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Mittwoch, 22. November 2017

Céline Moinet - Schumann Romances (Berlin Classics)

Es ist wohl kein Wunder, dass Robert Schumann die Oboe schätzte. Dieses Blasinstrument mit seinem ebenso elegischen wie eleganten Klang wirkt in der Tat wie die Stimme der Romantik – jedenfalls dann, wenn Céline Moinet es spielt, die Solo-Oboistin der Dresdner Staatskapelle. 
Auf diesem Album stellt sie Musik vor, die Schumann in seinen Dresdner Jahren geschaffen hat. Die Drei Romanzen für Oboe und Klavier op. 94 beispielsweise überreichte der Komponist seiner Frau Clara 1849 als Weihnachtsgeschenk. Wie eine Antwort darauf wirken die Drei Romanzen op. 22 von Clara Schumann, komponiert für Violine und Klavier, hier in einer Bearbeitung für Oboe. 
Zu hören sind auch drei der fünf Stücke im Volkston op. 102, ursprünglich entstanden für Violoncello und Klavier, aber bereits 1851 auch in einer Version für Violine erhältlich – und diese lässt sich natürlich auch auf der Oboe spielen. Für Klavier zu drei Händen schrieb Schumann das Abendlied aus den 12 Klavierstücken für kleine und große Kinder op. 85. Bei diesem stimmungsvollen Stück kann die Oboe sehr gut die Ober- stimme übernehmen, denn der Part für die dritte Hand ist einstimmig, und wunderbar melodiös. 
Auch die unvermeidliche Träumerei sowie Am Kamin aus den Kinder- szenen op. 15 sowie zwei Lieder Schumanns in Bearbeitungen für Oboe und Klavier sind zu hören. Am interessantesten aber sind die Studien für den Pedalflügel op. 56, arrangiert für Violine, Violoncello und Klavier von Theodor Kirchner. Diese Stücke in kanonischer Form sind im Original nur selten zu hören – wer hat schon einen Pedalflügel? Denn für die Orgel eignen sie sich eher nicht. Wenn überhaupt, dann werden diese Werke typischerweise von zwei Pianisten gespielt, und zwar auf zwei Instrumenten. Die Trio-Bearbeitung von Theodor Kirchner bietet da eine echte Alternative, denn sie macht die polyphonen Strukturen der Studien besonders gut hörbar. Soll eine Oboe den Violinpart übernehmen, müssen einige Stellen an ihren Tonumfang angepasst werden – dafür bringt Céline Moinet mit ihrem Spiel allerdings auch Klangfarben ein, die begeistern. 
Generell überwiegt in den ausgewählten Werken ausdrucksvolle Melancholie. Céline Moinet lässt die Oboe aber nicht nur edel singen; das Instrument ist auf dieser CD zudem virtuos bis kapriziös, ja, mitunter sogar keck zu erleben. Dabei hat sie mit Florian Uhlig, der gleichfalls als Professor an der Dresdner Musikhochschule lehrt, einen ausgewiesenen Schumann-Experten an ihrer Seite. Bei den Studien gesellt sich dazu obendrein Norbert Anger, der Solo-Cellist der Sächsischen Staatskapelle, der mit noblem Ton, aber sehr sensibel und eher zurückhaltend diesen Stücken Fundament gibt. 

Donnerstag, 29. Dezember 2016

Mozart: The Oboe Concerto (Glossa)

Im Jahre 1981 fanden sich Musiker aus mehr als 20 Ländern zusammen, um Musik des 18. und des frühen
19. Jahrhunderts möglichst original- getreu aufzuführen. Unter Leitung seines Gründers Frans Brüggen spielte das Orchestra of the Eighteenth Century ausgewählte Werke von Bach bis Brahms – und war damit bald international sehr erfolgreich. 

