Benjamin Schmid feierte dieser Tage seinen 50. Geburtstag – und Oehms Classics würdigte den Musiker mit einer 20-CD-Edition. Sie erweist sich als faszinierendes Porträt eines Geigers, der seine Virtuosität stets in den Dienst des Ausdrucks stellt. Selbst wenn er Virtuosenliteratur spielt, wird daraus niemals eine Zirkusnummer; Schmid beherrscht die Technik derart souverän, dass er sie nicht zur Schau stellen muss.
Seine musikalischen Interessen sind weit gespannt. So finden sich in dieser Box Aufnahmen etlicher bedeutender Violinkonzerte, von Felix Mendelssohn Bartholdy bis zu Karol Szymanowski, von Johannes Brahms bis zu Karl Goldmark und von Antonio Vivaldi bis Erich Korngold. Auch das Violinkonzert von Peter Tschaikowski und die Romanze op. 11 von Antonín Dvořák sind zu hören.
Die drei Violinsonaten op. 30 von Ludwig van Beethoven hat Benjamin Schmid gemeinsam mit Alfredo Perl eingespielt, und ausgewählte Sonaten für Klavier und Violine von Wolfgang Amadeus Mozart zusammen mit seiner Frau, der Pianistin Ariane Haering.
Zwei bislang unveröffentlichte Aufnahmen verweisen auf die Favoriten des Jubilars: My Favourite Paganini und Bach: Reflected. Große Bedeutung für den Violinisten haben insbesondere die Werke Johann Sebastian Bachs, die in der Box umfassend vertreten sind, wobei Schmid die Sonaten und Partiten für Violine solo durch die 6 Sonaten für Solovioline op. 27 von Eugène Ysaÿe kontrastiert. Außerdem schätzt Schmid die Musik von Niccolò Paganini, die er gern in den legendären Arrangements von Fritz Kreisler vorträgt.
Kreislers Virtuosenstücke nimmt der Geiger auch als Anlass und Ausgangspunkt zu einem inspiriert beswingten Ausflug in Richtung Jazz. Auch Bach: Reflected zeigt, dass sich der Geiger in der Welt der Improvisation durchaus zu Hause fühlt. Und Hommage à Grappelli führt direkt in die Tradition der großen Vorbilder Stephane Grapelli und Django Reinhardt. Benjamin Schmid erweist sich auch im Reich der eher jazzigen Klänge als ein Souverän. Wir gratulieren!
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Montag, 8. Oktober 2018
Sonntag, 5. November 2017
Hommage à Fritz Kreisler (BMC)
„Only a few weeks ago you recorded your last album with Barnabás Kelemen: Fritz Kreisler's pieces for violin and piano. Even there, you are teaching. In your hands, pieces we used to pass with a shrug of the shoulders have become diamonds... (Perhaps they are?)“, sagte György Kurtág im November 2016 auf einer Veranstaltung im Gedenken an den kurz zuvor verstorbenen Zoltán Kocsis.
Mit ihm verlor die Musikwelt einen zu Recht hoch angesehenen Pianisten. Wie groß dieser Verlust ist, davon vermittelt diese CD mit den oben genannten Werken für Violine und Klavier von Fritz Kreisler (1875 bis 1962) einen starken Eindruck. Nicht umsonst merkt Kocsis im Beiheft zu dieser CD an, dass Kreisler nicht nur der König aller Geiger, sondern obendrein auch ein exzellenter Pianist war.
Kocsis kennt all die historischen Aufnahmen, auf denen Kreisler mit seinem charakteristischen Geigenton zu hören ist. Und er bedauert, dass der Klavierpart üblicherweise nicht angemessen interpretiert wird: „Bis auf einige wenige erfrischende Ausnahmen sind die Piano-Matadore bei seinen Aufnahmen mittelmäßig bis schlecht“, meint Kocsis in seinen Anmerkungen zu dieser neuen Einspielung. „Der Aufnahmetechnik jener Zeit kann man nicht die Schuld geben an verspäteten Einsätzen, ungeschicktem Umgang mit dem Pedal, einem Mangel an Balance im Klavierpart, oder an all den anderen Details, die dem heutigen Zuhörer das Gefühl geben, dass dieses Violinspiel weit bessere Begleitung und bessere Begleiter verdient.“
Zoltán Kocsis zeigt, wie Kreisler klingen kann, wenn man diese Musik tatsächlich ernst nimmt. Der Pianist hat ausgewählte Werke des Violinvirtuosen gemeinsam mit seinem regelmäßigen Kammermusik- partner, dem Geiger Barnabás Kelemen, eingespielt – und dabei die Stücke sorgfältig gearbeitet. Das Ergebnis ist phänomenal. Unbedingt anhören!
Mit ihm verlor die Musikwelt einen zu Recht hoch angesehenen Pianisten. Wie groß dieser Verlust ist, davon vermittelt diese CD mit den oben genannten Werken für Violine und Klavier von Fritz Kreisler (1875 bis 1962) einen starken Eindruck. Nicht umsonst merkt Kocsis im Beiheft zu dieser CD an, dass Kreisler nicht nur der König aller Geiger, sondern obendrein auch ein exzellenter Pianist war.
Kocsis kennt all die historischen Aufnahmen, auf denen Kreisler mit seinem charakteristischen Geigenton zu hören ist. Und er bedauert, dass der Klavierpart üblicherweise nicht angemessen interpretiert wird: „Bis auf einige wenige erfrischende Ausnahmen sind die Piano-Matadore bei seinen Aufnahmen mittelmäßig bis schlecht“, meint Kocsis in seinen Anmerkungen zu dieser neuen Einspielung. „Der Aufnahmetechnik jener Zeit kann man nicht die Schuld geben an verspäteten Einsätzen, ungeschicktem Umgang mit dem Pedal, einem Mangel an Balance im Klavierpart, oder an all den anderen Details, die dem heutigen Zuhörer das Gefühl geben, dass dieses Violinspiel weit bessere Begleitung und bessere Begleiter verdient.“
Zoltán Kocsis zeigt, wie Kreisler klingen kann, wenn man diese Musik tatsächlich ernst nimmt. Der Pianist hat ausgewählte Werke des Violinvirtuosen gemeinsam mit seinem regelmäßigen Kammermusik- partner, dem Geiger Barnabás Kelemen, eingespielt – und dabei die Stücke sorgfältig gearbeitet. Das Ergebnis ist phänomenal. Unbedingt anhören!
Dienstag, 30. Mai 2017
Short Stories (Genuin)
Den sogenannten Encores widmete Mark Schumann seine Debüt-CD bei Genuin. Gemeinsam mit dem Pianisten Martin Klett hat der Cellist eine Auswahl jener kurzen Stücke eingespielt, die heute typischerweise als Zugaben nach einem Konzert erklingen.
Mit dieser Aufnahme zeigen die beiden Musiker, dass die kleinen Musikstücke deutlich mehr Potential haben: „In vielen kurzen Werken findet sich jedoch weit mehr, wenn man sich nur die Zeit nimmt, genauer hinzusehen, respektive zu hören. Manch schlicht Melodie entpuppt sich so in ihrer zwingenden Einfachheit als Brennglas, das den Blick für die Wahrheit und Schönheit des Seins schärft“, meint Mark Schumann. „In gleichem Maße erzählt auch manch virtuoser Cellospielertrick weit mehr, als es der Grad an sportlicher Betätigung auf dem Instrument vermuten lässt.“
Und so zeigen die beiden Musiker auf dieser CD, dass Ausdruck und Virtuosität durchaus kein Widerspruch sein müssen. Von Niccolò Paganini bis zu Carl Davidoff, von Joseph Haydn bis zu Gabriel Fauré und von Fritz Kreisler bis zu David Popper reicht das Programm, und vom elegischen Chopin-Nocturne bis zum rasanten spanischen Tanz.
Die Wahl des Titels ist keineswegs Zufall. Mark Schumann erzählt mit seinem Cellospiel in der Tat Kurzgeschichten. Dazu haben die beiden Musizierpartner jedes dieser kleinen Stücke mit großer Sorgfalt gearbeitet. So sind feinste Nuancen möglich. Nicht umsonst heißt es, das Violoncello sei das Instrument, das der menschlichen Stimme am nächsten komme. Entstanden ist ein Album für Genießer, mit schön geführten Linien, faszinierenden Klangfarben, sehr viel Abwechslung, und gelegentlich auch einem charmanten Augenzwinkern. Meine Empfehlung!
