Mendelssohn Bartholdy, Johannes Brahms, oder auch zeitgenössischen Komponisten wie Gunnar Eriksson (*1936) oder Arvo Pärt (*1935). So entsteht rings um jedem Choral ein musikalischer Mikrokosmos, auf den Spuren Martin Luthers. 
Aufgenommen wurde diese Produktion in der Leipziger Thomaskirche. An diesem ganz besonderen Ort dürfen natürlich auch Werke Johann Sebastian Bachs nicht fehlen. Das Vokalquintett erweist sich dabei durch- aus als experimentierfreudig: „Wir übertragen den Luftstrom, der die vielen Register einer Orgel zum klangprächtigen Schwingen bringt auf unsere Stimmen und vokalisieren Orgelmusik“, so Böhme. „Wir reflektieren ebenso den katholischen Ursprung der Choräle, die Martin Luther aus dem Lateinischen in für jedermann verständliches Deutsch übertragen hat, indem wir gregorianische Gesänge einflechten, die lange vor Luthers Zeit entstanden.“ 
Und all das singt das Calmus Ensemble wirklich großartig. Auch technisch ist die Aufnahme ausgezeichnet; die besondere Atmosphäre jener Spät- sommernächte, in denen das Quintett in dem berühmten Kirchenraum gesungen hat, wird so tatsächlich hörbar. 

Sonntag, 22. Januar 2017

Reger: Repräsentative Orgelwerke 5: 1913-1916 (Toccata Records)

Repräsentative Orgelwerke Max Regers (1873 bis 1916) präsentiert Cor van Wageningen auf einer Reihe von CD bei Toccata Classics. Die fünfte und letzte dieser Veröffentlichungen gilt den Jahren 1913 bis 1916; der niederländische Organist sieht diesen letzten Lebensabschnitt Regers durch zwei Orgelwerke charakterisiert. 
Das sind zum einen Phantasie und Fuge d-Moll op. 135b, „ein Orgelwerk größten Styls, aber nicht zu lang“, wie der Komponist seinerzeit schrieb. Es ist 1914 entstanden, und „Meister Richard Strauß in besonderer Verehrung“ gewidmet. Wer dieses Opus spielen will, der sollte nicht nur ein ausgesprochen versierter Organist sein. Er muss sich zudem mit der Frage herumschlagen, welche Fassung er spielen will: Im Nachlass des Dirigenten Fritz Busch, der mit Reger eng befreundet war, fand sich der Korrekturabzug mit etlichen kleinen Änderungen und vor allem auch recht umfangreichen Kürzungen, die Reger vor dem Druck festlegte. 
Es wird spekuliert, der Komponist habe die Striche vorgenommen, weil dem Verleger Simrock das Werk noch immer zu lang gewesen sei – oder weil ihn sein Freund Karl Straube dazu gedrängt habe. Van Wageningen jeden- falls kann dieser Version nichts abgewinnen: „Het is dus raadselachtig waarom deze verslechteringen zijn doorgevoerd“, rätselt der Organist im Beiheft, nachdem er sich mit den Änderungen auseinandergesetzt hat. Und der Zuhörer wird eine ganze Weile rätseln, welche Version auf der CD erklingt, so er nicht Noten zum Mitlesen hat. Das Beiheft jedenfalls verrät es nicht. 
Das zweite Werk, das van Wageningen ausgewählt hat, sind die Neun Stücke für Orgel op. 129. Reger schrieb sie 1913 im Sommerurlaub, in Kolberg an der Ostsee. Sie sind kurz, konzentriert und elegant – und, anders als Phantasie und Fuge d-Moll, vollkommen frei von Pathos. Präludium und Fuge h-Moll, am Ende der Neun Stücke für Orgel, sind eher klagend, schmerzerfüllt, resignierend. 
Van Wageningen spielt an der monumentalen Walcker-Orgel der Grote of Martinikerk in Doesburg. Dieses Instrument mit pneumatischer Traktur und 75 Registern auf insgesamt vier Manualen und Pedal wurde von der Ludwigsburger Orgelbauanstalt als Opus 1855 ursprünglich für die Nieuwe Zuiderkerk zu Rotterdam angefertigt, und erklang dort von 1916 bis zur Schließung der Kirche 1968. Nachfolgend wurde das Instrument verkauft, und dann bis 1972 durch die Firma Jos. Vermeulen, Alkmaar, nach Doesburg umgesetzt. In jüngster Zeit hat Flentrop Orgelbouw, Zaandam, an dem zum Denkmal erklärten Instrument etliche Restaurierungsarbeiten vorgenommen. Damit ist diese Orgel das einzige erhaltene spätromanti- sche Werk von Oscar Walcker, das heute noch ahnen lässt, wie seine Monumentalorgeln einst geklungen haben, so der Orgelbauer Gerhard Walcker-Mayer. 