Nach dem Tode Frans Brüggens im Jahre 2014 führt das Ensemble nun diese Arbeit weiter, derzeit mit wechselnden Dirigenten. Mehrfach im Jahr geht das Orchestra of the Eighteenth Century auf Tour, und auch eine neue CD ist nun erhältlich. Sie ist dem Schaffen Wolfgang Amadeus Mozarts für Oboe gewidmet; eingespielt wurde sie von dem Oboisten Frank de Bruine gemeinsam mit anderen Mitgliedern des Orchestra of the Eighteenth Century unter Leitung von Kenneth Montgomery. 
Die CD erinnert daran, dass Bläserkonzerte oftmals ihren Ursprung in Musikerfreundschaften haben. Carl Stamitz beispielsweise komponierte für den Klarinettisten Joseph Beer, Johannes Brahms für Richardt Mühlfeldt. Mozart war befreundet mit dem Flötisten Johann Baptist Wendling, dem Oboisten Friedrich Ramm und dem Fagottisten Georg Wenzel Ritter – alle drei spielten in der legendären Mannheimer Hofkapelle. Und Mozart, 1778 von Mannheim endlich weiter nach Paris gereist, berichtet in Briefen an seinen Vater, er habe eine Sinfonia concertante für Flöte, Oboe, Horn, Fagott und Orchester geschrieben. Aufgeführt wurde dieses Werk nie, aufgefunden ebenfalls nicht – ob es also jemals existiert hat, das lässt sich nicht sicher feststellen. Angeblich beruht die Sinfonia concertante KV 297b darauf; doch sie ist nur in einer Abschrift aus dem 19. Jahrhundert überliefert, das Solistenquartett ist mit Oboe, Klarinette, Horn und Fagott zudem anders besetzt, und auch aus stilistischen Erwägungen heraus wird ihre Echtheit bezweifelt. 
Frank de Bruine hat für diese CD vier Werke ausgewählt, die ohne Zweifel von Mozart stammen: Das Oboenkonzert in C-Dur KV 314 – wesentlich bekannter als Flötenkonzert in D-Dur – das Oboenquartett KV 370, und das Divertimento in D-Dur KV 251 für Oboe, zwei Hörner, zwei Violinen, Viola und Kontrabass, geschrieben vermutlich im Sommer 1776 zum Namenstag von Schwester Nannerl. Die Sängerin Aloysia Weber, in die Mozart sehr verliebt war, bedachte er mit Bravourarien. In Vorrei spie- garvi, oh Dio KV 418 singen Sopran und Oboe um die Wette – Sopranistin Lenneke Ruiten wagt sich an die Partie, die eine exzellente Technik und eine Wahnsinnshöhe verlangt. 

Freitag, 25. November 2016

Sammartini: Oboensonaten (Gramola)

Auf dieser CD erklingen in Erst- einspielung die Sei Sonate a Oboè solo con il Basso von Giuseppe Sammartini (1695 bis 1750). Er war ein Sohn des französischen Oboisten Alexis Saint-Martin, der in Mailand wirkte und dort eine Ehefrau gefun- den hatte, die ebenfalls aus einer Oboistendynastie stammte. Der Vater dürfte Giuseppe, ebenso wie seinen berühmten Bruder Giovanni Sammartini, auch ausgebildet haben. 
Während Giovanni zeitlebens in Mailand blieb, ging Giuseppe nach London. Er musizierte am King's Theatre, wo Händel eigens für ihn virtuose Oboenpartien in seine Opern integrierte. Sammartini spielte auch Konzerte. 1736 wurde er Musikdirektor der Kammerkonzerte und Mitglied des Haushaltes des Prinzen Frederick von Wales – Friedrich Ludwig von Hannover – und seiner Gattin Augusta von Sachsen-Gotha-Altenburg. 
Der Oboist wurde in London sehr geschätzt: „As a performer on the hautboy, Martini was undoubtedly the greatest that the world had ever known“, schrieb beispielsweise sein Zeitgenosse John Hawkins, Jurist und Mitglied der Academy of Ancient Music. „Before his time the tone of the instrument was rand, and, in the hands of the ablest proficient, harsh and grating to the ear; by great study and application, and by some peculiar management of the reed, he contrived to produce such a tone as approached the nearest to that of the human voice of any we know of.“ 
Und als Komponist wurde Sammartini seinerzeit ebenso verehrt wie Corelli oder Gemiani. Leider existiert bislang keine fundierte Gesamtedition seiner Werke; für diese Produktion war es daher erforderlich, bisher nicht verlegte Manuskripte aus der Sibley Library der University of Rochester, N. Y. zu sichten und mit historischen Abschriften zu vergleichen. Dieser Aufwand aber hat sich gelohnt; die sechs Sonaten, die das Ensemble Concertino Amarilli auf dieser CD vorstellt, erweisen sich als eine Bereicherung des Repertoires. Andrea Mion, Oboe, Marie Orsini-Rosenberg, Violoncello, Stefano Rocco, Theorbe, und Cembalistin Ulli Nagy sei Dank für diese Entdeckung. 