Mit dieser Aufnahme zeigen die beiden Musiker, dass die kleinen Musikstücke deutlich mehr Potential haben: „In vielen kurzen Werken findet sich jedoch weit mehr, wenn man sich nur die Zeit nimmt, genauer hinzusehen, respektive zu hören. Manch schlicht Melodie entpuppt sich so in ihrer zwingenden Einfachheit als Brennglas, das den Blick für die Wahrheit und Schönheit des Seins schärft“, meint Mark Schumann. „In gleichem Maße erzählt auch manch virtuoser Cellospielertrick weit mehr, als es der Grad an sportlicher Betätigung auf dem Instrument vermuten lässt.“
Und so zeigen die beiden Musiker auf dieser CD, dass Ausdruck und Virtuosität durchaus kein Widerspruch sein müssen. Von Niccolò Paganini bis zu Carl Davidoff, von Joseph Haydn bis zu Gabriel Fauré und von Fritz Kreisler bis zu David Popper reicht das Programm, und vom elegischen Chopin-Nocturne bis zum rasanten spanischen Tanz.
Die Wahl des Titels ist keineswegs Zufall. Mark Schumann erzählt mit seinem Cellospiel in der Tat Kurzgeschichten. Dazu haben die beiden Musizierpartner jedes dieser kleinen Stücke mit großer Sorgfalt gearbeitet. So sind feinste Nuancen möglich. Nicht umsonst heißt es, das Violoncello sei das Instrument, das der menschlichen Stimme am nächsten komme. Entstanden ist ein Album für Genießer, mit schön geführten Linien, faszinierenden Klangfarben, sehr viel Abwechslung, und gelegentlich auch einem charmanten Augenzwinkern. Meine Empfehlung!
Samstag, 31. Dezember 2016
Yehudi Menuhin - Paul Coker Live (Doron)
Noch eine weitere Aufnahme mit Yehudi Menuhin (1916 bis 1999) – es handelt sich dabei um Mitschnitte von Konzerten, die der große Geiger bereits hochbetagt gegeben hat. Die Klaviersonaten von Johannes Brahms op. 78 und César Franck wurden 1983 in Bern aufgezeichnet; beide Werke gehörten zu den Lieblingsstücken Menuhins. Ergänzt wird die CD durch zwei Zugaben – Pièce en forme de Habanera von Maurice Ravel, in einem Mitschnitt aus Minneapolis, entstanden 1986, und Liebesleid von Fritz Kreisler, in einem Mitschnitt aus der Oper Sydney aus dem Jahre 1988.
Menuhins Schwester Hephzibah, die eine exzellente Pianistin war und ihren Bruder oftmals im Konzert begleitet hat, war 1981 nach längerer Krankheit gestorben. 1980 bat der Geiger daher den jungen Paul Coker, einen Absolventen der Yehudi Menuhin School, mit ihm ein Konzert in London zu spielen. Im Beiheft zu dieser CD erinnert sich der Pianist, wie er an diesem Abend – und noch vielen nachfolgenden – mit extrem wenig Probenzeit zurechtkommen musste. Die Bedingungen waren oftmals schwierig, so Coker: „We once ,rehearsed' the Bartok rumanian dances on a plane, Menuhin singing and me listening and nodding, and in Bombay I told him that it was a secret wish of mine to play Ravel's Tzigane with him, and he suggested we play in that night for an encore... which we did.“
Die letzten zehn Jahre von Menuhins Konzertkarriere war Paul Coker der ständige Klavierbegleiter des Geigers, „playing more or less the whole sonata repertoire together in almost every corner of the world“, so schreibt er im Beiheft. Auf dieser CD ist, für meinen Geschmack, das Klavier mitunter zu stark im Vordergrund zu hören. Aber Yehudi Menuhin beeindruckt dennoch mit seinem Geigenspiel; er musiziert ausdruckssstark nicht zuletzt in den dramatischen Passagen und unglaublich elegant in den beiden Zugaben. Kein Wunder, dass das Publikum, als es nach einigen wenigen Tönen Liebesleid erkennt, spontan in Jubel ausbricht.
Menuhins Schwester Hephzibah, die eine exzellente Pianistin war und ihren Bruder oftmals im Konzert begleitet hat, war 1981 nach längerer Krankheit gestorben. 1980 bat der Geiger daher den jungen Paul Coker, einen Absolventen der Yehudi Menuhin School, mit ihm ein Konzert in London zu spielen. Im Beiheft zu dieser CD erinnert sich der Pianist, wie er an diesem Abend – und noch vielen nachfolgenden – mit extrem wenig Probenzeit zurechtkommen musste. Die Bedingungen waren oftmals schwierig, so Coker: „We once ,rehearsed' the Bartok rumanian dances on a plane, Menuhin singing and me listening and nodding, and in Bombay I told him that it was a secret wish of mine to play Ravel's Tzigane with him, and he suggested we play in that night for an encore... which we did.“
Die letzten zehn Jahre von Menuhins Konzertkarriere war Paul Coker der ständige Klavierbegleiter des Geigers, „playing more or less the whole sonata repertoire together in almost every corner of the world“, so schreibt er im Beiheft. Auf dieser CD ist, für meinen Geschmack, das Klavier mitunter zu stark im Vordergrund zu hören. Aber Yehudi Menuhin beeindruckt dennoch mit seinem Geigenspiel; er musiziert ausdruckssstark nicht zuletzt in den dramatischen Passagen und unglaublich elegant in den beiden Zugaben. Kein Wunder, dass das Publikum, als es nach einigen wenigen Tönen Liebesleid erkennt, spontan in Jubel ausbricht.
Montag, 19. September 2016
Daniel_Röhn - The_Kreisler_Story (Berlin Classics)
Daniel Röhn enstammt einer Musikerdynastie: Sein Großvater Erich Röhn war Konzertmeister bei den Berliner Philharmonikern, sein Vater Andreas Röhn musizierte als Konzertmeister im Symphonie- orchester des Bayerischen Rund- funks, seine Mutter ist Pianistin, und seine Schwester Anja ist ebenfalls eine erfolgreiche Geigerin.
Schon mit 14 Jahren begann er sein Studium an der Münchner Musik- hochschule. Gelernt hat er freilich auch anderswo: „Einer meiner besten Lehrer war der Plattenschrank meiner Eltern“, merkt der junge Geiger an: „Das meiste habe ich mir bei den Kreislers und Heifetzes einfach abgelauscht.“ Röhn klingt tatsächlich ein wenig wie die alten Meister; allerdings hat er ihr Spiel nicht einfach kopiert, sondern einen eindrucksvollen, ganz eigenen Ton entwickelt. Dieser ist überraschend warm und beredt, aber nicht ganz so breit und so gestisch wie beispielsweise der Kreislers.
Von dem berühmten Kollegen hat Daniel Röhn auch in Sachen Marketing offenbar einiges gelernt. Denn Fritz Kreisler hat erstaunlich viele kurze Stücke geschrieben – und sie auch gleich selbst für die Schallplatte eingespielt, die in ihren frühen Jahren bekanntlich nur wenige Minuten Laufzeit hatte. Röhn gelingt es, mit diesen Miniaturen ein Publikum zu begeistern, das sonst sicherlich eher nicht ins Konzert geht. In das Programm hat er allerdings auch einige Werke anderer Komponisten mit „hineingeschmuggelt“, wie zwei Capricen und ein Moto Perpetuo von Paganini, Tartinis berühmte Teufelstriller-Sonate, zwei Capricen von Wieniawski oder eine Partita von Bach – in den virtuosen Bearbeitungen von Fritz Kreisler, selbstverständlich.
Im Originalklang-Zeitalter ist das ziemlich mutig; normalerweise präsentieren sich Geiger heutzutage mit einem Repertoire, das in erster Linie aus drei Dutzend mehr oder minder bekannter Konzerte besteht, beginnend bei Bach und Vivaldi, und endend allerspätestens bei Schostakowitsch. Wenn Kammermusik gespielt wird, dann Sonaten; was nach Salonmusik klingt, das hat seinen Platz im Konzertsaal, maximal, unter den Zugaben.
Röhn setzt sich über diese Konventionen hinweg. Zwar hat auch er bereits Violinkonzerte von Mendelssohn, Berg und Sibelius eingespielt. Doch dann widmete er ein weiteres Album virtuosen Piècen, beispielsweise der Carmen-Suite von Waxman. Und nun folgt dieses Kreisler-Programm, das Virtuosität und Ausdruck elegant kombiniert. Mit dem Pianisten Paul Rivinius hat Daniel Röhn dabei den perfekten Partner an seiner Seite.