Dienstag, 10. Januar 2017

Laura Young plays Max Reger (Gramola)

Kann man Musik von Max Reger (1873 bis 1916) auch auf der Gitarre spielen? Laura Young hat dieses Experiment gewagt – und kann mit ihrer Einspielung bei Gramola ebenso verblüffen wie überzeugen. „Als ich im Jahr 2000 zum ersten Mal Max Regers Cello-Suiten hörte, war das der Beginn einer großen Liebesaffäre mit seinen Solowerken“, berichtet die junge Virtuosin im Beiheft. „Bereits beim ersten Hören begann ich über die Wiedergabe seiner Musik auf der klassischen Gitarre nachzudenken. (..) Ich fühlte beim Hören das Vibrieren der Töne in meinen Fingern, verbunden mit dem Wunsch, dieses relativ wenig bekannte, aber brillante Repertoire weiter zu erforschen.“ 
Neben den Werken für Solo-Violoncello hat sich Young auch das Repertoi- re für Solo-Violine gründlich angesehen: „Ich wählte sorgfältig die Stücke, die originalgetreu auf meinem Instrument aufgeführt werden können, aus – Werke, deren essentieller Charakter von meiner Interpretation unbe- einträchtigt bleiben würden, die aber trotzdem neue interpretatorische Dimensionen und Horizonte boten.“ 
Zu hören sind nun Präludium und Fuge für Violine solo in e-Moll op. 117 Nr. 3 und in G-Dur op. 131a Nr. 3, sowie die Sonate d-Moll für Violine solo op. 42 Nr. 1 und zwei Suiten für Violoncello solo in a-Moll und in G-Dur, op. 131c Nr 3 und Nr. 1. Und der Hörer staunt, wie nah verwandt sich doch Bach und Reger sind – in der Gitarrentranskription wird dies besonders offensichtlich. Reger klingt mitunter beinahe barock; doch ahmt er Bach nicht nach, er findet eigene Wege. Hochinteressant, ein spannender Beitrag zum Reger-Jahr! 

Mittwoch, 28. Dezember 2016

Bach arranged by Reger (MDG)

Für seine dritte Einspielung bei Dabringhaus und Grimm hat sich Christoph Schoener, Kirchenmusik- direktor an der Hamburger Haupt- kirche St. Michaelis, etwas ganz Besonderes ausgesucht: Nach den Orgeltoccaten von Johann Sebastian Bach und einem hochkarätigen Programm mit Orgelmusik von Max Reger spielt er an den vier Orgeln im „Michel“ die sieben Toccaten BWV910 bis 916. Komponiert hat Bach diese Musikstücke einst für das Cembalo. Fünf davon hat Max Reger einst auf die Orgel übertragen; bei den beiden ausstehenden Werken hat die Transkription nun Schoener selbst angefertigt. 
Doch während Reger sich große Freiheiten genommen hat, und schon seine Bearbeitungen Interpretationen sind, hat Schoener sich penibel an den Notentext gehalten. Regers Ziel war Ausdruck, und dafür zog der Spätromantiker gern – und das durchaus auch im Wortsinne – alle Regi- ster. Schoener geht sehr viel behutsamer vor; er verwendet beispielsweise das Pedal wesentlich zurückhaltender, und bleibt stets dicht am Original. Beides hat seine Reize, und genießen kann man diese opulente Aufnahme vom ersten bis zum letzten Ton. Was für ein Klangereignis! 