Mittwoch, 14. September 2016

Telemann: The Oboe Album (Accent)

Es war kein Zufall, dass die Leipziger Stadtväter Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) nach dem Tode Johann Kuhnaus 1722 gern als neuen Thomaskantor gewonnen hätten. Zum einen hatte Telemann in Leipzig studiert und zugleich seine Laufbahn als Musiker begonnen; er war an der Pleiße also kein Unbekannter. Zum anderen war er ohne Zweifel damals der wohl bekannteste deutsche Kom- ponist überhaupt; ähnlich prominent war wohl nur noch Händel. 
Über Bach hingegen, der die Stelle schließlich erhielt, nachdem auch ein Christoph Graupner absagen musste, meinten die Stadträte, so steht es im Ratsprotokoll, „da man nun die besten nicht bekommen könne, müße man mittlere nehmen“. Aus der Perspektive des 19. Jahrhunderts heraus aber veränderte sich diese Bewertung: Bach wurde zum Genie, Telemann jedoch wurde zum Vielschreiber, dem die aufkommende Musikwissenschaft zudem Oberflächlichkeit zuschrieb – schließlich hatte er nicht nur Kirchenmusik, sondern obendrein obendrein noch Opern geschrieben.
Aus diesem Grunde aber wird das Werk des Komponisten erst jetzt in seiner vollen Breite erschlossen, sowie in seiner vollen Schönheit und Bedeutung erkannt. Dass sich die Auseinandersetzung mit der Musik Telemanns lohnt, beweist auch die jüngste Doppel-CD mit dem Oboisten Marcel Pon- seele, der bei Accent gemeinsam mit dem Ensemble Il Gardellino Oboen- musik des Meisters eingespielt hat. Die Concerti, Triosonaten, Sonaten und die Partita Belegen Telemanns enormen Einfallsreichtum, und bieten auch klanglich Abwechslung, nicht zuletzt durch eine Vielzahl unter- schiedlicher Besetzungen, aber schlicht auch aufgrund der versierten musikalischen Gestaltung. Dazu kommt bei dieser Aufnahme noch der faszinierende Klang der Barockoboe, die derzeit wohl niemand so virtuos spielt wie Marcel Ponseele. Zu hören sind mehr als zwei Stunden (!) Programm – und keine einzige Sekunde davon habe ich mich gelangweilt. Bravi! Das ist wirklich große Kunst.

Samstag, 14. Mai 2016

Der einzige Krebs im Bache (Genuin)

Johann Ludwig Krebs (1713 bis 1780) war einer der fähigsten Schüler von Johann Sebastian Bach. Über den Lebensweg des Organisten wurde in diesem Blog bereits an anderer Stelle berichtet. Er wirkte zunächst in Zwickau und dann in Zeitz; aller- dings war er dort mit den Instrumen- ten nicht zufrieden, die ihm zur Ver- fügung standen. In der Schlosskirche Altenburg, wo Krebs 1756 Hoforga- nist wurde, konnte er auf einer Orgel von Tobias Heinrich Gottfried Trost musizieren, die dieser 1739 fertig- gestellt hatte. Sie gilt noch heute als ein vorzügliches Konzertinstrument. 
Annette Unternährer-Gfeller präsentiert auf ihrer CD bei Genuin eine Werkauswahl von der Choral-Miniatur bis zur Sonate, die Lust darauf macht, Krebs' Schaffen zu erkunden. Die international preisgekrönte Organistin spielt hinreißend; man höre nur Toccata und Fuge a-Moll gleich zu Beginn. Besonders die kurzen Werke des Orgelvirtuosen, seine Präludien und Choräle, erweisen sich als Perlen des Repertoires. Ergänzt wird das Programm durch zwei Choralbearbeitungen und eine Fantasie für obligate Orgel und Oboe; die Bläserstimme ist dabei der Part von Thomas Unternährer. 
Als Instrument für diese Einspielung hat Annette Unternährer-Gfeller die Trost-Orgel der Kirche St. Walpurgis im thüringischen Großengottern ausgewählt. Mit 22 Registern auf zwei Manualen und Pedal ist diese 1717 vollendete Orgel eine kleinere und ältere Schwester des Instrumentes in Altenburg. Sie wurde zwar mehrfach umgebaut, doch dabei blieb das originale Pfeifenwerk weitgehend erhalten, so dass bei einer umfang- reichen Restaurierung in den Jahren 1995 bis 1997 durch die Orgelbau- firma Eule der ursprüngliche Zustand annähernd wieder hergestellt werden konnte. Und der Klang dieser Orgel ist wirklich reizvoll, insofern lohnt sich das Anhören dieser Einspielung gleich doppelt. 