„Wenn ich Kreisler höre, habe ich manchmal das Gefühl, direkt von ihm angesprochen zu werden“, schreibt der Geiger. „Musiker sollen erzählen, predigen, manchmal vielleicht nur ein einziges Wort. Leichter gesagt als getan, Kreisler konnte es. Er holte mit dem Bogen schöne Worte aus der Geige. Auf eine Weise, die ihn von allen anderen Geigern unterschied, auch von jenen, die ihm technisch eigentlich überlegen waren.“
Schon mit 14 Jahren begann er sein Studium an der Münchner Musik- hochschule. Gelernt hat er freilich auch anderswo: „Einer meiner besten Lehrer war der Plattenschrank meiner Eltern“, merkt der junge Geiger an: „Das meiste habe ich mir bei den Kreislers und Heifetzes einfach abgelauscht.“ Röhn klingt tatsächlich ein wenig wie die alten Meister; allerdings hat er ihr Spiel nicht einfach kopiert, sondern einen eindrucksvollen, ganz eigenen Ton entwickelt. Dieser ist überraschend warm und beredt, aber nicht ganz so breit und so gestisch wie beispielsweise der Kreislers.
Von dem berühmten Kollegen hat Daniel Röhn auch in Sachen Marketing offenbar einiges gelernt. Denn Fritz Kreisler hat erstaunlich viele kurze Stücke geschrieben – und sie auch gleich selbst für die Schallplatte eingespielt, die in ihren frühen Jahren bekanntlich nur wenige Minuten Laufzeit hatte. Röhn gelingt es, mit diesen Miniaturen ein Publikum zu begeistern, das sonst sicherlich eher nicht ins Konzert geht. In das Programm hat er allerdings auch einige Werke anderer Komponisten mit „hineingeschmuggelt“, wie zwei Capricen und ein Moto Perpetuo von Paganini, Tartinis berühmte Teufelstriller-Sonate, zwei Capricen von Wieniawski oder eine Partita von Bach – in den virtuosen Bearbeitungen von Fritz Kreisler, selbstverständlich.
Im Originalklang-Zeitalter ist das ziemlich mutig; normalerweise präsentieren sich Geiger heutzutage mit einem Repertoire, das in erster Linie aus drei Dutzend mehr oder minder bekannter Konzerte besteht, beginnend bei Bach und Vivaldi, und endend allerspätestens bei Schostakowitsch. Wenn Kammermusik gespielt wird, dann Sonaten; was nach Salonmusik klingt, das hat seinen Platz im Konzertsaal, maximal, unter den Zugaben.
Röhn setzt sich über diese Konventionen hinweg. Zwar hat auch er bereits Violinkonzerte von Mendelssohn, Berg und Sibelius eingespielt. Doch dann widmete er ein weiteres Album virtuosen Piècen, beispielsweise der Carmen-Suite von Waxman. Und nun folgt dieses Kreisler-Programm, das Virtuosität und Ausdruck elegant kombiniert. Mit dem Pianisten Paul Rivinius hat Daniel Röhn dabei den perfekten Partner an seiner Seite.
„Wenn ich Kreisler höre, habe ich manchmal das Gefühl, direkt von ihm angesprochen zu werden“, schreibt der Geiger. „Musiker sollen erzählen, predigen, manchmal vielleicht nur ein einziges Wort. Leichter gesagt als getan, Kreisler konnte es. Er holte mit dem Bogen schöne Worte aus der Geige. Auf eine Weise, die ihn von allen anderen Geigern unterschied, auch von jenen, die ihm technisch eigentlich überlegen waren.“
Freitag, 27. Mai 2016
Kreisler - Zimbalist; String Quartets; Ysaye: Harmonies du soir (Naxos)
Da wir gerade bei den Altmeistern des Geigenspiels waren – bei Naxos ist vor einiger Zeit eine CD erschienen, die nachdrücklich darauf aufmerksam macht, dass vor noch gar nicht übermäßig langer Zeit viele Musiker auch komponierten. Von Fritz Kreisler (1875 bis 1962) ist bekannt, dass er für seine Konzertprogramme zahlreiche Charakterstücke geschrieben hat. Weniger bekannt ist, dass er auch gewichtige Werke, wie Violinkonzerte, geschaffen hat. Auf dieser CD erklingt sein Streichquartett in a-Moll, gespielt vom Fine Arts Quartet, das sich dabei stark an dem unverkennbaren Kreisler-Sound orientierte.
Zu den von Kreisler sehr geschätzten Kollegen gehörte Efrem Zimbalist (1890 bis 1985). Er studierte in St. Petersburg bei Leopold Auer, und gab 1907 sein erstes Konzert in Berlin. Nach diversen Konzertreisen durch Europa ging er 1911 in die USA, wo er ebenfalls sehr erfolgreich konzer- tierte. 1940 übernahm er die Leitung des Curtis Institute of Music in Philadelphia, wo er bis 1968 Direktor war und mehr als 70 Geiger unter- richtete, darunter Jascha Brodsky, Daniel Heifetz und Shmuel Ashkena- si. Zimbalist hat ebenfalls etliche Werke geschaffen; sein farbenreiches Streichquartett in e-Moll schrieb er im Jahre 1931. Hier ist es in der überarbeiteten Fassung aus dem Jahre 1959 zu hören.
Eugène Ysaÿe (1858 bis 1931) wurde sowohl von Fritz Kreisler als auch von Efrem Zimbalist verehrt. Er war, wie Efrem Zimbalist, der Sohn eines Dirigenten, und musizierte ebenfalls schon in jungen Jahren im Orchester seines Vaters. Seine Ausbildung erhielt er zuächst am Königlichen Konser- vatorium in Lüttich, und später dann als Student bei Henryk Wieniawski in Brüssel und bei Henry Vieuxtemps in Paris. Er war Virtuose und Kompo- nist; außerdem Geigenlehrer und Ratgeber der belgischen Königin. 1937 rief sie einen internationalen Musikwettbewerb aus; er trägt heute den Namen Concours Musical Reine Elisabeth und genießt weltweit ein hohes Renommée.
Für Königin Elisabeth komponierte Ysaÿe Harmonies du soir op. 31, ursprünglich ebenfalls ein Streichquartett. Es ist kaum zu glauben, aber dieses atmosphärisch dichte Stück erklingt auf dieser CD, ebenso wie jenes von Zimbalist, in Weltersteinspielung. Das Fine Arts Quartet musiziert dabei gemeinsam mit dem Philharmonic Orchestra of Europe unter Otis Klöber; es fügt sich dezent in den Orchesterklang ein.
Zu den von Kreisler sehr geschätzten Kollegen gehörte Efrem Zimbalist (1890 bis 1985). Er studierte in St. Petersburg bei Leopold Auer, und gab 1907 sein erstes Konzert in Berlin. Nach diversen Konzertreisen durch Europa ging er 1911 in die USA, wo er ebenfalls sehr erfolgreich konzer- tierte. 1940 übernahm er die Leitung des Curtis Institute of Music in Philadelphia, wo er bis 1968 Direktor war und mehr als 70 Geiger unter- richtete, darunter Jascha Brodsky, Daniel Heifetz und Shmuel Ashkena- si. Zimbalist hat ebenfalls etliche Werke geschaffen; sein farbenreiches Streichquartett in e-Moll schrieb er im Jahre 1931. Hier ist es in der überarbeiteten Fassung aus dem Jahre 1959 zu hören.
Eugène Ysaÿe (1858 bis 1931) wurde sowohl von Fritz Kreisler als auch von Efrem Zimbalist verehrt. Er war, wie Efrem Zimbalist, der Sohn eines Dirigenten, und musizierte ebenfalls schon in jungen Jahren im Orchester seines Vaters. Seine Ausbildung erhielt er zuächst am Königlichen Konser- vatorium in Lüttich, und später dann als Student bei Henryk Wieniawski in Brüssel und bei Henry Vieuxtemps in Paris. Er war Virtuose und Kompo- nist; außerdem Geigenlehrer und Ratgeber der belgischen Königin. 1937 rief sie einen internationalen Musikwettbewerb aus; er trägt heute den Namen Concours Musical Reine Elisabeth und genießt weltweit ein hohes Renommée.
Für Königin Elisabeth komponierte Ysaÿe Harmonies du soir op. 31, ursprünglich ebenfalls ein Streichquartett. Es ist kaum zu glauben, aber dieses atmosphärisch dichte Stück erklingt auf dieser CD, ebenso wie jenes von Zimbalist, in Weltersteinspielung. Das Fine Arts Quartet musiziert dabei gemeinsam mit dem Philharmonic Orchestra of Europe unter Otis Klöber; es fügt sich dezent in den Orchesterklang ein.
Mittwoch, 11. Mai 2016
Die Singphoniker: Georg Kreisler (Oehms Classics)
Die Lieder von Georg Kreisler kommen eigentlich ganz harmlos daher, hört man nur auf die Melodie. Doch der Text ist hier entscheidend – und der trieft geradezu von raben- schwarzem Humor. Die Singphoniker haben bekannte Werke des Wiener Originals für ihr Ensemble arran- giert; das Programm ist jüngst bei Oehms Classics auf CD erschienen.