Freitag, 23. Dezember 2016

Gott wird geboren, Mächtige erstarren vor Angst (Oehms Classics)

Dieter Oehms, der Gründer von Oehms Classics, stammt aus Manderscheid. Diese CD ist sein Geschenk an die Heimatgemeinde in der Eifel, zum 15jährigen Jubiläum des Labels im Jahre 2017 und zum 75. Geburtstag seines Gründers (der bereits in diesem Jahr gefeiert wurde). Die Kirche dort, 1945 schwer beschädigt, wurde in den 60er Jahren durch einen Neubau ersetzt. Vom Vorgängerbau blieb nur der Turm erhalten. Das neue Gebäude, entwor- fen vom Trierer Dombaumeister Karl Peter Böhr, ist durchaus spektakulär: Unter dem Altarraum befindet sich in der Krypta der Taufbrunnen, aus dem der Lebensbaum in Form einer Säule empor wächst, durch die Decke hin- durch. Seine Äste tragen den Altartisch. 
Im Jahre 2015 erwarb die Pfarrgemeinde für die Lebensbaum-Kirche eine relativ große Beckerath-Orgel aus dem Jahre 1970, die zuvor ihren Platz im Kirchenmusikalischen Institut des Bistums Speyer hatte. Sie wurde durch die Hugo Mayer Orgelbau GmbH, Heusweiler/Saar, umgesetzt und ange- passt. Um dieses Projekt zu unterstützen, gehen die Verkaufserlöse dieser CD an den Orgelbau-Förderverein. 
Eingespielt hat die CD der Trierer Domorganist Josef Still, Nachfolger des langjährigen Domorganisten Wolfgang Oehms. Sie sollte dem schönsten Fest des Christentums, dem Weihnachtsfest, gewidmet sein – und was könnte besser dazu passen, als Orgelmusik aus unserem Nachbarland Polen? Josef Still ist diesem Repertoire seit Jahren besonders verbunden; in seinem Programm, das er für die Aufnahmen zusammmengestellt hat, erklingen bekannte Orgelwerke von Johann Sebastian Bach, Max Reger und Sigfrid Karg-Elert neben polnischen Weihnachtsliedern und Orgel- kompositionen, vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart. 
Das Lied Bóg się rodzi (Christus ist geboren), das den Status einer natio- nalen Weihnachtshymne genießt und kurzfristig sogar als Nationalhymne in Erwägung gezogen worden war, darf in keiner der traditionellen Mitter- nachtsmessen in Polen fehlen. Es erklingt daher auch auf dieser CD – und zwar in Form eines Choralvorspiels von Miecysław Surcyński (1866 bis 1924), ausgebildet in Berlin, Leipzig und Regensburg, und in späteren Jahren Professor für Orgel und Organist in Warschau. Er ist auf der CD noch mit einem weiteren Präludium zu dem Weihnachtslied Gdy się Chrystus rodzi vertreten. 
Feliks Rączkowski (1906 bis 1989), Organist und Chorleiter an der War- schauer Heiligkreuzkirche sowie ein überaus erfolgreicher Orgellehrer, hat in seiner umfangreichen Weihnachtslieder-Suite Bóg się rodzi an dem Schluss gestellt. Josef Still eröffnet mit dieser Suite Kolęd sein Programm. Aus der Tabulatur des Zisterzienserklosters Oliva bei Danzig stammen zwei kurze Orgelstücke nach alten Weihnachtshymnen von Piotr Drusiński (um 1550 bis 1611). Von dem deutsch-polnischen Komponisten Jan Janca (*1933), viele Jahre Musiklehrer und Organist in Tübingen, erklingt die Meditation Maria durch ein' Dornwald ging
Feliks Nowowiejski (1877 bis 1946) war der Sohn eines Schneiders. Das Geld war knapp, so dass er schon als Teenager eine Stelle als Geiger annahm, um zum Lebensunterhalt seiner Eltern und Geschwister beitragen zu können. Seine Studienaufenthalte, vor allem in Berlin, wo Nowowiejski seine Ausbildung zunächst am Sternschen Konservatorium und dann an der Königlichen Akademie der Künste bei Max Bruch fortsetzte, finanzierte er über Preisgelder, die er bei einer Vielzahl von Wettbewerben für seine Kompositionen erhielt. 
Der Komponist, Chorleiter und Organist wirkte vor allem in Krakau, Posen und in Berlin, und war ein leidenschaftlicher und engagierter polnischer Patriot, was nicht zuletzt an der Wahl seiner Texte und Sujets erkennbar wird. Die CD endet mit seinem Stück Weihnacht in der uralten Marien- kirche zu Krakau op. 31 Nr. 3. 
Josef Still ermöglicht mit seinem Programm einerseits Entdeckungen im Bereich der polnischen Orgelmusik, die hierzulande leider wenig bekannt ist. Das ist schade, denn die Werke der ausgewählten Komponisten lassen darauf schließen, dass sich Erkundungen in diesem Repertoire doch sehr lohnen. Andererseits zeigt der Trierer Domorganist mit seiner Einspielung, dass es in Manderscheid nunmehr mit der Beckerath-Mayer-Orgel ein hochwertiges Instrument gibt, das nicht nur im Gottesdienst, sondern darüber hinaus auch wunderbar in Konzerten erklingen kann. Die drei- manualige Orgel erweist sich als ein Instrument mit einem sehr eigenen Klangcharakter, wie geschaffen für die Eifel mit ihrem herben Charme. Wer auch immer die Entscheidung getroffen hat, sie nach Manderscheid zu holen – es war ein Glücksgriff. 