Montag, 7. März 2016

Dich Maria heut zu preisen (Tyxart)

Kompositionen zum Lobpreis der Gottesmutter Maria kombiniert diese CD mit Musik für Oboe und Orgel. Es musizieren Mechthild Kiendl, Sopran, Anne Dufresne, Oboe, und Norbert Düchtel, Orgel. Das Pro- gramm ist liebevoll zusammenge- stellt. Lobenswert ist sein starker Bezug auf die Region – im süddeut- schen Raum war die Marienvereh- rung im 17. und 18. Jahrhundert besonders ausgeprägt, was natürlich auch in der liturgisch-musikalischen Praxis dieser Zeit Spuren hinterlassen hat. 
So stammt die Arie, die der CD den Titel gab, aus der Lytania rurales op. 19, einer Litanei für ländliche Pfarrkirchen, von Fr. Marianus Königs- perger OSB (1708 bis 1769). Der Benediktiner lebte im Kloster Prüfening bei Regensburg. Er ist auf der CD auch mit Orgelmusik vertreten. P. Benedikt Biechteler (1689 bis 1759) studierte in der Abteil St. Gallen und trat dann in die Benediktinerabtei Wiblingen ein. Auf der CD erklingen zwei Solokantaten des Komponisten für Sopran, Oboe und Orgel aus der Sammlung 24 Marianische Antiphonen op. 2. Ebenfalls für Sopran, Melodieinstrument und Orgel schrieb P. Valentin Rathgeber (1682 bis 1750) seine marianische Antiphon Regina Coeli. Er lebte und wirkte im Kloster Banz. 
Die Kombination von Oboe und Orgel war sowohl in der Klassik als auch in der Romantik beliebt; aus dem Fundus der Originalkompositionen für diese Besetzung ausgewählt wurden für diese Einspielung die Partita I C-Dur für Oboe und obligate Orgel von Johann Wilhelm Hertel (1727 bis 1789) und das Andante Pastorale aus op. 98 von Josef Gabriel Rhein- berger (1839 bis 1901). Aus dem reichen kirchenmusikalischen Werk sind Rheinbergers sind zudem das Ave Maria op. 171, 1a sowie Orgelmusik zu hören. 
Für die Aufnahme hat Norbert Düchtel die Kirche Mariä Himmelfahrt Oberndorf/Bayern ausgewählt, die früher zum Grundbesitz des Klosters Prüfening gehörte. Sie wurde vermutlich um 1220 erbaut, und erhielt 2010 eine neue Orgel der renommierten Firma Mathis Orgelbau, im süddeut- schen barocken Stil. Düchtel ist mit diesem Instrument bestens vertraut, denn er hat das Projekt betreut und die Disposition erstellt. Die klang- schöne kleine Orgel verfügt über 14 Register auf zwei Manualen und Pedal. Mit Oboe und Sopran harmoniert sie hervorragend. 

Donnerstag, 5. November 2015

Albrecht Mayer - Bach (Deutsche Grammophon)