Ein bisschen enttäuscht wird man feststellen: Das klingt alles sehr zahm, sehr brav und sehr glatt, gerade weil es brillant gesungen wird. Wer Georg Kreisler schätzt, der sollte sich diese Aufnahme nicht unbedingt antun – wer aber die Sing- phoniker hören möchte, der wird sicherlich begeistert sein.
Ein bisschen enttäuscht wird man feststellen: Das klingt alles sehr zahm, sehr brav und sehr glatt, gerade weil es brillant gesungen wird. Wer Georg Kreisler schätzt, der sollte sich diese Aufnahme nicht unbedingt antun – wer aber die Sing- phoniker hören möchte, der wird sicherlich begeistert sein.
Freitag, 30. Oktober 2015
Kreisler: The complete recordings 6 (Naxos)
Fritz Kreisler (1875 bis 1962) war der Sohn eines Wiener Arztes. Den ersten Violinunterricht erhielt er im Alter von vier Jahren von seinem Vater. Bereits als Siebenjähriger durfte er Unterricht am Konservatorium nehmen. Dort lernte er bei Josef Hellmesberger jr. (Violine) und Anton Bruckner (Musiktheorie). Drei Jahre später wechselte er an das Pariser Konservatorium, wo er 1887, mit gerade einmal zwölf Jahren, mit dem Premier Prix ausgezeichnet wurde.
Ein Jahr später ging Kreisler bereits auf seine erste Konzertreise durch die USA. Nach seiner Rückkehr trat er zum Probespiel bei den Wiener Philharmonikern an. Diese Bewerbung scheiterte, weil der junge Musiker nicht sicher vom Blatt spielen konnte. Daraufhin gab Kreisler die Musik auf, und studierte erst Medizin, dann Malerei – und fing schließlich doch wieder an, Geige zu spielen. 1898 debütierte er in Wien, 1899 unter Arthur Nikisch bei den Berliner Philhar- monikern.
Kreisler war als Solist bald sehr gefragt und daher auch sehr viel unter- wegs. Dennoch fand er die Zeit für ein damals neues Medium: In den Jahren 1904 bis 1946 spielte Kreisler mehrere hundert Schallplatten ein. Diese Aufnahmen trägt nun Naxos in mühevoller Kleinarbeit zusammen – CD 6, kürzlich erschienen, enthält Einspielungen aus den Jahren 1924 und 1925, aufgezeichnet im Studio Camden von Victor Talking Machine Co. Es sind sehr unterschiedliche Werke – von der Canzonetta aus Tschaikowskis Violinkonzert über Pierrots Tanzlied aus Korngolds Oper Die tote Stadt bis hin zu Ombra mai fu aus Händels Xerxes oder einem Slawischen Tanz von Dvorak. In jedem Falle aber bezaubern diese klingenden Dokumente durch ihren ganz eigenen Charme. Kreislers Geigenspiel ist von einer ganz erstaunlichen Intensität; sein ausdrucksstarker, „sprechender“ Ton beeindruckt noch heute und lässt einen über Details hinweghören, die heute kein Geiger mehr so anbieten könnte. Wer sich für Musikgeschichte interessiert, der sollte diese Aufnahmen kennen.
Ein Jahr später ging Kreisler bereits auf seine erste Konzertreise durch die USA. Nach seiner Rückkehr trat er zum Probespiel bei den Wiener Philharmonikern an. Diese Bewerbung scheiterte, weil der junge Musiker nicht sicher vom Blatt spielen konnte. Daraufhin gab Kreisler die Musik auf, und studierte erst Medizin, dann Malerei – und fing schließlich doch wieder an, Geige zu spielen. 1898 debütierte er in Wien, 1899 unter Arthur Nikisch bei den Berliner Philhar- monikern.
Kreisler war als Solist bald sehr gefragt und daher auch sehr viel unter- wegs. Dennoch fand er die Zeit für ein damals neues Medium: In den Jahren 1904 bis 1946 spielte Kreisler mehrere hundert Schallplatten ein. Diese Aufnahmen trägt nun Naxos in mühevoller Kleinarbeit zusammen – CD 6, kürzlich erschienen, enthält Einspielungen aus den Jahren 1924 und 1925, aufgezeichnet im Studio Camden von Victor Talking Machine Co. Es sind sehr unterschiedliche Werke – von der Canzonetta aus Tschaikowskis Violinkonzert über Pierrots Tanzlied aus Korngolds Oper Die tote Stadt bis hin zu Ombra mai fu aus Händels Xerxes oder einem Slawischen Tanz von Dvorak. In jedem Falle aber bezaubern diese klingenden Dokumente durch ihren ganz eigenen Charme. Kreislers Geigenspiel ist von einer ganz erstaunlichen Intensität; sein ausdrucksstarker, „sprechender“ Ton beeindruckt noch heute und lässt einen über Details hinweghören, die heute kein Geiger mehr so anbieten könnte. Wer sich für Musikgeschichte interessiert, der sollte diese Aufnahmen kennen.
Sonntag, 24. Mai 2015
Recital for Cello & Piano (Oehms Classics)
Wen-Sinn Yang, Professor für Violoncello an der Hochschule für Musik und Theater München, präsentiert hier gemeinsam mit dem Pianisten Adrian Oetiker, der ebenfalls an dieser Hochschule lehrt, ein perfektes Konzertprogramm. Man glaubt es kaum, doch diese Aufnahmen sind im Studio 2 des Bayerischen Rundfunks entstanden.
Drei bedeutende Werke spielen die beiden Musiker – die Sonatine für Violoncello und Klavier von Zoltán Kodály (1882 bis 1967), die Arpeggione-Sonate D 821 von Franz Schubert (1797 bis 1828) und die Sonate für Pianoforte und Violoncello b-Moll op. 8 von Ernst von Dohnányi (1877 bis 1960).
Kodály verknüpft in seiner Sonatine ungarische Melodien mit französi- schem Esprit. Dieses eigenwillige Werk, dahingetupft im Stile des Impressionismus, hält im Dialog der beiden Instrumente so manche Überraschung für den Hörer bereit. Bekannter ist die Sonate, die Franz Schubert einst für ein neues Streichinstrument geschrieben hat. Der Arpeggione, offenbar eine Kreuzung aus Gitarre und Cello, konnte sich nicht durchsetzen – Schuberts Musik aber wird sowohl von den Bratschern als auch von den Cellisten sehr geschätzt. Yang macht dieses Werk zum Ereignis; sein Cello-Ton ist wundervoll, unverkennbar, eher schlank und hell.
Durch Beethoven und Brahms inspiriert ist die Sonate von Dohnányi. Und weil zu einem Konzert natürlich auch Zugaben gehören, spielen die beiden Musiker dann noch, ganz klassisch, das Tambourin chinois op. 3 von Fritz Kreisler 1875 bis 1926), eine Bearbeitung der bekannten Melodie des Figaro aus Rossinis Barbier von Sevilla von Mario Castelnuovo-Tedesco (1895 bis 1968) und die Feldeinsamkeit op. 86 Nr. 2 von Johannes Brahms (1833 bis 1897).
Drei bedeutende Werke spielen die beiden Musiker – die Sonatine für Violoncello und Klavier von Zoltán Kodály (1882 bis 1967), die Arpeggione-Sonate D 821 von Franz Schubert (1797 bis 1828) und die Sonate für Pianoforte und Violoncello b-Moll op. 8 von Ernst von Dohnányi (1877 bis 1960).
Kodály verknüpft in seiner Sonatine ungarische Melodien mit französi- schem Esprit. Dieses eigenwillige Werk, dahingetupft im Stile des Impressionismus, hält im Dialog der beiden Instrumente so manche Überraschung für den Hörer bereit. Bekannter ist die Sonate, die Franz Schubert einst für ein neues Streichinstrument geschrieben hat. Der Arpeggione, offenbar eine Kreuzung aus Gitarre und Cello, konnte sich nicht durchsetzen – Schuberts Musik aber wird sowohl von den Bratschern als auch von den Cellisten sehr geschätzt. Yang macht dieses Werk zum Ereignis; sein Cello-Ton ist wundervoll, unverkennbar, eher schlank und hell.
Durch Beethoven und Brahms inspiriert ist die Sonate von Dohnányi. Und weil zu einem Konzert natürlich auch Zugaben gehören, spielen die beiden Musiker dann noch, ganz klassisch, das Tambourin chinois op. 3 von Fritz Kreisler 1875 bis 1926), eine Bearbeitung der bekannten Melodie des Figaro aus Rossinis Barbier von Sevilla von Mario Castelnuovo-Tedesco (1895 bis 1968) und die Feldeinsamkeit op. 86 Nr. 2 von Johannes Brahms (1833 bis 1897).