Samstag, 3. Dezember 2016

Brass Christmas (Berlin Classics)

„Brass Christmas“ heißt das zweite Weihnachtsalbum von German Brass bei Berlin Classics. Zu hören sind virtuose Stücke, die festliche Weih- nachtsstimmung verbreiten – von ruhigen Klängen wie dem Abend- segen aus Engelbert Humperdincks Oper Hänsel und Gretel über Musik aus dem Messias von Georg Friedrich Händel bis hin zu bekannten Melo- dien aus Peter Tschaikowskis weih- nachtlichem Ballett Der Nußknacker. Komplettiert wird das Programm durch den Winter aus Antonio Vivaldis Vier Jahreszeiten, drei Stücke aus Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium nebst einem aus dem Magnificat, oder aber, passend zum Jubiläumsjahr, das innige Schlaf, mein Kindelein von Max Reger. 
Damit startet German Brass einmal mehr auf ganz eigene Weise in die Adventszeit. Das renommierte Blechbläserensemble begeistert sein Publi- kum seit mittlerweile 40 Jahren. Es besteht aus zehn Solobläsern und Hochschulprofessoren, und verbindet glänzende Musikalität und hand- werkliche Perfektion mit sehr viel Witz und Charme. Erst kürzlich wurde das Ensemble mit dem Echo Klassik 2016 ausgezeichnet. 
Die Werke sind auf dieser CD wurden – wie üblich – im typischen German-Brass-Sound von den Musikern des Ensembles selbst arrangiert. Mein Favorit in diesem Jahr: Das Concerto G-Dur op. 3/3 RV 310 aus Antonio Vivaldis L'Estro Armonico, bearbeitet von Matthias Höfs. Ganz großes Kino!

Montag, 24. Oktober 2016

Reger: Complete works for clarinet and piano (MDG)

Die Klarinettensonaten von Max Reger (1873 bis 1916) sind mit einer Geschichte verknüpft, die viel über den Komponisten verrät – erzählt vom musikalischen Mentor seiner Jugendjahre: „In Weiden besaßen wir damals einen vorzüglichen Klarinettisten, den städtischen Kapellmeister Kürmeyer, mit dem ich manche Stunde musizierte“, berichtet Adalbert Lindner. „Mit Kürmeyer spielte ich nun eines Tages in meiner Behausung die Klarinettsonate op. 120 in f-Moll von Brahms, eines der allerletzten und reifsten Werke des Meisters. Während des Spiels trat Reger ins Zimmer, hörte uns zu uns sagte, nachdem wir geendet: Schön, werde ich auch zwei solche Dinger schreiben! Nach ungefähr drei Wochen schon hatte er sein Wort eingelöst: die beiden Sonaten für Klavier und Klarinette in As-Dur und fis-Moll, sein 1901 bei Aibl (Universal-Edition) erschienenes op. 40, lag druckfertig vor.“ 
Die beiden Werke, obgleich selten zu hören, sind ebenso keck wie poetisch. Auch sonst fällt auf, dass Reger nicht nur kühn, sondern auch ausge- sprochen humorvoll komponierte. Robert Oberaigner, seit 2013 Solo- klarinettist der Dresdner Staatskapelle, und ARD-Preisträger Michael Schöch haben diese beiden frühen Sonaten zusammen mit der Sonate op. 107 sowie Tarantella und Albumblatt bei Dabringhaus und Grimm munter und elegant eingespielt. 

Reger: Integrale Kammermusik für Klarinette (Oehms Classics)

Anlässlich des hundertsten Todes- tages rückt nicht nur das umfang- reiche Orgelwerk von Max Reger (1873 bis 1916), sondern auch sein sonstiges Schaffen in den Blickpunkt. Das lohnt sich durchaus, wie diese Einspielung aus dem Hause Oehms Classics beweist: Stephan Siegen- thaler, Klarinette, Kolja Lessing, Klavier, und das renommierte Leipziger Streichquartett präsentieren auf zwei CD sämtliche Werke des Komponisten für Klarinette. Zu hören sind die Klarinettensonaten op. 49 und op. 107, die Tarantella WoO II/12 für Klarinette und Klavier, das Albumblatt WoO II/13 für Klarinette und Klavier sowie das Klarinettenquintett in A-Dur op. 146.