Die Bach-Einspielungen von Albrecht Mayer, Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker und mehrfacher Echo-Klassik-Preisträger, sind nun gesammelt beim Label Deutsche Grammophon auf einem neuen Doppelalbum erschienen. Die beiden erfolgreichen Bach-Alben Lieder ohne Worte und Bach wurden bei dieser Gelegenheit durch weitere rekonstruierte Konzerte ergänzt, so dass der Hörer einen umfassenden Eindruck von den Werken bekommt, die Johann Sebastian Bach für die Oboe geschrieben hat – und oder vielmehr geschrieben haben könnte. 
Denn auch wenn der Thomaskantor das Instrument in vielen Kantaten eingesetzt und mit hinreißenden Soli bedacht hat, ist das eigentliche Repertoire, das der Komponist für die Oboe geschaffen hat, erstaunlich klein: „Es gibt viele Oboenkonzerte von Bach“, meint Mayer, „aber kein einziges verbrieftes, echt originales Oboenkonzert.“ Um noch mehr seiner Lieblingsmelodien spielen zu können, hat Mayer aber nicht nur auf rekonstruierte Konzerte zurückgegriffen, sondern darüber hinaus auch gemeinsam mit dem Arrangeur Andreas Tarkmann etliche zusätzliche Stücke für die Oboe bearbeitet, vor allem Arien und Choräle. „Unsere Maxime war, die Arrangements so zu gestalten, dass jemand, der das sogenannte Originalrepertoire von Bach nicht im Detail kennt, unsere Arrangements für authentisch und für original von Bach halten wird“, erklärt der Musiker im Beiheft. Ein gutes Beispiel dafür ist die Erbarme dich-Arie aus der Matthäus-Passion, wo Mayer auf der Oboe d'amore gemeinsam mit dem großartigen Nigel Kennedy, der den obligaten Violinpart übernommen hat, und der Sinfonia Varsovia musiziert. 
Die berühmte Sinfonia aus dem Weihnachtsoratorium wiederum hat der Oboist gemeinsam mit Beni Araki, Cembalo und Orgelpositiv, eingespielt – und mit der modernen Studiotechnik, die es dem Musiker ermöglicht, in Personalunion sämtliche Oboenparts zu übernehmen. Mayer musiziert hier mit Mayer, überaus harmonisch und absolut perfekt – was die Aufnahme aber fast schon in die Nähe des akustischen Zuckergusses bringt. Diese Doppel-CD bietet ohnehin eine Welle an Wohlklang, die man möglicherweise wohldosiert anhören sollte, um sie wirklich genießen zu können. Mayers alleweil runder, edler Ton und seine makellose Technik aber sind grandios. Und die Partner, die sich der Musiker für die jeweiligen Einspielungen gesucht hat, begleiten ihn lebendig und mit Einfühlungs- vermögen. Wer Freude an exzellent gespielter Oboenmusik hat, der wird diese Aufnahmen lieben.

Dienstag, 14. Juli 2015

Handel: My Favourite Instrument - Concertos, Sonatas & Arias with Oboe (Accent)

Schon in seiner Jugend schätzte Georg Friedrich Händel ein Instru- ment ganz besonders: „I used to write like the Devil in those days, but chiefly for the hautbois, which was my favorite instrument“, so sagte der Komponist zu dem deutschen Flötisten Carl Friedrich Wiedemann, als dieser ihm ein Manuskript mit Triosonaten zeigte, das wohl aus Händels Hallenser Jahren stammte. Die Sympathie war wohl gegenseitig, denn die besten Solisten seiner Zeit haben Händels Werke gespielt – in Rom Ignazio Rion, in Dresden Fran- cois le Riche und Franz Richter, und in London Johann Ernst Galliard und Jean Christian Kytch. 
Xenia Löffler hat für diese CD gemeinsam mit der Sopranistin Marie Friederike Schröder und der Batzdorfer Hofkapelle ein abwechslungsrei- ches Programm zusammengestellt. Zu hören sind Konzerte – ob nun authentisch oder nicht –, Sonaten und auch vier Arien de Komponisten, in denen die Oboe mit der Sopranistin schier um die Wette singt. Musiziert wird schwungvoll und engagiert. Diese CD wird nicht nur Freunde der Barockmusik entzücken. 

Montag, 27. April 2015

Thomas Hecker Oboe (Genuin)

Die erste CD ist ein ganz besonderer Meilenstein in der künstlerischen Biographie eines Musikers. „Wie wahrscheinlich viele Debütanten bin ich die CD sehr ambitioniert und idealistisch angegangen“, meint Thomas Hecker. Der Oboist, Ge- winner des Deutschen Musikwett- bewerbs 2008 und mittlerweile Solo-Oboist des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, hat durch seine souveräne Programmgestaltung dafür gesorgt, dass diese CD auch für den Hörer zu einem Ereignis wird. Hecker kombiniert Barock und Moderne, Ernsthaftes und Unterhaltsames – von Vivaldi bis Berio, von Couperin bis Yun und von Telemann bis Jackman. Der junge Oboist musiziert mit schönem, wandlungsfähigen Ton und feinem Gespür für Nuancen. Unterstützt wird Hecker dabei von Aleke Alpermann und Mischa Meyer, Violoncello, Michael Metzler, Tambourin, Michael von Schönermann, Fagott und Raphael Alpermann, Cembalo. Das Ergebnis: Kammermusik vom Allerfeinsten! 