Samstag, 4. Mai 2013
Virtuoso Violin Works (Genuin)
Elina Rubio Pentcheva, die Solistin dieser CD, Jahrgang 1996, erhielt schon als Kleinkind ersten Violin- unterricht bei ihrer Mutter Tania Pentcheva Boneva. Später war Roberto Valdés ihr Lehrer.
Bereits mit neun Jahren gewann sie den Violinwettbewerb San Andreu de la Barca in Barcelona. Viele weitere Siege und Platzierungen folgten. Seit 2010 studiert Elina Rubio als jüngste Studentin Sachsens an der Musikhochschule in Dresden bei Professor Igor Mali- nowsky. Mittlerweile hat sie zudem in vielen Konzerten Erfahrung erworben.
Für ihre Debüt-CD bei Genuin hat die junge Musikerin Virtuosen- literatur ausgewählt und gemeinsam mit dem Pianisten Graham Jackson eingespielt. Die Aufnahmen erweisen sich als eine Galerie der Höchstschwierigkeiten, von Paganini bis Sarasate, von Pancho Vladi- guerov bis zu Nikolai Rimski-Korsakow und von Fritz Kreisler über Eugène Ysaye bis zu Heinrich Wilhelm Ernst. Allerdings vermisst der Hörer über all den technischen Finessen eine Prise Raffinesse, Aus- druck und Charakter. Fingerfertigkeit allein bereitet wenig Hörver- gnügen.
Bereits mit neun Jahren gewann sie den Violinwettbewerb San Andreu de la Barca in Barcelona. Viele weitere Siege und Platzierungen folgten. Seit 2010 studiert Elina Rubio als jüngste Studentin Sachsens an der Musikhochschule in Dresden bei Professor Igor Mali- nowsky. Mittlerweile hat sie zudem in vielen Konzerten Erfahrung erworben.
Für ihre Debüt-CD bei Genuin hat die junge Musikerin Virtuosen- literatur ausgewählt und gemeinsam mit dem Pianisten Graham Jackson eingespielt. Die Aufnahmen erweisen sich als eine Galerie der Höchstschwierigkeiten, von Paganini bis Sarasate, von Pancho Vladi- guerov bis zu Nikolai Rimski-Korsakow und von Fritz Kreisler über Eugène Ysaye bis zu Heinrich Wilhelm Ernst. Allerdings vermisst der Hörer über all den technischen Finessen eine Prise Raffinesse, Aus- druck und Charakter. Fingerfertigkeit allein bereitet wenig Hörver- gnügen.
Samstag, 9. März 2013
Wilhelm Backhaus - The Virtuoso (Profil)
Als der junge Wilhelm Backhaus 1905 gemeinsam mit Richard Strauss in Berlin dessen Burleske vorgetragen hatte, schwärmte der Komponist, dieser Pianist sei "ein Künster von glänzenden Fähig- keiten, eminent musikalisch, un- fehlbare Technik."
Als Backhaus 1969 starb, rühmte ihn die Times in ihrem Nachruf als den „größten überlebenden Ver- treter der klassischen deutschen Musiktradition, wie sie im Konservatorium seiner Geburts- stadt Leipzig gepflegt wurde.“ Glücklicherweise können wir nahezu vom Beginn seiner Karriere an heute noch nachvollziehen, wie Backhaus musiziert hat, denn der Klaviervirtuose spielte bereits 1907 seine erste Platte ein. Als er 1909 auf einer Acht-Minuten-Platte Aus- schnitte des Grieg-Konzertes vorstellte, war dies die erste Schall- platteneinspielung eines Konzertes überhaupt.
Diese beiden frühen Aufnahmen sind auf der vorliegenden CD nicht zu bewundern, aber dafür eine Auswahl nicht minder spektakulärer Ein- spielungen. So zeigt Mozarts Krönungskonzert KV 537, aufgenommen 1940 in Berlin, gleich zu Anfang, wie schnell auch in der Musik die Moden wechseln. Backhaus hat dafür Kadenzen entwickelt, die Puristen heute Schweißperlen auf die Stirn treiben dürften. Sogar ein paar Takte Beethoven vermeint man da herauszuhören - und der Pianist hat in seine Stimme ohnehin zusätzliche Noten eingefügt. Zu dieser Interpretation passt das aber. Und Mozart selbst wäre wohl vor Lachen vom Klavierhocker gefallen, wenn sich jemand die Mühe gemacht hätte, ihm zu erklären, was eine Urtextausgabe ist.
Selbstzweck freilich war das Virtuosentum für Wilhelm Backhaus nicht: „Mein Ziel ist nicht, das Publikum zu überreden, dass ich gut spiele, sondern ihm die Schönheit des Werkes, das ich interpretiere, nahezubringen.“ Bis ins Detail nachspüren kann man seiner künst- lerischen Handschrift in den Klavierrollenaufnahmen auf der ersten CD. Da wäre zum einen die Tatsache, dass das Rollenklavier präzise nachvollzieht, was ihm die Rolle vorgibt. Zum anderen aber hat Backhaus etliche Werke für diese Aufnahmen bearbeitet.
Die zweite CD bringt dann akustische und elektrische Aufnahmen aus den Jahren 1908 bis 1928 - darunter Werke von Franz Liszt, Frédéric Chopin, Franz Schubert und erneut der Naila-Walzer von Léo Délibes; er scheint zu Backhaus frühen Paradestücken zu gehören. Die Paganini-Variationen von Johannes Brahms op. 35 sind ebenfalls sowohl in der Rollen-Aufzeichnung als auch in einer Aufnahme für His Masters Voice zu hören. Das ist alles sehr beeindruckend - zumal, wenn man bedenkt, dass eine Schellackplatte nur für etwa viereinhalb Minuten Musik pro Seite ausreicht.
Als Backhaus 1969 starb, rühmte ihn die Times in ihrem Nachruf als den „größten überlebenden Ver- treter der klassischen deutschen Musiktradition, wie sie im Konservatorium seiner Geburts- stadt Leipzig gepflegt wurde.“ Glücklicherweise können wir nahezu vom Beginn seiner Karriere an heute noch nachvollziehen, wie Backhaus musiziert hat, denn der Klaviervirtuose spielte bereits 1907 seine erste Platte ein. Als er 1909 auf einer Acht-Minuten-Platte Aus- schnitte des Grieg-Konzertes vorstellte, war dies die erste Schall- platteneinspielung eines Konzertes überhaupt.
Diese beiden frühen Aufnahmen sind auf der vorliegenden CD nicht zu bewundern, aber dafür eine Auswahl nicht minder spektakulärer Ein- spielungen. So zeigt Mozarts Krönungskonzert KV 537, aufgenommen 1940 in Berlin, gleich zu Anfang, wie schnell auch in der Musik die Moden wechseln. Backhaus hat dafür Kadenzen entwickelt, die Puristen heute Schweißperlen auf die Stirn treiben dürften. Sogar ein paar Takte Beethoven vermeint man da herauszuhören - und der Pianist hat in seine Stimme ohnehin zusätzliche Noten eingefügt. Zu dieser Interpretation passt das aber. Und Mozart selbst wäre wohl vor Lachen vom Klavierhocker gefallen, wenn sich jemand die Mühe gemacht hätte, ihm zu erklären, was eine Urtextausgabe ist.
Selbstzweck freilich war das Virtuosentum für Wilhelm Backhaus nicht: „Mein Ziel ist nicht, das Publikum zu überreden, dass ich gut spiele, sondern ihm die Schönheit des Werkes, das ich interpretiere, nahezubringen.“ Bis ins Detail nachspüren kann man seiner künst- lerischen Handschrift in den Klavierrollenaufnahmen auf der ersten CD. Da wäre zum einen die Tatsache, dass das Rollenklavier präzise nachvollzieht, was ihm die Rolle vorgibt. Zum anderen aber hat Backhaus etliche Werke für diese Aufnahmen bearbeitet.
Die zweite CD bringt dann akustische und elektrische Aufnahmen aus den Jahren 1908 bis 1928 - darunter Werke von Franz Liszt, Frédéric Chopin, Franz Schubert und erneut der Naila-Walzer von Léo Délibes; er scheint zu Backhaus frühen Paradestücken zu gehören. Die Paganini-Variationen von Johannes Brahms op. 35 sind ebenfalls sowohl in der Rollen-Aufzeichnung als auch in einer Aufnahme für His Masters Voice zu hören. Das ist alles sehr beeindruckend - zumal, wenn man bedenkt, dass eine Schellackplatte nur für etwa viereinhalb Minuten Musik pro Seite ausreicht.