Donnerstag, 11. August 2016

Meinem Kinde (Gramola)

Lieder für Kinder und Lieder über Kinder erklingen auf dieser CD. Sopranistin Ute Ziemer und ihr Klavierbegleiter Julian Riem haben ein Programm zusammengestellt, dass neben Bekannten auch etliche Überraschungen bietet. So hat der 26jährige Richard Wagner (1813 bis 1883) mit Dors, mon enfant in seinen Trois mélodies ein berühren- des Wiegenlied geschaffen. 
Auch Komponisten wie Alexander Zemlinsky (1871 bis 1942, Hermann Zilcher (1881 bis 1948), Hugo Wolf (1860 bis 1903) und Max Reger (1873 bis 1916) hätte man in dieser Reihe nicht unbedingt vermutet. Auch Franz Schubert (1797 bis1828), Felix Mendelssohn Bartholdy (1809 bis 1847) und der finnische Liedkomponist Yrjö Kilpinnen (1892 bis 1959), der in Berlin und Wien studiert hat, sind mit Werken vertreten. Die Kanzonette La Ninna nanna von Gaetano Donizetti (1797 bis 1848) fällt ein wenig aus dem Rahmen; sie gibt zwar vor, ein Wiegenlied zu sein, doch sie ähnelt eher einer Opernarie mit vorangestelltem Rezitativ. 
Nicht fehlen dürfen in einem solchen Programm Lieder von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791), Robert Schumann (1810 bis 1856) und Richard Strauss (1864 bis 1949). Sie hatten alle selbst Kinder; doch mit die schönsten und bekanntesten Melodien, die man dem Nachwuchs noch heute gern singt, schuf Johannes Brahms (1833 bis 1897), der zwar mit- unter heftig verliebt war, aber dennoch bis an sein Lebensende Junggeselle blieb. 
Ute Ziemer, die diese CD ihrer 2013 geborenen Tochter gewidmet hat, gestaltet die Lieder klug und abwechslungsreich. Begleitet wird sie erneut von Julian Riem, der für diese Aufnahme einen Flügel von Èrard gespielt hat. Damit ermöglicht er es den Hörern, den Klavierklang des 19. Jahr- hunderts zu erleben – was zu diesen Werken ausgezeichnet passt. Sehr gelungen! 

Dienstag, 26. Juli 2016

Reger: Das Orgelwerk; Rapf (MPS)

Umfangreich und anspruchsvoll ist das Orgelwerk Max Regers (1873 bis 1916). Der Komponist hat oftmals alles daran gesetzt, das Ausdrucks- vermögen der Instrumente seiner Zeit voll auszureizen. Jede Gesamtauf- nahme ist aber nicht nur für den Interpreten, sondern auch für die beteiligten Tontechniker eine Herausforderung. Mit besonderer Hingabe verfolgte ein solches Projekt das Label MPS gemeinsam mit dem legendären Kurt Rapf (1932 bis 2007). Der Wiener Musiker arbeitete 14 Jahre daran, von 1970 bis 1984, das Orgelwerk Regers für MPS auf den großen Orgeln Europas einzuspielen. 
Dabei ist es nicht geblieben, denn auch in New York, in der Riverside Church, fanden sich Orgeln, die im Jahre 1975 für die Aufnahmen der Choralvorspiele op. 67 einbezogen wurden. Dem Selbstverständnis des Labels entsprechend, wurden die einzelnen Kompositionen Regers auf sorgsam ausgewählten, dem jeweiligen Werk adäquaten Instrumenten, mit dem höchsten Anspruch an die Interpretation und den Aufnahmeklang eingespielt. Rupf musizierte unter anderem an der Bruckner-Orgel im Stift St. Florian, Linz, an der Marcussen-Orgel im Dom zu Lübeck, an der Großen Orgel von Joseph Zeilhuber im Dom zu München, an Orgeln im Kaiserdom zu Speyer, in Hameln, Zürich, Freiburg, sowie in den Bene- diktinerabteien Weingarten und Ottobeuren – also an wirklich vielen bedeutenden Instrumenten. 
Bei dieser Aufnahmetour wurde Rapf von Hans Georg Brunner-Schwer begleitet, dem Gründer des Labels, der die Aufnahmen als Produzent betreute, und vom MPS-Aufnahmeteam. Ziel war es, auch bei Orgel- aufnahmen den Most Perfect Sound zu verwirklichen. Das Ergebnis ist nun wieder zugänglich. Tonmeister Christoph Stickel hat die originalen Masterbänder aufwendig restauriert und remastered. In einer 14-CD-Box sind die meisten Einspielungen in höchstmöglicher Qualität erstmals digital verfügbar. Sie enthält alle Aufnahmen, die bis 1980 in sieben Folgen auf LP erschienen waren. Leider hat sich herausgestellt, dass die bisher unveröffentlichten Aufnahmen aus Villingen, Speyer, Luzern, Salisbury und Wien wohl als verloren angesehen müssen: Die Master- bänder für Volume 8 sind nicht mehr auffindbar. Und die Aufnahmen für Volume 9 sollen sich auf U-matic-(Video)-Kassetten befinden; ihnen sei aber selbst mit größtem technischen Aufwand kein Ton mehr zu entlocken gewesen. 
Auch wenn sie also unvollständig bleiben muss, lohnt sich diese sorgsam aufbereitete Gesamtaufnahme. Denn Kurt Rapf, der auch als Dirigent und Komponist sehr geschätzt wurde, macht mit seiner Interpretation Struktu- ren transparent – Sonnenaufgang über Regers Klanggebirgen. 