Mittwoch, 25. Februar 2015

Bach: New Oboe Sonatas (Berlin Classics)

Oboensonaten von Johann Sebastian Bach? Wer da erstaunt die Stirn runzelt, der hat wohl das Wörtchen „new“ übersehen. Denn der berühmte Thomaskantor hat zwar viele traum- haft schöne Partien für die Oboe geschrieben. Aber Sonaten für dieses Instrument sind von ihm leider nicht überliefert. Und so spielen Oboisten mitunter Bachs Flötensonaten – was zur Entstehungszeit dieser Werke durchaus üblich war; auch Bach selbst hat munter seine Komposi- tionen bearbeitet und bei Bedarf die Instrumentierung geändert. 
Ramón Ortega Quero, Solo-Oboist des Symphonieorchesters des Bayeri- schen Rundfunks, hat daher Bachs Kammermusik mit wachem Blick studiert – und so einige interessante Werke ausfindig gemacht, um sie auf seinem Instrument zu spielen. Die CD startet mit der Suite in c-Moll BWV 997, von der Experten annehmen, dass sie für das Lautenwerk entstanden sind, eine Art Cembalo mit einem lautenähnlichen Resonanzkörper. Diese Musik ist bereits mehrfach für andere Besetzungen bearbeitet worden; Quero hat nun eine Version für Oboe und Cembalo geschaffen, die enorm gut klingt und durchweg überzeugt. Die Sonate BWV 1034 wurde für Traversflöte und Basso continuo geschrieben. 
Die Triosonate in G-Dur BWV 1039 gibt es in derselben Tonart auch in einer Variante für Gambe. An diesem Beispiel hat sich der Flötist Henrik Wiese orientiert, und Bachs Gambensonaten sehr kompetent für die Flöte bearbeitet. Quero spielt eines dieser Werke, BWV 1029, nun auf der Oboe. Dieser Transfer funktioniert auch bei der Triosonate Nr. 3 für zwei Traversflöten und Basso continuo hervorragend. Bei diesem Stück musiziert Ramón Ortega Quero gemeinsam mit seiner Frau Tamar Inbar, die ebenfalls exzellent Oboe spielt. Es ist faszinierend, den beiden Solisten zuzuhören, denn bei aller Harmonie unterscheiden sie sich doch im Klang recht deutlich. 
Musikalische Partner bei dieser Einspielung waren Quero zudem Luise Buchberger am Barockcello und Peter Kofler am Cembalo. Das passt sehr gut, denn sie übernehmen ihren Part mit Elan, mit sehr viel Sachverstand und auch mit Temperament. Entstanden ist somit eine CD, die man wirklich gern und mit Gewinn anhört, von außergewöhnlich hoher musikalischer Qualität. Bravi!

Sonntag, 21. Juli 2013

Mozart: Oboe Concerto / Quartet / Sonata (BIS)

Wolfgang Amadeus Mozart schuf sein Oboenkonzert KV 314 vermutlich für einen Musiker der Salzburger Hofkapelle. Berühmt geworden ist damit aber ein anderer Solist: Friedrich Ramm (1744 bis 1811) war Solo-Oboist in dem berühmten Orchester des Kurfürsten Karl Theodor von der Pfalz. Mit ihm freundete sich Mozart während seines Mannheimer Aufenthaltes 1777 an, und das Konzert wurde sehr schnell, berichtete Mozart, „des Hrn. Ramm sein Cheval de bataille“.
Das Oboenquartett KV 370 schrieb der Komponist dann gezielt für diesen Musiker; es bietet dem Oboisten einerseits schöne Melodien, andererseits aber auch jede Menge virtuose Passagen, die seinerzeit nur von einem ausgesprochenen Könner vorgetragen werden konnten. Denn die Oboe, die damals gespielt wurde, unterscheidet sich von den heute gebräuchlichen Instrument ähnlich stark wie die Traversflöte der Bach-Zeit von der heute üblichen Böhm-Flöte.
Alexej Ogrintchouk, Solo-Oboist des Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam, hat für BIS obendrein noch eine Oboentranskription von Mozarts Violinsonate KV 378 eingespielt. Bei diesem letzten Stück auf der CD musiziert er gemeinsam mit dem Pianisten Leonid Ogrintchouk; das Quartett spielt er zusammen mit Boris Brovtsyn, Maxim Rysanov und Kristina Blaumane, und das Oboenkonzert mit dem Litauischen Kammerorchester. Er spielt allerdings eine moderne Oboe; die CD ist gelungen, sie wird aber, anders als Ogrintchouks Bach-Einspielung, vermutlich keinen Referenzstatus erlangen.