Donnerstag, 4. Oktober 2012
Evgenia Rubinova - Rachmaninoff (Avi-Music)
"Mir liegt am Herzen, die Mehr- deutigkeit von Rachmaninoffs Musik zu zeigen, ihre Schlichtheit, ihre Melancholie, ihr Frühlings- rauschen, ihre Distanziertheit, ihren Witz, ihre Großzügigkeit: insgesamt die vielschichtigen Charaktereigenschaften Rach- maninoffs", sagt Evgenia Rubi- nova. "Rachmaninoffs Musik ist entgegen manchen Vorurteilen meisterhaft komponiert und höchst eigenständig; die - teil- weise ganz offensichtlichen - motivischen Ähnlichkeiten zwischen Werken Rachmaninoffs und etwa denen von Chopin, Mendelssohn Bartholdy oder Tschaikowski liegen nur an der Oberfläche."
Den Beweis dieser These tritt die erfolgreiche Pianistin auf dieser CD an. Dazu wählte sie drei Werke aus, die für unterschiedliche Stationen auf dem Lebensweg von Sergej Rachmaninoff (1873 bis 1943) stehen können: Die sechs Moments musicaux op. 16 aus dem Jahre 1896, die Klaviersonate Nr. 2 b-Moll op. 36 von 1913/1931 und Bearbeitungen von Fritz Kreislers Liebesleid und Liebesfreud aus den 20er Jahren - der Komponist lebte damals im Exil in Paris.
Rubinova spielt brillant. Ihr Anschlag ist stets kontrolliert, differen- ziert, die Läufe perlen. Doch sie gestaltet keineswegs mit lockerer Hand; ihre Interpretation ist ausgefeilt und wohlüberlegt. Die Pianistin bringt insbesondere in die frühen Werke Rachmaninoffs Klangfarben, die man so noch nie gehört hat. Sie lässt diese Musik licht und durchhörbar erscheinen, klar strukturiert, zugleich sehr lyrisch, mitunter regelrecht romantisch.
Kreislers Ironie freilich wird man vergebens suchen. Rubinova in- terpretiert hier Rachmaninoff in der Tradition des Virtuosenstückes. Das mag sogar korrekt sein, aber es lässt dieses letzte Werk auf der CD nach den beiden Schwergewichten wie ein Encore erscheinen. Für meinen Geschmack ein bisschen viel romantischer Puderzucker - aber der Rest ist sehr hörenswert.
Den Beweis dieser These tritt die erfolgreiche Pianistin auf dieser CD an. Dazu wählte sie drei Werke aus, die für unterschiedliche Stationen auf dem Lebensweg von Sergej Rachmaninoff (1873 bis 1943) stehen können: Die sechs Moments musicaux op. 16 aus dem Jahre 1896, die Klaviersonate Nr. 2 b-Moll op. 36 von 1913/1931 und Bearbeitungen von Fritz Kreislers Liebesleid und Liebesfreud aus den 20er Jahren - der Komponist lebte damals im Exil in Paris.
Rubinova spielt brillant. Ihr Anschlag ist stets kontrolliert, differen- ziert, die Läufe perlen. Doch sie gestaltet keineswegs mit lockerer Hand; ihre Interpretation ist ausgefeilt und wohlüberlegt. Die Pianistin bringt insbesondere in die frühen Werke Rachmaninoffs Klangfarben, die man so noch nie gehört hat. Sie lässt diese Musik licht und durchhörbar erscheinen, klar strukturiert, zugleich sehr lyrisch, mitunter regelrecht romantisch.
Kreislers Ironie freilich wird man vergebens suchen. Rubinova in- terpretiert hier Rachmaninoff in der Tradition des Virtuosenstückes. Das mag sogar korrekt sein, aber es lässt dieses letzte Werk auf der CD nach den beiden Schwergewichten wie ein Encore erscheinen. Für meinen Geschmack ein bisschen viel romantischer Puderzucker - aber der Rest ist sehr hörenswert.
Freitag, 1. Juni 2012
The Art of Luigi Alberto Bianchi - Violin and Viola (Dynamic)
Luigi Alberto Bianchi, 1945 gebo- ren in Rimini und aufgewachsen in einer Musikerfamilie, begann schon als Kind mit dem Geigenspiel. Dennoch wurde die Bratsche sein Hauptinstrument. Als 19jähriger spielte er zu seinem Examen in Rom Bartóks berühmtes Konzert.
1970 gewann Bianchi den renom- mierten Carl-Flesch-Wettbewerb. Er wurde Erster Bratschist im Sinfonieorchester der RAI, und unterrichtete am Mailänder Kon- servatorium. 1980 wurde ihm sein Instrument gestohlen, eine Amati-Bratsche mit dem Beinamen del crocifisso aus dem Jahre 1595 mit einem sehr individuellen, unver- kennbaren Klang. Dieser Verlust traf den Musiker schwer. So ist es vielleicht auch zu erklären, dass er zur Violine wechselte.
Bianchi kaufte eine Stradivari von 1692, und konzertierte mit nam- haften Dirigenten und Orchestern. 1987 hatte Bianchi bei einer Versteigerung in London eine weitere Geige erworben, die von Antonio Stradivari 1716 angefertigt worden war, und aufgrund ihrer außergewöhnlichen Größe auch Colossus genannt wurde. Sie wurde ihm 1998 gestohlen; im Gegensatz zu Bianchis Amati, die 2006 von den Carabinieri aufgespürt wurde, blieb sie verschwunden.
Die vorliegende Box mit zehn CD enthält viele der Aufnahmen, die der Musiker bei seinem Hauslabel Dynamic eingespielt hat. Da gibt es viele interessante Werke zu entdecken, beispielsweise die Stücke von Antonio Bazzini (1818 bis 1897) für Violine und Klavier. Dieser war ebenfalls ein großer Geiger, und hatte einst als allererster Solist das
e-Moll-Konzert von Felix Mendelssohn-Bartholdy aufgeführt, vom Komponisten selbst auf dem Klavier begleitet. Bianchi stellt zudem gemeinsam mit dem Gitarristen Maurizio Preda die Sonate di Lucca von Niccolo Paganini vor, die in den 80er Jahren wieder aufgefunden worden waren. Auch die effektvolle Sonata per la Grand' Viola von Paganini hat Bianchi 1973 mit dem Rias-Orchester Berlin eingespielt - und zwar so, wie dies der Virtuose einst vorgegeben hatte, ohne seine Stimme zu vereinfachen oder eine fünfte Saite zu Hilfe zu nehmen. Darauf ist Bianchi zu recht stolz, denn das war zuvor noch bei keiner Aufnahme gelungen. Die vierte CD präsentiert die Amati darüber hinaus noch in einigen typischen Encores. Auf der fünften CD sind Werke für Geige und Bratsche solo von Max Reger zu hören - hier spielt Bianchi die beiden kostbaren Instrumente, die ihm später ent- wendet worden sind.
Die Duetti Concertanti op. 15 von Alessandro Rolla (17757 bis 1814), Paganinis Lehrer, musiziert Bianchi gemeinsam mit Salvatore Accar- do - ohne Zweifel einer der Höhepunkte der Box. CD 7 ist Zoltán Kodály und Maurice Ravel gewidmet. CD 8 bringt etliche "Hits" von Fritz Kreisler, ebenfalls wundervoll vorgetragen. CD 9 enthält Stücke von Edouard Lalo, CD 10 Werke Carl Maria von Webers.
1970 gewann Bianchi den renom- mierten Carl-Flesch-Wettbewerb. Er wurde Erster Bratschist im Sinfonieorchester der RAI, und unterrichtete am Mailänder Kon- servatorium. 1980 wurde ihm sein Instrument gestohlen, eine Amati-Bratsche mit dem Beinamen del crocifisso aus dem Jahre 1595 mit einem sehr individuellen, unver- kennbaren Klang. Dieser Verlust traf den Musiker schwer. So ist es vielleicht auch zu erklären, dass er zur Violine wechselte.
Bianchi kaufte eine Stradivari von 1692, und konzertierte mit nam- haften Dirigenten und Orchestern. 1987 hatte Bianchi bei einer Versteigerung in London eine weitere Geige erworben, die von Antonio Stradivari 1716 angefertigt worden war, und aufgrund ihrer außergewöhnlichen Größe auch Colossus genannt wurde. Sie wurde ihm 1998 gestohlen; im Gegensatz zu Bianchis Amati, die 2006 von den Carabinieri aufgespürt wurde, blieb sie verschwunden.