Samstag, 16. Juli 2016

Reger: Complete Organ Works; Haas (MDG)

Rosalinde Haas ist die Tochter eines Organisten; sie wuchs in Schramberg im Schwarzwald auf und musste ins benachbarte Königsfeld laufen zum Klavierunterricht, nach der russischen Schule. Sie studierte dann in Stuttgart und in Rom, wo sie bei Fernando Germani, dem Organisten des Peters- domes, ihr Konzertdiplom mit Aus- zeichnung erhielt. 
Von 1956 bis 1992 war sie als Kirchen- musikerin in Frankfurt/Main tätig; 1967 wurde Haas zur Kirchenmusik- direktorin ernannt. Außerdem lehrte sie als Honorarprofesssorin an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf. 
An der Albiez-Orgel der Pfarrkirche „Mutter vom guten Rat“ in Frankfurt-Niederrad, wo die Organistin viele Jahre wirkte, hat sie in den Jahren 1988 bis 1991 sämtliche Orgelwerke Max Regers eingespielt, tatkräftig unterstützt von ihrem Mann Peter Krams. Ergänzt wird diese enorme Leistung durch zwei weitere CD, aufgezeichnet 1993, mit ausgewählten Klavierwerken Johann Sebastian Bachs in Bearbeitungen Regers für die Orgel. 
Die Albiez-Orgel, eingeweiht im Jahre 1983, ist ein relativ großes Instru- ment mit 52 Registern auf drei Manualen und Pedal. Regers Orgelmusik lässt sich darauf sehr gut spielen; sowohl von seinen dynamischen Möglichkeiten als auch in den verfügbaren Klangfarben passt das vorletzte Instrument des Orgelbauers Winfried Albiez dazu. 
Rosalinde Haas spielt Regers Orgelwerke einerseits unter Betonung ihres oftmals virtuosen Charakters. Sie schaut sehr genau nach Regers Spiel- anweisungen, passt ihren Vortrag aber der Raumakustik an, und hinter- fragt die Vorgaben des Komponisten offensichtlich auch. In Kombination mit moderner, klug eingesetzter Aufnahmetechnik ergab dies eine lebendige, ja, feurige und dennoch sehr ausgewogene Interpretation, die beim Hörer mit einer Klarheit ankommt, wie das in der Kirche selbst wohl nicht möglich gewesen wäre. Diese großartige Einspielung hat das Label Dabringhaus und Grimm nunmehr in einer 14-CD-Box wieder zugänglich gemacht. Eine würdige Erinnerung an den hundertsten Todestag Regers. 