Freitag, 1. Februar 2013

The Romantic Oboist (Genuin)

"Das europäische 19. Jahrhundert ist aus musikalischer Sicht ein äußerst interessantes", schreibt Ramón Ortega Quero im Begleitheft zu dieser CD: "Es ist die Zeit der Rebellion und der Befreiung des Komponisten von seinen Mäzenen und Auftraggebern: Dem Adel, den Königen, Kaisern und Kirchen. Komponisten verkaufen nicht mehr ihre Seele an denjenigen, der sie bezahlt oder folgen vorgegebe- nen Ideen, sondern enthüllen ihre intimsten Emotionen und Gefühle, nehmen sich Freiheit bei der Themenfindung, bei der Form und beim Stil ihrer Werke - die Musik wird persönlicher. Der Komponist schreibt in die Partitur, was er ausdrücken muss."
Ramón Ortega Quero lädt den Hörer ein, ihn auf eine musikalische Reise durch das Europa der Romantik zu begleiten - "aus meiner Perspektive, der Sicht eines Oboisten. Hierfür habe ich verschiedene Komponisten, welche in musikalischer Hinsicht die wichtigsten Länder repräsentieren, ausgewählt, und von jedem dieser Kompo- nisten ein besonders charakteristisches Werk." Gemeinsam mit Pianistin Kateryna Titova spielt der Oboist Werke von Robert Schumann, Johann Wenzel Kalliwoda, Casimir-Théophile Lalliet und Antonio Pasculli. Immerhin zwei dieser Komponisten waren selbst Oboenvirtuosen - was auf ein erstaunliches Phänomen hinweist.  Denn für die Oboe, dieses gefühlt gefühlvollste aller Blasinstrumente, gibt es verblüffend wenig Solo-Repertoire. So haben Lalliet und Pasculli bekannte Melodien anderer Komponisten als Grundlage für Variatio- nen genutzt, die man noch heute gern hört. 
Es ist und bleibt ein Manko: Die sogenannten Romantiker haben deutlich mehr Violinkonzerte geschrieben als Werke für Oboe. Albrecht Mayer, Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker, hat auf seiner CD Schilflieder bereits einige dieser Stücke vorgestellt, darunter die Drei Romanzen op. 94 von Robert Schumann. Sie spielt auch Ramón Ortega Quero: "Drei kurze Lieder ohne Worte mit intimem Charakter und abruptem Wechsel der Emotionen - dieses Werk ist das beste originale Werk dieser Zeit für Oboe", begeistert sich der Solo-Oboist des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks. Die Drei Fantasiestücke op. 73 hingegen hat Schumann für Klarinette komponiert. Ortega Quero meint, dass aber der Oboenton für diese Musik ideal ist - der Zuhörer wird gern bestätigen, dass er zumindest eine reizvolle Alternative darstellt. 
Und wie Musiker es stets gehalten haben - seltsamerweise glauben sie aber heute, sich dafür rechtfertigen zu müssen - hat Ramón Ortega Quero auch selbst zwei Werke für die Oboe bearbeitet - das Impromp- tu op. 90 Nr. 3 von Franz Schubert und die berühmte Lenski-Arie aus Tschaikowskis Oper Eugen Onegin
Ramón Ortega Quero beeindruckt mit enormer Virtuosität und mit einem einem schönen, singenden Oboenton, der etwas kerniger erscheint als der seines Berliner Kollegen. Kateryna Titova erweist sich als brillante musikalische Partnerin. Es lohnt sich, genauer hinzuhören, denn ihr Spiel ist nuancenreich - auch wenn sie es hier dem Solisten beiordnet. Wer den Klang der Oboe schätzt, der wird diese CD lieben. 