Die vorliegende Box mit zehn CD enthält viele der Aufnahmen, die der Musiker bei seinem Hauslabel Dynamic eingespielt hat. Da gibt es viele interessante Werke zu entdecken, beispielsweise die Stücke von Antonio Bazzini (1818 bis 1897) für Violine und Klavier. Dieser war ebenfalls ein großer Geiger, und hatte einst als allererster Solist das
e-Moll-Konzert von Felix Mendelssohn-Bartholdy aufgeführt, vom Komponisten selbst auf dem Klavier begleitet. Bianchi stellt zudem gemeinsam mit dem Gitarristen Maurizio Preda die Sonate di Lucca von Niccolo Paganini vor, die in den 80er Jahren wieder aufgefunden worden waren. Auch die effektvolle Sonata per la Grand' Viola von Paganini hat Bianchi 1973 mit dem Rias-Orchester Berlin eingespielt - und zwar so, wie dies der Virtuose einst vorgegeben hatte, ohne seine Stimme zu vereinfachen oder eine fünfte Saite zu Hilfe zu nehmen. Darauf ist Bianchi zu recht stolz, denn das war zuvor noch bei keiner Aufnahme gelungen. Die vierte CD präsentiert die Amati darüber hinaus noch in einigen typischen Encores. Auf der fünften CD sind Werke für Geige und Bratsche solo von Max Reger zu hören - hier spielt Bianchi die beiden kostbaren Instrumente, die ihm später ent- wendet worden sind.
Die Duetti Concertanti op. 15 von Alessandro Rolla (17757 bis 1814), Paganinis Lehrer, musiziert Bianchi gemeinsam mit Salvatore Accar- do - ohne Zweifel einer der Höhepunkte der Box. CD 7 ist Zoltán Kodály und Maurice Ravel gewidmet. CD 8 bringt etliche "Hits" von Fritz Kreisler, ebenfalls wundervoll vorgetragen. CD 9 enthält Stücke von Edouard Lalo, CD 10 Werke Carl Maria von Webers.
Sonntag, 27. Mai 2012
Kreisler: Liebesfreud - Liebesleid (Capriccio)
Der große Geiger Fritz Kreisler stellte einst verwundert fest, wie leicht sich Kritiker von großen Namen blenden ließen: Während sie sie Werke, die Kreisler als seine eigenen vorstellte, allenfalls "recht nett" fanden, überschlugen sie sich schier vor Begeisterung angesichts angeblich hinterlassener Stücke renommierter Komponisten, die Kreisler vortrug.
Sie wunderten sich auch nicht dar- über, dass die Quellen all der Rari- täten, die der Geiger in Archiven aufgespürt und für Violine und Klavier "bearbeitet" haben wollte, nie- mals publiziert wurden. Der Skandal war riesengroß, als der charman- te Geiger schließlich im vorgerückten Alter erklärte, dass er sich da seinerzeit einen Scherz erlaubt und die eigenen Werke Meistern des 17. und 18. Jahrhunderts zugeschrieben habe.
Die Empörung ist verflogen; die kleinen Kunstwerke aber sind bis heute beliebte Zugaben, die wohl jeder Geiger in seinem Repertoire hat. Béla Bánfalvi stellt auf dieser CD eine Auswahl dieser bezaubern- den Miniaturen vor, allerdings in Bearbeitungen für Streicher; der Violinist wird begleitet von den Budapest Strings unter Karoly Botvai. Die Musiker spielen Kreislers Werke schwungvoll und elegant - eine Aufnahme aus dem Jahre 1995, die man auch heute noch mit Freude anhört.
Sie wunderten sich auch nicht dar- über, dass die Quellen all der Rari- täten, die der Geiger in Archiven aufgespürt und für Violine und Klavier "bearbeitet" haben wollte, nie- mals publiziert wurden. Der Skandal war riesengroß, als der charman- te Geiger schließlich im vorgerückten Alter erklärte, dass er sich da seinerzeit einen Scherz erlaubt und die eigenen Werke Meistern des 17. und 18. Jahrhunderts zugeschrieben habe.
Die Empörung ist verflogen; die kleinen Kunstwerke aber sind bis heute beliebte Zugaben, die wohl jeder Geiger in seinem Repertoire hat. Béla Bánfalvi stellt auf dieser CD eine Auswahl dieser bezaubern- den Miniaturen vor, allerdings in Bearbeitungen für Streicher; der Violinist wird begleitet von den Budapest Strings unter Karoly Botvai. Die Musiker spielen Kreislers Werke schwungvoll und elegant - eine Aufnahme aus dem Jahre 1995, die man auch heute noch mit Freude anhört.
Donnerstag, 8. Dezember 2011
Kreisler: The Complete Recordings Vol. 3 (Naxos)
Fritz Kreisler (1875 bis 1962) ge- hört ohne Zweifel zu den bedeu- tendsten Violinvirtuosen seiner Generation. Er stammte aus Wien, und erhielt von seinem Vater, einem Arzt, ab dem vierten Lebensjahr den ersten Geigen- unterricht. Ab 1882 lernte er am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien; Josef Hellmesberger junior und Anton Bruckner zählten dort zu seinen Lehrern.
Drei Jahre später wechselte er an das Pariser Konservatorium, wo er unter anderem Violine bei Lam- bert Joseph Massart und Komposition bei Léo Delibes und Jules Massenet studierte, und 1887 mit dem Premier Prix ausgezeichnet wurde. 1888/89 ging er gemeinsam mit dem Pianisten Moriz Rosen- thal auf seine erste Tournee durch die USA. Wer nachrechnet, wird feststellen, dass Kreisler da 13 bzw. 14 Jahre alt war.
Der Violinvirtuose verbrachte viele Jahre seines Lebens auf Konzert- reisen. 1938 wurde Kreisler französischer Staatsbürger; 1939 ging er in die USA, und nach Europa kehrte er bis an sein Lebensende nicht zurück. In den Jahren 1904 bis 1946 spielte Kreisler mehrere hundert Schallplatten ein. Diese Aufnahmen erscheinen nunmehr bei Naxos - und auf CD 3, die Einspielungen aus den Jahren 1914 bis 1916 zusam- menfasst, ist der Geiger sogar am Klavier zu hören.
Obwohl heute kein Mensch mehr so spielt, kann man sich der Faszi- nation dieser historischen Aufnahmen nicht entziehen. Kreisler hat einen ganz eigenen Ton, warm und sehr ausdrucksstark. Man hört seine Versionen von Gott erhalte Franz den Kaiser, oder auch das Bach-Doppelkonzert, das er gemeinsam mit Efrem Zimbalist einge- spielt hat, und versteht, warum das Publikum einst so begeistert war. Dass lang nicht jeder Ton sauber klingt, dass so mancher Lagenwech- sel knapp daneben landet - all das spielt keine Rolle. Kreisler macht das mühelos durch Ausstrahlung wett. Schade, dass er 1941 nach einem Unfall das Musizieren weitgehend aufgegeben hat. Es wäre interessant gewesen, zu erleben, wie er seinen doch sehr persönlichen Stil den Veränderungen angepasst hätte, die sich am Musikmarkt nicht zuletzt durch die Weiterentwicklung der Aufzeichnungstechnik ergeben haben.
Drei Jahre später wechselte er an das Pariser Konservatorium, wo er unter anderem Violine bei Lam- bert Joseph Massart und Komposition bei Léo Delibes und Jules Massenet studierte, und 1887 mit dem Premier Prix ausgezeichnet wurde. 1888/89 ging er gemeinsam mit dem Pianisten Moriz Rosen- thal auf seine erste Tournee durch die USA. Wer nachrechnet, wird feststellen, dass Kreisler da 13 bzw. 14 Jahre alt war.
Der Violinvirtuose verbrachte viele Jahre seines Lebens auf Konzert- reisen. 1938 wurde Kreisler französischer Staatsbürger; 1939 ging er in die USA, und nach Europa kehrte er bis an sein Lebensende nicht zurück. In den Jahren 1904 bis 1946 spielte Kreisler mehrere hundert Schallplatten ein. Diese Aufnahmen erscheinen nunmehr bei Naxos - und auf CD 3, die Einspielungen aus den Jahren 1914 bis 1916 zusam- menfasst, ist der Geiger sogar am Klavier zu hören.
Obwohl heute kein Mensch mehr so spielt, kann man sich der Faszi- nation dieser historischen Aufnahmen nicht entziehen. Kreisler hat einen ganz eigenen Ton, warm und sehr ausdrucksstark. Man hört seine Versionen von Gott erhalte Franz den Kaiser, oder auch das Bach-Doppelkonzert, das er gemeinsam mit Efrem Zimbalist einge- spielt hat, und versteht, warum das Publikum einst so begeistert war. Dass lang nicht jeder Ton sauber klingt, dass so mancher Lagenwech- sel knapp daneben landet - all das spielt keine Rolle. Kreisler macht das mühelos durch Ausstrahlung wett. Schade, dass er 1941 nach einem Unfall das Musizieren weitgehend aufgegeben hat. Es wäre interessant gewesen, zu erleben, wie er seinen doch sehr persönlichen Stil den Veränderungen angepasst hätte, die sich am Musikmarkt nicht zuletzt durch die Weiterentwicklung der Aufzeichnungstechnik ergeben haben.