Samstag, 2. April 2016

Reger: Chorale Fantasies (MDG)

„Die Protestanten wissen nicht, was sie an ihrem Chorale haben!“ Max Reger (1873 bis 1916), obwohl eigener Aussage nach „katholisch bis in die Fingerspitzen“, hat sich mit dem Choral immer wieder auseinan- dergesetzt. Inspiriert durch Heinrich Reimanns Phantasie über den Choral: „Wie schön leuchtet der Morgenstern“, die Reger „als ein Wunder- und Meisterwerk dieser Art“ sehr schätzte, und motiviert durch seine Freundschaft mit Karl Straube, ging Reger nach 1898 daran, virtuose Orgelmusik zu schaffen. Sie hatte den Anspruch, Traditionen wiederaufleben zu lassen, die mit Bachs Tod abzubrechen scheinen. 
Zu den großartigen Werken, die damals entstanden sind, gehören Regers sieben Choralfantasien, die Balázs Szabó nun bei Dabringhaus und Grimm komplett neu eingespielt hat. Der renommierte ungarische Organist, Pia- nist, Cembalist und Harmonium-Spieler darf als ein Reger-Experte gelten; so hat er Regers Orgelschaffen als Thema für seine Promotion im Fach Musikwissenschaft an der Universität Utrecht gewählt. 
Szabó hat sich für drei weitestgehend original erhaltene Instrumente entschieden, die die rasante Entwicklung des spätromantischen Orgelbaus zu Regers Zeiten repräsentieren: „Die Choralfantasien dokumentieren den Weg, wie Regers kompositorischer Stil in den Weidener Jahren reifte und sich damit auch seine Idee der ,modernen Orgel' stets verfeinerte“, erläu- tert der Organist im Beiheft (das allerdings eine Menge Schreibfehler enthält, was man von diesem Label sonst nicht kennt.) „Die ersten beiden Fantasien, op. 27 und op. 30, sind stark von der Walcker-Orgel der Wiesbadener Marktkirche beeinflusst. Daher steht die in ihrer Anlage und Disposition sehr ähnliche Walcker-Orgel der Wiener Votivkirche der Klangwelt dieser Kompositionen sehr nah“, so Szabó. „In den beiden Fantasien op. 40 setzt sich reger mit den erweiterten Möglichkeiten einer stufenlosen Übergangsdynamik und Farbenexpressivität der modernen pneumatischen Orgel auseinander, angeregt durch die mit Hochdruck- stimmen versehene Walcker-Orgel im Münchner Kaim-Saal. Der gedankliche Übergang Regers von der mechanischen zur pneumatischen Traktur schlägt sich in der Faktur der folgenden Kompositionen nieder. Die größte erhaltene Orgel der Gebrüder Link in Giengen zählt sicherlich zu den schönsten Orgeln ihrer Art.“ Sie stammt aus dem Jahre 1906 und befindet sich in der Evangelischen Stadtkirche. „In den Drei Fantasien op. 52 klärt sich die Vorstellung Regers über die Möglichkeiten der modernen Orgel. Anstelle einer experimentellen Sprache finden wir ein vollendetes ;Wörterbuch' an technischen Lösungen, dynamischen Angaben und Klangfarben, die zielsicher nach dem musikalischen Inhalt eingesetzt werden“, urteilt der Musiker. „Die Kuhn-Orgel in St. Anton Zürich zeigt den ausgereiften Typus der spätromantischen Orgel, mit sehr subtilen Klangfarben.“ Dieses Instrument wurde 1914 erbaut und 2001/2002 restauriert, ebenfalls durch Orgelbau Kuhn, wobei ein zuvor nicht realisier- tes Fernwerk ergänzt wurde. 
Der junge ungarische Organist musiziert mit ähnlicher Akkuratesse, wie er seine Instrumente auswählt. Technisch bereiten ihm die komplexen Werke Regers offenbar keinerlei Probleme; er spielt die Fantasien beeindruckend locker, mal innig, mal ganz Bekenntnis. Von Balázs Szabó wird man in den nächsten Jahren ganz sicher noch viel hören. 

Samstag, 12. März 2016

The Last Words of Christ (Challenge Classics)