Donnerstag, 12. Juli 2012

Devienne: Sonatas for Oboe and Basso continuo / Sonatas for Basson and Basso continuo (MDG)

Die Musik von Francois Devienne (1759 bis 1803) gehört zu meinen persönlichen Favoriten, seit ich zu ersten Mal Werke dieses Kompo- nisten im Flötenunterricht gespielt habe. Sie klingen immer gut, er- freuen mit einem Feuerwerk an musikalischen Ideen, stellen aber - wie man beim Anhören dieser CD umgehend bemerkt - technisch ge- legentlich gewisse Anforderungen. 
Der Musiker kam als eines von vielen Kindern eines Sattlers in der französischen Kleinstadt Joinville zur Welt. Ein Bruder lehrte ihn schon früh, verschiedene Instrumente zu spielen. Diesen Unterricht ergänzte dann der örtliche Organist. Seine Ausbildung setzte Devienne von 1776 bis 1778 am Hof von Zweibrücken bei seinem Paten Francois Memmi fort. 
1779 erhielt er eine Stelle als Fagottist an der Pariser Oper, und er nahm Flötenunterricht bei Félix Rault, dem Ersten Flötisten des renommierten Orchesters. Von 1780 bis 1785 stand Devienne als Kammermusiker im Dienste des Kardinals de Rohan. 1780 gab er mit einem eigenen Konzert sein Debüt als Flötist bei den Concerts Spiri- tuels. Dort stellte er auch in den darauffolgenden Jahren mit großem Erfolg immer wieder eigene Werke vor. 1791 wurde Devienne Erster Flötist der Pariser Oper. Berühmt wurde er durch seine Opern; er komponierte insgesamt zwölf Opern sowie acht Sinfonien concertan- te, 14 Flötenkonzerte, fünf Fagottkonzerte, dazu etliche Werke für Bläserensembles und sehr viel Kammermusik. 
Auch als Musikpädagoge war Devienne sehr gefragt; er unterrichtete an der Musikschule der Garde Nationale, die 1795 den Namen Con- servatoire de musique erhielt. Für seine Schüler schrieb er ein be- deutendes Unterrichtswerk, die Nouvelle Méthode théorique et pratique pour la flûte. Doch der Musiker hatte wenig Gelegenheit, seinen Ruhm zu genießen. 1803 wurde Devienne als Patient in die Nervenklinik von Charenton gebracht, wo er wenig später starb.
In seinen Werken spürt man Vorbilder wie Haydn, Stamitz und Mo- zart, Einflüsse, die Devienne in die französische Tradition integriert hat. Seine Werke sind stets elegant, graziös, ja, tänzerisch und voll Anmut. Sie geben sich schlicht - doch schaut man genauer hin, so erweist sich, wie enorm kunstvoll diese Stücke gestaltet wurden. Auf dieser Doppel-CD sind die sechs Sonaten für Oboe op. 70 und 71 versammelt, sowie drei der Sonaten für Fagott op. 24. Sie sind musi- kalisch außerordentlich abwechslungsreich und zudem technisch anspruchsvoll. Obwohl Devienne formal die "alte" Besetzung mit Solo-Instrument und Basso continuo wählte, sind diese Werke nur noch scheinbar "empfindsam". Sie überraschen durch kühne harmonische Lösungen und einen ausgeprägten, ganz persönlichen Stil. 
Ingo Goritzki, Oboe, und Sergio Azzolini, Fagott, präsentieren diese hübschen, aber auch virtuosen Werke mit offenkundiger Spielfreude. Den Continuo-Part übernehmen Musiker des Ensembles Villa Musica. Zu hören sind Diego Cantalupi, Laute, Ilze Grudule, Violoncello, Sergio Azzolini und Ai Ikeda, Fagott, sowie Kristian Nyquist am Hammerklavier. Über die Qualität dieser Aufnahmen muss man weiter nichts sagen - der Name Dabringhaus und Grimm steht hier einmal mehr für exzellente Einspielungen mit herausragenden Musikern.