Donnerstag, 3. März 2011
Salon de Vienne (Gramola)
Wer eine CD mit "schöner" Violin- musik sucht, die man auch der Groß- oder der Schwiegermutter schenken kann, der sollte sich Salon de Vienne vormerken. Dass es Thomas Albertus Irnberger, Violine, und Jörg Demus, Klavier, allerdings keineswegs nur um schmissige Salonstücke geht, wird schon beim ersten Blick auf die ausgewählten Werke deutlich.
Die CD bietet neben "Klassikern" wie Schön Rosmarin, Liebesleid und Liebesfreud sowie einem Unga- rischen Tanz von Johannes Brahms und der Frasquita-Serenade von Franz Léhar in Transkriptionen von Fritz Kreisler oder dem Ischler Walzer in A-Dur von Johann Strauß Sohn durchaus auch weniger bekanntes, wie die Rumänischen Volkstänze von Béla Bartók, die Romantischen Stücke op. 75 von Antonín Dvorak oder die Romanze für Violine und Klavier op. 51 von Carl Goldmark. Zugleich bemühen sich die beiden Musiker, in ihrer Auswahl einen Blick auf das überaus facettenreiche musikalische Leben im Wien der Jahrhundertwende zu ermöglichen.
Darin sind sie sehr erfolgreich, und sie überzeugen nicht nur durch die geschickte Zusammenstellung von Werken von Brahms bis Mahler, sondern auch durch ihre Musizierkultur, die wirklich Freude macht.
Die CD bietet neben "Klassikern" wie Schön Rosmarin, Liebesleid und Liebesfreud sowie einem Unga- rischen Tanz von Johannes Brahms und der Frasquita-Serenade von Franz Léhar in Transkriptionen von Fritz Kreisler oder dem Ischler Walzer in A-Dur von Johann Strauß Sohn durchaus auch weniger bekanntes, wie die Rumänischen Volkstänze von Béla Bartók, die Romantischen Stücke op. 75 von Antonín Dvorak oder die Romanze für Violine und Klavier op. 51 von Carl Goldmark. Zugleich bemühen sich die beiden Musiker, in ihrer Auswahl einen Blick auf das überaus facettenreiche musikalische Leben im Wien der Jahrhundertwende zu ermöglichen.
Darin sind sie sehr erfolgreich, und sie überzeugen nicht nur durch die geschickte Zusammenstellung von Werken von Brahms bis Mahler, sondern auch durch ihre Musizierkultur, die wirklich Freude macht.
Samstag, 2. Oktober 2010
Paganini/Kreisler: La campanella (Naxos)
Paganini (1782 bis 1840) gilt vielfach als Inbegriff des Geigen- virtuosen. Doch der letzte jener grandiosen Solisten, die durch die Welt reisten, um vor allem auch ihre eigenen Werke zu spielen, war Fritz Kreisler. Der Sohn eines Arztes, geboren 1875 in Wien, begann schon als Vierjähriger, Geige zu spielen. Er studierte in seiner Heimatstadt am Konserva- torium bei Joseph Hellmesberger und Anton Bruckner, und danach in Paris bei Lambert Joseph Massart, Léo Delibes und Jules Massenet. Als Vierzehnjähriger star- tete er seine Solistenkarriere - und wo ihm Repertoire fehlte, erfand er sich flugs die entsprechenden Werke. Die Kritik reagierte ziemlich ungnädig, als Kreisler einräumte, einige der hoch gelobten "Klassiker" selbst komponiert zu haben.
Es ist sehr interessant, wie ein Musiker, der das Prinzip Mimikry derart perfekt beherrscht, die Werke seines großen Vorgängers liest. Philippe Quint, ausgebildet der großen russischen Geigentradition entsprechend, hat gemeinsam mit dem Pianisten Dmitrij Cogan einige Paganini-Bearbeitungen von Kreisler eingespielt. Das Programm ist attraktiv. Es beginnt mit dem berühmten "Glöckchen-Rondo" aus dem Violinkonzert Nr. 2, enthält zwei groß angelegte Variationen über Themen aus Rossini-Opern, drei der 24 Caprices, das Moto perpetuo op. 11 sowie Le streghe, op. 8, Variationen zu einem Thema aus dem Ballett Il noce di Benevento des Mozart-Schülers Süssmayr.
Es fällt auf, dass Kreisler darauf verzichtete, seine Violine umzu- stimmen. Statt die Möglichkeiten der scordatura auszunutzen, wählte er lieber die Transposition - und verließ sich ansonsten auf seine eigene Virtuosität. So brachte er seinerzeit Paganinis Musik zu einem staunenden Publikum. Quint und Cogan haben an den technisch kniffligen Bravourstücken durchaus Vergnügen. Man hat aber nicht den Eindruck, dass sie dabei irgendwo auf eine Herausforderung stoßen. Dennoch vermisse ich das Quentchen Witz, dass aus einer soliden eine überragende Einspielung macht. Schade.
Freitag, 21. Mai 2010
Great Violinists: Kreisler (Naxos)
Fritz Kreisler (geboren 1875 in Wien, gestorben 1962 in New York) gehört ohne Zweifel zum Kreise der ganz großen Violin- virtuosen. Aufgewachsen mit der Wiener Musiktradition, unter- wiesen von den besten Lehrern im Geigenspiel ebenso wie im Komponieren, schrieb und spielte Kreisler neben dem üblichen Repertoire ebenso hübsche wie nostalgische Miniaturen. Er stellte sie aber zunächst nicht als seine eigenen Kompositionen, sondern als Werke von bekannten Barockkomponisten vor. Beim Publikum und bei der Musikkritik kamen diese Charakterstücke sehr gut an. Als er dann 1935 erklärte, dass diese "Barock"werke seiner Phantasie entsprungen sind, gab dies einen veritablen Skandal.
Heute kann man darüber schmunzeln. Denn noch immer spielen Geiger gern Kreislers Stücke, die er dem Stil von Couperin, Boccherini, Dittersdorf und etlichen anderen so perfekt angepasst hat, dass man sie seinerzeit für Originale hielt. Auch seine Stücke im "Altwiener Stil", wie Liebesfreud, Liebesleid oder Schön Rosmarin, gehören durchaus zum Repertoire eines jeden Violinisten, und einige Stars, wie Nigel Kennedy, haben diese charmanten Salonstücke sogar eingespielt.
Heute kann man darüber schmunzeln. Denn noch immer spielen Geiger gern Kreislers Stücke, die er dem Stil von Couperin, Boccherini, Dittersdorf und etlichen anderen so perfekt angepasst hat, dass man sie seinerzeit für Originale hielt. Auch seine Stücke im "Altwiener Stil", wie Liebesfreud, Liebesleid oder Schön Rosmarin, gehören durchaus zum Repertoire eines jeden Violinisten, und einige Stars, wie Nigel Kennedy, haben diese charmanten Salonstücke sogar eingespielt.
Wie aber haben sie geklungen, wenn Kreisler selbst sie vorgetragen hat? Auch wenn der Violinist sich nach einem Verkehrsunfall 1941 aus dem Musikleben zurückzog, existieren erstaunlich viele Aufzeichnungen, die sein Spiel überliefern. So enthält die vorliegende CD 16 Aufnahmen, die Kreisler 1911 gemeinsam mit dem Pianisten Haddon Squire bei der Gramophone Company in London, und weitere acht Werke, die er 1912 mit George Falkenstein für die Victor Talking Machine Co. in New York eingespielt hat.
Eingebettet in nostalgisches Knistern, hört man seinen Vortrag, der sich durch einen warmen, kultivierten, farbenreichen Ton aus- zeichnet. Er zitiert durchaus hier und da - so beispielsweise bei Brahms' Ungarischem Tanz Nr. 5 - das Spiel eines Zigeunerprimas, aber er imitiert es nicht. Sein bemerkenswerter Sinn für stilistische Feinheiten, der ihm die musikalische Maskerade ermöglicht hat, verhindert auch beim Musizieren das Abgleiten in Virtuosen- mätzchen, wie Glissandi, übermäßige Rubati und was dergleichen noch seinerzeit üblich war. Aus diesem Grunde ist diese CD nicht nur als historisches Dokument interessant, sondern auch wirklich hörenswert.
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