Das Ebonit Saxophone Quartet wurde 2011 am Konservatorium Amsterdam gegründet. Die Mitglieder des Ensembles – Simone Müller, Sopransaxophon, Dineke Nauta, Altsaxophon, Johannes Pfeuffer, Tenorsaxophon, und Pauline Marta Kulesza, Baritonsaxophon – haben alle in der Klasse von Arno Bornkamp studiert. Mittlerweile sind die jungen Musiker erfolgreich in der künstle- rischen Praxis angekommen, und haben bereits etliche Preise gewonnen; in der Saison 2016/17 werden sie als Preisträger des Wettbewerbes „Dutch Classical Talent“ auf eine Konzertreise durch die Niederlande gehen. 
Für ihre Debüt-CD bei Challenge Classics haben vier Bläser Abschnitte aus Joseph Haydns Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze mit Musik aus dem 20. Jahrhundert kombiniert. Es sind Einzelsätze aus Werken von Max Reger, Anton Webern, Jean Sibelius und Dmitri Schostakowitsch, die in Gestus und Gestaltung zu Haydns berühmten Quartettsätzen passen. Die Arrangements dafür haben sie überwiegend selbst geschaffen. 
Im Original ist vorgesehen, dass der Priester vor jedem Musikstück eines der sieben letzten Worte Jesu spricht. Um den Charakter dieser Medita- tionsmusik zu unterstreichen, haben die Musiker beschlossen, diese Texte ebenfalls vortragen zu lassen – leider haben sie auch die Meditation dazu gleich mit ausformuliert. Und die Sopranistin Claron McFadden interpre- tiert diese nun nicht mehr so prägnanten Sprechtexte mit einer Theatralik und einem Pathos, das bei mir, ich gebe es ungern zu, eher einen Lach- anfall auslöst als Andacht. 
Musiziert wird allerdings prächtig. Ob der Saxophon-Sound dieses Ensembles wirklich zu den Haydn-Quartettsätzen passt, das ist Geschmackssache – mir ist er zu hell und zu wenig dramatisch. Aber das Nachtlied op. 138 Nr. 3 von Max Reger klingt wunderbar, und auf die Idee, anstelle des Haydnschen Erdbebens das Allegro-Allegretto aus Schostakowitschs siebentem Streichquartett zu spielen, muss man erst einmal kommen. 

Montag, 7. März 2016

Dich Maria heut zu preisen (Tyxart)

Kompositionen zum Lobpreis der Gottesmutter Maria kombiniert diese CD mit Musik für Oboe und Orgel. Es musizieren Mechthild Kiendl, Sopran, Anne Dufresne, Oboe, und Norbert Düchtel, Orgel. Das Pro- gramm ist liebevoll zusammenge- stellt. Lobenswert ist sein starker Bezug auf die Region – im süddeut- schen Raum war die Marienvereh- rung im 17. und 18. Jahrhundert besonders ausgeprägt, was natürlich auch in der liturgisch-musikalischen Praxis dieser Zeit Spuren hinterlassen hat. 
So stammt die Arie, die der CD den Titel gab, aus der Lytania rurales op. 19, einer Litanei für ländliche Pfarrkirchen, von Fr. Marianus Königs- perger OSB (1708 bis 1769). Der Benediktiner lebte im Kloster Prüfening bei Regensburg. Er ist auf der CD auch mit Orgelmusik vertreten. P. Benedikt Biechteler (1689 bis 1759) studierte in der Abteil St. Gallen und trat dann in die Benediktinerabtei Wiblingen ein. Auf der CD erklingen zwei Solokantaten des Komponisten für Sopran, Oboe und Orgel aus der Sammlung 24 Marianische Antiphonen op. 2. Ebenfalls für Sopran, Melodieinstrument und Orgel schrieb P. Valentin Rathgeber (1682 bis 1750) seine marianische Antiphon Regina Coeli. Er lebte und wirkte im Kloster Banz. 
Die Kombination von Oboe und Orgel war sowohl in der Klassik als auch in der Romantik beliebt; aus dem Fundus der Originalkompositionen für diese Besetzung ausgewählt wurden für diese Einspielung die Partita I C-Dur für Oboe und obligate Orgel von Johann Wilhelm Hertel (1727 bis 1789) und das Andante Pastorale aus op. 98 von Josef Gabriel Rhein- berger (1839 bis 1901). Aus dem reichen kirchenmusikalischen Werk sind Rheinbergers sind zudem das Ave Maria op. 171, 1a sowie Orgelmusik zu hören. 
Für die Aufnahme hat Norbert Düchtel die Kirche Mariä Himmelfahrt Oberndorf/Bayern ausgewählt, die früher zum Grundbesitz des Klosters Prüfening gehörte. Sie wurde vermutlich um 1220 erbaut, und erhielt 2010 eine neue Orgel der renommierten Firma Mathis Orgelbau, im süddeut- schen barocken Stil. Düchtel ist mit diesem Instrument bestens vertraut, denn er hat das Projekt betreut und die Disposition erstellt. Die klang- schöne kleine Orgel verfügt über 14 Register auf zwei Manualen und Pedal. Mit Oboe und Sopran harmoniert sie hervorragend.